Rudolf Steiner :
"THEOSOPHIE"
Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung
- Vorrede 1910
- Vorrede 1914
- Vorrede 1918
Einleitung
Das Wesen des Menschen
- I. die leibliche Wesenheit des Menschen
- II. die seelische Wesenheit des Menschen
- III: die geistige Wesenheit des Menschen
- IV. Leib, Seele und Geist
Wiederverkörperung des Geistes und Schicksal (Reinkarnation und Karma)
Die drei Welten
- I. Die Seelenwelt
- II. Die Seele in der Seelenwelt nach dem Tode
- III. Das Geisterland
- IV. Der Geist im Geisterland nach dem Tode
- V. die physikalische Welt und ihre Verbindung mit Seelen- und
Geisterland
- VI. Von den Gedankenformen und der menschlichen Aura
Der Pfad der Erkenntnis
- Einzelne Bemerkungen und Er gänzungen
VORREDE ZUR DRITTEN AUFLAGE
Was anläßlich der Veröffentlichung der zweiten Auflage dieses Buches gesagt
worden ist, darf auch dieser dritten gegenüber ausgesprochen werden. Es sind auch
diesmal «Ergänzungen und Erweiterungen» an einzelnen Stellen eingeschaltet
worden, welche zu der genaueren Prägung des Dargestellten mir wichtig scheinen;
zu wesentlichen Änderungen dessen, was schon in der ersten und zweiten Auflage
enthalten war, schien mir nirgends eine Nötigung vorzuliegen. Und auch dasjenige,
was über die Aufgabe der Schrift schon bei ihrem ersten Erscheinen gesagt worden
und in der Vorrede zur zweiten Auflage hinzugefügt worden ist, bedarf gegenwärtig
einer Änderung nicht. Deshalb soll hier die Vorrede der ersten Auflage und dann
auch dasjenige wiedergegeben werden, was in der Vorrede zur zweiten Auflage
hinzugefügt worden ist:
In diesem Buche soll eine Schilderung einiger Teile der übersinnlichen Welt
gegeben werden. Wer nur die sinnliche gelten lassen will, wird diese Schilderung für
ein wesenloses Phantasiegebilde halten. Wer aber die Wege suchen will, die aus
der Sinnenwelt hinausführen, der wird alsbald verstehen lernen, daß menschliches
Leben nur Wert und Bedeutung durch den Einblick in eine andere Welt gewinnt. Der
Mensch wird nicht –wie viele fürchten – durch solchen Einblick dem «wirklichen»
Leben entfremdet. Denn er lernt durch ihn erst sicher und fest in diesem Leben
stehen. Er lernt die Ursachen des Lebens erkennen, während er ohne denselben
wie ein Blinder sich durch die Wirkungen hindurchtastet. Durch die Erkenntnis des
Übersinnlichen gewinnt das sinnliche «Wirkliche» erst Bedeutung. Deshalb wird man
durch diese Erkenntnis tauglicher und nicht untauglicher für das Leben. Ein wahrhaft
«praktischer» Mensch kann nur werden, wer das Leben versteht.
Der Verfasser dieses Buches schildert nichts, wovon er nicht Zeugnis ablegen kann
durch Erfahrung, durch eine solche Art von Erfahrung, die man in diesen Gebieten
machen kann. Nur in diesem Sinne Selbsterlebtes soll dargestellt werden. Wie man
Bücher in unserem Zeitalter zu lesen pflegt, kann dieses nicht gelesen werden. In
einer gewissen Beziehung wird von dem Leser jede Seite, ja mancher Satz
erarbeitet werden müssen. Das ist mit Bewußtsein angestrebt worden. Denn nur so
kann das Buch dem Leser werden, was es ihm werden soll. Wer es bloß durchliest,
der wird es gar nicht gelesen haben. Seine Wahrheiten müssen erlebt werden.
Geisteswissenschaft hat nur in diesem Sinne einen Wert.
Vom Standpunkt der landläufigen Wissenschaft kann das Buch nicht beurteilt
werden, wenn nicht der Gesichtspunkt zu solcher Beurteilung aus dem Buche selbst
gewonnen wird. Wenn der Kritiker diesen Gesichtspunkt einnehmen wird, dann wird
er freilich sehen, daß durch diese Ausführungen wahrer Wissenschaftlichkeit in
nichts widersprochen werden soll. Der Verfasser weiß, daß er durch kein Wort mit
seiner wissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit hat in Widerspruch kommen wollen.
Wer noch auf einem anderen Wege die hier dargestellten Wahrheiten suchen will,
der findet einen solchen in meiner «Philosophie der Freiheit». In verschiedener Art
streben diese beiden Bücher nach dem gleichen Ziele. Zum Verständnis des einen
ist das andere durchaus nicht notwendig, wenn auch für manchen gewiß förderlich.
Wer in diesem Buche nach den «allerletzten» Wahrheiten sucht, wird es vielleicht
unbefriedigt aus der Hand legen. Es sollten eben aus dem Gesamtgebiete der
Geisteswissenschaft zunächst die Grundwahrheiten gegeben werden.
Es liegt ja gewiß in der Natur des Menschen, gleich nach Anfang und Ende der Welt,
nach dem Zwecke des Daseins und nach der Wesenheit Gottes zu fragen. Wer aber
nicht Worte und Begriffe für den Verstand, sondern wirkliche Erkenntnisse für das
Leben im Sinne hat, der weiß, daß er in einer Schrift, die vom Anfange der Geist-
Erkenntnis handelt, nicht Dinge sagen darf, die den höheren Stufen der Weisheit
angehören. Es wird ja durch das Verständnis dieses Anfanges erst klar, wie höhere
Fragen gestellt werden sollen. In einer anderen, sich an diese anschließenden
Schrift, nämlich in des Verfassers «Geheimwissenschaft», findet man weitere
Mitteilungen über das hier behandelte Gebiet.
In der Vorrede zur zweiten Auflage wurde ergänzend hinzugefügt: Wer gegenwärtig
eine Darstellung übersinnlicher Tatsachen gibt, der sollte sich über zweierlei klar
sein. Das erste ist, daß unsere Zeit die Pflege übersinnlicher Erkenntnisse braucht;
das andere aber, daß heute im Geistesleben eine Fülle von Vorstellungen und
Empfindungen vorhanden ist, die eine solche Darstellung für viele geradezu als
wüste Phantasterei und Träumerei erscheinen lassen. Es braucht die Gegenwart
übersinnliche Erkenntnisse, weil alles dasjenige, was auf die gebräuchliche Art der
Mensch über Welt und Leben erfährt, eine Unzahl von Fragen in ihm anregt, die nur
durch die übersinnlichen Wahrheiten beantwortet werden können. Denn darüber
sollte man sich nicht täuschen: was man über die Grundlagen des Daseins innerhalb
der heutigen Geistesströmung mitgeteilt erhalten kann, sind für die tiefer
empfindende Seele nicht Antworten, sondern Fragen in bezug auf die großen Rätsel
von Welt und Leben. Eine Zeitlang mag sich mancher der Meinung hingeben, daß er
in den «Ergebnissen streng wissenschaftlicher Tatsachen» und in den Folgerungen
manches gegenwärtigen Denkers eine Lösung der Daseinsrätsel gegeben habe.
Geht die Seele aber bis in jene Tiefen, in die sie gehen muß, wenn sie sich wirklich
selbst versteht, so erscheint ihr das, was ihr anfänglich wie Lösung vorgekommen
ist, erst als Anregung zu der wahren Frage. Und eine Antwort auf diese Frage soll
nicht bloß einer menschlichen Neugierde entgegenkommen, sondern von ihr hängt
ab die innere Ruhe und Geschlossenheit des Seelenlebens. Das Erringen einer
solchen Antwort befriedigt nicht bloß den Wissensdrang, sondern sie macht den
Menschen arbeitstüchtig und gewachsen den Aufgaben des Lebens, während ihn
der Mangel einer Lösung der entsprechenden Fragen seelisch und zuletzt auch
physisch lähmt. Erkenntnis des Übersinnlichen ist eben nicht bloß etwas für das
theoretische Bedürfnis, sondern für eine wahre Lebenspraxis. Gerade wegen der Art
des gegenwärtigen Geisteslebens ist daher Geist-Erkenntnis ein unentbehrliches
Erkenntnisgebiet für unsere Zeit.
Auf der anderen Seite liegt die Tatsache vor, daß viele heute dasjenige am stärksten
zurückweisen, was sie am notwendigsten brauchen. Die zwingende Macht vieler
Meinungen, welche man sich auf der Grundlage «sicherer wissenschaftlicher
Erfahrungen» aufgebaut hat, ist für manche so groß, daß sie gar nicht anders
können, als die Darstellung eines Buches, wie dieses eines ist, für bodenlosen
Unsinn zu halten. Der Darsteller übersinnlicher Erkenntnisse kann solchen Dingen
durchaus ohne alle Illusion gegenüberstehen. – Man wird ja allerdings leicht
versucht sein, von einem solchen Darsteller zu verlangen, er solle «einwandfreie»
Beweise für das geben, was er vorbringt. Man bedenkt dabei nur nicht, daß man
damit sich einer Täuschung hingibt. Denn man verlangt – allerdings ohne daß man
sich dessen bewußt ist – nicht die in der Sache liegenden Beweise, sondern
diejenigen, welche man selbst anerkennen will oder anzuerkennen in der Lage ist.
Der Verfasser dieser Schrift weiß, daß in ihr nichts steht, was nicht jeder
anerkennen kann, der auf dem Boden der Naturerkenntnis der Gegenwart steht. Er
weiß, daß man allen Anforderungen der Naturwissenschaft gerecht werden kann
und gerade deswegen die Art der hier von der übersinnlichen Welt gegebenen
Darstellung in sich gegründet finden kann. Ja, gerade echte naturwissenschaftliche
Vorstellungsart sollte sich heimisch in dieser Darstellung fühlen. Und wer so denkt,
der wird sich von mancher Diskussion in einer Art berührt fühlen, welche durch das
tiefwahre Goethesche Wort gekennzeichnet ist: «Eine falsche Lehre läßt sich nicht
widerlegen, denn sie ruht ja auf der Überzeugung, daß das Falsche wahr sei.»
Diskussionen sind fruchtlos demjenigen gegenüber, der nur Beweise gelten lassen
will, die in seiner Denkungsweise liegen. Wer mit dem Wesen des «Beweisens»
bekannt ist, der ist sich klar darüber, daß die Menschenseele auf anderen Wegen
als durch Diskussion das Wahre findet. –Aus solcher Gesinnung heraus sei dieses
Buch auch in zweiter Auflage der Öffentlichkeit übergeben.
VORREDE ZUR SECHSTEN AUFLAGE
Fast jedesmal, wenn eine neue Auflage dieses Buches nötig wurde, habe ich seine
Ausführungen wieder aufmerksam durchgearbeitet. Auch dieses Mal habe ich mich
der Aufgabe unterzogen. Über die erneute Durcharbeitung hätte ich Ähnliches zu
sagen wie über diejenige für die dritte Auflage. Ich lasse daher dem Inhalt des
Buches die «Vorrede zur dritten Auflage» vorangehen. – Doch habe ich diesmal
eine besondere Sorgfalt darauf verwendet, viele Einzelheiten der Darstellung zu
einer noch größeren Klarheit zu bringen, als ich dies für die vorigen Auflagen zu tun
vermochte. Ich weiß, daß vieles, sehr vieles in dieser Richtung noch geschehen
müßte. Allein bei Darstellungen der geistigen Welt ist man für das Auffinden des
prägnanten Wortes, der entsprechenden Wendung, die eine Tatsache, ein Erlebnis
zum Ausdruck bringen sollen, von den Wegen abhängig, welche die Seele geht. Auf
diesen Wegen ergibt sich, wenn «die rechte Stunde da ist», der Ausdruck, nach dem
man vergeblich sucht, wenn man ihn mit Absicht herbeiführen will. Ich glaube, daß
ich an manchen Stellen dieser Neuauflage eben in Beziehung auf wichtige
Einzelheiten im Erkennen der geistigen Welt habe Wichtiges tun dürfen. Manches
erscheint mir erst jetzt so dargestellt, wie es sein soll. Ich darf es aussprechen, daß
dieses Buch etwas mitgemacht hat von dem, was meine Seele seit dessen erstem
Erscheinen vor zehn Jahren, nach weiterer Erkenntnis der geistigen Welt ringend,
durchlebt hat. Mag auch die Anlage, ja für alles Wesentliche selbst die Fassung
dieser Auflage mit der ersten noch völlig übereinstimmen; an vielen Stellen des
Buches wird man doch sehen können, daß es mir als ein Lebendiges
gegenübergestanden hat, dem ich gegeben habe von dem, was ich glaube mir in
zehn Jahren der Geistesforschung errungen zu haben. Sollte das Buch eine
Neuauflage des alten sein und nicht ein völlig neues werden, so konnte sich die
Umgestaltung naturgemäß nur in bescheidenen Grenzen halten. Ich war namentlich
auch bestrebt, durch einzelne «Erweiterungen und Ergänzungen» dafür zu sorgen,
daß diese oder jene Frage, weiche sich der Leser an mancher Stelle aufwerfen
kann, ihre Antwort in dem Buche selbst finde.
In bewegter Zeit und mit bewegter Seele schreibe ich diese Sätze, welche der
sechsten Auflage des Buches vorgedruckt werden sollen. Deren Druck war bis Seite
189 [Seite 151 der vorliegenden 10. Auflage] vollendet, als das schicksaltragende
Ereignis über Europa hereinbrach, das jetzt die Menschheit erlebt. Mir scheint es
unmöglich, da ich diese Vorrede schreibe, nicht hier anzudeuten, was auf die Seele
in solcher Zeit einstürmt.
Rudolf Steiner Berlin, 7. September 1914
VORREDE ZUR NEUNTEN AUFLAGE
Wie vor dem Erscheinen früherer Neuauflagen dieses Buches habe ich auch
diesmal seine Ausführungen wieder durchgearbeitet. Und diese Durcharbeitung hat
für die vorliegende Neu-Ausgabe zu einer ziemlich großen Zahl von Erweiterungen
und Ergänzungen des Inhaltes geführt. Man wird besonders das Kapitel
«Wiederverkörperung des Geistes und Schicksal» fast ganz umgearbeitet finden. An
allem, was als geisteswissenschaftliche Ergebnisse in vorigen Auflagen geltend
gemacht worden ist, habe ich nichts zu ändern nötig befunden. Daher ist nichts
Wesentliches weggelassen, was früher in dem Buche gestanden hat. Dagegen ist
vieles hinzugefügt. – Auf dem geisteswissenschaftlichen Gebiete fühlt man
gegenüber einer Darstellung, die man gegeben hat, stets das Bedürfnis, das einmal
Gesagte durch gewisse Lichter, die man von verschiedenen Seiten her auf dasselbe
werfen möchte, zu einer größeren Klarheit zu bringen. Wie man da sich genötigt
sieht, für die Prägung des Wortes, für die Ausgestaltung des Ausdruckes zu
verwerten, was die fortlaufende Seelenerfahrung gewährt, darüber habe ich mich
schon in der Vorrede zur sechsten Auflage ausgesprochen. Ich bin dieser Nötigung
besonders bei dieser Neu-Ausgabe gefolgt. Deshalb darf gerade sie als «vielfach
erweiterte und ergänzte» bezeichnet werden.
Berlin, Juli 1918 Rudolf Steiner
EINLEITUNG
Als Johann Gottlieb Fichte im Herbst 1813 seine «Lehre» als reife Frucht eines ganz
dem Dienste der Wahrheit gewidmeten Lebens vortrug, da sprach er gleich im
Anfange folgendes aus: «Diese Lehre setzt voraus ein ganz neues inneres
Sinneswerkzeug, durch welches eine neue Welt gegeben wird, die für den
gewöhnlichen Menschen gar nicht vorhanden ist.» Und dann zeigte er an einem
Vergleich, wie unfaßlich diese seine Lehre demjenigen sein muß, der sie mit den
Vorstellungen der gewöhnlichen Sinne beurteilen will: «Denke man eine Welt von
Blindgeborenen, denen darum allein die Dinge und ihre Verhältnisse bekannt sind,
die durch den Sinn der Betastung existieren. Tretet unter diese und redet ihnen von
Farben und den anderen Verhältnissen, die nur durch das Licht und für das Sehen
vorhanden sind. Entweder ihr redet ihnen von Nichts, und dies ist das Glücklichere,
wenn sie es sagen, denn auf diese Weise werdet ihr bald den Fehler merken und,
falls ihr ihnen nicht die Augen zu öffnen vermögt, das vergebliche Reden einstellen.»
– Nun befindet sich allerdings derjenige, der von solchen Dingen zu Menschen
spricht, auf welche Fichte in diesem Falle deutet, nur zu oft in einer Lage, welche
der des Sehenden zwischen Blindgeborenen ähnlich ist. Aber diese Dinge sind doch
diejenigen, die sich auf des Menschen wahres Wesen und höchstes Ziel beziehen.
Und es müßte somit derjenige an der Menschheit verzweifeln, der glauben wollte,
daß es nötig sei, «das vergebliche Reden einzustellen». Keinen Augenblick darf
vielmehr daran gezweifelt werden, daß es in bezug auf diese Dinge möglich sei,
jedem «die Augen zu öffnen», der den guten Willen dazu mitbringt. – Aus dieser
Voraussetzung heraus haben daher alle diejenigen gesprochen und geschrieben,
die in sich fühlten, daß ihnen selbst das «innere Sinneswerkzeug» erwachsen sei,
durch das sie das den äußeren Sinnen verborgene wahre Wesen des Menschen zu
erkennen vermochten. Seit den ältesten Zeiten wird daher immer wieder und wieder
von solcher «verborgenen Weisheit» gesprochen. – Wer etwas von ihr ergriffen hat,
fühlt den Besitz ebenso sicher, wie die, welche wohlgebildete Augen haben, den
Besitz der Farbenvorstellungen fühlen. Für ihn bedarf daher diese «verborgene
Weisheit» keines «Beweises». Und er weiß auch, daß sie für denjenigen keines
Beweises bedürfen kann, dem sich gleich ihm der «höhere Sinn» erschlossen hat.
Zu einem solchen kann er sprechen, wie ein Reisender über Amerika zu sprechen
vermag zu denen, die zwar nicht selbst Amerika gesehen haben, die sich aber
davon eine Vorstellung machen können, weil sie alles sehen würden, was er
gesehen hat, wenn sich ihnen dazu die Gelegenheit böte.
Aber nicht nur zu Erforschern der geistigen Welt soll der Beobachter des
Übersinnlichen sprechen. Er muß seine Worte an alle Menschen richten. Denn er
hat über Dinge zu berichten, die alle Menschen angehen; ja, er weiß, daß niemand
ohne eine Kenntnis dieser Dinge im wahren Sinne des Wortes «Mensch» sein kann.
Und er spricht zu allen Menschen, weil ihm bekannt ist, daß es verschiedene Grade
des Verständnisses für das gibt, was er zu sagen hat. Er weiß, daß auch solche, die
noch weit entfernt von dem Augenblicke sind, in dem ihnen die eigene geistige
Forschung erschlossen wird, ihm Verständnis entgegenbringen können. Denn das
Gefühl und das Verständnis für die Wahrheit liegen in jedem Menschen. Und an
dieses Verständnis, das in jeder gesunden Seele aufleuchten kann, wendet er sich
zunächst. Er weiß auch, daß in diesem Verständnis eine Kraft ist, die allmählich zu
den höheren Graden der Erkenntnis führen muß. Dieses Gefühl, das vielleicht
anfangs gar nichts sieht von dem, wovon zu ihm gesprochen wird, es ist selbst der
Zauberer, der das «Auge des Geistes» aufschließt. In der Dunkelheit regt sich
dieses Gefühl. Die Seele sieht nicht; aber durch dieses Gefühl wird sie erfaßt von
der Macht der Wahrheit; und dann wird die Wahrheit nach und nach herankommen
an die Seele und ihr den «höheren Sinn» öffnen. Für den einen mag es kürzer, für
den andern länger dauern; wer Geduld und Ausdauer hat, der erreicht dieses Ziel. –
Denn wenn auch nicht jeder physisch Blindgeborene operiert werden kann: jedes
geistige Auge kann geöffnet werden; und es ist nur eine Frage der Zeit, wann es
geöffnet wird.
Gelehrsamkeit und wissenschaftliche Bildung sind keine Vorbedingungen zur
Eröffnung dieses «höheren Sinnes». Dem naiven Menschen kann er sich ebenso
erschließen wie dem wissenschaftlich Hochstehenden. Was in gegenwärtiger Zeit
oft die «alleinige» Wissenschaft genannt wird, kann für dieses Ziel oft sogar eher
hinderlich als fördernd sein. Denn diese Wissenschaft läßt naturgemäß nur
dasjenige als «wirklich» gelten, was den gewöhnlichen Sinnen zugänglich ist. Und
so groß auch ihre Verdienste um die Erkenntnis dieser Wirklichkeit sind: sie schafft,
wenn sie, was für ihre Wissenschaft notwendig und segenbringend ist, für alles
menschliche Wissen als maßgebend erklärt, zugleich eine Fülle von Vorurteilen, die
den Zugang zu höheren Wirklichkeiten verschließen.
Gegen dasjenige, was hier gesagt ist, wird oft eingewendet: dem Menschen seien
einmal «unübersteigliche Grenzen» seiner Erkenntnis gesetzt. Man könne diese
Grenzen nicht überschreiten; deshalb müssen alle Erkenntnisse abgelehnt werden,
welche solche «Grenzen» nicht beachten. Und man sieht wohl auch den als recht
unbescheiden an, der etwas über Dinge behaupten will, von denen es vielen für
ausgemacht gilt, daß sie jenseits der Grenzen menschlicher Erkenntnisfähigkeit
liegen. Man läßt bei einem solchen Einwande völlig unberücksichtigt, daß der
höheren Erkenntnis eben eine Entwickelung der menschlichen Erkenntniskräfte
voranzugehen hat. Was vor einer solchen Entwickelung jenseits der Grenzen des
Erkennens liegt, das liegt nach der Erweckung von Fähigkeiten, die in jedem
Menschen schlummern, durchaus innerhalb des Erkenntnisgebietes. – Eines darf
dabei allerdings nicht außer acht gelassen werden. Man könnte sagen: wozu nützt
es, über Dinge zu Menschen zu sprechen, für welche ihre Erkenntniskräfte nicht
erweckt sind, die ihnen also selbst doch verschlossen sind? So ist aber die Sache
doch falsch beurteilt. Man braucht gewisse Fähigkeiten, um die Dinge, um die es
sich handelt, aufzufinden: werden sie aber, nachdem sie aufgefunden sind,
mitgeteilt, dann kann jeder Mensch sie verstehen, der unbefangene Logik und
gesundes Wahrheitsgefühl anwenden will. In diesem Buche werden keine anderen
Dinge mitgeteilt als solche, die auf jeden, der allseitiges, durch kein Vorurteil
getrübtes Denken und rückhaltloses, freies Wahrheitsgefühl in sich wirken läßt, den
Eindruck machen können, daß durch sie an die Rätsel des Menschenlebens und der
Welterscheinungen auf eine befriedigende Art herangetreten werden kann. Man
stelle sich nur einmal auf den Standpunkt der Frage: Gibt es eine befriedigende
Erklärung des Lebens, wenn die Dinge wahr sind, die da behauptet werden? Und
man wird finden, daß das Leben eines jeden Menschen die Bestätigung liefert.
Um «Lehrer» auf diesen höheren Gebieten des Daseins zu sein, genügt es
allerdings nicht, daß sich dem Menschen einfach der Sinn für sie erschlossen hat.
Dazu gehört ebenso «Wissenschaft» auf ihnen, wie zum Lehrerberuf auf dem
Gebiete der gewöhnlichen Wirklichkeit Wissenschaft gehört. «Höheres Schauen»
macht ebensowenig schon zum «Wissenden» im Geistigen, wie gesunde Sinne zum
«Gelehrten» in der sinnlichen Wirklichkeit machen. Und da in Wahrheit alle
Wirklichkeit, die niedere und die höhere geistige, nur zwei Seiten einer und
derselben Grundwesenheit sind, so wird derjenige, der unwissend in den niederen
Erkenntnissen ist, es wohl auch zumeist in höheren Dingen bleiben. Diese Tatsache
erzeugt in dem, der sich – durch geistige Berufung – zum Aussprechen über die
geistigen Gebiete des Daseins veranlaßt fühlt, das Gefühl einer ins Unermeßliche
gehenden Verantwortung. Sie legt ihm Bescheidenheit und Zurückhaltung auf.
Niemanden aber soll sie abhalten, sich mit den höheren Wahrheiten zu
beschäftigen. Auch den nicht, dem sein übriges Leben keine Veranlassung gibt, sich
mit den gewöhnlichen Wissenschaften zu befassen. Denn man kann wohl seine
Aufgabe als Mensch erfüllen, ohne von Botanik, Zoologie, Mathematik und anderen
Wissenschaften etwas zu verstehen; man kann aber nicht in vollem Sinne des
Wortes «Mensch» sein, ohne der durch das Wissen vom Übersinnlichen enthüllten
Wesenheit und Bestimmung des Menschen in irgendeiner Art nahegetreten zu sein.
Das Höchste, zu dem der Mensch aufzublicken vermag, bezeichnet er als das
«Göttliche». Und er muß seine höchste Bestimmung in irgendeiner Art mit diesem
Göttlichen in Zusammenhang denken. Deshalb mag wohl auch die über das
Sinnliche hinausgehende Weisheit, welche ihm sein Wesen und damit seine
Bestimmung offenbart, «göttliche Weisheit» oder Theosophie genannt werden. Der
Betrachtung der geistigen Vorgänge im Menschenleben und im Weltall kann man
die Bezeichnung Geisteswissenschaft geben. Hebt man aus dieser, wie in diesem
Buche geschehen ist, im besonderen diejenigen Ergebnisse heraus, welche auf den
geistigen Wesenskern des Menschen sich beziehen, so kann für dieses Gebiet der
Ausdruck «Theosophie» gebraucht werden, weil er durch Jahrhunderte hindurch in
einer solchen Richtung angewendet worden ist.
Aus der hiermit angedeuteten Gesinnung heraus wird in dieser Schrift eine Skizze
theosophischer Weltanschauung entworfen. Der sie niedergeschrieben hat, will
nichts darstellen, was für ihn nicht in einem ähnlichen Sinne Tatsache ist, wie ein
Erlebnis der äußeren Welt Tatsache für Augen und Ohren und den gewöhnlichen
Verstand ist. – Man hat es ja mit Erlebnissen zu tun, die jedem zugänglich werden,
wenn er den in einem besonderen Abschnitt dieser Schrift vorgezeichneten
«Erkenntnispfad» zu betreten entschlossen ist. Man stellt sich in der richtigen Art zu
den Dingen der übersinnlichen Welt, wenn man voraussetzt, daß gesundes Denken
und Empfinden alles zu verstehen vermag, was an wahren Erkenntnissen aus den
höheren Welten fließen kann, und daß man, wenn man von diesem Verständnisse
ausgeht und den festen Grund damit legt, auch einen gewichtigen Schritt zum
eigenen Schauen gemacht hat; wenn auch, um dieses zu erlangen, anderes
hinzukommen muß. Man verriegelt sich aber die Türe zu der wahren höheren
Erkenntnis, wenn man diesen Weg verschmäht und nur auf andere Art in die
höheren Welten dringen will. Der Grundsatz: erst höhere Welten anzuerkennen,
wenn man sie geschaut hat, ist ein Hindernis für dieses Schauen selbst. Der Wille,
durch gesundes Denken erst zu verstehen, was später geschaut werden kann,
fördert dieses Schauen. Es zaubert wichtige Kräfte der Seele hervor, welche zu
diesem «Schauen des Sehers» führen.
DAS WESEN DES MENSCHEN
Die folgenden Worte Goethes bezeichnen in schöner Art den Ausgangspunkt eines
der Wege, auf denen das Wesen des Menschen erkannt werden kann: «Sobald der
Mensch die Gegenstände um sich her gewahr wird, betrachtet er sie in bezug auf
sich selbst; und mit Recht, denn es hängt sein ganzes Schicksal davon ab, ob sie
ihm gefallen oder mißfallen, ob sie ihn anziehen oder abstoßen, ob sie ihm nützen
oder schaden. Diese ganz natürliche Art, die Dinge anzusehen und zu beurteilen,
scheint so leicht zu sein, als sie notwendig ist, und doch ist der Mensch dabei
tausend Irrtümern ausgesetzt, die ihn oft beschämen und ihm das Leben verbittern.
– Ein weit schwereres Tagewerk übernehmen diejenigen, deren lebhafter Trieb nach
Kenntnis die Gegenstände der Natur an sich selbst und in ihren Verhältnissen
untereinander zu beobachten strebt: denn sie vermissen bald den Maßstab, der
ihnen zu Hilfe kam, wenn sie als Menschen die Dinge in bezug auf sich betrachten.
Es fehlt ihnen der Maßstab des Gefallens und Mißfallens, des Anziehens und
Abstoßens, des Nutzens und Schadens. Diesem sollen sie ganz entsagen, sie
sollen als gleichgültige und gleichsam göttliche Wesen suchen und untersuchen,
was ist, und nicht, was behagt. So soll den echten Botaniker weder die Schönheit
noch die Nutzbarkeit der Pflanzen rühren, er soll ihre Bildung, ihr Verhältnis zu dem
übrigen Pflanzenreiche untersuchen; und wie sie alle von der Sonne hervorgelockt
und beschienen werden, so soll er mit einem gleichen ruhigen Blicke sie alle
ansehen und übersehen und den Maßstab zu dieser Erkenntnis, die Data der
Beurteilung nicht aus sich, sondern aus dem Kreise der Dinge nehmen, die er
beobachtet.»
Auf dreierlei lenkt dieser von Goethe ausgesprochene Gedanke die Aufmerksamkeit
des Menschen. Das erste sind die Gegenstände, von denen ihm durch die Tore
seiner Sinne fortwährend Kunde zufließt, die er tastet, riecht, schmeckt, hört und
sieht. Das zweite sind die Eindrücke, die sie auf ihn machen und die sich als sein
Gefallen und Mißfallen, sein Begehren oder Verabscheuen dadurch kennzeichnen,
daß er das eine sympathisch, das andere antipathisch, das eine nützlich, das
andere schädlich findet. Und das dritte sind die Erkenntnisse, die er sich als
«gleichsam göttliches Wesen» über die Gegenstände erwirbt; es sind die
Geheimnisse des Wirkens und Daseins dieser Gegenstände, die sich ihm enthüllen.
Deutlich scheiden sich diese drei Gebiete im menschlichen Leben. Und der Mensch
wird daher gewahr, daß er in einer dreifachen Art mit der Welt verwoben ist. – Die
erste Art ist etwas, was er vorfindet, was er als eine gegebene Tatsache hinnimmt.
Durch die zweite Art macht er die Welt zu seiner eigenen Angelegenheit, zu etwas,
das eine Bedeutung für ihn hat. Die dritte Art betrachtet er als ein Ziel, zu dem er
unaufhörlich hinstreben soll.
Warum erscheint dem Menschen die Welt in dieser dreifachen Art? Eine einfache
Betrachtung kann das lehren: Ich gehe über eine mit Blumen bewachsene Wiese.
Die Blumen künden mir ihre Farben durch mein Auge. Das ist die Tatsache, die ich
als gegeben hinnehme. – Ich freue mich über die Farbenpracht. Dadurch mache ich
die Tatsache zu meiner eigenen Angelegenheit. Ich verbinde durch meine Gefühle
die Blumen mit meinem eigenen Dasein. Nach einem Jahre gehe ich wieder über
dieselbe Wiese. Andere Blumen sind da. Neue Freude erwächst mir aus ihnen.
Meine Freude vom Vorjahre wird als Erinnerung auftauchen. Sie ist in mir; der
Gegenstand, der sie angefacht hat, ist vergangen. Aber die Blumen, die ich jetzt
sehe, sind von derselben Art wie die vorjährigen; sie sind nach denselben Gesetzen
gewachsen wie jene. Habe ich mich über diese Art, über diese Gesetze aufgeklärt,
so finde ich sie in den diesjährigen Blumen so wieder, wie ich sie in den vorjährigen
erkannt habe. Und ich werde vielleicht also nachsinnen: Die Blumen des Vorjahres
sind vergangen; meine Freude an ihnen ist nur in meiner Erinnerung geblieben. Sie
ist nur mit meinem Dasein verknüpft. Das aber, was ich im vorigen Jahre an den
Blumen erkannt habe und dies Jahr wieder erkenne, das wird bleiben, solange
solche Blumen wachsen. Das ist etwas, was sich mir geoffenbart hat, was aber von
meinem Dasein nicht in gleicher Art abhängig ist wie meine Freude. Meine Gefühle
der Freude bleiben in mir; die Gesetze, das Wesen der Blumen bleiben außerhalb
meiner in der Welt.
So verbindet sich der Mensch immerwährend in dieser dreifachen Art mit den
Dingen der Welt. Man lege zunächst nichts in diese Tatsache hinein, sondern fasse
sie auf, wie sie sich darbietet. Es ergibt sich aus ihr, daß der Mensch drei Seiten in
seinem Wesen hat. Dies und nichts anderes soll hier vorläufig mit den drei Worten
Leib, Seele und Geist angedeutet werden. Wer irgendwelche vorgefaßten
Meinungen oder gar Hypothesen mit diesen drei Worten verbindet, wird die
folgenden Auseinandersetzungen notwendig mißverstehen müssen. Mit Leib ist hier
dasjenige gemeint, wodurch sich dem Menschen die Dinge seiner Umwelt
offenbaren, wie in obigem Beispiele die Blumen der Wiese. Mit dem Worte Seele
soll auf das gedeutet werden, wodurch er die Dinge mit seinem eigenen Dasein
verbindet, wodurch er Gefallen und Mißfallen, Lust und Unlust, Freude und Schmerz
an ihnen empfindet. Als Geist ist das gemeint, was in ihm offenbar wird, wenn er,
nach Goethes Ausdruck, die Dinge als «gleichsam göttliches Wesen» ansieht. – In
diesem Sinne besteht der Mensch aus Leib, Seele und Geist.
Durch seinen Leib vermag sich der Mensch für den Augenblick mit den Dingen in
Verbindung zu setzen. Durch seine Seele bewahrt er in sich die Eindrücke, die sie
auf ihn machen; und durch seinen Geist offenbart sich ihm das, was sich die Dinge
selbst bewahren. Nur wenn man den Menschen nach diesen drei Seiten betrachtet,
kann man hoffen, Aufschluß über seine Wesenheit zu erhalten. Denn diese drei
Seiten zeigen ihn in dreifach verschiedener Art mit der übrigen Welt verwandt.
Durch seinen Leib ist er mit den Dingen verwandt, die sich seinen Sinnen von außen
darbieten. Die Stoffe der Außenwelt setzen diesen seinen Leib zusammen; die
Kräfte der Außenwelt wirken auch in ihm. Und wie er die Dinge der Außenwelt mit
seinen Sinnen betrachtet, so kann er auch sein eigenes leibliches Dasein
beobachten. Aber unmöglich ist es, in derselben Art das seelische Dasein zu
betrachten. Alles, was an mir leibliche Vorgänge sind, kann auch mit den leiblichen
Sinnen wahrgenommen werden. Mein Gefallen und Mißfallen, meine Freude und
meinen Schmerz kann weder ich noch ein anderer mit leiblichen Sinnen
wahrnehmen. Das Seelische ist ein Gebiet, das der leiblichen Anschauung
unzugänglich ist. Das leibliche Dasein des Menschen ist vor aller Augen offenbar;
das seelische trägt er als seine Welt in sich. Durch den Geist aber wird ihm die
Außenwelt in einer höheren Art offenbar. In seinem Innern enthüllen sich zwar die
Geheimnisse der Außenwelt; aber er tritt im Geiste aus sich heraus und läßt die
Dinge über sich selbst sprechen, über dasjenige, was nicht für ihn, sondern für sie
Bedeutung hat. Der Mensch blickt zum gestirnten Himmel auf: das Entzücken, das
seine Seele erlebt, gehört ihm an; die ewigen Gesetze der Sterne, die er im
Gedanken, im Geiste erfaßt, gehören nicht ihm, sondern den Sternen selbst an.
So ist der Mensch Bürger dreier Welten. Durch seinen Leib gehört er der Welt an,
die er auch mit seinem Leibe wahrnimmt; durch seine Seele baut er sich seine
eigene Welt auf; durch seinen Geist offenbart sich ihm eine Welt, die über die
beiden anderen erhaben ist.
Es scheint einleuchtend, daß man, wegen der wesentlichen Verschiedenheit dieser
drei Welten, auch nur durch drei verschiedene Betrachtungsarten Klarheit über sie
und den Anteil des Menschen an ihnen wird gewinnen können.
I. Die leibliche Wesenheit des Menschen
I.
Durch leibliche Sinne lernt man den Leib des Menschen kennen. Und die
Betrachtungsart kann dabei keine andere sein als diejenige, durch welche man
andere sinnlich wahrnehmbare Dinge kennenlernt. Wie man die Mineralien, die
Pflanzen, die Tiere betrachtet, so kann man auch den Menschen betrachten. Er ist
mit diesen drei Formen des Daseins verwandt. Gleich den Mineralien baut er seinen
Leib aus den Stoffen der Natur auf; gleich den Pflanzen wächst er und pflanzt sich
fort; gleich den Tieren nimmt er die Gegenstände um sich herum wahr und bildet auf
Grund ihrer Eindrücke in sich innere Erlebnisse. Ein mineralisches, ein pflanzliches
und ein tierisches Dasein darf man daher dem Menschen zusprechen.
Die Verschiedenheit im Bau der Mineralien, Pflanzen und Tiere entspricht den drei
Formen ihres Daseins. Und dieser Bau – die Gestalt – ist es, was man mit den
Sinnen wahrnimmt und was man allein Leib nennen kann. Nun ist aber der
menschliche Leib von dem tierischen verschieden. Diese Verschiedenheit muß
jedermann anerkennen, wie er auch über die Verwandtschaft des Menschen mit den
Tieren sonst denken mag. Selbst der radikalste Materialist, der alles Seelische
leugnet, wird nicht umhin können, den folgenden Satz zu unterschreiben, den Carus
in seinem «Organon der Erkenntnis der Natur und des Geistes» ausspricht: «Noch
immer bleibt zwar der feinere innerlichste Bau des Nervensystems und namentlich
des Hirns dem Physiologen und Anatomen ein unaufgelöstes Rätsel; aber daß jene
Konzentration dieser Gebilde mehr und mehr in der Tierreihe steigt und im
Menschen einen Grad erreicht, wie durchaus in keinem anderen Wesen, dies ist
eine vollkommen festgestellte Tatsache; es ist für die Geistesentwicklung des
Menschen von höchster Bedeutung, ja wir dürfen es geradezu aussprechen,
eigentlich schon die hinreichende Erklärung. Wo der Bau des Hirns daher nicht
gehörig sich entwickelt hat, wo Kleinheit und Dürftigkeit desselben, wie beim
Mikrozephalen und Idioten, sich verraten, da versteht es sich von selbst, daß von
Hervortreten eigentümlicher Ideen und vom Erkennen gerade ebenso wenig die
Rede sein kann wie in Menschen mit völlig verbildeten Generationsorganen von
Fortbildung der Gattung. Ein kräftig und schön entwickelter Bau des ganzen
Menschen dagegen und des Gehirns insbesondere wird zwar noch nicht allein den
Genius setzen, aber doch jedenfalls die erste unerläßlichste Bedingung für höhere
Erkenntnis gewähren.»
Wie man dem menschlichen Leib die drei Formen des Daseins, die mineralische, die
pflanzliche und die tierische, zuspricht, so muß man ihm noch eine vierte, die
besondere menschliche, zusprechen. Durch seine mineralische Daseinsform ist der
Mensch verwandt mit allem Sichtbaren, durch seine pflanzliche mit allen Wesen, die
wachsen und sich fortpflanzen; durch seine tierische mit allen, die ihre Umgebung
wahrnehmen und auf Grund äußerer Eindrücke innere Erlebnisse haben; durch
seine menschliche bildet er schon in leiblicher Beziehung ein Reich für sich.
II. Die seelische Wesenheit des Menschen
Als eigene Innenwelt ist die seelische Wesenheit des Menschen von seiner
Leiblichkeit verschieden. Das Eigene tritt sofort entgegen, wenn man die
Aufmerksamkeit auf die einfachste Sinnesempfindung lenkt. Niemand kann
zunächst wissen, ob ein anderer eine solche einfache Sinnesempfindung in genau
der gleichen Art erlebt wie er selbst. Bekannt ist, daß es Menschen gibt, die
farbenblind sind. Solche sehen die Dinge nur in verschiedenen Schattierungen von
Grau. Andere sind teilweise farbenblind. Sie können daher gewisse Farbennuancen
nicht wahrnehmen. Das Weltbild, das ihnen ihr Auge gibt, ist ein anderes als
dasjenige sogenannter normaler Menschen. Und ein Gleiches gilt mehr oder
weniger für die andern Sinne. Ohne weiteres geht daraus hervor, daß schon die
einfache Sinnesempfindung zur Innenwelt gehört. Mit meinen leiblichen Sinnen kann
ich den roten Tisch wahrnehmen, den auch der andere wahrnimmt; aber ich kann
nicht des andern Empfindung des Roten wahrnehmen. – Man muß demnach die
Sinnesempfindung als Seelisches bezeichnen. Wenn man sich diese Tatsache nur
ganz klar macht, dann wird man bald aufhören, die Innenerlebnisse als bloße
Gehirnvorgänge oder Ähnliches anzusehen. – An die Sinnesempfindung schließt
sich zunächst das Gefühl. Die eine Empfindung macht dem Menschen Lust, die
andere Unlust. Das sind Regungen seines inneren, seines seelischen Lebens. In
seinen Gefühlen schafft sich der Mensch eine zweite Welt zu derjenigen hinzu, die
von außen auf ihn einwirkt. Und ein Drittes kommt hinzu: der Wille. Durch ihn wirkt
der Mensch wieder auf die Außenwelt zurück. Und dadurch prägt er sein inneres
Wesen der Außenwelt auf. Die Seele des Menschen fließt in seinen
Willenshandlungen gleichsam nach außen. Dadurch unterscheiden sich die Taten
des Menschen von den Ereignissen der äußeren Natur, daß die ersteren den
Stempel seines Innenlebens tragen. So stellt sich die Seele als das Eigene des
Menschen der Außenwelt gegenüber. Er erhält von der Außenwelt die Anregungen;
aber er bildet in Gemäßheit dieser Anregungen eine eigene Welt aus. Die
Leiblichkeit wird zum Untergrunde des Seelischen.
III. Die geistige Wesenheit des Menschen
Das Seelische des Menschen wird nicht allein durch den Leib bestimmt. Der Mensch
schweift nicht richtungs- und ziellos von einem Sinneseindruck zum andern; er
handelt auch nicht unter dem Eindrucke jedes beliebigen Reizes, der von außen
oder durch die Vorgänge seines Leibes auf ihn ausgeübt wird. Er denkt über seine
Wahrnehmungen und über seine Handlungen nach. Durch das Nachdenken über
die Wahrnehmungen erwirbt er sich Erkenntnisse über die Dinge; durch das
Nachdenken über seine Handlungen bringt er einen vernunftgemäßen
Zusammenhang in sein Leben. Und er weiß, daß er seine Aufgabe als Mensch nur
dann würdig erfüllt, wenn er sich durch richtige Gedanken sowohl im Erkennen wie
im Handeln leiten läßt. Das Seelische steht also einer zweifachen Notwendigkeit
gegenüber. Von den Gesetzen des Leibes wird es durch Naturnotwendigkeit
bestimmt; von den Gesetzen, die es zum richtigen Denken führen, läßt es sich
bestimmen, weil es deren Notwendigkeit frei anerkennt. Den Gesetzen des
Stoffwechsels ist der Mensch durch die Natur unterworfen; den Denkgesetzen
unterwirft er sich selbst. – Dadurch macht sich der Mensch zum Angehörigen einer
höheren Ordnung, als diejenige ist, der er durch seinen Leib angehört. Und diese
Ordnung ist die geistige. So verschieden das Leibliche vom Seelischen, so
verschieden ist dieses wieder vom Geistigen. Solange man bloß von den
Kohlenstoff-, Wasserstoff-, Stickstoff-, Sauerstoffteilchen spricht, die sich im Leibe
bewegen, hat man nicht die Seele im Auge. Das seelische Leben beginnt erst da,
wo innerhalb solcher Bewegung die Empfindung auftritt: ich schmecke süß oder ich
fühle Lust. Ebensowenig hat man den Geist im Auge, solange man bloß die
seelischen Erlebnisse ansieht, die durch den Menschen ziehen, wenn er sich ganz
der Außenwelt und seinem Leibesleben überläßt. Dieses Seelische ist vielmehr erst
die Grundlage für das Geistige, wie das Leibliche die Grundlage für das Seelische
ist. – Der Naturforscher hat es mit dem Leibe, der Seelenforscher (Psychologe) mit
der Seele und der Geistesforscher mit dem Geiste zu tun. Durch Besinnung auf das
eigene Selbst sich den Unterschied von Leib, Seele und Geist klarzumachen ist eine
Anforderung, die an denjenigen gestellt werden muß, der sich denkend über das
Wesen des Menschen aufklären will.
IV. Leib, Seele und Geist
Der Mensch kann sich in richtiger Art nur über sich aufklären, wenn er sich die
Bedeutung des Denkens innerhalb seiner Wesenheit klarmacht. Das Gehirn ist das
leibliche Werkzeug des Denkens. Wie der Mensch nur mit einem wohlgebildeten
Auge Farben sehen kann, so dient ihm das entsprechend gebaute Gehirn zum
Denken. Der ganze Leib des Menschen ist so gebildet, daß er in dem Geistesorgan,
im Gehirn, seine Krönung findet. Man kann den Bau des menschlichen Gehirnes nur
verstehen, wenn man es im Hinblick auf seine Aufgabe betrachtet. Diese besteht
darin, die Leibesgrundlage des denkenden Geistes zu sein. Das zeigt ein
vergleichender Überblick über die Tierwelt. Bei den Amphibien ist das Gehirn noch
klein gegenüber dem Rückenmark; bei den Säugetieren wird es verhältnismäßig
größer. Beim Menschen ist es am größten gegenüber dem ganzen übrigen Leib.
Gegen solche Bemerkungen über das Denken, wie sie hier vorgebracht werden,
herrscht manches Vorurteil. Manche Menschen sind geneigt, das Denken zu
unterschätzen und das «innige Gefühlsleben», die «Empfindung», höher zu stellen.
Ja man sagt wohl: nicht durch das «nüchterne Denken», sondern durch die Wärme
des Gefühls, durch die unmittelbare Kraft der Empfindungen erhebe man sich zu
den höheren Erkenntnissen. Menschen, die so sprechen, fürchten, durch klares
Denken die Gefühle abzustumpfen. Beim alltäglichen Denken, das sich nur auf die
Dinge der Nützlichkeit bezieht, ist das sicher der Fall. Aber bei den Gedanken, die in
höhere Regionen des Daseins führen, tritt das Umgekehrte ein. Es gibt kein Gefühl
und keinen Enthusiasmus, die sich mit den Empfindungen an Wärme, Schönheit
und Gehobenheit vergleichen lassen, welche angefacht werden durch die reinen,
kristallklaren Gedanken, die sich auf höhere Welten beziehen. Die höchsten Gefühle
sind eben nicht diejenigen, die «von selbst» sich einstellen, sondern diejenigen,
welche in energischer Gedankenarbeit errungen werden.
Der Menschenleib hat einen dem Denken entsprechenden Bau. Dieselben Stoffe
und Kräfte, die auch im Mineralreich vorhanden sind, finden sich im menschlichen
Leib so gefügt, daß sich durch diese Zusammenfügung das Denken offenbaren
kann. Dieser mineralische, in Gemäßheit seiner Aufgabe gebildete Bau soll für die
folgende Betrachtung der physische Körper des Menschen heißen.
Der auf das Gehirn, als seinen Mittelpunkt, hingeordnete mineralische Bau entsteht
durch Fortpflanzung und erhält seine ausgebildete Gestalt durch Wachstum.
Fortpflanzung und Wachstum hat der Mensch mit den Pflanzen und Tieren gemein.
Durch Fortpflanzung und Wachstum unterscheidet sich das Lebendige von dem
leblosen Mineral. Lebendiges entsteht aus Lebendigem durch den Keim. Der
Nachkomme schließt sich an den Vorfahren in der Reihe des Lebendigen. Die
Kräfte, durch die ein Mineral entsteht, sind auf die Stoffe selbst gerichtet, die es
zusammensetzen. Ein Bergkristall bildet sich durch die dem Silizium und dem
Sauerstoff innewohnenden Kräfte, die in ihm vereinigt sind. Die Kräfte, die einen
Eichbaum gestalten, müssen wir auf dem Umwege durch den Keim in Mutter- und
Vaterpflanze suchen. Und die Form der Eiche erhält sich bei der Fortpflanzung von
den Vorfahren zu den Nachkommen. Es gibt innere, dem Lebenden angeborene
Bedingungen. – Es war eine rohe Naturanschauung, die glaubte, daß niedere Tiere,
selbst Fische, aus Schlamm sich bilden können.
Die Form des Lebenden pflanzt sich durch Vererbung fort. Wie ein lebendes Wesen
sich entwickelt, hängt davon ab, aus welchem Vater- oder Mutterwesen es
entstanden ist, oder mit anderen Worten, welcher Art es angehört. Die Stoffe, aus
denen es sich zusammensetzt, wechseln fortwährend; die Art bleibt während des
Lebens bestehen und vererbt sich auf die Nachkommen. Die Art ist damit dasjenige,
was die Zusammenfügung der Stoffe bestimmt. Diese artbildende Kraft soll
Lebenskraft genannt werden. Wie sich die mineralischen Kräfte in den Kristallen
ausdrücken, so die bildende Lebenskraft in den Arten oder Formen des pflanzlichen
und tierischen Lebens.
Die mineralischen Kräfte nimmt der Mensch durch die leiblichen Sinne wahr. Und er
kann nur dasjenige wahrnehmen, wofür er solche Sinne hat. Ohne das Auge gibt es
keine Licht-, ohne das Ohr keine Schallwahrnehmung. Für sie sind in der Art der
menschlichen Wahrnehmung nur diejenigen mineralischen Kräfte vorhanden, die
sich dem Tastsinn zu erkennen geben. In dem Maße, in dem bei den höheren
Tieren die anderen Sinne entwickelt sind, ist für sie die Umwelt, die auch der
Mensch wahrnimmt, reicher, mannigfaltiger. Es hängt also von den Organen eines
Wesens ab, ob das, was in der Außenwelt vorhanden ist, auch für das Wesen selbst
als Wahrnehmung, als Empfindung vorhanden ist. Was in der Luft als eine gewisse
Bewegung vorhanden ist, wird im Menschen zur Schallempfindung. – Die
Äußerungen der Lebenskraft nimmt der Mensch durch die gewöhnlichen Sinne nicht
wahr. Er sieht die Farben der Pflanze, er riecht ihren Duft; die Lebenskraft bleibt
dieser Beobachtung verborgen. Aber sowenig der Blindgeborene mit Recht die
Farben ableugnet, sowenig dürfen die gewöhnlichen Sinne die Lebenskraft
ableugnen. Die Farben sind für den Blindgeborenen da, sobald er operiert worden
ist; ebenso sind für den Menschen die mannigfaltigen, durch die Lebenskraft
geschaffenen Arten der Pflanzen und Tiere, nicht bloß die Individuen, auch als
Wahrnehmung vorhanden, wenn sich ihm das Organ dafür erschließt. – Eine ganz
neue Welt geht dem Menschen durch die Erschließung dieses Organs auf. Er nimmt
nun nicht mehr bloß die Farben, Gerüche und so weiter der Lebewesen, sondern
das Leben dieser Lebewesen selbst wahr. In jeder Pflanze, in jedem Tier empfindet
er außer der physischen Gestalt noch die lebenerfüllte Geistgestalt. Um einen
Ausdruck dafür zu haben, sei diese Geistgestalt der Ätherleib oder Lebensleib
genannt.
[Der Verfasser dieses Buches hat lange Zeit nach Abfassung desselben (vgl. Zeitschrift «Das Reich»,
viertes Buch des ersten Jahrgangs - Januar 1917) dasjenige, was hier Äther- oder Lebensleib
genannt wird, auch «Bilde-Kräfte-Leib» genannt. Zu dieser Namengebung fühlte er sich veranlaßt,
weil er glaubt, daß man nicht genug tun kann, um dem Mißverständnis vorzubeugen, das hier mit
Atherleib Gemeinte zu verwechseln mit der «Lebenskraft» der älteren Naturwissenschaft. Wo es sich
um Abweisung dieser älteren Vorstellung einer Lebenskraft im Sinne der modernen
Naturwissenschaft handelt, steht der Verfasser in einem gewissen Sinne auf dem Standpunkt der
Gegner einer solchen Kraft. Denn mit dieser wollte man die besondere Wirkungsweise der
unorganischen Kräfte im Organismus erklären. Aber was im Organismus unorganisch wirkt, das wirkt
da nicht anders als in dem Bereich der unorganischen Welt. Die Gesetze der unorganischen Natur
sind im Organismus keine anderen als im Kristall usw. Aber im Organismus liegt eben etwas vor, was
nicht unorganisch ist: das bildende Leben. Diesem liegt der Äther- oder Bilde-Kräfte-Leib zugrunde.
Durch seine Annahme wird die berechtigte Aufgabe der Naturforschung nicht gestört: dasjenige, was
sie über Kräftewirksamkeiten in der unorganischen Natur beobachtet, auch in die Organismenwelt
hinein zu verfolgen. Und es abzulehnen, diese Wirksamkeit innerhalb des Organismus durch eine
besondere Lebenskraft abgeändert zu denken, das sieht auch eine wahre Geisteswissenschaft als
berechtigt an. Der Geistesforscher spricht vom Ätherleib insofern, als im Organismus sich noch
anderes offenbart als im Leblosen. – Trotz alledem findet sich der Verfasser dieses Buches nicht
veranlaßt, hier den Namen «Ätherleib» durch den anderen «Bilde-Kräfte-Leib» zu ersetzen, da
innerhalb des ganzen Zusammenhanges, der hier sich findet, für jeden, der sehen will, ein
Mißverständnis ausgeschlossen ist. Ein solches kann nur eintreten, wenn man den Namen in einer
Ausführung gebraucht, die diesen Zusammenhang nicht zeigen kann. (Man vergleiche damit auch
das am Schlusse dieses Buches unter «Einzelne Bemerkungen» Gesagte.)]
Für den Erforscher des geistigen Lebens stellt sich diese Sache in der folgenden Art
dar. Ihm ist der Ätherleib nicht etwa bloß ein Ergebnis der Stoffe und Kräfte des
physischen Leibes, sondern eine selbständige, wirkliche Wesenheit, welche die
genannten physischen Stoffe und Kräfte erst zum Leben aufruft. Im Sinne der
Geisteswissenschaft spricht man, wenn man sagt: ein bloßer physischer Körper hat
seine Gestalt – zum Beispiel ein Kristall – durch die dem Leblosen innewohnenden
physischen Gestaltungskräfte; ein lebendiger Körper hat seine Form nicht durch
diese Kräfte, denn in dem Augenblicke, wo das Leben aus ihm gewichen ist und er
nur den physischen Kräften überlassen ist, zerfällt er. Der Lebensleib ist eine
Wesenheit, durch welche in jedem Augenblicke während des Lebens der physische
Leib vor dem Zerfalle bewahrt wird. – Um diesen Lebensleib zu sehen, ihn an einem
anderen Wesen wahrzunehmen, braucht man eben das erweckte geistige Auge.
Ohne dieses kann man aus logischen Gründen seine Existenz annehmen; schauen
kann man ihn aber mit dem geistigen Auge, wie man die Farbe mit dem physischen
Auge schaut. – Man sollte sich an dem Ausdruck «Ätherleib» nicht stoßen. «Äther»
bezeichnet hier etwas anderes als den hypothetischen Äther der Physik. Man
nehme die Sache einfach als Bezeichnung für das hin, was hier beschrieben wird.
Und wie der physische Menschenleib in seinem Bau ein Abbild seiner Aufgabe ist,
so ist es auch des Menschen Ätherleib. Man versteht auch diesen nur, wenn man
ihn im Hinblick auf den denkenden Geist betrachtet. Durch seine Hinordnung auf
den denkenden Geist unterscheidet sich der Ätherleib des Menschen von
demjenigen der Pflanzen und Tiere. – So wie der Mensch durch seinen physischen
Leib der mineralischen, so gehört er durch seinen Ätherleib der Lebenswelt an.
Nach dem Tode löst sich der physische Leib in der Mineralwelt, der Ätherleib in der
Lebenswelt auf. Mit «Leib» soll bezeichnet werden, was einem Wesen von
irgendeiner Art «Gestalt», «Form» gibt. Man sollte den Ausdruck «Leib» nicht mit
sinnlicher Körperform verwechseln. In dem in dieser Schrift gemeinten Sinne kann
die Bezeichnung «Leib» auch für das gebraucht werden, was sich als Seelisches
und Geistiges gestaltet.
Der Lebensleib ist noch etwas dem Menschen Äußerliches. Mit dem ersten Regen
der Empfindung antwortet das Innere selbst auf die Reize der Außenwelt. Man mag
dasjenige, was man Außenwelt zu nennen berechtigt ist, noch so weit verfolgen: die
Empfindung wird man nicht finden können. – Die Lichtstrahlen dringen in das Auge;
sie pflanzen sich innerhalb desselben bis zur Netzhaut fort. Da rufen sie chemische
Vorgänge (im sogenannten Sehpurpur) hervor; die Wirkung dieser Reize setzt sich
durch den Sehnerv bis zum Gehirn fort; dort entstehen weitere physische Vorgänge.
Könnte man diese beobachten, so sähe man eben physische Vorgänge wie
anderswo in der Außenwelt. Vermag ich den Lebensleib zu beobachten, so werde
ich wahrnehmen, wie der physische Gehirnvorgang zugleich ein Lebensvorgang ist.
Aber die Empfindung der blauen Farbe, die der Empfänger der Lichtstrahlen hat,
kann ich auf diesem Wege nirgends finden. Sie ersteht erst innerhalb der Seele
dieses Empfängers. Wäre also das Wesen dieses Empfängers mit dem physischen
Körper und dem Ätherleib erschöpft, so könnte die Empfindung nicht da sein. Ganz
wesentlich unterscheidet sich die Tätigkeit, durch welche die Empfindung zur
Tatsache wird, von dem Wirken der Lebensbildekraft. Ein inneres Erlebnis wird
durch jene Tätigkeit aus diesem Wirken hervorgelockt. Ohne diese Tätigkeit wäre
ein bloßer Lebensvorgang da, wie man ihn auch an der Pflanze beobachtet. Man
stelle sich den Menschen vor, wie er von allen Seiten Eindrücke empfängt. Man muß
sich ihn zugleich nach allen Richtungen hin, woher er diese Eindrücke empfängt, als
Quell der bezeichneten Tätigkeit denken. Nach allen Seiten hin antworten die
Empfindungen auf die Eindrücke. Dieser Tätigkeitsquell soll Empfindungsseele
heißen. Diese Empfindungsseele ist ebenso wirklich wie der physische Körper.
Wenn ein Mensch vor mir steht und ich sehe von seiner Empfindungsseele ab,
indem ich ihn mir bloß als physischen Leib vorstelle, so ist das gerade so, als wenn
ich mir von einem Gemälde bloß die Leinwand vorstelle.
Auch in bezug auf die Wahrnehmung der Empfindungsseele muß Ähnliches gesagt
werden wie vorher im Hinblick auf den Ätherleib. Die leiblichen Organe sind «blind»
für sie. Und auch das Organ, von dem das Leben als Leben wahrgenommen werden
kann, ist es. Aber so, wie durch dieses Organ der Ätherleib geschaut wird, so kann
durch ein noch höheres Organ die innere Welt der Empfindungen zu einer
besonderen Art übersinnlicher Wahrnehmungen werden. Der Mensch empfindet
dann nicht nur die Eindrücke der physischen und der Lebenswelt, sondern er schaut
die Empfindungen. Vor einem Menschen mit einem solchen Organ liegt die Welt der
Empfindungen eines andern Wesens wie eine äußere Wirklichkeit da. Man muß
unterscheiden zwischen dem Erleben der eigenen Empfindungswelt und dem
Anschauen der Empfindungswelt eines andern Wesens. In seine eigene
Empfindungswelt hineinschauen kann natürlich jeder Mensch; die Empfindungswelt
eines andern Wesens schauen kann nur der Seher mit dem geöffneten «geistigen
Auge». Ohne Seher zu sein, kennt der Mensch die Empfindungswelt nur als
«innere», nur als die eigenen verborgenen Erlebnisse seiner Seele; mit dem
geöffneten «geistigen Auge» leuchtet vor dem äußeren geistigen Anblick auf, was
sonst nur «im Innern» des andern Wesens lebt.
*
Um Mißverständnissen vorzubeugen, sei hier ausdrücklich gesagt, daß der Seher
nicht etwa in sich dasselbe erlebt, was das andere Wesen als seinen Inhalt der
Empfindungswelt in sich hat. Dieses erlebt die Empfindungen von dem
Gesichtspunkte seines Innern; der Seher nimmt eine Offenbarung, eine Äußerung
der Empfindungswelt wahr.
Die Empfindungsseele hängt in bezug auf ihre Wirkung vom Ätherleib ab. Denn aus
ihm holt sie ja das hervor, was sie als Empfindung aufglänzen lassen soll. Und da
der Ätherleib das Leben innerhalb des physischen Leibes ist, so ist die
Empfindungsseele auch von diesem mittelbar abhängig. Nur bei richtig lebendem,
wohl gebautem Auge sind entsprechende Farbenempfindungen möglich. Dadurch
wirkt die Leiblichkeit auf die Empfindungsseele. Diese ist also durch den Leib in ihrer
Wirksamkeit bestimmt und begrenzt. Sie lebt innerhalb der ihr durch die Leiblichkeit
gezogenen Grenzen. – Der Leib wird also aus den mineralischen Stoffen auferbaut,
durch den Ätherleib belebt, und er begrenzt selbst die Empfindungsseele. Wer also
das oben erwähnte Organ zum «Schauen» der Empfindungsseele hat, der erkennt
sie durch den Leib begrenzt. – Aber die Grenze der Empfindungsseele fällt nicht mit
derjenigen des physischen Körpers zusammen. Diese Seele ragt über den
physischen Leib hinaus. Man sieht daraus, daß sie sich mächtiger erweist, als er ist.
Aber die Kraft, durch die ihr die Grenze gesetzt ist, geht von dem physischen Leibe
aus. Damit stellt sich zwischen den physischen Leib und den Ätherleib einerseits
und die Empfindungsseele andererseits noch ein besonderes Glied der
menschlichen Wesenheit hin. Es ist der Seelenleib oder Empfindungsleib. Man kann
auch sagen: ein Teil des Ätherleibes sei feiner als der übrige, und dieser feinere Teil
des Ätherleibes bildet eine Einheit mit der Empfindungsseele, während der gröbere
Teil eine Art Einheit mit dem physischen Leib bildet. Doch ragt, wie gesagt, die
Empfindungsseele über den Seelenleib hinaus.
Was hier Empfindung genannt wird, ist nur ein Teil des seelischen Wesens. (Der
Ausdruck Empfindungsseele wird der Einfachheit halber gewählt.) An die
Empfindungen schließen sich die Gefühle der Lust und Unlust, die Triebe, Instinkte,
Leidenschaften. All das trägt denselben Charakter des Eigenlebens wie die
Empfindungen und ist, wie sie, von der Leiblichkeit abhängig.
*
Ebenso wie mit dem Leibe tritt die Empfindungsseele auch mit dem Denken, dem
Geiste, in Wechselwirkung. Zunächst dient ihr das Denken. Der Mensch bildet sich
Gedanken über seine Empfindungen. Dadurch klärt er sich über die Außenwelt auf.
Das Kind, das sich verbrannt hat, denkt nach und gelangt zu dem Gedanken: «das
Feuer brennt». Auch seinen Trieben, Instinkten und Leidenschaften folgt der
Mensch nicht blindlings; sein Nachdenken führt die Gelegenheit herbei, durch die er
sie befriedigen kann. Was man materielle Kultur nennt, bewegt sich durchaus in
dieser Richtung. Sie besteht in den Diensten, die das Denken der Empfindungsseele
leistet. Unermeßliche Summen von Denkkräften werden auf dieses Ziel gerichtet.
Denkkraft ist es, die Schiffe, Eisenbahnen, Telegraphen, Telephone gebaut hat; und
alles das dient zum weitaus größten Teil zur Befriedigung von Bedürfnissen der
Empfindungsseelen. In ähnlicher Art, wie die Lebensbildekraft den physischen
Körper durchdringt, so durchdringt die Denkkraft die Empfindungsseele. Die
Lebensbildekraft knüpft den physischen Körper an Vorfahren und Nachkommen und
stellt ihn dadurch in eine Gesetzmäßigkeit hinein, die das bloß Mineralische nichts
angeht. Ebenso stellt die Denkkraft die Seele in eine Gesetzmäßigkeit hinein, der sie
als bloße Empfindungsseele nicht angehört. – Durch die Empfindungsseele ist der
Mensch dem Tiere verwandt Sie werden bei ihm nicht mit selbständigen, über das
unmittelbare Erleben hinausgehenden Gedanken durchwoben. Auch beim
unentwickelten Menschen ist das bis zu einem gewissen Grade der Fall. Die bloße
Empfindungsseele ist daher verschieden von dem entwickelten höheren
Seelengliede, welches das Denken in seinen Dienst stellt. Als Verstandesseele sei
diese vom Denken bediente Seele bezeichnet. Man könnte sie auch die
Gemütsseele oder das Gemüt nennen.
Die Verstandesseele durchdringt die Empfindungsseele. Wer das Organ zum
«Schauen» der Seele hat, sieht daher die Verstandesseele als eine besondere
Wesenheit gegenüber der bloßen Empfindungsseele an.
*
Durch das Denken wird der Mensch über das Eigenleben hinausgeführt. Er erwirbt
sich etwas, das über seine Seele hinausreicht. Es ist für ihn eine selbstverständliche
Überzeugung, daß die Denkgesetze in Übereinstimmung mit der Weltordnung sind.
Er betrachtet sich deshalb als ein Einheimischer in der Welt, weil diese
Übereinstimmung besteht. Diese Übereinstimmung ist eine der gewichtigen
Tatsachen, durch die der Mensch seine eigene Wesenheit kennenlernt. in seiner
Seele sucht der Mensch nach Wahrheit; und durch diese Wahrheit spricht sich nicht
allein die Seele, sondern sprechen sich die Dinge der Welt aus. Was durch das
Denken als Wahrheit erkannt wird, hat eine selbständige Bedeutung, die sich auf die
Dinge der Welt bezieht, nicht bloß auf die eigene Seele. Mit meinem Entzücken über
den Sternenhimmel lebe ich in mir; die Gedanken, die ich mir über die Bahnen der
Himmelskörper bilde, haben für das Denken jedes anderen dieselbe Bedeutung wie
für das meinige. Es wäre sinnlos, von meinem Entzücken zu sprechen, wenn ich
selbst nicht vorhanden wäre; aber es ist nicht in derselben Weise sinnlos, von
meinen Gedanken auch ohne Beziehung auf mich zu sprechen. Denn die Wahrheit,
die ich heute denke, war auch gestern wahr und wird morgen wahr sein, obschon
ich mich nur heute mit ihr beschäftige. Macht eine Erkenntnis mir Freude, so ist
diese Freude so lange von Bedeutung, als sie in mir lebt; die Wahrheit der
Erkenntnis hat ihre Bedeutung ganz unabhängig von dieser Freude. In dem
Ergreifen der Wahrheit verbindet sich die Seele mit etwas, das seinen Wert in sich
selbst trägt. Und dieser Wert verschwindet nicht mit der Seelenempfindung,
ebensowenig wie er mit dieser entstanden ist. Was wirklich Wahrheit ist, das
entsteht nicht und vergeht nicht: das hat eine Bedeutung, die nicht vernichtet werden
kann. – Dem widerspricht es nicht, daß einzelne menschliche «Wahrheiten» nur
einen vorübergehenden Wert haben, weil sie in einer gewissen Zeit als teilweise
oder ganze Irrtümer erkannt werden. Denn der Mensch muß sich sagen, daß die
Wahrheit doch in sich selbst besteht, wenn auch seine Gedanken nur vergängliche
Erscheinungsformen der ewigen Wahrheiten sind. Auch wer – wie Lessing – sagt, er
begnüge sich mit dem ewigen Streben nach Wahrheit, da die volle, reine Wahrheit
doch nur für einen Gott da sein könne, der leugnet nicht den Ewigkeitswert der
Wahrheit, sondern er bestätigt ihn gerade durch solchen Ausspruch. Denn nur was
eine ewige Bedeutung in sich selbst hat, kann ein ewiges Streben nach sich
hervorrufen. Wäre die Wahrheit nicht in sich selbständig, erhielte sie ihren Wert und
ihre Bedeutung durch die menschliche Seelenempfindung, dann könnte sie nicht ein
einiges Ziel für alle Menschen sein. Indem man nach ihr streben will, gesteht man ihr
ihre selbständige Wesenheit zu.
Und wie mit dem Wahren, so ist es mit dem wahrhaft Guten. Das Sittlich-Gute ist
unabhängig von Neigungen und Leidenschaften, insofern es sich nicht von ihnen
gebieten läßt, sondern ihnen gebietet. Gefallen und Mißfallen, Begehren und
Verabscheuen gehören der eigenen Seele des Menschen an; die Pflicht steht über
Gefallen und Mißfallen. So hoch kann dem Menschen die Pflicht stehen, daß er für
sie das Leben opfert. Und der Mensch steht um so höher, je mehr er seine
Neigungen, sein Gefallen und Mißfallen dahin veredelt hat, daß sie ohne Zwang,
ohne Unterwerfung durch sich selbst der erkannten Pflicht folgen. Das Sittlich-Gute
hat ebenso wie die Wahrheit seinen Ewigkeitswert in sich und erhält ihn nicht durch
die Empfindungsseele.
Indem der Mensch das selbständige Wahre und Gute in seinem Innern aufleben
läßt, erhebt er sich über die bloße Empfindungsseele. Der ewige Geist scheint in
diese herein. Ein Licht geht in ihr auf, das unvergänglich ist. Sofern die Seele in
diesem Lichte lebt, ist sie eines Ewigen teilhaftig. Sie verbindet mit ihm ihr eigenes
Dasein. Was die Seele als Wahres und Gutes in sich trägt, ist unsterblich in ihr. –
Das, was in der Seele als Ewiges aufleuchtet, sei hier Bewußtseinsseele genannt. –
Von Bewußtsein kann man auch bei den niedrigeren Seelenregungen sprechen. Die
alltäglichste Empfindung ist Gegenstand des Bewußtseins. Insofern kommt auch
dem Tiere Bewußtsein zu. Der Kern des menschlichen Bewußtseins, also die Seele
in der Seele, ist hier mit Bewußtseinsseele gemeint. Die Bewußtseinsseele wird hier
noch als ein besonderes Glied der Seele von der Verstandesseele unterschieden.
Diese letztere ist noch in die Empfindungen, in die Triebe, Affekte und so weiter
verstrickt. Jeder Mensch weiß, wie ihm zunächst das als wahr gilt, was er in seinen
Empfindungen und so weiter vorzieht. Erst diejenige Wahrheit aber ist die bleibende,
die sich losgelöst hat von allem Beigeschmack solcher Sympathien und Antipathien
der Empfindungen und so weiter. Die Wahrheit ist wahr, auch wenn sich alle
persönlichen Gefühle gegen sie auflehnen. Derjenige Teil der Seele, in dem diese
Wahrheit lebt, soll Bewußtseinsseele genannt werden.
So hätte man, wie in dem Leib, auch in der Seele drei Glieder zu unterscheiden: die
Empfindungsseele, die Verstandesseele und die Bewußtseinsseele. Und wie von
unten herauf die Leiblichkeit auf die Seele begrenzend wirkt, so wirkt von oben
herunter die Geistigkeit auf sie erweiternd. Denn je mehr sich die Seele von dem
Wahren und Guten erfüllt, desto weiter und umfassender wird das Ewige in ihr. – Für
denjenigen, der die Seele zu «schauen» vermag, ist der Glanz, der von dem
Menschen ausgeht, weil sein Ewiges sich erweitert, eine eben solche Wirklichkeit,
wie für das sinnliche Auge das Licht wirklich ist, das von einer Flamme ausstrahlt.
Für den «Sehenden» gilt der leibliche Mensch nur als ein Teil des ganzen
Menschen. Der Leib liegt als das gröbste Gebilde inmitten anderer, die ihn und sich
selbst gegenseitig durchdringen. Als eine Lebensform erfüllt den physischen Körper
der Ätherleib; an allen Seiten über diesen hinausragend erkennt man den Seelenleib
(Astralgestalt). Und wieder über diesen hinausragend die Empfindungsseele, dann
die Verstandesseele, die um so größer wird, je mehr sie von dem Wahren und
Guten in sich aufnimmt. Denn dieses Wahre und Gute bewirkt die Erweiterung der
Verstandesseele. Ein Mensch, der lediglich seinen Neigungen, seinem Gefallen und
Mißfallen leben würde, hätte eine Verstandesseele, deren Grenzen mit denen seiner
Empfindungsseele zusammenfielen. Diese Gebilde, inmitten deren der physische
Körper wie in einer Wolke erscheint, kann man die menschliche Aura nennen. Sie ist
dasjenige, um das sich das «Wesen des Menschen» bereichert, wenn es in der Art
geschaut wird, wie diese Schrift versucht, es darzustellen.
*
Im Laufe der Kindheitsentwicklung tritt im Leben des Menschen der Augenblick ein,
in dem er sich zum erstenmal als ein selbständiges Wesen gegenüber der ganzen
übrigen Welt empfindet. Fein empfindenden Menschen ist das ein bedeutsames
Erlebnis. Der Dichter Jean Paul erzählt in seiner Lebensbeschreibung: «Nie vergeß'
ich die noch keinem Menschen erzählte Erscheinung in mir, wo ich bei der Geburt
meines Selbstbewußtseins stand, von der ich Ort und Zeit anzugeben weiß. An
einem Vormittag stand ich als ein sehr junges Kind unter der Haustür und sah links
nach der Rolziege, als auf einmal das innere Gesicht, ich bin ein Ich, wie ein
Blitzstrahl vom Himmel vor mich fuhr und seitdem leuchtend stehenblieb: da hatte
mein Ich zum erstenmal sich selber gesehen und auf ewig. Täuschungen des
Erinnerns sind hier schwerlich denkbar, da kein fremdes Erzählen sich in eine bloß
im verhangenen Allerheiligsten des Menschen vorgefallene Begebenheit, deren
Neuheit allein so alltäglichen Nebenumständen das Bleiben gegeben, mit Zusätzen
mengen konnte.» – Es ist bekannt, das kleine Kinder von sich sagen: «Karl ist
brav», «Marie will das haben». Man findet es angemessen, daß sie von sich so wie
von andern reden, weil sie sich ihrer selbständigen Wesenheit noch nicht bewußt
geworden sind, weil das Bewußtsein vom Selbst noch nicht in ihnen geboren ist.
Durch das Selbstbewußtsein bezeichnet sich der Mensch als ein selbständiges, von
allem übrigen abgeschlossenes Wesen, als «Ich». Im «Ich» faßt der Mensch alles
zusammen, was er als leibliche und seelische Wesenheit erlebt. Leib und Seele sind
die Träger des «Ich»; in ihnen wirkt es. Wie der physische Körper im Gehirn, so hat
die Seele im «Ich» ihren Mittelpunkt. Zu Empfindungen wird der Mensch von außen
angeregt; Gefühle machen sich geltend als Wirkungen der Außenwelt; der Wille
bezieht sich auf die Außenwelt, denn er verwirklicht sich in äußeren Handlungen.
Das «Ich» bleibt als die eigentliche Wesenheit des Menschen ganz unsichtbar.
Treffend nennt daher Jean Paul das Gewahrwerden des «Ich» eine «bloß im
verhangenen Allerheiligsten des Menschen vorgefallene Begebenheit». Denn mit
seinem «Ich» ist der Mensch ganz allein. –Und dieses «Ich» ist der Mensch selbst.
Das berechtigt ihn, dieses «Ich» als seine wahre Wesenheit anzusehen. Er darf
deshalb seinen Leib und seine Seele als die «Hüllen» bezeichnen, innerhalb deren
er lebt; und er darf sie als leibliche Bedingungen bezeichnen, durch die er wirkt. Im
Laufe seiner Entwickelung lernt er diese Werkzeuge immer mehr als Diener seines
«Ich» gebrauchen. Das Wörtchen «Ich», wie es zum Beispiel in der deutschen
Sprache angewendet wird, ist ein Name, der sich von allen anderen Namen
unterscheidet. Wer über die Natur dieses Namens in zutreffender Art nachdenkt,
dem eröffnet sich damit zugleich der Zugang zur Erkenntnis der menschlichen
Wesenheit im tiefern Sinne. Jeden andern Namen können alle Menschen in der
gleichen Art auf das ihm entsprechende Ding anwenden. Den Tisch kann jeder
«Tisch», den Stuhl jeder «Stuhl» nennen. Bei dem Namen «Ich» ist dies nicht der
Fall. Es kann ihn keiner anwenden zur Bezeichnung eines andern; jeder kann nur
sich selbst «Ich» nennen. Niemals kann der Name «Ich» von außen an mein Ohr
dringen, wenn er die Bezeichnung für mich ist. Nur von innen heraus, nur durch sich
selbst kann die Seele sich als «Ich» bezeichnen. Indem der Mensch also zu sich
«Ich» sagt, beginnt in ihm etwas zu sprechen, was mit keiner der Welten etwas zu
tun hat, aus denen die bisher genannten «Hüllen» entnommen sind. Das «Ich» wird
immer mehr Herrscher über Leib und Seele. – Auch das kommt in der Aura zum
Ausdrucke. Je mehr das Ich Herrscher ist über Leib und Seele, desto gegliederter,
mannigfaltiger, farbenreicher ist die Aura. Die Wirkung des Ich auf die Aura kann der
«Sehende» schauen. Das «Ich» selbst ist auch ihm unsichtbar: dieses ist wirklich in
dem «verhangenen Allerheiligsten des Menschen». – Aber das Ich nimmt in sich die
Strahlen des Lichtes auf, das als ewiges Licht in dem Menschen aufleuchtet. Wie
dieser die Erlebnisse des Leibes und der Seele in dem «Ich» zusammenfaßt, so läßt
er auch die Gedanken der Wahrheit und Güte in das «Ich» einfließen. Die
Sinneserscheinungen offenbaren sich dem «Ich» von der einen, der Geist von der
andern Seite. Leib und Seele geben sich dem «Ich» hin, um ihm zu dienen; das
«Ich» aber gibt sich dem Geiste hin, daß er es erfülle. Das «Ich» lebt in Leib und
Seele; der Geist aber lebt im «Ich». Und was vom Geiste im Ich ist, das ist ewig.
Denn das Ich erhält Wesen und Bedeutung von dem, womit es verbunden ist.
Insofern es im physischen Körper lebt, ist es den mineralischen Gesetzen, durch
den Ätherleib ist es den Gesetzen der Fortpflanzung und des Wachstums, vermöge
der Empfindungs- und Verstandesseele den Gesetzen der seelischen Welt
unterworfen; insofern es das Geistige in sich aufnimmt, ist es den Gesetzen des
Geistes unterworfen. Was die mineralischen, was die Lebensgesetze bilden,
entsteht und vergeht; der Geist aber hat mit Entstehung und Untergang nichts zu
tun.
*
Das Ich lebt in der Seele. Wenn auch die höchste Äußerung des «Ich» der
Bewußtseinsseele angehört, so muß man doch sagen, daß dieses «Ich» von da
ausstrahlend die ganze Seele erfüllt und durch die Seele seine Wirkung auf den Leib
äußert. Und in dem Ich ist der Geist lebendig. Es strahlt der Geist in das Ich und lebt
in ihm als in seiner «Hülle», wie das Ich in Leib und Seele als seinen «Hüllen» lebt.
Der Geist bildet das Ich von innen nach außen, die mineralische Welt von außen
nach innen. Der ein «Ich» bildende und als «Ich» lebende Geist sei «Geistselbst»
genannt, weil er als «Ich» oder «Selbst» des Menschen erscheint. Den Unterschied
zwischen dem «Geistselbst» und der «Bewußtseinsseele» kann man sich in
folgender Art klarmachen. Die Bewußtseinsseele berührt die von jeder Antipathie
und Sympathie unabhängige, durch sich selbst bestehende Wahrheit; das
Geistselbst trägt in sich dieselbe Wahrheit, aber aufgenommen und umschlossen
durch das «Ich»; durch das letztere individualisiert und in die selbständige
Wesenheit des Menschen übernommen. Dadurch, daß die ewige Wahrheit so
verselbständigt und mit dem «Ich» zu einer Wesenheit verbunden wird, erlangt das
«Ich» selbst die Ewigkeit.
Das Geistselbst ist eine Offenbarung der geistigen Welt innerhalb des Ich, wie von
der andern Seite her die Sinnesempfindung eine Offenbarung der physischen Welt
innerhalb des Ich ist. In dem, was rot, grün, hell, dunkel, hart, weich, warm, kalt ist,
erkennt man die Offenbarungen der körperlichen Welt; in dem, was wahr und gut ist,
die Offenbarungen der geistigen Welt. In dem gleichen Sinne, wie die Offenbarung
des Körperlichen Empfindung heißt, sei die Offenbarung des Geistigen Intuition
genannt. Der einfachste Gedanke enthält schon Intuition, denn man kann ihn nicht
mit Händen tasten, nicht mit Augen sehen: man muß seine Offenbarung aus dem
Geiste durch das Ich empfangen. Wenn ein unentwickelter und ein entwickelter
Mensch eine Pflanze ansehen, so lebt in dem Ich des einen etwas ganz anderes als
in dem des zweiten. Und doch sind die Empfindungen beider durch denselben
Gegenstand hervorgerufen. Die Verschiedenheit liegt darin, daß der eine sich weit
vollkommenere Gedanken über den Gegenstand machen kann als der andere.
Offenbarten die Gegenstände sich allein durch die Empfindung, dann könnte es
keinen Fortschritt in der geistigen Entwicklung geben. Die Natur empfindet auch der
Wilde; die Naturgesetze offenbaren sich erst den von der Intuition befruchteten
Gedanken des höher entwickelten Menschen. Die Reize der Außenwelt empfindet
auch das Kind als Antrieb des Willens, die Gebote des sittlich Guten gehen ihm aber
nur im Laufe der Entwicklung auf, indem es im Geiste leben und dessen
Offenbarung verstehen lernt.
Wie ohne das Auge keine Farbenempfindungen da wären, so ohne das höhere
Denken des Geistselbst keine Intuitionen. Und sowenig die Empfindung die Pflanze
schafft, an der die Farbe erscheint, sowenig schafft die Intuition das Geistige, von
welchem sie vielmehr nur Kunde gibt.
Durch die Intuitionen holt sich das Ich des Menschen, das in der Seele auflebt, die
Botschaften von oben, von der Geisteswelt, wie es sich durch die Empfindungen die
Botschaften aus der physischen Welt holt. Und dadurch macht es die Geisteswelt
ebenso zum Eigenleben seiner Seele wie vermittels der Sinne die physische Welt.
Die Seele, oder das in ihr aufleuchtende Ich, öffnet nach zwei Seiten hin seine Tore:
nach der Seite des Körperlichen und nach derjenigen des Geistigen.
Wie nun die physische Welt dem Ich nur dadurch von sich Kunde geben kann, daß
sie aus ihren Stoffen und Kräften einen Körper aufbaut, in dem die bewußte Seele
leben kann und innerhalb dessen diese Organe besitzt, um das Körperliche außer
sich wahrzunehmen, so baut auch die geistige Welt mit ihren Geistesstoffen und
ihren Geisteskräften einen Geistkörper auf, in dem das Ich leben und durch
Intuitionen das Geistige wahrnehmen kann. (Es ist einleuchtend, daß die Ausdrücke
Geiststoff, Geistkörper dem Wortsinne nach einen Widerspruch enthalten. Sie sollen
nur gebraucht werden, um den Gedanken auf dasjenige hinzulenken, was im
Geistigen dem physischen Leibe des Menschen entspricht.)
Und ebenso wie innerhalb der physischen Welt der einzelne menschliche Körper als
eine abgesonderte Wesenheit aufgebaut wird, so innerhalb der Geisteswelt der
Geistkörper. Es gibt in der Geisteswelt für den Menschen ebenso ein Innen und
Außen wie in der physischen Welt. Wie der Mensch aus der physischen Umwelt die
Stoffe aufnimmt und sie in seinem physischen Leib verarbeitet, so nimmt er aus der
geistigen Umwelt das Geistige auf und macht es zu dem Seinigen. Das Geistige ist
die ewige Nahrung des Menschen. Und wie der Mensch aus der physischen Welt
geboren ist, so wird er aus dem Geiste durch die ewigen Gesetze des Wahren und
Guten geboren. Er ist von der außer ihm befindlichen Geisteswelt abgetrennt, wie er
von der gesamten physischen Welt als ein selbständiges Wesen abgetrennt ist.
Diese selbständige geistige Wesenheit sei «Geistmensch» genannt.
Wenn wir den physischen Menschenkörper untersuchen, finden wir in ihm dieselben
Stoffe und Kräfte, die außerhalb desselben in der übrigen physischen Welt
vorhanden sind. So ist es auch mit dem Geistmenschen. In ihm pulsieren die
Elemente der äußeren Geisteswelt, in ihm sind die Kräfte der übrigen Geisteswelt
tätig. Wie in der physischen Haut ein Wesen in sich abgeschlossen wird, das lebend
und empfindend ist, so auch in der Geisteswelt. Die geistige Haut, die den
Geistmenschen von der einheitlichen Geisteswelt abschließt, ihn innerhalb
derselben zu einem selbständigen Geisteswesen macht, das in sich lebt und intuitiv
den Geistesinhalt der Welt wahrnimmt, –diese «geistige Haut» sei Geisteshülle
(aurische Hülle) genannt. Nur muß festgehalten werden, daß diese «geistige Haut»
sich fortdauernd mit der fortschreitenden menschlichen Entwicklung ausdehnt, so
daß die geistige Individualität des Menschen (seine aurische Hülle) einer
unbegrenzten Vergrößerung fähig ist.
Innerhalb dieser Geisteshülle lebt der Geistesmensch. Dieser wird durch die geistige
Lebenskraft in demselben Sinne auferbaut, wie der physische Leib durch die
physische Lebenskraft. In ähnlicher Weise, wie man von einem Ätherleib spricht,
muß man daher von einem Äthergeist in bezug auf den Geistesmenschen sprechen.
Dieser Äthergeist sei Lebensgeist genannt. – In drei Teile gliedert sich also die
geistige Wesenheit des Menschen: in den Geistmenschen, den Lebensgeist und das
Geistselbst.
Für den in den geistigen Gebieten «Sehenden» ist diese geistige Wesenheit des
Menschen als der höhere – eigentliche geistige – Teil der Aura eine wahrnehmbare
Wirklichkeit. Er «schaut» innerhalb der Geisteshülle den Geistesmenschen als
Lebensgeist; und «er schaut», wie sich dieser «Lebensgeist» fortwährend durch
Aufnahme von Geistesnahrung aus der geistigen Außenwelt vergrößert. Und ferner
sieht er, wie durch diese Aufnahme sich die Geisteshülle fortdauernd weitet, wie der
Geistmensch immer größer und größer wird. Insofern dieses «Größerwerden»
räumlich «geschaut» wird, ist es selbstverständlich nur ein Bild der Wirklichkeit.
Dessenungeachtet ist in der Vorstellung dieses Bildes die Menschenseele auf die
entsprechende geistige Wirklichkeit hin gerichtet. Es ist der Unterschied der
geistigen Wesenheit des Menschen von seiner physischen, daß die letztere eine
begrenzte Größe hat, während die erstere unbegrenzt wachsen kann. Was an
geistiger Nahrung aufgenommen wird, hat ja einen Ewigkeitswert Aus zwei sich
durchdringenden Teilen setzt sich deshalb die menschliche Aura zusammen. Dem
einen gibt Färbung und Form das physische Dasein des Menschen, dem andern
sein geistiges.
Das Ich gibt die Trennung zwischen beiden, in der Art, daß sich das Physische in
seiner Eigenart hingibt und einen Leib aufbaut, der eine Seele in sich aufleben läßt;
und das Ich gibt sich wieder hin und läßt in sich den Geist aufleben, der nun
seinerseits die Seele durchdringt und ihr das Ziel gibt in der Geisteswelt. Durch den
Leib ist die Seele eingeschlossen im Physischen, durch den Geistmenschen
wachsen ihr die Flügel zur Bewegung in der geistigen Welt.
*
Will man den ganzen Menschen erfassen, so muß man ihn aus den genannten
Bestandteilen zusammengesetzt denken. Der Leib baut sich aus der physischen
Stoffwelt auf, so daß dieser Bau auf das denkende Ich hingeordnet ist. Er ist von
Lebenskraft durchdrungen und wird dadurch zum Ätherleib oder Lebensleib. Als
solcher schließt er sich in den Sinnesorganen nach außen auf und wird zum
Seelenleib. Diesen durchdringt die Empfindungsseele und wird eine Einheit mit ihm.
Die Empfindungsseele empfängt nicht bloß die Eindrücke der Außenwelt als
Empfindungen; sie hat ihr eigenes Leben, das sich durch das Denken auf der
andern Seite ebenso befruchtet wie durch die Empfindungen auf der einen. So wird
sie zur Verstandesseele. Sie kann das dadurch, daß sie sich nach oben hin den
Intuitionen erschließt wie nach unten hin den Empfindungen. Dadurch ist sie
Bewußtseinsseele. Das ist ihr deshalb möglich, weil ihr die Geisteswelt das
Intuitionsorgan hineinbildet, wie ihr der physische Leib die Sinnesorgane bildet. Wie
die Sinne durch den Seelenleib die Empfindungen, so vermittelt ihr der Geist durch
das Intuitionsorgan die Intuitionen. Der Geistmensch ist dadurch mit der
Bewußtseinsseele in einer Einheit verbunden wie der physische Körper mit der
Empfindungsseele im Seelenleib. Bewußtseinsseele und Geistselbst bilden eine
Einheit. In dieser Einheit lebt der Geistesmensch als Lebensgeist, wie der Ätherleib
für den Seelenleib die leibliche Lebensgrundlage bildet. Und wie der physische
Körper in der physischen Haut sich abschließt, so der Geistmensch in der
Geisteshülle. Es ergibt sich die Gliederung des ganzen Menschen in folgender Art:
A. Physischer Körper
B. Ätherleib oder Lebensleib
C. Seelenleib
D. Empfindungsseele
E. Verstandesseele
F. Bewußtseinsseele
G. Geistselbst
H. Lebensgeist
I. Geistesmensch.
Seelenleib (C) und Empfindungsseele (D) sind eine Einheit im irdischen
Menschen; ebenso Bewußtseinsseele (F) und Geistselbst (G). Dadurch ergeben
sich sieben Teile des irdischen Menschen:
1. Der physische Körper
2. Der Äther- oder Lebensleib
3. Der empfindende Seelenleib
4. Die Verstandesseele
5. Die geisterfüllte Bewußtseinsseele
6. Der Lebensgeist
7. Der Geistesmensch.
In der Seele blitzt das «Ich» auf, empfängt aus dem Geiste den Einschlag und
wird dadurch zum Träger des Geistmenschen. Dadurch nimmt der Mensch an
den «drei Welten» (der physischen, seelischen und geistigen) teil. Er wurzelt
durch physischen Körper, Atherleib und Seelenleib in der physischen Welt und
blüht durch das Geistselbst, den Lebensgeist und Geistesmenschen in die
geistige Welt hinauf. Der Stamm aber, der nach der einen Seite wurzelt, nach der
andern blüht, das ist die Seele selbst.
Man kann. durchaus im Einklange mit dieser Gliederung des Menschen, eine
vereinfachte Form derselben geben. Obwohl das menschliche «Ich» in der
Bewußtseinsseele aufleuchtet, so durchdringt es doch das ganze seelische
Wesen. Die Teile dieses seelischen Wesens sind überhaupt nicht so scharf
gesondert wie die Leibesglieder; sie durchdringen sich in einem höheren Sinne.
Faßt man dann Verstandesseele und Bewußtseinsseele als die zwei
zusammengehörigen Hüllen des Ich und dieses als den Kern derselben ins
Auge, dann kann man den Menschen gliedern in: physischen Leib, Lebensleib,
Astralleib und Ich. Mit dem Ausdruck Astralleib wird dabei hier das bezeichnet,
was Seelenleib und Empfindungsseele zusammen sind. Der Ausdruck findet sich
in der älteren Literatur und sei hier frei angewendet auf dasjenige in der
menschlichen Wesenheit, was über das Sinnlich-Wahrnehmbare hinausliegt.
Trotzdem die Empfindungsseele in gewisser Beziehung auch von dem Ich
durchkraftet wird, hängt sie mit dem Seelenleib so eng zusammen, daß für beide,
vereinigt gedacht, ein einziger Ausdruck berechtigt ist. Wenn nun das Ich sich mit
dem Geistselbst durchdringt, so tritt dieses Geistselbst so auf, daß der Astralleib
von dem Seelischen aus umgearbeitet wird. In dem Astralleib wirken zunächst
des Menschen Triebe, Begierden, Leidenschaften, insofern diese empfunden
werden; und es wirken in ihm die sinnlichen Wahrnehmungen. Die sinnlichen
Wahrnehmungen entstehen durch den Seelenleib als ein Glied im Menschen,
das ihm von der äußeren Welt zukommt. Die Triebe, Begierden, Leidenschaften
und so weiter entstehen in der Empfindungsseele, insofern diese vom Innern
durchkraftet wird, bevor dieses Innere sich dem Geistselbst hingegeben hat.
Durchdringt sich das «Ich» mit dem Geistselbst, so durchkraftet die Seele den
Astralleib wieder mit diesem Geistselbst. Es drückt sich dies so aus, daß dann
die Triebe, Begierden und Leidenschaften durchleuchtet sind von dem, was das
Ich aus dem Geiste empfangen hat. Das Ich ist dann vermöge seines Anteiles an
der geistigen Welt Herr geworden in der Welt der Triebe, Begierden und so
weiter. In dem Maße, als es dies geworden ist, erscheint das Geistselbst im
Astralleib. Und dieser selbst wird dadurch verwandelt. Der Astralleib erscheint
dann selbst als zweigliedrige Wesenheit, als zum Teil unverwandelt, zum Teil
verwandelt. Daher kann man das Geistselbst in seiner Offenbarung am
Menschen als den verwandelten Astralleib bezeichnen. Ein Ähnliches geht in
dem Menschen vor, wenn er in sein Ich den Lebensgeist aufnimmt. Dann
verwandelt sich der Lebensleib. Er wird durchdrungen von dem Lebensgeist.
Dieser offenbart sich in der Art, daß der Lebensleib ein anderer wird. Daher kann
man auch sagen, daß der Lebensgeist der verwandelte Lebensleib ist. Und
nimmt das Ich den Geistesmenschen in sich auf, so erhält es dadurch die starke
Kraft, den physischen Leib damit zu durchdringen. Es ist natürlich, daß
dasjenige, was so von dem physischen Leibe verwandelt ist, nicht mit den
physischen Sinnen wahrzunehmen ist. Es ist ja gerade das am physischen Leib
Geistesmensch geworden, was vergeistigt ist. Es ist dann für die sinnliche
Wahrnehmung als Sinnliches vorhanden; und insofern dieses Sinnliche
vergeistigt ist, muß es vom geistigen Erkenntnisvermögen wahrgenommen
werden. Den äußeren Sinnen erscheint eben auch das vom Geistigen
durchdrungene Physische nur sinnlich. Mit Zugrundelegung von alledem kann
man auch folgende Gliederung des Menschen geben:
1. Physischer Leib
2. Lebensleib
3. Astralleib
4. Ich als Seelenkern
5. Geistselbst als verwandelter Astralleib
6. Lebensgeist als verwandelter Lebensleib
7. Geistesmensch als verwandelter physischer Leib.
WIEDERVERKÖRPERUNG DES GEISTES UND SCHICKSAL
(Reinkarnation und Karma)
In der Mitte zwischen Leib und Geist lebt die Seele. Die Eindrücke, die ihr durch den
Leib zukommen, sind vorübergehend. Sie sind nur so lange vorhanden, als der Leib
seine Organe den Dingen der Außenwelt öffnet. Mein Auge empfindet die Farbe an
der Rose nur so lange, als die Rose ihm gegenübersteht und es selbst geöffnet ist.
Die Gegenwart sowohl des Dinges in der Außenwelt wie auch diejenige des
leiblichen Organs sind notwendig, damit ein Eindruck, eine Empfindung oder
Wahrnehmung zustande kommen können. Was ich aber im Geiste als Wahrheit
über die Rose erkannt habe, das geht mit der Gegenwart nicht vorüber. Und es ist in
seiner Wahrheit auch ganz und gar nicht von mir abhängig. Es wäre wahr, auch
wenn ich niemals der Rose gegenübergetreten wäre. Was ich durch den Geist
erkenne, ist in einem Elemente des Seelenlebens gegründet, durch das die Seele
mit einem Weltinhalt zusammenhängt, der in ihr sich unabhängig von ihren
vergänglichen Leibesgrundlagen offenbart. Es kommt nicht darauf an, ob das sich
Offenbarende selbst überall ein Unvergängliches ist, sondern darauf, ob die
Offenbarung für die Seele so geschieht, daß dabei nicht ihre vergängliche
Leibesgrundlage in Betracht kommt, sondern dasjenige, was in ihr von diesem
Vergänglichen unabhängig ist. Das Dauernde in der Seele ist in dem Augenblicke in
die Beobachtung gestellt, in dem man gewahr wird, daß Erlebnisse da sind, die nicht
durch ihr Vergängliches begrenzt sind. Auch darum handelt es sich nicht, ob diese
Erlebnisse zunächst durch vergängliche Verrichtungen der Leibesorganisation
bewußt werden, sondern darum, daß sie etwas enthalten, was zwar in der Seele
lebt, aber doch in seiner Wahrheit unabhängig ist von dem vergänglichen Vorgange
der Wahrnehmung. Zwischen Gegenwart und Dauer ist die Seele gestellt, indem sie
die Mitte hält zwischen Leib und Geist. Aber sie vermittelt auch Gegenwart und
Dauer. Sie bewahrt das Gegenwärtige für die Erinnerung. Dadurch entreißt sie es
der Vergänglichkeit und nimmt es in die Dauer ihres Geistigen auf. Auch prägt sie
das Dauernde dem Zeitlich-Vergänglichen ein, indem sie in ihrem Leben sich nicht
nur den vorübergehenden Reizen hingibt, sondern von sich aus die Dinge bestimmt,
ihnen ihr Wesen in den Handlungen einverleibt, die sie verrichtet. Durch die
Erinnerung bewahrt die Seele das Gestern; durch die Handlung bereitet sie das
Morgen vor.
Meine Seele müßte das Rot der Rose immer von neuem wahrnehmen, um es im
Bewußtsein zu haben, wenn sie es nicht durch die Erinnerung behalten könnte. Das,
was nach dem äußeren Eindruck zurückbleibt, was von der Seele behalten werden
kann, kann unabhängig von dem äußeren Eindrucke wieder Vorstellung werden.
Durch diese Gabe macht die Seele die Außenwelt so zu ihrer eigenen Innenwelt,
daß sie diese dann durch das Gedächtnis – für die Erinnerung – behalten und
unabhängig von den gewonnenen Eindrücken mit ihr weiter ein eigenes Leben
führen kann. Das Seelenleben wird so zur dauernden Wirkung der vergänglichen
Eindrücke der Außenwelt.
Aber auch die Handlung erhält Dauer, wenn sie einmal der Außenwelt aufgeprägt
ist. Schneide ich einen Zweig von einem Baume, so ist durch meine Seele etwas
geschehen, was den Lauf der Ereignisse in der Außenwelt vollkommen ändert. Es
wäre mit dem Zweige an dem Baume etwas ganz anderes geschehen, wenn ich
nicht handelnd eingegriffen hätte. Ich habe eine Reihe von Wirkungen ins Leben
gerufen, die ohne mein Dasein nicht vorhanden gewesen wären. Was ich heute
getan habe, bleibt für morgen bestehen. Es wird dauernd durch die Tat, wie meine
Eindrücke von gestern für meine Seele dauernd geworden sind durch das
Gedächtnis.
Für dieses Dauerndwerden durch die Tat bildet man im gewöhnlichen Bewußtsein
nicht in der gleichen Art eine Vorstellung aus, wie diejenige ist, die man für
«Gedächtnis» hat, für das Dauerndwerden eines Erlebnisses, das auf Grund einer
Wahrnehmung erfolgt. Aber wird nicht das «Ich» des Menschen mit der in der Welt
erfolgten Veränderung durch seine Tat ebenso verbunden wie mit der aus einem
Eindruck erfolgenden Erinnerung? Das «Ich» urteilt über neue Eindrücke anders, je
nachdem es die eine oder die andere Erinnerung hat oder nicht. Aber es ist auch als
«Ich» in eine andere Verbindung zur Welt getreten, je nachdem es die eine oder die
andere Tat verrichtet hat oder nicht. Ob ich auf einen andern Menschen einen
Eindruck gemacht habe durch eine Tat oder nicht, davon hängt es ab, ob etwas in
dem Verhältnisse der Welt zu meinem «Ich» vorhanden ist oder nicht. Ich bin in
meinem Verhältnis zur Welt ein anderer, nachdem ich auf meine Umgebung einen
Eindruck gemacht habe. Daß man, was hier gemeint ist, nicht so bemerkt wie die
Veränderung des «Ich» durch Erwerb einer Erinnerung, das rührt allein davon her,
daß die Erinnerung sich sogleich bei ihrer Bildung verbindet mit dem Seelenleben,
das man schon immer als das seipige empfunden hat; die äußere Wirkung der Tat
aber verläuft, losgelöst von diesem Seelenleben, in Folgen, die noch etwas anderes
sind, als was man davon in der Erinnerung behält. Dessenungeachtet aber sollte
man zugeben, daß, nach einer vollbrachten Tat, etwas in der Welt ist, dem sein
Charakter durch das «Ich» aufgeprägt ist. Man wird, wenn man das hier in Betracht
Kommende wirklich durchdenkt, zu der Frage kommen: Könnte es nicht sein, daß
die Folgen einer vollbrachten Tat, denen ihr Wesen durch das «Ich» aufgeprägt ist,
eine Tendenz erhalten, zu dem Ich wieder hinzuzutreten, wie ein im Gedächtnis
bewahrter Eindruck wieder auflebt, wenn sich dazu eine äußere Veranlassung
ergibt? Das im Gedächtnis Bewahrte wartet auf eine solche Veranlassung. Könnte
nicht das in der Außenwelt mit dem Ich-Charakter Bewahrte ebenso warten, um so
von außen an die Menschenseele heranzutreten, wie die Erinnerung von innen an
diese Seele bei gegebener Veranlassung herantritt? Hier wird diese Sache nur als
Frage hingestellt: denn, gewiß, es könnte sein, daß sich die Veranlassung niemals
ergäbe, daß die mit dem Ich-Charakter behafteten Folgen einer Tat die
Menschenseele treffen könnten. Aber daß sie als solche vorhanden sind und daß
sie in ihrem Vorhandensein das Verhältnis der Welt zu dem Ich bestimmen, das
erscheint sofort als eine mögliche Vorstellung, wenn man, was vorliegt, denkend
verfolgt. Es soll in den nachfolgenden Betrachtungen untersucht werden, ob es im
Menschenleben etwas gibt, das von dieser «möglichen» Vorstellung aus auf eine
Wirklichkeit deutet.
*
Es sei nun erst das Gedächtnis betrachtet. Wie kommt es zustande? Offenbar auf
ganz andere Art als die Empfindung oder Wahrnehmung. Ohne Auge kann ich nicht
die Empfindung des «Blau» haben. Aber durch das Auge habe ich noch keineswegs
die Erinnerung an das «Blau». Soll mir das Auge jetzt diese Empfindung geben, so
muß ihm ein blaues Ding gegenübertreten. Die Leiblichkeit würde alle Eindrücke
immer wieder in Nichts zurücksinken lassen, wenn nicht, indem durch den
Wahrnehmungsakt die gegenwärtige Vorstellung sich bildet, zugleich in dem
Verhältnisse zwischen Außenwelt und Seele sich etwas abspielte, was in dem
Menschen eine solche Folge hat, daß er später durch Vorgänge in sich wieder eine
Vorstellung von dem haben kann, was früher eine Vorstellung von außen her bewirkt
hat. Wer sich Übung für seelisches Beobachten erworben hat, wird finden können,
daß der Ausdruck ganz schief ist, der von der Meinung ausgeht: man habe heute
eine Vorstellung und morgen trete durch das Gedächtnis diese Vorstellung wieder
auf, nachdem sie sich inzwischen irgendwo im Menschen aufgehalten hat. Nein, die
Vorstellung, die ich jetzt habe, ist eine Erscheinung, die mit dem «jetzt» vorübergeht.
Tritt Erinnerung ein, so findet in mir ein Vorgang statt, der die Folge von etwas ist,
das außer dem Hervorrufen der gegenwärtigen Vorstellung in dem Verhältnis
zwischen Außenwelt und mir stattgefunden hat. Die durch die Erinnerung
hervorgerufene Vorstellung ist eine neue und nicht die aufbewahrte alte. Erinnerung
besteht darin, daß wieder vorgestellt werden kann, nicht, daß eine Vorstellung
wieder aufleben kann. Was wieder eintritt, ist etwas anderes als die Vorstellung
selbst. (Diese Anmerkung wird hier gemacht, weil auf geisteswissenschaftlichem
Gebiete notwendig ist, daß man sich über gewisse Dinge genauere Vorstellungen
macht als im gewöhnlichen Leben und sogar auch in der gewöhnlichen
Wissenschaft.) – Ich erinnere mich, das heißt: ich erlebe etwas, was selbst nicht
mehr da ist. Ich verbinde ein vergangenes Erlebnis mit meinem gegenwärtigen
Leben. Es ist so bei jeder Erinnerung. Man nehme an, ich treffe einen Menschen
und erkenne ihn wieder, weil ich ihn gestern getroffen habe. Er wäre für mich ein
völlig Unbekannter, wenn ich nicht das Bild, das ich mir gestern durch die
Wahrnehmung gemacht habe, mit meinem heutigen Eindruck von ihm verbinden
könnte. Das heutige Bild gibt mir die Wahrnehmung, das heißt meine
Sinnesorganisation. Wer aber zaubert das gestrige in meine Seele herein? Es ist
dasselbe Wesen in mir, das gestern bei meinem Erlebnis dabei war und das auch
bei dem heutigen dabei ist. Seele ist es in den vorhergehenden Ausführungen
genannt worden. Ohne diese treue Bewahrerin des Vergangenen wäre jeder äußere
Eindruck für den Menschen immer wieder neu. Gewiß ist, daß die Seele den
Vorgang, durch welchen etwas Erinnerung wird, dem Leibe wie durch ein Zeichen
einprägt; doch muß eben die Seele diese Einprägung machen und dann ihre eigene
Einprägung wahrnehmen, wie sie etwas Äußeres wahrnimmt. So ist sie die
Bewahrerin der Erinnerung.
Als Bewahrerin des Vergangenen sammelt die Seele fortwährend Schätze für den
Geist auf. Daß ich das Richtige von dem Unrichtigen unterscheiden kann, das hängt
davon ab, daß ich als Mensch ein denkendes Wesen bin, das die Wahrheit im
Geiste zu ergreifen vermag. Die Wahrheit ist ewig; und sie könnte sich mir immer
wieder an den Dingen offenbaren, auch wenn ich das Vergangene immer wieder
aus dem Auge verlöre und jeder Eindruck für mich ein neuer wäre. Aber der Geist in
mir ist nicht allein auf die Eindrücke der Gegenwart beschränkt; die Seele erweitert
seinen Gesichtskreis über die Vergangenheit hin. Und je mehr sie aus der
Vergangenheit zu ihm hinzuzufügen vermag, desto reicher macht sie ihn. So gibt die
Seele an den Geist weiter, was sie vom Leibe erhalten hat. – Der Geist des
Menschen trägt dadurch in jedem Augenblicke seines Lebens zweierlei in sich.
Erstens die ewigen Gesetze des Wahren und Guten und zweitens die Erinnerung an
die Erlebnisse der Vergangenheit. Was er tut, das vollbringt er unter dem Einflusse
dieser beiden Faktoren. Wollen wir einen Menschengeist verstehen, so müssen wir
deshalb auch zweierlei von ihm wissen: erstens, wieviel von dem Ewigen sich ihm
offenbart hat, und zweitens, wieviel Schätze aus der Vergangenheit in ihm liegen.
Diese Schätze bleiben dem Geiste keineswegs in unveränderter Gestalt. Die
Eindrücke, die der Mensch aus den Erlebnissen gewinnt, schwinden dem
Gedächtnisse allmählich dahin. Nicht aber ihre Früchte. Man erinnert sich nicht aller
Erlebnisse, die man in der Kindheit durchgemacht hat, während man sich die Kunst
des Lesens und des Schreibens angeeignet hat. Aber man könnte nicht lesen und
schreiben, wenn man diese Erlebnisse nicht gehabt hätte und ihre Früchte nicht
bewahrt geblieben wären in Form von Fähigkeiten. Und das ist die Umwandlung, die
der Geist mit den Gedächtnisschätzen vornimmt. Er überläßt, was zu Bildern der
einzelnen Erlebnisse führen kann, seinem Schicksale und entnimmt ihm nur die
Kraft zu einer Erhöhung seiner Fähigkeiten. So geht gewiß kein Erlebnis ungenützt
vorüber: die Seele bewahrt es als Erinnerung, und der Geist saugt aus ihm
dasjenige, was seine Fähigkeiten, seinen Lebensgehalt bereichern kann. Der
Menschengeist wächst durch die verarbeiteten Erlebnisse. – Kann man also auch
die vergangenen Erlebnisse im Geiste nicht wie in einer Sammelkammer aufbewahrt
finden, man findet ihre Wirkungen in den Fähigkeiten, die sich der Mensch erworben
hat.
*
Bisher sind der Geist und die Seele nur betrachtet worden innerhalb der Grenzen,
die zwischen Geburt und Tod liegen. Man kann dabei nicht stehenbleiben. Wer das
tun wollte, der gliche dem, welcher auch den menschlichen Leib nur innerhalb
derselben Grenzen betrachten wollte. Man kann gewiß vieles innerhalb dieser
Grenzen finden. Aber man kann nimmermehr aus dem, was zwischen Geburt und
Tod liegt, die menschliche Gestalt erklären. Diese kann sich nicht aus bloßen
physischen Stoffen und Kräften unmittelbar auferbauen. Sie kann nur von einer ihr
gleichen Gestalt abstammen, die sich auf Grund dessen ergibt, was sich
fortgepflanzt hat. Die physischen Stoffe und Kräfte bauen den Leib während des
Lebens auf: die Kräfte der Fortpflanzung lassen aus ihm einen andern hervorgehen,
der seine Gestalt haben kann, also einen solchen, der Träger desselben
Lebensleibes sein kann. – Jeder Lebensleib ist eine Wiederholung seines Vorfahren.
Nur weil er dieses ist, erscheint er nicht in jeder beliebigen Gestalt, sondern in
derjenigen, die ihm vererbt ist. Die Kräfte, die meine Menschengestalt möglich
gemacht haben, lagen in meinen Vorfahren. Aber auch der Geist des Menschen
erscheint in einer bestimmten Gestalt (wobei das Wort Gestalt natürlich geistig
gemeint ist). Und die Gestalten des Geistes sind die denkbar verschiedensten bei
den einzelnen Menschen. Nicht zwei Menschen haben die gleiche geistige Gestalt.
Man muß auf diesem Gebiete nur ebenso ruhig und sachlich beobachten wie auf
dem physischen. Man kann nicht sagen, die Verschiedenheiten der Menschen in
geistiger Beziehung rühren allein von den Verschiedenheiten ihrer Umgebung, ihrer
Erziehung und so weiter her. Nein, das ist durchaus nicht der Fall; denn zwei
Menschen entwickeln sich unter den gleichen Einflüssen der Umgebung, der
Erziehung und so weiter in ganz verschiedener Art. Deshalb muß man zugeben, daß
sie mit ganz verschiedenen Anlagen ihren Lebensweg angetreten haben. – Hier
steht man vor einer wichtigen Tatsache, die Licht ausbreitet über die Wesenheit des
Menschen, wenn man ihre volle Tragweite erkennt. Wer seine Anschauung nur nach
der Seite des materiellen Geschehens hin richten will, der könnte allerdings sagen,
die individuellen Verschiedenheiten menschlicher Persönlichkeiten rühren von den
Verschiedenheiten in der Beschaffenheit der stofflichen Keime her. (Und unter
Berücksichtigung der von Gregor Mendel gefundenen und von andern
weitergebildeten Vererbungsgesetze kann eine solche Ansicht vieles sagen, was ihr
den Schein von Berechtigung auch vor dem wissenschaftlichen Urteil gibt.) Ein
solcher Beurteiler zeigt aber nur, daß er keine Einsicht in das wirkliche Verhältnis
des Menschen zu dessen Erleben hat. Denn die sachgemäße Beobachtung ergibt,
daß die äußeren Umstände auf verschiedene Personen in verschiedener Art durch
etwas wirken, das gar nicht unmittelbar mit der stofflichen Entwicklung in
Wechselbeziehung tritt. Für den wirklich genauen Erforscher auf diesem Gebiete
zeigt sich, daß, was aus den stofflichen Anlagen kommt, sich unterscheiden läßt von
dem, was zwar durch Wechselwirkung des Menschen mit den Erlebnissen entsteht,
aber nur dadurch sich gestalten kann, daß die Seele selbst diese Wechselwirkung
eingeht. Die Seele steht da deutlich mit etwas innerhalb der Außenwelt in
Beziehung, das, seinem Wesen nach, keinen Bezug zu stofflichen Keimanlagen
haben kann.
Durch ihre physische Gestalt unterscheiden sich die Menschen von ihren tierischen
Mitgeschöpfen auf der Erde. Aber sie sind innerhalb gewisser Grenzen in bezug auf
diese Gestalt untereinander gleich. Es gibt nur eine menschliche Gattung. Wie groß
auch die Unterschiede der Rassen, Stämme, Völker und Persönlichkeiten sein
mögen: in physischer Beziehung ist die Ähnlichkeit zwischen Mensch und Mensch
größer als die zwischen dem Menschen und irgendeiner Tiergattung. Alles, was in
der menschlichen Gattung sich ausprägt, wird bedingt durch die Vererbung von den
Vorfahren auf die Nachkommen. Und die menschliche Gestalt ist an diese
Vererbung gebunden. Wie der Löwe nur durch Löwenvorfahren, so kann der
Mensch nur durch menschliche Vorfahren seine physische Gestalt erben.
So wie die physische Ähnlichkeit der Menschen klar vor Augen liegt, so enthüllt sich
dem vorurteilslosen geistigen Blicke die Verschiedenheit ihrer geistigen Gestalten. –
Es gibt eine offen zutage liegende Tatsache, durch welche dies zum Ausdrucke
kommt. Sie besteht in dem Vorhandensein der Biographie eines Menschen. Wäre
der Mensch bloßes Gattungswesen, so könnte es keine Biographie geben. Ein
Löwe, eine Taube nehmen das Interesse in Anspruch, insofern sie der Löwen-, der
Taubenart angehören. Man hat das Einzelwesen in allem Wesentlichen verstanden,
wenn man die Art beschrieben hat. Es kommt hier wenig darauf an, ob man es mit
Vater, Sohn oder Enkel zu tun hat. Was bei ihnen interessiert, das haben eben
Vater, Sohn und Enkel gemeinsam. Was der Mensch bedeutet, das aber fängt erst
da an, wo er nicht bloß Art-, oder Gattungs-, sondern wo er Einzelwesen ist. Ich
habe das Wesen des Herrn Schulze in Krähwinkel durchaus nicht begriffen, wenn
ich seinen Sohn oder seinen Vater beschrieben habe. Ich muß seine eigene
Biographie kennen. Wer über das Wesen der Biographie nachdenkt, der wird
gewahr, daß in geistiger Beziehung jeder Mensch eine Gattung für sich ist. – Wer
freilich Biographie bloß als eine äußerliche Zusammenstellung von
Lebensereignissen faßt, der mag behaupten, daß er in demselben Sinne eine
Hunde-wie eine Menschenbiographie schreiben könne. Wer aber in der Biographie
die wirkliche Eigenart eines Menschen schildert, der begreift, daß er in ihr etwas hat,
was im Tierreiche der Beschreibung einer ganzen Art entspricht. Nicht darauf kommt
es an, daß man – was ja wirklich selbstverständlich ist – auch von einem Tiere –
besonders von einem klugen – etwas Biographieartiges sagen kann, sondern
darauf, daß die Menschenbiographie nicht dieser Tierbiographie, sondern der
Beschreibung der tierischen Art entspricht. Es wird ja immer wieder Menschen
geben, die das hier Gesagte damit werden widerlegen wollen, daß sie sagen,
Menageriebesitzer zum Beispiel wissen, wie individuell einzelne Tiere derselben
Gattung sich unterscheiden. Wer so urteilt, der zeigt aber nur, da,ß er individuelle
Verschiedenheit nicht zu unterscheiden vermag von Verschiedenheit, die nur durch
Individualität erworben sich zeigt.
Wird nun die Art oder Gattung im physischen Sinne nur verständlich, wenn man sie
in ihrer Bedingtheit durch die Vererbung begreift, so kann auch die geistige
Wesenheit nur durch eine ähnliche geistige Vererbung verstanden werden. Meine
physische Menschengestalt habe ich wegen meiner Abstammung von menschlichen
Vorfahren. Woher habe ich dasjenige, was in meiner Biographie zum Ausdrucke
kommt? Als physischer Mensch wiederhole ich die Gestalt meiner Vorfahren. Was
wiederhole ich als geistiger Mensch? Wer behaupten will: dasjenige, was in meiner
Biographie eingeschlossen ist, bedürfe keiner weiteren Erklärung, das müsse eben
hingenommen werden, der soll nur auch gleich behaupten: er habe irgendwo einen
Erdhügel gesehen, auf dem sich die Stoffklumpen ganz von selbst zu einem
lebenden Menschen zusammengeballt haben.
Als physischer Mensch stamme ich von anderen physischen Menschen ab, denn ich
habe dieselbe Gestalt wie die ganze menschliche Gattung. Die Eigenschaften der
Gattung konnten also innerhalb der Gattung durch Vererbung erworben werden. Als
geistiger Mensch habe ich meine eigene Gestalt, wie ich meine eigene Biographie
habe. Ich kann also diese Gestalt von niemand anderm haben als von mir selbst.
Und da ich nicht mit unbestimmten, sondern mit bestimmten seelischen Anlagen in
die Welt eingetreten bin, da durch diese Anlagen mein Lebensweg, wie er in der
Biographie zum Ausdruck kommt, bestimmt ist, so kann meine Arbeit an mir nicht
bei meiner Geburt begonnen haben. Ich muß als geistiger Mensch vor meiner
Geburt vorhanden gewesen sein. In meinen Vorfahren bin ich sicher nicht
vorhanden gewesen, denn diese sind als geistige Menschen von mir verschieden.
Meine Biographie ist nicht aus der ihrigen erklärbar. Ich muß vielmehr als geistiges
Wesen die Wiederholung eines solchen sein, aus dessen Biographie die meinige
erklärbar ist. Der andere zunächst denkbare Fall wäre der, daß ich die
Ausgestaltung dessen, was Inhalt meiner Biographie ist, nur einem geistigen Leben
vor der Geburt (beziehungsweise der Empfängnis) verdanke. Zu dieser Vorstellung
hätte man aber nur Berechtigung, wenn man annehmen wollte, daß, was auf die
Menschenseele aus dem physischen Umkreis herein wirkt, gleichartig sei mit dem,
was die Seele aus einer nur geistigen Welt hat. Eine solche Annahme widerspricht
der wirklich genauen Beobachtung. Denn was aus dieser physischen Umgebung
bestimmend für die Menschenseele ist, das ist so, daß es wirkt wie ein später im
physischen Leben Erfahrenes auf ein in gleicher Art früher Erfahrenes. Um diese
Verhältnisse richtig zu beobachten, muß man sich den Blick dafür aneignen, wie es
im Menschenleben wirksame Eindrücke gibt, die so auf die Anlagen der Seele
wirken wie das Stehen vor einer zu verrichtenden Tat gegenüber dem, was man im
physischen Leben schon geübt hat; nur daß solche Eindrücke eben nicht auf ein in
diesem unmittelbaren Leben schon Geübtes auftreffen, sondern auf Seelenanlagen,
die sich so beeindrucken lassen wie die durch Übung erworbenen Fähigkeiten. Wer
diese Dinge durchschaut, der kommt zu der Vorstellung von Erdenleben, die dem
gegenwärtigen vorangegangen sein müssen. Er kann denkend nicht bei rein
geistigen Erlebnissen vor diesem Erdenleben stehenbleiben. – Die physische
Gestalt, die Schiller an sich getragen hat, die hat er von seinen Vorfahren ererbt.
Sowenig aber diese physische Gestalt aus der Erde gewachsen sein kann, sowenig
kann es die geistige Wesenheit Schillers sein. Er muß die Wiederholung einer
andern geistigen Wesenheit sein, aus deren Biographie die seinige erklärbar wird,
wie die physische Menschengestalt Schillers durch menschliche Fortpflanzung
erklärbar ist. – So wie also die physische Menschengestalt immer wieder und wieder
eine Wiederholung, eine Wiederverkörperung der menschlichen Gattungswesenheit
ist, so muß der geistige Mensch eine Wiederverkörperung desselben geistigen
Menschen sein. Denn als geistiger Mensch ist eben jeder eine eigene Gattung.
Man kann gegen das hier Gesagte einwenden: das seien reine
Gedankenausführungen; und man kann äußere Beweise verlangen, wie man sie
von der gewöhnlichen Naturwissenschaft her gewohnt ist. Dagegen muß gesagt
werden, daß die Wiederverkörperung des geistigen Menschen doch ein Vorgang ist,
der nicht dem Felde äußerer physischer Tatsachen angehört, sondern ein solcher,
der sich ganz im geistigen Felde abspielt. Und zu diesem Felde hat keine andere
unserer gewöhnlichen Geisteskräfte Zutritt als allein das Denken. Wer der Kraft des
Denkens nicht vertrauen will, der kann sich über höhere geistige Tatsachen eben
nicht aufklären. – Für denjenigen, dessen geistiges Auge erschlossen ist, wirken die
obigen Gedankengänge genau mit derselben Kraft, wie ein Vorgang wirkt, der sich
vor seinem physischen Auge abspielt. Wer einem sogenannten «Beweise», der
nach der Methode der gewöhnlichen naturwissenschaftlichen Erkenntnis aufgebaut
ist, mehr Überzeugungskraft zugesteht als den obigen Ausführungen über die
Bedeutung der Biographie, der mag im gewöhnlichen Wortsinn ein großer
Wissenschafter sein: von den Wegen der echt geistigen Forschung ist er aber sehr
weit entfernt.
Es gehört zu den bedenklichsten Vorurteilen, wenn man die geistigen Eigenschaften
eines Menschen durch Vererbung von Vater oder Mutter oder anderen Vorfahren
erklären will. Wer sich des Vorurteils schuldig macht, daß zum Beispiel Goethe das,
was sein Wesen ausmacht, von Vater und Mutter ererbt habe, dem wird auch
zunächst kaum mit Gründen beizukommen sein, denn in ihm liegt eine tiefe
Antipathie gegen vorurteilslose Beobachtung. Eine materialistische Suggestion
hindert ihn, die Zusammenhänge der Erscheinungen im rechten Lichte zu sehen.
In solchen Ausführungen sind die Voraussetzungen gegeben, um die menschliche
Wesenheit über Geburt und Tod hinaus zu verfolgen. Innerhalb der durch Geburt
und Tod bestimmten Grenzen gehört der Mensch den drei Welten, der Leiblichkeit,
dem Seelischen und dem Geistigen, an. Die Seele bildet das Mittelglied zwischen
Leib und Geist, indem sie das dritte Glied des Leibes, den Seelenleib, mit der
Empfindungsfähigkeit durchdringt und indem sie das erste Glied des Geistes, das
Geistselbst, als Bewußtseinsseele durchsetzt. Sie hat dadurch während des Lebens
Anteil an dem Leibe sowohl wie an dem Geiste. Dieser Anteil kommt in ihrem
ganzen Dasein zum Ausdruck. Von der Organisation des Seelenleibes wird es
abhängen, wie die Empfindungsseele ihre Fähigkeiten entfalten kann. Und von dem
Leben der Bewußtseinsseele wird es andererseits abhängig sein, wie weit das
Geistselbst in ihr sich entwickeln kann. Die Empfindungsseele wird einen um so
besseren Verkehr mit der Außenwelt entfalten, je wohlgebildeter der Seelenleib ist.
Und das Geistselbst wird um so reicher, machtvoller werden, je mehr ihm die
Bewußtseinsseele Nahrung zuführt. Es ist gezeigt worden, daß während des Lebens
durch die verarbeiteten Erlebnisse und die Früchte dieser Erlebnisse dem
Geistselbst diese Nahrung zugeführt wird. Denn die dargelegte Wechselwirkung
zwischen Seele und Geist kann natürlich nur da geschehen, wo Seele und Geist
ineinander befindlich, voneinander durchdrungen sind, also innerhalb der
Verbindung von «Geistselbst mit Bewußtseinsseele».
Es sei zuerst die Wechselwirkung von Seelenleib und Empfindungsseele betrachtet.
Der Seelenleib ist, wie sich ergeben hat, zwar die feinste Ausgestaltung der
Leiblichkeit, aber er gehört doch zu dieser und ist von ihr abhängig. Physischer
Körper, Ätherleib und Seelenleib machen in gewisser Beziehung ein Ganzes aus.
Daher ist auch der Seelenleib in die Gesetze der physischen Vererbung, durch die
der Leib seine Gestalt erhält, mit einbezogen. Und da er die beweglichste,
gleichsam flüchtigste Form der Leiblichkeit ist, so muß er auch die beweglichsten
und flüchtigsten Erscheinungen der Vererbung zeigen. Während daher der
physische Leib nur nach Rassen, Völkern, Stämmen am wenigsten verschieden ist
und der Ätherleib zwar eine größere Abweichung für die einzelnen Menschen, aber
doch noch eine überwiegende Gleichheit aufweist, ist diese Verschiedenheit beim
Seelenleib schon eine sehr große. In ihm kommt zum Ausdruck, was man schon als
äußere, persönliche Eigenart des Menschen empfindet. Er ist daher auch der Träger
dessen, was sich von dieser persönlichen Eigenart von den Eltern, Großeltern und
so weiter auf die Nachkommen vererbt. – Zwar führt die Seele als solche, wie
auseinandergesetzt worden ist, ein vollkommenes Eigenleben; sie schließt sich mit
ihren Neigungen und Abneigungen, mit ihren Gefühlen und Leidenschaften in sich
selbst ab. Aber sie ist doch als Ganzes wirksam, und deshalb kommt auch in der
Empfindungsseele dieses Ganze zur Ausprägung. Und weil die Empfindungsseele
den Seelenleib durchdringt, gleichsam ausfüllt, so formt sich dieser nach der Natur
der Seele, und er kann dann als Vererbungsträger die Neigungen; Leidenschaften
und so weiter von den Vorfahren auf die Nachkommen übertragen. Auf dieser
Tatsache beruht, was Goethe sagt: «Vom Vater hab' ich die Statur, des Lebens
ernstes Führen; vom Mütterchen die Frohnatur und Lust zu fabulieren.» Das Genie
hat er natürlich von beiden nicht. Auf diese Art zeigt sich uns, was der Mensch von
seinen seelischen Eigenschaften an die Linie der physischen Vererbung gleichsam
abgibt. – Die Stoffe und Kräfte des physischen Körpers sind in gleicher Art auch in
dem ganzen Umkreis der äußeren physischen Natur. Sie werden von da
fortwährend aufgenommen und an sie wieder abgegeben. Innerhalb einiger Jahre
erneuert sich die Stoffmasse, die unsern physischen Körper zusammensetzt,
vollständig. Daß diese Stoffmasse die Form des menschlichen Körpers annimmt und
daß sie innerhalb dieses Körpers sich immer wieder erneuert, das hängt davon ab,
daß sie von dem Ätherleib zusammengehalten wird. Und dessen Forni ist nicht allein
durch die Vorgänge zwischen Geburt – oder Empfängnis – und Tod bestimmt,
sondern sie ist von den Gesetzen der Vererbung abhängig, die über Geburt und Tod
hinausreichen. Daß auf dem Wege der Vererbung auch seelische Eigenschaften
übertragen werden können, also der Fortgang der physischen Vererbung einen
seelischen Einschlag erlangt, das hat seinen Grund darin, daß der Seelenleib von
der Empfindungsseele beeinflußt werden kann.
Wie gestaltet sich nun die Wechselwirkung zwischen Seele und Geist? Während
des Lebens ist der Geist in der oben angegebenen Art mit der Seele verbunden.
Diese empfängt von ihm die Gabe, in dem Wahren und Guten zu leben und dadurch
iii ihrem Eigenleben, in ihren Neigungen, Trieben und Leidenschaften den Geist
selbst zum Ausdruck zu bringen. Das Geistselbst bringt dem «Ich» aus der Welt des
Geistes die ewigen Gesetze des Wahren und Guten. Diese verknüpfen sich durch
die Bewußtseinsseele mit den Erlebnissen des seelischen Eigenlebens. Diese
Erlebnisse selbst gehen vorüber. Aber ihre Früchte bleiben. Daß das Geistselbst mit
ihnen verknüpft war, macht einen bleibenden Eindruck auf dasselbe. Tritt der
menschliche Geist an ein solches Erlebnis heran, das einem andern ähnlich ist, mit
dem es schon einmal verknüpft war, so sieht er in ihm etwas Bekanntes und weiß
sich ihm gegenüber anders zu verhalten, als wenn es zum erstenmal ihm
gegenüberstände. Darauf beruht ja alles Lernen. Und die Früchte des Lernens sind
angeeignete Fähigkeiten. – Dem ewigen Geiste werden auf diese Art Früchte des
vorübergehenden Lebens eingeprägt. – Und nehmen wir nicht diese Früchte wahr?
Worauf beruhen die Anlagen, die als das Charakteristische des geistigen Menschen
oben dargelegt worden sind? Doch nur in Fähigkeiten zu diesem oder jenem, die der
Mensch mitbringt, wenn er seinen irdischen Lebensweg beginnt. Es gleichen in
gewisser Beziehung diese Fähigkeiten durchaus solchen, die wir uns auch während
des Lebens aneignen können. Man nehme das Genie eines Menschen. Von Mozart
ist bekannt, daß er als Knabe ein einmal gehörtes langes musikalisches Kunstwerk
aus dem Gedächtnisse aufschreiben konnte. Er war dazu nur fähig, weil er das
Ganze auf einmal überschauen konnte. Innerhalb gewisser Grenzen erweitert der
Mensch auch während des Lebens seine Fähigkeit, zu überschauen,
Zusammenhänge zu durchdringen, so daß er dann neue Fähigkeiten besitzt.
Lessing hat doch von sich gesagt, daß er sich durch kritische Beobachtungsgabe
etwas angeeignet habe, was dem Genie nahekommt. Will man solche Fähigkeiten,
die in Anlagen begründet sind, nicht als Wunder anstaunen, so muß man sie für
Früchte von Erlebnissen halten, die das Geistselbst durch eine Seele gehabt hat.
Sie sind diesem Geistselbst eingeprägt worden. Und da sie nicht in diesem Leben
eingepflanzt worden sind, so in einem früheren. Der menschliche Geist ist seine
eigene Gattung. Und wie der Mensch als physisches Gattungswesen seine
Eigenschaften innerhalb der Gattung vererbt, so der Geist innerhalb seiner Gattung,
das heißt innerhalb seiner selbst. In einem Leben erscheint der menschliche Geist
als Wiederholung seiner selbst mit den Früchten seiner vorigen Erlebnisse in
vorhergehenden Lebensläufen. Dieses Leben ist somit die Wiederholung von
andern und bringt mit sich, was das Geistselbst in dem vorigen Leben sich erarbeitet
hat. Wenn dieses in sich etwas aufnimmt, was Frucht werden kann, so durchdringt
es sich mit dem Lebensgeist. Wie der Lebensleib die Form von Art zu Art wiederholt,
so der Lebensgeist die Seele vom persönlichen Dasein zu persönlichem Dasein.
Durch die vorangehenden Betrachtungen wird die Vorstellung in den Bereich der
Gültigkeit erhoben, die den Grund für gewisse Lebensvorgänge des Menschen in
wiederholten Erdenleben sucht. Ihre volle Bedeutung kann diese Vorstellung wohl
nur erhalten durch eine Beobachtung, die aus geistigen Einsichten entspringt, wie
sie durch das Betreten des am Schlusse dieses Buches beschriebenen
Erkenntnispfades erworben werden. Hier sollte nur gezeigt werden, daß eine durch
das Denken recht orientierte gewöhnliche Beobachtung schon zu dieser Vorstellung
führt. Eine solche Beobachtung wird zunächst allerdings die Vorstellung
gewissermaßen silhouettenhaft lassen. Und sie wird sie nicht ganz bewahren
können vor den Einwürfen einer nicht genauen, von dem Denken nicht richtig
geleiteten Beobachtung. Aber andererseits ist richtig, daß, wer sich eine solche
Vorstellung durch gewöhnlich denkende Beobachtung erwirbt, sich bereitmacht zur
übersinnlichen Beobachtung. Er bildet gewissermaßen etwas aus, was man haben
muß vor dieser übersinnlichen Beobachtung, wie man das Auge haben muß vor der
sinnlichen Beobachtung. Wer einwendet, daß man sich ja durch Bildung einer
solchen Vorstellung die übersinnliche Beobachtung selbst suggerieren könne, der
beweist nur, daß er nicht in freiem Denken auf die Wirklichkeit einzugehen vermag
und daß gerade er sich dadurch seine Einwände selbst suggeriert.
*
So werden die seelischen Erlebnisse dauernd nicht nur innerhalb der Grenzen von
Geburt und Tod, sondern über den Tod hinaus bewahrt. Aber nicht nur dem Geiste,
der in ihr aufleuchtet, prägt die Seele ihre Erlebnisse ein, sondern, wie gezeigt
worden ist, auch der äußeren Welt durch die Tat. Was der Mensch gestern
verrichtet hat, ist heute noch in seiner Wirkung vorhanden. Ein Bild des
Zusammenhanges von Ursache und Wirkung in dieser Richtung gibt das Gleichnis
von Schlaf und Tod. – Oft ist der Schlaf der jüngere Bruder des Todes genannt
worden. Ich stehe des Morgens auf. Meine fortlaufende Tätigkeit war durch die
Nacht unterbrochen. Es ist min unter gewöhnlichen Verhältnissen nicht möglich, daß
ich des Morgens meine Tätigkeit in beliebiger Weise wieder aufnehme. Ich muß an
mein Tun von gestern anknüpfen, wenn Ordnung und Zusammenhang in meinem
Leben sein soll. Meine Taten von gestern sind die Vorbedingungen derjenigen, die
mir heute obliegen. Ich habe mir mit dem, was ich gestern vollbracht habe, für heute
mein Schicksal geschaffen. Ich habe mich eine Weile von meiner Tätigkeit getrennt;
aber diese Tätigkeit gehört zu mir und sie zieht mich wieder zu sich, nachdem ich
mich eine Weile von ihr zurückgezogen habe. Meine Vergangenheit bleibt mit mir
verbunden; sie lebt in meiner Gegenwart weiter und wird mir in meine Zukunft
folgen. Nicht erwachen müßte ich heute morgen, sondern neu, aus dem Nichts
heraus geschaffen werden, wenn die Wirkungen meiner Taten von gestern nicht
mein Schicksal von heute sein sollten. Sinnlos wäre es doch, wenn ich unter
regelmäßigen Verhältnissen ein Haus, das ich mir habe bauen lassen, nicht
beziehen würde.
Ebensowenig wie der Mensch am Morgen neu geschaffen ist, ebensowenig ist es
der Menschengeist, wenn er seinen irdischen Lebensweg beginnt. Man versuche
sich klarzumachen, was bei dem Betreten dieses Lebensweges geschieht. Ein
physischer Leib tritt auf, der seine Gestalt durch die Gesetze der Vererbung erhält.
Dieser Leib wird der Träger eines Geistes, der ein früheres Leben in neuer Gestalt
wiederholt. Zwischen beiden steht die Seele, die ein in sich geschlossenes
Eigenleben führt. Ihre Neigungen und Abneigungen, ihre Wünsche und Begierden
dienen ihr; sie stellt das Denken in ihren Dienst. Sie empfängt als Empfindungsseele
die Eindrücke der Außenwelt; und sie trägt sie dem Geiste zu, auf daß er die
Früchte daraus sauge für die Dauer. Sie hat gleichsam eine Vermittlerrolle, und ihre
Aufgabe ist erfüllt, wenn sie dieser Rolle genügt. Der Leib formt ihr die Eindrücke;
sie gestaltet sie zu Empfindungen um, bewahrt sie im Gedächtnisse als
Vorstellungen und gibt sie an den Geist ab, auf daß er sie durch die Dauer trage.
Die Seele ist eigentlich das, wodurch der Mensch seinem irdischen Lebenslauf
angehört. Durch seinen Leib gehört er der physischen Menschengattung an. Durch
ihn ist er ein Glied dieser Gattung. Mit seinem Geiste lebt er in einer höheren Welt.
Die Seele bindet zeitweilig beide Welten aneinander.
Aber die physische Welt, die der Menschengeist betritt, ist ihm kein fremder
Schauplatz. In ihr sind die Spuren seiner Taten eingeprägt. Es gehört von diesem
Schauplatz etwas zu ihm. Das trägt das Gepräge seines Wesens. Es ist verwandt
mit ihm. Wie die Seele einst die Eindrücke der Außenwelt ihm übermittelt hat, auf
daß sie ihm dauernd werden, so hat sie, als sein Organ, die ihr von ihm verliehenen
Fähigkeiten in Taten umgesetzt, die in ihren Wirkungen ebenfalls dauernd sind.
Dadurch ist die Seele in diese Taten tatsächlich eingeflossen. In den Wirkungen
seiner Taten lebt des Menschen Seele ein zweites selbständiges Leben weiter. Dies
aber kann die Veranlassung dazu geben, das Leben daraufhin anzusehen, wie die
Schicksalsvorgänge in dieses Leben eintreten. Etwas «stößt» dem Menschen zu. Er
ist wohl zunächst geneigt, ein solch «Zustoßendes» wie ein «zufällig» in sein Leben
Eintretendes zu betrachten. Allein er kann gewahr werden, wie er selbst das
Ergebnis solcher «Zufälle» ist. Wer sich in seinem vierzigsten Lebensjahre
betrachtet und mit der Frage nach seinem Seelenwesen nicht bei einer wesenlos
abstrakten Ich-Vorstellung stehenbleiben will, der darf sich sagen: ich bin ja gar
nichts anderes, als was ich geworden bin durch dasjenige, was mir bis heute
schicksalsmäßig «zugestoßen» ist. Wäre ich nicht ein anderes, wenn ich zum
Beispiel mit zwanzig Jahren eine bestimmte Reihe von Erlebnissen gehabt hätte
statt derjenigen, die mich getroffen haben? Er wird dann sein «Ich» nicht nur in
seinen von «innen» heraus kommenden Entwicklungsimpulsen suchen, sondern in
dem, was «von außen» gestaltend in sein Leben eingreift. In dem, was «ihm
geschieht», wird er das eigene Ich erkennen. Gibt man sich solch einer Erkenntnis
unbefangen hin, dann ist nur ein weiterer Schritt wirklich intimer Beobachtung des
Lebens dazu nötig, um in dem, was einem durch gewisse Schicksalserlebnisse
zufließt, etwas zu sehen, was das Ich von außen so ergreift, wie die Erinnerung von
innen wirkt, um ein vergangenes Erlebnis wieder aufleuchten zu lassen. Man kann
sich so geeignet dazu machen, in dem Schicksalserlebnis wahrzunehmen, wie eine
frühere Tat der Seele den Weg zu dem Ich nimmt, sowie in der Erinnerung ein
früheres Erlebnis den Weg zur Vorstellung nimmt, wenn eine äußere Veranlassung
dazu da ist. Es wurde früher als von einer «möglichen» Vorstellung gesprochen, daß
die Folgen der Tat die Menschenseele wieder treffen können (vergleiche Seite 51ff).
Innerhalb des einzelnen Erdenlebens ist für gewisse Tatfolgen deshalb ein solches
Treffen ausgeschlossen, weil dieses Erdenleben dazu veranlagt war, die Tat zu
vollbringen. Da liegt in dem Vollbringen das Erleben. Eine gewisse Folge der Tat
kann da die Seele so wenig treffen, wie man sich an ein Erlebnis erinnern kann, in
dem man noch darinnen steht. Es kann sich in dieser Beziehung nur handeln um ein
Erleben von Tatfolgen, welche das «Ich» nicht mit den Anlagen treffen, die es in
dem Erdenleben hat, aus dem heraus es die Tat verrichtet. Es kann der Blick nur auf
Tatfolgen aus anderen Erdenleben sich richten. So kann man sobald man
empfindet: was als Schicksalserlebnis scheinbar einem «zustößt», ist verbunden mit
dem Ich, wie das, was «aus dem Innern» dieses Ich selbst sich bildet – nur denken,
man habe es in einem solchen Schicksalserlebnis mit Tatfolgen aus früheren
Erdenleben zu tun. Man sieht, zu der für das gewöhnliche Bewußtsein paradoxen
Annahme, die Schicksalserlebnisse eines Erdenlebens hängen mit den Taten
vorangehender Erdenleben zusammen, wird man durch eine intime, vom Denken
geleitete Lebenserfassung geführt. Wieder kann. diese Vorstellung nur durch die
übersinnliche Erkenntnis ihren Vollgehalt bekommen: ohne diese bleibt sie
silhouettenhaft. Aber wieder bereitet sie, aus dem gewöhnlichen Bewußtsein
gewonnen, die Seele vor, damit diese ihre Wahrheit in wirklich übersinnlicher
Beobachtung schauen kann.
Nur der eine Teil meiner Tat ist in der Außenwelt; der andere ist in mir selbst. Man
mache sich durch einen einfachen Vergleich aus der Naturwissenschaft dieses
Verhältnis von Ich und Tat klar. Tiere, die einmal als Sehende in die Höhlen von
Kentucky eingewandert sind, haben durch das Leben in denselben ihr Sehvermögen
verloren. Der Aufenthalt im Finstern hat die Augen außer Tätigkeit gesetzt. In diesen
Augen wird dadurch nicht mehr die physische und chemische Tätigkeit verrichtet,
die während des Sehens vor sich geht. Der Strom der Nahrung, der für diese
Tätigkeit früher verwendet worden ist, fließt nunmehr anderen Organen zu. Nun
können diese Tiere nur in diesen Höhlen leben. Sie haben durch ihre Tat, durch die
Einwanderung, die Bedingungen ihres späteren Lebens geschaffen. Die
Einwanderung ist zu einem Teil ihres Schicksals geworden. Eine Wesenheit, die
einmal tätig war, hat sich mit den Ergebnissen der Taten verknüpft. So ist es mit
dem Menschengeiste. Die Seele hat ihm gewisse Fähigkeiten nur vermitteln können,
indem sie tätig war. Und entsprechend den Taten sind diese Fähigkeiten. Durch eine
Tat, welche die Seele verrichtet hat, lebt in ihr die krafterfüllte Anlage, eine andere
Tat zu verrichten, welche die Frucht dieser Tat ist. Die Seele trägt dieses als
Notwendigkeit in sich, bis die letztere Tat geschehen ist. Man kann auch sagen,
durch eine Tat ist der Seele die Notwendigkeit eingeprägt, die Folge dieser Tat zu
verrichten.
Mit seinen Taten hat der Menschengeist wirklich sein Schicksal bereitet. An das,
was er in seinem vorigen Leben getan hat, findet er sich in einem neuen geknüpft. –
Man kann ja die Frage aufwerfen: wie kann das sein, da doch wohl der
Menschengeist bei seiner Wiederverkörperung in eine völlig andere Welt versetzt
wird, als diejenige war, die er einstens verlassen hat? Dieser Frage liegt eine sehr
am Äußerlichen des Lebens haftende Vorstellung von Schicksalsverkettung
zugrunde. Wenn ich meinen Schauplatz von Europa nach Amerika verlege, so
befinde ich mich auch in einer völlig neuen Umgebung. Und dennoch hängt mein
Leben in Amerika ganz von meinem vorhergehenden in Europa ab. Bin ich in
Europa Mechaniker geworden, so gestaltet sich mein Leben in Amerika ganz
anders, als wenn ich Bankbeamter geworden wäre. In dem einen Falle werde ich
wahrscheinlich in Amerika von Maschinen, in dem andern von Bankeinrichtungen
umgeben sein. In jedem Falle bestimmt mein Vorleben meine Umgebung; es zieht
gleichsam aus der ganzen Umwelt diejenigen Dinge an sich, die ihm verwandt sind.
So ist es mit dem Geistselbst. Es umgibt sich in einem neuen Leben notwendig mit
demjenigen, mit dem es aus den vorhergehenden Leben verwandt ist. – Und
deswegen ist der Schlaf ein brauchbares Bild für den Tod, weil der Mensch während
des Schlafes dem Schauplatz entzogen ist, auf dem sein Schicksal ihn erwartet.
Während man schläft, laufen die Ereignisse auf diesem Schauplatz weiter. Man hat
eine Zeitlang auf diesen Lauf keinen Einfluß. Dennoch hängt unser Leben an einem
neuen Tage von den Wirkungen der Taten am vorigen Tage ab. Wirklich verkörpert
sich unsere Persönlichkeit jeden Morgen aufs neue in unserer Tatenwelt. Was
während der Nacht von uns getrennt war, ist tagsüber gleichsam um uns gelegt. –
So ist es mit den Taten der früheren Verkörperungen des Menschen. Sie sind mit
ihm als sein Schicksal verbunden, wie das Leben in den finstern Höhlen mit den
Tieren verbunden bleibt, die durch Einwanderung in diese Höhlen das Sehvermögen
verloren haben. Wie diese Tiere nur leben können, wenn sie sich in der Umgebung
befinden, in die sie sich selbst versetzt haben, so kann der Menschengeist nur in der
Umwelt leben, die er sich durch seine Taten selbst geschaffen hat. Daß ich am
Morgen die Lage vorfinde, die ich am vorhergehenden Tage selbst geschaffen, dafür
sorgt der unmittelbare Gang der Ereignisse. Daß ich, wenn ich mich wieder
verkörpere, eine Umwelt vorfinde, die dem Ergebnis meiner Taten aus dem
vorhergehenden Leben entspricht, dafür sorgt die Verwandtschaft meines wieder
verkörperten Geistes mit den Dingen der Umwelt. Man kann sich danach eine
Vorstellung davon bilden, wie die Seele dem Wesen des Menschen eingegliedert ist.
Der physische Leib unterliegt den Gesetzen der Vererbung. Der Menschengeist
dagegen muß sich immer wieder und wieder verkörpern; und sein Gesetz besteht
darin, daß er die Früchte der vorigen Leben in die folgenden hinübernimmt. Die
Seele lebt in der Gegenwart. Aber dieses Leben in der Gegenwart ist nicht
unabhängig von den vorhergehenden Leben. Der sich verkörpernde Geist bringt ja
aus seinen vorigen Verkörperungen sein Schicksal mit. Und dieses Schicksal
bestimmt das Leben. Welche Eindrücke die Seele wird haben können, welche
Wünsche ihr werden befriedigt werden können, welche Freuden und Leiden ihr
erwachsen, mit welchen Menschen sie zusammenkommen wird: das hängt davon
ab, wie die Taten in den vorhergehenden Verkörperungen des Geistes waren.
Menschen, mit welchen die Seele in einem Leben verbunden war, wird sie in einem
folgenden wiederfinden müssen, weil die Taten, welche zwischen ihnen gewesen
sind, ihre Folgen haben müssen. Wie die eine Seele, werden auch die mit dieser
verbundenen in derselben Zeit ihre Wiederverkörperung anstreben. Das Leben der
Seele ist somit ein Ergebnis des selbstgeschaffenen Schicksals des
Menschengeistes. Dreierlei bedingt den Lebenslauf eines Menschen innerhalb von
Geburt und Tod. Und dreifach ist er dadurch abhängig von Faktoren, die jenseits
von Geburt und Tod liegen. Der Leib unterliegt dem Gesetz der Vererbung; die
Seele unterliegt dem selbstgeschaffenen Schicksal. Man nennt dieses von dem
Menschen geschaffene Schicksal mit einem alten Ausdrucke sein Karma. Und der
Geist steht unter dem Gesetze der Wiederverkörperungen der wiederholten
Erdenleben. – Man kann demnach das Verhältnis von Geist, Seele und Körper auch
so ausdrücken: Unvergänglich ist der Geist; Geburt und Tod walten nach den
Gesetzen der physischen Welt in der Körperlichkeit; das Seelenleben, das dem
Schicksal unterliegt, vermittelt den Zusammenhang von beiden während eines
irdischen Lebenslaufes. Alle weiteren Erkenntnisse über das Wesen des Menschen
setzen die Bekanntschaft mit den «drei Welten» selbst voraus, denen er angehört.
Von diesen soll das Folgende handeln.
Ein Denken, welches den Erscheinungen des Lebens sich gegenüberstellt und das
sich nicht scheut, die sich aus einer lebensvollen Betrachtung ergebenden
Gedanken bis in ihre letzten Glieder zu verfolgen, kann durch die bloße Logik zu der
Vorstellung von den wiederholten Erdenleben und dem Gesetze des Schicksals
kommen. So wahr es ist, daß dem Seher mit dem geöffneten «geistigen Auge» die
vergangenen Leben wie ein aufgeschlagenes Buch als Erlebnis vorliegen, so wahr
ist es, daß die Wahrheit von alledem der betrachtenden Vernunft aufleuchten kann.
[Man vergleiche das hierzu am Ende des Buches unter «Einzelne Bemerkungen und Ergänzungen»
Gesagte.]
I. Die Seelenwelt
Die Betrachtung des Menschen hat gezeigt, daß er drei Welten angehört. Aus der
Welt der physischen Körperlichkeit sind die Stoffe und Kräfte entnommen, die
seinen Leib auferbauen. Er hat von dieser Welt Kenntnis durch die Wahrnehmungen
seiner äußeren physischen Sinne. Wer allein diesen Sinnen vertraut und lediglich
deren Wahrnehmungsfähigkeit entwickelt, der kann sich keinen Aufschluß
verschaffen über die beiden andern Welten, über die seelische und geistige. – Ob
ein Mensch sich von der Wirklichkeit eines Dinges oder Wesens überzeugen kann,
das hängt davon ab, ob er dafür ein Wahrnehmungsorgan, einen Sinn, hat. – Es
kann natürlich leicht zu Mißverständnissen führen, wenn man, wie es hier geschieht,
die höheren Wahmehmungsorgane geistige Sinne nennt. Denn wenn man von
«Sinnen» spricht, so verbindet man damit unwillkürlich den Gedanken des
«Physischen». Man bezeichnet ja gerade die physische Welt auch als die
«sinnliche» im Gegensatz zur «geistigen». Um das Mißverständnis zu vermeiden,
muß man berücksichtigen, daß hier eben von «höheren Sinnen» nur
vergleichsweise, in übertragenem Sinne gesprochen wird. Wie die physischen Sinne
das Physische wahrnehmen, so die seelischen und geistigen das Seelische und
Geistige. Nur in der Bedeutung von «Wahmehmungsorgan» wird der Ausdruck
«Sinn» gebraucht. Der Mensch hätte keine Kenntnis von dem Licht und der Farbe,
wenn er nicht ein lichtempfindendes Auge hätte; er wüßte nichts von Klängen, wenn
er nicht ein klangempfindendes Ohr hätte. In dieser Beziehung sagt mit vollem
Recht der deutsche Philosoph Lotze: «Ohne ein Licht empfindendes Auge und ohne
ein Klang empfindendes Ohr wäre die ganze Welt finster und stumm. Es würde in ihr
ebensowenig Licht oder Schall geben, als ein Zahnschmerz möglich wäre ohne
einen den Schmerz empfindenden Nerv des Zahnes.» – Um das, was hiermit gesagt
ist, im richtigen Lichte zu sehen, braucht man sich nur einmal zu überlegen, wie
ganz anders, als für den Menschen, sich die Welt für die niederen Lebewesen
offenbaren muß, die nur eine Art Tast- oder Gefühlssinn über die ganze Oberfläche
ihres Körpers ausgebreitet haben. Licht, Farbe und Ton können für diese jedenfalls
nicht in dem Sinne vorhanden sein wie für Wesen, die mit Augen und Ohren begabt
sind. Die Luftschwingungen, die ein Flintenschuß verursacht, mögen auch auf sie
eine Wirkung ausüben, wenn sie von ihnen getroffen werden. Daß sich diese
Luftschwingungen der Seele als Knall offenbaren, dazu ist ein Ohr notwendig. Und
daß sich gewisse Vorgänge in dem feinen Stoffe, den man Äther nennt, als Licht
und Farbe offenbaren, dazu ist ein Auge notwendig. – Nur dadurch weiß der Mensch
etwas von einem Wesen oder Dinge, daß er durch eines seiner Organe eine
Wirkung davon empfängt. Dies Verhältnis des Menschen zur Welt des Wirklichen
kommt trefflich in dem folgenden Ausspruch Goethes zur Darstellung: «Eigentlich
unternehmen wir umsonst, das Wesen eines Dinges auszudrücken. Wirkungen
werden wir gewahr, und eine vollständige Geschichte dieser Wirkungen umfaßte
wohl allenfalls das Wesen jenes Dinges. Vergebens bemühen wir uns, den
Charakter eines Menschen zu schildern; man stelle dagegen seine Handlungen,
seine Taten zusammen, und ein Bild des Charakters wird uns entgegentreten. Die
Farben sind Taten des Lichtes, Taten und Leiden . . . Farben und Licht stehen zwar
untereinander in dem genauesten Verhältnis, aber wir müssen uns beide als der
ganzen Natur angehörig denken; denn sie ist es ganz, die sich dadurch dem Sinne
des Auges besonders offenbaren will. Ebenso entdeckt sich die ganze Natur einem
anderen Sinne. . . So spricht die Natur hinabwärts zu anderen Sinnen, zu
bekannten, verkannten, unbekannten Sinnen; so spricht sie mit sich selbst und zu
uns durch tausend Erscheinungen. Dem Aufmerksamen ist sie nirgends tot noch
stumm.» Es wäre unrichtig, wenn man diesen Ausspruch Goethes so auffassen
wollte, daß damit die Erkennbarkeit des Wesens der Dinge in Abrede gestellt würde.
Goethe meint nicht: man nehme nur die Wirkung des Dinges wahr und das Wesen
verberge sich dahinter. Er meint vielmehr, daß man von einem solchen
«verborgenen Wesen» gar nicht sprechen soll. Das Wesen ist nicht hinter seiner
Offenbarung; es kommt vielmehr durch die Offenbarung zum Vorschein. Nur ist dies
Wesen vielfach so reich, daß es sich andern Sinnen in noch anderen Gestalten
offenbaren kann. Was sich offenbart, ist zum Wesen gehörig, nur ist es wegen der
Beschränktheit der Sinne nicht das ganze Wesen. Diese Goethesche Anschauung
ist auch durchaus die hier geisteswissenschaftlich gemeinte.
Wie im Leibe Auge und Ohr als Wahmehmungsorgane, als Sinne für die
körperlichen Vorgänge sich entwickeln, so vermag der Mensch in sich seelische und
geistige Wahrnehmungsorgane auszubilden, durch die ihm die Seelen- und die
Geisteswelt erschlossen werden. Für denjenigen, der solche höhere Sinne nicht hat,
sind diese Welten «finster und stumm», wie für ein Wesen ohne Ohr und Auge die
Körperwelt «finster und stumm» ist. Allerdings ist das Verhältnis des Menschen zu
diesen höheren Sinnen etwas anders als zu den körperlichen. Daß diese letzteren in
ihm vollkommen ausgebildet werden, dafür sorgt in der Regel die gütige Mutter
Natur. Sie kommen ohne sein Zutun zustande. An der Entwicklung seiner höheren
Sinne muß er selbst arbeiten. Er muß Seele und Geist ausbilden, wenn er die
Seelen- und Geisteswelt wahrnehmen will, wie die Natur seinen Leib ausgebildet
hat, damit er seine körperliche Umwelt wahrnehmen und sich in ihr orientieren
könne. Eine solche Ausbildung von höheren Organen, welche die Natur noch nicht
selbst entwickelt hat, ist nicht unnatürlich; denn im höheren Sinne gehört ja auch
alles, was der Mensch vollbringt, mit zur Natur. Nur derjenige, welcher behaupten
wollte, der Mensch müsse auf der Stufe der Entwicklung stehenbleiben, auf der er
aus der Hand der Natur entlassen wird, – nur der könnte die Ausbildung höherer
Sinne unnatürlich nennen. Von ihm werden diese Organe «verkannt» in ihrer
Bedeutung im Sinne des angeführten Ausspruches Goethes. Ein solcher sollte nur
aber auch gleich alle Erziehung des Menschen bekämpfen, denn auch sie setzt das
Werk der Natur fort. Und insbesondere müßte er sich gegen die Operation von
Blindgeborenen wenden. Denn ungefähr so wie dem operierten Blindgeborenen
ergeht es dem, der in sich seine höheren Sinne in der Art erweckt, wie im letzten
Teile dieser Schrift dargelegt wird. Mit neuen Eigenschaften, mit Vorgängen und
Tatsachen, von denen die physischen Sinne nichts offenbaren, erscheint ihm die
Welt. Ihm ist klar, daß er durch diese höheren Organe nichts willkürlich zu der
Wirklichkeit hinzufügt, sondern daß ihm ohne dieselben der wesentliche Teil dieser
Wirklichkeit verborgen geblieben wäre. Die Seelen- und Geisteswelt sind nichts
neben oder außer der physischen, sie sind nicht räumlich von dieser getrennt. So
wie für den operierten Blindgeborenen die vorherige finstere Welt in Licht und
Farben erstrahlt, so offenbaren dem seelisch und geistig Erweckten Dinge, die ihm
vorher nur körperlich erschienen waren, ihre seelischen und geistigen
Eigenschaften. Allerdings erfüllt sich diese Welt auch noch mit Vorgängen und
Wesenheiten, die für den nicht seelisch und geistig Erweckten völlig unbekannt
bleiben. – (Später soll in diesem Buche genauer über die Ausbildung der seelischen
und geistigen Sinne gesprochen werden. Hier werden zunächst diese höheren
Welten selbst beschrieben. Wer diese Welten leugnet, der sagt nichts anderes, als
daß er seine höheren Organe noch nicht entwickelt hat. Die Menschheitsentwicklung
ist auf keiner Stufe abgeschlossen; sie muß immer weitergehen. )
Man stellt sich oft unwillkürlich die «höheren Organe» als zu ähnlich den physischen
vor. Man sollte sich aber klarmachen, daß man es mit geistigen oder seelischen
Gebilden in diesen Organen zu tun hat. Man darf deshalb auch nicht erwarten, daß
dasjenige, was man in den höheren Welten wahrnimmt, etwa nur eine nebelhaft
verdünnte Stofflichkeit sei. Solange man so etwas erwartet, wird man zu keiner
klaren Vorstellung von dem kommen können, was hier mit «höheren Welten»
eigentlich gemeint ist. Es wäre für viele Menschen gar nicht so schwer, wie es
wirklich ist, etwas von diesen «höheren Welten» zu wissen – zunächst allerdings nur
das Elementare –, wenn sie sich nicht vorstellten, daß es doch wieder etwas
verfeinertes Physisches sein müsse, was sie wahrnehmen sollen. Da sie so etwas
voraussetzen, so wollen sie in der Regel das gar nicht anerkennen, um was es sich
wirklich handelt. Sie finden es unwirklich, lassen es nicht als etwas gelten, was sie
befriedigt, und so weiter. Gewiß: die höheren Stufen der geistigen Entwicklung sind
schwer zugänglich; diejenige aber, die hinreicht, um das Wesen der geistigen Welt
zu erkennen – und das ist schon viel –, wäre gar nicht so schwer zu erreichen, wenn
man sich zunächst von dem Vorurteile freimachen wollte, welches darin besteht, das
Seelische und Geistige doch wieder nur als ein feineres Physisches sich
vorzustellen.
So wie wir einen Menschen nicht ganz kennen, wenn wir bloß von seinem
physischen Äußeren eine Vorstellung haben, so kennen wir auch die Welt, die uns
umgibt, nicht, wenn wir bloß das von ihr wissen, was uns die physischen Sinne
offenbaren. Und so wie eine Photographie uns verständlich und lebensvoll wird,
wenn wir der photographierten Person so nahetreten, daß wir ihre Seele erkennen
lernen, so können wir auch die körperliche Welt nur wirklich verstehen, wenn wir ihre
seelische und geistige Grundlage kennenlernen. Deshalb empfiehlt es sich, hier
zuerst von den höheren Welten, von der seelischen und geistigen, zu sprechen und
dann erst die physische vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus zu
beurteilen.
Es bietet gewisse Schwierigkeiten, in der gegenwärtigen Kulturepoche über die
höheren Welten zu sprechen. Denn diese Kulturepoche ist vor allem groß in der
Erkenntnis und Beherrschung der körperlichen Welt. Unsere Worte haben zunächst
ihre Prägung und Bedeutung in bezug auf diese körperliche Welt erhalten. Man muß
sich aber dieser gebräuchlichen Worte bedienen, um an Bekanntes anzuknüpfen.
Dadurch wird bei denen, die nur ihren äußeren Sinnen vertrauen wollen, dem
Mißverständnis Tür und Tor geöffnet. – Manches kann ja zunächst nur
gleichnisweise ausgesprochen und angedeutet werden. Aber so muß es sein, denn
solche Gleichnisse sind ein Mittel, durch das der Mensch zunächst auf diese
höheren Welten verwiesen wird und durch das seine eigene Erhebung zu ihnen
gefördert wird. (Von dieser Erhebung wird in einem späteren Kapitel zu sprechen
sein, in dem auf die Ausbildung der seelischen und geistigen Wahrnehmungsorgane
hingewiesen werden wird. Zunächst soll der Mensch durch Gleichnisse von den
höheren Welten Kenntnis nehmen. Dann kann er daran denken, sich selbst einen
Einblick in dieselben zu verschaffen. )
Wie die Stoffe und Kräfte, die unsern Magen, unser Herz, unsere Lunge, unser
Gehirn und so weiter zusammensetzen und beherrschen, aus der körperlichen Welt
stammen, so stammen unsere seelischen Eigenschaften, unsere Triebe, Begierden,
Gefühle, Leidenschaften, Wünsche, Empfindungen und so weiter aus der seelischen
Welt. Des Menschen Seele ist ein Glied in dieser seelischen Welt, wie sein Leib ein
Teil der physischen Körperwelt ist. Will man zunächst einen Unterschied der
körperlichen Welt von der seelischen angeben, so kann man sagen, die letztere ist
in allen ihren Dingen und Wesenheiten viel feiner, beweglicher, bildsamer als die
erstere. Doch muß man sich klar darüber bleiben, daß man eine gegenüber der
physischen völlig neue Welt betritt, wenn man in die seelische kommt. Redet man
also von gröber und feiner in dieser Hinsicht, so muß man sich bewußt bleiben, daß
man vergleichsweise andeutet, was doch grundverschieden ist. So ist es mit allem,
was über die Seelenwelt in Worten gesagt wird, die der physischen Körperlichkeit
entlehnt sind. Berücksichtigt man dieses, dann kann man sagen, daß die Gebilde
und Wesen der Seelenwelt ebenso aus Seelenstoffen bestehen und ebenso von
Seelenkräften gelenkt werden, wie das in der physischen Welt mit physischen
Stoffen und Kräften der Fall ist.
Wie den körperlichen Gebilden die räumliche Ausdehnung und räumliche Bewegung
eigentümlich sind, so den seelischen Dingen und Wesenheiten die Reizbarkeit, das
triebhafte Begehren. Man bezeichnet deshalb die Seelenwelt auch als die
Begierden- oder Wunschwelt oder als die Welt des «Verlangens». Diese Ausdrücke
sind der menschlichen Seelenwelt entlehnt. Man muß deshalb festhalten, daß die
Dinge in denjenigen Teilen der Seelenwelt, die außer der menschlichen Seele
liegen, von den Seelenkräften in dieser ebenso verschieden sind wie die physischen
Stoffe und Kräfte der körperlichen Außenwelt von den Teilen, die den physischen
Menschenleib zusammensetzen. (Trieb, Wunsch, Verlangen sind Bezeichnungen für
das Stoffliche der Seelenwelt. Dieses Stoffliche sei mit «astral» bezeichnet. Nimmt
man mehr Rücksicht auf die Kräfte der Seelenwelt, so kann man von
«Begierdewesenheit» sprechen. Doch darf man nicht vergessen, daß hier die
Unterscheidung von «Stoff» und «Kraft» keine so strenge sein kann wie in der
physischen Welt. Ein Trieb kann ebensogut «Kraft» wie «Stoff» genannt werden.)
Wer zum erstenmal einen Einblick in die seelische Welt erhält, für den wirken die
Unterschiede, die sie von der physischen aufweist, verwirrend. Doch das ist ja auch
beim Erschließen eines vorher untätigen physischen Sinnes der Fall. Der operierte
Blindgeborene muß sich auch erst orientieren lernen in der Welt, die er vorher durch
den Tastsinn gekannt hat. Ein solcher sieht zum Beispiel die Gegenstände zuerst in
seinem Auge; dann erblickt er sie außer sich, doch erscheinen sie ihm zunächst so,
wie wenn sie auf einer Fläche aufgemalt wären. Erst allmählich erfaßt er die
Vertiefung, den räumlichen Abstand der Dinge und so weiter. – In der Seelenwelt
gelten durchaus andere Gesetze als in der physischen. Nun sind ja allerdings viele
seelische Gebilde an solche der andern Welten gebunden. Die Seele des Menschen
zum Beispiel ist an den physischen Menschenleib und an den menschlichen Geist
gebunden. Die Vorgänge, die man an ihr beobachten kann, sind also zugleich von
der leiblichen und geistigen Welt beeinflußt. Darauf muß man bei der Beobachtung
der Seelenwelt Rücksicht nehmen; und man darf nicht als seelische Gesetze
ansprechen, was aus der Einwirkung einer andern Welt stammt. – Wenn zum
Beispiel der Mensch einen Wunsch aussendet, so ist dieser von einem Gedanken,
einer Vorstellung des Geistes getragen und folgt dessen Gesetzen. So wie man
aber die Gesetze der physischen Welt feststellen kann, indem man von den
Einflüssen absieht, die zum Beispiel der Mensch auf deren Vorgänge nimmt, so ist
ein Ähnliches auch mit der seelischen Welt möglich.
Ein wichtiger Unterschied der seelischen Vorgänge von den physischen kann
dadurch ausgedrückt werden, daß man die Wechselwirkung bei den ersteren als
eine viel innerlichere bezeichnet. Im physischen Raume herrscht zum Beispiel das
Gesetz des «Stoßes». Wenn eine bewegte Elfenbeinkugel auf eine ruhende
aufstößt, so bewegt sich die letztere weiter in einer Richtung, die sich aus der
Bewegung und Elastizität der ersteren berechnen läßt. Im Seelenraume hängt die
Wechselwirkung zweier Gebilde, die einander treffen, von ihren inneren
Eigenschaften ab. Sie durchdringen sich gegenseitig, verwachsen gleichsam
miteinander, wenn sie miteinander verwandt sind. Sie stoßen sich ab, wenn ihre
Wesenheiten sich widerstreiten. –Im körperlichen Raume gibt es zum Beispiel für
das Sehen bestimmte Gesetze. – Man sieht entfernte Gegenstände in
perspektivischer Verkleinerung. Wenn man in eine Allee hineinsieht, so scheinen –
nach den Gesetzen der Perspektive – die entfernteren Bäume in kleineren
Abständen voneinander zu stehen als die nahen. Im Seelenraume erscheint dem
Schauenden dagegen alles, das Nahe und das Entfernte, in den Abständen, die es
durch seine innere Natur hat. Durch solches ist natürlich ein Quell der
mannigfaltigsten Irrungen für denjenigen gegeben, der den Seelenraum betritt und
da mit den Regeln zurechtkommen will, die er von der physischen Welt her
mitbringt.
Es gehört zu dem ersten, was man sich für die Orientierung in der seelischen Welt
aneignen muß, daß man die verschiedenen Arten ihrer Gebilde in ähnlicher Weise
unterscheidet, wie man in der physischen Welt feste, flüssige und luft- oder
gasförmige Körper unterscheidet. Um dazu zu kommen, muß man die beiden
Grundkräfte kennen, die hier vor allem wichtig sind. Man kann sie Sympathie und
Antipathie nennen. Wie diese Grundkräfte in einem seelischen Gebilde wirken,
danach bestimmt sich dessen Art. Als Sympathie muß die Kraft bezeichnet werden,
mit der ein Seelengebilde andere anzieht, sich mit ihnen zu verschmelzen sucht,
seine Verwandtschaft mit ihnen geltend macht. Antipathie ist dagegen die Kraft, mit
der sich Seelengebilde abstoßen, ausschließen, mit der sie ihre Eigenheit
behaupten. In welchem Maße diese Grundkräfte in einem Seelengebilde vorhanden
sind, davon hängt es ab, welche Rolle dieses in der seelischen Welt spielt. Drei
Arten von Seelengebilden hat man zunächst zu unterscheiden, je nach dem Wirken
von Sympathie und Antipathie in ihnen. Und diese Arten sind dadurch voneinander
verschieden, daß Sympathie und Antipathie in ihnen in ganz bestimmten
gegenseitigen Verhältnissen stehen. In allen dreien sind beide Grundkräfte
vorhanden. Man nehme zunächst ein Gebilde der ersten Art. Es zieht andere
Gebilde seiner Umgebung vermöge der in ihm waltenden Sympathie an. Aber außer
dieser Sympathie ist in ihm zugleich Antipathie vorhanden, durch die es in seiner
Umgebung Befindliches von sich zurückstößt. Nach außen hin wird ein solches
Gebilde so erscheinen, als wenn es nur mit Kräften der Antipathie ausgestattet
wäre. Das ist aber nicht der Fall. Es ist Sympathie und Antipathie in ihm. Nur ist die
letztere überwiegend. Sie hat über die erstere die Oberhand. Solche Gebilde spielen
eine eigensüchtige Rolle im Seelenraum. Sie stoßen vieles um sich her ab und
ziehen nur weniges liebevoll an sich heran. Daher bewegen sie sich als
unveränderliche Formen durch den Seelenraum. Durch die Kraft der Sympathie, die
in ihnen ist, erscheinen sie als gierig. Die Gier erscheint aber zugleich unersättlich,
wie wenn sie nicht zu befriedigen wäre, weil die vorwaltende Antipathie so vieles
Entgegenkommende abstößt, daß keine Befriedigung eintreten kann. Will man die
Seelengebilde dieser Art mit etwas in der physischen Welt vergleichen, so kann man
sagen: sie entsprechen den festen physischen Körpern. Begierdenglut soll diese
Region der seelischen Stofflichkeit genannt werden. – Das, was von dieser
Begierdenglut den Seelen der Tiere und Menschen beigemischt ist, bestimmt
dasjenige in ihnen, was man die niederen sinnlichen Triebe nennt, ihre vorwaltenden
selbstsüchtigen Instinkte. – Die zweite Art der Seelengebilde ist diejenige, bei denen
sich die beiden Grundkräfte das Gleichgewicht halten, bei denen also Sympathie
und Antipathie in gleicher Stärke wirken. Diese treten anderen Gebilden mit einer
gewissen Neutralität gegenüber; sie wirken als verwandt auf sie, ohne sie besonders
anzuziehen und abzustoßen. Sie ziehen gleichsam keine feste Grenze zwischen
sich und der Umwelt. Fortwährend lassen sie andere Gebilde in der Umgebung auf
sich einwirken; man kann sie deshalb mit den flüssigen Stoffen der physischen Welt
vergleichen. Und in der Art, wie solche Gebilde anderes an sich heranziehen, liegt
nichts von Gier. Die Wirkung, die hier gemeint ist, liegt zum Beispiel vor, wenn die
Menschenseele eine Farbe empfindet. Wenn ich die Empfindung der roten Farbe
habe, dann empfange ich zunächst einen neutralen Reiz aus meiner Umgebung.
Erst wenn zu diesem Reiz das Wohlgefallen an der roten Farbe hinzutritt, dann
kommt eine andere Seelenwirkung in Betracht. Das, was den neutralen Reiz
bewirkt, sind Seelengebilde, die in solchem Wechselverhältnisse stehen, daß
Sympathie und Antipathie einander das Gleichgewicht halten. Man wird die
Seelenstofflichkeit, die hier in Betracht kommt, als eine vollkommen bildsame,
fließende bezeichnen müssen. Nicht eigensüchtig wie die erste bewegt sie sich
durch den Seelenraum, sondern so, daß ihr Dasein überall Eindrücke empfängt, daß
sie sich mit vielem verwandt erweist, das ihr begegnet. Ein Ausdruck, der für sie
anwendbar ist, dürfte sein: fließende Reizbarkeit. – Die dritte Stufe der
Seelengebilde ist diejenige, bei welcher die Sympathie die Oberhand über die
Antipathie hat. Die Antipathie bewirkt das eigensüchtige Sichgeltendmachen; dieses
tritt aber zurück hinter der Hinneigung zu den Dingen der Umgebung. Man denke
sich ein solches Gebilde innerhalb des Seelenraumes. Es erscheint als der
Mittelpunkt einer anziehenden Sphäre, die sich über die Gegenstände der Umwelt
erstreckt. Solche Gebilde muß man im besonderen als Wunsch-Stofflichkeit
bezeichnen. Diese Bezeichnung erscheint deshalb als die richtige, weil durch die
bestehende, nur gegenüber der Sympathie schwächere, Antipathie die Anziehung
doch so wirkt, daß die angezogenen Gegenstände in den eigenen Bereich des
Gebildes gebracht yverden sollen. Die Sympathie erhält dadurch einen
eigensüchtigen Grundton. Diese Wunsch-Stofflichkeit darf mit den gas- oder
luftförmigen Körpern der physischen Welt verglichen werden. Wie ein Gas sich nach
allen Seiten auszudehnen bemüht ist, so breitet sich die Wunsch-Stofflichkeit nach
allen Richtungen aus.
Höhere Stufen von Seelen-Stofflichkeit kennzeichnen sich dadurch, daß bei ihnen
die eine Grundkraft völlig zurücktritt, nämlich die Antipathie, und nur die Sympathie
sich als das eigentlich Wirksame erweist. Nun kann sich diese zunächst innerhalb
der Teile des Seelengebildes selbst geltend machen. Diese Teile wirken gegenseitig
aufeinander anziehend. Die Kraft der Sympathie im Innern eines Seelengebildes
kommt in dem zum Ausdrucke, was man Lust nennt. Und jede Herabminderung
dieser Sympathie ist Unlust. Die Unlust ist nur eine verminderte Lust, wie die Kälte
nur eine verminderte Wärme ist. Lust und Unlust ist dasjenige, was im Menschen als
die Welt der Gefühle – im engeren Sinne – lebt. Das Fühlen ist das Weben des
Seelischen in sich selbst. Von der Art, wie die Gefühle der Lust und Unlust in dem
Seelischen weben, hängt das ab, was man dessen Behagen nennt.
Eine noch höhere Stufe nehmen diejenigen Seelengebilde ein, deren Sympathie
nicht im Bereich des Eigenlebens beschlossen bleibt. Von den drei niederen Stufen
unterscheiden sich diese, wie ja auch schon die vierte, dadurch, daß bei ihnen die
Kraft der Sympathie keine ihr entgegenstrebende Antipathie zu überwinden hat.
Durch diese höheren Arten der Seelen-Stofflichkeit schließt sich erst die
Mannigfaltigkeit der Seelengebilde zu einer gemeinsamen Seelenwelt zusammen.
Sofern die Antipathie in Betracht kommt, strebt das Seelengebilde nach etwas
anderem um seines Eigenlebens willen, um sich selbst durch das andere zu
verstärken und zu bereichern. Wo die Antipathie schweigt, da wird das andere als
Offenbarung, als Kundgebung hingenommen. Eine ähnliche Rolle wie das Licht im
physischen Raume spielt diese höhere Form von Seelen-Stofflichkeit im
Seelenraum. Sie bewirkt, daß ein Seelengebilde das Dasein und Wesen der andern
um deren selbst willen gleichsam einsaugt, oder man könnte auch sagen, sich von
ihnen bestrahlen läßt. Dadurch, daß die Seelenwesen aus diesen höheren Regionen
schöpfen, werden sie erst zum wahren Seelenleben erweckt. Ihr dumpfes Leben im
Finstern schließt sich nach außen auf, leuchtet und strahlt selbst in den Seelenraum
hin; das träge, dumpfe Weben im Innern, das sich durch die Antipathie abschließen
will, wenn nur die Stoffe der unteren Regionen vorhanden sind, wird Kraft und
Regsamkeit, die vom Innern ausgeht und sich nach außen strömend ergießt. Die
fließende Reizbarkeit der zweiten Region wirkt nur beim Zusammentreffen der
Gebilde.
Dann strömt allerdings eins in das andere über. Aber Berührung ist hier notwendig.
In den höheren Regionen herrscht freies Hinstrahlen, Ergießen. (Mit Recht
bezeichnet man das Wesen dieses Gebietes als ein «Hinstrahlen», denn die
Sympathie, welche entwickelt wird, wirkt so, daß man als Sinnbild dafür den
Ausdruck gebrauchen kann, der von der Wirkung des Lichtes genommen ist.) Wie
eine Pflanze im Keller verkümmert, so die Seelengebilde ohne die sie belebenden
Seelen-Stoffe der höheren Regionen. Seelenlicht, tätige Seelenkraft und das
eigentliche Seelenleben im engeren Sinne gehören diesen Regionen an und teilen
sich von hier aus den Seelenwesen mit.
Drei untere und drei obere Regionen der Seelenwelt hat man also zu unterscheiden;
und beide sind vermittelt durch eine vierte, so daß sich folgende Einteilung der
Seelenwelt ergibt:
1. Region der Begierdenglut
2. Region der fließenden Reizbarkeit
3. Region der Wünsche
4. Region von Lust und Unlust
5. Region des Seelenlichtes
6. Region der tätigen Seelenkraft
7. Region des Seelenlebens.
Durch die ersten drei Regionen erhalten die Seelengebilde ihre Eigenschaften
aus dem Verhältnisse von Antipathie und Sympathie; durch die vierte Region
webt die Sympathie innerhalb der Seelengebilde selbst; durch die drei höchsten
wird die Kraft der Sympathie immer freier und freier; leuchtend und belebend
durchwehen die Seelenstoffe dieser Region den Seelenraum, aufweckend, was
sich sonst durch sich selbst im Eigendasein verlieren müßte.
Es sollte eigentlich überflüssig sein, doch wird, der Klarheit willen, hier doch
betont, daß diese sieben Abteilungen der Seelenwelt nicht etwa voneinander
getrennte Gebiete darstellen. So wie Festes, Flüssiges und Gasförmiges sich im
Physischen durchdringen, so durchdringen sich Begierdenglut, fließende
Reizbarkeit und die Kräfte der Wunschwelt im Seelischen. Und wie im
Physischen die Wärme die Körper durchdringt, das Licht sie bestrahlt, so ist es
im Seelischen mit Lust und Unlust und mit dem Seelenlicht der Fall. Und ein
Ähnliches findet statt für die tätige Seelenkraft und das eigentliche Seelenleben.
II. Die Seele in der Seelenwelt nach dem Tode
Die Seele ist das Bindeglied zwischen dem Geiste des Menschen und seinem Leibe.
Ihre Kräfte der Sympathie und Antipathie, die durch ihr gegenseitiges Verhältnis die
Seelenäußerungen: Begierde, Reizbarkeit, Wunsch, Lust und Unlust und so weiter
bewirken –, sie sind nicht nur zwischen Seelengebilde und Seelengebilde tätig,
sondern sie äußern sich auch gegenüber den Wesenheiten der anderen Welten, der
physischen und der geistigen Welt. Während die Seele im Leibe wohnt, ist sie
gewissermaßen an allem beteiligt, was in diesem Leibe vorgeht. Wenn die
physischen Verrichtungen des Leibes mit Regelmäßigkeit vor sich gehen, so
entsteht in der Seele Lust und Behagen; wenn diese Verrichtungen gestört sind, so
tritt Unlust und Schmerz ein. –Und auch an den Tätigkeiten des Geistes hat die
Seele ihren Anteil: dieser Gedanke erfüllt sie mit Freude, jener mit Abscheu; ein
richtiges Urteil hat den Beifall der Seele, ein falsches ihr Mißfallen. – Ja, es hängt
die Entwicklungsstufe eines Menschen davon ab, ob die Neigungen seiner Seele
mehr nach der einen oder der andern Richtung hin gehen. Ein Mensch ist um so
vollkommener, je mehr seine Seele mit den Äußerungen des Geistes sympathisiert;
er ist um so unvollkommener, je mehr ihre Neigungen durch die Verrichtungen des
Leibes befriedigt werden.
Der Geist ist der Mittelpunkt des Menschen, der Leib der Vermittler, durch den der
Geist die physische Welt betrachtet und erkennt und durch den er in ihr wirkt. Die
Seele aber ist der Vermittler zwischen beiden. Sie entbindet dem physischen
Eindruck, den die Luftschwingungen auf das Ohr machen, die Empfindung des
Tones, sie erlebt die Lust an diesem Ton. Alles das teilt sie dem Geiste mit, der
dadurch zum Verständnisse der physischen Welt gelangt. Ein Gedanke, der in dem
Geiste auftritt, wird durch die Seele in den Wunsch nach Verwirklichung umgesetzt
und kann erst dadurch mit Hilfe des leiblichen Werkzeuges zur Tat werden. – Nun
kann der Mensch nur dadurch seine Bestimmung erfüllen, daß er all seinem Wirken
die Richtung durch den Geist geben läßt. Die Seele kann durch sich selbst ihre
Neigungen ebensogut dem Physischen wie dem Geistigen entgegenbringen. Sie
senkt gleichsam ihre Fühlfäden ebenso zum Physischen hinunter, wie sie sie zum
Geistigen hinaufstreckt. Durch das Einsenken in die physische Welt wird ihre eigene
Wesenheit von der Natur des Physischen durchdrungen und gefärbt. Da der Geist
aber nur durch ihre Vermittlung in der physischen Welt wirken kann, so wird ihm
selbst dadurch die Richtung auf das Physische gegeben. Seine Gebilde werden
durch die Kräfte der Seele nach dem Physischen hingezogen. Man betrachte den
unentwickelten Menschen. Die Neigungen seiner Seele hängen an den
Verrichtungen seines Leibes. Er empfindet nur Lust bei den Eindrücken, welche die
physische Welt auf seine Sinne macht. Und auch sein Geistesleben wird dadurch
ganz in diese Sphäre herabgezogen. Seine Gedanken dienen nur der Befriedigung
seines physischen Bedürfnislebens. – Indem das geistige Selbst von Verkörperung
zu Verkörperung lebt, soll es immer mehr aus dem Geistigen heraus seine Richtung
erhalten. Sein Erkennen soll von dem Geiste der ewigen Wahrheit, sein Handeln
von der ewigen Güte bestimmt werden.
Der Tod bedeutet, als Tatsache der physischen Welt betrachtet, eine Veränderung
der Verrichtungen des Leibes. Dieser hört mit dem Tode auf, durch seine
Einrichtung der Vermittler der Seele und des Geistes zu sein. Er zeigt fernerhin sich
in seinen Verrichtungen ganz der physischen Welt und ihren Gesetzen unterworfen;
er geht in dieselbe über, um sich in ihr aufzulösen. Nur diese physischen Vorgänge
des Leibes können mit den physischen Sinnen nach dem Tode betrachtet werden.
Was mit Seele und Geist dann geschieht, das entzieht sich diesen Sinnen. Denn
sinnlich können ja auch während des Lebens Seele und Geist nur insofern
beobachtet werden, als diese in physischen Vorgängen ihren äußeren Ausdruck
erlangen. Nach dem Tode ist ein solcher Ausdruck nicht mehr möglich. Deshalb
kommt die Beobachtung der physischen Sinne und die sich auf sie begründende
Wissenschaft für das Schicksal von Seele und Geist nach dem Tode nicht in
Betracht. Da tritt eben eine höhere Erkenntnis ein, die auf der Beobachtung der
Vorgänge in der Seelen- und der Geisteswelt beruht.
Hat sich nun der Geist von dem Leibe gelöst, so ist er noch immer mit der Seele
verbunden. Und wie ihn während des physischen Lebens der Leib an die physische
Welt gekettet hat, so jetzt die Seele an die seelische. – Aber in dieser seelischen
Welt ist nicht sein ureigenes Wesen zu finden. Sie soll ihn nur verbinden mit dem
Felde seines Schaffens, mit der physischen Welt. Um in einer neuen Verkörperung
mit vollkommenerer Gestalt zu erscheinen, muß er Kraft und Stärkung aus der
geistigen Welt schöpfen. Er ist aber durch die Seele in die physische Welt verstrickt
worden. Er ist an ein Seelenwesen gebunden, das durchdrungen und gefärbt ist von
der Natur des Physischen, und er hat dadurch selbst diese Richtung erhalten. Nach
dem Tode ist die Seele nicht mehr an den Leib, sondern nur noch an den Geist
gebunden. Sie lebt nun in einer seelischen Umgebung. Nur die Kräfte dieser Welt
können daher noch auf sie eine Wirkung haben. Und an dieses Leben der Seele in
der Seelenwelt ist zunächst auch der Geist gebunden. Er ist so an dasselbe
gebunden, wie er während der physischen Verkörperung an den Leib gebunden ist.
Wann der Leib stirbt, das wird durch dessen Gesetze bestimmt. Im allgemeinen muß
ja gesagt werden: nicht die Seele und der Geist verlassen den Leib, sondern er wird
von denselben entlassen [Anmerkung des Herausgebers: Von der 19. (Stuttgart 1922) bis zur
26. Auflage (Stuttgart 1948) lautete diese Stelle: . . . sondern sie werden von demselben
entlassen . . . Seit der 27. Auflage (Stuttgart 1955) wurde der Text der 1.-18. Auflage
wiederhergestellt. Es ist nicht sicher, daß die Änderung 1922 auf den Autor zurückgeht. Deshalb
werden hier beide Fassungen angeführt.], wenn seine Kräfte nicht mehr im Sinne der
menschlichen Organisation wirken können. Ebenso ist das Verhältnis von Seele und
Geist. Die Seele wird den Geist in die höhere, in die geistige Welt entlassen, wenn
ihre Kräfte nicht mehr im Sinne der menschlichen Seelenorganisation wirken
können. In dem Augenblicke wird der Geist befreit sein, wenn die Seele dasjenige
der Auflösung übergeben hat, was sie nur innerhalb des Leibes erleben kann, und
nur das übrig behält, was mit dem Geiste weiterleben kann. Dies Übrigbehaltene,
was zwar im Leibe erlebt, aber als Frucht in den Geist eingeprägt werden kann,
verbindet die Seele mit dem Geist in der rein geistigen Welt. –Um das Schicksal der
Seele nach dem Tode kennenzulernen, muß also ihr Auflösungsprozeß betrachtet
werden. Sie hatte die Aufgabe, dem Geist die Richtung nach dem Physischen zu
geben. In dem Augenblicke, wo sie diese Aufgabe erfüllt hat, nimmt sie die Richtung
nach dem Geistigen. Wegen dieser Natur ihrer Aufgabe müßte sie eigentlich sofort
nur geistig tätig sein, wenn der Leib von ihr abfällt, wenn sie also nicht mehr
Bindeglied sein kann. Und sie würde das auch sein, wenn sie nicht durch ihr Leben
im Leibe von diesem beeinflußt, in ihren Neigungen zu ihm hingezogen worden
wäre. Ohne diese Färbung, die sie durch die Verbindung mit dem Leiblichen
erhalten hat, würde sie sogleich nach der Entkörperung den bloßen Gesetzen der
geistig-seelischen Welt folgen und keine weitere Hinneigung zum Sinnlichen
entwickeln. Und das wäre der Fall, wenn der Mensch beim Tode vollständig alles
Interesse an der irdischen Welt verloren hätte, wenn alle Begierden, Wünsche und
so weiter befriedigt wären, die sich an das Dasein knüpfen, das er verlassen hat.
Sofern dies aber nicht der Fall ist, haftet das nach dieser Richtung Übriggebliebene
an der Seele.
Man muß hier, um nicht in Verwirrung zu geraten, sorgfältig unterscheiden zwischen
dem, was den Menschen an die Welt so kettet, daß es auch in einer folgenden
Verkörperung ausgeglichen werden kann, und dem, was ihn an eine bestimmte, an
die jeweilig letzte Verkörperung kettet. Das erstere wird durch das Schicksalsgesetz,
Karma, ausgeglichen; das andere aber kann nur nach dem Tode von der Seele
abgestreift werden.
Es folgt auf den Tod für den Menschengeist eine Zeit, in der die Seele ihre
Neigungen zum physischen Dasein abstreift, um dann wieder den bloßen Gesetzen
der geistig-seelischen Welt zu folgen und den Geist freizumachen. Es ist
naturgemäß, daß diese Zeit um so länger dauern wird, je mehr die Seele an das
Physische gebunden war. Sie wird kurz sein bei einem Menschen, der wenig an
dem physischen Leben gehangen hat, lang dagegen bei einem solchen, der seine
Interessen ganz an dieses Leben gebunden hat, so daß beim Tode noch viele
Begierden, Wünsche und so weiter in der Seele leben.
Am leichtesten erhält man von dem Zustande, in dem die Seele in der nächsten Zeit
nach dem Tode lebt, eine Vorstellung durch folgende Überlegung. Man nehme ein
ziemlich krasses Beispiel dazu: die Genüsse eines Feinschmeckers. Er hat seine
Lust am Gaumenkitzel durch die Speisen. Der Genuß ist natürlich nichts
Körperliches, sondern etwas Seelisches. In der Seele lebt die Lust und auch die
Begierde nach der Lust. Zur Befriedigung der Begierde ist aber das entsprechende
körperliche Organ, der Gaumen und so weiter, notwendig. Nach dem Tode hat nun
die Seele eine solche Begierde nicht sogleich verloren, wohl aber hat sie das
körperliche Organ nicht mehr, welches das Mittel ist, die Begierde zu befriedigen. Es
ist nun –zwar aus einem anderen Grunde, der aber ähnlich, nur weit stärker wirkt –
für den Menschen so, wie wenn er in einer Gegend, in der weit und breit kein
Wasser ist, brennenden Durst litte. So leidet die Seele brennend an der Entbehrung
der Lust, weil sie das körperliche Organ abgelegt hat, durch das sie die Lust haben
kann. So ist es mit allem, wonach die Seele verlangt und das nur durch die
körperlichen Organe befriedigt werden kann. Es dauert dieser Zustand (brennender
Entbehrung) so lange, bis die Seele gelernt hat, nicht mehr nach solchem zu
begehren, was nur durch den Körper befriedigt werden kann. Und die Zeit, welche in
diesem Zustande verbracht wird, kann man den Ort der Begierden nennen, obgleich
man es natürlich nicht mit einem «Orte» zu tun hat.
Betritt die Seele nach dem Tode die seelische Welt, so ist sie deren Gesetzen
unterworfen. Diese wirken auf sie; und von dieser Wirkung hängt es ab, in welcher
Art die Neigung zum Physischen in ihr getilgt wird. Die Wirkungen müssen
verschieden sein, je nach den Arten der Seelenstoffe und Seelenkräfte. in deren
Bereich sie nunmehr versetzt ist. Jede dieser Arten wird ihren reinigenden,
läuternden Einfluß geltend machen. Der Vorgang, der hier stattfindet, ist so, daß
alles Antipathische in der Seele allmählich von den Kräften der Sympathie
überwunden und daß diese Sympathie selbst bis zu ihrem höchsten Gipfel geführt
wird. Denn durch diesen höchsten Grad von Sympathie mit der ganzen übrigen
Seelenwelt wird die Seele gleichsam in dieser zerfließen, eins mit ihr werden; dann
ist ihre Eigensucht völlig erschöpft. Sie hört auf, als ein Wesen zu existieren, das
dem physisch-sinnlichen Dasein zugeneigt ist: der Geist ist durch sie befreit. Daher
läutert sich die Seele durch die oben beschriebenen Regionen der Seelenwelt
hindurch, bis sie in der Region der vollkommenen Sympathie mit der allgemeinen
Seelenwelt eins wird. Daß der Geist bis zu diesem letzten Momente der Befreiung
seiner Seele selbst an diese gebunden ist, rührt davon her, daß er durch sein Leben
mit ihr ganz verwandt geworden ist. Diese Verwandtschaft ist eine viel größere als
die mit dem Leibe. Denn mit dem letzteren ist er mittelbar durch die Seele, mit dieser
aber unmittelbar verbunden. Sie ist ja sein Eigenleben. Deshalb ist der Geist nicht
an den verwesenden Leib, wohl aber an die sich allmählich befreiende Seele
gebunden. – Wegen der unmittelbaren Verbindung des Geistes mit der Seele kann
der erstere sich von dieser erst dann frei fühlen, wenn sie selbst mit der allgemeinen
Seelenwelt eins geworden ist.
Insofern die seelische Welt der Aufenthalt des Menschen unmittelbar nach dem
Tode ist, kann sie der «Ort der Begierden» genannt werden. Die verschiedenen
Religionssysteme, die ein Bewußtsein von diesen Verhältnissen in ihre Lehren
aufgenommen haben, kennen diesen «Ort der Begierden» unter dem Namen
«Fegefeuer», «Läuterungsfeuer» und so weiter.
Die niederste Region der Seelenwelt ist diejenige der Begierden Glut. Durch sie wird
nach dem Tode alles das aus der Seele ausgetilgt, was sie an gröbsten, mit dem
niedersten Leibesleben zusammenhängenden selbstsüchtigen Begierden hat. Denn
durch solche Begierden kann sie von den Kräften dieser Seelenregion eine Wirkung
erfahren. Die unbefriedigten Begierden, die aus dem physischen Leben
zurückgeblieben sind, bilden den Angriffspunkt. Die Sympathie solcher Seelen
erstreckt sich nur über das, was ihr eigensüchtiges Wesen nähren kann; und sie
wird weit überwogen von der Antipathie, die sich über alles andere ergießt. Nun
gehen aber die Begierden auf die physischen Genüsse, die in der Seelenwelt nicht
befriedigt werden können. Durch diese Unmöglichkeit der Befriedigung wird die Gier
aufs höchste gesteigert. Zugleich muß aber diese Unmöglichkeit die Gier allmählich
verlöschen. Die brennenden Gelüste verzehren sich nach und nach; und die Seele
hat erfahren, daß in der Austilgung solcher Gelüste das einzige Mittel liegt, das Leid
zu verhindern, das aus ihnen kommen muß. Während des physischen Lebens tritt ja
doch immer wieder und wieder Befriedigung ein. Dadurch wird der Schmerz der
brennenden Gier durch eine Art Illusion verdeckt. Nach dem Tode, im
«Läuterungsfeuer», tritt dieser Schmerz ganz unverhüllt auf. Die entsprechenden
Entbehrungserlebnisse werden durchgemacht. Ein finsterer Zustand ist es, in dem
die Seelen sich dadurch befinden. Nur diejenigen Menschen können
selbstverständlich diesem Zustande verfallen, deren Begierden im physischen
Leben auf die gröbsten Dinge abzielten. Naturen mit wenig Gelüsten gehen, ohne
daß sie es merken, durch ihn hindurch, denn sie haben zu ihm keine
Verwandtschaft. Es muß gesagt werden, daß durch die Begierdenglut die Seelen
um so länger beeinflußt werden, je verwandter sie durch ihr physisches Leben
dieser Glut geworden sind; je mehr sie es daher nötig haben, in ihr geläutert zu
werden. Man darf solche Läuterung nicht in demselben Sinne als ein Leiden
bezeichnen, wie man Ähnliches in der Sinnenwelt nur als Leiden empfinden müßte.
Denn die Seele verlangt nach dem Tode nach ihrer Läuterung, weil nur durch diese
eine in ihr bestehende Unvollkommenheit getilgt werden kann.
Eine zweite Art von Vorgängen der Seelenwelt ist so, daß sich Sympathie und
Antipathie bei ihnen das Gleichgewicht halten. Insofern eine Menschenseele in dem
gleichen Zustande nach dem Tode ist, wird sie eine Zeitlang von diesen Vorgängen
beeinflußt. Das Aufgehen im äußeren Tand des Lebens, die Freude an den
vorüberflutenden Eindrücken der Sinne bedingen diesen Zustand. Die Menschen
leben in ihm, insofern er durch die angedeuteten Seelenneigungen bedingt ist. Sie
lassen sich von jeder Nichtigkeit des Tages beeinflussen. Da aber ihre Sympathie
sich keinem Dinge in besonderem Maße zuwendet, gehen die Einflüsse rasch
vorüber. Alles, was nicht diesem nichtigen Reich angehört, ist solchen Personen
antipathisch. Erlebt nun nach dem Tode die Seele diesen Zustand, ohne daß die
sinnlich-physischen Dinge da sind, die zu seiner Befriedigung notwendig gehören,
so muß er endlich verlöschen. Natürlich ist die Entbehrung, die vor dem völligen
Erlöschen in der Seele herrscht, leidvoll. Diese leidvolle Lage ist die Schule zur
Zerstörung der Illusion, in die der Mensch während des physischen Lebens
eingehüllt ist.
Drittens kommen in der Seelenwelt die Vorgänge in Betracht mit vorherrschender
Sympathie, diejenigen mit vorherrschender Wunschnatur. Ihre Wirkung erfahren die
Seelen durch alles das, was eine Atmosphäre von Wünschen nach dem Tode erhält.
Auch diese Wünsche ersterben allmählich wegen der Unmöglichkeit ihrer
Befriedigung.
Die Region der Lust und Unlust in der Seelenwelt, die oben als die vierte bezeichnet
worden ist, legt der Seele besondere Prüfungen auf. Solange diese im Leibe wohnt,
nimmt sie an allem teil, was diesen Leib betrifft. Das Weben von Lust und Unlust ist
an diesen geknüpft. Er verursacht ihr Wohlgefühl und Behagen, Unlust und
Unbehagen. Der Mensch empfindet während des physischen Lebens seinen Körper
als sein Selbst. Das, was man Selbstgefühl nennt, gründet sich auf diese Tatsache.
Und je sinnlicher die Menschen veranlagt sind, desto mehr nimmt ihr Selbstgefühl
diesen Charakter an. – Nach dem Tode fehlt der Leib als Gegenstand dieses
Selbstgefühls. Die Seele, welcher dieses Gefühl geblieben ist, fühlt sich deshalb wie
ausgehöhlt. Ein Gefühl, wie wenn sie sich selbst verloren hätte, befällt sie. Dieses
hält so lange an, bis erkannt ist, daß im Physischen nicht der wahre Mensch liegt.
Die Einwirkungen dieser vierten Region zerstören daher die Illusion des leiblichen
Selbst. Die Seele lernt diese Leiblichkeit nicht mehr als etwas Wesentliches
empfinden. Sie wird geheilt und geläutert von dem Hang zu der Leiblichkeit.
Dadurch hat sie überwunden, was sie vorher stark an die physische Welt kettete,
und sie kann die Kräfte der Sympathie, die nach außen gehen, voll entfalten. Sie ist
sozusagen von sich abgekommen und bereit, teilnahmsvoll sich in die allgemeine
Seelenwelt zu ergießen.
Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß die Erlebnisse dieser Region im besonderen
Maße Selbstmörder durchmachen. Sie verlassen auf künstlichem Wege ihren
physischen Leib, während doch alle Gefühle, die mit diesem zusammenhängen,
unverändert bleiben. Beim natürlichen Tode geht mit dem Verfall des Leibes auch
ein teilweises Ersterben der an ihn sich heftenden Gefühle einher. Bei
Selbstmördern kommen dann noch zu der Qual, die ihnen das Gefühl der plötzlichen
Aushöhlung verursacht, die unbefriedigten Begierden und Wünsche, wegen deren
sie sich entleibt haben.
Die fünfte Stufe der Seelenwelt ist die des Seelenlichtes. Die Sympathie mit
anderem hat in ihr bereits eine hohe Geltung. Mit ihr sind die Seelen verwandt,
insofern sie während des physischen Lebens nicht in der Befriedigung niederer
Bedürfnisse aufgegangen sind, sondern Freude, Lust an ihrer Umwelt gehabt
haben. Die Naturschwärmerei, insofern sie einen sinnlichen Charakter an sich
getragen hat, unterliegt zum Beispiel hier der Läuterung. Man muß aber diese Art
von Naturschwärmerei wohl unterscheiden von jenem höheren Leben in der Natur,
das geistiger Art ist und welches den Geist sucht, der sich in den Dingen und
Vorgängen der Natur offenbart. Diese Art von Natursinn gehört zu den Dingen, die
den Geist selbst entwickeln und die ein Bleibendes in diesem Geiste begründen.
Von diesem Natursinn ist aber eine solche Lust an der Natur zu unterscheiden, die
ihren Grund in den Sinnen hat. Dieser gegenüber bedarf die Seele ebenso der
Läuterung wie gegenüber anderen Neigungen, die im bloßen physischen Dasein
begründet sind. Viele Menschen sehen in Einrichtungen, die der sinnlichen
Wohlfahrt dienen, in einem Erziehungssystem, das vor allem sinnliches Behagen
herbeigeführt, eine Art Ideal. Von ihnen kann man nicht sagen, daß sie nur ihren
selbstsüchtigen Trieben dienen. Aber ihre Seele ist doch auf die Sinnenwelt
gerichtet und muß durch die in der fünften Region der seelischen Welt herrschende
Kraft der Sympathie, der diese äußeren Befriedigungsmittel fehlen, geheilt werden.
Die Seele erkennt hier allmählich, daß diese Sympathie andere Wege nehmen muß.
Und diese Wege werden gefunden in der durch die Sympathie mit der
Seelenumgebung bewirkten Ausgießung der Seele in den Seelenraum. – Auch
diejenigen Seelen, welche von ihren religiösen Verrichtungen zunächst eine
Erhöhung ihrer sinnlichen Wohlfahrt verlangen, werden hier geläutert. Sei es, daß
ihre Sehnsucht auf ein irdisches, sei es, daß sie auf ein himmlisches Paradies gehe.
Sie finden im «Seelenlande» dieses Paradies; aber nur zu dem Zwecke, um die
Wertlosigkeit desselben zu durchschauen. Alles das sind natürlich nur einzelne
Beispiele für Läuterungen, die in dieser fünften Region stattfinden. Sie könnten
beliebig vermehrt werden.
Durch die sechste Region, diejenige der tätigen Seelenkraft, findet die Läuterung
des tatendurstigen Teiles der Seele statt, der nicht einen egoistischen Charakter
trägt, doch aber in der sinnlichen Befriedigung, welche die Taten bringen, seine
Motive hat. Naturen, die eine solche Tatenlust entwickeln, machen äußerlich
durchaus den Eindruck von Idealisten, sie zeigen sich als aufopferungsfähige
Personen. Im tieferen Sinne kommt es ihnen aber doch auf die Erhöhung eines
sinnlichen Lustgefühls an. Viele künstlerische Naturen und solche, welche sich
wissenschaftlicher Betätigung hingeben, weil es ihnen so gefällt, gehören hierher.
Was diese an die physische Welt kettet, das ist der Glaube, daß Kunst und
Wissenschaft um eines solchen Gefallens willen da seien.
Die siebente Region, die des eigentlichen Seelenlebens, befreit den Menschen von
seinen letzten Hinneigungen zur sinnlich-physischen Welt. Jede vorhergehende
Region nimmt von der Seele das auf, was ihr verwandt ist. Was nun noch den Geist
umgibt, das ist die Meinung, daß seine Tätigkeit der sinnlichen Welt ganz gewidmet
sein soll. Es gibt hochbegabte Persönlichkeiten, die aber über nicht viel anderes
nachsinnen als über die Vorgänge der physischen Welt. Man kann einen solchen
Glauben einen materialistischen nennen. Dieser Glaube muß zerstört werden, und
er wird es in der siebenten Region. Da sehen die Seelen, daß keine Gegenstände
für materialistische Gesinnung in der wahren Wirklichkeit vorhanden sind. Wie Eis in
der Sonne schmilzt dieser Glaube der Seele hier dahin. Das Seelenwesen ist
nunmehr aufgesogen von seiner Welt, der Geist aller Fesseln ledig. Er schwingt sich
auf in die Regionen, wo er nur in seiner eigenen Umgebung lebt. – Die Seele hat
ihre vorige Erdenaufgabe erfüllt, und es hat sich nach dem Tode gelöst, was von
dieser Aufgabe als eine Fessel für den Geist geblieben ist. Indem die Seele den
Erdenrest überwunden hat, ist sie selbst ihrem Elemente zurückgegeben.
Man sieht aus dieser Darstellung, daß die Erlebnisse der seelischen Welt, und damit
auch die Zustände des seelischen Lebens nach dem Tode, ein immer weniger der
Seele widerstrebendes Aussehen gewinnen, je mehr der Mensch von dem
abgestreift hat, was ihm von der irdischen Verbindung mit der physischen
Körperlichkeit an unmittelbarer Verwandtschaft mit dieser anhaftet. – Je nach den im
physischen Leben geschaffenen Vorbedingungen wird die Seele länger oder kürzer
der einen oder anderen Region angehören. Wo sie Verwandtschaft fühlt, bleibt sie
so lange, bis diese getilgt ist. Wo keine Verwandtschaft vorhanden ist, geht sie
unfühlend über die möglichen Einwirkungen hinweg. Es sollten hier nur die
Grundeigenschaften der Seelenwelt geschildert und der Charakter des Lebens der
Seele in dieser Welt in allgemeinen Zügen dargestellt werden. Dasselbe gilt für die
folgenden Darstellungen des Geisterlandes. Es würde die Grenzen, welche dieses
Buch einhalten soll, überschreiten, wenn auf weitere Eigenschaften dieser höheren
Welten eingegangen werden sollte. Denn von dem, was sich mit Raumverhältnissen
und dem Zeitverlauf vergleichen läßt, in bezug auf die hier alles ganz anders ist als
in der physischen Welt, kann nur verständlich gesprochen werden, wenn man es in
ganz ausführlicher Art darstellen will. Einiges Wichtige darüber findet man in meiner
«Geheimwissenschaft».
III. Das Geisterland
Bevor nun der Geist auf seiner weiteren Wanderung betrachtet werden kann, muß
das Gebiet selbst erst beobachtet werden, das er betritt. Es ist die «Welt des
Geistes». Diese Welt ist der physischen so unähnlich, daß alles das, was über sie
gesagt wird, demjenigen wie Phantastik vorkommen muß, der nur seinen
physischen Sinnen vertrauen will. Und in noch höherem Maße gilt hier, was schon
bei der Betrachtung der «Welt der Seele» gesagt worden ist: man muß sich der
Gleichnisse bedienen, um zu schildern. Denn unsere Sprache, die zumeist nur der
sinnlichen Wirklichkeit dient, ist mit Ausdrücken, die sich für das «Geisterland»
unmittelbar anwenden lassen, nicht gerade reich gesegnet. Besonders hier muß
daher gebeten werden, manches, was gesagt wird, nur als Andeutung zu verstehen.
Es ist alles, was hier beschrieben wird, der physischen Welt so unähnlich, daß es
nur in dieser Weise geschildert werden kann. Der Schreiber dieser Darstellung ist
sich immer bewußt, wie wenig seine Angaben wegen der Unvollkommenheit unserer
für die physische Welt berechneten sprachlichen Ausdrucksmittel wirklich der
Erfahrung auf diesem Gebiete gleichen können.
Vor allen Dingen muß betont werden, daß diese Welt aus dem Stoffe (auch das
Wort «Stoff» ist natürlich hier in einem sehr uneigentlichen Sinne gebraucht)
gewoben ist, aus dem der menschliche Gedanke besteht. Aber so wie der Gedanke
im Menschen lebt, ist er nur ein Schattenbild, ein Schemen seiner wirklichen
Wesenheit. Wie der Schatten eines Gegenstandes an einer Wand sich zum
wirklichen Gegenstand verhält, der diesen Schatten wirft, so verhält sich der
Gedanke, der durch den menschlichen Kopf erscheint, zu der Wesenheit im
«Geisterland», die diesem Gedanken entspricht. Wenn nun der geistige Sinn des
Menschen erweckt ist, dann nimmt er diese Gedankenwesenheit wirklich wahr, wie
das sinnliche Auge einen Tisch oder einen Stuhl wahrnimmt. Er wandelt in einer
Umgebung von Gedankenwesen. Das sinnliche Auge nimmt den Löwen wahr und
das auf Sinnliches gerichtete Denken bloß den Gedanken des Löwen als ein
Schemen, als ein schattenhaftes Bild. Das geistige Auge sieht im «Geisterland» den
Gedanken des Löwen so wirklich wie das sinnliche den physischen Löwen. Wieder
kann hier auf das schon bezüglich des «Seelenlandes» gebrauchte Gleichnis
verwiesen werden. Wie dem operierten Blindgeborenen auf einmal seine Umgebung
mit den neuen Eigenschaften der Farben und Lichter erscheint, so erscheint dem
jenigen, der sein geistiges Auge gebrauchen lernt, die Umgebung mit einer neuen
Welt erfüllt, mit der Welt lebendiger Gedanken oder Geistwesen. – In dieser Welt
sind nun zunächst die geistigen Urbilder aller Dinge und Wesen zu sehen, die in der
physischen und in der seelischen Welt vorhanden sind. Man denke sich das Bild
eines Malers im Geiste vorhanden, bevor es gemalt ist. Dann hat man ein Gleichnis
dessen, was mit dem Ausdruck Urbild gemeint ist. Es kommt hier nicht darauf an,
daß der Maler ein solches Urbild vielleicht nicht im Kopfe hat, bevor er malt; daß es
erst während der praktischen Arbeit nach und nach vollständig entsteht. In der
wirklichen «Welt des Geistes» sind solche Urbilder für alle Dinge vorhanden, und die
physischen Dinge und Wesenheiten sind Nachbilder dieser Urbilder. – Wenn
derjenige, welcher nur seinen äußeren Sinnen vertraut, diese urbildliche Welt
leugnet und behauptet, die Urbilder seien nur Abstraktionen, die der vergleichende
Verstand von den sinnlichen Dingen gewinnt, so ist das begreiflich; denn ein solcher
kann eben in dieser höheren Welt nicht wahrnehmen; er kennt die Gedankenwelt
nur in ihrer schemenhaften Abstraktheit. Er weiß nicht, daß der geistig Schauende
mit den Geisteswesen so vertraut ist wie er selbst mit seinem Hunde oder seiner
Katze und daß die Urbilderwelt eine weitaus intensivere Wirklichkeit hat als die
sinnlich-physische.
Allerdings ist der erste Einblick in dieses «Geisterland» noch verwirrender als
derjenige in die seelische Welt. Denn die Urbilder in ihrer wahren Gestalt sind ihren
sinnlichen Nachbildem sehr unähnlich. Ebenso unähnlich sind sie aber auch ihren
Schatten, den abstrakten Gedanken. – In der geistigen Welt ist alles in
fortwährender beweglicher Tätigkeit, in unaufhörlichem Schaffen. Eine Ruhe, ein
Verweilen an einem Orte, wie sie in der physischen Welt vorhanden sind, gibt es
dort nicht. Denn die Urbilder sind schaffende Wesenheiten. Sie sind die Werkmeister
alles dessen, was in der physischen und seelischen Welt entsteht. Ihre Formen sind
rasch wechselnd; und in jedem Urbild liegt die Möglichkeit, unzählige besondere
Gestalten anzunehmen. Sie lassen gleichsam die besonderen Gestalten aus sich
hervorsprießen; und kaum ist die eine erzeugt, so schickt sich das Urbild an, eine
nächste aus sich hervorquellen zu lassen. Und die Urbilder stehen miteinander in
mehr oder weniger verwandtschaftlicher Beziehung. Sie wirken nicht vereinzelt. Das
eine bedarf der Hilfe des andern zu seinem Schaffen. Unzählige Urbilder wirken oft
zusammen, damit diese oder jene Wesenheit in der seelischen oder physischen
Welt entstehe.
Außer dem, was durch «geistiges Sehen» in diesem «Geisterlande» wahrzunehmen
ist, gibt es hier noch etwas anderes, das als Erlebnis des «geistigen Hörens» zu
betrachten ist. Sobald nämlich der «Hellsehende» aufsteigt aus dem Seelen- in das
Geisterland, werden die wahrgenommenen Urbilder auch klingend. Dieses
«Klingen» ist ein rein geistiger Vorgang. Es muß ohne alles Mitdenken eines
physischen Tones vorgestellt werden. Der Beobachter fühlt sich wie in einem Meere
von Tönen. Und in diesen Tönen, in diesem geistigen Klingen drücken sich die
Wesenheiten der geistigen Welt aus. In ihrem Zusammenklingen, ihren Harmonien,
Rhythmen und Melodien prägen sich die Urgesetze ihres Daseins, ihre
gegenseitigen Verhältnisse und Verwandtschaften aus. Was in der physischen Welt
der Verstand als Gesetz, als Idee wahrnimmt, das stellt sich für das «geistige Ohr»
als ein Geistig-Musikalisches dar. (Die Pythagoreer nannten daher diese
Wahrnehmung der geistigen Welt «Sphärenmusik». Dem Besitzer des «geistigen
Ohres» ist diese «Sphärenmusik» nicht bloß etwas Bildliches, Allegorisches,
sondern eine ihm wohlbekannte geistige Wirklichkeit.) Man muß nur, wenn man
einen Begriff von dieser «geistigen Musik» erhalten will, alle Vorstellungen von
sinnlicher Musik beseitigen, wie sie durch das «stoffliche Ohr» wahrgenommen wird.
Es handelt sich hier eben um «geistige Wahrnehmung», also um eine solche, die
stumm bleiben muß für das «sinnliche Ohr». In den folgenden Beschreibungen des
«Geisterlandes» sollen der Einfachheit halber die Hinweise auf diese «geistige
Musik» weggelassen werden. Man hat sich nur vorzustellen, daß alles, was als
«Bild», als ein «Leuchtendes» beschrieben wird, zugleich ein Klingendes ist. Jeder
Farbe, jeder Lichtwahrnehmung entspricht ein geistiger Ton, und jedem
Zusammenwirken von Farben entspricht eine Harmonie, eine Melodie und so weiter.
Man muß sich nämlich durchaus vergegenwärtigen, daß auch da, wo das Tönen
herrscht, das Wahrnehmen des «geistigen Auges» nicht etwa aufhört. Es kommt
eben das Tönen zu dem Leuchten nur hinzu. Wo von «Urbildern» in dem Folgenden
gesprochen wird, sind also die «Urtöne» hinzuzudenken. Auch andere
Wahrnehmungen kommen hinzu, die gleichnisartig als «geistiges Schmecken» und
so weiter bezeichnet werden können. Doch soll hier auf diese Vorgänge nicht
eingegangen werden, da es sich darum handelt, eine Vorstellung von dem
«Geisterlande» durch einige aus dem Ganzen herausgegriffene
Wahrnehmungsarten in demselben zu erwecken.
Nun ist zunächst notwendig, die verschiedenen Arten der Urbilder voneinander zu
unterscheiden. Auch im «Geisterland» hat man eine Anzahl von Stufen oder
Regionen auseinanderzuhalten, um sich zu orientieren. Auch hier sind, wie in der
«Seelenwelt», die einzelnen Regionen nicht etwa schichtenweise
übereinandergelagert zu denken, sondern sich gegenseitig durchdringend und
durchsetzend. Die erste Region enthält die Urbilder der physischen Welt, insofern
diese nicht mit Leben begabt ist. Die Urbilder der Mineralien sind hier zu finden,
ferner die der Pflanzen; diese aber nur insofern, als sie rein physisch sind; also
insofern man auf das Leben in ihnen keine Rücksicht nimmt. Ebenso trifft man hier
die physischen Tier- und Menschenformen an. Damit soll dasjenige nicht erschöpft
sein, was sich in dieser Region befindet; es soll nur durch naheliegende Beispiele
illustriert werden. – Diese Region bildet das Grundgerüst des «Geisterlandes». Es
kann verglichen werden mit dem festen Land unserer physischen Erde. Es ist die
Kontinentalmasse des «Geisterlandes». Seine Beziehung zur physisch-körperlichen
Welt kann nur vergleichsweise beschrieben werden. Man bekommt eine Vorstellung
davon etwa durch folgendes: Man denke sich irgendeinen begrenzten Raum mit
physischen Körpern der mannigfaltigsten Art ausgefüllt. Und nun denke man sich
diese physischen Körper weg und an ihrer Stelle Hohlräume in ihren Formen. Die
früher leeren Zwischenräume denke man sich aber mit den mannigfaltigsten Formen
erfüllt, die zu den früheren Körpern in mannigfachen Beziehungen stehen. –So etwa
sieht es in der niedrigsten Region der Urbilderwelt aus. In ihr sind die Dinge und
Wesen, die in der physischen Welt verkörpert werden, als «Hohlräume» vorhanden.
Und in den Zwischenräumen spielt sich die bewegliche Tätigkeit der Urbilder (und
der «geistigen Musik») ab. Bei der physischen Verkörperung werden nun die
Hohlräume gewissermaßen mit physischem Stoffe erfüllt. Wer zugleich mit
physischem und geistigem Auge in den Raum schaute, sähe die physischen Körper
und dazwischen die bewegliche Tätigkeit der schaffenden Urbilder. Die Zweite
Region des «Geisterlandes» enthält die Urbilder des Lebens. Aber dieses Leben
bildet hier eine vollkommene Einheit. Als flüssiges Element durchströmt es die Welt
des Geistes, gleichsam als Blut alles durchpulsend. Es läßt sich mit dem Meere und
den Gewässern der physischen Erde vergleichen. Seine Verteilung ist allerdings
ähnlicher der Verteilung des Blutes in dem tierischen Körper als derjenigen der
Meere und Flüsse. Fließendes Leben, aus Gedankenstoff gebildet, so könnte man
diese zweite Stufe des «Geisterlandes» bezeichnen. In diesem Element liegen die
schaffenden Urkräfte für alles, was in der physischen Wirklichkeit als belebte Wesen
auftritt. Hier zeigt es sich, daß alles Leben eine Einheit ist, daß das Leben in dem
Menschen verwandt ist mit dem Leben aller seiner Mitgeschöpfe.
Als dritte Region des «Geisterlandes» müssen die Urbilder alles Seelischen
bezeichnet werden. Man befindet sich hier in einem viel dünneren und feineren
Element als in den beiden ersten Regionen. Vergleichsweise kann es als der
Luftkreis des «Geisterlandes» bezeichnet werden. Alles, was in den Seelen der
beiden anderen Welten vorgeht, hat hier sein geistiges Gegenstück. Alle
Empfindungen, Gefühle, Instinkte, Leidenschaften und so weiter sind hier auf
geistige Art noch einmal vorhanden. Die atmosphärischen Vorgänge in diesem
Luftkreise entsprechen den Leiden und Freuden der Geschöpfe in den andern
Welten. Wie ein leises Wehen erscheint hier das Sehnen einer Menschenseele; wie
ein stürmischer Luftzug ein leidenschaftlicher Ausbruch. Wer über das hier in
Betracht Kommende sich Vorstellungen bilden kann, der dringt tief ein in das
Seufzen einer jeglichen Kreatur, wenn er seine Aufmerksamkeit darauf richtet. Man
kann hier zum Beispiel sprechen von stürmischen Gewittern mit zuckenden Blitzen
und rollendem Donner; und geht man der Sache weiter nach, so findet man, daß
sich in solchen «Geistergewittern» die Leidenschaften einer auf der Erde
geschlagenen Schlacht ausdrücken.
Die Urbilder der vierten Region beziehen sich nicht unmittelbar auf die andern
Welten. Sie sind in gewisser Beziehung Wesenheiten, welche die Urbilder der drei
unteren Regionen beherrschen und deren Zusammentritt vermitteln. Sie sind daher
beschäftigt mit dem Ordnen und Gruppieren dieser untergeordneten Urbilder. Von
dieser Region geht demnach eine umfassendere Tätigkeit aus als von den unteren.
Die fünfte, sechste und siebente Region unterscheiden sich wesentlich von den
vorhergehenden. Denn die in ihnen befindlichen Wesenheiten liefern den Urbildern
der unteren Regionen die Antriebe zu ihrer Tätigkeit. In ihnen findet man die
Schöpferkräfte der Urbilder selbst. Wer zu diesen Regionen aufzusteigen vermag,
der macht Bekanntschaft mit den «Absichten» (an ein Aufwärmen der alten
«Zweckmäßigkeitslehre» ist nicht gedacht.) die unserer Welt zugrunde liegen. Wie
lebendige Keimpunkte liegen hier noch die Urbilder bereit, um die mannigfaltigsten
Formen von Gedankenwesen anzunehmen. Werden diese Keimpunkte in die
unteren Regionen geführt, dann quellen sie gleichsam auf und zeigen sich in den
mannigfaltigsten Gestalten. Die Ideen, durch die der menschliche Geist in der
physischen Welt schöpferisch auftritt, sind der Abglanz, der Schatten dieser
Keimgedankenwesen der höheren geistigen Welt. Der Beobachter mit dem
«geistigen Ohr», welcher von den unteren Regionen des «Geisterlandes» zu diesen
oberen aufsteigt, wird gewahr, wie sich das Klingen und Tönen in eine «geistige
Sprache» umsetzt. Er beginnt das «geistige Wort» wahrzunehmen, durch das für ihn
nun nicht allein die Dinge und Wesenheiten ihre Natur durch Musik kundgeben,
sondern in Worten ausdrücken. Sie sagen ihm, wie man das in der
Geisteswissenschaft nennen kann, ihre «ewigen Namen».
Man hat sich vorzustellen, daß diese Gedankenkeimwesen zusammengesetzter
Natur sind. Aus dem Elemente der Gedankenwelt ist gleichsam nur die Keimhülle
genommen. Und diese umschließt den eigentlichen Lebenskern. Damit sind wir an
die Grenze der «drei Welten» gelangt, denn der Kern stammt aus noch höheren
Welten. Als der Mensch, seinen Bestandteilen nach, in einem vorangehenden
Abschnitt beschrieben worden ist, wurde für ihn dieser Lebenskern angegeben und
der «Lebensgeist» und «Geistesmensch» als seine Bestandteile genannt. Auch für
andere Weltwesenheiten sind ähnliche Lebenskerne vorhanden. Sie stammen aus
höheren Welten und werden in die drei angegebenen versetzt, um ihre Aufgaben
darin zu vollbringen. – Hier soll nun die weitere Pilgerfahrt des menschlichen
Geistes durch das «Geisterland» zwischen zwei Verkörperungen oder Inkarnationen
verfolgt werden. Dabei werden die Verhältnisse und Eigentümlichkeiten dieses
«Landes» noch einmal klar hervortreten.
IV. Der Geist im Geisterland nach dem Tode
Wenn der Menschengeist auf seinem Wege zwischen zwei Verkörperungen die
«Welt der Seelen» durchwandert hat, dann betritt er das «Land der Geister», um da
zu verbleiben, bis er zu einem neuen leiblichen Dasein reif ist. Den Sinn dieses
Aufenthaltes im «Geisterland» versteht man nur, wenn man die Aufgabe der
Lebenspilgerfahrt des Menschen durch seine Verkörperung hindurch in der richtigen
Art zu deuten weiß. Während der Mensch im physischen Leibe verkörpert ist, wirkt
und schafft er in der physischen Welt. Und er wirkt und schafft in ihr als geistiges
Wesen. Was sein Geist ersinnt und ausbildet, das prägt er den physischen Formen,
den körperlichen Stoffen und Kräften ein. Er hat also als ein Bote der geistigen Welt
den Geist der Körperwelt einzuverleiben. Nur dadurch, daß er sich verkörpert, kann
der Mensch in der Körperwelt wirken. Er muß den physischen Leib als sein
Werkzeug annehmen, damit er durch das Körperliche auf Körperliches wirken und
damit Körperliches auf ihn wirken kann. Was aber durch diese physische
Körperlichkeit des Menschen hindurchwirkt, das ist der Geist. Von diesem gehen die
Absichten, die Richtungen aus für das Wirken in der physischen Welt. – Solange
nun der Geist im physischen Leibe wirkt, kann er als Geist nicht in seiner wahren
Gestalt leben. Er kann gleichsam nur durch den Schleier des physischen Daseins
hindurchscheinen. Das menschliche Gedankenleben gehört nämlich in Wahrheit der
geistigen Welt an; und so, wie es im physischen Dasein auftritt, ist seine wahre
Gestalt verschleiert. Man kann auch sagen, das Gedankenleben des physischen
Menschen sei ein Schattenbild, ein Abglanz der wahren geistigen Wesenheit, zu der
es gehört. So tritt während des physischen Lebens der Geist auf der Grundlage des
physischen Körpers mit der irdischen Körperwelt in Wechselwirkung. Wenn nun
auch gerade in dem Wirken auf die physische Körperwelt eine der Aufgaben des
Menschengeistes liegt, solange er von Verkörperung zu Verkörperung schreitet, so
könnte er doch diese Aufgabe keineswegs entsprechend erfüllen, wenn er nur im
leiblichen Dasein lebte. Denn die Absichten und Ziele der irdischen Aufgabe werden
ebensowenig innerhalb der irdischen Verkörperung ausgebildet und gewonnen, wie
der Plan eines Hauses auf dem Bauplatz zustande kommt, auf dem die Arbeiter
wirken. Wie dieser Plan im Büro des Architekten ausgearbeitet wird, so werden die
Ziele und Absichten des irdischen Schaffens «im Lande der Geister» ausgebildet. –
Der Geist des Menschen muß in diesem Lande immer wieder zwischen zwei
Verkörperungen leben, um, gerüstet mit dem, was er sich von da mitbringt, an die
Arbeit in dem physischen Leben herantreten zu können. Wie der Architekt, ohne die
Ziegel und den Mörtel zu bearbeiten, in seiner Arbeitsstube den Hausplan verfertigt
nach Maßgabe der baukünstlerischen und anderer Gesetze, so muß der Architekt
des menschlichen Schaffens, der Geist oder das höhere Selbst, im «Geisterland»
die Fähigkeiten und Ziele nach den Gesetzen dieses Landes ausbilden, um sie dann
in die irdische Welt überzuführen. Nur wenn der Menschengeist immer wieder und
wieder in seinem eigenen Bereich sich aufhält, wird er auch durch die physischkörperlichen
Werkzeuge in die irdische Welt den Geist tragen können. – Auf dem
physischen Schauplatz lernt der Mensch die Eigenschaften und Kräfte der
physischen Welt kennen. Er sammelt da während des Schaffens die Erfahrungen
darüber, was für Anforderungen die physische Welt an den stellt, der in ihr arbeiten
will. Er lernt da gleichsam die Eigenschaften des Stoffes kennen, in dem er seine
Gedanken und Ideen verkörpern will. Die Gedanken und Ideen selbst kann er nicht
aus dem Stoff heraussaugen. So ist die irdische Welt zugleich der Schauplatz des
Schaffens und des Lernens. Im «Geisterland» wird dann das Gelernte in lebendige
Fähigkeit des Geistes umgebildet. Man kann den obigen Vergleich fortsetzen, um
die Sache sich zu verdeutlichen. Der Architekt arbeitet den Plan eines Hauses aus.
Dieser wird ausgeführt. Dabei macht er eine Summe der mannigfaltigsten
Erfahrungen. Alle diese Erfahrungen steigern seine Fähigkeiten. Wenn er den
nächsten Plan ausarbeitet, fließen alle diese Erfahrungen mit ein. Und dieser
nächste Plan erscheint gegenüber dem ersten bereichert um alles das, was an dem
vorigen gelernt worden ist. So ist es mit den aufeinanderfolgenden menschlichen
Lebensläufen. In den Zwischenzeiten zwischen den Verkörperungen lebt der Geist
in seinem eigenen Bereich. Er kann sich ganz den Anforderungen des
Geisteslebens hingeben; er bildet sich~ befreit von der physischen Körperlichkeit,
nach allen Seiten aus und arbeitet in diese seine Bildung die Früchte der
Erfahrungen seiner früheren Lebensläufe hinein. So ist sein Blick immer auf den
Schauplatz seiner irdischen Aufgaben gerichtet, so arbeitet er stets daran, die Erde,
insofern diese der Platz seines Wirkens ist, durch die ihr notwendige Entwicklung
hindurch zu verfolgen. Er arbeitet an sich, um bei jedesmaliger Verkörperung dem
Zustande der Erde entsprechend seine Dienste im irdischen Wandel leisten zu
können. – Dies ist allerdings nur ein allgemeines Bild von den aufeinanderfolgenden
menschlichen Lebensläufen. Und die Wirklichkeit wird mit diesem Bilde niemals
ganz, sondern nur mehr oder weniger übereinstimmen. Die Verhältnisse können es
mit sich bringen, daß ein folgendes Leben eines Menschen viel unvollkommener ist
als ein vorhergehendes. Allein im ganzen und großen gleichen sich in den
aufeinanderfolgenden Lebensläufen solche Unregelmäßigkeiten innerhalb
bestimmter Grenzen wieder aus.
Die Bildung des Geistes im «Geisterland» geschieht dadurch, daß der Mensch sich
in die verschiedenen Regionen dieses Landes einlebt. Sein eigenes Leben
verschmilzt in entsprechender Aufeinanderfolge mit diesen Regionen; er nimmt
vorübergehend ihre Eigenschaften an. Sie durchdringen dadurch sein Wesen mit
ihrem Wesen, auf daß ersteres dann mit dem letzteren gestärkt im Irdischen wirken
könne. – In der ersten Region des «Geisterlandes» ist der Mensch umgeben von
den geistigen Urbildern der irdischen Dinge. Während des Erdenlebens lernt er ja
nur die Schatten dieser Urbilder kennen, die er in seinen Gedanken erfaßt. Was auf
der Erde bloß gedacht wird, das wird in dieser Region erlebt. Der Mensch wandelt
unter Gedanken, aber diese Gedanken sind wirkliche Wesenheiten. Was er während
des Erdenlebens mit seinen Sinnen wahrgenommen hat, das wirkt auf ihn jetzt in
seiner Gedankenform. Aber der Gedanke erscheint nicht als der Schatten, der sich
hinter den Dingen verbirgt, sondern er ist lebensvolle Wirklichkeit, welche die Dinge
erzeugt. Der Mensch ist gleichsam in der Gedankenwerkstätte, in der die irdischen
Dinge geformt und gebildet werden. Denn im «Lande des Geistes» ist alles
lebensvolle Tätigkeit und Regsamkeit. Hier ist die Gedankenwelt am Werke als Welt
lebendiger Wesen, schöpferisch und bildend. Man sieht da, wie das gebildet wird,
was man im Erdendasein erlebt hat. Wie man im physischen Leibe die sinnlichen
Dinge als Wirklichkeit erlebt, so erlebt man jetzt als Geist die geistigen
Bildungskräfte als wirklich Unter den Gedankenwesen, die da vorhanden sind, ist
auch der Gedanke der eigenen physischen Leiblichkeit. Dieser fühlt man sich
entrückt. Nur die geistige Wesenheit empfindet man als zu sich gehörig. Und wenn
man den abgelegten Leib, wie in der Erinnerung, nicht mehr als physisch, sondern
als Gedankenwesen gewahr wird, dann tritt schon in der Anschauung seine
Zugehörigkeit zur äußeren Welt hervor. Man lernt ihn als etwas zur Außenwelt
Gehöriges betrachten, als ein Glied dieser Außenwelt. Man trennt folglich nicht mehr
seine Leiblichkeit von der anderen Außenwelt als etwas dem eigenen Selbst näher
Verwandtes ab. Man fühlt in der gesamten Außenwelt mit Einschluß der eigenen
leiblichen Verkörperungen eine Einheit. Die eigenen Verkörperungen verschmelzen
hier mit der übrigen Welt zur Einheit. So blickt man hier auf die Urbilder der
physisch-körperlichen Wirklichkeit als auf eine Einheit, zu der man selbst gehört hat.
Man lernt deshalb nach und nach seine Verwandtschaft, seine Einheit mit der
Umwelt durch Beobachtung kennen. Man lernt zu ihr sagen: Das, was sich hier um
dich ausbreitet, das warst du selbst. – Das aber ist einer der Grundgedanken der
alten indischen Vedanta-Weisheit. Der «Weise» eignet sich schon während des
Erdenlebens das an, was der andere nach dem Tode erlebt, nämlich den Gedanken
zu fassen, daß er selbst mit allen Dingen verwandt ist, den Gedanken: Das bist du.
Im irdischen Leben ist das ein Ideal, dem sich das Gedankenleben hingeben kann;
im «Lande der Geister» ist es eine unmittelbare Tatsache, die uns durch die geistige
Erfahrung immer klarer wird. –Und der Mensch selbst wird in diesem Lande sich
immer mehr bewußt, daß er, seinem eigentlichen Wesen nach, der Geisterwelt
angehört. Er nimmt sich als Geist unter Geistern, als ein Glied der Urgeister wahr,
und er wird in sich selbst des Urgeistes Wort fühlen: «Ich bin der Urgeist.» (Die
Weisheit des Vedanta sagt: «Ich bin Brahman», das heißt ich gehöre als ein Glied
dem Urwesen an, aus dem alle Wesen stammen. ) – Man sieht: was im Erdenleben
als schattenhafter Gedanke erfaßt wird und wohin alle Weisheit abzielt, das wird im
«Geisterland» unmittelbar erlebt. Ja es wird während des Erdenlebens nur
deswegen gedacht, weil es im geistigen Dasein eine Tatsache ist.
So sieht der Mensch während seines geistigen Daseins die Verhältnisse und
Tatsachen, in denen er während des Erdenlebens mitten drinnen steht, von einer
höheren Warte aus, gleichsam von außen. Und in der untersten Region des
«Geisterlandes» lebt er auf solche Art gegenüber den irdischen Verhältnissen, die
unmittelbar mit der physischen körperlichen Wirklichkeit zusammenhängen. – Der
Mensch ist auf der Erde in eine Familie, in ein Volk hineingeboren; er lebt in einem
gewissen Lande. Durch alle diese Verhältnisse wird sein irdisches Dasein bestimmt.
Er findet, weil es die Verhältnisse in der physischen Welt mit sich bringen, diesen
oder jenen Freund. Er treibt diese oder jene Geschäfte. Alles das bestimmt seine
irdischen Lebensverhältnisse. Alles das tritt ihm nun während seines Lebens in der
ersten Region des «Geisterlandes» als lebendige Gedankenwesenheit entgegen. Er
durchlebt das alles in einer gewissen Art noch einmal. Aber er durchlebt es von der
tätig-geistigen Seite aus. Die Familienliebe, die er geübt hat, die Freundschaft, die er
entgegengebracht hat, werden in ihm von innen aus lebendig, und seine Fähigkeiten
werden in dieser Richtung gesteigert. Dasjenige im Menschengeist, was als Kraft
der Familien-, der Freundesliebe wirkt, wird gestärkt. Er tritt in dieser Beziehung
später als ein vollkommenerer Mensch wieder ins irdische Dasein. – Es sind
gewissermaßen die alltäglichen Verhältnisse des Erdenlebens, die in dieser
untersten Region des «Geisterlandes» als Früchte reifen. Und dasjenige im
Menschen, das mit seinen Interessen ganz in diesen alltäglichen Verhältnissen
aufgeht, wird den längsten Teil des geistigen Lebens zwischen zwei Verkörperungen
mit dieser Region sich verwandt fühlen. – Die Menschen, mit welchen man in der
physischen Welt zusammengelebt hat, findet man in der geistigen Welt wieder.
Gleich wie von der Seele alles abfällt, was ihr durch den physischen Leib eigen war,
so löst sich auch das Band, das im physischen Leben Seele und Seele verknüpft,
von den Bedingungen los, welche nur in der physischen Welt Bedeutung und
Wirksamkeit haben. Doch setzt sich über den Tod hinaus alles – in die geistige Welt
hinein – fort, was im physischen Leben Seele der Seele war. Es ist naturgemäß, daß
Worte, welche für physische Verhältnisse geprägt sind, nur ungenau wiedergeben
können, was in der geistigen Welt vorgeht. Sofern aber dieses in Betracht gezogen
wird, so darf es durchaus als richtig bezeichnet werden, wenn gesagt wird: die im
physischen Leben zusammengehörigen Seelen finden sich in der geistigen Welt
wieder, um ihr Zusammenleben da in entsprechender Weise fortzusetzen. – Die
nächste Region ist diejenige, in welcher das gemeinsame Leben der irdischen Welt
als Gedankenwesenheit, gleichsam als das flüssige Element des «Geisterlandes»,
strömt. Solange man in physischer Verkörperung die Welt beobachtet, erscheint das
Leben an einzelne Lebewesen gebunden. Im «Geisterland» ist es davon losgelöst
und durchfließt als Lebensblut gleichsam das ganze Land. Es ist da die lebendige
Einheit, die in allem vorhanden ist. Während des irdischen Lebens erscheint dem
Menschen auch davon nur ein Abglanz. Und dieser spricht sich in jeder Form von
Verehrung aus, die der Mensch dem Ganzen, der Einheit und Harmonie der Welt,
entgegenbringt. Das religiöse Leben der Menschen schreibt sich von diesem
Abglanze her. Der Mensch wird gewahr, inwiefern nicht im Vergänglichen, im
einzelnen, der umfassende Sinn des Daseins liegt. Er betrachtet dieses
Vergängliche als ein «Gleichnis» und Abbild eines Ewigen, einer harmonischen
Einheit. Er blickt in Verehrung und Anbetung zu dieser Einheit auf. Er bringt ihr
religiöse Kultushandlungen dar. – Im «Geisterland» erscheint nicht der Abglanz,
sondern die wirkliche Gestalt als lebendige Gedankenwesenheit. Hier kann sich der
Mensch mit der Einheit, die er auf Erden verehrt hat, wirklich vereinigen. Die Früchte
des religiösen Lebens und alles dessen, was damit zusammenhängt, treten in dieser
Region hervor. Der Mensch lernt nun aus der geistigen Erfahrung erkennen, daß
sein Einzelschicksal nicht getrennt werden soll von der Gemeinschaft, der er
angehört. Die Fähigkeit, sich als Glied eines Ganzen zu erkennen, bildet sich hier
aus. Die religiösen Empfindungen, alles, was schon im Leben nach einer reinen,
edlen Moral gestrebt hat, wird während eines großen Teiles des geistigen
Zwischenzustandes Kraft aus dieser Region schöpfen. Und der Mensch wird mit
einer Erhöhung seiner Fähigkeiten nach dieser Richtung hin wiederverkörpert
werden.
Während man in der ersten Region mit den Seelen zusammen ist, mit denen man im
vorangegangenen physischen Leben durch die nächsten Bande der physischen
Welt zusammengehangen hat, tritt man in der zweiten Region in den Bereich aller
derjenigen, mit denen man in einem weiteren Sinne sich eins fühlte: durch eine
gemeinsame Verehrung, durch gemeinsames Bekenntnis und so weiter. Betont muß
werden, daß die geistigen Erlebnisse der vorangegangenen Regionen während der
folgenden bestehen bleiben. So wird der Mensch nicht etwa den durch Familie,
Freundschaft und so weiter geknüpften Banden entrissen, wenn er in das Leben der
zweiten und der folgenden Regionen eintritt. – Auch liegen die Regionen des
«Geisterlandes» nicht wie «Abteilungen» auseinander; sie durchdringen sich, und
der Mensch erlebt sich in einer neuen Region nicht deswegen, weil er sie in
irgendeiner Form äußerlich «betreten» hat, sondern weil er in sich die inneren
Fähigkeiten erlangt hat, das wahrzunehmen, innerhalb dessen er vorher
unwahrnehmend war.
Die dritte Region des «Geisterlandes» enthält die Urbilder der seelischen Welt.
Alles, was in dieser Welt lebt, ist hier als lebendige Gedankenwesenheit vorhanden.
Man findet da die Urbilder der Begierden, der Wünsche, der Gefühle und so weiter.
Aber hier in der Geisterwelt haftet dem Seelischen nichts von Eigensucht an.
Ebenso wie alles Leben in der zweiten Region, bildet in dieser dritten alles
Begehren, Wünschen, alle Lust und Unlust eine Einheit. Das Begehren, der Wunsch
des andern unterscheiden sich nicht von meinem Begehren und Wünschen. Die
Empfindungen und Gefühle aller Wesen sind eine gemeinsame Welt, die alles
übrige einschließt und umgibt, wie der physische Luftkreis die Erde umgibt. Diese
Region ist gleichsam die Atmosphäre des «Geisterlandes». Es wird hier alles
Frtichte tragen, was der Mensch im irdischen Leben im Dienste der Gemeinsamkeit,
in selbstloser Hingabe an seine Mitmenschen geleistet hat. Denn durch diesen
Dienst, durch diese Hingabe hat er in einem Abglanz der dritten Region des
«Geisterlandes» gelebt. Die großen Wohltäter des Menschengeschlechtes, die
hingebungsvollen Naturen, diejenigen, welche die großen Dienste in den
Gemeinschaften leisten, haben ihre Fähigkeit hierzu in dieser Region erlangt,
nachdem sie sich in früheren Lebensläufen die Anwartschaft zu einer besonderen
Verwandtschaft mit ihr erworben haben.
Es ist ersichtlich, daß die beschriebenen drei Regionen des «Geisterlandes» in
einem gewissen Verhältnis stehen zu den unter ihnen stehenden Welten, zu der
physischen und der seelischen Welt. Denn sie enthalten die Urbilder, die lebendigen
Gedankenwesen, die in diesen Welten körperliches oder seelisches Dasein
annehmen. Die vierte Region erst ist das «reine Geisterland». Aber auch diese ist es
nicht in vollem Sinne des Wortes. Sie unterscheidet sich von den drei unteren
Regionen dadurch, daß in diesen die Urbilder jener physischen und seelischen
Verhältnisse angetroffen werden, die der Mensch in der physischen und seelischen
Welt vorfindet, bevor er selbst in diese Welten eingreift. Die Verhältnisse des
alltäglichen Lebens knüpfen sich an die Dinge und Wesen, die der Mensch in der
Welt vorfindet; die vergänglichen Dinge dieser Welt lenken seinen Blick zu deren
ewigem Urgrund; und auch die Mitgeschöpfe, denen sich sein selbstloser Sinn
widmet, sind nicht durch den Menschen da. Aber durch ihn sind in der Welt die
Schöpfungen der Künste und Wissenschaften, der Technik, des Staates und so
weiter, kurz alles das, was er als originale Werke seines Geistes der Welt
einverleibt. Zu alledem wären, ohne sein Zutun, keine physischen Abbilder in der
Welt vorhanden. Die Urbilder nun zu diesen rein menschlichen Schöpfungen finden
sich in der vierten Region des «Geisterlandes». Was der Mensch an
wissenschaftlichen Ergebnissen, an künstlerischen Ideen und Gestalten, an
Gedanken der Technik während des irdischen Lebens ausbildet, trägt in dieser
vierten Region seine Früchte. Aus dieser Region saugen daher Künstler, Gelehrte,
große Erfinder während ihres Aufenthaltes im «Geisterland» ihre Impulse und
steigern hier ihr Genie, um bei einer Wiederverkörperung in verstärktem Maße zur
Fortentwicklung der menschlichen Kultur beitragen zu können. – Man soll sich nicht
vorstellen, daß diese vierte Region des «Geisterlandes» nur für besonders
hervorragende Menschen eine Bedeutung habe. Sie hat eine solche für alle
Menschen. Alles, was den Menschen im physischen Leben über die Sphäre des
alltäglichen Lebens Wünschens und Wollens hinaus beschäftigt, hat seinen Urquell
in dieser Region. Ginge der Mensch in der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen
Geburt durch sie nicht hindurch, so würde er in einem weiteren Leben keine
Interessen haben, welche über den engen Kreis der persönlichen Lebensführung
hinaus zum Allgemein-Menschlichen führen. – Es ist oben gesagt worden, daß auch
diese Region nicht im vollen Sinne das «reine Geisterland» genannt werden kann.
Das ist deshalb der Fall, weil der Zustand, in dem die Menschen die
Kulturentwickelung auf der Erde verlassen haben, in ihr geistiges Dasein
hineinspielt. Sie können im «Geisterland» nur die Früchte dessen genießen, was
nach ihrer Begabung und nach dem Entwickelungsgrade des Volkes, Staates und
so weiter, in die sie hineingeboren waren, ihnen zu leisten möglich war.
In den noch höheren Regionen des «Geisterlandes» ist der Menschengeist nun
jeder irdischen Fessel entledigt. Er steigt auf in das «reine Geisterland», in dem er
die Absichten, die Ziele erlebt, die sich der Geist mit dem irdischen Leben gesetzt
hat. Alles, was in der Welt schon verwirklicht ist, bringt ja die höchsten Ziele und
Absichten nur in einem mehr oder weniger schwachen Nachbilde zum Dasein. Jeder
Kristall, jeder Baum, jedes Tier und auch alles das, was im Bereiche menschlichen
Schaffens verwirklicht wird, – all das gibt nur Nachbilder dessen, was der Geist
beabsichtigt. Und der Mensch kann während seiner Verkörperungen nur anknüpfen
an diese unvollkommenen Nachbilder der vollkommenen Absichten und Ziele. So
kann er aber innerhalb einer seiner Verkörperungen selbst nur ein solches Nachbild
dessen sein, was im Reiche des Geistes mit ihm beabsichtigt ist. Was er als Geist
im «Geisterland» eigentlich ist, das kommt daher erst dann zum Vorschein, wenn er
im Zwischenzustand zwischen zwei Verkörperungen in die fünfte Region des
«Geisterlandes» aufsteigt. Was er hier ist, das ist wirklich er selbst. Das ist
dasjenige, was in den mannigfaltigen Verkörperungen ein äußeres Dasein erhält. In
dieser Region kann sich das wahre Selbst des Menschen nach allen Seiten frei
ausleben. Und dieses Selbst ist also dasjenige, welches in jeder Verkörperung
immer von neuem als das eine erscheint. Dieses Selbst bringt die Fähigkeiten mit,
die sich in den unteren Regionen des «Geisterlandes» ausgebildet haben. Es trägt
somit die Früchte der früheren Lebensläufe in die folgenden hinüber. Es ist der
Träger der Ergebnisse früherer Verkörperungen.
Im Reiche der Absichten und Ziele befindet sich also das Selbst, wenn es in der
fünften Region des «Geisterlandes» lebt. Wie der Architekt an den
Unvollkommenheiten lernt, die sich ihm ergeben haben, und wie er in seine neuen
Pläne nur das aufnimmt, was er von diesen Unvollkommenheiten in
Vollkommenheiten zu wandeln vermochte, so streift das Selbst von seinen
Ergebnissen aus früheren Leben in der fünften Region dasjenige ab, was mit den
Unvollkommenheiten der unteren Welten zusammenhängt, und befruchtet die
Absichten des «Geisterlandes», mit denen es nunmehr zusammenlebt, mit den
Ergebnissen seiner früheren Lebensläufe. Klar ist, daß die Kraft, die aus dieser
Region geschöpft werden kann, davon abhängen wird, wieviel sich das Selbst
während seiner Verkörperung von solchen Ergebnissen erworben hat, die geeignet
sind, in die Welt der Absichten aufgenommen zu werden. Das Selbst, das während
des irdischen Daseins durch ein reges Gedankenleben oder durch weise, werktätige
Liebe die Absichten des Geistes zu verwirklichen gesucht hat, wird sich eine große
Anwartschaft auf diese Region erwerben. Dasjenige, das ganz in den alltäglichen
Verhältnissen aufgegangen ist, das nur im Vergänglichen gelebt hat, das hat keine
Samen gesät, die in den Absichten der ewigen Weltordnung eine Rolle spielen
können. Nur das wenige, das es über die Tagesinteressen hinaus gewirkt hat, kann
als Frucht in diesen oberen Regionen des «Geisterlandes» sich entfalten. Aber man
soll nicht meinen, daß hier etwa vor allem solches in Betracht kommt, was
«irdischen Ruhm» oder ähnliches bringt. Nein, gerade das kommt in Frage, was im
kleinsten Lebenskreise zum Bewußtsein führt, daß alles einzelne seine Bedeutung
für den ewigen Werdegang des Daseins hat.
Man muß sich vertraut machen mit dem Gedanken, daß der Mensch in dieser
Region anders urteilen muß, als er dies im physischen Leben tun kann. Hat er zum
Beispiel weniges sich erworben, was mit dieser fünften Region verwandt ist, so
entsteht in ihm der Drang, sich für das folgende physische Leben einen Impuls
einzuprägen, welcher dieses Leben so verlaufen läßt, daß im Schicksal (Karma)
desselben die entsprechende Wirkung des Mangels zutage tritt. Was dann in dem
folgenden Erdenleben als leidvolles Geschick, vom Gesichtspunkte dieses Lebens
aus, erscheint–ja vielleicht als solches tief beklagt wird –, das findet der Mensch in
dieser Region des «Geisterlandes» als für ihn durchaus notwendig. – Da der
Mensch in der fünften Region in seinem eigentlichen Selbst lebt, so ist er auch
herausgehoben aus allem, was ihn aus den niederen Welten während der
Verkörperungen umhüllt. Er ist, was er immer war und immer sein wird während des
Laufes seiner Verkörperungen. Er lebt in dem Walten der Absichten, welche für
diese Verkörperungen bestehen und die er in sein eigenes Selbst eingliedert. Er
blickt auf seine eigene Vergangenheit zurück und er fühlt, daß alles, was er in
derselben erlebt hat, in die Absichten, die er in Zukunft zu verwirklichen hat,
aufgenommen wird. Eine Art Gedächtnis für seine früheren Lebensläufe und der
prophetische Vorblick für seine späteren blitzen auf. – Man si~ht: dasjenige, was in
dieser Schrift das «Geistselbst» genannt worden ist, lebt in dieser Region, soweit es
entwickelt ist, in seiner ihm angemessenen Wirklichkeit. Es bildet sich aus und
bereitet sich vor, um in einer neuen Verkörperung sich ein Vollziehen der geistigen
Absichten in der irdischen Wirklichkeit zu ermöglichen.
Hat sich dieses «Geistselbst» während einer Reihe von Aufenthalten im
«Geisterland» so weit entwickelt, daß es sich völlig frei in diesem Lande bewegen
kann, dann wird es seine wahre Heimat immer mehr hier suchen. Das Leben im
Geiste wird ihm so vertraut, wie dem irdischen Menschen das Leben in der
physischen Wirklichkeit. Die Gesichtspunkte der Geisterwelt wirken fortan auch als
die maßgebenden, die es für die folgenden Erdenleben zu den seinigen, mehr oder
weniger bewußt oder unbewußt, macht. Als ein Glied der göttlichen Weltordnung
kann sich das Selbst fühlen. Die Schranken und Gesetze des irdischen Lebens
berühren es nicht in seiner innersten Wesenheit. Die Kraft zu allem, was es vollführt,
kommt ihm aus der geistigen Welt. Die geistige Welt aber ist eine Einheit. Wer in ihr
lebt, weiß, wie das Ewige an der Vergangenheit geschaffen hat, und er kann von
dem Ewigen aus die Richtung für die Zukunft bestimmen. Der Blick über die
Vergangenheit weitet sich zu einem vollkommenen. Ein Mensch, der diese Stufe
erreicht hat, gibt sich selbst Ziele, die er in einer nächsten Verkörperung ausführen
soll. Vom «Geisterland» aus beeinflußt er seine Zukunft, so daß sie im Sinne des
Wahren und Geistigen verläuft. Der Mensch befindet sich während des
Zwischenzustandes zwischen zwei Verkörperungen in Gegenwart aller derjenigen
erhabenen Wesen, vor deren Blicken die göttliche Weisheit unverhüllt ausgebreitet
liegt. Denn er hat die Stufe erklommen, auf der er sie verstehen kann. In der
sechsten Region des «Geisterlandes» wird der Mensch in allen seinen Handlungen
dasjenige vollbringen, was dem wahren Wesen der Welt am angemessensten ist.
Denn er kann nicht nach dem suchen, was ihm frommt, sondern einzig nach dem,
was geschehen soll nach dem richtigen Gang der Weltordnung. Die siebente Region
des «Geisterlandes» führt an die Grenze der «drei Welten». Der Mensch steht hier
den «Lebenskernen» gegenüber, die aus höheren Welten in die drei beschriebenen
versetzt werden, um da ihre Aufgaben zu vollbringen. Ist der Mensch an der Grenze
der drei Welten, so erkennt er sich somit in seinem eigenen Lebenskern. Das bringt
mit sich, daß die Rätsel dieser drei Welten für ihn gelöst sein müssen. Er überschaut
also das ganze Leben dieser Welten. Im physischen Leben sind die Fähigkeiten der
Seele, durch welche sie die hier geschilderten Erlebnisse in der geistigen Welt hat,
unter den gewöhnlichen Lebensverhältnissen nicht bewußt. Sie arbeiten in ihren
unbewußten Tiefen an den leiblichen Organen, welche das Bewußtsein der
physischen Welt zustande bringen. Dies ist gerade der Grund, warum sie für diese
Welt unwahrnehmbar bleiben. Auch das Auge sieht nicht sich, weil in ihm die Kräfte
wirken, welche anderes sichtbar machen. Will man beurteilen, inwiefern ein
zwischen Geburt und Tod verlaufendes Menschenleben das Ergebnis
vorangehender Erdenleben sein kann, so muß man in Erwägung ziehen, daß ein
innerhalb dieses Lebens selbst gelegener Gesichtspunkt, wie man ihn zunächst
naturgemäß einnehmen muß, keine Beurteilungsmöglichkeit liefert. Für einen
solchen Gesichtspunkt könnte zum Beispiel ein Erdenleben als leidvoll,
unvollkommen und so weiter erscheinen, während es gerade in dieser Gestaltung
für einen außerhalb dieses Erdenlebens selbst liegenden Gesichtspunkt mit seinem
Leid, in seiner Unvollkommenheit als Ergebnis früherer Leben sich ergeben muß.
Durch das Betreten des Erkenntnispfades in dem Sinne, wie dies in einem der
nächsten Kapitel geschildert wird, löst sich die Seele los von den Bedingungen des
Leibeslebens. Sie kann dadurch im Bilde die Erlebnisse wahrnehmen, welche sie
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchmacht. Solches Wahrnehmen
gibt die Möglichkeit, die Vorgänge des «Geisterlandes» so zu schildern, wie es hier
skizzenhaft geschehen ist. Nur wenn man nicht versäumt, sich gegenwärtig zu
halten, daß die ganze Verfassung der Seele eine andere ist im physischen Leibe als
im rein geistigen Erleben, wird man die hier gegebene Schilderung im rechten Lichte
sehen.
V. Die physische Welt und ihre Verbindung mit Seelen- und Geisterland
Die Gebilde der Seelenwelt und des Geisterlandes können nicht der Gegenstand
äußerer sinnlicher Wahrnehmung sein. Die Gegenstände dieser sinnlichen
Wahrnehmung sind den beschriebenen beiden Welten als eine dritte anzureihen.
Auch während seines leiblichen Daseins lebt der Mensch gleichzeitig in den drei
Welten. Er nimmt die Dinge der sinnlichen Welt wahr und wirkt auf sie. Die Gebilde
der Seelenwelt wirken durch ihre Kräfte der Sympathie und Antipathie auf ihn ein;
und seine eigene Seele erregt durch ihre Neigungen und Abneigungen, durch ihre
Wünsche und Begierden Wellen in der Seelenwelt. Die geistige Wesenheit der
Dinge aber spiegelt sich in seiner Gedankenwelt; und er selbst ist als denkendes
Geistwesen Bürger des Geisterlandes und Genosse alles dessen, was in diesem
Gebiete der Welt lebt. – Daraus wird ersichtlich, daß die sinnliche Welt nur ein Teil
dessen ist, was den Menschen umgibt. Aus der allgemeinen Umwelt des Menschen
hebt sich dieser Teil mit einer gewissen Selbständigkeit ab, weil ihn die Sinne
wahrnehmen können, die das Seelische und Geistige unberücksichtigt lassen, das
ebenso dieser Welt angehört. Wie ein Stück Eis, das auf dem Wasser schwimmt,
Stoff ist des umgebenden Wassers, aber sich durch gewisse Eigenschaften von
diesem abhebt, so sind die Sinnendinge Stoff der sie umgebenden Seelen- und
Geisterwelt; und sie heben sich von diesen durch gewisse Eigenschaften ab, die sie
sinnlich wahrnehmbar machen. Sie sind – halb bildlich gesprochen verdichtete
Geist- und Seelengebilde; und die Verdichtung bewirkt, daß die Sinne sich von
ihnen Kenntnis verschaffen können. Ja, wie das Eis nur eine Form ist, in der das
Wasser existiert, so sind die Sinnendinge nur eine Form, in der die Seelen- und
Geistwesen existieren. Hat man das begriffen, so faßt man auch, daß, wie das
Wasser in Eis, so die Geist- in die Seelenwelt und diese in die Sinnenwelt
übergehen können.
Von diesem Gesichtspunkte aus ergibt sich auch, warum der Mensch sich
Gedanken über die sinnlichen Dinge machen kann. Denn es gibt eine Frage, welche
sich doch jeder Denkende stellen müßte, nämlich die: in welchem Verhältnisse steht
der Gedanke, den sich der Mensch über einen Stein macht, zu diesem Steine
selbst? Denjenigen Menschen, die besonders tiefe Blicke in die äußere Natur tun,
tritt diese Frage in voller Klarheit vor das geistige Auge. Sie empfinden die
Zusammenstimmung der menschlichen Gedankenwelt mit dem Bau und der
Einrichtung der Natur. In schöner Art spricht sich zum Beispiel der große Astronom
Kepler über diese Harmonie aus: «Wahr ist's, daß der göttliche Ruf, welcher die
Menschen Astronomie lernen heißt, in der Welt selbst geschrieben steht, nicht zwar
in Worten und Silben, aber der Sache nach, vermöge der Angemessenheit der
menschlichen Begriffe und Sinne zu der Verkettung der himmlischen Körper und
Zustände.» – Nur weil die Dinge der Sinnenwelt nichts anderes sind als die
verdichteten Geistwesenheiten, kann der Mensch, der sich durch seine Gedanken
zu diesen Geistwesenheiten erhebt, in seinem Denken die Dinge verstehen. Es
stammen die Sinnendinge aus der Geisterwelt, sie sind nur eine andere Form der
Geisteswesenheiten; und wenn sich der Mensch Gedanken über die Dinge macht,
so ist sein Inneres nur von der sinnlichen Form ab- und zu den geistigen Urbildern
dieser Dinge hingerichtet. Ein Ding durch Gedanken verstehen ist ein Vorgang, der
verglichen werden kann mit dem, durch welchen ein fester Körper zuerst im Feuer
flüssig gemacht wird, damit ihn der Chemiker dann in seiner flüssigen Form
untersuchen kann.
In den verschiedenen Regionen des Geisterlandes zeigen sich (s.o.) die geistigen
Urbilder der sinnlichen Welt. In der fünften, sechsten und siebenten Region finden
sich diese Urbilder noch als lebendige Keimpunkte, in den vier unteren Regionen
gestalten sie sich zu geistigen Gebilden. Diese geistigen Gebilde nimmt in einem
schattenhaften Abglanz der Menschengeist wahr, wenn er durch sein Denken sich
das Verständnis der sinnlichen Dinge verschaffen will. Wie diese Gebilde sich zur
sinnlichen Welt verdichtet haben, das ist für denjenigen eine Frage, der ein geistiges
Verständnis seiner Umwelt anstrebt. – Zunächst gliedert sich für die menschliche
Sinnesanschauung diese Umwelt in die vier deutlich voneinander geschiedenen
Stufen: die mineralische, die pflanzliche, die tierische und die menschliche. Das
Mineralreich wird durch die Sinne wahrgenommen und durch das Denken begriffen.
Macht man sich über einen mineralischen Körper einen Gedanken, so hat man es
somit mit einem Zweifachen zu tun: mit dem Sinnendinge und mit dem Gedanken.
Demgemäß hat man sich vorzustellen, daß dieses Sinnending ein verdichtetes
Gedankenwesen ist. Nun wirkt ein mineralisches Wesen auf ein anderes in
äußerlicher Weise. Es stößt an dasselbe und bewegt es; es erwärmt es, beleuchtet
es, löst es aüf und so weiter. Diese äußerliche Wirkungsart ist durch Gedanken
auszudrücken. Der Mensch macht sich Gedanken darüber, wie die mineralischen
Dinge äußerlich gesetzmäßig aufeinander wirken. Dadurch erweitern sich seine
einzelnen Gedanken zu einem Gedankenbilde der gesamten mineralischen Welt.
Und dieses Gedankenbild ist ein Abglanz des Urbildes der ganzen mineralischen
Sinnenwelt. Es ist als ein Ganzes in der geistigen Welt zu finden. – Im
Pflanzenreiche treten zu der äußeren Wirkung eines Dinges auf das andere noch
die Erscheinungen des Wachstums und der Fortpflanzung hinzu. Die Pflanze
vergrößert sich und bringt aus sich Wesen ihresgleichen hervor. Zu dem, was dem
Menschen im Mineralreiche entgegentritt, kommt hier noch das Leben. Die einfache
Besinnung auf diese Tatsache gibt einen Ausblick, der hier lichtbringend ist. Die
Pflanze hat in sich die Kraft, sich selbst ihre lebendige Gestalt zu geben und diese
Gestalt an einem Wesen ihresgleichen hervorzubringen. Und zwischen der
gestaltlosen Art der mineralischen Stoffe, wie sie uns in den Gasen, in den
Flüssigkeiten und so weiter gegenübertreten, und der lebendigen Gestalt der
Pflanzenwelt stehen die Formen der Kristalle mitten drinnen. In den Kristallen haben
wir den Übergang von der gestaltlosen Mineralwelt zu der lebendigen
Gestaltungsfähigkeit des Pflanzenreiches zu suchen. – In diesem äußerlich
sinnlichen Vorgang der Gestaltung – in den beiden Reichen, dem mineralischen und
dem pflanzlichen – hat man die sinnliche Verdichtung des rein geistigen Vorganges
zu sehen, der sich abspielt, wenn die geistigen Keime der drei oberen Regionen des
Geisterlandes sich zu den Geistgestalten der unteren Regionen bilden. Dem Prozeß
der Kristallisation entspricht in der geistigen Welt als sein Urbild der Übergang von
dem formlosen Geistkeim zu dem gestalteten Gebilde. Verdichtet sich dieser
Übergang so, daß ihn die Sinne in seinem Ergebnis wahrnehmen können, so stellt
er sich in der Sinnenwelt als mineralischer Kristallisationsprozeß dar. – Nun ist aber
auch in dem Pflanzenleben ein gestalteter Geistkeim vorhanden. Aber hier ist dem
gestalteten Wesen noch die lebendige Gestaltungsfähigkeit erhalten geblieben. In
dem Kristall hat der Geistkeim bei seiner Gestaltung die Bildungsfähigkeit verloren.
Er hat sich in der zustande gebrachten Gestalt ausgelebt. Die Pflanze hat Gestalt
und dazu auch noch Gestaltungsfähigkeit. Die Eigenschaft der Geistkeime in den
oberen Regionen des Geisterlandes ist dem Pflanzenleben bewahrt geblieben. Die
Pflanze ist also Gestalt wie der Kristall, und dazu noch Gestaltungskraft. Außer der
Form, welche die Urwesen in der Pflanzengestalt angenommen haben, arbeitet an
dieser noch eine andere Form, die das Gepräge der Geistwesen aus den oberen
Regionen trägt. Sinnlich wahrnehmbar ist an der Pflanze aber nur, was sich in der
fertigen Gestalt auslebt; die bildenden Wesenheiten, welche dieser Gestalt die
Lebendigkeit geben, sind im Pflanzenreiche auf sinnlich-unwahrnehmbare Art
vorhanden. Das sinnliche Auge sieht die kleine Lilie von heute und die größer
gewordene nach einiger Zeit. Die Bildungskraft, welche die letztere aus der ersten
herausarbeitet, sieht dieses Auge nicht. Diese bildende Kraftwesenheit ist der
sinnlich-unsichtbar webende Teil in der Pflanzenwelt. Die Geistkeime sind um eine
Stufe herabgestiegen, um im Gestaltenreich zu wirken. In der Geisteswissenschaft
kann von Elementarreichen gesprochen werden. Bezeichnet man die Urformen, die
noch keine Gestalt haben, als erstes Elementarreich, so sind die sinnlich
unsichtbaren Kraftwesenheiten, die als die Werkmeister des Pflanzenwachstums
wirken, Angehörige des zweiten Elementarreiches. – In der tierischen Welt kommt
zu den Fähigkeiten des Wachstums und der Fortpflanzung noch Empfindung und
Trieb hinzu. Das sind Äußerungen der seelischen Welt. Ein Wesen, das mit ihnen
begabt ist, gehört dieser Welt an, empfängt von ihr Eindrücke und übt auf sie
Wirkungen. Nun ist jede Empfindung, jeder Trieb, die in einem tierischen Wesen
entstehen, aus dem Untergrunde der Tierseele hervorgeholt. Die Gestalt ist
bleibender als die Empfindung oder der Trieb. Man kann sagen, so wie sich die sich
verändernde Pflanzengestalt zur starren Kristallform verhält, so das
Empfindungsleben zur bleibenderen lebendigen Gestalt. Die Pflanze geht in der
gestaltbildenden Kraft gewissermaßen auf; sie gliedert immer neue Gestalten
während ihres Lebens an. Erst setzt sie die Wurzel, dann die Blattgebilde, dann die
Blüten und so weiter an. Das Tier schließt mit einer in sich vollendeten Gestalt ab
und entwickelt innerhalb derselben das wechselvolle Empfindungs- und Triebleben.
Und dieses Leben hat sein Dasein in der seelischen Welt. So wie nun die Pflanze
das ist, was wächst und sich fortpflanzt, so ist das Tier dasjenige, was empfindet
und seine Triebe entwickelt. Diese sind für das Tier das Formlose, das sich in immer
neuen Formen entwickelt. Sie haben letzten Endes ihre urbildlichen Vorgänge in den
höchsten Regionen des Geisterlandes. Aber sie betätigen sich in der seelischen
Welt. So kommen in der Tierwelt zu den Kraftwesenheiten, die als sinnlichunsichtbare
das Wachstum und die Fortpflanzung lenken, andere hinzu, die noch
eine Stufe tiefer gestiegen sind in die seelische Welt. Im tierischen Reich sind als die
Werkmeister, welche die Empfindungen und Triebe bewirken, formlose Wesenheiten
vorhanden, die sich in seelische Hüllen kleiden. Sie sind die eigentlichen Baumeister
der tierischen Formen. Man kann das Gebiet, dem sie angehören, in der
Geisteswissenschaft als das dritte Elementarreich bezeichnen. – Der Mensch ist
außer mit den bei Pflanzen und Tieren genannten Fähigkeiten noch mit derjenigen
ausgestattet, die Empfindungen zu Vorstellungen und Gedanken zu verarbeiten und
seine Triebe denkend zu regeln. Der Gedanke, der in der Pflanze als Gestalt, im
Tiere als seelische Kraft erscheint, tritt bei ihm als Gedanke selbst, in seiner eigenen
Form, auf. Das Tier ist Seele; der Mensch ist Geist. Die Geistwesenheit ist noch um
eine Stufe tiefer herabgestiegen. Beim Tiere ist sie seelenbildend. Beim Menschen
ist sie in die sinnliche Stoffwelt selbst eingezogen. Der Geist ist innerhalb des
menschlichen Sinnenleibes anwesend. Und weil er im sinnlichen Kleide erscheint,
kann er nur als jener schattenhafte Abglanz erscheinen, welchen der Gedanke vom
Geistwesen darstellt. Durch die Bedingungen des physischen Gehirnorganismus
erscheint im Menschen der Geist. – Aber der Geist ist dafür auch des Menschen
innerliche Wesenheit geworden. Der Gedanke ist die Form, welche die formlose
Geistwesenheit im Menschen annimmt, wie sie in der Pflanze Gestalt, im Tiere
Seele annimmt. Dadurch hat der Mensch kein ihn aufbauendes Elementarreich
außer sich, insofern er denkendes Wesen ist. Sein Elementarreich arbeitet in
seinem sinnlichen Leibe. Nur insofern der Mensch Gestalt und Empfindungswesen
ist, arbeiten an ihm die Elementarwesen derselben Art, die an den Pflanzen und
Tieren arbeiten. Der Gedankenorganismus aber wird im Menschen ganz vom
Inneren seines physischen Leibes herausgearbeitet. Im Geistorganismus des
Menschen, in seinem zum vollkommenen Gehirn ausgebildeten Nervensystem, hat
man sinnlich-sichtbar vor sich, was an den Pflanzen und Tieren als unsinnliche
Kraftwesenheit arbeitet. Dies macht, daß das Tier Selbstgefühl, der Mensch aber
Selbstbewußtsein zeigt. Im Tiere fühlt sich der Geist als Seele; er erfaßt sich noch
nicht als Geist. Im Menschen erkennt der Geist sich als Geist, wenn auch – durch
die physischen Bedingungen – als schattenhaften Abglanz des Geistes, als
Gedanke. – In diesem Sinne gliedert sich die dreifache Welt in der folgenden Art:
1. Das Reich der urbildlichen formlosen Wesen (erstes Elementarreich);
2. das Reich der gestaltenschaffenden Wesen (zweites Elementarreich);
3. das Reich der seelischen Wesen (drittes Elementarreich);
4. das Reich der geschaffenen Gestalten (Kristallgestalten);
5. das Reich, das in Gestalten sinnlich wahrnehmbar wird, an dem aber die
gestaltenschaffenden Wesen wirken (Pflanzenreich);
6. das Reich, das in Gestalten sinnlich wahrnehmbar wird, an dem aber außerdem
noch die gestaltenschaffenden und die sich seelisch auslebenden Wesenheiten
wirken (Tierreich); und
7. das Reich, in dem die Gestalten sinnlich wahrnehmbar sind, an dem aber noch
die gestaltenschaffenden und seelisch sich auslebenden Wesenheiten wirken
und in dem sich der Geist selbst in Form des Gedankens innerhalb der
Sinnenwelt gestaltet (Menschenreich).
Hieraus ergibt sich, wie die Grundbestandteile des im Leibe lebenden Menschen mit
der geistigen Welt zusammenhängen. Den physischen Körper, den Ätherleib, den
empfindenden Seelenleib und die Verstandesseele hat man als in der Sinnenwelt
verdichtete Urbilder des Geisterlandes anzusehen. Der physische Körper kommt
dadurch zustande, daß des Menschen Urbild bis zur sinnlichen Erscheinung
verdichtet wird. Man kann deshalb auch diesen physischen Leib eine zur sinnlichen
Anschaulichkeit verdichtete Wesenheit des ersten Elementarreiches nennen. Der
Ätherleib entsteht dadurch, daß die auf diese Art entstandene Gestalt beweglich
erhalten wird durch eine Wesenheit, die ihre Tätigkeit in das sinnliche Reich herein
erstreckt, selbst aber nicht sinnlich anschaubar wird. Will man diese Wesenheit
vollständig charakterisieren, so muß man sagen, sie hat zunächst ihren Ursprung in
den höchsten Regionen des Geisterlandes und gestaltet sich dann in der zweiten
Region zu einem Urbild des Lebens. Als solches Urbild des Lebens wirkt sie in der
sinnlichen Welt. In ähnlicher Art hat die Wesenheit, welche den empfindenden
Seelenleib aufbaut, ihren Ursprung in den höchsten Gebieten des Geisterlandes,
gestaltet sich in der dritten Region desselben zum Urbilde der Seelenwelt und wirkt
als solches in der sinnlichen Welt. Die Verstandesseele aber wird dadurch gebildet,
daß des denkenden Menschen Urbild sich in der vierten Region des Geisterlandes
zum Gedanken gestaltet und als solcher unmittelbar als denkende
Menschenwesenheit in der Sinneswelt wirkt. – So steht der Mensch innerhalb der
Sinneswelt; so arbeitet der Geist an seinem physischen Körper, an seinem Ätherleib
und an seinem empfindenden Seelenleib. So kommt dieser Geist in der
Verstandesseele zur Erscheinung. – An den drei unteren Gliedern des Menschen
arbeiten also die Urbilder in Form von Wesenheiten mit, die ihm in einer gewissen
Art äußerlich gegenüberstehen; in seiner Verstandesseele wird er selbst zum
(bewußten) Arbeiter an sich. – Und die Wesenheiten, die an seinem physischen
Körper arbeiten, sind dieselben, welche die mineralische Natur bilden. An seinem
Ätherleib wirken Wesenheiten von der Art, die im Pflanzenreich, an seinem
empfindenden Seelenleib solche, die im Tierreich auf sinnlich-unwahrnehmbare Art
leben, die aber ihre Wirksamkeit in diese Reiche herein erstrecken.
So wirken die verschiedenen Welten zusammen. Die Welt, in welcher der Mensch
lebt, ist der Ausdruck dieses Zusammenwirkens.
*
Hat man die sinnliche Welt in dieser Art begriffen, so eröffnet sich auch das
Verständnis für Wesen anderer Art, als diejenigen sind, die in den genannten vier
Reichen der Natur ihr Dasein haben. Ein Beispiel für solche Wesenheiten ist das,
was man Volksgeist (Nationalgeist) nennt. Dieser kommt nicht in sinnlicher Art
unmittelbar zur Erscheinung. Er lebt sich aus in den Empfindungen, Gefühlen,
Neigungen und so weiter, die man als die einem Volke gemeinsamen beobachtet. Er
ist eine Wesenheit, die sich nicht sinnlich verkörpert; sondern wie der Mensch
seinen Leib sinnlich anschaulich gestaltet, so gestaltet sie den ihrigen aus dem
Stoffe der Seelenwelt. Dieser Seelenleib des Volksgeistes ist wie eine Wolke, in
welcher die Glieder eines Volkes leben, deren Wirkungen in den Seelen der
betreffenden Menschen zum Vorschein kommen, die aber nicht aus diesen Seelen
selbst stammt. Wer sich den Volksgeist nicht in dieser Art vorstellt, für den bleibt er
ein schemenhaftes Gedankenbild ohne Wesen und Leben, eine leere Abstraktion. –
Und ein Ähnliches wäre zu sagen in bezug auf das, was man Zeitgeist nennt. Ja, es
wird dadurch der geistige Blick geweitet über eine Mannigfaltigkeit von anderen, von
niederen und höheren Wesenheiten, die in der Umwelt des Menschen leben, ohne
daß er sie sinnlich wahrnehmen kann. Diejenigen, welche geistiges
Anschauungsvermögen haben, nehmen aber solche Wesen wahr und können sie
beschreiben. Zu den niedrigeren Arten solcher Wesen gehört alles, was die
Wahrnehmer der geistigen Welt als Salamander, Sylphen, Undinen, Gnomen
beschreiben. Es sollte nicht gesagt zu werden brauchen, daß solche
Beschreibungen nicht als Abbilder der ihnen zugrunde liegenden Wirklichkeit gelten
können. Wären sie dieses, so wäre die durch sie gemeinte Welt keine geistige,
sondern eine grobsinnliche. Sie sind Veranschaulichungen einer geistigen
Wirklichkeit, die sich eben nur auf diese Art, durch Gleichnisse, darstellen läßt.
Wenn derjenige, der nur das sinnliche Anschauen gelten lassen will, solche
Wesenheiten als Ausgeburten einer wüsten Phantasie und des Aberglaubens
ansieht, so ist das durchaus begreiflich. Für sinnliche Augen können sie natürlich nie
sichtbar werden, weil sie keinen sinnlichen Leib haben. Der Aberglaube liegt nicht
darin, daß man solche Wesen als wirklich ansieht, sondern daß man glaubt, sie
erscheinen auf sinnliche Art. – Wesen solcher Form wirken an dem Weltenbau mit,
und man trifft mit ihnen zusammen, sobald man die höheren, den leiblichen Sinnen
verschlossenen Weltgebiete betritt. Abergläubisch sind nicht diejenigen, welche in
solchen Beschreibungen die Bilder geistiger Wirklichkeiten sehen, sondern
diejenigen, welche an das sinnliche Dasein der Bilder glauben, aber auch
diejenigen, welche den Geist ablehnen, weil sie das sinnliche Bild ablehnen zu
müssen vermeinen. – Auch solche Wesen sind zu verzeichnen, die nicht bis in die
Seelenwelt herabsteigen, sondern deren Hülle nur aus Gebilden des Geisterlandes
gewoben ist. Der Mensch nimmt sie wahr, wird ihr Genosse, wenn er das geistige
Auge und das geistige Ohr sich für sie eröffnet. – Durch eine solche Eröffnung wird
dem Menschen vieles verständlich, was er ohne dieselbe nur verständnislos
anstarren kann. Es wird hell um ihn herum; er sieht die Ursachen zu dem, was sich
in der Sinnenwelt als Wirkungen abspielt. Er erfaßt dasjenige, was er ohne geistiges
Auge entweder ganz ableugnet oder demgegenüber er sich mit dem Ausspruch
begnügen muß: «Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als eure
Schulweisheit sich träumen läßt.» Feiner – geistig empfindende Menschen werden
unruhig, wenn sie eine andere Welt als die sinnliche um sich herum ahnen, dumpf
gewahr werden und innerhalb ihrer tappen müssen wie der Blinde zwischen
sichtbaren Gegenständen. Nur die klare Erkenntnis von diesen höheren Gebieten
des Daseins, das verständnisvolle Eindringen in dasjenige, was in ihnen vorgeht,
kann den Menschen wirklich festigen und ihn seiner wahren Bestimmung zuführen.
Durch die Einsicht in das, was den Sinnen verborgen ist, erweitert der Mensch sein
Wesen in der Art, daß er sein Leben vor dieser Erweiterung wie ein «Träumen über
die Welt» empfindet.
VI. Von den Gedankenformen und der menschlichen Aura
Es ist gesagt worden, daß die Gebilde einer der drei Welten nur dann für den
Menschen Wirklichkeit haben, wenn er die Fähigkeiten oder die Organe hat, sie
wahrzunehmen. Gewisse Vorgänge im Raum nimmt der Mensch nur dadurch als
Lichterscheinungen wahr, daß er ein wohlgebildetes Auge hat. Wieviel sich von
dem, was wirklich ist, einem Wesen offenbart, das hängt von dessen
Empfänglichkeit ab. Niemals darf somit der Mensch sagen: nur das sei wirklich, was
er wahrnehmen kann. Es kann vieles wirklich sein, für dessen Wahrnehmung ihm
die Organe fehlen. – Nun sind die Seelenwelt und das Geisterland ebenso wirklich,
ja in einem viel höheren Sinne wirklich als die sinnliche Welt. Zwar kann kein
sinnliches Auge Gefühle, Vorstellungen sehen; aber sie sind wirklich. Und wie der
Mensch durch seine äußeren Sinne die körperliche Welt als Wahmehmung vor sich
hat, so werden für seine geistigen Organe Gefühle, Triebe, Instinkte, Gedanken und
so weiter zu Wahmehmungen. Genau wie durch das sinnliche Auge zum Beispiel
räumliche Vorgänge als Farbenerscheinungen gesehen werden können, so können
durch die inneren Sinne die genannten seelischen und geistigen Erscheinungen zu
Wahrnehmungen werden, die den sinnlichen Farbenerscheinungen analog sind.
Vollkommen verstehen, in welchem Sinne das gemeint ist, kann allerdings nur
derjenige, welcher auf dem im nächsten Kapitel zu beschreibenden Erkenntnispfad
gewandelt ist und sich dadurch seine inneren Sinne entwickelt hat. Für einen
solchen werden in der ihn umgebenden Seelenwelt die Seelenerscheinungen und
im geistigen Gebiet die geistigen Erscheinungen übersinnlich sichtbar. Gefühle,
welche er an anderen Wesen erlebt, strahlen wie Lichterscheinungen für ihn von
dem fühlenden Wesen aus; Gedanken, denen er seine Aufmerksamkeit zuwendet,
durchfluten den geistigen Raum. Für ihn ist ein Gedanke eines Menschen, der sich
auf einen andern Menschen bezieht, nicht etwas Unwahrnehmbares, sondern ein
wahrnehmbarer Vorgang. Der Inhalt eines Gedankens lebt als solcher nur in der
Seele des Denkenden; aber dieser Inhalt erregt Wirkungen in der Geistwelt. Diese
sind für das Geistesauge der wahrnehmbare Vorgang. Als tatsächliche Wirklichkeit
strömt der Gedanke von einer menschlichen Wesenheit aus und flutet der andern
zu. Und die Art, wie dieser Gedanke auf den andern wirkt, wird erlebt als ein
wahrnehmbarer Vorgang in der geistigen Welt. So ist für den, dessen geistige Sinne
erschlossen sind, der physisch wahrnehmbare Mensch nur ein Teil des ganzen
Menschen. Dieser physische Mensch wird der Mittelpunkt seelischer und geistiger
Ausströmungen. Nur angedeutet kann die reich-mannigfaltige Welt werden, die sich
vor dem «Seher» hier auftut. Ein menschlicher Gedanke, der sonst nur in dem
Denkverständnisse des Zuhörenden lebt, tritt zum Beispiel als geistig
wahrnehmbare Farbenerscheinung auf. Seine Farbe entspricht dem Charakter des
Gedankens. Ein Gedanke, der aus einem sinnlichen Trieb des Menschen entspringt,
hat eine andere Färbung als ein im Dienste der reinen Erkenntnis, der edlen
Schönheit oder des ewig Guten gefaßter Gedanke. In roten Farbennuancen
durchziehen Gedanken, welche dem sinnlichen Leben entspringen, die Seelenwelt.
[Die hier gegebenen Auseinandersetzungen sind naturgemäß den stärksten Mißverständnissen
ausgesetzt. Es soll deshalb in dieser neuen Auflage ganz kurz am Schlusse in einer Bemerkung auf
sie zurückgekommen werden.] In schönem hellem Gelb erscheint ein Gedanke, durch
den der Denker zu einer höheren Erkenntnis aufsteigt. In herrlichem Rosarot
erstrahlt ein Gedanke, der aus hingebungsvoller Liebe stammt. Und wie dieser Inhalt
eines Gedankens, so kommt auch dessen größere oder geringere Bestimmtheit in
seiner übersinnlichen Erscheinungsform zum Ausdruck. Der präzise Gedanke des
Denkers zeigt sich als ein Gebilde von bestimmten Umrissen; die verworrene
Vorstellung tritt als ein verschwimmendes, wolkiges Gebilde auf.
Und die Seelen- und Geisteswesenheit des Menschen erscheint in dieser Art als
übersinnlicher Teil an der ganzen menschlichen Wesenheit.
Die dem «geistigen Auge» wahrnehmbaren Farbenwirkungen, die um den in seiner
Betätigung wahrgenommenen physischen Menschen herumstrahlen und ihn wie
eine Wolke (etwa in Eiform) einhüllen, sind eine menschliche Aura. Bei
verschiedenen Menschen ist die Größe dieser Aura verschieden. Doch kann man
sich – im Durchschnitt – etwa vorstellen, daß der ganze Mensch doppelt so lang und
viermal so breit erscheint als der physische.
In der Aura fluten nun die verschiedensten Farbentöne. Und dieses Fluten ist ein
getreues Bild des inneren menschlichen Lebens. So wechselnd wie dieses sind
einzelne Farbentöne. Doch drücken sich gewisse bleibende Eigenschaften: Talente,
Gewohnheiten, Charaktereigenschaften auch in bleibenden Grundfarbtönen aus.
Bei Menschen, welche den Erlebnissen des in einem späteren Kapitel dieses
Buches geschilderten «Erkenntnispfades» vorerst ferne stehen, können sich
Mißverständnisse ergeben über die Wesenheit dessen, was hier als «Aura»
geschildert wird. Man kann zu der Vorstellung kommen, als ob dasjenige, was hier
als «Farben» geschildert wird, vor der Seele so stünde, wie eine physische Farbe
vor dem Auge steht. Eine solche «seelische Farbe» wäre aber nichts als eine
Halluzination. Mit Eindrücken, die «halluzinatorisch» sind, hat die
Geisteswissenschaft nicht das geringste zu tun. Und sie sind jedenfalls in der hier
vorliegenden Schilderung nicht gemeint. Man kommt zu einer richtigen Vorstellung,
wenn man sich das Folgende gegenwärtig hält. Die Seele erlebt an einer physischen
Farbe nicht nur den sinnlichen Eindruck, sondern sie hat an ihr ein seelisches
Erlebnis. Dieses seelische Erlebnis ist ein anderes, wenn die Seele – durch das
Auge – eine gelbe, ein anderes, wenn sie eine blaue Fläche wahrnimmt. Man nenne
dieses Erlebnis das «Leben in Gelb» oder das «Leben in Blau». Die Seele nun,
welche den Erkenntnispfad betreten hat, hat ein gleiches «Erleben in Gelb»
gegenüber den aktiven Seelenerlebnissen anderer Wesen: ein «Erleben in Blau»
gegenüber den hingebungsvollen Seelenstimmungen. Das Wesentliche ist nicht,
daß der «Seher» bei einer Vorstellung einer anderen Seele so «blau» sieht, wie er
dies «blau» in der physischen Welt sieht, sondern daß er ein Erlebnis hat, das ihn
berechtigt, die Vorstellung «blau» zu nennen, wie der physische Mensch einen
Vorhang zum Beispiel «blau» nennt. Und weiter ist es wesentlich, daß der «Seher»
sich bewußt ist, mit diesem seinem Erlebnis in einem leibfreien Erleben zu stehen,
so daß er die Möglichkeit empfängt, von dem Werte und der Bedeutung des
Seelenlebens in einer Welt zu sprechen, deren Wahrnehmung nicht durch den
menschlichen Leib vernuttelt ist. Wenn auch dieser Sinn der Darstellung durchaus
berücksichtigt werden muß, so ist es für den «Seher» doch ganz selbstverständlich,
von «Blau», «Gelb», «Grün» und so weiter in der «Aura» zu sprechen.
Sehr verschieden ist die Aura nach den verschiedenen Temperamenten und den
Gemütsanlagen der Menschen; verschieden auch je nach den Graden der geistigen
Entwicklung. Eine völlig andere Aura hat ein Mensch, der sich ganz seinen
animalischen Trieben hingibt, als ein solcher, der viel in Gedanken lebt. Wesentlich
unterscheidet sich die Aura einer religiös gestimmten Natur von einer solchen, die in
den trivialen Erlebnissen des Tages aufgeht. Dazu kommt, daß alle wechselnden
Stimmungen, alle Neigungen, Freuden und Schmerzen in der Aura ihren Ausdruck
finden.
Man muß die Auren der verschiedenartigen Seelenerlebnisse miteinander
vergleichen, um die Bedeutung der Farbentöne verstehen zu lernen. Man nehme
zunächst Seelenerlebnisse, die von stark ausgeprägten Affekten durchsetzt sind.
Sie lassen sich in zwei verschiedene Arten sondern, in solche, bei denen die Seele
zu diesen Affekten vorzüglich durch die animalische Natur getrieben wird, und
solche, welche eine raffiniertere Form annehmen, die sozusagen durch das
Nachdenken stark beeinflußt werden. Bei der ersteren Art von Erlebnissen
durchfluten vorzügl ich braune und rötlich-gelbe Farbenströmungen aller Nuancen
an bestimmten Stellen die Aura. Bei denen mit raffinierteren Affekten treten an
denselben Stellen Töne von hellerem Rotgelb und Grün auf. Man kann bemerken,
daß mit wachsender Intelligenz die grünen Töne immer häufiger werden. Sehr kluge
Menschen, die aber ganz in der Befriedigung ihrer animalischen Triebe aufgehen,
zeigen viel Grün in ihrer Aura. Doch wird dieses Grün immer einen stärkeren oder
schwächeren Anflug von Braun oder Braunrot haben. Unintelligente Menschen
zeigen einen großen Teil der Aura durchflutet von braun-roten oder sogar
dunkelblutroten Strömungen.
Wesentlich anders als bei solchen Affektzuständen ist die Aura bei der ruhigen,
abwägenden, nachdenklichen Seelenstimmung. Die bräunlichen und rötlichen Töne
treten zurück und verschiedene Nuancen des Grün treten hervor. Bei
angestrengtem Denken zeigt die Aura einen wohltuenden grünen Grundton. So
sehen vorzüglich jene Naturen aus, von denen man sagen kann, sie wissen sich in
jede Lage des Lebens zu finden.
Die blauen Farbentöne treten bei den hingebungsvollen Seelenstimmungen auf. Je
mehr der Mensch sein Selbst in den Dienst einer Sache stellt, desto bedeutender
werden die blauen Nuancen. Zwei ganz verschiedenen Arten von Menschen
begegnet man auch in dieser Beziehung. Es gibt Naturen, die nicht gewohnt sind,
ihre Denkkraft zu entfalten, passive Seelen, die gewissermaßen nichts in den Strom
der Weltereignisse zu werfen haben als ihr «gutes Gemüt». Ihre Aura glimmt in
schönem Blau. So zeigt sich auch diejenige vieler hingebungsvoller, religiöser
Naturen. Mitleidsvolle Seelen und solche, die sich gerne in einem Dasein voll
Wohltun ausleben, haben eine ähnliche Aura. Sind solche Menschen außerdem
intelligent, so wechseln grüne und blaue Strömungen, oder das Blau nimmt wohl
auch selbst eine grünliche Nuance an. Es ist das Eigentümliche der aktiven Seelen
im Gegensatz zu den passiven, daß sich ihr Blau von innen heraus mit hellen
Farbentönen durchtränkt. Erfindungsreiche Naturen, solche, die fruchtbringende
Gedanken haben, strahlen gleichsam von einem inneren Punkte heraus helle
Farbentöne. Im höchsten Maße ist dies der Fall bei denjenigen Persönlichkeiten, die
man «weise» nennt, und namentlich bei solchen, welche von fruchtbaren Ideen
erfüllt sind. Überhaupt hat alles, was auf geistige Aktivität deutet, mehr die Gestalt
von Strahlen, die sich von innen ausbreiten; während alles, was aus dem
animalischen Leben stammt, die Form unregelmäßiger Wolken hat, welche die Aura
durchfluten.
Je nachdem die Vorstellungen, welche der Aktivität der Seele entspringen, sich in
den Dienst der eigenen animalischen Triebe oder in einen solchen idealer,
sachlicher Interessen stellen, zeigen die entsprechenden Auragebilde verschiedene
Färbungen. Der erfinderische Kopf, der alle seine Gedanken zur Befriedigung seiner
sinnlichen Leidenschaften verwendet, zeigt dunkelblaurote Nuancen; derjenige
dagegen, welcher seine Gedanken selbstlos in ein sachliches Interesse stellt,
hellrotblaue Farbtöne. Ein Leben im Geiste, gepaart mit edler Hingabe und
Aufopferungsfähigkeit, läßt rosarote oder hellviolette Farben erkennen.
Allein nicht nur die Grundverfassung der Seele, sondern auch vorübergehende
Affekte, Stimmungen und andere innere Erlebnisse zeigen ihre Farbenflutungen in
der Aura. Ein plötzlich ausbrechender heftiger Ärger erzeugt rote Flutungen;
gekränktes Ehrgefühl, das sich in plötzlicher Aufwallung auslebt, kann man in
dunkelgrünen Wolken erscheinen sehen. – Aber nicht allein in unregelmäßigen
Wolkengebilden treten die Farbenerscheinungen auf, sondern auch in bestimmt
begrenzten, regelmäßig gestalteten Figuren. Bemerkt man bei einem Menschen
eine Anwandlung von Furcht, so sieht man diese zum Beispiel in der Aura von oben
bis unten wie wellige Streifen in blauer Farbe, die einen blaurötlichen Schimmer
haben. Bei einer Person, an der man bemerkt, wie sie mit Spannung auf ein
gewisses Ereignis wartet, kann man fortwährend rotblaue Streifen radienartig von
innen gegen außen hin die Aura durchziehen sehen.
Für ein genaues geistiges Wahmehmungsvermögen ist jede Empfindung, die der
Mensch von außen empfängt, zu bemerken. Personen, die durch jeden äußeren
Eindruck stark erregt werden, zeigen ein fortwährendes Aufflackern kleiner
blaurötlicher Punkte und Fleckchen in der Aura. Bei Menschen, die nicht lebhaft
empfinden, haben diese Fleckchen eine orange-gelbe oder auch eine schöne gelbe
Färbung. Sogenannte «Zerstreutheit» der Personen zeigt sich als bläuliche, ins
Grünliche spielende Flecke von mehr oder weniger wechselnder Form.
Für ein höher ausgebildetes «geistiges Schauen» lassen sich innerhalb dieser den
Menschen umflutenden und umstrahlenden «Aura» drei Gattungen von
Farbenerscheinungen unterscheiden. Da sind zuerst solche Farben, die mehr oder
weniger den Charakter der Undurchsichtigkeit und Stumpfheit tragen. Allerdings,
wenn wir diese Farben mit denjenigen vergleichen, die unser physisches Auge sieht,
dann erscheinen sie diesen gegenüber flüchtig und durchsichtig. Innerhalb der
übersinnlichen Welt selbst aber machen sie den Raum, den sie erfüllen,
vergleichsweise undurchsichtig; sie erfüllen ihn wie Nebelgebilde. – Eine zweite
Gattung von Farben sind diejenigen, welche gleichsam ganz Licht sind. Sie
durchhellen den Raum, den sie ausfüllen. Dieser wird durch sie selbst zum
Lichtraum. – Ganz verschieden von diesen beiden ist die dritte Art der farbigen
Erscheinungen. Diese haben nämlich einen strahlenden, funkelnden, glitzernden
Charakter. Sie durchleuchten nicht bloß den Raum, den sie ausfüllen: sie
durchglänzen und durchstrahlen ihn. Es ist etwas Tätiges, in sich Bewegliches in
diesen Farben. Die anderen haben etwas in sich Ruhendes, Glanzloses. Diese
dagegen erzeugen sich gleichsam fortwährend aus sich selbst. – Durch die beiden
ersten Farbengattungen wird der Raum wie mit einer feinen Flüssigkeit ausgefüllt,
die ruhig in ihm verharrt; durch die dritte wird er mit einem sich stets anfachenden
Leben, mit nie ruhender Regsamkeit erfüllt.
Diese drei Farbengattungen sind nun in der menschlichen Aura nicht etwa durchaus
nebeneinander gelagert; sie befinden sich nicht etwa ausschließlich in voneinander
getrennten Raumteilen, sondern sie durchdringen einander in der mannigfaltigsten
Art. Man kann an einem Orte der Aura alle drei Gattungen durcheinanderspielen
sehen, wie man einen physischen Körper, zum Beispiel eine Glocke, zugleich sehen
und hören kann. Dadurch wird die Aura zu einer außerordentlich komplizierten
Erscheinung, denn man hat es, sozusagen, mit drei ineinander befindlichen, sich
durchdringenden Auren zu tun. Aber man kann ins klare kommen, wenn man seine
Aufmerksamkeit abwechselnd auf eine dieser drei Auren richtet. Man tut dann in der
übersinnlichen Welt etwas Ähnliches, wie wenn man in der sinnlichen zum Beispiel –
um sich ganz dem Eindruck eines Musikstückes hinzugeben – die Augen schließt.
Der «Seher» hat gewissermaßen dreierlei Organe für die drei Farbengattungen. Und
er kann, um ungestört zu beobachten, die eine oder andere Art von Organen den
Eindrücken öffnen und die andern verschließen. Es kann bei einem «Seher»
zunächst überhaupt nur die eine Art von Organen, die für die erste Gattung von
Farben, entwickelt sein. Ein solcher kann nur die eine Aura sehen; die beiden
anderen bleiben ihm unsichtbar. Ebenso kann jemand für die beiden ersten Arten
eindrucksfähig sein, für die dritte nicht. – Die höhere Stufe der «Sehergabe» besteht
dann darin, daß ein Mensch alle drei Auren beobachten und zum Zwecke des
Studiums die Aufmerksamkeit abwechselnd auf die eine oder die andere lenken
kann.
Die dreifache Aura ist der übersinnlich-sichtbare Ausdruck für die Wesenheit des
Menschen. Die drei Glieder: Leib, Seele und Geist, kommen in ihr zum Ausdruck.
Die erste Aura ist ein Spiegelbild des Einflusses, den der Leib auf die Seele des
Menschen übt; die zweite kennzeichnet das Eigenleben der Seele, das sich über
das unmittelbar Sinnlichreizende erhoben hat, aber noch nicht dem Dienst des
Ewigen gewidmet ist; die dritte spiegelt die Herrschaft, die der ewige Geist über den
vergänglichen Menschen gewonnen hat. Wenn Beschreibungen der Aura gegeben
werden – wie es hier geschehen ist –, so muß betont werden, daß diese Dinge nicht
nur schwer zu beobachten, sondern vor allem schwierig zu beschreiben sind.
Deshalb sollte niemand in solchen Darstellungen etwas anderes als eine Anregung
erblicken.
Für den «Seher» drückt sich also die Eigentümlichkeit des Seelenlebens in der
Beschaffenheit der Aura aus. Tritt ihm Seelenleben entgegen, das ganz den
jeweiligen sinnlichen Trieben, Begierden und den augenblicklichen äußeren Reizen
hingegeben ist, so sieht er die erste Aura in den schreiensten Farbentönen; die
zweite dagegen ist nur schwach ausgebildet. Man sieht in ihr nur spärliche
Farbenbildungen; die dritte aber ist kaum angedeutet. Da und dort nur zeigt sich ein
glitzerndes Farbenfünkchen, darauf hindeutend, daß auch bei solcher
Seelenstimmung in dem Menschen das Ewige als Anlage lebt, daß es aber durch
die gekennzeichnete Wirkung des Sinnlichen zurückgedrängt wird. – Je mehr der
Mensch seine Triebnatur von sich abstreift, desto unaufdringlicher wird der erste Teil
der Aura. Der zweite Teil vergrößert sich dann immer mehr und mehr und erfüllt
immer vollständiger mit seiner leuchtenden Kraft den Farbenkörper, innerhalb
dessen der physische Mensch lebt. – Und je mehr der Mensch sich als «Diener des
Ewigen» erweist, zeigt sich die wundersame dritte Aura, jener Teil, der Zeugnis
liefert, inwiefern der Mensch ein Bürger der geistigen Welt ist. Denn das göttliche
Selbst strahlt durch diesen Teil der menschlichen Aura in die irdische Welt herein.
Insofern die Menschen diese Aura zeigen, sind sie Flammen, durch welche die
Gottheit diese Welt erleuchtet. Sie zeigen durch diesen Aurateil, inwieweit sie nicht
sich, sondern dem ewig Wahren, dem edel Schönen und Guten zu leben wissen:
inwiefern sie ihrem engen Selbst abgerungen haben, sich hinzuopfern auf dem Altar
des großen Weltwirkens.
So kommt in der Aura zum Ausdrucke, was der Mensch im Laufe seiner
Verkörperungen aus sich gemacht hat.
In allen drei Teilen der Aura sind Farben der verschiedensten Nuancen enthalten.
Es ändert sich aber der Charakter dieser Nuancen mit dem Entwicklungsgrade des
Menschen. – Man kann im ersten Teil der Aura das unentwickelte Triebleben in allen
Nuancen sehen vom Rot bis zum Blau. Es haben da diese Nuancen einen trüben,
unklaren Charakter. Die aufdringlich roten Nuancen deuten auf die sinnlichen
Begierden, auf die fleischlichen Lüste, auf die Sucht nach den Genüssen des
Gaumens und des Magens. Grüne Nuancen scheinen sich vorzüglich bei
denjenigen niederen Naturen hier zu finden, die zum Stumpfsinn, zur
Gleichgültigkeit neigen, die gierig jedem Genusse sich hingeben, aber doch die
Anstrengungen scheuen, die sie zur Befriedigung bringen. Wo die Leidenschaften
heftig nach irgendeinem Ziele verlangen, dem die erworbenen Fähigkeiten nicht
gewachsen sind, treten bräunlichgrüne und gelblichgrüne Aurafarben auf. Gewisse
moderne Lebensweisen züchten allerdings geradezu diese Art von Auren.
Ein persönliches Selbstgefühl, das ganz in niederen Neigungen wurzelt, also die
unterste Stufe des Egoismus darstellt, zeigt sich in unklar-gelben bis braunen
Tönen. Nun ist ja klar, daß das animalische Triebleben auch einen erfreulichen
Charakter annehmen kann. Es gibt eine rein natürliche Aufopferungsfähigkeit, die
sich schon im Tierreiche im hoben Grade findet. In der natürlichen Mutterliebe findet
diese Ausbildung eines animalischen Triebes ihre schönste Vollendung. Diese
selbstlosen Naturtriebe kommen in der ersten Aura in hellrötlichen bis rosaroten
Farbennuancen zum Ausdruck. Feige Furchtsamkeit, Schreckhaftigkeit vor
sinnenfälligen Reizen zeigt sich durch braunblaue oder graublaue Farben in der
Aura.
Die zweite Aura zeigt wieder die verschiedensten Farbenstufen. Stark entwickeltes
Selbstgefühl, Stolz und Ehrgeiz bringen sich in braunen und orangefarbenen
Gebilden zum Ausdruck. Auch die Neugierde gibt sich durch rotgelbe Flecken kund.
Helles Gelb spiegelt klares Denken und Intelligenz ab; Grün ist der Ausdruck des
Verständnisses für Leben und Welt. Kinder, die leicht auffassen, haben viel Grün in
diesem Teil ihrer Aura. Ein gutes Gedächtnis scheint sich durch «Grüngelb» in der
zweiten Aura zu verraten. Rosenrot deutet auf wohlwollende, liebevolle Wesenheit
hin; Blau ist das Zeichen von Frömmigkeit. Je mehr sich die Frömmigkeit der
religiösen Inbrunst nähert, desto mehr geht das Blau in Violett über. Idealismus und
Lebensernst in höherer Auffassung sieht man als Indigoblau.
Die Grundfarben der dritten Aura sind Gelb, Grün und Blau. Helles Gelb erscheint
hier, wenn das Denken erfüllt ist von hohen, umfassenden Ideen, welche das
Einzelne aus dem Ganzen der göttlichen Weltordnung heraus erfassen. Dieses Gelb
hat dann, wenn das Denken intuitiv ist und ihm vollkommene Reinheit von
sinnlichem Vorstellen zukommt, einen goldigen Glanz. Grün drückt aus die Liebe zu
allen Wesen; Blau ist das Zeichen der selbstlosen Aufopferungsfähigkeit für alle
Wesen. Steigert sich diese Aufopferungsfähigkeit bis zum starken Wollen, das
werktätig in die Dienste der Welt sich stellt, so hellt sich das Blau zum Hellviolett auf.
Sind trotz eines höher entwickelten Seelenwesens noch Stolz und Ehrsucht, als
letzte Reste des persönlichen Egoismus, vorhanden, so treten neben den gelben
Nuancen solche auf, welche nach dem Orange hin spielen. – Bemerkt muß
allerdings werden, daß in diesem Teil der Aura die Farben recht verschieden sind
von den Nuancen, die der Mensch gewohnt ist in der Sinnenwelt zu sehen. Eine
Schönheit und Erhabenheit tritt dem «Sehenden» hier entgegen, mit denen sich
nichts in der gewöhnlichen Welt vergleichen läßt. – Diese Darstellung der «Aura»
kann derjenige nicht richtig beurteilen, welcher nicht den Hauptwert darauf legt, daß
mit dem «Sehen der Aura» eine Erweiterung und Bereicherung des in der
physischen Welt Wahrgenommenen gemeint ist. Eine Erweiterung, die dahin zielt,
die Form des Seelenlebens zu erkennen, die außer der sinnlichen Welt geistige
Wirklichkeit hat. Mit einem Deuten des Charakters oder der Gedanken eines
Menschen aus einer halluzinatorisch wahrgenommenen Aura hat diese ganze
Darstellung nichts zu tun. Sie will die Erkenntnis nach der geistigen Welt hin
erweitern und will nichts zu tun haben mit der zweifelhaften Kunst, Menschenseelen
aus ihren Auren zu deuten.
DER PFAD DER ERKENNTNIS
Die Erkenntnis der in diesem Buche gemeinten Geisteswissenschaft kann jeder
Mensch sich selbst erwerben. Ausführungen von der Art, wie sie in dieser Schrift
gegeben werden, liefern ein Gedankenbild der höheren Welten. Und sie sind in einer
gewissen Beziehung der erste Schritt zur eigenen Anschauung. Denn der Mensch
ist ein Gedankenwesen. Und er kann seinen Erkenntnispfad nur finden, wenn er
vom Denken ausgeht. Wird seinem Verstande ein Bild der höheren Welten gegeben,
so ist dieses für ihn nicht unfruchtbar, auch wenn es vorläufig gleichsam nur eine
Erzählung von höheren Tatsachen ist, in die er durch eigene Anschauung noch
keinen Einblick hat. Denn die Gedanken, die ihm gegeben werden, stellen selbst
eine Kraft dar, welche in seiner Gedankenwelt weiter wirkt. Diese Kraft wird in ihm
tätig sein; sie wird schlummernde Anlagen wecken. Wer der Meinung ist, die
Hingabe an ein solches Gedankenbild sei überflüssig, der ist im Irrtum. Denn er
sieht in dem Gedanken nur das Wesenlose, Abstrakte. Dem Gedanken liegt aber
eine lebendige Kraft zugrunde. Und wie er bei demjenigen, der Erkenntnis hat, als
ein unmittelbarer Ausdruck vorhanden ist dessen, was im Geiste geschaut wird, so
wirkt die Mitteilung dieses Ausdrucks in dem, welchem er mitgeteilt wird, als Keim,
der die Erkenntnisfrucht aus sich erzeugt. Wer sich behufs höherer Erkenntnis, unter
Verschmähung der Gedankenarbeit, an andere Kräfte im Menschen wenden wollte,
der berücksichtigt nicht, daß das Denken eben die höchste der Fähigkeiten ist, die
der Mensch in der Sinnenwelt besitzt. Wer also fragt: wie gewinne ich selbst die
höheren Erkenntnisse der Geisteswissenschaft? dem ist zu sagen: unterrichte dich
zunächst durch die Mitteilungen anderer von solchen Erkenntnissen. Und wenn er
erwidert: ich will selbst sehen; ich will nichts wissen von dem, was andere gesehen
haben, so ist ihm zu antworten: eben in der Aneignung der Mitteilungen anderer liegt
die erste Stufe zur eigenen Erkenntnis. Man kann dazu sagen: da bin ich ja
zunächst zum blinden Glauben gezwungen. Doch es handelt sich ja bei einer
Mitteilung nicht um Glauben oder Unglauben, sondern lediglich um eine
unbefangene Aufnahme dessen, was man vernimmt. Der wahre Geistesforscher
spricht niemals mit der Erwartung, daß ihm blinder Glaube entgegengebracht werde.
Er meint immer nur: dies habe ich erlebt in den geistigen Gebieten des Daseins, und
ich erzähle von diesen meinen Erlebnissen. Aber er weiß auch, daß die
Entgegennahme dieser seiner Erlebnisse und die Durchdringung der Gedanken des
andern mit der Erzählung für diesen andern lebendige Kräfte sind, um sich geistig zu
entwickeln.
Was hier in Betracht kommt, wird richtig nur derjenige anschauen, der bedenkt, wie
alles Wissen von seelischen und geistigen Welten in den Untergründen der
menschlichen Seele ruht. Man kann es durch den «Erkenntnispfad» heraufholen.
«Einsehen» kann man nicht nur das, was man selbst, sondern auch, was ein
anderer aus den Seelengründen heraufgeholt hat. Selbst dann, wenn man selbst
noch gar keine Veranstaltungen zum Betreten des Erkenntnispfades gemacht hat.
Eine richtige geistige Einsicht erweckt in dem nicht durch Vorurteile getrübten
Gemüt die Kraft des Verständnisses. Das unbewußte Wissen schlägt der von
andern gefundenen geistigen Tatsache entgegen. Und dieses Entgegenschlagen ist
nicht blinder Glaube, sondern rechtes Wirken des gesunden Menschenverstandes.
In diesem gesunden Begreifen sollte man einen weit besseren Ausgangsort auch
zum Selbsterkennen der Geistwelt sehen als in den zweifelhaften mystischen
«Versenkungen» und dergleichen, in denen man oft etwas Besseres zu haben
glaubt als in dem, was der gesunde Menschenverstand anerkennen kann, wenn es
ihm von echter geistiger Forschung entgegengebracht wird.
Man kann gar nicht stark genug betonen, wie notwendig es ist, daß derjenige die
ernste Gedankenarbeit auf sich nehme, der seine höheren Erkenntnisfähigkeiten
ausbilden will. Diese Betonung muß um so dringlicher sein, als viele Menschen,
welche zum «Seher» werden wollen, diese ernste, entsagungsvolle Gedankenarbeit
geradezu geringachten. Sie sagen, das «Denken» kann mir doch nichts helfen; es
kommt auf die «Empfindung», das «Gefühl» oder Ähnliches an. Demgegenüber
muß gesagt werden, daß niemand im höheren Sinne (das heißt wahrhaft) ein
«Seher» werden kann, der nicht vorher sich in das Gedankenleben eingearbeitet
hat. Es spielt da bei vielen Personen eine gewisse innere Bequemlichkeit eine
mißliche Rolle. Sie werden sich dieser Bequemlichkeit nicht bewußt, weil sie sich in
eine Verachtung des «abstrakten Denkens», des «müßigen spekulierens» und so
weiter kleidet. Aber man verkennt eben das Denken, wenn man es mit dem
Ausspinnen müßiger, abstrakter Gedankenfolgen verwechselt. Dieses «abstrakte
Denken» kann die übersinnliche Erkenntnis leicht ertöten; das lebensvolle Denken
kann ihr zur Grundlage werden. Es wäre allerdings viel bequemer, wenn man zu der
höheren Sehergabe unter Vermeidung der Gedankenarbeit kommen könnte. Das
möchten eben viele. Es ist aber dazu eine innere Festigkeit, eine seelische
Sicherheit nötig, zu der nur das Denken führen kann. Sonst kommt doch nur ein
wesenloses Hin- und Herflackern in Bildern, ein verwirrendes Seelenspiel zustande,
das zwar manchem Lust macht, das aber mit einem wirklichen Eindringen in höhere
Welten nichts zu tun hat. – Wenn man ferner bedenkt, welche rein geistigen
Erlebnisse in einem Menschen vor sich gehen, der wirklich die höhere Welt betritt,
dann wird man auch begreifen, daß die Sache noch eine andere Seite hat. Zum
«Seher» gehört absolute Gesundheit des Seelenlebens. Es gibt nun keine besser
Pflege dieser Gesundheit als das echte Denken. Ja, es kann diese Gesundheit
ernstlich leiden, wenn die Übungen zur höheren Entwicklung nicht auf dem Denken
aufgebaut sind. So wahr es ist, daß einen gesund und richtig denkenden Menschen
die Sehergabe noch gesunder, noch tüchtiger zum Leben machen wird, als er ohne
dieselbe ist, so wahr ist es auch, daß alles Sich-Entwickeln-wollen bei einer Scheu
vor Gedankenanstrengung, alle Träumerei auf diesem Gebiete, der Phantasterei
und auch der falschen Einstellung zum Leben Vorschub leistet. Niemand hat etwas
zu fürchten, der unter Beobachtung des hier Gesagten sich zu höherer Erkenntnis
entwickeln will; doch sollte es eben nur unter dieser Voraussetzung geschehen.
Diese Voraussetzung hat nur mit der Seele und dem Geiste des Menschen zu tun;
zu reden von einem irgendwie gearteten schädlichen Einfluß auf leibliche
Gesundheit ist bei dieser Voraussetzung absurd.
Der unbegründete Unglaube allerdings ist schädlich. Denn er wirkt in dem
Empfangenden als eine zurückstoßende Kraft. Er verhindert ihn, die befruchtenden
Gedanken aufzunehmen. Kein blinder Glaube, wohl aber die Aufnahme der
geisteswissenschaftlichen Gedankenwelt wird bei der Erschließung der höheren
Sinne vorausgesetzt. Der Geistesforscher tritt seinem Schüler entgegen mit der
Zumutung: nicht glauben sollst du, was ich dir sage, sondern es denken, es zum
Inhalte deiner eigenen Gedankenwelt machen, dann werden meine Gedanken
schon selbst in dir bewirken, daß du sie in ihrer Wahrheit erkennst. Dies ist die
Gesinnung des Geistesforschers. Er gibt die Anregung; die Kraft des
Fürwahrhaltens entspringt aus dem eigenen Innern des Aufnehmenden. Und in
diesem Sinne sollten die geisteswissenschaftlichen Anschauungen gesucht werden.
Wer die Überwindung hat, sein Denken in diese zu versenken, kann sicher sein, daß
in einer kürzeren oder längeren Zeit sie ihn zu eigenem Anschauen führen werden.
Schon in dem Gesagten liegt eine erste Eigenschaft angedeutet, die derjenige in
sich ausbilden muß, der zu eigener Anschauung höherer Tatsachen kommen will.
Es ist die rückhaltlose, unbedingte Hingabe an dasjenige, was das Menschenleben
oder auch die außermenschliche Welt offenbaren. Wer von vornherein mit dem
Urteil, das er aus seinem bisherigen Leben mitbringt, an eine Tatsache der Welt
herantritt, der verschließt sich durch solches Urteil gegen die ruhige, allseitige
Wirkung, welche diese Tatsache auf ihn ausüben kann. Der Lernende muß in jedem
Augenblicke sich zum völlig leeren Gefäß machen können, in das die fremde Welt
einfließt. Nur diejenigen Augenblicke sind solche der Erkenntnis, wo jedes Urteil,
jede Kritik schweigen, die von uns ausgehen. Es kommt zum Beispiel gar nicht
darauf an, wenn wir einem Menschen gegenübertreten, ob wir weiser sind als er.
Auch das unverständigste Kind hat dem höchsten Weisen etwas zu offenbaren. Und
wenn dieser mit seinem noch so weisen Urteil an das Kind herantritt, so schiebt sich
seine Weisheit wie ein trübes Glas vor dasjenige, was das Kind ihm offenbaren soll.
[Man sieht wohl gerade aus dieser Angabe, daß es sich bei der Forderung der «rückhaltlosen
Hingabe» nicht um die Ausscheidung des eigenen Urteils oder um Hingabe an blinden Glauben
handelt. Dergleichen hätte doch einem Kinde gegenüber keinen Sinn.] Zu dieser Hingabe an die
Offenbarungen der fremden Welt gehört völlige innere Selbstlosigkeit. Und wenn
sich der Mensch prüft, in welchem Grade er diese Hingabe hat, so wird er
erstaunliche Entdeckungen an sich selbst machen. Will einer den Pfad der höheren
Erkenntnis betreten, so muß er sich darin üben, sich selbst mit allen seinen
Vorurteilen in jedem Augenblicke auslöschen zu können. Solange er sich auslöscht,
fließt das andere in ihn hinein. Nur hohe Grade von solch selbstloser Hingabe
befähigen zur Aufnahme der höheren geistigen Tatsachen, die den Menschen
überall umgeben. Man kann zielbewußt in sich diese Fähigkeit ausbilden. Man
versuche zum Beispiel gegenüber Menschen seiner Umgebung sich jedes Urteils zu
enthalten. Man erlösche in sich den Maßstab von anziehend und abstoßend, von
dumm oder gescheit, den man gewohnt ist anzulegen; und man versuche, ohne
diesen Maßstab die Menschen rein aus sich selbst heraus zu verstehen. Die besten
Übungen kann man an Menschen machen, vor denen man einen Abscheu hat. Man
unterdrücke mit aller Gewalt diesen Abscheu und lasse alles unbefangen auf sich
wirken, was sie tun. – Oder wenn man in einer Umgebung ist, welche dies oder
jenes Urteil herausfordert, so unterdrücke man das Urteil und setze sich unbefangen
den Eindrücken aus. [Dieses unbefangene Hingeben hat mit einem «blinden Glauben» nicht das
geringste zu tun. Es kommt nicht darauf an, daß man blind an etwas glaubt, sondern darauf, daß man
nicht das «blinde Urteil» an Stelle des lebendigen Eindruckes setzt.] – Man lasse die Dinge und
Ereignisse mehr zu sich sprechen, als daß man über sie spreche. Und man dehne
das auch auf seine Gedankenwelt aus. Man unterdrücke in sich dasjenige, was
diesen oder jenen Gedanken bildet, und lasse lediglich das, was draußen ist, die
Gedanken bewirken. – Nur wenn mit heiligstem Ernst und Beharrlichkeit solche
Übungen angestellt werden, führen sie zum höheren Erkenntnisziele. Wer solche
Übungen unterschätzt, der weiß eben nichts von ihrem Wert. Und wer Erfahrung in
solchen Dingen hat, der weiß, daß Hingabe und Unbefangenheit wirkliche
Krafterzeuger sind. Wie die Wärme, die man in den Dampfkessel bringt, sich in die
fortbewegende Kraft der Lokomotive verwandelt, so verwandeln sich die Übungen
der selbstlosen geistigen Hingabe in dem Menschen zur Kraft des Schauens in den
geistigen Welten.
Durch diese Übung macht sich der Mensch aufnahmefähig für alles dasjenige, was
ihn umgibt. Aber zur Aufnahmefähigkeit muß auch die richtige Schätzung treten.
Solange der Mensch noch geneigt ist, sich selbst auf Kosten der ihn umgebenden
Welt zu überschätzen, so lange verlegt er sich den Zugang zu höherer Erkenntnis.
Wer einem jeglichen Dinge oder Ereignisse der Welt gegenüber sich der Lust oder
dem Schmerze hingibt, die sie ihm bereiten, der ist in solcher Überschätzung seiner
selbst befangen. Denn an seiner Lust und an seinem Schmerz erfährt er nichts über
die Dinge, sondern nur etwas über sich selbst. Empfinde ich Sympathie für einen
Menschen, so empfinde ich zunächst nur mein Verhältnis zu ihm. Mache ich mich in
meinem Urteil, in meinem Verhalten lediglich von diesem Gefühle der Lust, der
Sympathie abhängig, dann stelle ich meine Eigenart in den Vordergrund; ich dränge
diese der Welt auf. Ich will mich, so wie ich bin, in die Welt einschalten, aber nicht
die Welt unbefangen hinnehmen und sie im Sinne der in ihr wirkenden Kräfte sich
ausleben lassen. Mit anderen Worten: ich bin nur duldsam mit dem, was meiner
Eigenart entspricht. Gegen alles andere übe ich eine zurückstoßende Kraft. Solange
der Mensch in der Sinneswelt befangen ist, wirkt er besonders zurückstoßend gegen
alle nicht sinnlichen Einflüsse. Der Lernende muß die Eigenschaft in sich entwickeln,
sich den Dingen und Menschen gegenüber in deren Eigenart zu verhalten, ein
jegliches in seinem Werte, in seiner Bedeutung gelten zu lassen. Sympathie und
Antipathie, Lust und Unlust müssen ganz neue Rollen erhalten. Es kann nicht davon
die Rede sein, daß der Mensch diese ausrotten soll, sich stumpf gegenüber
Sympathie und Antipathie machen soll. Im Gegenteil, je mehr er in sich die Fähigkeit
ausbildet, nicht alsogleich auf jede Sympathie und Antipathie ein Urteil, eine
Handlung folgen zu lassen, eine um so feinere Empfindungsfähigkeit wird er in sich
ausbilden. Er wird erfahren, daß Sympathien und Antipathien eine höhere Art
annehmen, wenn er diejenige Art in sich zügelt, die schon in ihm ist. Verborgene
Eigenschaften hat selbst das zunächst unsympathischste Ding; es offenbart sie,
wenn der Mensch in seinem Verhalten nicht seinen eigensüchtigen Empfindungen
folgt. Wer sich in dieser Richtung ausgebildet hat, der empfindet feiner nach allen
Seiten hin als andere, weil er sich nicht von sich selbst zur Unempfänglichkeit
verführen läßt. Jede Neigung, der man blindlings folgt, stumpft dafür ab, die Dinge
der Umgebung im rechten Licht zu sehen. Wir drängen uns gleichsam, der Neigung
folgend, durch die Umgebung hindurch, statt uns ihr auszusetzen und sie in ihrem
Werte zu fühlen.
Und wenn der Mensch nicht mehr auf jede Lust und jeden Schmerz, auf jede
Sympathie und Antipathie hin seine eigensüchtige Antwort, sein eigensüchtiges
Verhalten hat, dann wird er auch unabhängig von den wechselnden Eindrücken der
Außenwelt. Die Lust, die man an einem Dinge empfindet, macht einen sogleich von
diesem abhängig. Man verliert sich an das Ding. Ein Mensch, der je nach den
wechselnden Eindrücken sich in Lust und Schmerz verliert, kann nicht den Pfad der
geistigen Erkenntnis wandeln. Mit Gelassenheit muß er Lust und Schmerz
aufnehmen. Dann hört er auf, sich in ihnen zu verlieren; dann fängt er aber dafür an,
sie zu verstehen. Eine Lust, der ich mich hingebe, verzehrt mein Dasein in dem
Augenblicke der Hingabe. Ich aber soll die Lust nur benutzen, um durch sie zum
Verständnisse des Dinges zu kommen, das mir Lust bereitet. Es soll mir nicht darauf
ankommen, daß das Ding mir Lust bereitet: ich soll die Lust erfahren und durch die
Lust das Wesen des Dinges. Die Lust soll für mich nur sein Verkündigung dessen,
daß in dem Dinge eine Eigenschaft ist, die sich eignet, Lust zu bereiten. Diese
Eigenschaft soll ich erkennen lernen. Bleibe ich bei der Lust stehen, lasse ich mich
ganz von ihr einnehmen, so bin ich es nur selbst, der sich auslebt; ist mir die Lust
nur die Gelegenheit, eine Eigenschaft des Dinges zu erleben, so mache ich durch
dieses Erlebnis mein Inneres reicher. Dem Forschenden müssen Lust und Unlust,
Freude und Schmerz Gelegenheit sein, durch die er von den Dingen lernt. Der
Forschende wird dadurch nicht stumpf gegen Lust und Schmerz; aber er erhebt sich
über sie, damit sie ihm die Natur der Dinge offenbaren. Wer nach dieser Richtung
hin sich entwickelt, wird einsehen lernen, welche Lehrmeister Lust und Schmerz
sind. Er wird mit jedem Wesen mitempfinden und dadurch die Offenbarung von
dessen Innerem empfangen. Der Forschende sagt sich niemals allein: oh, wie leide
ich, wie freue ich mich, sondern stets: wie spricht das Leid, wie spricht die Freude.
Er gibt sich hin, um Lust und Freude der Außenwelt auf sich einwirken zu lassen.
Dadurch entwickelt sich in dem Menschen eine völlig neue Art, sich zu den Dingen
zu stellen. Früher ließ der Mensch diese oder jene Handlung auf diesen oder jenen
Eindruck nur deshalb folgen, weil die Eindrücke ihn freuten oder ihm Unlust
machten. Jetzt aber läßt er Lust und Unlust auch die Organe sein, durch die ihm die
Dinge sagen, wie sie, ihrem Wesen nach, selbst sind. Lust und Schmerz werden aus
bloßen Gefühlen in ihm zu Sinnesorganen, durch welche die Außenwelt
wahrgenommen wird. Wie das Auge nicht selbst handelt, wenn es etwas sieht,
sondern die Hand handeln läßt, so bewirken Lust und Schmerz in dem geistig
Forschenden, insofern er sie als Erkenntnismittel anwendet, nichts, sondern sie
empfangen Eindrücke, und das, was durch Lust und Unlust erfahren ist, das bewirkt
die Handlung. Wenn der Mensch in der Art Lust und Unlust übt, daß sie
Durchgangsorgane werden, so bauen sie ihm in seiner Seele die eigentlichen
Organe auf, durch die sich ihm die seelische Welt erschließt. Das Auge kann nur
dadurch dem Körper dienen, daß es ein Durchgangsorgan für sinnliche Eindrücke
ist; Lust und Schmerz werden zu Seelenaugen sich entwickeln, wenn sie aufhören,
bloß für sich etwas zu gelten, und anfangen, der eigenen Seele die fremde Seele zu
offenbaren.
Durch die genannten Eigenschaften setzt sich der Erkennende in die Lage, ohne
störende Einflüsse seiner Eigenheiten dasjenige auf sich einwirken zu lassen, was in
seiner Umwelt wesenhaft vorhanden ist. Er hat aber auch sich selbst in die geistige
Umwelt in richtiger Art einzufügen. Er ist ja als denkendes Wesen Bürger der
geistigen Welt. Er kann das nur in rechter Weise sein, wenn er während des
Geisterkennens seinen Gedanken einen Ablauf gibt, der den ewigen Gesetzen der
Wahrheit, den Gesetzen des Geisterlandes, entspricht. Denn nur so kann dieses
Land auf ihn wirken und ihm seine Tatsachen offenbaren. Der Mensch gelangt nicht
zur Wahrheit, wenn er sich nur den fortwährend durch sein Ich ziehenden Gedanken
überläßt. Denn dann nehmen diese Gedanken einen Verlauf, der ihnen dadurch
aufgedrängt wird, daß sie innerhalb der leiblichen Natur zum Dasein kommen.
Regellos und wirr nimmt sich die Gedankenwelt eines Menschen aus, der sich der
zunächst durch sein leibliches Gehirn bedingten Geistestätigkeit überläßt. Da setzt
ein Gedanke ein, bricht ab, wird durch einen anderen aus dem Felde geschlagen.
Wer prüfend das Gespräch zweier Menschen belauscht, wer sich unbefangen selbst
beobachtet, der erhält eine Vorstellung von dieser irrlichtelierenden
Gedankenmasse. Solange nun der Mensch sich bloß den Aufgaben des
Sinnenlebens widmet, so lange wird sein wirrer Gedankenablauf durch die
Tatsachen der Wirklichkeit immer wieder zurechtgerückt. Ich mag noch so verworren
denken: der Alltag drängt mir in meinen Handlungen die der Wirklichkeit
entsprechenden Gesetze auf. Mein Gedankenbild einer Stadt mag sich als das
regelloseste gestalten: will ich in der Stadt einen Weg machen, so muß ich mich den
vorhandenen Tatsachen fügen. Der Mechaniker kann mit noch so bunt
durcheinanderwirbelnden Vorstellungen seine Werkstätte betreten; er wird durch die
Gesetze seiner Maschinen zu richtigen Maßnahmen geführt. Innerhalb der
Sinnenwelt üben die Tatsachen ihre fortwährende Korrektur für das Denken. Wenn
ich eine falsche Ansicht über eine physische Erscheinung oder über die Gestalt
einer Pflanze ausdenke, so tritt mir die Wirklichkeit entgegen und rückt mein Denken
zurecht. Ganz anders ist es, wenn ich mein Verhältnis zu den höheren Gebieten des
Daseins betrachte. Sie enthüllen sich mir nur, wenn ich ihre Welten schon mit einem
streng geregelten Denken betrete. Da muß mir mein Denken den rechten, den
sicheren Antrieb geben, sonst finde ich nicht die entsprechenden Wege. Denn die
geistigen Gesetze, die sich in diesen Welten ausleben, sind nicht bis zur physischsinnlichen
Art verdichtet und üben also auf mich nicht den gekennzeichneten Zwang
aus. Ich vermag diese Gesetze nur zu befolgen, wenn sie mit meinen eigenen, als
denen eines denkenden Wesens, verwandt sind. Ich muß mir hier selbst ein sicherer
Wegweiser sein. Der Erkennende muß also sein Denken zu einem streng in sich
geregelten machen. Die Gedanken müssen sich bei ihm allmählich ganz entwöhnen,
den alltäglichen Gang zu nehmen. Sie müssen in ihrem ganzen Verlaufe den
inneren Charakter der geistigen Welt annehmen. Er muß sich nach dieser Richtung
beobachten können und in der Hand haben. Nicht willkürlich darf sich bei ihm ein
Gedanke an den andern anreihen, sondern allein so, wie es dem strengen Inhalte
der Gedankenwelt entspricht. Der Übergang von einer Vorstellung zur andern muß
den strengen Denkgesetzen entsprechen. Der Mensch muß als Denker
gewissermaßen stets ein Abbild dieser Denkgesetze darstellen. Alles, was nicht aus
diesen Gesetzen fließt, muß er seinem Vorstellungsablauf verbieten. Tritt ihm ein
Lieblingsgedanke in den Weg, so muß er ihn abweisen, wenn der in sich geregelte
Ablauf dadurch gestört wird. Will ein persönliches Gefühl seinen Gedanken eine
gewisse, nicht in ihnen liegende Richtung aufzwingen, so muß er es unterdrücken. –
Plato hat von denjenigen verlangt, die in seiner Schule sein wollten, daß sie zuerst
einen mathematischen Lehrgang durchmachen. Und die Mathematik mit ihren
strengen Gesetzen, die sich nicht nach dem alltäglichen Gang der
Sinneserscheinungen richten, ist wirklich eine gute Vorbereitung für den Erkenntnis
Suchenden. Er muß sich, wenn er in ihr vorwärtskommen will, aller persönlichen
Willkür, aller Störungen entschlagen. Der Erkenntnis Suchende bereitet sich für
seine Aufgabe dadurch vor, daß er durch Willkür alle selbsttätig waltende Willkür
des Denkens überwindet. Er lernt, rein den Forderungen des Gedankens zu folgen.
Und so muß er lernen, in jeglichem Denken, das der Geisterkenntnis dienen soll,
vorzugehen. Dies Gedankenleben selbst muß ein Abbild des ungestörten
mathematischen Urteilens und Schließens sein. Er muß bestrebt sein, wo er geht
und steht, in solcher Art denken zu können. Dann fließen die Gesetzmäßigkeiten der
geistigen Welt in ihn ein, die spurlos an ihm vorüber- und durch ihn hindurchziehen,
wenn sein Denken den alltäglichen, verworrenen Charakter trägt. Ein geordnetes
Denken bringt ihn von sicheren Ausgangspunkten aus zu den verborgendsten
Wahrheiten. Solche Hinweise sollen aber nicht einseitig aufgefaßt werden. Wenn
auch Mathematik eine gute Disziplinierung des Denkens bewirkt, so kann man doch
zu einem reinen, gesunden und lebensvollen Denken auch kommen, ohne
Mathematik zu treiben.
Und was der Erkenntnis Suchende für sein Denken anstrebt, das muß er auch für
sein Handeln anstreben. Dies muß, ohne störende Einflüsse von seiten seiner
Persönlichkeit, den Gesetzen des edlen Schönen und ewig Wahren folgen können.
Diese Gesetze müssen ihm die Richtung geben können. Beginnt er etwas zu tun,
was er als das Richtige erkannt hat, und befriedigt sich an diesem Tun sein
persönliches Gefühl nicht, so darf er den betretenen Weg deswegen nicht verlassen.
Er darf ihn aber auch nicht verfolgen, weil er ihm Freude macht, wenn er findet, daß
er mit den Gesetzen des ewig Schönen und Wahren nicht übereinstimmt. Im
alltäglichen Leben lassen sich die Menschen von dem zu ihren Handlungen
bestimmen, was sie persönlich befriedigt, was ihnen Früchte trägt. Dadurch zwingen
sie die Richtung ihrer Persönlichkeit dem Gang der Welterscheinungen auf. Sie
verwirklichen nicht das Wahre, das in den Gesetzen der geistigen Welt
vorgezeichnet ist, sie verwirklichen die Forderung ihrer Willkür. Erst dann wirkt man
im Sinne der geistigen Welt, wenn man allein deren Gesetze befolgt. Aus dem, was
bloß aus der Persönlichkeit heraus getan wird, ergeben sich keine Kräfte, die eine
Grundlage bilden können für Geisterkenntnis. Der Erkenntnis Suchende kann nicht
bloß fragen: was bringt mir Frucht, womit habe ich Erfolg, sondern er muß auch
fragen können: was habe ich als das Gute erkannt? Verzicht auf die Früchte des
Handelns für die Persönlichkeit, Verzicht auf alle Willkür: das sind die ernsten
Gesetze, die er sich muß vorzeichnen können. Dann wandelt er in den Wegen der
geistigen Welt, sein ganzes Wesen durchdringt sich mit diesen Gesetzen. Er wird
frei von allem Zwang der Sinnenwelt: sein Geistmensch hebt sich heraus aus der
sinnlichen Umhüllung. So gelangt er hinein in den Fortschritt zum Geistigen, so
vergeistigt er sich selbst. Man kann nicht sagen: was nützen mir alle Vorsätze, rein
den Gesetzen des Wahren zu folgen, wenn ich mich vielleicht über dieses Wahre
irre? Es kommt auf das Streben, auf die Gesinnung an. Selbst der Irrende hat in
dem Streben nach dem Wahren eine Kraft, die ihn von der unrichtigen Bahn ablenkt.
Ist er im Irrtum, so ergreift ihn diese Kraft und führt ihn die Wege zum Rechten.
Schon der Einwand: ich kann auch irren, ist störender Unglaube. Er zeigt, daß der
Mensch kein Vertrauen hat in die Kraft des Wahren. Denn gerade darauf kommt es
an, daß er sich nicht vermißt, von seinem eigensüchtigen Standpunkte aus sich die
Ziele zu geben, sondern darauf, daß er sich selbstlos hingibt und von dem Geiste
sich die Richtung bestimmen läßt. Nicht der eigensüchtige Menschenwille kann dem
Wahren seine Vorschriften machen, sondern dieses Wahre selbst muß in dem
Menschen zum Herrscher werden, muß sein ganzes Wesen durchdringen, ihn zum
Abbild machen der ewigen Gesetze des Geisterlandes. Erfüllen muß er sich mit
diesen ewigen Gesetzen, um sie ins Leben ausströmen zu lassen. – Wie sein
Denken, so muß der Erkenntnis Suchende seinen Willen in strengem Gewahrsam
haben können. Er wird dadurch in aller Bescheidenheit – ohne Anmaßung – ein
Bote der Welt des Wahren und Schönen. Und dadurch, daß er dies wird, steigt er
zum Teilnehmer der Geisteswelt auf. Dadurch wird er von Entwicklungsstufe zu
Entwicklungsstufe gehoben. Denn man kann das geistige Leben nicht allein durch
Anschauen, sondern man muß es dadurch erreichen, daß man es erlebt.
Beobachtet der Erkenntnis Suchende diese dargestellten Gesetze, so werden bei
ihm diejenigen seelischen Erlebnisse, die sich auf die geistige Welt beziehen, eine
völlig neue Gestalt annehmen. Er wird nicht mehr bloß in ihnen leben. Sie werden
nicht mehr bloß eine Bedeutung für sein Eigenleben haben. Sie werden sich zu
seelischen Wahrnehmungen der höheren Welt ausbilden. In seiner Seele wachsen
die Gefühle, wachsen Lust und Unlust, Freude und Schmerz zu Seelenorganen aus,
wie in seinem Körper Augen und Ohren nicht bloß ein Leben für sich führen,
sondern selbstlos die äußeren Eindrücke durch sich hindurchgehen lassen. Und
dadurch gewinnt der Erkenntnis Suchende die Ruhe und Sicherheit in der
Seelenverfassung, die für das Forschen in der Geisteswelt nötig sind. Eine große
Lust wird ihn nicht mehr bloß jauchzen machen, sondern ihm Verkünderin sein
können von Eigenschaften der Welt, die ihm vorher entgangen sind. Sie wird ihn
ruhig lassen; und durch die Ruhe werden die Merkmale der lustbringenden
Wesenheiten sich ihm offenbaren. Ein Schmerz wird ihn nicht mehr bloß mit
Betrübnis ganz ausfüllen, sondern ihm auch sagen können. welche Eigenschaften
das Schmerz verursachende Wesen hat. Wie das Auge nichts für sich begehrt,
sondern dem Menschen die Richtung des Weges angibt, den er zu gehen hat, so
werden Lust und Schmerz die Seele ihre Bahn sicher führen. Dies ist der Zustand
des seelischen Gleichgewichtes, in den der Erkennende kommen muß. Je weniger
Lust und Schmerz sich in den Wellen erschöpfen, die sie im Innenleben des
Erkennenden aufwerfen, desto mehr werden sie Augen bilden für die übersinnliche
Welt. Solange der Mensch in Lust und Leid lebt, so lange erkennt er nicht durch sie.
Wenn er durch sie zu leben lernt, wenn er sein Selbstgefühl aus ihnen herauszieht,
dann werden sie seine Wahrnehmungsorgane; dann sieht, dann erkennt er durch
sie. Es ist unrichtig, zu glauben, der Erkennende werde ein trockener, nüchterner,
lust- und leidloser Mensch. Lust und Leid sind in ihm vorhanden, aber dann, wenn er
in der Geisteswelt forscht, in verwandelter Gestalt; sie sind «Augen und Ohren»
geworden.
Solange man persönlich mit der Welt lebt, so lange enthüllen die Dinge auch nur
das, was sie mit unserer Persönlichkeit verknüpft. Das aber ist ihr Vergängliches.
Ziehen wir uns selbst von unserem Vergänglichen zurück und leben wir mit unserem
Selbstgefühl, mit unserem «Ich» in unserem Bleibenden, dann werden die
vergänglichen Teile an uns zu Vermittlern; und was sich durch sie enthüllt, das ist
ein Unvergängliches, ein Ewiges an den Dingen. Dieses Verhältnis seines eigenen
Ewigen zum Ewigen in den Dingen muß bei dem Erkennenden hergestellt werden
können. Schon bevor er andere Übungen der beschriebenen Art aufnimmt und auch
während derselben soll er seinen Sinn auf dieses Unvergängliche hinlenken. Wenn
ich einen Stein, eine Pflanze, ein Tier, einen Menschen beobachte, soll ich
eingedenk sein können, daß sich in all dem ein Ewiges ausspricht. Ich soll mich
fragen können, was lebt als Bleibendes in dem vergänglichen Stein, in dem
vergänglichen Menschen? Was wird die vorübergehende sinnliche Erscheinung
überdauern? –Man soll nicht glauben, daß solches Hinlenken des Geistes zum
Ewigen die hingebungsvolle Betrachtung und den Sinn für die Eigenschaften des
Alltags in uns austilge und uns der unmittelbaren Wirklichkeit entfremde. Im
Gegenteil. Jedes Blatt, jedes Käferchen wird uns unzählige Geheimnisse enthüllen,
wenn unser Auge nicht nur, sondern durch das Auge der Geist auf sie gerichtet ist.
Jedes Glitzern, jede Farbennuance, jeder Tonfall werden den Sinnen lebhaft und
wahrnehmbar bleiben, nichts wird verlorengehen; nur unbegrenztes neues Leben
wird hinzugewonnen werden. Und wer nicht mit dem Auge das Kleinste zu
beobachten versteht, wird auch nur zu blassen, blutleeren Gedanken, nicht aber zu
geistigem Schauen kommen. – Es hängt von der Gesinnung ab, die wir uns in dieser
Richtung erwerben. Wie weit wir es bringen, das wird von unseren Fähigkeiten
abhängen. Wir haben nur das Rechte zu tun und alles übrige der Entwicklung zu
überlassen. Zunächst muß es uns genügen, unseren Sinn auf das Bleibende zu
richten. Tun wir das, dann wird eben dadurch die Erkenntnis des Bleibenden uns
aufgehen. Wir müssen warten, bis uns gegeben wird. Und es wird zur
entsprechenden Zeit jedem gegeben, der in Geduld wartet und – arbeitet. – Bald
bemerkt unter solchen Übungen der Mensch, welche gewaltige Verwandlung mit
ihm vorgeht. Er lernt jedes Ding nur mehr in derjenigen Beziehung wichtig oder
unwichtig nehmen, als er das Verhältnis dieses Dinges zu einem Bleibenden,
Ewigen erkannt hat. Er kommt zu einer anderen Wertung und Schätzung der Welt,
als er sie früher gehabt hat. Sein Gefühl bekommt ein anderes Verhältnis zu der
ganzen Umwelt. Das Vergängliche zieht ihn nicht mehr bloß um seiner selbst willen
an wie früher; es wird ihm auch noch ein Glied und Gleichnis des Ewigen. Und
dieses Ewige, das in allen Dingen lebt, lernt er lieben. Es wird ihm vertraut, wie ihm
vorher das Vergängliche vertraut war. Auch dadurch wird er nicht dem Leben
entfremdet, sondern er lernt nur ein jegliches Ding seiner wahren Bedeutung nach
schätzen. Selbst der eitle Tand des Lebens wird nicht spurlos an ihm vorüberziehen;
aber der Mensch verliert sich, indem er nach dem Geistigen sucht, nicht mehr an
ihn, sondern erkennt ihn in seinem begrenzten Wert. Er sieht ihn im rechten Lichte.
Der ist ein schlechter Erkennender, der nur in Wolkenhöhen wandeln wollte und
darüber das Leben verlöre. Ein wirklich Erkennender wird von seiner Gipfelhöhe aus
durch klare Übersicht und rechte Empfindung für alles ein jegliches Ding an seinen
Platz zu stellen wissen.
So eröffnet sich dem Erkennenden die Möglichkeit, nicht mehr den
unberechenbaren Einflüssen der äußeren Sinnenwelt allein zu folgen, die sein
Wollen bald da-, bald dorthin lenken. Er hat durch Erkenntnis in der Dinge ewiges
Wesen geschaut. Er hat durch die Umwandlung seiner inneren Welt die Fähigkeit in
sich, dieses ewige Wesen wahrzunehmen. Für den Erkennenden erhalten die
folgenden Gedanken noch eine besondere Wichtigkeit. Wenn er aus sich heraus
handelt, so ist er sich bewußt, aus dem ewigen Wesen der Dinge heraus zu
handeln. Denn die Dinge sprechen in ihm dieses ihr Wesen aus. Er handelt also im
Sinne der ewigen Weltordnung, wenn er aus dem in ihm lebenden Ewigen diesem
seinem Handeln die Richtung gibt. Er weiß sich dadurch nicht mehr bloß von den
Dingen getrieben; er weiß, daß er sie nach den ihnen selbst eingepflanzten
Gesetzen treibt, welche die Gesetze seines eigenen Wesens geworden sind. –
Dieses Handeln aus dem Innern kann nur ein Ideal sein, dem man zustrebt. Die
Erreichung dieses Zieles liegt in weiter Ferne. Aber der Erkennende muß den Willen
haben, diese Bahn klar zu sehen. Dies ist sein Wille zur Freiheit. Denn Freiheit ist
Handeln aus sich heraus. Und aus sich darf nur handeln, wer aus dem Ewigen die
Beweggründe schöpft. Ein Wesen, das dies nicht tut, handelt nach anderen
Beweggründen, als den Dingen eingepflanzt sind. Ein solches widerstrebt der
Weltordnung. Und diese muß ihm gegenüber dann obsiegen. Das heißt: es kann
letzten Endes nicht geschehen, was es seinem Willen vorzeichnet. Es kann nicht frei
werden. Willkür des Einzelwesens vernichtet sich selbst durch die Wirkung ihrer
Taten.
*
Wer in solcher Art auf sein inneres Leben zu wirken Vermag, schreitet von Stufe zu
Stufe in der Geisterkenntnis vorwärts. Die Frucht seiner Übungen wird sein, daß
seinem geistigen Wahrnehmen gewisse Einsichten in die übersinnliche Welt sich
eröffnen. Er lernt, wie die Wahrheiten über diese Welt gemeint sind; und er wird von
ihnen durch eigene Erfahrung die Bestätigung erhalten. Ist diese Stufe erstiegen,
dann tritt an ihn etwas heran, was nur durch diesen Weg Erlebnis werden kann. Auf
eine Art, deren Bedeutung ihm erst jetzt klarwerden kann, wird ihm durch die
«großen geistigen Führermächte des Menschengeschlechtes» die sogenannte
Einweihung (Initiation) zuteil. Er wird zum «Schüler der Weisheit». Je weniger man
in einer solchen Einweihung etwas sieht, das in einem äußerlichen menschlichen
Verhältnisse besteht, desto richtiger wird die darüber gebildete Vorstellung sein. Nur
angedeutet kann hier werden, was mit dem Erkennenden nun vorgeht. Er erhält eine
neue Heimat. Er wird dadurch bewußter Einheimischer in der übersinnlichen Welt.
Der Quell geistiger Einsicht strömt ihm nunmehr aus einem höheren Orte zu. Das
Licht der Erkenntnis leuchtet ihm nunmehr nicht von außen entgegen, sondern er
wird selbst in den Quellpunkt dieses Lichtes versetzt. In ihm erhalten die Rätsel,
welche die Welt aufgibt, ein neues Licht. Er redet fortan nicht mehr mit den Dingen,
die durch den Geist gestaltet sind, sondern mit dem gestaltenden Geiste selbst. Das
Eigenleben der Persönlichkeit ist dann in den Augenblicken der Geisterkenntnis nur
noch da, um bewußtes Gleichnis zu sein des Ewigen. Zweifel an dem Geist, die
vorher in ihm noch aufkommen konnten, verschwinden; denn zweifeln kann nur, wen
die Dinge über den in ihnen waltenden Geist täuschen. Und da der «Schüler der
Weisheit» vermag, mit dem Geiste selbst Zwiesprache zu halten, so schwindet ihm
auch jede falsche Gestalt, unter der er sich vorher den Geist vorgestellt hat. Die
falsche Gestalt, in der man sich den Geist vorstellt, ist Aberglaube. Der Eingeweihte
ist über den Aberglauben hinaus, denn er weiß, welche des Geistes wahre Gestalt
ist. Freiheit von den Vorurteilen der Persönlichkeit, des Zweifels und des
Aberglaubens, das sind die Merkmale dessen, der auf dem Erkenntnispfade zur
Schülerschaft aufgestiegen ist. Man soll nicht verwechseln dieses Einswerden der
Persönlichkeit mit dem umfassenden Geistesleben mit einem die Persönlichkeit
vernichtenden Aufgehen derselben in dem «Allgeist». Ein solches «Verschwinden»
findet bei wahrer Entwicklung der Persönlichkeit nicht statt. Diese bleibt in dem
Verhältnis, das sie mit der Geistwelt eingeht, als Persönlichkeit gewahrt. Nicht
Überwindung, sondern höhere Ausgestaltung der Persönlichkeit findet statt. Will
man ein Gleichnis für dieses Zusammenfallen des Einzelgeistes mit dem Allgeist,
dann kann man nicht das wählen von verschiedenen Kreisen, die in einen
zusammenfallen, um in diesem unterzugehen, sondern man muß das Bild vieler
Kreise wählen, deren jeder eine ganz bestimmte Farbennuance hat. Diese
verschiedenfarbigen Kreise fallen übereinander, aber jede einzelne Nuance bleibt in
dem Ganzen ihrer Wesenheit bestehen. Keine verliert die Fülle ihrer Eigenkräfte.
Die weitere Schilderung des «Pfades» soll hier nicht gegeben werden. Sie ist, soweit
dies möglich ist, in meiner «Geheimwissenschaft», welche die Fortsetzung dieses
Buches bildet, gegeben.
Was hier über den geistigen Erkenntnispfad gesagt ist, kann nur allzuleicht durch
eine mißverständliche Auffassung dazu verführen, in ihm eine Empfehlung solcher
Seelenstimmungen zu sehen, die eine Abkehr vom unmittelbaren freudigen und
tatkräftigen Erleben des Daseins mit sich bringen. Demgegenüber muß betont
werden, daß diejenige Stimmung der Seele, welche diese geeignet macht, die
Wirklichkeit des Geistes unmittelbar zu erleben, nicht wie eine allgemeine
Anforderung über das ganze Leben ausgedehnt werden kann. Der Erforscher
geistigen Daseins kann es in seine Gewalt bekommen, für diese Erforschung die
Seele in die dazu notwendige Abgezogenheit von der sinnenfälligen Wirklichkeit zu
bringen, ohne daß diese Abgezogenheit ihn im allgemeinen zu einem weltfremden
Menschen macht. – Auf der anderen Seite muß aber auch erkannt werden, daß ein
Erkennen der geistigen Welt, nicht etwa nur ein solches durch Betreten des Pfades,
sondern auch ein solches durch Erfassen der geisteswissenschaftlichen Wahrheiten
mit dem vorurteilsfreien gesunden Menschenverstande, auch zu einem höheren
sittlichen Lebensstand, zu wahrheitsgemäßer Erkenntnis des sinnlichen Daseins, zu
Lebenssicherheit und innerer seelischer Gesundheit führt.
EINZELNE BEMERKUNGEN UND ERGÄNZUNGEN
Das Wesen des Menschen, IV. Von Leib, Seele und Geist:
Zum Begriff der „Lebenskraft“:
Von «Lebenskraft» sprechen galt noch vor kurzer Zeit als ein Merkmal eines
unwissenschaftlichen Kopfes. Gegenwärtig beginnt man da und dort auch wieder in
der Wissenschaft der Idee einer solchen «Lebenskraft» nicht abgeneigt zu sein, wie
sie in älteren Zeiten angenommen worden ist. Wer den Gang der wissenschaftlichen
Entwicklung in der Gegenwart durchschaut, wird aber doch die konsequentere Logik
bei denjenigen sehen, welche in Anbetracht dieser Entwicklung von «Lebenskraft»
nichts wissen wollen. Zu dem, was man gegenwärtig «Naturkräfte» nennt, gehört
«Lebenskraft» durchaus nicht. Und wer von den Denkgewohnheiten und
Vorstellungsarten der gegenwärtigen Wissenschaften nicht zu höheren übergehen
will, der sollte nicht von «Lebenskraft» sprechen. Erst die Art des Denkens und die
Voraussetzungen der «Geisteswissenschaft» machen es möglich, widerspruchslos
an solche Dinge heranzutreten. Auch solche Denker, die ihre Anschauungen auf
einem rein naturwissenschaftlichen Boden gewinnen wollen, haben gegenwärtig den
Glauben verlassen, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch für die
Erklärung der Lebenserscheinungen nur solche Kräfte gelten lassen wollte, die auch
in der leblosen Natur wirksam sind. Das Buch eines so bedeutenden Naturforschers
wie Oscar Hertwig: «Das Werden der Organismen. Eine Widerlegung von Darwins
Zufallstheorie», ist eine weithin leuchtende wissenschaftliche Erscheinung. Es
widerspricht der Annahme, daß die bloßen physikalischen und chemischen
Gesetzeszusammenhänge das Lebendige gestalten können. – Bedeutsam ist es
auch, daß im sogenannten Neovitalismus sich eine Anschauung geltend macht, die
für das Lebendige wieder besondere Kraftwirkungen gelten läßt, ähnlich wie es die
älteren Anhänger der «Lebenskraft» taten. – Aber niemand wird auf diesem Gebiete
über schemenhaft abstrakte Begriffe hinausgelangen, der nicht anerkennen kann,
daß sich das im Leben über die unorganischen Kräfte hinaus Wirksame nur in einer
Wahrnehmung erreichen läßt, die zum Anschauen eines Übersinnlichen aufsteigt.
Nicht auf eine gleichartige Fortsetzung des auf Unorganisches gerichteten
naturwissenschaftlichen Erkennens in das Lebensgebiet hin kommt es an, sondern
auf die Erringung einer andersgearteten Erkenntnis.
Zum “Tastsinn“ der niederen Organismen::
Wenn hier vom «Tastsinn» der niederen Organismen gesprochen wird, so ist mit
diesem Worte nicht das gemeint, was in den gewöhnlichen Darstellungen der
«Sinne» mit diesem Ausdrucke bezeichnet wird. Gegen die Berechtigung dieses
Ausdruckes könnte sogar vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft viel
eingewendet werden. Es ist vielmehr hier mit «Tastsinn» ein allgemeines
Gewahrwerden eines äußeren Eindruckes gemeint, im Gegensatz zu dem
besonderen Gewahrwerden, das im Sehen, Hören und so weiter besteht.
Zur Gliederung der menschlichen Wesenheit:
Es kann scheinen, als ob die in diesen Ausführungen gegebene Gliederung der
menschlichen Wesenheit auf einer rein willkürlichen Unterscheidung von Teilen
innerhalb des einheitlichen Seelenlebens beruhte. Demgegenüber ist zu betonen,
daß diese Gliederung im einheitlichen Seelenleben eine ähnliche Bedeutung hat wie
das Erscheinen der sieben Regenbogenfarbennuancen beim Durchgange des
Lichtes durch ein Prisma. Was der Physiker vollbringt zur Erklärung der
Lichterscheinungen, indem er diesen Durchgang und die sieben Farbennuancen in
seinem Gefolge studiert, das vollbringt in entsprechender Art der Geistesforscher für
die Seelenwesenheit. Die sieben Seelenglieder sind nicht bloße Unterscheidungen
des abstrahierenden Verstandes. Sie sind dies ebensowenig wie die sieben Farben
gegenüber dem Lichte. Es beruht in beiden Fällen die Unterscheidung auf der
inneren Natur der Tatsachen. Nur daß die sieben Glieder am Lichte sichtbar werden
durch eine äußerliche Vorrichtung, die sieben Glieder der Seele durch die auf das
Wesen der Seele gehende geistgemäße Betrachtung. Es kann das wahre Wesen
der Seele ohne die Erkenntnis dieser Gliederung nicht erfaßt werden. Denn durch
die drei Glieder: physischer Leib, Lebensleib, Seelenleib, gehört die Seele der
vergänglichen Welt an; durch die andern vier Glieder wurzelt sie im Ewigen. In der
«einheitlichen Seele» ist Vergängliches und Ewiges unterschiedslos verbunden.
Man kann, wenn man die Gliederung nicht durchschaut, nicht das Verhältnis der
Seele zur Gesamtwelt kennenlernen. Noch ein anderer Vergleich darf gebraucht
werden. Der Chemiker spaltet das Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff. Diese
beiden Stoffe kann man in dem «einheitlichen Wasser» nicht beobachten. Sie haben
aber ihre eigene Wesenheit. Sowohl der Wasserstoff als auch der Sauerstoff bilden
Verbindungen mit anderen Stoffen. So gehen im Tode die drei «niederen Glieder der
Seele» Verbindungen mit der vergänglichen Weltwesenheit ein; die vier höheren
fügen sich dem Ewigen ein. Wer sich sträubt, in die Gliederung der Seele sich
einzulassen, der gleicht einem Chemiker, der nichts davon wissen wollte, das
Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zu zerlegen.
Zur Genauigkeit geisteswissenschaftlicher Wahrnehmungen::
Geisteswissenschaftliche Darstellungen müssen ganz genau genommen werden.
Denn nur in der genauen Prägung der Ideen haben sie einen Wert. Wer zum
Beispiel in dem Satze: «Sie (die Empfindungen und so weiter) werden bei ihm
(nämlich beim Tier) nicht mit selbständigen, über das unmittelbare Erleben
hinausgehenden Gedanken durchwoben». die Worte «selbständigen, über das
unmittelbare Erleben hinausgehenden» unbeachtet läßt, der könnte leicht in den
Irrtum verfallen, hier werde behauptet, in dem Empfinden oder in den Instinkten der
Tiere seien keine Gedanken enthalten. Nun steht aber gerade wahre
Geisteswissenschaft auf dem Boden einer Erkenntnis, die sagt, daß alles innere
Erleben der Tiere (wie alles Dasein überhaupt) gedankendurchwoben ist. Nur sind
die Gedanken des Tieres nicht selbständige eines im Tiere lebenden «Ich», sondern
sie sind diejenigen des tierischen Gruppen-Ich, welches als ein von außen das Tier
beherrschendes Wesen anzusehen ist. Es ist dieses Gruppen-Ich nicht in der
physischen Welt vorhanden wie das Ich des Menschen, sondern es wirkt auf das
Tier herein aus der (später) beschriebenen Seelenwelt. (Genaueres darüber ist in
meiner „Geheimwissenschaft“ zu finden.) Worauf es beim Menschen ankommt, das
ist, daß die Gedanken in ihm selbständiges Dasein gewinnen, daß sie nicht mittelbar
in der Empfindung, sondern unmittelbar als Gedanken auch seelisch erlebt werden.
Zur Selbstbezeichnung bei klienen Kindern::
Wenn gesagt wird, kleine Kinder sagen: «Karl ist brav», «Marie will das haben», so
muß wohl beachtet werden, daß es weniger darauf ankommt, wie früh Kinder das
Wort «Ich» gebrauchen, als darauf, wann sie mit diesem Worte die entsprechende
Vorstellung verknüpfen. Wenn Kinder das Wort von Erwachsenen hören, so mögen
sie immerhin dasselbe gebrauchen, ohne daß sie die Vorstellung des «Ich» haben.
Doch deutet der zumeist späte Gebrauch des Wortes allerdings auf eine wichtige
Entwickelungstatsache hin, nämlich auf die allmähliche Entfaltung der Ich-
Vorstellung aus dem dunklen Ich-Gefühl heraus.
Zum Begriff der „Intuition“::
Man wird in meinem Buche „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“
und in meiner «Geheimwissenschaft» die eigentliche Wesenheit der «Intuition»
beschrieben finden. Man könnte leicht bei ungenauer Beachtung der Sache
zwischen dem Gebrauche dieses Wortes in den beiden Büchern und demjenigen,
der sich in diesem Buche (a.a.O.) findet, einen Widerspruch finden. Er ist für den
nicht vorhanden, der genau beachtet, daß dasjenige, was aus der geistigen Welt
durch die Intuition sich in voller Wirklichkeit für die übersinnliche Erkenntnis enthüllt,
sich in seiner niedersten Offenbarung dem Geistselbst so ankündigt wie das äußere
Dasein der physischen Welt in der Empfindung.
Zum Kapitel „Wiederverkörperung des Geistes und Schicksal“::
Über «Wiederverkörperung des Geistes und Schicksal». Gegenüber den
Ausführungen dieses Abschnittes wird zu bedenken sein, daß hier der Versuch
gemacht ist, aus der gedanklichen Betrachtung des menschlichen Lebenslaufes
selbst, ohne Hinblick auf geisteswissenschaftliche Erkenntnisse, wie sie in den
andern Abschnitten dargestellt werden, Vorstellungen zu gewinnen darüber,
inwiefern dieses Menschenleben und sein Schicksal über sich selbst hinaus zu
wiederholten Erdenleben weist. Diese Vorstellungen werden ganz selbstverständlich
demjenigen recht bedenklich erscheinen müssen, der nur die gewohnten, auf das
Einzelleben gerichteten «fest begründet» findet. Allein, man sollte auch bedenken,
daß die hier gegebene Darstellung die Meinung zu begründen sucht, eine solch
gewohnte Vorstellungsart könne eben nicht zu Erkenntnissen über die Gründe des
Lebenslaufes führen. Deshalb müssen andere Vorstellungen gesucht werden, die
den gewohnten scheinbar widersprechen. Und man sucht diese anderen
Vorstellungen nur dann nicht, wenn man es grundsätzlich ablehnt, auf einen nur
seelisch zu erfassenden Verlauf von Vorgängen die gedankliche Betrachtung
ebenso anzuwenden wie auf einen im Physischen sich vollziehenden. Bei einer
solchen Ablehnung legt man zum Beispiel keinen Wert auf die Tatsache, daß ein
Schicksalsschlag, der das Ich trifft, in der Empfindung sich verwandt erweist dem
Auftreffen einer Erinnerung auf ein Erlebnis, das dem erinnerten verwandt ist. Aber
wer versucht, wahrzunehmen, wie ein Schicksalsschlag wirklich erlebt wird, der
kann dieses Erleben unterscheiden von den Aussagen, die entstehen müssen, wenn
der Gesichtspunkt in der Außenwelt genommen wird und dadurch jede lebendige
Beziehung des Schlages zum Ich selbstverständlich wegfällt. Für einen solchen
Gesichtspunkt erscheint der Schlag entweder als Zufall oder als eine von außen
kommende Bestimmung. Da es auch solche Schicksalsschläge gibt, die
gewissermaßen einen ersten Einschlag in das Menschenleben bilden und die ihre
Folgen erst später zeigen werden, ist die Versuchung um so größer, das für diese
Geltende zu verallgemeinern und auf eine andere Möglichkeit gar nicht zu achten.
Man beginnt erst darauf zu achten, wenn die Lebenserfahrungen das
Vorstellungsvermögen in eine Richtung bringen, wie sie bei Goethes Freund Knebel
sich findet, der in einem Briefe schreibt: «Man wird bei genauer Beobachtung finden,
daß in dem Leben der meisten Menschen sich ein gewisser Plan findet, der, durch
die eigene Natur oder durch die Umstände, die sie führen, ihnen gleichsam
vorgezeichnet ist. Die Zustände ihres Lebens mögen noch so abwechselnd und
veränderlich sein, es zeigt sich am Ende doch ein Ganzes, das unter sich eine
gewisse Übereinstimmung bemerken läßt ... Die Hand eines bestimmten Schicksals,
so verborgen sie auch wirken mag, zeigt sich auch genau, sie mag nun durch
äußere Wirkung oder innere Regung bewegt sein: ja, widersprechende Gründe
bewegen sich oftmals in ihrer Richtung. So verwirrt der Lauf ist, so zeigt sich immer
Grund und Richtung durch.» Solch einer Beobachtung kann leicht mit Einwänden
begegnet werden, insbesondere von solchen Persönlichkeiten, die sich auf die
Beachtung der Seelenerlebnisse nicht einlassen wollen, aus der sie stammt. Der
Verfasser dieses Buches glaubt in den Ausführungen über wiederholte Erdenleben
und Schicksal aber genau die Grenzen gezeichnet zu haben, innerhalb der man
Vorstellungen über die Gründe der Lebensgestaltung bilden kann. Er hat darauf
verwiesen, daß die Anschauung, zu der diese Vorstellungen lenken, von ihnen nur
«silhouettenhaft» bestimmt wird, daß sie nur gedanklich vorbereiten können auf
dasjenige, was geisteswissenschaftlich gefunden werden muß. Aber diese
gedankliche Vorbereitung ist eine innere Seelenverrichtung, die, wenn sie ihre
Tragweite nicht falsch einschätzt, wenn sie nicht «beweisen», sondern die Seele
bloß «üben» will, den Menschen vorurteilslos-empfänglich macht für Erkenntnisse,
die ihm ohne solche Vorbereitung töricht erscheinen.
Die drei Welten:
Zum Begriff „geistige Wahrnehmungsorgane“::
Was in diesem Buche in dem späteren Kapitel «Pfad der Erkenntnis» von «geistigen
Wahrnehmungsorganen» nur kurz gesagt wird, davon findet sich eine ausführliche
Darstellung in meinen Büchern «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren
Welten?» und in meiner «Geheimwissenschaft».
Zur „fortwährenden beweglichen Tätigkeit“ in der geistigen Welt:
Es wäre unrichtig, wenn man deswegen eine rastlose Unruhe in der geistigen Welt
annehmen wollte, weil es in ihr «eine Ruhe, ein Verweilen an einem Orte, wie sie in
der physischen Welt vorhanden sind», nicht gibt. Es ist dort, wo «die Urbilder
schaffende Wesenheiten» sind, zwar nicht das vorhanden, was «Ruhe an einem
Orte» genannt werden kann, wohl aber jene Ruhe, welche geistiger Art ist und
welche mit tätiger Beweglichkeit vereinbar ist. Sie läßt sich vergleichen mit der
ruhigen Befriedigung und Beseligung des Geistes, die im Handeln, nicht im
Untätigsein sich offenbaren.
Zum Begriff „Absichten“:
Man muß das Wort «Absichten» gegenüber den treibenden Gewalten der
Weltentwickelung gebrauchen, obwohl dadurch zu der Versuchung Veranlassung
gegeben wird, diese Gewalten einfach so vorzustellen, wie menschliche Absichten
sind. Vermieden kann diese Versuchung nur werden, wenn man sich bei solchen
Worten, die doch nun einmal aus dem Bereich der menschlichen Welt genommen
werden müssen, erhebt zu einer Bedeutung derselben, in welcher ihnen alles
genommen ist, was sie an engbegrenztem Menschlichem haben, dafür ihnen aber
gegeben wird dasjenige, was der Mensch ihnen in den Fällen seines Lebens
annähernd gibt, in denen er sich gewissermaßen über sich selbst erhebt.
Über das „geistige Wort“:
Weiteres über das «geistige Wort» findet man in meiner «Geheimwissenschaft».
Zur Bestimmung des zukünftigen Leben „von dem Ewigen aus“:
Wenn an dieser Stelle gesagt ist: «. . . er kann von dem Ewigen aus die Richtung für
die Zukunft bestimmen», so ist dies ein Hinweis auf die besondere Art der
menschlichen Seelenverfassung in der entsprechenden Zeit zwischen dem Tode
und einer neuen Geburt. Ein Schicksalsschlag, der den Menschen im Leben der
physischen Welt trifft, kann für die Seelenverfassung dieses Lebens etwas dem
Willen des Menschen ganz Widerstrebendes zu haben scheinen: in dem Leben
zwischen Tod und Geburt waltet in der Seele eine dem Willen ähnliche Kraft, welche
dem Menschen die Richtung gibt nach dem Erleben dieses Schicksalsschlages. Die
Seele sieht gewissermaßen, daß ihr aus früheren Erdenleben eine Unvollkommenheit
anhaftet. Eine Unvollkommenheit, die von einer unschönen Tat oder einem
unschönen Gedanken herrührt. In der Seele entsteht zwischen Tod und Geburt der
willensähnliche Impuls, die Unvollkommenheit auszugleichen. Sie nimmt deswegen
in ihr Wesen die Tendenz auf, in dem weiteren Erdenleben sich in ein Unglück zu
stürzen, um durch dessen Erleiden den Ausgleich herbeizuführen. Nach der Geburt
im physischen Leibe ahnt die Seele, die von einem Schicksalsschlage getroffen
wird, nicht, daß sie in dem rein geistigen Leben vor der Geburt sich selbst die
Richtung nach diesem Schicksalsschlage gegeben hat. Was also völlig ungewollt
erscheint vom Gesichtspunkt des Erdenlebens, ist von der Seele gewollt im
Übersinnlichen. «Von dem Ewigen aus bestimmt sich der Mensch die Zukunft.»
Das Kapitel dieses Buches: „Von den Gedankenformen und der menschlichen
Aura“, ist wohl das, welches am leichtesten zu Mißverständnissen Anlaß gibt.
Gegnerische Empfindungen finden gerade in diesen Ausführungen die besten
Gelegenheiten zu ihren Einwänden. Es liegt zum Beispiel wirklich recht nahe, zu
verlangen, daß die Aussagen des Sehers auf diesem Gebiete durch Versuche
bewiesen werden sollen, welche der naturwissenschaftlichen Vorstellungsart
entsprechen. Man kann fordern, es sollen sich eine Anzahl von Menschen, die
vorgeben, das Geistige der Aura zu schauen, anderen Menschen gegenüberstellen
und deren Aura auf sich wirken lassen. Dann mögen die Seher sagen, welche
Gedanken, Empfindungen und so weiter sie als Aura bei den beobachteten
Menschen schauen. Wenn dann ihre Angaben untereinander übereinstimmen und
wenn sich herausstellt, daß die beobachteten Menschen wirklich die von den Sehern
angegebenen Empfindungen, Gedanken und so weiter gehabt haben, dann wolle
man an das Vorhandensein der Aura glauben. Das ist gewiß ganz
naturwissenschaftlich gedacht. Allein, es kommt das Folgende in Betracht: Die
Arbeit des Geistesforschers an der eigenen Seele, die ihm die Fähigkeit des
geistigen Schauens gibt, geht dahin, eben diese Fähigkeit zu erwerben. Ob er dann
in einem einzelnen Falle etwas in der geistigen Welt wahrnimmt und was er
wahrnimmt, das hängt nicht von ihm ab. Das fließt ihm zu als eine Gabe aus der
geistigen Welt. Er kann sie nicht erzwingen, er muß warten, bis sie ihm wird. Seine
Absicht, die Wahrnehmung herbeizuführen, kann nie zu den Ursachen des
Eintreffens dieser Wahrnehmung gehören. Gerade diese Absicht aber fordert die
naturwissenschaftliche Vorstellungsart für das Experiment. Die geistige Welt aber
läßt sich nicht befehlen. Sollte der Versuch zustande kommen, so müßte er von der
geistigen Welt aus angestellt werden. In dieser müßte ein Wesen die Absicht haben,
die Gedanken eines oder mehrerer Menschen einem oder mehreren Sehern zu
offenbaren. Diese Seher müßten dann durch «geistigen Antrieb» zur Beobachtung
zusammengeführt werden. Dann würden ihre Angaben ganz gewiß miteinander
stimmen. So paradox dies alles für das rein naturwissenschaftliche Denken
erscheinen mag: es ist doch so. Geistige «Experimente» können nicht wie physische
zustande kommen. Wenn der Seher zum Beispiel den Besuch einer ihm fremden
Person erhält, so kann er nicht ohne weiteres sich «vornehmen», die Aura dieser
Person zu beobachten. Aber er schaut die Aura, wenn innerhalb der geistigen Welt
Veranlassung ist, daß sie sich ihm enthüllt. – Mit diesen wenigen Worten soll nur auf
das Mißverständliche des oben angedeuteten Einwurfes hingewiesen werden. Was
die Geisteswissenschaft zu erfüllen hat, ist, anzugeben, auf welchem Wege der
Mensch zum Schauen der Aura kommt; auf welchem Wege er sich also selbst die
Erfahrung von ihrem Vorhandensein verschaffen kann. Es kann also die
Wissenschaft dem, der erkennen will, nur erwidern: wende die Bedingungen des
Schauens auf deine eigene Seele an, und du wirst schauen. Die obige Forderung
der naturwissenschaftlichen Vorstellungsart erfüllt zu sehen, wäre allerdings
bequemer; allein, wer sie stellt, zeigt, daß er sich nicht von den allerersten
Ergebnissen der Geisteswissenschaft wirklich unterrichtet hat.
Mit der in diesem Buche gegebenen Darstellung der «menschlichen Aura» sollte
nicht der auf das «Übersinnliche» gehenden Sensationslust entgegengekommen
werden, die sich gegenüber der geistigen Welt nur dann für befriedigt erklärt, wenn
man ihr etwas als «Geist» vorweist, das sich in der Vorstellung nicht von dem
Sinnlichen unterscheidet, bei dem sie also mit ihrem Vorstellen bequem in diesem
Sinnlichen bleiben kann. Was auf Seiten 122 und 123 f. gesagt ist über die
besondere Art, wie die aurische Farbe vorzustellen ist, könnte doch wohl geeignet
sein, diese Darstellung vor einem solchen Mißverständnis zu bewahren. Aber es
muß auch von dem, der nach rechter Einsicht auf diesem Gebiete strebt,
durchschaut werden, daß die Menschenseele notwendig die geistige – nicht
sinnliche – Anschauung des Aurischen vor sich hinstellt, wenn sie das Erlebnis des
Geistigen und Seelischen hat. Ohne eine solche Anschauung bleibt das Erlebnis im
Unbewußten. Man sollte die bildhafte Anschauung nicht mit dem Erlebnis selbst
verwechseln; aber man sollte sich auch klar darüber sein, daß in dieser bildhaften
Anschauung das Erlebnis einen völlig zutreffenden Ausdruck findet. Nicht einen
solchen etwa, den die anschauende Seele willkürlich macht, sondern einen solchen,
der sich selbst im übersinnlichen Wahrnehmen bildet. – Man wird gegenwärtig
einem Naturforscher verzeihen, wenn er sich veranlaßt findet, von einer Art
«menschlicher Aura» so zu sprechen, wie es Professor Dr. Moritz Benedikt in
seinem Buche über «Ruten- und Pendellehre» tut. «Es gibt, wenn auch eine geringe
Anzahl von Menschen, die "dunkelangepaßt" sind. Ein relativ größerer Teil dieser
Minorität sieht in der Dunkelheit sehr viel Objekte ohne Farben, und nur relativ sehr
wenige sehen die Objekte auch gefärbt... Eine größere Anzahl Gelehrter und Ärzte
wurden in meiner Dunkelkammer von meinen zwei klassischen "Dunkelangepaßten"
... untersucht, und es konnte den von denselben Untersuchten kein gerechter
Zweifel an der Richtigkeit der Beobachtung und Schilderung zurückbleiben ...
Farbenwahrnehmende Dunkelangepaßte sehen nun an der Vorderseite die Stirne
und den Scheitel blau, die übrige rechte Hälfte ebenfalls blau und die linke rot oder
mancher... orangegelb. Rückwärts findet dieselbe Teilung und dieselbe Färbung
statt.» Aber man wird das Sprechen von «Aura» dem Geistesforscher nicht so leicht
verzeihen. Hier soll nun weder zu diesen Ausführungen Benedikts – die zu den
interessantesten der modernen Naturlehre gehören – irgendwie Stellung genommen
werden, noch soll eine billige Gelegenheit ergriffen werden, die manche so gerne
ergreifen, um Geisteswissenschaft durch die Naturwissenschaft zu «entschuldigen».
Es sollte nur darauf hingewiesen werden, wie in einem Falle ein Naturforscher zu
Behauptungen kommen kann, die solchen der Geisteswissenschaft nicht so ganz
unähnlich sind. Betont muß dabei aber auch werden, daß die geistig zu erfassende
Aura, von der in diesem Buche die Rede ist, etwas ganz anderes ist als die mit
physischen Mitteln zu erforschende, von der bei Benedikt die Rede ist. Man gibt sich
natürlich einer groben Täuschung hin, wenn man meint, die «geistige Aura» könne
ein mit äußeren naturwissenschaftlichen Mitteln zu Erforschendes sein. Sie ist nur
dem geistigen Schauen zugänglich, das durch den Erkenntnispfad gegangen ist (wie
er im letzten Kapitel dieses Buches beschrieben ist). Aber auf einem
Mißverständnisse beruhte es auch, wenn man geltend machte, daß die Wirklichkeit
des geistig Wahrzunehmenden auf dieselbe Art erwiesen werden soll wie diejenige
des sinnlich Wahrzunehmenden.