Rudolf Steiner :
"Die Geheimwissenschaft im umriss"
VORBEMERKUNGEN ZUR VIERTEN AUFLAGE
VORREDE ZUR SIEBENTEN BIS FÜNFZEHNTEN AUFLAGE
VORREDE ZUR SECHZEHNTEN BIS ZWANZIGSTEN AUFLAGE
CHARAKTER DER GEHEIMWISSENSCHAFT
WESEN DER MENSCHHEIT
SCHLAF UND TOD
DIE WELTENTWICKELUNG UND DER MENSCH
DIE ERKENNTNIS DER HÖHEREN WELTEN
GEGENWART UND ZUKUNFT DER WELTUND MENSCHHEITSENTWICKELUNG
EINZELHEITEN AUS DEM GEBIETE DER GEISTESWISSENSCHAFT
Die astralische Welt
Vom Leben des Menschen nach dem Tode
Der Lebenslauf des Menschen
Die höheren Gebiete der geistigen Welt
Die Wesensglieder des Menschen
Der Traumzustand
Zur Erlangung übersinnlicher Erkenntnisse
Beobachtung besonderer Ereignisse und Wesen der Geisteswelt
BESONDERE BEMERKUNGEN
VORBEMERKUNGEN ZUR ERSTEN AUFLAGE
Wer ein Buch wie das vorliegende der Öffentlichkeit übergibt,
der soll mit Gelassenheit jede Art von Beurteilung seiner
Ausführungen sich vorstellen können, welche in der Gegenwart
möglich ist. Da könnte zum Beispiel jemand die hier gegebene
Darstellung dieses oder jenes Dinges zu lesen beginnen, welcher
sich Gedanken über diese Dinge gemäß den Forschungsergebnissen
der Wissenschaft gemacht hat. Und er könnte zu dem
folgenden Urteil kommen: «Man ist erstaunt, wie dergleichen
Behauptungen in unserer Zeit nur überhaupt möglich sind. Mit
den einfachsten naturwissenschaftlichen Begriffen wird in einer
Weise umgesprungen, die auf eine geradezu unbegreifliche Unbekanntschaft
mit selbst elementaren Erkenntnissen schließen
läßt. Der Verfasser gebraucht Begriffe, wie zum Beispiel ‹Wärme›,
in einer Art, wie es nur jemand vermag, an dem die ganze
moderne Denkweise der Physik spurlos vorübergegangen ist.
Jeder, der auch nur die Anfangsgründe dieser Wissenschaft
kennt, könnte ihm zeigen, daß, was er da redet, nicht einmal die
Bezeichnung Dilettantismus verdient, sondern nur mit dem Ausdruck:
absolute Ignoranz belegt werden kann ... » Es könnten
nun noch viele solche Sätze einer derartigen, durchaus möglichen
Beurteilung hingeschrieben werden. Man könnte sich aber
nach den obigen Aussprüchen auch etwa folgenden Schluß denken:
«Wer ein paar Seiten dieses Buches gelesen hat, wird es, je
nach seinem Temperament, lächelnd oder entrüstet weglegen und
sich sagen: ‹Es ist doch sonderbar, was für Auswüchse eine
verkehrte Gedankenrichtung in gegenwärtiger Zeit treiben kann.
Man legt diese Ausführungen am besten zu mancherlei anderem
Kuriosen, was einem jetzt begegnet.» - Was sagt aber nun der
Verfasser dieses Buches, wenn er etwa wirklich eine solche
Beurteilung erfahren würde? Muß er nicht einfach, von seinem
Standpunkte aus, den Beurteiler für einen urteilsunfähigen Leser
halten oder für einen solchen, der nicht den guten Willen hat, um
zu einem verständnisvollen Urteile zu kommen? - Darauf soll
geantwortet werden: Nein, dieser Verfasser tut das durchaus
nicht immer. Er vermag sich vorzustellen, daß sein Beurteiler
eine sehr kluge Persönlichkeit, auch ein tüchtiger Wissenschafter
und jemand sein kann, der sich ein Urteil auf ganz gewissenhafte
Art bildet. Denn dieser Verfasser ist in der Lage, sich hineinzudenken
in die Seele einer solchen Persönlichkeit und in die
Gründe, welche diese zu einem solchen Urteil führen können.
Um nun kenntlich zu machen, was der Verfasser wirklich sagt,
ist etwas notwendig, was ihm selbst im allgemeinen oft unpassend
scheint, wozu aber gerade bei diesem Buche eine dringende
Veranlassung ist: nämlich über einiges Persönliche zu reden.
Allerdings soll in dieser Richtung nichts vorgebracht werden,
was nicht mit dem Entschlusse zusammenhängt, dieses Buch zu
schreiben. Was in einem solchen Buche gesagt wird, hätte gewiß
kein Daseinsrecht, wenn es nur einen persönlichen Charakter
trüge. Es muß Darstellungen enthalten, zu denen jeder Mensch
kommen kann, und es muß so gesagt werden, daß keinerlei persönliche
Färbung zu bemerken ist, soweit dies überhaupt möglich
ist. In dieser Beziehung soll also das Persönliche nicht gemeint
sein. Es soll sich nur darauf beziehen, verständlich zu
machen, wie der Verfasser die oben gekennzeichnete Beurteilung
seiner Ausführungen begreiflich finden kann und dennoch dieses
Buch schreiben konnte. Es gäbe ja allerdings etwas, was die
Vorbringung eines solchen Persönlichen überflüssig machen
könnte: wenn man, in ausführlicher Art, alle Einzelheiten geltend
machte, welche zeigen, wie die Darstellung dieses Buches in
Wirklichkeit doch mit allen Fortschritten gegenwärtiger Wissenschaft
übereinstimmt. Dazu wären nun aber allerdings viele Bände
als Einleitung zu dem Buche notwendig. Da diese augenblicklich
nicht geliefert werden können, so scheint es dem Verfasser
notwendig, zu sagen, durch welche persönlichen Verhältnisse er
sich berechtigt glaubt, eine solche Übereinstimmung in befriedigender
Art für möglich zu halten. - Er hätte ganz gewiß alles
dasjenige niemals zu veröffentlichen unternommen, was in diesem
Buche zum Beispiel mit Bezug auf Wärmevorgänge gesagt
wird, wenn er sich nicht das Folgende gestehen dürfte: Er war
vor nunmehr dreißig Jahren in der Lage, ein Studium der Physik
durchzumachen, welches sich in die verschiedenen Gebiete dieser
Wissenschaft verzweigte. Auf dem Felde der Wärmeerscheinungen
standen damals die Erklärungen im Mittelpunkte des
Studiums, welche der sogenannten «mechanischen Wärmetheorie
» angehören. Und diese «mechanische Wärmetheorie» inter8
essierte ihn sogar ganz besonders. Die geschichtliche Entwickelung
der entsprechenden Erklärungen, die sich an Namen wie
Jul. Robert Mayer, Helmholtz, Joule, Clausius und so weiter
damals knüpfte, gehörte zu seinen fortwährenden Studien. Dadurch
hat er sich in der Zeit seiner Studien die hinreichende
Grundlage und Möglichkeit geschaffen, bis heute alle die tatsächlichen
Fortschritte auf dem Gebiete der physikalischen Wärmelehre
verfolgen zu können und keine Hindernisse zu finden,
wenn er versucht, einzudringen in alles das, was die Wissenschaft
auf diesem Felde leistet. Müßte sich der Verfasser sagen:
er kann das nicht, so wäre dies für ihn ein Grund, die in dem
Buche vorgebrachten Dinge ungesagt und ungeschrieben zu
lassen. Er hat es sich wirklich zum Grundsatz gemacht, nur über
solches auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft zu reden oder
zu schreiben, bei dem er in einer ihm genügend erscheinenden
Art auch zu sagen wüßte, was die gegenwärtige Wissenschaft
darüber weiß. Damit will er durchaus nicht etwas aussprechen,
was eine allgemeine Anforderung an alle Menschen sein soll. Es
kann jedermann sich mit Recht gedrängt fühlen, dasjenige mitzuteilen
und zu veröffentlichen, wozu ihn seine Urteilskraft, sein
gesunder Wahrheitssinn und sein Gefühl treiben, auch wenn er
nicht weiß, was über die betreffenden Dinge vom Gesichtspunkt
zeitgenössischer Wissenschaft aus zu sagen ist. Nur der Verfasser
dieses Buches möchte sich für sich an das oben Ausgesprochene
halten. Er möchte zum Beispiel nicht die paar Sätze über
das menschliche Drüsensystem oder das menschliche Nerven9
system machen, welche in diesem Buche sich finden, wenn er
nicht in der Lage wäre, über diese Dinge auch den Versuch zu
machen, in den Formen zu sprechen, in denen ein gegenwärtiger
Naturgelehrter vom Standpunkte der Wissenschaft aus über das
Drüsenoder Nervensystem spricht. - Trotzdem also das Urteil
möglich ist, derjenige, welcher so, wie es hier geschieht, über
«Wärme» spricht, wisse nichts von den Anfangsgründen der
gegenwärtigen Physik, ist doch richtig, daß sich der Verfasser
dieses Buches vollberechtigt glaubt zu dem, was er getan hat,
weil er die gegenwärtige Forschung wirklich zu kennen bestrebt
ist, und daß er es unterlassen würde, so zu sprechen, wenn sie
ihm fremd wäre. Er weiß, wie das Motiv, aus dem heraus ein
solcher Grundsatz ausgesprochen wird, recht leicht mit Unbescheidenheit
verwechselt werden kann. Es ist aber doch nötig,
gegenüber diesem Buche solches auszusprechen, damit des Verfassers
wahre Motive nicht mit noch ganz anderen verwechselt
werden. Und diese Verwechslung könnte eben noch weit schlimmer
sein als diejenige mit der Unbescheidenheit.
Nun wäre aber auch eine Beurteilung von einem philosophischen
Standpunkte aus möglich. Sie könnte sich folgendermaßen
gestalten. Wer als Philosoph dieses Buch liest, der fragt sich:
«Hat der Verfasser die ganze erkenntnistheoretische Arbeit der
Gegenwart verschlafen? Hat er nie etwas davon erfahren, daß ein
Kant gelebt hat und daß, nach diesem, es einfach philosophisch
unstatthaft ist, derlei Dinge vorzubringen?» - Wieder könnte in
dieser Richtung fortgeschritten werden. Aber auch so könnte die
Beurteilung schließen: «Für den Philosophen ist derlei unkritisches,
naives, laienhaftes Zeug unerträglich, und ein weiteres
Eingehen darauf wäre Zeitverlust.» - Aus demselben Motiv, das
oben gekennzeichnet worden ist, möchte trotz aller Mißverständnisse,
die sich daran schließen können, der Verfasser auch hier
wieder Persönliches vorbringen. Sein Kantstudium begann in
seinem sechzehnten Lebensjahre; und heute glaubt er wahrhaftig,
ganz objektiv alles das, was in dem vorliegenden Buch vorgebracht
wird, vom Kantschen Standpunkte aus beurteilen zu dürfen.
Er würde auch von dieser Seite her einen Grund gehabt
haben, das Buch ungeschrieben zu lassen, wüßte er nicht, was
einen Philosophen dazu bewegen kann, es naiv zu finden, wenn
der kritische Maßstab der Gegenwart angelegt wird. Man kann
aber wirklich wissen, wie im Sinne Kants hier die Grenzen einer
möglichen Erkenntnis überschritten werden; man kann wissen,
wie Herbart «naiven Realismus» finden würde, der es nicht zur
«Bearbeitung der Begriffe» gebracht hat usw. usw.; man kann
sogar wissen, wie der moderne Pragmatismus James, Schillers
und so weiter das Maß dessen überschritten finden würde, was
«wahre Vorstellungen» sind, welche «wir uns aneignen, die wir
geltend machen, in Kraft setzen und verifizieren können (note)». Man
kann dies alles wissen und trotzdem, ja eben deshalb sich berechtigt
finden, diese hier vorliegenden Ausführungen zu schrei*
ben. Der Verfasser dieses Buches hat sich mit philosophischen
Gedankenrichtungen auseinandergesetzt in seinen Schriften «Erkenntnistheorie
der Goetheschen Weltanschauung», «Wahrheit
und Wissenschaft», «Philosophie der Freiheit», «Goethes Weltanschauung
», «Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten
Jahrhundert», «Die Rätsel der Philosophie» (note).
Viele Arten von möglichen Beurteilungen könnten noch angeführt
werden. Es könnte auch jemanden geben, welcher eine der
früheren Schriften des Verfassers gelesen hat, zum Beispiel
«Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert»
oder etwa dessen kleines Schriftchen: «Haeckel und seine Gegner
». Ein solcher könnte sagen: «Es ist geradezu unerfindlich,
wie ein und derselbe Mensch diese Schriften und auch, neben der
bereits von ihm erschienenen ‹Theosophie›, dieses hier vorliegende
Buch schreiben kann. Wie kann man einmal so für Haekkel
eintreten und dann wieder allem ins Gesicht schlagen, was
als gesunder ‹Monismus› aus Haeckels Forschungen folgt? Man
könnte begreifen, daß der Verfasser dieser ‹Geheimwissenschaft›
mit ‹Feuer und Schwert› gegen Haeckel zu Felde ziehe; daß er
ihn verteidigt hat, ja daß er ihm sogar ‹Welt- und Lebensanschauungen
im neunzehnten Jahrhundert gewidmet hat, das ist
wohl das Ungeheuerlichste, was sich denken läßt. Haeckel hätte
sich für diese Widmung wohl ‹mit nicht mißzuverstehender Ablehnung›
bedankt, wenn er gewußt hätte, daß der Widmer einmal
solches Zeug schreiben werde, wie es diese ‹Geheimwissenschaft›
mit ihrem mehr als plumpen Dualismus enthält.» - Der
Verfasser dieses Buches ist nun der Ansicht, daß man ganz gut
Haeckel verstehen kann, und doch nicht zu glauben braucht, man
verstünde ihn nur dann, wenn man alles für Unsinn hält, was
nicht aus Haeckels eigenen Vorstellungen und Voraussetzungen
fließt. Er ist aber ferner der Ansicht, daß man zum Verständnis
Haeckels nicht kommt, wenn man ihn mit «Feuer und Schwert»
bekämpft, sondern wenn man auf dasjenige eingeht, was er der
Wissenschaft geleistet hat. Und am allerwenigsten glaubt der
Verfasser, daß die Gegner Haeckels im Rechte sind, gegen welche
er zum Beispiel in seiner Schrift «Haeckel und seine Gegner
» den großen Naturdenker verteidigt hat. Wahrhaftig, wenn
der Verfasser dieser Schrift weit über Haeckels Voraussetzungen
hinausgeht und die geistige Ansicht über die Welt neben die bloß
natürliche Haeckels setzt, so braucht er deshalb mit des letzteren
Gegnern nicht einer Meinung zu sein. Wer sich bemüht, die
Sache richtig anzusehen, wird den Einklang von des Verfassers
gegenwärtigen Schriften mit seinen früheren schon bemerken
können.
Auch ein solcher Beurteiler ist dem Verfasser völlig verständlich,
der ganz im allgemeinen ohne weiteres die Ausführungen
dieses Buches als Ergüsse einer wild gewordenen Phantastik
oder eines träumerischen Gedankenspiels ansieht. Doch ist alles,
was in dieser Beziehung zu sagen ist, in dem Buche selbst enthalten.
Es ist da gezeigt, wie in vollem Maße das vernunft (note).
Gemeint ist hier nicht etwa nur die geisteswissenschaftliche Prüfung durch die übersinnlichen
Forschungsmethoden, sondern vor allem die durchaus mögliche vom gesunden,
vorurteilslosen Denken und Menschenverstand aus.
gemäße Denken zum Probierstein des Dargestellten werden kann
und soll. Wer auf dieses Dargestellte die vernunftgemäße Prüfung
ebenso anwendet, wie sie sachgemäß zum Beispiel auf die
Tatsachen der Naturwissenschaft angewendet wird, der erst wird
entscheiden können, was die Vernunft bei solcher Prüfung sagt.
Nachdem so viel über solche Persönlichkeiten gesagt ist,
welche dieses Buch zunächst ablehnen können, darf auch ein
Wort an diejenigen fallen, welche sich zu demselben zustimmend
zu verhalten Anlaß haben. Für sie ist Jedoch das Wesentlichste
in dem ersten Kapitel «Charakter der Geheimwissenschaft
» enthalten. Ein weniges aber soll noch hier gesagt werden.
Obwohl das Buch sich mit Forschungen befaßt, welche dem an
die Sinnenwelt gebundenen Verstand nicht erforschbar sind, so
ist doch nichts vorgebracht, was nicht verständlich sein kann
unbefangener Vernunft und gesundem Wahrheitssinn einer jeden
Persönlichkeit, welche diese Gaben des Menschen anwenden
will. Der Verfasser sagt es unumwunden: er möchte vor allem
Leser, welche nicht gewillt sind, auf blinden Glauben hin die
vorgebrachten Dinge anzunehmen, sondern welche sich bemühen,
das Mitgeteilte an den Erkenntnissen der eigenen Seele und
an den Erfahrungen des eigenen Lebens zu prüfen*. Er möchte
vor allem vorsichtige Leser, welche nur das logisch zu Recht14
fertigende gelten lassen. Der Verfasser weiß, sein Buch wäre
nichts wert, wenn es nur auf blinden Glauben angewiesen wäre;
es ist nur in dem Maße tauglich, als es sich vor der unbefangenen
Vernunft rechtfertigen kann. Der blinde Glaube kann so leicht
das Törichte und Abergläubische mit dem Wahren verwechseln.
Mancher, der sich mit dem bloßen Glauben an «Übersinnliches»
gerne begnügt, wird finden, daß in diesem Buche dem Denken
zu viel zugemutet wird. Doch es handelt sich wahrlich bei den
hier gegebenen Mitteilungen nicht bloß darum, daß etwas mitgeteilt
werde, sondern darum, daß die Darstellung so ist, wie es
einer gewissenhaften Anschauung auf dem entsprechenden Gebiete
des Lebens angemessen ist. Es ist ja das Gebiet, wo sich die
höchsten Dinge mit gewissenloser Charlatanerie, wo sich auch
Erkenntnis und Aberglaube im wirklichen Leben so leicht berühren
und wo sie, vor allem, auch so leicht verwechselt werden
können.
Wer mit übersinnlicher Forschung bekannt ist, wird beim
Lesen des Buches wohl merken, daß versucht worden ist, die
Grenzen scharf einzuhalten zwischen dem, was aus dem Gebiete
der übersinnlichen Erkenntnisse gegenwärtig mitgeteilt werden
kann und soll, und dem, was zu einer späteren Zeit oder wenigstens
in anderer Form dargestellt werden soll.
Geschrieben im Dezember 1909
Rudolf Steiner
VORBEMERKUNGEN ZUR VIERTEN AUFLAGE
Wer es unternimmt, geisteswissenschaftliche Ergebnisse
solcher Art darzustellen, wie sie in diesem Buche aufgezeichnet
sind, der muß vor allen Dingen damit rechnen, daß diese Art
gegenwärtig in weitesten Kreisen als eine unmögliche angesehen
wird. Werden doch in den folgenden Ausführungen Dinge gesagt,
von welchen ein in unserer Zeit als streng geltendes Denken
behauptet, daß sie «für menschliche Intelligenz vermutlich überhaupt
unentscbeidbar bleiben». - Wer die Gründe kennt und zu
würdigen weiß, welche manche ernste Persönlichkeit dazu führen,
solche Unmöglichkeit zu behaupten, der möchte immer
wieder von neuem den Versuch machen, zu zeigen, auf welchen
Mißverständnissen der Glaube beruht, daß dem menschlichen
Erkennen ein Eindringen in die übersinnlichen Welten versagt
sei.
Denn zweierlei liegt vor. Erstens wird sich auf die Dauer
keine menschliche Seele bei tieferem Nachdenken vor der Tatsache
verschließen können, daß ihre wichtigsten Fragen nach Sinn
und Bedeutung des Lebens unbeantwortet bleiben müßten, wenn
es einen Zugang zu übersinnlichen Welten nicht gäbe. Man kann
sich theoretisch über diese Tatsache hinwegtäuschen; die Tiefen
des Seelenlebens gehen aber mit dieser Selbsttäuschung nicht
mit. - Wer auf diese Seelentiefen nicht hinhören will, der wird
Ausführungen über die übersinnlichen Welten naturgemäß ab16
lehnen. Doch gibt es eben Menschen, deren Zahl wahrhaft nicht
gering ist, welche unmöglich sich taub gegen die Forderungen
dieser Tiefen verhalten können. Sie müssen stets an die Pforten
klopfen, welche nach der Meinung der anderen das «Unfaßbare»
verschließen.
Zweitens, es sind die Darlegungen des «strengen Denkens»
keineswegs gering zu achten. Wer sich mit ihnen beschäftigt, der
wird da, wo sie ernst zu nehmen sind, diesen Ernst durchaus
mitfühlen. Der Schreiber dieses Buches möchte nicht als ein
solcher angesehen werden, der leichten Herzens sich hinwegsetzt
über die gewaltige Gedankenarbeit, die aufgewendet worden ist,
um die Grenzen des menschlichen Intellektes zu bestimmen.
Diese Gedankenarbeit läßt sich nicht abtun mit einigen Redensarten
über «Schulweisheit» und dergleichen. So wie sie in vielen
Fällen auftritt, hat sie ihren Quell in wahrem Ringen der Erkenntnis
und in echtem Scharfsinn. - Ja, es soll noch vielmehr
zugegeben werden: es sind Gründe dafür vorgebracht worden,
daß diejenige Erkenntnis, welche gegenwärtig als wissenschaftlich
gilt, nicht in die übersinnlichen Welten vordringen kann,
und diese Gründe sind in gewissem Sinne unwiderleglich.
Weil dies von dem Schreiber dieses Buches ohne weiteres
selbst zugegeben wird, deshalb kann es manchem ganz sonderbar
erscheinen, daß er es nun doch unternimmt, Ausführungen zu
machen, die sich auf übersinnliche Welten beziehen. Es scheint
ja fast ausgeschlossen zu sein, daß jemand die Gründe für die
Unerkennbarkeit der übersinnlichen Welten in gewissem Sinne
gelten läßt und dennoch von diesen übersinnlichen Welten
spricht.
Und doch kann man sich so verhalten. Und man kann zugleich
begreifen, daß dieses Verhalten als widerspruchsvoll
empfunden wird. Es läßt sich eben nicht jedermann auf die Erfahrungen
ein, welche man macht, wenn man mit dem menschlichen
Verstande an das übersinnliche Gebiet heranrückt. Da
stellt sich heraus, daß die Beweise dieses Verstandes wohl unwiderleglich
sein können; und daß sie trotz ihrer Unwiderleglichkeit
für die Wirklichkeit nicht entscheidend zu sein brauchen.
Statt aller theoretischen Auseinandersetzungen sei hier versucht,
durch einen Vergleich eine Verständigung herbeizuführen. Daß
Vergleiche selbst nicht beweisend sind, wird dabei ohne weiteres
zugegeben; doch hindert dies nicht, daß sie oft verständlich machen,
was ausgedrückt werden soll.
Das menschliche Erkennen, so wie es im alltäglichen Leben
und in der gewöhnlichen Wissenschaft arbeitet, ist wirklich so
beschaffen, daß es in die übersinnlichen Welten nicht eindringen
kann. Dies ist unwiderleglich zu beweisen; allein dieser Beweis
kann für eine gewisse Art des Seelenlebens keinen anderen Wert
haben als derjenige, welchen jemand unternehmen wollte, um zu
zeigen, daß das natürliche Auge des Menschen mit seinem Sehvermögen
nicht bis zu den kleinen Zellen eines Lebewesens oder
bis zur Beschaffenheit ferner Himmelskörper vordringen kann.
So richtig und beweisbar die Behauptung ist: das gewöhnliche
Sehvermögen dringt nicht bis zu den Zellen, so richtig und be18
weisbar ist die andere, daß das gewöhnliche Erkennen nicht in
die übersinnlichen Welten eindringen könne. Und doch entscheidet
der Beweis, daß das gewöhnliehe Sehvermögen vor den
Zellen haltmachen muß, nichts gegen die Erforschung der Zellen.
Warum sollte der Beweis, daß das gewöhnliche Erkenntnisvermögen
vor den übersinnlichen Welten haltmachen muß, etwas
gegen die Erforschung dieser Welten entscheiden?
Man kann die Empfindung fühlen, welche mancher bei diesem
Vergleiche haben muß. Man kann selbst mitempfinden,
wenn gezweifelt wird, daß jemand den ganzen Ernst der erwähnten
Gedankenarbeit auch nur ahnt, der dieser Arbeit mit einem
solchen Vergleich entgegentritt. Und doch ist derjenige, welcher
dieses schreibt, von diesem Ernste nicht nur durchdrungen, sondern
er ist der Ansicht, daß diese Gedankenarbeit zu den edelsten
Leistungen der Menschheit zählt. Zu beweisen, daß das menschliche
Sehvermögen nicht ohne Bewaffnung zu den Zellen gelangen
könne, wäre allerdings ein unnötiges Beginnen; in strengem
Denken sich der Natur dieses Denkens bewußt werden, ist
notwendige Geistesarbeit. Daß derjenige, welcher sich solcher
Arbeit hingibt, nicht bemerkt, daß die Wirklichkeit ihn widerlegen
kann, ist nur allzu verständlich. So wenig in den Vorbemerkungen
zu diesem Buche der Platz sein kann, auf manche «Widerlegungen
» der ersten Auflagen von Seiten solcher Persönlichkeiten
einzugehen, denen alles Verständnis für das Erstrebte
abgeht oder welche ihre unwahren Angriffe auf die Person des
Verfassers richten, so sehr muß betont werden, daß in dem Bu19
che eine Unterschätzung ernster wissenschaftlicher Denkerarbeit
nur der vermuten kann, der sich vor der Gesinnung der Ausführungen
verschließen will.
Das Erkennen des Menschen kann verstärkt, erkraftet werden,
wie das Sehvermögen des Auges verstärkt werden kann. Nur
sind die Mittel zur Erkraftung des Erkennens durchaus von geistiger
Art; sie sind innere, rein seelische Verrichtungen. Sie
bestehen in dem, was in diesem Buche als Meditation, Konzentration
(Kontemplation) beschrieben wird. Das gewöhnliche
Seelenleben ist an die Werkzeuge des Leibes gebunden; das
erkraftete Seelenleben macht sich davon frei. Es gibt Gedankenrichtungen
der Gegenwart, für welche eine solche Behauptung
ganz unsinnig erscheinen muß, für welche sie nur auf Selbsttäuschung
beruhen muß. Solche Gedankenrichtungen werden es von
ihrem Gesichtspunkte aus leicht finden, nachzuweisen, wie «alles
Seelenleben» an das Nervensystem gebunden sei. Wer auf
dem Standpunkte steht, von dem aus dieses Buch geschrieben ist,
der versteht durchaus solche Beweise. Er versteht die Menschen,
welche sagen, es könne nur Oberflächlichkeit behaupten, daß
man irgendein vom Leibe unabhängiges Seelenleben haben
könne. Welche ganz davon überzeugt sind, daß für solche Seelenerlebnisse
ein Zusammenhang mit dem Nervenleben vorliegt,
den «geisteswissenschaftlicher Dilettantismus» nur nicht durchschaut.
Hier stehen demjenigen, was in diesem Buche geschildert
wird, gewisse - durchaus begreifliche - Denkgewohnheiten so
schroff gegenüber, daß mit vielen eine Verständigung gegenwärtig
noch ganz aussichtslos ist. Man steht hier eben vor dem
Punkte, an welchem sich der Wunsch geltend machen muß, daß
es in der Gegenwart dem Geistesleben nicht mehr entsprechen
sollte, eine Forschungsrichtung sogleich als Phantasterei, Träumerei
usw. zu verketzern, die schroff von der eigenen abweicht. -
Auf der andern Seite steht aber doch schon gegenwärtig die
Tatsache, daß für die übersinnliche Forschungsart, wie sie auch
in diesem Buche dargestellt wird, eine Anzahl von Menschen
Verständnis haben. Menschen, welche einsehen, daß der Sinn
des Lebens sich nicht in allgemeinen Redensarten über Seele,
Selbst usw. enthüllt, sondern nur durch das wirkliche Eingehen
auf die Ergebnisse der übersinnlichen Forschung sich ergeben
kann. Nicht aus Unbescheidenheit, sondern in freudiger Befriedigung
wird von dem Verfasser dieses Buches tief empfunden die
Notwendigkeit dieser vierten Auflage nach verhältnismäßig
kurzer Zeit.
Um in Unbescheidenheit dies zu betonen, dafür fühlt der
Verfasser nur allzudeutlich, wie wenig auch die neue Auflage
dem entspricht, was sie als «Umriß einer übersinnlichen Weltanschauung
» eigentlich sein sollte. Noch einmal wurde zur Neuauflage
das Ganze durchgearbeitet, viele Ergänzungen wurden an
wichtigen Stellen eingefügt, Verdeutlichungen wurden angestrebt.
Doch fühlbar wurde dem Verfasser an zahlreichen Stellen,
wie spröde sich die Mittel der ihm zugänglichen Darstellung
erweisen gegenüber dem, was die übersinnliche Forschung zeigt.
So konnte kaum mehr als ein Weg gezeigt werden, um zu Vorstellungen
zu gelangen, welche in dem Buche für Saturn-,
Sonnen-, Mondenentwickelung gegeben werden. Ein wichtiger
Gesichtspunkt ist in dieser Auflage auch auf diesem Gebiete in
Kürze neu behandelt worden. Doch weichen die Erlebnisse in
bezug auf solche Dinge so sehr von allen Erlebnissen auf dem
Sinnesgebiete ab, daß die Darstellung ein fortwährendes Ringen
nach einem nur einigermaßen genügend scheinenden Ausdruck
notwendig macht. Wer auf den hier gemachten Versuch der
Darstellung einzugehen willens ist, wird vielleicht bemerken,
daß manches, was dem trockenen Worte zu sagen unmöglich ist,
durch die Art der Schilderung erstrebt wird. Diese ist anders zum
Beispiel bei der Saturn-, anders bei der Sonnen- usw. Entwickelung.
Viele dem Verfasser des Buches wichtig erscheinende Ergänzungen
und Erweiterungen erfuhr in der neuen Auflage der zweite
Teil des Buches, welcher von der «Erkenntnis der höheren
Welten» handelt. Es lag das Bestreben vor, die Art der inneren
Seelenvorgänge anschaulich darzustellen, durch welche die Erkenntnis
von ihren in der Sinnenwelt vorhandenen Grenzen sich
befreit und sich für das Erleben der übersinnlichen Welt geeignet
macht. Versucht wurde zu zeigen, daß dieses Erleben, obwohl es
durch ganz innerliche Mittel und Wege erworben wird, doch
nicht eine bloß subjektive Bedeutung für den einzelnen Menschen
hat, der es erwirbt. Es sollte aus der Darstellung hervorgehen,
daß innerhalb der Seele deren Einzelheit und persönliche
Besonderheit abgestreift und ein Erleben erreicht wird, das jeder
Mensch in der gleichen Art hat, der eben in rechter Art die Entwickelung
aus seinen subjektiven Erlebnissen heraus bewirkt.
Erst wenn die «Erkenntnis der übersinnlichen Welten» mit diesem
Charakter gedacht wird, vermag man sie zu unterscheiden
von allen Erlebnissen bloß subjektiver Mystik usw. Von solcher
Mystik kann man wohl sagen, daß sie mehr oder weniger doch
eine subjektive Angelegenheit des Mystikers ist. Die geisteswissenschaftliche
Seelenschulung, wie sie hier gemeint ist, strebt
aber nach solchen objektiven Erlebnissen, deren Wahrheit zwar
ganz innerlich erkannt wird, die aber doch gerade deshalb in
ihrer Allgemeingültigkeit durchschaut werden. - Auch hier ist ja
wieder ein Punkt, an dem eine Verständigung mit manchen
Denkgewohnheiten unserer Zeit recht schwierig ist.
Zum Schlusse möchte der Verfasser des Buches die Bemerkung
machen, daß auch von Wohlmeinenden diese Ausführungen
als das hingenommen werden mögen, als was sie sich durch
ihren eigenen Inhalt geben. Es herrscht heute vielfach das Bestreben,
dieser oder jener Geistesrichtung diesen oder jenen alten
Namen zu geben. Dadurch scheint sie manchem erst wertvoll. Es
darf aber gefragt werden: was sollen die Ausführungen dieses
Buches dadurch gewinnen, daß man sie als «rosenkreuzerisch»
oder dergleichen bezeichnet? Worauf es ankommt, ist, daß hier
mit den Mitteln, welche in der gegenwärtigen Entwickelungsperiode
der Seele möglich und dieser angemessen sind, ein Einblick
in die übersinnlichen Welten versucht wird, und daß von
diesem Gesichtspunkte aus die Rätsel des menschlichen Schicksals
und des menschlichen Daseins über die Grenzen von Geburt
und Tod hinaus betrachtet werden. Es soll sich nicht handeln um
ein Streben, welches diesen oder jenen alten Namen trägt, sondern
um ein Streben nach Wahrheit.
Auf der andern Seite sind auch in gegnerischer Absicht Bezeichnungen
für die in dem Buche dargestellte Weltanschauung
gebraucht worden. Abgesehen davon, daß diejenigen, mit welchen
man den Verfasser hat am schwersten treffen und diskreditieren
wollen, absurd und objektiv unwahr sind, charakterisieren
sich solche Bezeichnungen in ihrer Unwürdigkeit dadurch, daß
sie ein völlig unabhängiges Wahrheitsstreben herabsetzen, indem
sie es nicht aus sich selbst beurteilen, sondern die von ihnen
erfundene oder grundlos übernommene und weiter getragene
Abhängigkeit von dieser oder jener Richtung andern als Urteil
beibringen wollen. So notwendig diese Worte angesichts mancher
Angriffe gegen den Verfasser sind, so widerstrebt es diesem
doch, an diesem Orte auf die Sache weiter einzugehen.
Geschrieben im Juni 1913
Rudolf Steiner
VORREDE ZUR SIEBENTEN
BIS FÜNFZEHNTEN AUFLAGE
Für diese Neuauflage meiner «Geheimwissenschaft im Umriß
» habe ich den ersten Abschnitt «Charakter der Geheimwissenschaft
» fast ganz neu gestaltet. Ich glaube, daß dadurch nun
weniger zu den Mißverständnissen Anlaß sein wird, die ich aus
der früheren Fassung dieses Abschnittes heraus habe entstehen
sehen. Von vielen Seiten konnte ich hören: Andere Wissenschaften
beweisen; was hier als Wissenschaft sich gibt, sagt einfach:
die Geheimwissenschaft stellt dies oder jenes fest. Ein solches
Vorurteil stellt sich naturgemäß ein, da ja das Beweisende der
übersinnlichen Erkenntnis sich durch die Darstellung nicht so
aufdrängen kann wie bei der Darlegung von Zusammenhängen
der sinnenfälligen Wirklichkeit. Daß man es aber nur mit einem
Vorurteil zu tun hat, wollte ich durch die Umarbeitung des ersten
Abschnittes dieses Buches deutlicher machen, als es mir in früheren
Auflagen gelungen zu sein scheint. - In den andern Teilen
des Buches habe ich durch Ergänzungen des Inhaltes manches
Dargestellte schärfer herauszuarbeiten gesucht. Durch das Ganze
hindurch habe ich mich bemüht, an zahlreichen Stellen Änderungen
in der Einkleidung des Inhalts vorzunehmen, die mir das
wiederholte Durchleben des Dargestellten notwendig erscheinen
ließ.
Berlin, Mai 1920
Rudolf Steiner
VORREDE ZUR SECHZEHNTEN
BIS ZWANZIGSTEN AUFLAGE
Jetzt, nachdem fünfzehn Jahre seit dem ersten Erscheinen
dieses Buches verflossen sind, darf ich wohl vor der Öffentlichkeit
einiges sagen über die Seelenverfassung, aus der heraus es
entstanden ist.
Ursprünglich war mein Plan, seinen wesentlichen Inhalt als
letzte Kapitel meinem lange vorher erschienenen Buche «Theosophie
» anzufügen. Das ging nicht. Dieser Inhalt rundete sich
damals, als die «Theosophie» ausgeführt wurde, nicht in der Art
in mir ab wie derjenige der «Theosophie». Ich hatte in meinen
Imaginationen das geistige Wesen des Einzelmenschen vor meiner
Seele stehen und konnte es darstellen, nicht aber standen
damals schon die kosmischen Zusammenhänge, die in der «Geheimwissenschaft
» darzulegen waren, ebenso vor mir. Sie waren
im einzelnen da; nicht aber im Gesamtbild.
Deshalb entschloß ich mich, die «Theosophie» mit dem Inhalte
erscheinen zu lassen, den ich als das Wesen des Lebens eines
einzelnen Menschen erschaut hatte, und die «Geheimwissenschaft
» in der nächsten Zeit in aller Ruhe durchzuführen.
Der Inhalt dieses Buches mußte nach meiner damaligen Seelenstimmung
in Gedanken gegeben werden, die für die Darstellung
des Geistigen geeignete weitere Fortbildungen der in der
Naturwissenschaft angewendeten Gedanken sind. Man wird es
den hier wieder abgedruckten «Vorbemerkungen zur ersten Auflage
» anmerken, wie stark ich mich mit allem, was ich damals
über Geisteserkenntnis schrieb, vor der Naturwissenschaft verantwortlich
fühlte.
Aber man kann nicht in solchen Gedanken allein das zur
Darstellung bringen, was sich dem geistigen Schauen als Geist-
Welt offenbart. Denn diese Offenbarung geht in einen bloßen
Gedankeninhalt nicht ein. Wer das Wesen solcher Offenbarung
erlebend kennengelernt hat, der weiß, daß die Gedanken des
gewöhnlichen Bewußtseins nur geeignet sind, das sinnlich Wahrgenommene,
nicht aber das geistig Geschaute, auszudrücken,
Der Inhalt des geistig Geschauten läßt sich nur in Bildern
(Imaginationen) wiedergeben, durch die Inspirationen sprechen,
die von intuitiv erlebter geistiger Wesenheit herrühren. (Über das
Wesen von Imagination, Inspiration und Intuition findet man das
Notwendige in dieser «Geheimwissenschaft» selbst und in meinem
Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?
».)
Aber der Darsteller der Imaginationen aus der Geist-Welt
kann gegenwärtig nicht bloß diese Imaginationen hinstellen. Er
stellte damit etwas dar, das als ein ganz anderer Bewußtseinsinhalt
neben dem Erkenntnisinhalt unseres Zeitalters, ohne allen
Zusammenhang mit diesem, stünde. Er muß das gegenwärtige
Bewußtsein mit dem erfüllen, was ein anderes Bewußtsein, das
in die Geist-Welt schaut, erkennen kann. Dann wird seine Darstellung
diese Geist-Welt zum Inhalte haben; aber dieser Inhalt
tritt in der Form von Gedanken auf, in die er hineinfließt. Dadurch
wird er dem gewöhnlichen Bewußtsein, das im Sinne der
Gegenwart denkt, aber noch nicht in die Geist-Welt hineinschaut,
voll verständlich.
Diese Verständlichkeit bleibt nur dann aus, wenn man sich
selbst Hindernisse vor sie legt. Wenn man die Vorurteile, die die
Zeit aus einer falsch aufgefaßten Naturanschauung von «Grenzen
des Erkennens» sich gebildet hat, zu den eigenen macht.
Im Geist-Erkennen ist alles in intimes Seelen-Erleben getaucht.
Nicht nur das geistige Anschauen selbst, sondern auch
das Verstehen, das das nicht-schauende gewöhnliche Bewußtsein
den Ergebnissen des Schauenden entgegenbringt.
Von dieser Intimität hat keine Ahnung, wer in dilettantischer
Art davon spricht, daß der, der zu verstehen glaubt, sich das Verständnis
selbst suggeriert.
Aber es ist so, daß, was innerhalb des Begreifens der physischen
Welt bloß in Begriffen als Wahrheit oder Irrtum sich auslebt,
der geistigen Welt gegenüber Erlebnis wird.
Wer in sein Urteil nur leise empfindend die Behauptung einfließen
läßt, das geistig Geschaute ist von dem gewöhnlichen,
noch nicht schauenden Bewußtsein - wegen dessen Grenzen -
nicht erfaßbar, dem legt sich dieses empfindende Urteil wie eine
verfinsternde Wolke vor das Erfassen; und er kann wirklich nicht
verstehen.
Aber dem unbefangenen nicht-schauenden Bewußtsein ist das
Geschaute voll verständlich, wenn es der Schauende bis in die
Gedankenform hineinbringt. Es ist verständlich, wie dem Nicht-
Maler das fertige Bild des Malers verständlich ist. Und zwar ist
das Verständnis der Geist-Welt nicht das künstlerisch-gefühlsmäßige
wie bei einem Kunstwerk, sondern ein durchaus gedankenmäßiges
wie der Naturerkenntnis gegenüber.
Um aber ein solches Verständnis wirklich möglich zu machen,
muß der Darsteller des geistig Geschauten seine Schauungen
bis zu einem richtigen Hineingießen in Gedankenform
bringen, ohne daß sie innerhalb dieser Form ihren imaginativen
Charakter verlieren.
Das stand alles vor meiner Seele, als ich meine «Geheimwissenschaft
» ausarbeitete.
1909 fühlte ich dann, daß ich mit diesen Voraussetzungen ein
Buch zustandebringen könne, das: erstens den Inhalt meiner
Geistesschau bis zu einem gewissen, aber zunächst genügenden
Grade, in die Gedankenform gegossen, brachte; und das zweitens
von jedem denkenden Menschen, der sich keine Hindernisse vor
das Verständnis legt, verstanden werden kann.
Ich sage das heute, indem ich zugleich ausspreche, daß damals
- 1909 - mir die Veröffentlichung des Buches als ein Wagnis
erschien. Denn ich wußte ja, daß die geforderte Unbefangenheit
gerade diejenigen nicht aufbringen können, die Naturwissenschaft
beruflich treiben, und ebensowenig alle die zahlreichen
Persönlichkeiten, die in ihrem Urteile von diesen abhängig sind.
Aber es stand gerade die Tatsache vor meiner Seele, daß in
der Zeit, in der sich das Bewußtsein der Menschheit von der
Geist-Welt am weitesten entfernt hatte, die Mitteilungen aus
dieser Geist-Welt einer allerdringendsten Notwendigkeit entsprechen.
Ich zählte darauf, daß es auch Menschen gibt, die mehr oder
weniger die Entfernung von aller Geistigkeit so schwer als Lebenshindernis
empfinden, daß sie zu Mitteilungen aus der Geistwelt
mit innerer Sehnsucht greifen.
Und die folgenden Jahre haben das ja voll bestätigt. Die
«Theosophie» und «Geheimwissenschaft» haben als Bücher, die
im Leser guten Willen voraussetzen, auf eine schwierige Stilisierung
einzugehen, weite Verbreitung gefunden.
Ich habe ganz bewußt angestrebt, nicht eine «populäre» Darstellung
zu geben, sondern eine solche, die notwendig macht, mit
rechter Gedankenanstrengung in den Inhalt hineinzukommen.
Ich habe damit meinen Büchern einen solchen Charakter aufgeprägt,
daß deren Lesen selbst schon der Anfang der Geistesschulung
ist. Denn die ruhige, besonnene Gedankenanstrengung,
die dieses Lesen notwendig macht, verstärkt die Seelenkräfte und
macht sie dadurch fähig, der geistigen Welt nahe zu kommen.
Daß ich dem Buche den Titel «Geheimwissenschaft» gegeben
habe, hat sogleich Mißverständnisse hervorgerufen. Von mancher
Seite wurde gesagt, was «Wissenschaft» sein will, darf nicht
«geheim» sein. Wie wenig bedacht war ein solcher Einwand. Als
ob jemand, der einen Inhalt veröffentlicht, mit diesem «geheim»
tun wolle. Das ganze Buch zeigt, daß nichts als «geheim» bezeichnet,
sondern eben in eine solche Form gebracht werden
sollte, daß es verständlich sei wie nur irgendeine «Wissenschaft
». Oder will man, wenn man das Wort «Naturwissenschaft
» gebraucht, nicht andeuten, daß es sich um Wissen von
der «Natur» handelt? Geheimwissenschaft ist Wissenschaft von
dem, was sich insoferne im «Geheimen» abspielt, als es nicht
draußen in der Natur wahrgenommen wird, sondern da, wohin
die Seele sich orientiert, wenn sie ihr Inneres nach dem Geiste
richtet.
«Geheimwissenschaft» ist Gegensatz von «Naturwissenschaft
».
Meinen Schauungen in der geistigen Welt hat man immer
wieder entgegengehalten, sie seien veränderte Wiedergaben
dessen, was im Laufe älterer Zeit an Vorstellungen der Menschen
über die Geist-Welt hervorgetreten ist. Man sagte, ich
hätte mancherlei gelesen, es ins Unterbewußte aufgenommen
und dann in dem Glauben, es entspringe aus dem eigenen Schauen,
zur Darstellung gebracht. Aus gnostischen Lehren, aus orientalischen
Weisheitsdichtungen und so weiter soll ich meine Darstellungen
gewonnen haben.
Man ist, indem man dieses behauptet hat, mit den Gedanken
ganz an der Oberfläche geblieben.
Meine Erkenntnisse des Geistigen, dessen bin ich mir voll
bewußt, sind Ergebnisse eigenen Schauens. Ich hatte jederzeit
bei allen Einzelheiten und bei den großen Übersichten mich
streng geprüft, ob ich jeden Schritt im schauenden Weiterschreiten
so mache, daß voll-besonnenes Bewußtsein diese Schritte
begleite. Wie der Mathematiker von Gedanke zu Gedanke
schreitet, ohne daß Unbewußtes, Autosuggestion und so weiter
eine Rolle spielen, so - sagte ich mir - muß geistiges Schauen
von objektiver Imagination zu objektiver Imagination schreiten,
ohne daß etwas anderes in der Seele lebt als der geistige Inhalt
klar besonnenen Bewußtseins.
Daß man von einer Imagination weiß, sie ist nicht bloß subjektives
Bild, sondern Bild-Wiedergabe objektiven Geist-Inhaltes,
dazu bringt man es durch gesundes inneres Erleben. Man
gelangt dazu auf geistig-seelische Art, wie man im Bereich der
Sinnesanschauung bei gesunder Organisation Einbildungen von
objektiven Wahrnehmungen richtig unterscheidet.
So hatte ich die Ergebnisse meines Schauens vor mir. Sie
waren zunächst «Anschauungen», die ohne Namen lebten.
Sollte ich sie mitteilen, so bedurfte es der Wortbezeichnungen.
Ich suchte dann später nach solchen in älteren Darstellungen
des Geistigen, um das noch Wortlose in Worten ausdrücken
zu können. Ich gebrauchte diese Wortbezeichnungen frei, so daß
wohl kaum eine derselben in meinem Gebrauche zusammenfällt
mit dem, was sie dort war, wo ich sie fand.
Ich suchte aber nach solcher Möglichkeit, mich auszudrükken,
stets erst, nachdem mir der Inhalt im eigenen Schauen aufgegangen
war.
Vorher Gelesenes wußte ich beim eigenen forschenden
Schauen durch die Bewußtseinsverfassung, die ich eben geschildert
habe, auszuschalten.
Nun fand man in meinen Ausdrücken Anklänge an ältere
Vorstellungen. Ohne auf den Inhalt einzugehen, hielt man sich
an solche Ausdrücke. Sprach ich von «Lotosblumen» in dem
Astralleib des Menschen, so war das ein Beweis, daß ich indische
Lehren, in denen man den Ausdruck findet, wiedergäbe.
Ja, sprach ich von «Astralleib» selbst, so war dies das Ergebnis
des Lesens mittelalterlicher Schriften. Gebrauchte ich die Ausdrücke:
Angeloi, Archangeloi und so weiter, so erneuerte ich
einfach die Vorstellungen christlicher Gnosis.
Solches ganz an der Oberfläche sich bewegende Denken fand
ich immer wieder mir entgegengehalten.
Auch auf diese Tatsache wollte ich gegenwärtig beim Wiedererscheinen
der «Geheimwissenschaft» in neuer Auflage hinweisen.
Das Buch enthält ja die Umrisse der Anthroposophie als
eines Ganzen. Es wird daher vorzüglich betroffen von den Mißverständnissen,
denen diese ausgesetzt ist.
Ich habe seit der Zeit, in der in meiner Seele die Imaginationen,
die das Buch wiedergibt, in ein Gesamtbild zusammengeflossen
sind, unausgesetzt das forschende Schauen in den
Menschen, in das geschichtliche Werden der Menschheit, in den
Kosmos und so weiter fortgebildet; ich bin im einzelnen zu immer
neuen Ergebnissen gekommen. Aber, was ich in der «Geheimwissenschaft
» vor fünfzehn Jahren als Umriß gegeben habe,
ist für mich in nichts erschüttert worden. Alles, was ich seither
sagen konnte, erscheint, wenn es an der rechten Stelle diesem
Buche eingefügt wird, als eine weitere Ausführung der damaligen
Skizze.
Goetheanum, 10. Januar 1925
Rudolf Steiner
CHARAKTER DER GEHEIMWISSENSCHAFT
Ein altes Wort: «Geheimwissenschaft» wird für den Inhalt
dieses Buches angewendet. Das Wort kann Veranlassung werden,
daß sogleich bei den verschiedenen Menschen der Gegenwart
die entgegengesetztesten Empfindungen wachgerufen werden.
Für viele hat es etwas Abstoßendes; es ruft Spott, mitleidiges
Lächeln, vielleicht Verachtung hervor. Sie stellen sich vor,
daß eine Vorstellungsart, die sich so bezeichnet, nur auf einer
müßigen Träumerei, auf Phantasterei beruhen könne, daß sich
hinter solcher «vermeintlichen» Wissenschaft nur der Drang
verbergen könne, allerlei Aberglauben zu erneuern, den mit
Recht meidet, wer «wahre Wissenschaftlichkeit» und «echtes
Erkenntnisstreben» kennengelernt hat. Auf andere wirkt das
Wort so, als ob ihnen das damit Gemeinte etwas bringen müsse,
was auf keinem anderen Wege zu erlangen ist und zu dem sie, je
nach ihrer Veranlagung, tief innerliche Erkenntnissehnsucht oder
seelisch verfeinerte Neugierde hinzieht. Zwischen diesen schroff
einander gegenüberstehenden Meinungen gibt es alle möglichen
Zwischenstufen der bedingten Ablehnung oder Annahme dessen,
was sich der eine oder der andere vorstellt, wenn er das Wort
«Geheimwissenschaft» vernimmt. - Es ist nicht in Abrede zu
stellen, daß für manchen das Wort «Geheimwissenschaft» deshalb
einen zauberhaften Klang hat, weil es seine verhängnisvolle
Sucht zu befriedigen scheint nach einem auf naturgemäßem
Wege nicht zu erlangenden Wissen von einem «Unbekannten»,
Geheimnisvollen, ja Unklaren. Denn viele Menschen wollen die
tiefsten Sehnsuchten ihrer Seele nicht durch das befriedigen, was
klar erkannt werden kann. Ihre Überzeugung geht dahin, daß es
außer demjenigen, was man in der Welt erkennen könne, noch
etwas geben müsse, das sich der Erkenntnis entzieht. Mit einem
sonderbaren Widersinn, den sie nicht bemerken, lehnen sie für
die tiefsten Erkenntnissehnsuchten alles ab, was «bekannt ist»,
und wollen dafür nur etwas gelten lassen, wovon man nicht
sagen könne, daß es durch naturgemäßes Forschen bekannt werde.
Wer von «Geheimwissenschaft» redet, wird gut daran tun,
sich vor Augen zu halten, daß ihm Mißverständnisse entgegenstehen,
die von solchen Verteidigern einer derartigen Wissenschaft
verursacht werden; von Verteidigern, die eigentlich nicht
ein Wissen, sondern das Gegenteil davon anstreben.
Diese Ausführungen richten sich an Leser, welche sich ihre
Unbefangenheit nicht dadurch nehmen lassen, daß ein Wort
durch verschiedene Umstände Vorurteile hervorruft. Von einem
Wissen, das in irgendeiner Beziehung als ein «geheimes», nur
durch besondere Schicksalsgunst für manchen zugängliches,
gelten soll, wird hier nicht die Rede sein. Man wird dem hier
gemeinten Wortgebrauche gerecht werden, wenn man an dasjenige
denkt, was Goethe im Sinne hat, wenn er von den «offenbaren
Geheimnissen» in den Welterscheinungen spricht. Was in diesen
Erscheinungen «geheim», unoffenbar bleibt, wenn man sie nur
durch die Sinne und den an die Sinne sich bindenden Verstand
* Es ist vorgekommen, daß man den Ausdruck «Geheimwissenschaft» - wie er von dem
Verfasser dieses Buches schon in früheren Auflagen gebraucht worden ist - gerade aus
dem Grunde abgelehnt hat, weil eine Wissenschaft doch für niemand etwas «Geheimes»
sein könne. Man hätte Recht, wenn die Sache so gemeint wäre. Allein das ist nicht der
Fall. So wenig Naturwissenschaft eine «natürliche» Wissenschaft in dem Sinne genannt
werden kann, daß sie jedem «von Natur eigen» ist, so wenig denkt sich der Verfasser
unter «Geheimwissenschaft» eine «geheime» Wissenschaft, sondern eine solche, welche
sich auf das in den Welterscheinungen für die gewöhnliche Erkenntnisart Unoffenbare,
«Geheime» bezieht, eine Wissenschaft von dem «Geheimen», von dem «offenbaren
Geheimnis». Geheimnis aber soll diese Wissenschaft für niemand sein, der ihre Erkenntnisse
auf den ihr entsprechenden Wegen sucht.
erfaßt, das wird als der Inhalt einer übersinnlichen Erkenntnisart
angesehen*. - Wer als «Wissenschaft» nur gelten läßt, was durch
die Sinne und den ihnen dienenden Verstand offenbar wird, für
den kann selbstverständlich das hier als «Geheimwissenschaft»
Gemeinte keine Wissenschaft sein. Ein solcher müßte aber, wenn
er sich selbst verstehen wollte, zugeben, daß er nicht aus einer
begründeten Einsicht heraus, sondern durch einen seinem rein
persönlichen Empfinden entstammenden Machtspruch eine «Geheimwissenschaft
» ablehnt. Um das einzusehen, hat man nur
nötig, Überlegungen darüber anzustellen, wie Wissenschaft
entsteht und welche Bedeutung sie im menschlichen Leben hat.
Das Entstehen der Wissenschaft, dem Wesen nach, erkennt man
nicht an dem Gegenstande, den die Wissenschaft ergreift; man
erkennt es an der im wissenschaftlichen Streben auftretenden
Betätigungsart der menschlichen Seele. Wie sich die Seele verhält,
indem sie Wissenschaft sich erarbeitet, darauf hat man zu
sehen. Eignet man sich die Gewohnheit an, diese Betätigungsart
nur dann ins Werk zu setzen, wenn die Offenbarungen der Sinne
in Betracht kommen, dann gerät man leicht auf die Meinung,
diese Sinnesoffenbarung sei das Wesentliche. Und man lenkt
dann den Blick nicht darauf, daß ein gewisses Verhalten der
menschlichen Seele eben nur auf die Sinnesoffenbarung angewendet
worden ist. Aber man kann über diese willkürliche Selbstbeschränkung
hinauskommen und, abgesehen von dem besonderen
Falle der Anwendung, den Charakter der wissenschaftlichen
Betätigung ins Auge fassen. Dies liegt zugrunde, wenn hier für
die Erkenntnis nichtsinnlicher Weltinhalte als von einer «wissenschaftlichen
» gesprochen wird. An diesen Weltinhalten will sich
die menschliche Vorstellungsart so betätigen, wie sie sich im
andern Falle an den naturwissenschaftlichen Weltinhalten betätigt.
Geheimwissenschaft will die naturwissenschaftliche Forschungsart
und Forschungsgesinnung, die auf ihrem Gebiete sich
an den Zusammenhang und Verlauf der sinnlichen Tatsachen
hält, von dieser besonderen Anwendung loslösen, aber sie in
ihrer denkerischen und sonstigen Eigenart festhalten. Sie will
über Nichtsinnliches in derselben Art sprechen, wie die Naturwissenschaft
über Sinnliches spricht. Während die Naturwissenschaft
im Sinnlichen mit dieser Forschungsart und Denkweise
stehenbleibt, will Geheimwissenschaft die seelische Arbeit an
der Natur als eine Art Selbsterziehung der Seele betrachten und
das Anerzogene auf das nichtsinnliche Gebiet anwenden. Sie will
so verfahren, daß sie zwar nicht über die sinnlichen Erscheinungen
als solche spricht, aber über die nichtsinnlichen Weltinhalte
so, wie der Naturforscher über die sinnenfälligen. Sie hält von
dem naturwissenschaftlichen Verfahren die seelische Verfassung
innerhalb dieses Verfahrens fest, also gerade das, durch welches
Naturerkenntnis Wissenschaft erst wird. Sie darf sich deshalb als
Wissenschaft bezeichnen.
Wer über die Bedeutung der Naturwissenschaft im menschlichen
Leben Überlegungen anstellt, der wird finden, daß diese
Bedeutung nicht erschöpft sein kann mit der Aneignung von
Naturerkenntnissen. Denn diese Erkenntnisse können nie und
nimmer zu etwas anderem führen als zu einem Erleben desjenigen,
was die Menschenseele selbst nicht ist. Nicht in dem lebt
das Seelische, was der Mensch an der Natur erkennt, sondern in
dem Vorgang des Erkennens. In ihrer Betätigung an der Natur
erlebt sich die Seele. Was sie in dieser Betätigung lebensvoll sich
erarbeitet, das ist noch etwas anderes als das Wissen über die
Natur selbst. Das ist an der Naturerkenntnis erfahrene Selbstentwickelung.
Den Gewinn dieser Selbstentwickelung will die
Geheimwissenschaft betätigen auf Gebieten, die über die bloße
Natur hinaus liegen. Der Geheimwissenschafter will den Wert
der Naturwissenschaft nicht verkennen, sondern ihn noch besser
anerkennen als der Naturwissenschafter selbst. Er weiß, daß er
ohne die Strenge der Vorstellungsart, die in der Naturwissenschaft
waltet, keine Wissenschaft begründen kann. Er weiß aber
auch, daß, wenn diese Strenge durch ein echtes Eindringen in
den Geist des naturwissenschaftlichen Denkens erworben ist, sie
festgehalten werden kann durch die Kraft der Seele für andere
Gebiete.
Etwas, was bedenklich machen kann, tritt dabei allerdings
auf. In der Betrachtung der Natur wird die Seele durch den betrachteten
Gegenstand in einem viel stärkeren Maße geleitet als
in derjenigen nichtsinnlicher Weltinhalte. In dieser muß sie in
einem höheren Maße aus rein inneren Impulsen heraus die Fähigkeit
haben, das Wesen der wissenschaftlichen Vorstellungsart
festzuhalten. Weil sehr viele Menschen - unbewußt - glauben,
daß nur an dem Leitfaden der Naturerscheinungen dieses Wesen
festgehalten werden kann, sind sie geneigt, durch einen Machtspruch
sich dahin zu entscheiden: sobald dieser Leitfaden verlassen
wird, tappt die Seele mit ihrem wissenschaftlichen Verfahren
im Leeren. Solche Menschen haben sich die Eigenart dieses
Verfahrens nicht zum Bewußtsein gebracht; sie bilden sich ihr
Urteil zumeist aus den Verirrungen, die entstehen müssen, wenn
die wissenschaftliche Gesinnung an den Naturerscheinungen
nicht gefestigt genug ist und trotzdem die Seele sich an die Betrachtung
des nichtsinnlichen Weltgebietes begeben will. Da
entsteht selbstverständlich viel unwissenschaftliches Reden über
nichtsinnliche Weltinhalte. Aber nicht deswegen, weil solches
Reden seinem Wesen nach nicht wissenschaftlich sein kann,
sondern weil es, im besonderen Falle, an der wissenschaftlichen
Selbsterziehung durch die Naturbeobachtung hat fehlen lassen.
Wer von Geheimwissenschaft reden will, muß allerdings mit
Rücksicht auf das eben Gesagte einen wachsamen Sinn haben für
alles Irrlichtelierende, das entsteht, wenn über die offenbaren
Geheimnisse der Welt etwas ausgemacht wird ohne wissen-
schaftliche Gesinnung. Dennoch führte es zu etwas Ersprießlichem
nicht, wenn hier, gleich im Anfange geheimwissenschaftlicher
Ausführungen, über alle möglichen Verirrungen gesprochen
würde, die in der Seele vorurteilsvoller Personen jedes Forschen
in dieser Richtung in Mißachtung bringen, weil solche Personen
aus dem Vorhandensein wahrlich recht zahlreicher Verirrungen
auf das Unberechtigte des ganzen Strebens schließen. Da aber
zumeist bei Wissenschaftern oder wissenschaftlich gesinnten
Beurteilern die Ablehnung der Geheimwissenschaft doch nur auf
dem oben gekennzeichneten Machtspruch beruht und die Berufung
auf die Verirrungen nur - oft unbewußter -Vorwand ist, so
wird eine Auseinandersetzung mit solchen Gegnern zunächst
wenig fruchtbar sein. Nichts hindert sie ja, den gewiß durchaus
berechtigten Einwand zu machen, daß von vornherein durch
nichts festgestellt werden kann, ob denn bei demjenigen, der
andere in Verirrung befangen glaubt, der oben gekennzeichnete
feste Grund wirklich vorhanden ist. Daher kann der nach einer
Geheimwissenschaft Strebende nur einfach vorführen, was er
glaubt sagen zu dürfen. Das Urteil über seine Berechtigung können
nur andere, aber auch nur solche Personen sich bilden, welche
unter Vermeidung aller Machtsprüche sich einzulassen vermögen
auf die Art seiner Mitteilungen über die offenbaren Geheimnisse
des Weltgeschehens. Obliegen wird ihm allerdings, zu
zeigen, wie sich das von ihm Vorgebrachte zu anderen Errungenschaften
des Wissens und des Lebens verhält, welche Gegnerschaften
möglich sind und inwieferne die unmittelbare äußere
sinnenfällige Lebenswirklichkeit Bestätigungen bringt für seine
Beobachtungen. Aber er sollte niemals darnach streben, seine
Darstellung so zu halten, daß diese statt durch ihren Inhalt durch
seine Überredungskunst wirke.
Man kann gegenüber geheimwissenschaftlichen Ausführungen
oftmals den Einwand hören: diese beweisen nicht, was sie
vorbringen; sie stellen nur das eine oder das andere hin und
sagen: die Geheimwissenschaft stelle dieses fest. Die folgenden
Ausführungen verkennt man, wenn man glaubt, irgend etwas in
ihnen sei in diesem Sinne vorgebracht. Was hier angestrebt wird,
ist, das in der Seele am Naturwissen Entfaltete sich so weiter
entwickeln zu lassen, wie es sich seiner eigenen Wesenheit nach
entwickeln kann, und dann darauf aufmerksam zu machen, daß
bei solcher Entwickelung die Seele auf übersinnliche Tatsachen
stößt. Es wird dabei vorausgesetzt, daß jeder Leser, der auf das
Ausgeführte einzugehen vermag, ganz notwendig auf diese Tatsachen
stößt. Ein Unterschied gegenüber der rein naturwissenschaftlichen
Betrachtung liegt allerdings in dem Augenblicke
vor, in dem man das geisteswissenschaftliche Gebiet betritt. In
der Naturwissenschaft liegen die Tatsachen im Felde der Sinneswelt
vor; der wissenschaftliche Darsteller betrachtet die Seelenbetätigung
als etwas, das gegenüber dem Zusammenhang und
Verlauf der Sinnes-Tatsachen zurücktritt. Der geisteswissenschaftliche
Darsteller muß diese Seelenbetätigung in den Vordergrund
stellen; denn der Leser gelangt nur zu den Tatsachen,
wenn er diese Seelenbetätigung in rechtmäßiger Weise zu seiner
eigenen macht. Diese Tatsachen sind nicht wie in der Naturwissenschaft
- allerdings Unbegriffen - auch ohne die Seelenbetätigung
vor der menschlichen Wahrnehmung; sie treten vielmehr in
diese nur durch die Seelenbetätigung. Der geisteswissenschaftliche
Darsteller setzt also voraus, daß der Leser mit ihm gemeinsam
die Tatsachen sucht. Seine Darstellung wird in der Art gehalten
sein, daß er von dem Auffinden dieser Tatsachen erzählt
und daß in der Art, wie er erzählt, nicht persönliche Willkür,
sondern der an der Naturwissenschaft heranerzogene wissenschaftliche
Sinn herrscht. Er wird daher auch genötigt sein, von
den Mitteln zu sprechen, durch die man zu einer Betrachtung des
Nichtsinnlichen - des Übersinnlichen gelangt. - Wer sich in eine
geheimwissenschaftliche Darstellung einläßt, der wird bald einsehen,
daß durch sie Vorstellungen und Ideen erworben werden,
die man vorher nicht gehabt hat. So kommt man zu neuen Gedanken
auch über das, was man vorher über das Wesen des «Beweisens
» gemeint hat. Man lernt erkennen, daß für die naturwissenschaftliche
Darstellung das «Beweisen» etwas ist, was an
diese gewissermaßen von außen herangebracht wird. Im geisteswissenschaftlichen
Denken liegt aber die Betätigung, welche die
Seele beim naturwissenschaftlichen Denken auf den Beweis
wendet, schon in dem Suchen nach den Tatsachen. Man kann
diese nicht finden, wenn nicht der Weg zu ihnen schon ein beweisender
ist. Wer diesen Weg wirklich durchschreitet, hat auch
schon das Beweisende erlebt; es kann nichts durch einen von
außen hinzugefügten Beweis geleistet werden. Daß man dieses
im Charakter der Geheimwissenschaft verkennt, ruft viele Mißverständnisse
hervor.
Alle Geheimwissenschaft muß aus zwei Gedanken hervorkeimen,
die in jedem Menschen Wurzel fassen können. Für den
Geheimwissenschafter, wie er hier gemeint ist, drücken diese
beiden Gedanken Tatsachen aus, die man erleben kann, wenn
man sich der rechten Mittel dazu bedient. Für viele Menschen
bedeuten schon diese Gedanken höchst anfechtbare Behauptungen,
über die sich viel streiten läßt, wenn nicht gar etwas, dessen
Unmöglichkeit man «beweisen» kann.
Diese beiden Gedanken sind, daß es hinter der sichtbaren
Welt eine unsichtbare, eine zunächst für die Sinne und das an
diese Sinne gefesselte Denken verborgene Welt gibt, und daß es
dem Menschen durch Entwickelung von Fähigkeiten, die in ihm
schlummern, möglich ist, in diese verborgene Welt einzudringen.
Solch eine verborgene Welt gibt es nicht, sagt der eine. Die
Welt, welche der Mensch durch seine Sinne wahrnimmt, sei die
einzige. Man könne ihre Rätsel aus ihr selbst lösen. Wenn auch
der Mensch gegenwärtig noch weit davon entfernt sei, alle Fragen
des Daseins beantworten zu können, es werde schon die Zeit
kommen, wo die Sinneserfahrung und die auf sie gestützte Wissenschaft
die Antworten werden geben können.
Man könne nicht behaupten, daß es nicht eine verborgene
Welt hinter der sichtbaren gebe, sagen andere; aber die menschlichen
Erkenntniskräfte können nicht in diese Welt eindringen.
Sie haben Grenzen, die sie nicht überschreiten können. Mag das
Bedürfnis des «Glaubens» zu einer solchen Welt seine Zuflucht
nehmen: eine wahre Wissenschaft, die sich auf gesicherte Tatsachen
stützt, könne sich mit einer solchen Welt nicht beschäftigen.
Eine dritte Partei ist die, welche es für eine Art Vermessenheit
ansieht, wenn der Mensch durch seine Erkenntnisarbeit in
ein Gebiet eindringen will, in bezug auf welches man auf «Wissen
» verzichten und sich mit dem «Glauben» bescheiden soll.
Wie ein Unrecht empfinden es die Bekenner dieser Meinung,
wenn der schwache Mensch vordringen will in eine Welt, die
einzig dem religiösen Leben angehören könne.
Auch das wird vorgebracht, daß allen Menschen eine gemeinsame
Erkenntnis der Tatsachen der Sinneswelt möglich sei, daß
aber in bezug auf die übersinnlichen Dinge einzig die persönliche
Meinung des einzelnen in Frage kommen könne und daß von
einer allgemein geltenden Gewißheit in diesen Dingen nicht
gesprochen werden sollte.
Andere behaupten vieles andere.
Man kann sich klar darüber werden, daß die Betrachtung der
sichtbaren Welt dem Menschen Rätsel vorlegt, die niemals aus
den Tatsachen dieser Welt selbst gelöst werden können. Sie
werden auch dann auf diese Art nicht gelöst werden, wenn die
Wissenschaft dieser Tatsachen so weit wie nur irgend möglich
fortgeschritten sein wird. Denn die sichtbaren Tatsachen weisen
deutlich durch ihre eigene innere Wesenheit auf eine verborgene
Welt hin. Wer solches nicht einsieht, der verschließt sich den
Rätseln, die überall deutlich aus den Tatsachen der Sinneswelt
hervorspringen. Er will gewisse Fragen und Rätsel gar nicht
sehen; deshalb glaubt er, daß alle Fragen durch die sinnenfälligen
Tatsachen beantwortet werden können. Diejenigen Fragen,
welche er stellen will, sind wirklich auch alle durch die Tatsachen
zu beantworten, von denen er sich verspricht, daß man sie
im Laufe der Zukunft entdecken werde. Das kann man ohne
weiteres zugeben. Aber warum sollte der auch auf Antworten in
gewissen Dingen warten, der gar keine Fragen stellt? Wer nach
Geheimwissenschaft strebt, sagt nichts anderes, als daß für ihn
solche Fragen selbstverständlich seien und daß man sie als einen
vollberechtigten Ausdruck der menschlichen Seele anerkennen
müsse. Die Wissenschaft kann doch nicht dadurch in Grenzen
eingezwängt werden, daß man dem Menschen das unbefangene
Fragen verbietet.
Zu der Meinung, der Mensch habe Grenzen seiner Erkenntnis,
die er nicht überschreiten könne und die ihn zwingen, vor
einer unsichtbaren Welt haltzumachen, muß doch gesagt werden:
es kann gar kein Zweifel obwalten, daß man durch diejenige
Erkenntnisart, welche da gemeint ist, nicht in eine unsichtbare
Welt eindringen könne. Wer diese Erkenntnisart für die einzig
mögliche hält, der kann gar nicht zu einer andern Ansicht als zu
der kommen, daß es dem Menschen versagt sei, in eine etwa
vorhandene höhere Welt einzudringen. Aber man kann doch
auch das Folgende sagen: wenn es möglich ist, eine andere Erkenntnisart
zu entwickeln, so kann doch diese in die übersinn-
liche Welt führen. Hält man eine solche Erkenntnisart für unmöglich,
dann kommt man zu einem Gesichtspunkte, von dem
aus gesehen alles Reden über eine übersinnliche Welt als der
reine Unsinn erscheint. Gegenüber einem unbefangenen Urteil
kann es aber für eine solche Meinung keinen andern Grund geben
als den, daß dem Bekenner derselben jene andere Erkenntnisart
unbekannt ist. Wie kann man aber über dasjenige überhaupt
urteilen, von dem man behauptet, daß man es nicht kenne?
Unbefangenes Denken muß sich zu dem Satze bekennen, daß
man nur von demjenigen spreche, was man kennt, und daß man
über dasjenige nichts feststelle, was man nicht kennt. Solches
Denken kann nur von dem Rechte sprechen, daß jemand eine
Sache mitteile, die er erfahren hat, nicht aber von einem Rechte,
daß jemand für unmöglich erkläre, was er nicht weiß oder nicht
wissen will. Man kann niemand das Recht bestreiten, sich um
das Übersinnliche nicht zu kümmern; aber niemals kann sich ein
echter Grund dafür ergeben, daß jemand nicht nur für das sich
maßgebend erklärte, was er wissen kann, sondern auch für alles
das, was «ein Mensch» nicht wissen kann.
Denen gegenüber, welche es als Vermessenheit erklären, in
das übersinnliche Gebiet einzudringen, muß eine geheimwissenschaftliche
Betrachtung zu bedenken geben, daß man dies könne
und daß es eine Versündigung sei gegen die dem Menschen
gegebenen Fähigkeiten, wenn er sie veröden läßt, statt sie zu
entwickeln und sich ihrer zu bedienen.
Wer aber glaubt, die Ansichten über die übersinnliche Welt
müssen ganz dem persönlichen Meinen und Empfinden angehören,
der verleugnet das Gemeinsame in allen menschlichen Wesen.
Es ist gewiß richtig, daß die Einsicht in diese Dinge ein
jeder durch sich selbst finden müsse, es ist auch eine Tatsache,
daß alle diejenigen Menschen, welche nur weit genug gehen,
über diese Dinge nicht zu verschiedenen, sondern zu der gleichen
Einsicht kommen. Die Verschiedenheit ist nur solange
vorhanden, als sich die Menschen nicht auf einem wissenschaftlich
gesicherten Wege, sondern auf dem der persönlichen Willkür
den höchsten Wahrheiten nähern wollen. Das allerdings muß
ohne weiteres wieder zugestanden werden, daß nur derjenige die
Richtigkeit des geheimwissenschaftlichen Weges anerkennen
könne, der sich in dessen Eigenart einleben will.
Den Weg zur Geheimwissenschaft kann jeder Mensch in dem
für ihn geeigneten Zeitpunkte finden, der das Vorhandensein
eines Verborgenen aus dem Offenbaren heraus erkennt oder auch
nur vermutet oder ahnt, und welcher aus dem Bewußtsein heraus,
daß die Erkenntniskräfte entwickelungsfähig seien, zu dem Gefühl
getrieben wird, daß das Verborgene sich ihm enthüllen
könne. Einem Menschen, der durch diese Seelenerlebnisse zur
Geheimwissenschaft geführt wird, dem eröffnet sich durch diese
nicht nur die Aussicht, daß er für gewisse Fragen seines Erkenntnisdranges
die Antwort finden werde, sondern auch noch die
ganz andere, daß er zum Überwinder alles dessen wird, was das
Leben hemmt und schwach macht. Und es bedeutet in einem
gewissen höheren Sinne eine Schwächung des Lebens, ja einen
seelischen Tod, wenn der Mensch sich gezwungen sieht, sich
von dem Übersinnlichen abzuwenden oder es zu leugnen. Ja, es
führt unter gewissen Voraussetzungen zur Verzweiflung, wenn
ein Mensch die Hoffnung verliert, daß ihm das Verborgene offenbar
werde. Dieser Tod und diese Verzweiflung in ihren mannigfaltigen
Formen sind zugleich innere, seelische Gegner geheimwissenschaftlicher
Bestrebung. Sie treten ein, wenn des
Menschen innere Kraft dahinschwindet. Dann muß ihm alle
Kraft des Lebens von außen zugeführt werden, wenn überhaupt
eine solche in seinen Besitz kommen soll. Er nimmt dann die
Dinge, die Wesenheiten und Vorgänge wahr, welche an seine
Sinne herantreten; er zergliedert diese mit seinem Verstande. Sie
bereiten ihm Freude und Schmerz; sie treiben ihn zu den Handlungen,
deren er fähig ist. Er mag es eine Weile so weiter treiben:
er muß aber doch einmal an einen Punkt gelangen, an dem er
innerlich abstirbt. Denn was so aus der Welt für den Menschen
herausgezogen werden kann, erschöpft sich. Dies ist nicht eine
Behauptung, welche aus der persönlichen Erfahrung eines einzelnen
stammt, sondern etwas, was sich aus einer unbefangenen
Betrachtung alles Menschenlebens ergibt. Was vor dieser Erschöpfung
bewahrt, ist das Verborgene, das in der Tiefe der
Dinge ruht. Erstirbt in dem Menschen die Kraft, in diese Tiefen
hinunterzusteigen, um immer neue Lebenskraft heraufzuholen,
so erweist sich zuletzt auch das Äußere der Dinge nicht mehr
lebenfördernd.
Die Sache verhält sich keineswegs so, daß sie nur den einzelnen
Menschen, nur dessen persönliches Wohl und Wehe
anginge. Gerade durch wahre geheimwissenschaftliche Betrachtungen
wird es dem Menschen zur Gewißheit, daß von einem
höheren Gesichtspunkte aus das Wohl und Wehe des einzelnen
innig zusammenhängt mit dem Heile oder Unheile der ganzen
Welt. Es gibt da einen Weg, auf dem der Mensch zu der Einsicht
gelangt, daß er der ganzen Welt und allen Wesen in ihr einen
Schaden zufügt, wenn er seine Kräfte nicht in der rechten Art zur
Entfaltung bringt. Verödet der Mensch sein Leben dadurch, daß
er den Zusammenhang mit dem Übersinnlichen verliert, so zerstört
er nicht nur in seinem Innern etwas, dessen Absterben ihn
zur Verzweiflung zuletzt führen kann, sondern er bildet durch
seine Schwäche ein Hemmnis für die Entwickelung der ganzen
Welt, in der er lebt.
Nun kann sich der Mensch täuschen. Er kann sich dem Glauben
hingeben, daß es ein Verborgenes nicht gäbe, daß in demjenigen,
was an seine Sinne und an seinen Verstand herantritt,
schon alles enthalten sei, was überhaupt vorhanden sein kann.
Aber diese Täuschung ist nur für die Oberfläche des Bewußtseins
möglich, nicht für dessen Tiefe. Das Gefühl und der
Wunsch fügen sich diesem täuschenden Glauben nicht. Sie werden
immer wieder in irgendeiner Art nach einem Verborgenen
verlangen. Und wenn ihnen dieses entzogen ist, drängen sie den
Menschen in Zweifel, in Lebensunsicherheit, ja eben in die Verzweiflung
hinein. Ein Erkennen, welches das Verborgene offen-
bar macht, ist geeignet, alle Hoffnungslosigkeit, alle Lebensunsicherheit,
alle Verzweiflung, kurz alles dasjenige zu überwinden,
was das Leben schwächt und es unfähig zu dem ihm
notwendigen Dienste im Weltganzen macht.
Das ist die schöne Frucht geisteswissenschaftlicher Erkenntnisse,
daß sie dem Leben Stärke und Festigkeit und nicht allein
der Wißbegierde Befriedigung geben. Der Quell, aus dem solche
Erkenntnisse Kraft zur Arbeit, Zuversicht für das Leben schöpfen,
ist ein unversieglicher. Keiner, der einmal an diesen Quell
wahrhaft herangekommen ist, wird bei wiederholter Zuflucht, die
er zu demselben nimmt, ungestärkt hinweggehen.
Es gibt Menschen, die aus dem Grunde von solchen Erkenntnissen
nichts wissen wollen, weil sie in dem eben Gesagten
schon etwas Ungesundes sehen. Für die Oberfläche und das
Äußere des Lebens haben solche Menschen durchaus recht. Sie
wollen das nicht verkümmert wissen, was das Leben in der sogenannten
Wirklichkeit darbietet. Sie sehen eine Schwäche darin,
wenn sich der Mensch von der Wirklichkeit abwendet und
sein Heil in einer verborgenen Welt sucht, die für sie ja einer
phantastischen, erträumten gleichkommt. Will man bei solchem
geisteswissenschaftlichen Suchen nicht in krankhafte Träumerei
und Schwäche verfallen, so muß man das teilweise Berechtigte
solcher Einwände anerkennen. Denn sie beruhen auf einem gesunden
Urteile, welches nur dadurch nicht zu einer ganzen, sondern
zu einer halben Wahrheit führt, daß es nicht in die Tiefen
der Dinge dringt, sondern an deren Oberfläche stehenbleibt. -
Wäre ein übersinnliches Erkenntnisstreben dazu angetan, das
Leben zu schwächen und den Menschen zur Abkehr zu bringen
von der wahren Wirklichkeit, dann wären sicher solche Einwände
stark genug, dieser Geistesrichtung den Boden unter den
Füßen wegzuziehen.
Aber auch diesen Meinungen gegenüber würden geheimwissenschaftliche
Bestrebungen nicht den rechten Weg gehen, wenn
sie sich im gewöhnlichen Sinne des Wortes «verteidigen» wollten.
Auch da können sie nur durch ihren für jeden Unbefangenen
erkennbaren Wert sprechen, wenn sie fühlbar machen, wie sie
Lebenskraft und Lebensstärke dem erhöhen, der sich im rechten
Sinne in sie einlebt. Diese Bestrebungen können nicht zum weltfremden
Menschen, nicht zum Träumer machen; sie erkraften
den Menschen aus denjenigen Lebensquellen, aus denen er,
seinem geistig-seelischen Teil nach, stammt.
Andere Hindernisse des Verständnisses noch legen sich manchem
Menschen in den Weg, wenn er an geheimwissenschaftliche
Bestrebungen herantritt. Es ist nämlich grundsätzlich zwar
richtig, daß der Leser in der geheimwissenschaftlichen Darstellung
eine Schilderung findet von Seelenerlebnissen, durch deren
Verfolgung er sich zu den übersinnlichen Weltinhalten hinbewegen
kann. Allein in der Praxis muß sich dieses doch als eine Art
Ideal ausleben. Der Leser muß zunächst eine größere Summe
von übersinnlichen Erfahrungen, die er noch nicht selbst erlebt,
mitteilungsgemäß aufnehmen. Das kann nicht anders sein und
wird auch mit diesem Buche so sein. Es wird geschildert werden,
was der Verfasser zu wissen vermeint über das Wesen des Menschen,
über dessen Verhalten in Geburt und Tod und im leibfreien
Zustande in der geistigen Welt; es wird ferner dargestellt
werden die Entwickelung der Erde und der Menschheit. So
könnte es scheinen, als ob doch die Voraussetzung gemacht würde,
daß eine Anzahl vermeintlicher Erkenntnisse wie Dogmen
vorgetragen würden, für die Glauben auf Autorität hin verlangt
würde. Es ist dies aber doch nicht der Fall. Was nämlich von
übersinnlichen Weltinhalten gewußt werden kann, das lebt in
dem Darsteller als lebendiger Seeleninhalt; und lebt man sich in
diesen Seeleninhalt ein, so entzündet dieses Einleben in der
eigenen Seele die Impulse, welche nach den entsprechenden
übersinnlichen Tatsachen hinführen. Man lebt im Lesen von
geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen auf andere Art, als in
demjenigen der Mitteilungen sinnenfälliger Tatsachen. Liest man
Mitteilungen aus der sinnenfälligen Welt, so liest man eben über
sie. Liest man aber Mitteilungen über übersinnliche Tatsachen
im rechten Sinne, so lebt man sich ein in den Strom geistigen
Daseins. Im Aufnehmen der Ergebnisse nimmt man zugleich den
eigenen Innenweg dazu auf. Es ist richtig, daß dies hier Gemeinte
von dem Leser zunächst oft gar nicht bemerkt wird. Man stellt
sich den Eintritt in die geistige Welt viel zu ähnlich einem sinnenfälligen
Erlebnis vor, und so findet man, daß, was man beim
Lesen von dieser Welt erlebt, viel zu gedankenmäßig ist. Aber in
dem wahren gedankenmäßigen Aufnehmen steht man in dieser
Welt schon drinnen und hat sich nur noch klar darüber zu werden,
daß man schon unvermerkt erlebt hat, was man vermeinte,
bloß als Gedankenmitteilung erhalten zu haben. - Man wird über
die echte Natur dieses Erlebten dann volle Klarheit erhalten,
wenn man praktisch durchführt, was im zweiten (letzten) Teile
dieses Buches als «Weg» zu den übersinnlichen Erkenntnissen
geschildert wird. Man könnte leicht glauben, das Umgekehrte sei
richtig: dieser Weg müsse zuerst geschildert werden. Das ist aber
nicht der Fall. Wer, ohne auf bestimmte Tatsachen der übersinnlichen
Welt den Seelenblick zu richten, nur «Übungen» macht,
um in die übersinnliche Welt einzutreten, für den bleibt diese
Welt ein unbestimmtes, sich verwirrendes Chaos. Man lernt sich
einleben in diese Welt gewissermaßen naiv, indem man sich über
bestimmte Tatsachen derselben unterrichtet, und dann gibt man
sich Rechenschaft, wie man - die Naivität verlassend - vollbewußt
selbst zu den Erlebnissen gelangt, von denen man Mitteilung
erlangt hat. Man wird sich, wenn man in geheimwissenschaftliche
Darstellungen eindringt, überzeugen, daß ein sicherer
Weg zu übersinnlicher Erkenntnis doch nur dieser sein kann.
Man wird auch erkennen, daß alle Meinung, es könnten die übersinnlichen
Erkenntnisse zuerst als Dogmen gewissermaßen durch
suggestive Macht wirken, unbegründet ist. Denn der Inhalt dieser
Erkenntnisse wird in einem solchen Seelenleben erworben, das
ihm jede bloß suggestive Gewalt benimmt und ihm nur die Möglichkeit
gibt, auf demselben Wege zum andern zu sprechen, auf
dem alle Wahrheiten zu ihm sprechen, die sich an sein besonnenes
Urteil richten. Daß der andere zunächst nicht bemerkt, wie er
in der geistigen Welt lebt, dazu liegt nicht der Grund in einem
unbesonnenen suggestiven Aufnehmen, sondern in der Feinheit
und dem Ungewohnten des im Lesen Erlebten. - So wird man
durch das erste Aufnehmen der Mitteilungen, wie sie im ersten
Teile dieses Buches gegeben sind, zunächst Mit-Erkenner der
übersinnlichen Welt; durch die praktische Ausführung der im
zweiten Teile angegebenen Seelenverrichtungen wird man selbständiger
Erkenner in dieser Welt.
Dem Geiste und dem wahren Sinne nach wird auch kein
echter Wissenschafter einen Widerspruch finden können zwischen
seiner auf den Tatsachen der Sinnenwelt erbauten Wissenschaft
und der Art, wie die übersinnliche Welt erforscht wird.
Jener Wissenschafter bedient sich gewisser Werkzeuge und
Methoden. Die Werkzeuge stellt er sich durch Verarbeitung
dessen her, was ihm die «Natur» gibt. Die übersinnliche Erkenntnisart
bedient sich auch eines Werkzeuges. Nur ist dieses Werkzeug
der Mensch selbst. Und auch dieses Werkzeug muß für die
höhere Forschung erst zugerichtet werden. Es müssen in ihm die
zunächst ohne des Menschen Zutun ihm von der «Natur» gegebenen
Fähigkeiten und Kräfte in höhere umgewandelt werden.
Dadurch kann sich der Mensch selbst zum Instrument machen
für die Erforschung der übersinnlichen Welt.
WESEN DER MENSCHHEIT
Bei der Betrachtung des Menschen vom Gesichtspunkte einer
übersinnlichen Erkenntnisart tritt sogleich in Kraft, was von
dieser Erkenntnisart im allgemeinen gilt. Diese Betrachtung
beruht auf der Anerkennung des «offenbaren Geheimnisses» in
der eigenen menschlichen Wesenheit. Den Sinnen und dem auf
sie gestützten Verstande ist nur ein Teil von dem zugänglich,
was in übersinnlicher Erkenntnis als menschliche Wesenheit
erfaßt wird, nämlich der physische Leib. Um den Begriff von
diesem physischen Leib zu beleuchten, muß zunächst die Aufmerksamkeit
auf die Erscheinung gelenkt werden, die wie das
große Rätsel über alle Beobachtung des Lebens ausgebreitet
liegt: auf den Tod und, im Zusammenhang damit, auf die sogenannte
leblose Natur, auf das Reich des Mineralischen, das
stets den Tod in sich trägt. Es ist damit auf Tatsachen hingewiesen,
deren volle Aufklärung nur durch übersinnliche Erkenntnis
möglich ist und denen ein wichtiger Teil dieser Schrift gewidmet
werden muß. Hier aber sollen vorerst nur einige Vorstellungen
zur Orientierung angeregt werden.
Innerhalb der offenbaren Welt ist der physische Menschenleib
dasjenige, worinnen der Mensch der mineralischen Welt gleich
ist. Dagegen kann nicht als physischer Leib das gelten, was den
Menschen vom Mineral unterscheidet. Für eine unbefangene
Betrachtung ist vor allem die Tatsache wichtig, daß der Tod
dasjenige von der menschlichen Wesenheit bloßlegt, was, wenn
der Tod eingetreten ist, mit der mineralischen Welt gleicher Art
ist. Man kann auf den Leichnam als auf das vom Menschen
hinweisen, was nach dem Tode Vorgängen unterworfen ist, die
sich im Reiche der mineralischen Welt finden. Man kann die
Tatsache betonen, daß in diesem Gliede der Menschenwesenheit,
dem Leichnam, dieselben Stoffe und Kräfte wirksam sind wie im
mineralischen Gebiet; aber nötig ist, nicht minder stark zu betonen,
daß mit dem Tode für diesen physischen Leib der Zerfall
eintritt. Berechtigt ist aber auch, zu sagen: gewiß, es sind im
physischen Menschenleibe dieselben Stoffe und Kräfte wirksam
wie im Mineral; aber ihre Wirksamkeit ist während des Lebens
in einen höheren Dienst gestellt. Sie wirken erst der mineralischen
Welt gleich, wenn der Tod eingetreten ist. Da treten sie
auf, wie sie ihrer eigenen Wesenheit gemäß auftreten müssen,
nämlich als Auflöser der physischen Leibesgestaltung.
So ist im Menschen scharf zu scheiden das Offenbare von
dem Verborgenen. Denn während des Lebens muß ein Verborgenes
einen fortwährenden Kampf führen gegen die Stoffe und
Kräfte des Mineralischen im physischen Leibe. Hört dieser
Kampf auf, so tritt die mineralische Wirksamkeit auf. - Damit ist
auf den Punkt hingewiesen, an dem die Wissenschaft vom Übersinnlichen
einsetzen muß. Sie hat dasjenige zu suchen, was den
angedeuteten Kampf führt. Und dies eben ist für die Beobachtung
der Sinne verborgen. Es ist erst der übersinnlichen Beobachtung
zugänglich. Wie der Mensch dazu gelangt, daß ihm
dieses «Verborgene» so offenbar werde, wie es den gewöhnlichen
Augen die sinnlichen Erscheinungen sind, davon wird in
einem späteren Teile dieser Schrift gesprochen werden. Hier aber
soll beschrieben werden, was sich der übersinnlichen Beobachtung
ergibt.
Es ist schon gesagt worden: nur dann können die Mitteilungen
über den Weg, auf dem man zum höheren Schauen gelangt,
dem Menschen von Wert sein, wenn er sich zuerst durch die
bloße Erzählung bekanntgemacht hat mit dem, was die übersinnliche
Forschung enthüllt. Denn begreifen kann man eben auch
das auf diesem Gebiete, was man noch nicht beobachtet. Ja es ist
der gute Weg zum Schauen derjenige, welcher vom Begreifen
ausgeht.
Wenn nun auch jenes Verborgene, das in dem physischen
Leibe den Kampf gegen den Zerfall führt, nur für das höhere
Schauen zu beobachten ist: in seinen Wirkungen liegt es für die
auf das Offenbare sich beschränkende Urteilskraft klar zutage.
Und diese Wirkungen drücken sich in der Form oder Gestalt aus,
in welcher während des Lebens die mineralischen Stoffe und
Kräfte des physischen Leibes zusammengefügt sind. Diese Form
entschwindet nach und nach, und der physische Leib wird ein
Teil der übrigen mineralischen Welt, wenn der Tod eingetreten
ist. Die übersinnliche Anschauung aber kann dasjenige als selbständiges
Glied der menschlichen Wesenheit beobachten, was
die physischen Stoffe und Kräfte während des Lebens hindert,
ihre eigenen Wege zu gehen, welche zur Auflösung des physi*
Daß mit der Bezeichnung «Ätherleib», «Lebensleib» nicht einfach die Anschauung von
der alten, naturwissenschaftlich überwundenen «Lebenskraft» erneuert werden soll,
darüber hat sich der Verfasser dieses Buches in seiner «Theosophie» ausgesprochen.
schen Leibes führen. Es sei dieses selbständige Glied der «Ätherleib
» oder «Lebensleib» genannt. - Wenn sich nicht sogleich,
von Anfang an, Mißverständnisse einschleichen sollen, so muß
gegenüber diesen Bezeichnungen eines zweiten Gliedes der
menschlichen Wesenheit zweierlei berücksichtigt werden. Das
Wort «Äther» wird hier in einem andern Sinne gebraucht, als
dies von der gegenwärtigen Physik geschieht. Diese bezeichnet
zum Beispiel den Träger des Lichtes als Äther. Hier soll aber das
Wort in dem Sinne begrenzt werden, der oben angegeben worden
ist. Es soll angewendet werden für dasjenige, was dem höheren
Schauen zugänglich ist und was sich für die Sinnesbeobachtung
nur in seinen Wirkungen zu erkennen gibt, nämlich
dadurch, daß es den im physischen Leibe vorhandenen mineralischen
Stoffen und Kräften eine bestimmte Form oder Gestalt zu
geben vermag. Und auch das Wort «Leib» soll nicht mißverstanden
werden. Man muß zur Bezeichnung der höheren Dinge
des Daseins eben doch die Worte der gewöhnlichen Sprache
gebrauchen. Und diese drücken ja für die Sinnesbeobachtung nur
das Sinnliche aus. Im sinnlichen Sinne ist natürlich der «Ätherleib
» durchaus nichts Leibliches, wie fein man sich ein solches
auch vorstellen mag. note
Indem man in der Darstellung des Übersinnlichen bis zur
Erwähnung dieses «Ätherleibes» oder «Lebensleibes« gelangt,
ist schon der Punkt erreicht, an dem solcher Darstellung der
Widerspruch mancher gegenwärtigen Ansicht begegnen muß.
Die Entwickelung des Menschengeistes hat dahin geführt, daß in
unserer Zeit das Sprechen von einem solchen Gliede der menschlichen
Wesenheit als etwas Unwissenschaftliches angesehen
werden muß. Die materialistische Vorstellungsart ist dazu gelangt,
in dem lebendigen Leibe nichts anderes zu sehen als eine
Zusammenfügung von physischen Stoffen und Kräften, wie sie
sich in dem sogenannten leblosen Körper, in dem Mineral, auch
findet. Nur sei die Zusammenfügung in dem Lebendigen komplizierter
als in dem Leblosen. Man hat auch in der gewöhnlichen
Wissenschaft vor nicht allzulanger Zeit noch andere Ansichten
gehabt. Wer die Schriften manches ernsten Wissenschafters
aus der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts verfolgt,
dem wird klar, wie da auch «echte Naturforscher» sich bewußt
waren, daß in dem lebendigen Leibe noch etwas anderes vorhanden
ist als in dem leblosen Mineral. Man sprach von einer «Lebenskraft
». Zwar wird diese «Lebenskraft» nicht als das vorgestellt,
was oben als «Lebensleib» gekennzeichnet ist; aber der
betreffenden Vorstellung liegt doch eine Ahnung davon zugrunde,
daß es dergleichen gibt. Man stellte sich diese «Lebenskraft»
etwa so vor, wie wenn sie in dem lebendigen Leibe zu den physischen
Stoffen und Kräften hinzukäme auf ähnliche Art, wie die
magnetische Kraft zu dem bloßen Eisen in dem Magneten. Dann
kam die Zeit, in welcher diese «Lebenskraft» aus dem Bestande
der Wissenschaft entfernt wurde. Man wollte für alles mit den
bloßen physischen und chemischen Ursachen ausreichen. Gegenwärtig
ist in dieser Beziehung bei manchem naturwissenschaftlichen
Denker wieder ein Rückschlag eingetreten. Es wird von
mancher Seite zugegeben, daß die Annahme von etwas der «Lebenskraft
» Ähnlichem doch kein völliger Unsinn sei. Doch wird
auch derjenige «Wissenschafter», der sich zu solchem herbeiläßt,
mit der hier dargestellten Anschauung in bezug auf den «Lebensleib
» nicht gemeinsame Sache machen wollen. Es wird in der
Regel zu keinem Ziele führen, wenn man sich vom Gesichtspunkte
übersinnlicher Erkenntnis mit solchen Ansichten in eine
Diskussion einläßt. Es sollte vielmehr die Sache dieser Erkenntnis
sein, anzuerkennen, daß die materialistische Vorstellungsart
eine notwendige Begleiterscheinung des großen naturwissenschaftlichen
Fortschrittes in unserer Zeit ist. Dieser Fortschritt
beruht auf einer gewaltigen Verfeinerung der Mittel zur Sinnesbeobachtung.
Und es liegt einmal im Wesen des Menschen, daß
er innerhalb der Entwickelung jeweilig einzelne Fähigkeiten auf
Kosten anderer zu einem gewissen Vollkommenheitsgrade
bringt. Die genaue Sinnesbeobachtung, die sich in einem so
bedeutungsvollen Maße durch die Naturwissenschaft entwickelt
hat, mußte die Pflege derjenigen menschlichen Fähigkeiten in
den Hintergrund treten lassen, welche in die «verborgenen Welten
» führen. Aber eine Zeit ist wieder da, in welcher diese Pflege
notwendig ist. Und das Verborgene wird nicht dadurch anerkannt,
daß man die Urteile bekämpft, welche aus dem Ableugnen
dieses Verborgenen ja doch mit logischer Folgerichtigkeit sich
ergeben, sondern dadurch, daß man dieses Verborgene selbst in
das rechte Licht setzt. Anerkennen werden es dann diejenigen,
für welche die «Zeit gekommen ist».
Es mußte dies hier nur gesagt werden, damit man nicht Unbekanntschaft
mit den Gesichtspunkten der Naturwissenschaft
voraussetzt, wenn von einem «Ätherleib» gesprochen wird, der
doch in manchen Kreisen für etwas völlig Phantastisches gelten
muß.
Dieser Ätherleib ist also ein zweites Glied der menschlichen
Wesenheit. Ihm kommt für das übersinnliche Erkennen ein höherer
Grad von Wirklichkeit zu als dem physischen Leibe. Eine
Beschreibung, wie ihn das übersinnliche Erkennen sieht, kann
erst in den folgenden Teilen dieser Schrift gegeben werden,
wenn hervortreten wird, in welchem Sinne solche Beschreibungen
zu nehmen sind. Vorläufig mag es genügen, wenn gesagt
wird, daß der Ätherleib den physischen Körper, überall durchsetzt
und daß er wie eine Art Architekt des letzteren anzusehen
ist. Alle Organe werden in ihrer Form und Gestalt durch die
Strömungen und Bewegungen des Ätherleibes gehalten. Dem
physischen Herzen liegt ein «Ätherherz» zugrunde, dem physischen
Gehirn ein «Äthergehirn» usw. Es ist eben der Ätherleib in
sich gegliedert wie der physische, nur komplizierter, und es ist in
ihm alles in lebendigem Durcheinanderfließen, wo im physischen
Leibe abgesonderte Teile vorhanden sind.
Diesen Ätherleib hat nun der Mensch so mit dem Pflanzlichen
gemein, wie er den physischen Leib mit dem Mineralischen
gemein hat. Alles Lebendige hat seinen Ätherleib.
Von dem Ätherleib steigt die übersinnliche Betrachtung auf
zu einem weiteren Gliede der menschlichen Wesenheit. Sie deutet
zur Bildung einer Vorstellung von diesem Gliede auf die
Erscheinung des Schlafes hin, wie sie beim Ätherleib auf den
Tod hingewiesen hat. - Alles menschliche Schaffen beruht auf
der Tätigkeit im Wachen, so weit das Offenbare in Betracht
kommt. Diese Tätigkeit ist aber nur möglich, wenn der Mensch
die Erstarkung seiner erschöpften Kräfte sich immer wieder aus
dem Schlafe holt. Handeln und Denken schwinden dahin im
Schlafe, aller Schmerz, alle Lust versinken für das bewußte Leben.
Wie aus verborgenen, geheimnisvollen Brunnen steigen
beim Erwachen des Menschen bewußte Kräfte aus der Bewußtlosigkeit
des Schlafes auf. Es ist dasselbe Bewußtsein, das beim
Einschlafen hinuntersinkt in die dunklen Tiefen und das beim
Aufwachen wieder heraufsteigt. Dasjenige, was das Leben immer
wieder aus dem Zustand der Bewußtlosigkeit erweckt, ist im
Sinne übersinnlicher Erkenntnis das dritte Glied der menschlichen
Wesenheit. Man kann es den Astralleib nennen. Wie der
physische Leib nicht durch die in ihm befindlichen mineralischen
Stoffe und Kräfte seine Form erhalten kann, sondern wie
er, um dieser Erhaltung willen, von dem Ätherleibe durchsetzt
sein muß, so können die Kräfte des Ätherleibes sich nicht durch
sich selbst mit dem Lichte des Bewußtseins durchleuchten. Ein
Ätherleib, der bloß sich selbst überlassen wäre, müßte sich fortdauernd
in dem Zustande des Schlafes befinden. Man kann auch
sagen: er könnte in dem physischen Leibe nur ein Pflanzensein
unterhalten. Ein wachender Ätherleib ist von einem Astralleib
durchleuchtet. Für die Sinnesbeobachtung verschwindet die
Wirkung dieses Astralleibes, wenn der Mensch in Schlaf versinkt.
Für die übersinnliche Beobachtung bleibt er noch vorhanden;
nur erscheint er von dem Ätherleib getrennt oder aus ihm
herausgehoben. Die Sinnesbeobachtung hat es eben nicht mit
dem Astralleib selbst zu tun, sondern nur mit seinen Wirkungen
in dem Offenbaren. Und solche sind während des Schlafes nicht
unmittelbar vorhanden. In demselben Sinne, wie der Mensch
seinen physischen Leib mit den Mineralien, seinen Ätherleib mit
den Pflanzen gemein hat, ist er in bezug auf seinen Astralleib
gleicher Art mit den Tieren. Die Pflanzen sind in einem fortdauernden
Schlafzustande. Wer in diesen Dingen nicht genau urteilt,
der kann leicht in den Irrtum verfallen, auch den Pflanzen eine
Art von Bewußtsein zuzuschreiben, wie es die Tiere und Menschen
im Wachzustande haben. Das kann aber nur dann geschehen,
wenn man sich von dem Bewußtsein eine ungenaue Vorstellung
macht. Man sagt dann, wenn auf die Pflanze ein äußerer
Reiz ausgeübt wird, dann vollziehe sie gewisse Bewegungen wie
das Tier auch. Man spricht von der Empfindlichkeit mancher
Pflanzen, welche zum Beispiel ihre Blätter zusammenziehen,
wenn gewisse äußere Dinge auf sie einwirken. Doch ist es nicht
das Bezeichnende des Bewußtseins, daß ein Wesen auf eine
Wirkung eine gewisse Gegenwirkung zeigt, sondern daß das
Wesen in seinem Innern etwas erlebt, was zu der bloßen Gegenwirkung
als ein Neues hinzukommt. Sonst könnte man auch von
Bewußtsein sprechen, wenn sich ein Stück Eisen unter dem
Einflusse von Wärme ausdehnt. Bewußtsein ist erst vorhanden,
wenn das Wesen durch die Wirkung der Wärme zum Beispiel
innerlich Schmerz erlebt.
Das vierte Glied seiner Wesenheit, welches die übersinnliche
Erkenntnis dem Menschen zuschreiben muß, hat er nun nicht
mehr gemein mit der ihn umgebenden Welt des Offenbaren. Es
ist sein Unterscheidendes gegenüber seinen Mitwesen, dasjenige,
wodurch er die Krone der zunächst zu ihm gehörigen Schöpfung
ist. Die übersinnliche Erkenntnis bildet eine Vorstellung von
diesem weiteren Gliede der menschlichen Wesenheit, indem sie
darauf hinweist, daß auch innerhalb der wachen Erlebnisse noch
ein wesentlicher Unterschied besteht. Dieser Unterschied tritt
sofort hervor, wenn der Mensch seine Aufmerksamkeit darauf
lenkt, daß er im wachen Zustande einerseits fortwährend in der
Mitte von Erlebnissen steht, die kommen und gehen müssen, und
daß er andererseits auch Erlebnisse hat, bei denen dies nicht der
Fall ist. Es tritt das besonders scharf hervor, wenn man die Erlebnisse
des Menschen mit denen des Tieres vergleicht. Das Tier
erlebt mit großer Regelmäßigkeit die Einflüsse der äußeren Welt
und wird sich unter dem Einflusse der Wärme und Kälte des
Schmerzes und der Lust, unter gewissen regelmäßig ablaufenden
Vorgängen seines Leibes des Hungers und Durstes bewußt. Des
Menschen Leben ist mit solchen Erlebnissen nicht erschöpft. Er
kann Begierden, Wünsche entwickeln, die über das alles hinausgehen.
Beim Tier würde man immer nachweisen können,
wenn man weit genug zu gehen vermöchte, wo außer dem Leibe
oder in dem Leibe die Veranlassung zu einer Handlung, zu einer
Empfindung ist. Beim Menschen ist das keineswegs der Fall. Er
kann Wünsche und Begierden erzeugen, zu deren Entstehung die
Veranlassung weder innerhalb noch außerhalb seines Leibes
hinreichend ist. Allem, was in dieses Gebiet fällt, muß man eine
besondere Quelle geben. Und diese Quelle kann man im Sinne
der übersinnlichen Wissenschaft im «Ich» des Menschen sehen.
Das «Ich» kann daher als das vierte Glied der menschlichen
Wesenheit angesprochen werden. - Wäre der Astralleib sich
selbst überlassen, es würden sich Lust und Schmerz, Hungerund
Durstgefühle in ihm abspielen; was aber dann nicht zustandekäme,
ist die Empfindung: es sei ein Bleibendes in alle dem.
Nicht das Bleibende als solches wird hier als «Ich» bezeichnet,
sondern dasjenige, welches dieses Bleibende erlebt. Man muß
auf diesem Gebiete die Begriffe ganz scharf fassen, wenn nicht
Mißverständnisse entstehen sollen. Mit dem Gewahrwerden
eines Dauernden, Bleibenden im Wechsel der inneren Erlebnisse
beginnt das Aufdämmern des «Ichgefühles». Nicht daß ein Wesen
zum Beispiel Hunger empfindet, kann ihm ein Ichgefühl
geben. Der Hunger stellt sich ein, wenn die erneuerten Veranlassungen
zu ihm sich bei dem betreffenden Wesen geltend machen.
Es fällt dann über seine Nahrung her, weil eben diese erneuerten
Veranlassungen da sind. Das Ichgefühl tritt erst ein, wenn nicht
nur diese erneuerten Veranlassungen zu der Nahrung hintreiben,
sondern wenn bei einer vorhergehenden Sättigung eine Lust
entstanden ist und das Bewußtsein dieser Lust geblieben ist, so
daß nicht nur das gegenwärtige Erlebnis des Hungers, sondern
das vergangene der Lust zu dem Nahrungsmittel treibt. - Wie der
physische Leib zerfällt, wenn ihn nicht der Ätherleib zusammenhält,
wie der Ätherleib in die Bewußtlosigkeit versinkt, wenn ihn
nicht der Astralleib durchleuchtet, so müßte der Astralleib das
Vergangene immer wieder in die Vergessenheit sinken lassen,
wenn dieses nicht vom «Ich» in die Gegenwart herübergerettet
würde. Was für den physischen Leib der Tod, für den Ätherleib
der Schlaf, das ist für den Astralleib das Vergessen. Man kann
auch sagen: dem Ätherleib sei das Leben eigen, dem Astralleib
das Bewußtsein und dem Ich die Erinnerung.
Noch leichter als in den Irrtum, der Pflanze Bewußtsein zuzuschreiben,
kann man in denjenigen verfallen, bei dem Tiere
von Erinnerung zu sprechen. Es liegt so nahe, an Erinnerung zu
denken, wenn der Hund seinen Herrn wiedererkennt, den er
vielleicht ziemlich lange nicht gesehen hat. Doch in Wahrheit
beruht solches Wiedererkennen gar nicht auf Erinnerung, sondern
auf etwas völlig anderem. Der Hund empfindet eine gewisse
Anziehung zu seinem Herrn. Diese geht aus von der Wesenheit
des letzteren. Diese Wesenheit bereitet dem Hunde Lust, wenn
der Herr für ihn gegenwärtig ist. Und jedesmal, wenn diese Gegenwart
des Herrn eintritt, ist sie die Veranlassung zu einer
Erneuerung der Lust. Erinnerung ist aber nur dann vorhanden,
wenn ein Wesen nicht bloß mit seinen Erlebnissen in der Gegenwart
empfindet, sondern wenn es diejenigen der Vergangenheit
bewahrt. Man könnte sogar dieses zugeben und dennoch in den
Irrtum verfallen, der Hund habe Erinnerung. Man könnte nämlich
sagen: er trauert, wenn sein Herr ihn verläßt, also bleibt ihm
die Erinnerung an denselben. Auch das ist ein unrichtiges Urteil.
Durch das Zusammenleben mit dem Herrn wird für den Hund
dessen Gegenwart Bedürfnis, und er empfindet dadurch die
Abwesenheit in ähnlicher Art, wie er den Hunger empfindet.
Wer solche Unterscheidungen nicht macht, wird nicht zur Klarheit
über die wahren Verhältnisse des Lebens kommen.
Aus gewissen Vorurteilen heraus wird man gegen diese Darstellung
einwenden, daß man doch nicht wissen könne, ob beim
Tiere etwas der menschlichen Erinnerung Ähnliches vorhanden
sei oder nicht. Solcher Einwand beruht aber auf einer ungeschulten
Beobachtung. Wer wirklich sinngemäß beobachten kann, wie
sich das Tier im Zusammenhange seiner Erlebnisse verhält, der
bemerkt den Unterschied dieses Verhaltens von dem des Menschen.
Und er wird sich klar, daß das Tier sich so verhält, wie es
dem Nichtvorhandensein der Erinnerung entspricht. Für die übersinnliche
Beobachtung ist das ohne weiteres klar. Doch, was
dieser übersinnlichen Beobachtung unmittelbar zum Bewußtsein
kommt, das kann an seinen Wirkungen auf diesem Gebiete auch
von der sinnlichen Wahrnehmung und deren denkender Durchdringung
erkannt werden. Wenn man sagt, der Mensch wisse von
seiner Erinnerung durch innere Seelenbeobachtung, die er doch
beim Tiere nicht anstellen könne, so liegt einer solchen Behauptung
ein verhängnisvoller Irrtum zugrunde. Was sich der Mensch
über seine Erinnerungsfähigkeit zu sagen hat, das kann er nämlich
gar nicht einer inneren Seelenbeobachtung entnehmen, sondern
allein dem, was er mit sich in dem Verhalten zu den Dingen
und Vorgängen der Außenwelt erlebte Diese Erlebnisse macht er
mit sich und mit einem andern Menschen und auch mit den Tieren
auf die ganz gleiche Weise. Es ist nur ein Schein, der den
Menschen blendet, wenn er glaubt, er beurteile das Vorhandensein
der Erinnerung nur an der inneren Beobachtung. Was der
Erinnerung als Kraft zugrunde liegt, mag innerlich genannt werden;
das Urteil über diese Kraft wird auch für die eigene Person
durch den Blick auf den Zusammenhang des Lebens an der
Außenwelt erworben. Und diesen Zusammenhang kann man wie
bei sich auch bei dem Tiere beurteilen. In bezug auf solche Dinge
leidet unsere gebräuchliche Psychologie an ihren ganz ungeschulten,
ungenauen, im hohen Maße durch Beobachtungsfehler
täuschenden Vorstellungen.
Für das «Ich» bedeuten Erinnerung und Vergessen etwas
durchaus Ähnliches wie für den Astralleib Wachen und Schlaf.
Wie der Schlaf die Sorgen und Bekümmernisse des Tages in ein
Nichts verschwinden läßt, so breitet Vergessen einen Schleier
über die schlimmen Erfahrungen des Lebens und löscht dadurch
einen Teil der Vergangenheit aus. Und wie der Schlaf notwendig
ist, damit die erschöpften Lebenskräfte neu gestärkt werden, so
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muß der Mensch gewisse Teile seiner Vergangenheit aus der
Erinnerung vertilgen, wenn er neuen Erlebnissen frei und unbefangen
gegenüberstehen soll. Aber gerade aus dem Vergessen
erwächst ihm Stärkung für die Wahrnehmung des Neuen. Man
denke an Tatsachen wie das Lernen des Schreibens. Alle Einzelheiten,
welche das Kind zu durchleben hat, um schreiben zu
lernen, werden vergessen. Was bleibt, ist die Fähigkeit des
Schreibens. Wie würde der Mensch schreiben, wenn beim jedesmaligen
Ansetzen der Feder alle die Erlebnisse in der Seele als
Erinnerung aufstiegen, welche beim Schreibenlernen durchgemacht
werden mußten.
Nun tritt die Erinnerung in verschiedenen Stufen auf. Schon
das ist die einfachste Form der Erinnerung, wenn der Mensch
einen Gegenstand wahrnimmt und er dann nach dem Abwenden
von dem Gegenstande die Vorstellung von ihm wieder erwecken
kann. Diese Vorstellung hat der Mensch sich gebildet, während
er den Gegenstand wahrgenommen hat. Es hat sich da ein Vorgang
abgespielt zwischen seinem astralischen Leibe und seinem
Ich. Der Astralleib hat den äußeren Eindruck von dem Gegenstande
bewußt gemacht. Doch würde das Wissen von dem Gegenstande
nur so lange dauern, als dieser gegenwärtig ist, wenn
das Ich nicht das Wissen in sich aufnehmen und zu seinem Besitztume
machen würde. - Hier an diesem Punkte scheidet die
übersinnliche Anschauung das Leibliche von dem Seelischen.
Man spricht vom Astralleibe, solange man die Entstehung des
Wissens von einem gegenwärtigen Gegenstande im Auge hat.
Dasjenige aber, was dem Wissen Dauer gibt, bezeichnet man als
Seele. Man sieht aber zugleich aus dem Gesagten, wie eng verbunden
im Menschen der Astralleib mit dem Teile der Seele ist,
welcher dem Wissen Dauer verleiht. Beide sind gewissermaßen
zu einem Gliede der menschlichen Wesenheit vereinigt. Deshalb
kann man auch diese Vereinigung als Astralleib bezeichnen.
Auch kann man, wenn man eine genaue Bezeichnung will, von
dem Astralleib des Menschen als dem Seelenleib sprechen, und
von der Seele, insofern sie mit diesem vereinigt ist, als der Empfindungsseele.
Das Ich steigt zu einer höheren Stufe seiner Wesenheit, wenn
es seine Tätigkeit auf das richtet, was es aus dem Wissen der
Gegenstände zu seinem Besitztum gemacht hat. Dies ist die Tätigkeit,
durch welche sich das Ich von den Gegenständen der Wahrnehmung
immer mehr loslöst, um in seinem eigenen Besitze zu
arbeiten. Den Teil der Seele, dem dieses zukommt, kann man als
Verstandes- oder Gemütsseele bezeichnen. - Sowohl der Empfindungsseele
wie der Verstandesseele ist es eigen, daß sie mit dem
arbeiten, was sie durch die Eindrücke der von den Sinnen wahrgenommenen
Gegenstände erhalten und davon in der Erinnerung
bewahren. Die Seele ist da ganz hingegeben an das, was für sie
ein Äußeres ist. Auch dies hat sie ja von außen empfangen, was
sie durch die Erinnerung zu ihrem eigenen Besitz macht. Sie
kann aber über all das hinausgehen. Sie ist nicht allein
Empfindungs- und Verstandesseele. Die übersinnliche Anschauung
vermag am leichtesten eine Vorstellung von diesem
Hinausgehen zu bilden, wenn sie auf eine einfache Tatsache hinweist,
die nur in ihrer umfassenden Bedeutung gewürdigt werden
muß. Es ist diejenige, daß es im ganzen Umfange der Sprache
einen einzigen Namen gibt, der seiner Wesenheit nach sich von
allen andern Namen unterscheidet. Dies ist eben der Name
«Ich». Jeden andern Namen kann dem Dinge oder Wesen, denen
er zukommt, jeder Mensch geben. Das «Ich» als Bezeichnung
für ein Wesen hat nur dann einen Sinn, wenn dieses Wesen sich
diese Bezeichnung selbst beilegt. Niemals kann von außen an
eines Menschen Ohr der Name «Ich» als seine Bezeichnung
dringen; nur das Wesen selbst kann ihn auf sich anwenden. «Ich
bin ein Ich nur für mich; für jeden andern bin ich ein Du; und
jeder andere ist für mich ein Du.» Diese Tatsache ist der äußere
Ausdruck einer tief bedeutsamen Wahrheit. Das eigentliche
Wesen des «Ich» ist von allem Äußeren unabhängig; deshalb
kann ihm sein Name auch von keinem Äußeren zugerufen werden.
Jene religiösen Bekenntnisse, welche mit Bewußtsein ihren
Zusammenhang mit der übersinnlichen Anschauung aufrechterhalten
haben, nennen daher die Bezeichnung «Ich» den «unaussprechlichen
Namen Gottes». Denn gerade auf das Angedeutete
wird gewiesen, wenn dieser Ausdruck gebraucht wird. Kein
Äußeres hat Zugang zu jenem Teile der menschlichen Seele, der
hiermit ins Auge gefaßt ist. Hier ist das «verborgene Heiligtum»
der Seele. Nur ein Wesen kann da Einlaß gewinnen, mit dem die
Seele gleicher Art ist. «Der Gott, der im Menschen wohnt,
spricht, wenn die Seele sich als Ich erkennt.» Wie die
Empfindungsseele und die Verstandesseele in der äußeren Welt leben,
so taucht ein drittes Glied der Seele in das Göttliche ein, wenn
diese zur Wahrnehmung ihrer eigenen Wesenheit gelangt.
Leicht kann demgegenüber das Mißverständnis entstehen, als
ob solche Anschauungen das Ich mit Gott für Eins erklärten.
Aber sie sagen durchaus nicht, daß das Ich Gott sei, sondern nur,
daß es mit dem Göttlichen von einerlei Art und Wesenheit ist.
Behauptet denn jemand, der Tropfen Wasser, der dem Meere
entnommen ist, sei das Meer, wenn er sagt: der Tropfen sei derselben
Wesenheit oder Substanz wie das Meer? Will man durchaus
einen Vergleich gebrauchen, so kann man sagen: wie der
Tropfen sich zu dem Meere verhält, so verhält sich das «Ich»
zum Göttlichen. Der Mensch kann in sich ein Göttliches finden,
weil sein ureigenstes Wesen dem Göttlichen entnommen ist. So
also erlangt der Mensch durch dieses sein dritter Seelenglied, ein
inneres Wissen von sich selbst, wie er durch den Astralleib ein
Wissen von der Außenwelt erhält. Deshalb kann die Geheimwissenschaft
dieses dritte Seelenglied auch die Bewußtseinsseele
nennen. Und in ihrem Sinne besteht das Seelische aus drei Gliedern:
der Empfindungsseele, Verstandesseele und Bewußtseinsseele,
wie das Leibliche aus drei Gliedern besteht, dem physischen
Leib, dem Ätherleib und dem Astralleib.
Psychologische Beobachtungsfehler, ähnlich denjenigen, die
schon für die Beurteilung der Erinnerungsfähigkeit besprochen
worden sind, machen auch die rechte Einsicht in die Wesenheit
des «Ich» schwierig. Man kann manches, das man glaubt
einzusehen, für eine Widerlegung des oben in dieser Beziehung
Ausgeführten halten, während es in Wahrheit eine Bestätigung
darstellt. Solches ist der Fall, zum Beispiel, mit den Bemerkungen,
die Eduard von Hartmann auf Seite 55f. seines «Grundrisses
der Psychologie» über das «Ich» angibt: «Zunächst ist das
Selbstbewußtsein älter als das Wort Ich. Die persönlichen Fürwörter
sind ein ziemlich spätes Produkt der Sprachentwickelung
und haben für die Sprache nur den Wert von Abkürzungen. Das
Wort Ich ist ein kürzerer Ersatz für den Eigennamen des Redenden,
aber ein Ersatz, den jeder Redende als solcher von sich
braucht, gleichviel mit welchem Eigennamen die anderen ihn
benennen. Das Selbstbewußtsein kann sich bei Tieren und bei
ununterrichteten taubstummen Menschen sehr hoch entwickeln,
selbst ohne an einen Eigennamen anzuknüpfen. Das Bewußtsein
des Eigennamens kann vollständig den fehlenden Gebrauch des
Ich ersetzen. Mit dieser Einsicht ist der magische Nimbus beseitigt,
mit dem für viele das Wörtchen Ich umkleidet ist; es kann
dem Begriff des Selbstbewußtseins nicht das mindeste hinzusetzen,
sondern empfängt seinen ganzen Inhalt lediglich von diesem.
» Man kann mit solchen Ansichten ganz einverstanden sein;
auch damit, daß dem Wörtchen Ich kein magischer Nimbus
verliehen werde, der die besonnene Anschauung über die Sache
nur trübt. Aber für das Wesen einer Sache entscheidet nicht, wie
allmählich die Wortbezeichnung für diese Sache herbeigeführt
wird. Eben darauf kommt es an, daß die wirkliche Wesenheit des
Ich im Selbstbewußtsein «älter ist als das Wort Ich». Und daß
der Mensch genötigt ist, dieses mit seinen nur ihm zukommenden
Eigenheiten behaftete Wörtchen für das zu gebrauchen, was
er im Wechselverhältnis zur Außenwelt anders erlebt, als es das
Tier erleben kann. So wenig irgend etwas über die Wesenheit des
Dreiecks erkannt werden kann dadurch, daß man zeigt, wie das
«Wort» Dreieck sich gebildet hat, so wenig entscheidet über die
Wesenheit des Ich, was man wissen kann darüber, wie aus anderem
Wortgebrauch der des Ich in der Sprachentwickelung sich
gestaltet hat.
In der Bewußtseinsseele enthüllt sich erst die wirkliche Natur
des «Ich». Denn während sich die Seele in Empfindung und
Verstand an anderes verliert, ergreift sie als Bewußtseinsseele
ihre eigene Wesenheit. Daher kann dieses «Ich» durch die Bewußtseinsseele
auch nicht anders als durch eine gewisse innere
Tätigkeit wahrgenommen werden. Die Vorstellungen von äußeren
Gegenständen werden gebildet, so wie diese Gegenstände
kommen und gehen; und diese Vorstellungen arbeiten im Verstande
weiter durch ihre eigene Kraft. Soll aber das «Ich» sich
selbst wahrnehmen, so kann es nicht bloß sich hingeben; es muß
durch innere Tätigkeit seine Wesenheit aus den eigenen Tiefen
erst heraufholen, um ein Bewußtsein davon zu haben. Mit der
Wahrnehmung des «Ich» - mit der Selbstbesinnung - beginnt
eine innere Tätigkeit des «Ich». Durch diese Tätigkeit hat die
Wahrnehmung des Ich in der Bewußtseinsseele für den Menschen
eine ganz andere Bedeutung als die Beobachtung alles
dessen, was durch die drei Leibesglieder und durch die beiden
andern Glieder der Seele an ihn herandringt. Die Kraft, welche in
der Bewußtseinsseele das Ich offenbar macht, ist ja dieselbe wie
diejenige, welche sich in aller übrigen Welt kundgibt. Nur tritt
sie in dem Leibe und in den niederen Seelengliedern nicht unmittelbar
hervor, sondern offenbart sich stufenweise in ihren
Wirkungen. Die unterste Offenbarung ist diejenige durch den
physischen Leib; dann geht es stufenweise hinauf bis zu dem,
was die Verstandesseele erfüllt. Man könnte sagen, mit dem
Hinansteigen über jede Stufe fällt einer der Schleier, mit denen
das Verborgene umhüllt ist. In dem, was die Bewußtseinsseele
erfüllt, tritt dieses Verborgene hüllenlos in den innersten Seelentempel.
Doch zeigt es sich da eben nur wie ein Tropfen aus
dem Meere der alles durchdringenden Geistigkeit. Aber der
Mensch muß diese Geistigkeit hier zunächst ergreifen. Er muß
sie in sich selbst erkennen; dann kann er sie auch in ihren Offenbarungen
finden.
Was da wie ein Tropfen hereindringt in die Bewußtseinsseele,
das nennt die Geheimwissenschaft den Geist. So ist die Bewußtseinsseele
mit dem Geiste verbunden, der das Verborgene in
allem Offenbaren ist. Wenn der Mensch nun den Geist in aller
Offenbarung ergreifen will, so muß er dies auf dieselbe Art tun,
wie er das Ich in der Bewußtseinsseele ergreift. Er muß die Tätigkeit,
welche ihn zum Wahrnehmen dieses Ich geführt hat, auf die
offenbare Welt hinwenden. Dadurch aber entwickelt er sich zu
höheren Stufen seiner Wesenheit. Er setzt den Leibes- und Seelengliedern
Neues an. Das nächste ist, daß er dasjenige auch
noch selbst erobert, was in den niederen Gliedern seiner Seele
verborgen liegt. Und dies geschieht durch seine vom Ich ausgehende
Arbeit an seiner Seele. Wie der Mensch in dieser Arbeit
begriffen ist, das wird anschaulich, wenn man einen Menschen,
der noch ganz niederem Begehren und sogenannter sinnlicher
Lust hingegeben ist, vergleicht mit einem edlen Idealisten. Der
letztere wird aus dem ersteren, wenn jener sich von gewissen
niederen Neigungen abzieht und höheren zuwendet. Er hat dadurch
vom Ich aus veredelnd, vergeistigend auf seine Seele gewirkt.
Das Ich ist Herr geworden innerhalb des Seelenlebens.
Das kann so weit gehen, daß in der Seele keine Begierde, keine
Lust Platz greift, ohne daß das Ich die Gewalt ist, welche den
Einlaß ermöglicht. Auf diese Art wird dann die ganze Seele eine
Offenbarung des Ich, wie es vorher nur die Bewußtseinsseele
war. Im Grunde besteht alles Kulturleben und alles geistige Streben
der Menschen aus einer Arbeit, welche diese Herrschaft des
Ich zum Ziele hat. Jeder gegenwärtig lebende Mensch ist in
dieser Arbeit begriffen: er mag wollen oder nicht, er mag von
dieser Tatsache ein Bewußtsein haben oder nicht.
Durch diese Arbeit aber geht es zu höheren Stufen der Menschenwesenheit
hinan. Der Mensch entwickelt durch sie neue
Glieder seiner Wesenheit. Diese liegen als Verborgenes hinter
dem für ihn Offenbaren. Es kann sich der Mensch aber nicht nur
durch die Arbeit an seiner Seele vom Ich aus zum Herrscher über
diese Seele machen, so daß diese aus dem Offenbaren das Verborgene
hervortreibt, sondern er kann diese Arbeit auch erweitern.
Er kann übergreifen auf den Astralleib. Dadurch bemächtigt
sich das Ich dieses Astralleibes, indem es sich mit dessen verborgener
Wesenheit vereinigt. Dieser durch das Ich eroberte, von
ihm umgewandelte Astralleib kann das Geistselbst genannt werden.
(Es ist dies dasselbe, was man in Anlehnung an die morgenländische
Weisheit «Manas» nennt.) In dem Geistselbst ist ein
höheres Glied der Menschenwesenheit gegeben, ein solches, das
in ihr gleichsam keimhaft vorhanden ist und das im Laufe ihrer
Arbeit an sich selbst immer mehr herauskommt.
Wie der Mensch seinen Astralleib erobert dadurch, daß er zu
den verborgenen Kräften, die hinter ihm stehen, vordringt, so
geschieht das im Laufe der Entwickelung auch mit dem Ätherleibe.
Die Arbeit an diesem Ätherleibe ist aber eine intensivere als
die am Astralleibe; denn was sich in dem ersteren verbirgt, das
ist in zwei, das Verborgene des Astralleibes jedoch nur in einen
Schleier gehüllt. Man kann sich einen Begriff von dem Unterschiede
in der Arbeit an den beiden Leibern bilden, indem man
auf gewisse Veränderungen hinweist, die mit dem Menschen im
Verlaufe seiner Entwickelung eintreten können. Man denke zunächst,
wie gewisse Seeleneigenschaften des Menschen sich
entwickeln, wenn das Ich an der Seele arbeitet. Wie Lust und
Begierden, Freude und Schmerz sich ändern können. Der
Mensch braucht da nur zurückzudenken an die Zeit seiner Kindheit.
Woran hat er da seine Freude gehabt; was hat ihm Leid
verursacht? Was hat er zu dem hinzugelernt, was er in der Kindheit
gekonnt hat? Alles das aber ist nur ein Ausdruck davon, wie
das Ich die Herrschaft erlangt hat über den Astralleib. Denn
dieser ist ja der Träger von Lust und Leid, von Freude und
Schmerz. Und man vergleiche damit, wie wenig sich im Laufe
der Zeit gewisse andere Eigenschaften des Menschen ändern,
zum Beispiel sein Temperament, die tieferen Eigentümlichkeiten
seines Charakters usw. Ein Mensch, der als Kind jähzornig ist,
wird gewisse Seiten des Jähzorns auch für seine Entwickelung in
das spätere Leben hinein oft beibehalten. Die Sache ist so auffallend,
daß es Denker gibt, welche die Möglichkeit ganz in
Abrede stellen, daß der Grundcharakter eines Menschen sich
ändern könne. Sie nehmen an, daß dieser etwas durch das Leben
hindurch Bleibendes sei, welches sich nur nach dieser oder jener
Seite offenbare. Ein solches Urteil beruht aber nur auf einem
Mangel in der Beobachtung. Wer den Sinn dafür hat, solche
Dinge zu sehen, dem wird klar, daß sich auch Charakter und
Temperament des Menschen unter dem Einflusse seines Ich ändern.
Allerdings ist diese Änderung im Verhältnis zur Änderung
der vorhin gekennzeichneten Eigenschaften eine langsame. Man
kann den Vergleich gebrauchen, daß das Verhältnis der beiderlei
Änderungen ist wie das Vorrücken des Stundenzeigers der Uhr
im Verhältnis zum Minutenzeiger. Nun gehören die Kräfte, welche
diese Änderung von Charakter oder Temperament bewirken,
dem verborgenen Gebiet des Ätherleibes an. Sie sind gleicher
Art mit den Kräften, welche im Reiche des Lebens herrschen,
also mit den Wachstums-, Ernährungskräften und denjenigen,
welche der Fortpflanzung dienen. Auf diese Dinge wird durch
die weiteren Ausführungen dieser Schrift das rechte Licht fallen.
- Also nicht, wenn sich der Mensch bloß hingibt an Lust und
Leid, an Freude und Schmerz, arbeitet das Ich am Astralleib,
sondern wenn sich die Eigentümlichkeiten dieser Seeleneigenschaften
ändern. Und ebenso erstreckt sich die Arbeit auf den
Ätherleib, wenn das Ich seine Tätigkeit an eine Änderung seiner
Charaktereigenschaften, seiner Temperamente usw. wendet.
Auch an dieser letzteren Änderung arbeitet jeder Mensch: er mag
sich dessen bewußt sein oder nicht. Die stärksten Impulse, welche
im gewöhnlichen Leben auf diese Änderung hinarbeiten,
sind die religiösen. Wenn das Ich die Antriebe, die aus der Religion
fließen, immer wieder und wieder auf sich wirken läßt, so
bilden diese in ihm eine Macht, welche bis in den Ätherleib
hineinwirkt und diesen ebenso wandelt, wie geringere Antriebe
des Lebens die Verwandlung des Astralleibes bewirken. Diese
geringeren Antriebe des Lebens, welche durch Lernen, Nachdenken,
Veredelung der Gefühle usw. an den Menschen herankommen,
unterliegen dem mannigfaltig wechselnden Dasein; die
religiösen Empfindungen drücken aber allem Denken, Fühlen
und Wollen etwas Einheitliches auf. Sie breiten gleichsam ein
gemeinsames, einheitliches Licht über das ganze Seelenleben
aus. Der Mensch denkt und fühlt heute dies, morgen jenes. Dazu
führen die verschiedensten Veranlassungen. Wer aber durch sein
wie immer geartetes religiöses Empfinden etwas ahnt, das sich
durch allen Wechsel hindurchzieht, der wird, was er heute denkt
und fühlt, ebenso auf diese Grundempfindung beziehen wie die
morgigen Erlebnisse seiner Seele. Das religiöse Bekenntnis hat
dadurch etwas Durchgreifendes im Seelenleben; seine Einflüsse
verstärken sich im Laufe der Zeit immer mehr, weil sie in fortdauernder
Wiederholung wirken. Deshalb erlangen sie die
Macht, auf den Ätherleib zu wirken. - In ähnlicher Art wirken
die Einflüsse der wahren Kunst auf den Menschen. Wenn er
durch die äußere Form, durch Farbe und Ton eines Kunstwerkes
die geistigen Untergründe desselben mit Vorstellen und Gefühl
durchdringt, dann wirken die Impulse, welche dadurch das Ich
empfängt, in der Tat auch bis auf den Ätherleib. Wenn man
diesen Gedanken zu Ende denkt, so kann man ermessen, welch
ungeheure Bedeutung die Kunst für alle menschliche Entwickelung
hat. Nur auf einiges ist hiermit hingewiesen, was dem Ich
die Antriebe liefert, auf den Ätherleib zu wirken. Es gibt viele
dergleichen Einflüsse im Menschenleben, die dem beobachtenden
Blick nicht so offen liegen wie die genannten. Aber schon
aus diesen ist ersichtlich, daß im Menschen ein weiteres Glied
seiner Wesenheit verborgen ist, welches das Ich immer mehr und
mehr herausarbeitet. Man kann dieses Glied als das zweite des
Geistes, und zwar als den Lebensgeist bezeichnen. (Es ist dasselbe,
was man mit Anlehnung an die morgenländische Weisheit
«Buddhi» nennt.) Der Ausdruck «Lebensgeist» ist deshalb der
entsprechende, weil in dem, was er bezeichnet, dieselben Kräfte
wirksam sind wie in dem «Lebensleib»; nur ist in diesen Kräften,
wenn sie als Lebensleib sich offenbaren, das menschliche Ich
nicht tätig. Äußern sie sich aber als Lebensgeist, so sind sie von
der Tätigkeit des Ich durchsetzt.
Die intellektuelle Entwickelung des Menschen, seine Läuterung
und Veredelung von Gefühlen und Willensäußerungen sind
das Maß seiner Verwandlung des Astralleibes zum Geistselbst;
seine religiösen Erlebnisse und manche anderen Erfahrungen
prägen sich dem Ätherleibe ein und machen diesen zum Lebensgeist.
Im gewöhnlichen Verlaufe des Lebens geschieht dies mehr
oder weniger unbewußt, dagegen besteht die sogenannte Einweihung
des Menschen darin, daß er durch die übersinnliche
Erkenntnis auf die Mittel hingewiesen wird, wodurch er diese
Arbeit im Geistselbst und Lebensgeist ganz bewußt in die Hand
nehmen kann. Von diesen Mitteln wird in späteren Teilen dieser
Schrift die Rede sein. Vorläufig handelte es sich darum, zu zeigen,
daß im Menschen außer der Seele und dem Leibe auch der
Geist wirksam ist. Auch das wird sich später zeigen, wie dieser
Geist zum Ewigen des Menschen, im Gegensatz zu dem vergänglichen
Leibe, gehört.
Mit der Arbeit am Astralleib und am Ätherleib ist aber die
Tätigkeit des Ich noch nicht erschöpft. Diese erstreckt sich auch
auf den physischen Leib. Einen Anflug von dem Einflusse des
Ich auf den physischen Leib kann man sehen, wenn durch gewisse
Erlebnisse zum Beispiel Erröten oder Erbleichen eintreten.
Hier ist das Ich in der Tat der Veranlasser eines Vorganges im
physischen Leib. Wenn nun durch die Tätigkeit des Ich im Menschen
Veränderungen eintreten in bezug auf seinen Einfluß im
physischen Leibe, so ist das Ich wirklich vereinigt mit den verborgenen
Kräften dieses physischen Leibes. Mit denselben Kräften,
welche seine physischen Vorgänge bewirken. Man kann
dann sagen, das Ich arbeitet durch eine solche Tätigkeit am physischen
Leibe. Es darf dieser Ausdruck nicht mißverstanden
werden. Die Meinung darf gar nicht aufkommen, als ob diese
Arbeit etwas Grob-Materielles sei. Was am physischen Leibe als
das Grob-Materielle erscheint, das ist ja nur das Offenbare an
ihm. Hinter diesem Offenbaren liegen die verborgenen Kräfte
seines Wesens. Und diese sind geistiger Art. Nicht von einer
Arbeit an dem Materiellen, als welches der physische Leib erscheint,
soll hier gesprochen werden, sondern von der geistigen
Arbeit an den unsichtbaren Kräften, welche ihn entstehen lassen
und wieder zum Zerfall bringen. Für das gewöhnliche Leben
kann dem Menschen diese Arbeit des Ich am physischen Leibe
nur mit einer sehr geringen Klarheit zum Bewußtsein kommen.
Diese Klarheit kommt im vollen Maße erst, wenn unter dem
Einfluß der übersinnlichen Erkenntnis der Mensch die Arbeit
bewußt in die Hand nimmt. Dann aber tritt zutage, daß es noch
ein drittes geistiges Glied im Menschen gibt. Es ist dasjenige,
welches der Geistesmensch im Gegensatze zum physischen Menschen
genannt werden kann. (In der morgenländischen Weisheit
heißt dieser «Geistesmensch» das «Atma».)
Man wird in bezug auf den Geistesmenschen auch dadurch
leicht irregeführt, daß man in dem physischen Leibe das niedrigste
Glied des Menschen sieht und sich deswegen mit der Vor83
stellung nur schwer abfindet, daß die Arbeit an diesem physischen
Leibe zu dem höchsten Glied in der Menschenwesenheit
kommen soll. Aber gerade deswegen, weil der physische Leib
den in ihm tätigen Geist unter drei Schleiern verbirgt, gehört die
höchste Art von menschlicher Arbeit dazu, um das Ich mit dem
zu einigen, was sein verborgener Geist ist.
So stellt sich der Mensch für die Geheimwissenschaft als eine
aus verschiedenen Gliedern zusammengesetzte Wesenheit dar.
Leiblicher Art sind: der physische Leib, der Ätherleib und der
Astralleib. Seelisch sind: Empfindungsseele, Verstandesseele
und Bewußtseinsseele. In der Seele breitet das Ich sein Licht aus.
Und geistig sind: Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch.
Aus den obigen Ausführungen geht hervor, daß die Empfindungsseele
und der Astralleib eng vereinigt sind und in einer
gewissen Beziehung ein Ganzes ausmachen. In ähnlicher Art
sind Bewußtseinsseele und Geistselbst ein Ganzes. Denn in der
Bewußtseinsseele leuchtet der Geist auf und von ihr aus durchstrahlt
er die andern Glieder der Menschennatur. Mit Rücksicht
darauf kann man auch von der folgenden Gliederung des Menschen
sprechen. Man kann Astralleib und Empfindungsseele als
ein Glied zusammenfassen, ebenso Bewußtseinsseele und Geistselbst
und kann die Verstandesseele, weil sie an der Ich-Natur
Teil hat, weil sie in einer gewissen Beziehung schon das «Ich»
ist, das sich seiner Geistwesenheit nur noch nicht bewußt ist, als
«Ich» schlechtweg bezeichnen und bekommt dann sieben Teile
des Menschen:
-
l. Physischer Leib;
-
2. Ätherleib oder Lebensleib;
-
3. Astralleib;
-
4. Ich;
-
5. Geistselbst;
-
6. Lebensgeist;
-
7. Geistmensch.
Auch für den an materialistische Vorstellungen gewöhnten
Menschen würde diese Gliederung des Menschen im Sinne der
Siebenzahl nicht das «unklar Zauberhafte» haben, das er ihr oft
zuschreibt, wenn er sich genau an den Sinn der obigen Auseinandersetzungen
halten würde und nicht von vornherein dieses
«Zauberhafte» selbst in die Sache hineinlegen würde. In keiner
andern Art, nur vom Gesichtspunkte einer höheren Form der
Weltbeobachtung aus, sollte von diesen «sieben» Gliedern des
Menschen gesprochen werden, so wie man von den sieben Farben
des Lichtes spricht oder von den sieben Tönen der Tonleiter
(indem man die Oktave als eine Wiederholung des Grundtones
betrachtet). Wie das Licht in sieben Farben, der Ton in sieben
Stufen erscheint, so die einheitliche Menschennatur in den gekennzeichneten
sieben Gliedern. So wenig die Siebenzahl bei
Ton und Farbe etwas von «Aberglauben» mit sich führt, so wenig
ist das mit Bezug auf sie bei der Gliederung des Menschen
der Fall. (Es ist bei einer Gelegenheit, als dies einmal mündlich
vorgebracht worden ist, gesagt worden, daß die Sache bei den
Farben mit der Siebenzahl doch nicht stimme, da jenseits des
«Roten» und des «Violetten» doch auch noch Farben liegen,
welche das Auge nur nicht wahrnimmt. Aber auch in Anbetracht
dessen stimmt der Vergleich mit den Farben, denn auch jenseits
des physischen Leibes auf der einen Seite und jenseits des Geistesmenschen
anderseits setzt sieh die Wesenheit des Mensehen
fort; nur sind für die Mittel der geistigen Beobachtung diese
Fortsetzungen «geistig unsichtbar», wie die Farben jenseits von
Rot und Violett für das physische Auge unsichtbar sind. Diese
Bemerkung mußte gemacht werden, weil so leicht die Meinung
aufkommt, die übersinnliche Anschauung nehme es mit dem
naturwissenschaftlichen Denken nicht genau, sie sei in bezug auf
dasselbe dilettantisch. Wer aber richtig zusieht, was mit dem
Gesagten gemeint ist, der kann finden, daß dies in Wahrheit
nirgends in einem Widerspruch steht mit der echten Naturwissenschaft;
weder wenn naturwissenschaftliche Tatsachen zur
Veranschaulichung herangezogen werden, noch auch wenn mit
den hier gemachten Äußerungen auf ein unmittelbares Verhältnis
zu der Naturforschung gedeutet wird.)
SCHLAF UND TOD
Man kann das Wesen des wachen Bewußtseins nicht durchdringen
ohne die Beobachtung desjenigen Zustandes, welchen
der Mensch während des Schlafens durchlebt; und man kann
dem Rätsel des Lebens nicht beikommen, ohne den Tod zu betrachten.
Für einen Menschen, in dem kein Gefühl lebt von der
Bedeutung der übersinnlichen Erkenntnis, können sich schon
daraus Bedenken gegen diese ergeben, wie sie ihre Betrachtungen
des Schlafes und des Todes treibt. Diese Erkenntnis kann die
Beweggründe würdigen, aus denen solche Bedenken entspringen.
Denn es ist nichts Unbegreifliches, wenn jemand sagt, der
Mensch sei für das tätige, wirksame Leben da und sein Schaffen
beruhe auf der Hingabe an dieses. Und die Vertiefung in Zustände
wie Schlaf und Tod könne nur aus dem Sinn für müßige Träumerei
entspringen und zu nichts anderem als zu leerer Phantastik
führen. Es können leicht Menschen in der Ablehnung einer solchen
«Phantastik» den Ausdruck einer gesunden Seele sehen und
in der Hingabe an derlei «müßige Träumereien» etwas Krankhaftes,
das nur Personen eignen mag, denen es an Lebenskraft und
Lebensfreude mangelt und die nicht zum «wahren Schaffen»
befähigt sind. Man tut Unrecht, wenn man ein solches Urteil
ohne weiteres als unrichtig hinstellt. Denn es hat einen gewissen
wahren Kern in sich; es ist eine Viertelwahrheit, die durch die
übrigen drei Viertel, welche zu ihr gehören, ergänzt werden muß.
Und man macht denjenigen, der das eine Viertel ganz gut einsieht,
von den andern drei Vierteln aber nichts ahnt, nur mißtrauisch,
wenn man das eine richtige Viertel bekämpft. - Es muß
nämlich unbedingt zugegeben werden, daß eine Betrachtung
dessen, was Schlaf und Tod ver-hüllen, krankhaft ist, wenn sie
zu einer Schwächung, zu einer Abkehr vom wahren Leben führt.
Und nicht weniger kann man damit einverstanden sein, daß vieles,
was sich von jeher in der Welt Geheimwissenschaft genannt
hat und was auch gegenwärtig unter diesem Namen getrieben
wird, ein ungesundes, lebensfeindliches Gepräge trägt. Aber
dieses Ungesunde entspringt durchaus nicht aus wahrer übersinnlicher
Erkenntnis. Der wahre Tatbestand ist vielmehr der folgende.
Wie der Mensch nicht immer wachen kann, so kann er auch
für die wirklichen Verhältnisse des Lebens in seinem ganzen
Umfange nicht auskommen ohne das, was ihm das Übersinnliche
zu geben vermag. Das Leben dauert fort im Schlafe, und die
Kräfte, welche im Wachen arbeiten und schaffen, holen sich ihre
Stärke und ihre Erfrischung aus dem, was ihnen der Schlaf gibt.
So ist es mit dem, was der Mensch in der offenbaren Welt beobachten
kann. Das Gebiet der Welt ist weiter als das Feld dieser
Beobachtung. Und was der Mensch im Sichtbaren erkennt, das
muß ergänzt und befruchtet werden durch dasjenige, was er über
die unsichtbaren Welten zu wissen vermag. Ein Mensch, der sich
nicht immer wieder die Stärkung der erschlafften Kräfte aus dem
Schlafe holte, müßte sein Leben zur Vernichtung führen: ebenso
muß eine Weltbetrachtung zur Verödung führen, die nicht durch
die Erkenntnis des Verborgenen befruchtet wird. Und ähnlich ist
es mit dem «Tode». Die lebenden Wesen verfallen dem Tode,
damit neues Leben entstehen könne. Es ist eben die Erkenntnis
des Übersinnlichen, welche klares Licht verbreitet über den
schönen Satz Goethes: Die Natur hat den Tod erfunden, um viel
Leben zu haben. Wie es kein Leben im gewöhnlichen Sinne
geben könnte ohne den Tod, so kann es keine wirkliche Erkenntnis
der sichtbaren Welt geben ohne den Einblick in das Übersinnliche.
Alles Erkennen des Sichtbaren muß immer wieder und
wieder in das Unsichtbare untertauchen, um sich entwickeln zu
können. So ist ersichtlich, daß die Wissenschaft vom Übersinnlichen
erst das Leben des offenbaren Wissens möglich macht; sie
schwächt niemals das Leben, wenn sie in ihrer wahren Gestalt
auftaucht; sie stärkt es und macht es immer wieder frisch und
gesund, wenn es sich, auf sich selbst angewiesen, schwach und
krank gemacht hat.
Wenn der Mensch in Schlaf versinkt, dann verändert sich der
Zusammenhang in seinen Gliedern. Das, was vom schlafenden
Menschen auf der Ruhestätte liegt, enthält den physischen Leib
und den Ätherleib, nicht aber den Astralleib und nicht das Ich.
Weil der Ätherleib mit dem physischen Leibe im Schlafe verbunden
bleibt, deshalb dauern die Lebenswirkungen fort. Denn in
dem Augenblicke, wo der physische Leib sich selbst überlassen
wäre, müßte er zerfallen. Was aber im Schlafe ausgelöscht ist,
das sind die Vorstellungen, das ist Leid und Lust, Freude und
Kummer, das ist die Fähigkeit, einen bewußten Willen zu
äußern, und ähnliche Tatsachen des Daseins. Von alledem ist
aber der Astralleib der Träger. Es kann für ein unbefangenes
Urteilen natürlich die Meinung gar nicht in Betracht kommen,
daß im Schlafe der Astralleib mit aller Lust und allem Leid, mit
der ganzen Vorstellungs- und Willenswelt vernichtet sei. Er ist
eben in einem andern Zustande vorhanden. Daß das menschliche
Ich und der Astralleib nicht nur mit Lust und Leid und all dem
andern Genannten erfüllt sei, sondern davon auch eine bewußte
Wahrnehmung habe, dazu ist notwendig, daß der Astralleib mit
dem physischen Leib und Ätherleib verbunden sei. Im Wachen
ist er dieses, im Schlafen ist er es nicht. Er hat sich aus ihm herausgezogen.
Er hat eine andere Art des Daseins angenommen als
diejenige ist, die ihm während seiner Verbindung mit physischem
Leibe und Ätherleibe zukommt. Es ist nun die Aufgabe
der Erkenntnis des Übersinnlichen, diese andere Art des Daseins
im Astralleibe zu betrachten. Für die Beobachtung in der äußeren
Welt entschwindet der Astralleib im Schlafe; die übersinnliche
Anschauung hat ihn nun zu verfolgen in seinem Leben, bis er
wieder Besitz vom physischen Leibe und Ätherleibe beim Erwachen
ergreift. Wie in allen Fällen, in denen es sich um die
Erkenntnis der verborgenen Dinge und Vorgänge der Welt handelt,
gehört zum Auffinden der wirklichen Tatsachen des Schlafzustandes
in ihrer eigenen Gestalt die übersinnliche Beobachtung;
wenn aber einmal ausgesprochen ist, was durch diese gefunden
werden kann, dann ist dieses für ein wahrhaft unbefangenes
Denken ohne weiteres verständlich. Denn die Vorgänge der
verborgenen Welt zeigen sich in ihren Wirkungen in der offenbaren.
Ersieht man, wie das, was die übersinnliche Betrachtung
angibt, die sinnenfälligen Vorgänge verständlich macht, so ist
eine solche Bestätigung durch das Leben der Beweis, den man
für diese Dinge verlangen kann. Wer nicht die später anzugebenden
Mittel zur Erlangung der übersinnlichen Beobachtung gebrauchen
will, der kann die folgende Erfahrung machen. Er kann
zunächst die Angaben der übersinnlichen Erkenntnis hinnehmen
und dann sie auf die offenbaren Dinge seiner Erfahrung anwenden.
Er kann auf diese Art finden, daß das Leben dadurch klar
und verständlich wird. Und er wird zu dieser Überzeugung um so
mehr kommen, je genauer und eingehender er das gewöhnliche
Leben betrachtet.
Wenn auch der Astralleib während des Schlafes keine Vorstellungen
erlebt, wenn er auch nicht Lust und Leid und ähnliches
erfährt: er bleibt nicht untätig. Ihm obliegt vielmehr gerade
im Schlafzustande eine rege Tätigkeit. Es ist eine Tätigkeit, in
welche er in rhythmischer Folge immer wieder eintreten muß,
wenn er eine Zeitlang in Gemeinschaft mit dem physischen und
dem Ätherleib tätig war. Wie ein Uhrpendel, nachdem es nach
links ausgeschlagen hat und wieder in die Mittellage zurückgekommen
ist, durch die bei diesem Ausschlag gesammelte Kraft
nach rechts ausschlagen muß: so müssen der Astralleib und das
in seinem Schoße befindliche Ich, nachdem sie einige Zeit in
dem physischen und dem Ätherleib tätig waren, durch die Ergebnisse
dieser Tätigkeit eine folgende Zeit leibfrei in einer seelischgeistigen
Umwelt ihre Regsamkeit entfalten. Für die gewöhnliche
Lebensverfassung des Menschen tritt innerhalb dieses leibfreien
Zustandes des Astralleibes und des Ich Bewußtlosigkeit
ein, weil diese eben den Gegensatz gegenüber dem im Wachzustande
durch Zusammensein mit physischem und Ätherleib
entwickelten Bewußtseinszustand darstellt: wie der rechte Pendelausschlag
den Gegensatz des linken bildet. Die Notwendigkeit,
in diese Bewußtlosigkeit einzutreten, wird von dem Geistig-
Seelischen des Menschen als Ermüdung empfunden. Aber diese
Ermüdung ist der Ausdruck dafür, daß Astralleib und Ich wäh91
rend des Schlafes sich bereit machen, im folgenden Wachzustande
am physischen und Ätherleibe wieder zurückzubilden, was in
diesen, solange sie frei vom Geistig-Seelischen waren, durch rein
organische - unbewußte - Bildetätigkeit entstanden ist. Diese
unbewußte Bildetätigkeit und dasjenige, was im Menschenwesen
während des Bewußtseins und durch dieses geschieht, sind Gegensätze.
Solche Gegensätze, die in rhythmischer Folge sich
abwechseln müssen. - Es kann dem physischen Leib die ihm für
den Menschen zukommende Form und Gestalt nur durch den
menschlichen Ätherleib erhalten werden. Aber diese menschliche
Form des physischen Leibes kann nur durch einen solchen
Ätherleib erhalten werden, dem seinerseits wieder von dem
Astralleibe die entsprechenden Kräfte zugeführt werden. Der
Ätherleib ist der Bildner, der Architekt des physischen Leibes. Er
kann aber nur im richtigen Sinne bilden, wenn er die Anregung
zu der Art, wie er zu bilden hat, von dem Astralleibe erhält. In
diesem sind die Vorbilder, nach denen der Ätherleib dem physischen
Leibe seine Gestalt gibt. Während des Wachens ist nun der
Astralleib nicht mit diesen Vorbildern für den physischen Leib
erfüllt oder wenigstens nur bis zu einem bestimmten Grade.
Denn während des Wachens setzt die Seele ihre eigenen Bilder
an die Stelle dieser Vorbilder. Wenn der Mensch die Sinne auf
seine Umgebung richtet, so bildet er sich eben durch die Wahrnehmung
in seinen Vorstellungen Bilder, welche die Abbilder
der ihn umgebenden Welt sind. Diese Abbilder sind zunächst
Störenfriede für diejenigen Bilder, welche den Ätherleib anregen
zur Erhaltung des physischen Leibes. Nur dann, wenn der
Mensch aus eigener Tätigkeit seinem Astralleibe diejenigen
Bilder zuführen könnte, welche dem Ätherleibe die richtige
Anregung geben können, dann wäre eine solche Störung nicht
vorhanden. Im Menschendasein spielt aber gerade diese Störung
eine wichtige Rolle. Und sie drückt sich dadurch aus, daß während
des Wachens die Vorbilder für den Ätherleib nicht in ihrer
vollen Kraft wirken. Seine Wachleistung vollbringt der Astralleib
innerhalb des physischen Leibes; im Schlafe arbeitet er an
diesem von außen (note).
Wie der physische Leib zum Beispiel in der Zufuhr der Nahrungsmittel
die Außenwelt braucht, mit der er gleicher Art ist, so
ist etwas Ähnliches auch für den Astralleib der Fall. Man denke
sich einen physischen Menschenleib aus der ihn umgebenden
Welt entfernt. Er müßte zugrunde gehen. Das zeigt, daß er ohne
die ganze physische Umgebung nicht möglich ist. In der Tat muß
die ganze Erde eben so sein, wie sie ist, wenn auf ihr physische
Menschenleiber vorhanden sein sollen. In Wahrheit ist nämlich
dieser ganze Menschenleib nur ein Teil der Erde, ja in weiterem
Sinne des ganzen physischen Weltalls. Er verhält sich in dieser
Beziehung wie zum Beispiel der Finger einer Hand zu dem ganzen
menschlichen Körper. Man trenne den Finger von der Hand,
und er kann kein Finger bleiben. Er verdorrt. So auch müßte es
dem menschlichen Leibe ergehen, wenn er von demjenigen Leibe
entfernt würde, von dem er ein Glied ist; von den Lebensbedingungen,
welche ihm die Erde liefert. Man erhebe ihn eine
genügende Anzahl von Meilen über die Oberfläche der Erde, und
er wird verderben, wie der Finger verdirbt, den man von der
Hand abschneidet. Wenn der Mensch gegenüber seinem physischen
Leibe diese Tatsache weniger beachtet als gegenüber Finger
und Körper, so beruht das lediglich darauf, daß der Finger
nicht am Leibe herumspazieren kann wie der Mensch auf der
Erde, und daß für jenen daher die Abhängigkeit leichter in die
Augen springt.
Wie nun der physische Leib in die physische Welt eingebettet
ist, zu der er gehört, so ist der Astralleib zu der seinigen gehörig.
Nur wird er durch das Wachleben aus dieser seiner Welt herausgerissen.
Man kann das, was da vorgeht, mit einem Vergleiche
sich veranschaulichen. Man denke sich ein Gefäß mit Wasser.
Ein Tropfen ist innerhalb dieser ganzen Wassermasse nichts
für sich Abgesondertes. Man nehme aber ein kleines Schwämmchen
und sauge damit einen Tropfen aus der ganzen Wassermasse
heraus. So etwas geht mit dem menschlichen Astralleibe beim
Erwachen vor sich. Während des Schlafes ist er in einer mit ihm
gleichen Welt. Er bildet etwas in einer gewissen Weise zu dieser
Gehöriges. Beim Erwachen saugen ihn der physische Leib und
der Ätherleib auf. Sie erfüllen sich mit ihm. Sie enthalten die
Organe, durch die er die äußere Welt wahrnimmt. Er aber muß,
um zu dieser Wahrnehmung zu kommen, aus seiner Welt sich
herausscheiden. Aus dieser seiner Welt aber kann er nur die
Vorbilder erhalten, welche er für den Ätherleib braucht. - Wie
dem physischen Leibe zum Beispiel die Nahrungsmittel aus
seiner Umgebung zukommen, so kommen dem Astralleib während
des Schlafzustandes die Bilder der ihn umgebenden Welt
zu. Er lebt da in der Tat außerhalb des physischen und des Ätherleibes
im Weltall. In demselben Weltall, aus dem heraus der
ganze Mensch geboren ist. In diesem Weltall ist die Quelle der
Bilder, durch die der Mensch seine Gestalt erhält. Er ist harmonisch
diesem Weltall eingegliedert. Und er hebt sich während des
Wachens heraus aus dieser umfassenden Harmonie, um zu der
äußeren Wahrnehmung zu kommen. Im Schlaf kehrt sein Astralleib
in diese Harmonie des Weltalls zurück. Er führt beim Erwachen
aus dieser so viel Kraft in seine Leiber ein, daß er das
Verweilen in der Harmonie wieder für einige Zeit entbehren
kann. Der Astralleib kehrt während des Schlafes in seine Heimat
zurück und bringt sich beim Erwachen neugestärkte Kräfte in das
Leben mit. Den äußeren Ausdruck findet der Besitz, den der
Astralleib beim Erwachen mitbringt, in der Erquickung, welche
ein gesunder Schlaf verleiht. Die weiteren Darlegungen der Geheimwissenschaft
werden ergeben, daß diese Heimat des Astralleibes
umfassender ist als dasjenige, was zum physischen Körper
im engeren Sinne von der physischen Umgebung gehört. Während
nämlich der Mensch als physisches Wesen ein Glied der
Erde ist, gehört sein Astralleib Welten an, in welche noch andere
Weltkörper eingebettet sind als unsere Erde. Er tritt dadurch -
was, wie gesagt, erst in den weiteren Ausführungen klar werden
kann - während des Schlafes in eine Welt ein, zu der andere
Welten als die Erde gehören.
Es sollte überflüssig sein, auf ein leicht sich einstellendes
Mißverständnis in bezug auf diese Tatsachen hinzuweisen. Es ist
aber nicht unnötig in unserer Zeit, in der gewisse materialistische
Vorstellungsarten vorhanden sind. Von Seiten, auf denen solche
herrschen, kann natürlich gesagt werden, es sei einzig wissenschaftlich,
so etwas wie den Schlaf nach seinen physischen Bedingungen
zu erforschen. Wenn auch die Gelehrten über die
physische Ursache des Schlafes noch nicht einig seien: das eine
stehe doch fest, daß man bestimmte physische Vorgänge annehmen
müsse, welche dieser Erscheinung zugrunde liegen. Wenn
man aber doch anerkennen wollte, daß die übersinnliche Erkenntnis
durchaus nicht mit dieser Behauptung im Widerspruch
steht! Sie gibt alles zu, was von dieser Seite gesagt wird, wie
man zugibt, daß für die physische Entstehung eines Hauses ein
Ziegel auf den andern gelegt werden muß, und daß, wenn das
Haus fertig ist, aus rein mechanischen Gesetzen seine Form und
sein Zusammenhalt erklärt werden könne. Aber daß das Haus
entsteht, dazu ist der Gedanke des Baumeisters notwendig. Ihn
findet man nicht, wenn man lediglich die physischen Gesetze
untersucht. - So wie hinter den physischen Gesetzen, welche das
Haus erklärlich machen, die Gedanken seines Schöpfers stehen,
so hinter dem, was die physische Wissenschaft in durchaus richtiger
Weise vorbringt, dasjenige, wovon durch die übersinnliche
Erkenntnis gesprochen wird. Gewiß, dieser Vergleich wird oft
vorgebracht, wenn von der Rechtfertigung eines geistigen Hintergrundes
der Welt die Rede ist. Und man kann ihn trivial finden,
Aber in solchen Dingen handelt es sich nicht darum, daß
man mit gewissen Begriffen bekannt ist, sondern darum, daß
man ihnen zur Begründung einer Sache das richtige Gewicht
beilegt. Daran kann man einfach dadurch verhindert sein, daß
entgegengesetzte Vorstellungen eine zu große Macht über die
Urteilskraft haben, um dieses Gewicht in der richtigen Weise zu
empfinden.
Ein Zwischenzustand zwischen Wachen und Schlafen ist das
Träumen. Was die Traumerlebnisse einer sinnigen Betrachtung
darbieten, ist das bunte Durcheinanderwogen einer Bilderwelt,
das aber doch auch etwas von Regel und Gesetz in sich birgt.
Aufsteigen und Abfluten, oft in wirrer Folge, scheint zunächst
diese Welt zu zeigen. Losgebunden ist der Mensch in seinem
Traumleben von dem Gesetz des wachen Bewußtseins, das ihn
kettet an die Wahrnehmung der Sinne und an die Regeln seiner
Urteilskraft. Und doch hat der Traum etwas von geheimnisvollen
Gesetzen, welche der menschlichen Ahnung reizvoll und anziehend
sind und welche die tiefere Ursache davon sind, daß man
das schöne Spiel der Phantasie, wie es künstlerischem Empfinden
zugrunde liegt, immer gern mit dem «Träumen» vergleicht.
Man braucht sich nur an einige kennzeichnende Träume zu erinnern,
und man wird das bestätigt finden. Ein Mensch träumt
zum Beispiel, daß er einen auf ihn losstürzenden Hund verjage.
Er wacht auf und findet sich eben noch dabei, wie er unbewußt
einen Teil der Bettdecke von sich abschiebt, die sich an eine
ungewohnte Stelle seines Körpers gelegt hat und die ihm deshalb
lästig geworden ist. Was macht da das Traumleben aus dem
sinnlich wahrnehmbaren Vorgang? Was die Sinne im wachen
Zustande wahrnehmen würden, läßt das Schlafleben zunächst
völlig im Unbewußten liegen. Es hält aber etwas Wesentliches
fest, nämlich die Tatsache, daß der Mensch etwas von sich abwehren
will. Und um dieses herum spinnt es einen bildhaften
Vorgang. Die Bilder als solche sind Nachklänge aus dem wachen
Tagesleben. Die Art, wie sie diesem entnommen sind, hat etwas
Willkürliches. Ein jeder hat die Empfindung, daß ihm der Traum
bei derselben äußeren Veranlassung auch andere Bilder vorgaukeln
könnte. Aber die Empfindung, daß der Mensch etwas abzuwehren
hat, drücken sie sinnbildlich aus. Der Traum schafft
Sinnbilder; er ist ein Symboliker. Auch innere Vorgänge können
sich in solche Traumsymbole wandeln. Ein Mensch träumt, daß
ein Feuer neben ihm prasselt; er sieht im Traume die Flammen.
Er wacht auf und fühlt, daß er sich zu stark zugedeckt hat und
ihm zu warm geworden ist. Das Gefühl zu großer Wärme drückt
sich sinnbildlich in dem Bilde aus. Ganz dramatische Erlebnisse
können sich im Traume abspielen. Jemand träumt zum Beispiel,
er stehe an einem Abgrunde. Er sieht, wie ein Kind heranläuft.
Der Traum läßt ihn alle Qualen des Gedankens erleben: wenn
das Kind nur nicht unaufmerksam sein möge und in die Tiefe
stürze. Er sieht es fallen und hört den dumpfen Aufschlag des
Körpers unten. Er wacht auf und vernimmt, daß ein Gegenstand,
der an der Wand des Zimmers hing, sich losgelöst hat und bei
seinem Auffallen einen dumpfen Ton gegeben hat. Diesen einfachen
Vorgang drückt das Traumleben in einem Vorgange aus,
der sich in spannenden Bildern abspielt. - Man braucht sich
vorläufig gar nicht in Nachdenken darüber einzulassen, wie es
komme, daß in dem letzten Beispiele sich der Augenblick des
dumpfen Aufschlagens eines Gegenstandes in eine Reihe von
Vorgängen auseinanderlegt, die sich durch eine gewisse Zeit
auszudehnen scheinen; man braucht nur ins Auge zu fassen, wie
der Traum das, was die wache Sinneswahrnehmung darbieten
würde, in ein Bild verwandelt.
Man sieht: sofort, wenn die Sinne ihre Tätigkeit einstellen, so
macht sich für den Menschen ein Schöpferisches geltend. Es ist
dies dasselbe Schöpferische, welches im vollen traumlosen
Schlafe auch vorhanden ist und welches da jenen Seelenzustand
darstellt, der als Gegensatz der wachen Seelenverfassung erscheint.
Soll dieser traumlose Schlaf eintreten, so muß der
Astralleib vom Ätherleib und vom physischen Leibe herausgezogen
sein. Er ist während des Träumens vom physischen Leibe
insofern getrennt, als er keinen Zusammenhang mehr hat mit
dessen Sinnesorganen; er hält aber mit dem Ätherleibe noch
einen gewissen Zusammenhang aufrecht. Daß die Vorgänge des
Astralleibes in Bildern wahrgenommen werden können, das
kommt von diesem seinem Zusammenhang mit dem Ätherleibe.
In dem Augenblicke, in dem auch dieser Zusammenhang aufhört,
versinken die Bilder in das Dunkel der Bewußtlosigkeit,
und der traumlose Schlaf ist da. Das Willkürliche und oft Widersinnige
der Traumbilder rührt aber davon her, daß der Astralleib
wegen seiner Trennung von den Sinnesorganen des physischen
Leibes seine Bilder nicht auf die richtigen Gegenstände und
Vorgänge der äußeren Umgebung beziehen kann. Besonders
klärend ist für diesen Tatbestand die Betrachtung eines solchen
Traumes, in dem sich das Ich gewissermaßen spaltet. Wenn
jemandem zum Beispiel träumt, er könne als Schüler eine ihm
vom Lehrer vorgelegte Frage nicht beantworten, während sie
gleich darauf der Lehrer selbst beantwortet. Weil der Träumende
sich der Wahrnehmungsorgane seines physischen Leibes nicht
bedienen kann, ist er nicht imstande, die beiden Vorgänge auf
sich, als denselben Menschen, zu beziehen. Also auch um sich
selbst als ein bleibendes Ich zu erkennen, gehört für den Menschen
zunächst die Ausrüstung mit äußeren Wahrnehmungsorganen.
Nur dann, wenn sich der Mensch die Fähigkeit erworben
hätte, auf andere Art als durch solche Wahrnehmungsorgane
sich seines Ich bewußt zu werden, wäre auch außer seinem physischen
Leibe das bleibende Ich für ihn wahrnehmbar. Solche
Fähigkeiten hat das übersinnliche Bewußtsein zu erwerben, und
es wird in dieser Schrift von den Mitteln dazu im weiteren die
Rede sein.
Auch der Tod tritt durch nichts anderes ein als durch eine
Änderung im Zusammenhange der Glieder des Menschenwesens.
Auch dasjenige, was in bezug darauf die übersinnliche
Beobachtung ergibt, kann in seinen Wirkungen in der offenbaren
Welt gesehen werden; und die unbefangene Urteilskraft wird
durch die Betrachtung des äußeren Lebens auch hier die Mitteilungen
der übersinnlichen Erkenntnis bestätigt finden. Doch ist
für diese Tatsachen der Ausdruck des Unsichtbaren im Sichtbaren
weniger offenliegend, und man hat größere Schwierigkeiten,
um das Gewicht dessen voll zu empfinden, was in den
Vorgängen des äußeren Lebens bestätigend für die Mitteilungen
der übersinnlichen Erkenntnis auf diesem Gebiete spricht. Noch
näher als für manches in dieser Schrift bereits Besprochene liegt
es hier, diese Mitteilungen einfach für Phantasiegebilde zu erklären,
wenn man sich der Erkenntnis verschließen will, wie im
Sinnenfälligen der deutliche Hinweis auf das Übersinnliche
enthalten ist.
Während sich beim Übergang in den Schlaf der Astralleib nur
aus seiner Verbindung mit dem Ätherleib und dem physischen
Leibe löst, die letzteren jedoch verbunden bleiben, tritt mit dem
Tode die Abtrennung des physischen Leibes vom Ätherleib ein.
Der physische Leib bleibt seinen eigenen Kräften überlassen und
muß deshalb als Leichnam zerfallen. Für den Ätherleib ist aber
nunmehr mit dem Tode ein Zustand eingetreten, in dem er während
der Zeit zwischen Geburt und Tod niemals war, -bestimmte
Ausnahmezustände abgerechnet, von denen noch gesprochen
werden soll. Er ist nämlich jetzt mit seinem Astralleib vereinigt,
ohne daß der physische Leib dabei ist. Denn nicht unmittelbar
nach dem Eintritt des Todes trennen sich Ätherleib und Astralleib.
Sie halten eine Zeitlang durch eine Kraft zusammen, von
der leicht verständlich ist, daß sie vorhanden sein muß. Wäre sie
nämlich nicht vorhanden, so könnte sich der Ätherleib gar nicht
aus dem physischen Leibe herauslösen. Denn er wird mit diesem
zusammengehalten: das zeigt der Schlaf, wo der Astralleib nicht
imstande ist, diese beiden Glieder des Menschen auseinanderzureißen.
Diese Kraft tritt beim Tode in Wirksamkeit. Sie löst
den Ätherleib aus dem physischen heraus, so daß der erstere jetzt
mit dem Astralleib verbunden ist. Die übersinnliche Beobachtung
zeigt, daß diese Verbindung für verschiedene Menschen
nach dem Tode verschieden ist. Die Dauer bemißt sich nach
Tagen. Von dieser Zeitdauer soll hier vorläufig nur mitteilungsweise
die Rede sein. - Später löst sich dann der Astralleib auch
von seinem Ätherleib heraus und geht ohne diesen seine Wege
weiter. Während der Verbindung der beiden Leiber ist der
Mensch in einem Zustande, durch den er die Erlebnisse seines
Astralleibes wahrnehmen kann. Solange der physische Leib da
ist, muß mit der Loslösung des Astralleibes von ihm sogleich die
Arbeit von außen beginnen, um die abgenutzten Organe zu erfrischen.
Ist der physische Leib abgetrennt, so fällt diese Arbeit
weg. Doch die Kraft, welche auf sie verwendet wird, wenn der
Mensch schläft, bleibt nach dem Tode, und sie kann jetzt zu
anderem verwendet werden. Sie wird nun dazu gebraucht, um
die eigenen Vorgänge des Astralleibes wahrnehmbar zu machen.
Eine am Äußeren des Lebens haftende Beobachtung mag
immerhin sagen: das sind alles Behauptungen, die dem mit übersinnlicher
Anschauung Begabten einleuchten; für einen andern
Menschen sei aber keine Möglichkeit vorhanden, an ihre Wahrheit
heranzudringen. Die Sache ist doch nicht so. Was die übersinnliche
Erkenntnis auch auf diesem dem gewöhnlichen Anschauen
entlegenen Gebiete beobachtet: es kann von der gewöhnlichen
Urteilskraft, nachdem es gefunden ist, erfaßt werden.
Es muß diese Urteilskraft nur die Lebenszusammenhänge, die im
Offenbaren vorliegen, in der rechten Art vor sich hinstellen.
Vorstellen, Fühlen und Wollen stehen unter sich mit den an der
Außenwelt von dem Menschen gemachten Erlebnissen in einem
solchen Verhältnis, daß sie unverständlich bleiben, wenn die Art
ihrer offenbaren Wirksamkeit nicht als Ausdruck einer unoffenbaren
genommen wird. Diese offenbare Wirksamkeit hellt sich
für das Urteil erst auf, wenn sie in ihrem Verlauf im physischen
Menschenleben als Ergebnis dessen angesehen werden kann, was
die übersinnliche Erkenntnis für das nicht-physische feststellt.
Man befindet sich dieser Wirksamkeit gegenüber ohne die übersinnliche
Erkenntnis wie in einem finsteren Zimmer ohne Licht.
Wie man die physischen Gegenstände der Umgebung erst im
Lichte sieht, so wird, was durch das Seelenleben des Menschen
sich abspielt, erst erklärbar durch die übersinnliche Erkenntnis.
Während der Verbindung des Menschen mit seinem physischen
Leibe tritt die äußere Welt in Abbildern ins Bewußtsein;
nach der Ablegung dieses Leibes wird wahrnehmbar, was der
Astralleib erlebt, wenn er durch keine physischen Sinnesorgane
mit dieser Außenwelt verbunden ist. Neue Erlebnisse hat er
zunächst nicht. Die Verbindung mit dem Ätherleibe hindert ihn
daran, etwas Neues zu erleben. Was er aber besitzt, das ist die
Erinnerung an das vergangene Leben. Diese läßt der noch vorhandene
Ätherleib als ein umfassendes, lebensvolles Gemälde
erscheinen. Das ist das erste Erlebnis des Menschen nach dem
Tode. Er nimmt das Leben zwischen Geburt und Tod als eine vor
ihm ausgebreitete Reihe von Bildern wahr. Während dieses Lebens
ist die Erinnerung nur im Wachzustande vorhanden, wenn
der Mensch mit seinem physischen Leib verbunden ist. Sie ist
nur insoweit vorhanden, als dieser Leib dies zuläßt. Der Seele
geht nichts verloren von dem, was im Leben auf sie Eindruck
macht. Wäre der physische Leib dazu ein vollkommenes Werkzeug:
es müßte in jedem Augenblicke des Lebens möglich sein,
dessen ganze Vergangenheit vor die Seele zu zaubern. Mit dem
Tode hört dieses Hindernis auf. Solange der Ätherleib dem Menschen
erhalten bleibt, besteht eine gewisse Vollkommenheit der
Erinnerung. Sie schwindet aber in dem Maße dahin, in dem der
Ätherleib die Form verliert, welche er während seines Aufenthaltes
im physischen Leibe gehabt hat und welche dem physischen
Leib ähnlich ist. Das ist ja auch der Grund, warum sich der
Astralleib vom Ätherleib nach einiger Zeit trennt. Er kann nur so
lange mit diesem vereint bleiben, als dessen dem physischen
Leib entsprechende Form andauert. - Während des Lebens zwischen
Geburt und Tod tritt eine Trennung des Ätherleibes nur in
Ausnahmefällen und nur für kurze Zeit ein. Wenn der Mensch
zum Beispiel eines seiner Glieder belastet, so kann ein Teil des
Ätherleibes aus dem physischen sich abtrennen. Von einem
Gliede, bei dem dies der Fall ist, sagt man, es sei «eingeschlafen
». Und das eigentümliche Gefühl, das man dann empfindet,
rührt von dem Abtrennen des Ätherleibes her. (Natürlich kann
eine materialistische Vorstellungsart auch hier wieder das Unsichtbare
in dem Sichtbaren leugnen und sagen: das alles rühre
nur von der durch den Druck bewirkten physischen Störung her.)
Die übersinnliche Beobachtung kann in einem solchen Falle
sehen, wie der entsprechende Teil des Ätherleibes aus dem physischen
herausrückt. Wenn nun der Mensch einen ganz ungewohnten
Schreck oder dergleichen erlebt, so kann für einen
großen Teil des Leibes für eine ganz kurze Zeit eine solche Abtrennung
des Ätherleibes erfolgen. Es ist das dann der Fall, wenn
der Mensch sich durch irgend etwas plötzlich dem Tode nahe
sieht, wenn er zum Beispiel am Ertrinken ist oder bei einer Bergpartie
ihm ein Absturz droht. Was Leute, die solches erlebt haben,
erzählen, das kommt in der Tat der Wahrheit nahe und kann
durch übersinnliche Beobachtung bestätigt werden. Sie geben an,
daß ihnen in solchen Augenblicken ihr ganzes Leben wie in
einem großen Erinnerungsbilde vor die Seele getreten ist. Es
mag von vielen Beispielen, die hier angeführt werden könnten,
nur auf eines hingewiesen werden, weil es von einem Manne
herrührt, für dessen Vorstellungsart alles, was hier über solche
Dinge gesagt wird, als eitel Phantasterei erscheinen muß. Es ist
nämlich für den, welcher einige Schritte in die übersinnliche
Beobachtung tut, immer sehr nützlich, wenn er sich mit den
Angaben derjenigen bekannt macht, welche diese Wissenschaft
für Phantasterei halten. Solchen Angaben kann nicht so leicht
Befangenheit des Beobachters nachgesagt werden. (Die Geheim
Wissenschafter mögen nur recht viel von denen lernen, welche
ihre Bestrebungen für Unsinn halten. Es braucht sie nicht irre zu
machen, wenn ihnen von den letzteren in solcher Beziehung
keine Gegenliebe entgegengebracht wird. Für die übersinnliche
Beobachtung selbst bedarf es allerdings solcher Dinge nicht zur
Bewahrheitung ihrer Ergebnisse. Sie will mit diesen Hinweisen
auch nicht beweisen, sondern erläutern.) Der ausgezeichnete
Kriminalanthropologe und auf vielen anderen Gebieten der Naturforschung
bedeutsame Forscher Moritz Benedikt erzählt in
seinen Lebenserinnerungen den von ihm selbst erlebten Fall, daß
er einmal, als er dem Ertrinken in einem Bade nahe war, wie in
einem einzigen Bilde sein ganzes Leben in der Erinnerung vor
sich gesehen habe. -Wenn andere die bei ähnlicher Gelegenheit
erlebten Bilder anders beschreiben, ja sogar so, daß sie mit den
Vorgängen ihrer Vergangenheit scheinbar wenig zu tun haben,
so widerspricht das dem Gesagten nicht, denn die Bilder, welche
in dem ganz ungewohnten Zustande der Abtrennung von dem
physischen Leibe entstehen, sind manchmal in ihrer Beziehung
zum Leben nicht ohne weiteres erklärlich. Eine richtige Betrachtung
wird diese Beziehung aber immer erkennen. Auch ist es
kein Einwand, wenn jemand zum Beispiel dem Ertrinken einmal
nahe war und das geschilderte Erlebnis nicht gehabt hat. Man
muß eben bedenken, daß dieses nur dann eintreten kann, wenn
wirklich der Ätherleib von dem physischen getrennt ist und dabei
der erstere mit dem Astralleib verbunden bleibt. Wenn durch den
Schreck auch eine Lockerung des Ätherleibes und Astralleibes
eintritt, dann bleibt das Erlebnis aus, weil dann wie im traumlosen
Schlaf völlige Bewußtlosigkeit vorhanden ist.
In einem Erinnerungsgemälde zusammengefaßt erscheint in
der ersten Zeit nach dem Tode die erlebte Vergangenheit. Nach
der Trennung von dem Ätherleib ist nun der Astralleib für sich
allein auf seiner weiteren Wanderung. Es ist unschwer einzusehen,
daß in dem Astralleib alles das vorhanden bleibt, was dieser
durch seine eigene Tätigkeit während seines Aufenthaltes im
physischen Leibe zu seinem Besitz gemacht hat. Das Ich hat bis
zu einem gewissen Grade das Geistselbst, den Lebensgeist und
den Geistesmenschen herausgearbeitet. Soweit diese entwickelt
sind, erhalten sie ihr Dasein nicht von dem, was als Organe in
den Leibern vorhanden ist, sondern vom Ich. Und dieses Ich ist
ja gerade dasjenige Wesen, welches keiner äußeren Organe zu
seiner Wahrnehmung bedarf. Und es braucht auch keine solchen,
um im Besitze dessen zu bleiben, was es mit sich selbst vereint
hat. Man könnte einwenden: ja warum ist im Schlafe keine
Wahrnehmung von diesem entwickelten Geistselbst, Lebensgeist
und Geistesmenschen vorhanden? Sie ist deswegen nicht vorhanden,
weil das Ich zwischen Geburt und Tod an den physischen
Leib gekettet ist. Wenn es auch im Schlafe mit dem Astralleibe
sich außerhalb dieses physischen Leibes befindet, so bleibt es
doch mit diesem eng verbunden. Denn die Tätigkeit seines
Astralleibes ist diesem physischen Leibe zugewandt. Dadurch ist
das Ich mit seiner Wahrnehmung an die äußere Sinnenwelt verwiesen,
kann somit die Offenbarungen des Geistigen in seiner
unmittelbaren Gestalt nicht empfangen. Erst durch den Tod tritt
diese Offenbarung an das Ich heran, weil dieses durch ihn frei
wird von seiner Verbindung mit physischem und Ätherleib. In
dem Augenblicke kann für die Seele eine andere Welt aufleuchten,
in dem sie herausgezogen ist aus der physischen Welt, die
im Leben ihre Tätigkeit an sich fesselt. - Nun gibt es Gründe,
warum auch in diesem Zeitpunkte für den Menschen nicht alle
Verbindung mit der äußeren Sinnenwelt aufhört. Es bleiben
nämlich gewisse Begierden vorhanden, welche diese Verbindung
aufrechterhalten. Es sind Begierden, welche sich der Mensch
eben dadurch schafft, daß er sich seines Ich als des vierten Gliedes
seiner Wesenheit bewußt ist. Diejenigen Begierden und
Wünsche, welche aus der Wesenheit der drei niedrigen Leiber
entspringen, können auch nur innerhalb der äußeren Welt wirken;
und wenn diese Leiber abgelegt sind, dann hören sie auf.
Hunger wird durch den äußeren Leib bewirkt; er schweigt, sobald
dieser äußere Leib nicht mehr mit dem Ich verbunden ist.
Hätte das Ich nun keine weiteren Begierden als diejenigen, welche
seiner eigenen geistigen Wesenheit entstammen, so könnte
es mit dem Eintritt des Todes volle Befriedigung aus der geistigen
Welt schöpfen, in die es versetzt ist. Aber das Leben hat ihm
noch andere Begierden gegeben. Es hat ein Verlangen in ihm
entzündet nach Genüssen, die nur durch physische Organe befriedigt
werden können, trotzdem sie selbst gar nicht aus dem
Wesen dieser Organe selbst herkommen. Nicht nur die drei Leiber
verlangen durch die physische Welt ihre Befriedigung, sondern
das Ich selbst findet Genüsse innerhalb dieser Welt, für
welche in der geistigen Welt überhaupt kein Gegenstand zur
Befriedigung vorhanden ist. Zweierlei Wünsche gibt es für das
Ich im Leben. Solche, die aus den Leibern herstammen, die also
innerhalb der Leiber befriedigt werden müssen, die aber auch mit
dem Zerfall der Leiber ihr Ende finden. Dann solche, die aus der
geistigen Natur des Ich stammen. Solange das Ich in den Leibern
ist, werden auch diese durch die leiblichen Organe befriedigt.
Denn in den Offenbarungen der Organe des Leibes wirkt das
verborgene Geistige. Und in allem, was die Sinne wahrnehmen,
empfangen sie zugleich ein Geistiges. Dieses Geistige ist, wenn
auch in anderer Form, auch nach dem Tode vorhanden. Alles,
was das Ich von Geistigem innerhalb der Sinnenwelt begehrt, das
hat es auch, wenn die Sinne nicht mehr da sind. Käme nun zu
diesen zwei Arten von Wünschen nicht noch eine dritte hinzu, es
würde der Tod nur einen Übergang bedeuten von Begierden, die
durch Sinne befriedigt werden können, zu solchen, welche in der
Offenbarung der geistigen Welt ihre Erfüllung finden. Diese
dritte Art von Wünschen sind diejenigen, welche sich das Ich
während seines Lebens in der Sinnenwelt erzeugt, weil es an ihr
Gefallen findet auch insofern, als sich in ihr nicht das Geistige
offenbart. -Die niedrigsten Genüsse können Offenbarungen des
Geistes sein. Die Befriedigung, welche die Nahrungsaufnahme
dem hungernden Wesen gewährt, ist eine Offenbarung des Geistes.
Denn durch die Aufnahme von Nahrung wird das zustande
gebracht, ohne welches das Geistige in einer gewissen Beziehung
nicht seine Entwickelung finden könnte. Das Ich aber kann
hinausgehen über den Genuß, der durch diese Tatsache notwendig
geboten ist. Es kann nach der wohlschmeckenden Speise
Verlangen tragen, auch ganz abgesehen von dem Dienste,
welcher durch die Nahrungsaufnahme dem Geiste geleistet wird.
Dasselbe tritt für andere Dinge der Sinnenwelt ein. Es werden
dadurch diejenigen Wünsche erzeugt, die in der Sinnenwelt
niemals zum Vorschein gekommen wären, wenn nicht das
menschliche Ich in diese eingegliedert worden wäre. Aber auch
aus dem geistigen Wesen des Ich entspringen solche Wünsche
nicht. Sinnliche Genüsse muß das Ich haben, solange es im Leibe
lebt, auch insofern es geistig ist. Denn im Sinnlichen offenbart
sich der Geist; und nichts anderes genießt das Ich als den Geist,
wenn es sich in der Sinnenwelt dem hingibt, durch das des Geistes
Licht hindurchleuchtet. Und es wird im Genüsse dieses
Lichtes bleiben, auch wenn die Sinnlichkeit nicht mehr das Mittel
ist, durch das die Strahlen des Geistes hindurchgehen. Für
solche Wünsche aber gibt es keine Erfüllung in der geistigen
Welt, für die nicht schon im Sinnlichen der Geist lebt. Tritt der
Tod ein, dann ist für diese Wünsche die Möglichkeit des Genusses
abgeschnitten. Der Genuß an einer wohlschmeckenden Speise
kann nur dadurch herbeigeführt werden, daß die physischen
Organe da sind, welche bei der Zuführung der Speise gebraucht
werden: Gaumen, Zunge usw. Diese hat der Mensch nach Ablegung
des physischen Leibes nicht mehr. Wenn aber das Ich noch
Bedürfnis nach solchem Genuß hat, so muß solches Bedürfnis
unbefriedigt bleiben. Sofern dieser Genuß dem Geiste entspricht,
ist er nur so lange vorhanden, als die physischen Organe da sind.
Sofern ihn aber das Ich erzeugt hat, ohne damit dem Geiste zu
dienen, bleibt er nach dem Tode als Wunsch, der vergeblich nach
Befriedigung dürstet. Was jetzt im Menschen vorgeht, davon läßt
sich nur ein Begriff bilden, wenn man sich vorstellt, jemand
leide brennenden Durst in einer Gegend, in der weit und breit
kein Wasser zu finden ist. So geht es dem Ich, insofern es nach
dem Tode die nicht ausgelöschten Begierden nach Genüssen der
äußeren Welt hegt und keine Organe hat, sie zu befriedigen.
Natürlich muß man den brennenden Durst, der als Vergleich mit
dem Zustande des Ich nach dem Tode dient, sich ins Maßlose
gesteigert denken und sich vorstellen, daß er ausgedehnt sei auf
alle dann noch vorhandenen Begierden, für die jede Möglichkeit
der Erfüllung fehlt. Der nächste Zustand des Ich besteht darin,
sich frei zu machen von diesem Anziehungsband an die äußere
Welt. Das Ich hat in sich eine Läuterung und Befreiung in dieser
Beziehung herbeizuführen. Aus ihm muß alles herausgetilgt
werden, was an Wünschen von ihm innerhalb des Leibes erzeugt
worden ist und was in der geistigen Welt kein Heimatrecht hat. -
Wie ein Gegenstand vom Feuer erfaßt und verbrannt wird, so
wird die geschilderte Begierdenwelt nach dem Tode aufgelöst
und zerstört. Es eröffnet sich damit der Ausblick in jene Welt,
welche die übersinnliche Erkenntnis als das «verzehrende Feuer
des Geistes» bezeichnen kann. Von diesem «Feuer» wird eine
Begierde erfaßt, welche sinnlicher Art ist, aber dieses so ist, daß
das Sinnliche nicht Ausdruck des Geistes ist. Man könnte solche
Vorstellungen, wie sie in bezug auf diese Vorgänge die übersinnliche
Erkenntnis geben muß, trostlos und furchtbar finden. Erschreckend
könnte es erscheinen, daß eine Hoffnung, zu deren
Befriedigung sinnliche Organe nötig sind, nach dem Tode sich in
Hoffnungslosigkeit, daß ein Wunsch, den nur die physische Welt
erfüllen kann, dann in brennende Entbehrung sich wandeln muß.
Man kann eine solche Meinung nur so lange haben, als man
nicht bedenkt, daß alle Wünsche und Begierden, die nach dem
Tode von dem «verzehrenden Feuer» erfaßt werden, im höheren
Sinne nicht wohltätige, sondern zerstörende Kräfte im Leben
darstellen. Durch solche Kräfte knüpft das Ich mit der Sinnenwelt
ein festeres Band, als notwendig ist, um aus dieser selben
Sinnenwelt alles dasjenige in sich aufzunehmen, was ihm
frommt. Diese Sinnenwelt ist eine Offenbarung des hinter ihr
verborgenen Geistigen. Das Ich könnte den Geist niemals in der
Form genießen, in der er sich nur durch leibliche Sinne offenbaren
kann, wenn es diese Sinne nicht benutzen wollte zum Genusse
des Geistigen im Sinnlichen. Doch entzieht sich das Ich auch
so viel von dem wahren geistigen Wirklichen in der Welt, als es
von der Sinnenwelt begehrt, ohne daß der Geist dabei spricht.
Wenn der sinnliche Genuß als Ausdruck des Geistes Erhöhung,
Entwickelung des Ich bedeutet, so derjenige, der ein solcher
Ausdruck nicht ist, Verarmung, Verödung desselben. Wird eine
derartige Begierde in der Sinnenwelt befriedigt, so bleibt ihre
verödende Wirkung auf das Ich deshalb doch vorhanden. Nur
wird vor dem Tode diese zerstörende Wirkung für das Ich nicht
sichtbar. Deshalb kann im Leben der Genuß nach solcher Begierde
neue gleichartige Wünsche erzeugen. Und der Mensch wird
gar nicht gewahr, daß er durch sich selbst sich in ein «verzehrendes
Feuer» hüllt. Nach dem Tode wird nur sichtbar, was ihn auch
schon im Leben umgibt; und durch das Sichtbarwerden erscheint
dieses zugleich in seiner heilsamen, wohltätigen Folge. Wer
einen Menschen lieb hat, wird doch nicht allein zu dem an ihm
hingezogen, was durch die physischen Organe empfunden werden
kann. Nur von diesem aber darf gesagt werden, daß es mit
dem Tode der Wahrnehmung entzogen wird. Gerade das aber
wird dann sichtbar an dem geliebten Menschen, zu dessen Wahrnehmung
die physischen Organe nur das Mittel waren. Ja das
einzige, was diese volle Sichtbarkeit hindert, ist dann das Vorhandensein
derjenigen Begierde, die nur durch physische Organe
befriedigt werden kann. Würde diese Begierde aber nicht ausgetilgt,
so könnte die bewußte Wahrnehmung des geliebten Menschen
nach dem Tode gar nicht eintreten. So betrachtet, verwandelt
sich die Vorstellung des Furchtbaren und Trostlosen, das für
den Menschen die Ereignisse nach dem Tode haben könnten, wie
sie die übersinnliche Erkenntnis schildern muß, in diejenige des
tief Befriedigenden und Trostreichen.
Die nächsten Erlebnisse nach dem Tode sind nun in noch
einer Beziehung durchaus verschieden von denen während des
Lebens. Während der Läuterung lebt der Mensch gewissermaßen
nach rückwärts. Er macht alles dasjenige noch einmal durch, was
er im Leben seit der Geburt erfahren hat. Von den Vorgängen,
die dem Tode unmittelbar vorausgingen, beginnt er und erlebt
alles nochmals bis zur Kindheit in rückwärtiger Reihenfolge.
Und dabei tritt ihm alles geistig vor Augen, was nicht aus der
geistigen Natur des Ich während des Lebens entsprungen ist. Nur
erlebt er auch dieses alles jetzt in umgekehrter Art. Ein Mensch,
der zum Beispiel im sechzigsten Jahre gestorben ist und der aus
einer zornigen Aufwallung heraus in seinem vierzigsten Jahre
jemand körperlichen oder seelischen Schmerz zugefügt hat, wird
dieses Ereignis noch einmal erleben, wenn er bei seiner rückgängigen
Daseinswanderung nach dem Tod an der Stelle seines
vierzigsten Jahres angelangt ist. Nur erlebt er da nicht die Be112
friedigung, die ihm im Leben geworden ist durch den Angriff auf
den andern, sondern dafür den Schmerz, der durch ihn diesem
andern zugefügt worden ist. Aus dem Obigen kann man aber
auch zugleich ersehen, daß nur dasjenige von einem solchen
Vorgange nach dem Tode als peinvoll wahrgenommen werden
kann, was aus einer Begierde des Ich entsprungen ist, die nur der
äußeren physischen Welt entstammt. In Wahrheit schädigt das
Ich nämlich nicht nur den andern durch die Befriedigung einer
solchen Begierde, sondern sich selbst; nur bleibt ihm diese eigene
Schädigung während des Lebens unsichtbar. Nach dem Tode
aber wird diese ganze schädigende Begierdenwelt dem Ich sichtbar.
Und zu jedem Wesen und jedem Dinge fühlt sich dann das
Ich hingezogen, an dem solch eine Begierde entzündet worden
ist, damit sie im «verzehrenden Feuer» ebenso wieder ausgetilgt
werden kann, wie sie entstanden ist. Erst wenn der Mensch bei
seiner Rückwärtswanderung in dem Zeitpunkte seiner Geburt
angelangt ist, sind alle derartigen Begierden durch das Läuterungsfeuer
hindurchgegangen, und nichts hindert ihn von jetzt ab
an der vollen Hingabe an die geistige Welt. Er betritt eine neue
Daseinsstufe. Wie er im Tode den physischen Leib, bald danach
den Ätherleib abgelegt hat, so zerfällt jetzt derjenige Teil des
astralischen Leibes, der nur im Bewußtsein der äußeren physischen
Welt leben kann. Für die übersinnliche Erkenntnis gibt es
somit drei Leichname, den physischen, den ätherischen und den
astralischen. Der Zeitpunkt, in dem der letztere von dem Menschen
abgeworfen wird, ist dadurch gekennzeichnet, daß die Zeit
der Läuterung etwa das Drittel von derjenigen beträgt, welche
zwischen Geburt und Tod verflossen ist. Später, wenn auf Grund
der Geheimwissenschaft der menschliche Lebenslauf betrachtet
werden wird, kann erst die Ursache deutlich werden, warum dies
so ist. Für die übersinnliche Beobachtung sind in der menschlichen
Umwelt fortwährend Astralleichname vorhanden, die
abgeworfen sind von Menschen, welche aus dem Läuterungszustande
in ein höheres Dasein übergehen. Es ist dies genau so,
wie für die physische Wahrnehmung dort physische Leichname
entstehen, wo Menschen wohnen.
Nach der Läuterung tritt für das Ich ein völlig neuer Bewußtseinszustand
ein. Während ihm vor dem Tode die äußeren Wahrnehmungen
zufließen mußten, damit auf sie das Licht des Bewußtseins
fallen könne, strömt jetzt gleichsam von innen eine
Welt, die zum Bewußtsein gelangt. Auch zwischen Geburt und
Tod lebt das Ich in dieser Welt. Nur kleidet sich letztere da in die
Offenbarungen der Sinne; und nur da, wo das Ich mit Außerachtlassung
aller Sinneswahrnehmung sich selbst in seinem «innersten
Allerheiligsten» wahrnimmt, kündigt sich das in unmittelbarer
Gestalt an, was sonst nur in dem Schleier des Sinnlichen
erscheint. So wie die Wahrnehmung des Ich im Innern vor dem
Tode vor sich geht, so von innen heraus offenbart sich die geistige
Welt in ihrer Fülle nach dem Tode und nach der Läuterung.
Eigentlich ist diese Offenbarung schon sogleich nach dem Ablegen
des Ätherleibes da; doch legt sich vor sie hin wie eine verfinsternde
Wolke die Welt der Begierden, welche noch der äußeren
Welt zugekehrt sind. Es ist da, wie wenn sich in eine selige
Welt geistigen Erlebens die schwarzen dämonischen Schatten
mischten, welche aus den im «Feuer sich verzehrenden» Begierden
entstehen. Ja nicht bloß Schatten, sondern wirkliche Wesenheiten
sind jetzt diese Begierden; das zeigt sich sofort, wenn die
physischen Organe vom Ich entfernt sind und dieses dadurch
wahrnehmen kann, was geistiger Art ist. Als Zerrbilder und
Karikaturen dessen erscheinen diese Wesen, was dem Menschen
vorher durch die sinnliche Wahrnehmung bekannt geworden ist.
Die übersinnliche Beobachtung hat von dieser Welt des Läuterungsfeuers
zu sagen, daß sie bewohnt ist von Wesen, deren
Aussehen dem geistigen Auge grauenhaft und schmerzerregend
sein kann, deren Lust die Vernichtung zu sein scheint und deren
Leidenschaft auf ein Böses sich richtet, gegen welches das Böse
der Sinnenwelt unbedeutend wirkt. Was der Mensch an den
gekennzeichneten Begierden in diese Welt mitbringt, das erscheint
für diese Wesenheiten wie eine Nahrung, durch welche
ihre Gewalten stets aufs neue Kräftigung und Stärkung erhalten.
Das Bild, das so von einer für die Sinne unwahrnehmbaren Welt
entworfen wird, kann dem Menschen weniger unglaublich erscheinen,
wenn er einmal mit einem unbefangenen Blicke einen
Teil der Tierwelt betrachtet. Was ist für den, geistigen Blick ein
grausam herumziehender Wolf? Was offenbart sich in dem, was
die Sinne an ihm wahrnehmen? Nichts anderes als eine Seele, die
in Begierden lebt und sich durch diese betätigt. Man kann die
äußere Gestalt des Wolfes eine Verkörperung dieser Begierden
nennen. Und hätte der Mensch keine Organe, um diese Gestalt
wahrzunehmen, er müßte das Dasein des entsprechenden Wesens
doch anerkennen, wenn sich dessen Begierden unsichtbar in
ihren Wirkungen zeigten, wenn also eine für das Auge unsichtbare
Gewalt herumschliche, durch welche alles das geschehen
könnte, was durch den sichtbaren Wolf geschieht. Nun, die
Wesen des Läuterungsfeuers sind zwar nicht für das sinnliche, sondern
nur für das übersinnliche Bewußtsein vorhanden; ihre Wirkungen
liegen aber offenkundig da: sie bestehen in der Zerstörung
des Ich, wenn ihnen dieses Nahrung gibt. Diese Wirkungen
werden deutlich sichtbar, wenn sich der begründete Genuß zu
Unmäßigkeit und Ausschweifung steigert. Denn was den Sinnen
wahrnehmbar ist, würde auch das Ich nur insoweit reizen, als der
Genuß in seiner Wesenheit begründet ist. Das Tier wird nur
durch dasjenige in der Außenwelt zum Verlangen getrieben,
wonach seine drei Leiber begehren. Der Mensch hat höhere
Genüsse, weil zu den drei Leibesgliedern noch das vierte, das
Ich, hinzukommt. Wenn aber nun das Ich nach einer solchen
Befriedigung verlangt, die seinem Wesen nicht zur Erhaltung
und Förderung, sondern zur Zerstörung dient, so kann ein solches
Verlangen weder die Wirkung seiner drei Leiber noch diejenige
seiner eigenen Natur sein, sondern nur diejenige von Wesenheiten,
welche den Sinnen verborgen bleiben ihrer wahren
Gestalt nach, die aber gerade an die höhere Natur des Ich sich
heranmachen können und es zu Begierden zu reizen vermögen,
die nicht mit der Sinnlichkeit zusammenhängen, doch aber nur
durch diese befriedigt werden können. Es sind eben Wesen vorhanden,
welche Leidenschaften und Begierden zu ihrer Nahrung
haben, die von schlimmerer Art als alle tierischen sind, weil sie
nicht im Sinnlichen sich ausleben, sondern das Geistige ergreifen
und dieses in das sinnliche Feld herunterziehen. Die Gestalten
solcher Wesen sind deshalb für den geistigen Blick häßlicher,
grauenhafter als die Gestalten der wildesten Tiere, in denen sich
doch nur Leidenschaften verkörpern, welche im Sinnlichen
begründet sind; und die zerstörenden Kräfte dieser Wesen überragen
maßlos alle Zerstörungswut, welche in der sinnlich wahrnehmbaren
Tierwelt vorhanden ist. Die übersinnliche Erkenntnis
muß auf diese Art den Blick des Menschen weiten als auf eine
Welt von Wesen, die in gewisser Beziehung niedriger steht als
die sichtbare zerstörungbringende Tierwelt.
Wenn der Mensch nach dem Tode durch diese Welt hindurchgegangen
ist, dann findet er sich einer Welt gegenüber, welche
Geistiges enthält und die auch nur ein Verlangen in ihm erzeugt,
das im Geistigen seine Befriedigung findet. Aber auch jetzt unterscheidet
der Mensch zwischen dem, was zu seinem Ich gehört,
und dem, was die Umgebung dieses Ich - man kann auch sagen
dessen geistige Außenwelt - bildet. Nur strömt ihm das, was er
von dieser Umgebung erlebt, so zu, wie während seines Aufenthaltes
im Leibe ihm die Wahrnehmung seines eigenen Ich
zuströmt. Während also die Umgebung des Menschen im Leben
zwischen Geburt und Tod durch die Organe seiner Leiber zu ihm
spricht, dringt nach Ablegung aller Leiber die Sprache der neuen
Umgebung unmittelbar in das «innerste Heiligtum» des Ich. Die
ganze Umgebung des Menschen ist jetzt erfüllt von Wesenheiten,
welche gleicher Art sind mit seinem Ich, denn nur ein Ich
hat zu einem Ich den Zutritt. So wie Mineralien, Pflanzen und
Tiere den Menschen in der Sinnenwelt umgeben und diese zusammensetzen,
so ist er nach dem Tode von einer Welt umgeben,
die aus Wesenheiten geistiger Art zusammengesetzt ist. - Doch
bringt der Mensch etwas, was in ihr nicht seine Umgebung ist, in
diese Welt mit; es ist dasjenige, was das Ich innerhalb der Sinnenwelt
erlebt hat. Zunächst trat die Summe dieser Erlebnisse
unmittelbar nach dem Tode, solange der Ätherleib noch mit dem
Ich verbunden war, als ein umfassendes Erinnerungsgemälde
auf. Der Ätherleib selbst wird dann zwar abgelegt, aber von dem
Erinnerungsgemälde bleibt etwas als unvergänglicher Besitz des
Ich zurück. Wie wenn man aus allen Erlebnissen und Erfahrungen,
die zwischen Geburt und Tod an den Menschen herangetreten
sind, einen Extrakt, einen Auszug machen würde, so nimmt
sich das aus, was da zurückbleibt. Es ist dies das geistige Erträgnis
des Lebens, die Frucht desselben. Dieses Erträgnis ist
geistiger Art. Es enthält alles, was sich Geistiges durch die Sinne
offenbart. Aber ohne das Leben in der Sinnenwelt hätte es nicht
zustande kommen können. Diese geistige Frucht der Sinnenwelt
empfindet nach dem Tode das Ich als das, was jetzt seine eigene,
seine Innenwelt ist und womit es die Welt betritt, die aus Wesen
besteht, die sich offenbaren, wie nur sein Ich sich selbst in seinem
tiefsten Innern offenbaren kann. Wie ein Pflanzenkeim, der
ein Extrakt der ganzen Pflanze ist, sich aber nur entfaltet, wenn
er in eine andere Welt, in die Erde, versenkt wird, so entfaltet
sich jetzt dasjenige, was das Ich aus der Sinnenwelt mitbringt,
wie ein Keim, auf den die geistige Umgebung wirkt, die ihn
nunmehr aufgenommen hat. Die Wissenschaft des Übersinnlichen
kann allerdings nur Bilder geben, wenn sie schildern soll,
was in diesem «Geisterland» vorgeht; doch können diese Bilder
solche sein, welche dem übersinnlichen Bewußtsein sich als
wahre Wirklichkeit darstellen, wenn es die entsprechenden, dem
sinnlichen Auge unsichtbaren Ereignisse verfolgt. Was da zu
schildern ist, kann durch Vergleiche mit der Sinnenwelt anschaulich
gemacht werden. Denn trotzdem es ganz geistiger Art ist, hat
es Ähnlichkeit in gewisser Beziehung mit der sinnlichen Welt.
Wie zum Beispiel in dieser eine Farbe erscheint, wenn dieser
oder jener Gegenstand auf das Auge wirkt, so stellt sich vor das
Ich im «Geisterlande» ein Erlebnis wie das durch eine Farbe hin,
wenn auf dasselbe ein Wesen wirkt. Nur wird dieses Erlebnis so
hervorgebracht, wie innerhalb des Lebens zwischen Geburt und
Tod nur die Wahrnehmung des Ich im Innern bewirkt werden
kann. Es ist nicht, wie wenn das Licht von außen herein in den
Menschen fiele, sondern so, wie wenn ein anderes Wesen unmittelbar
auf das Ich wirkte und dieses veranlaßte, sich diese
Wirkung in einem Farbenbilde vorzustellen. So finden alle Wesen
der geistigen Umgebung des Ich in einer farbenstrahlenden
Welt ihren Ausdruck. Da sie eine andere Art der Entstehung
haben, sind selbstverständlich diese Farbenerlebnisse der geistigen
Welt auch von etwas anderem Charakter als die an den sinnlichen
Farben. Auch für andere Eindrücke, welche der Mensch
von der Sinnenwelt empfängt, muß Ähnliches gesagt werden.
Am ähnlichsten den Eindrücken dieser Sinnenwelt sind nun aber
die Töne der geistigen Welt. Und je mehr sich der Mensch einlebt
in diese Welt, desto mehr wird sie für ihn ein in sich bewegtes
Leben, das sich mit den Tönen und ihrer Harmonie in der
sinnlichen Wirklichkeit vergleichen läßt. Nun fühlt er die Töne
nicht als etwas, das von außen an ein Organ herankommt, sondern
wie eine Macht, die durch sein Ich in die Welt hinausströmt.
Er fühlt den Ton, wie in der Sinnenwelt sein eigenes Sprechen
oder Singen; nur weiß er in der geistigen Welt, daß diese Töne,
die aus ihm strömen, zugleich die Kundgebungen anderer Wesenheiten
sind, die durch ihn sich in die Welt ergießen. Eine
noch höhere Kundgebung im «Geisterland» findet statt, wenn der
Ton zum «geistigen Wort» wird. Dann strömt durch das Ich nicht
nur das bewegte Leben eines andern geistigen Wesens, sondern
ein solches Wesen selbst teilt sein Inneres diesem Ich mit. Und
ohne das Trennende, das ein jedes Beisammensein in der Sinnenwelt
haben muß, leben dann, wenn das Ich von dem «geistigen
Wort» durchströmt wird, zwei Wesen ineinander. Und in dieser
Art ist wirklich das Beisammensein von dem Ich mit andern
geistigen Wesen nach dem Tode.
Vor das übersinnliche Bewußtsein treten drei Gebiete des
Geisterlandes, welche sich vergleichen lassen mit drei Teilen der
physischen Sinnenwelt. Das erste Gebiet ist gewissermaßen das
«feste Land» der geistigen Welt, das zweite das «Meeres- und
Flußgebiet» und das dritte der «Luftkreis». - Was auf der Erde
physische Formen annimmt, so daß es durch physische Organe
wahrgenommen werden kann, das wird seiner geistigen Wesenheit
nach in dem ersten Gebiet des «Geisterlandes» wahrgenommen.
Von einem Kristall zum Beispiel kann da die Kraft wahrgenommen
werden, welche seine Form bildet. Nur verhält sich
dasjenige, was sich da offenbart, wie ein Gegensatz dessen, was
in der Sinnenwelt auftritt. Der Raum, welcher in der letzteren
Welt von der Gesteinsmasse ausgefüllt ist, erscheint für den
geistigen Blick wie eine Art Hohlraum; aber rings um diesen
Hohlraum wird die Kraft gesehen, welche die Form des Steines
bildet. Eine Farbe, welche der Stein in der Sinnenwelt hat, erscheint
in der geistigen wie das Erlebnis der Gegenfarbe; also ein
rot gefärbter Stein ist vom Geisterland aus gesehen wie grünlich,
ein grüner wie rötlich erlebt usw. Auch die anderen Eigenschaften
erscheinen in ihrem Gegensatze. Wie Steine, Erdmassen und
dergleichen das feste Land - das Kontinentalgebiet -der sinnlichen
Welt bilden, so setzen die dargestellten Gebilde das «feste
Land» der geistigen zusammen. - Alles, was innerhalb der Sinnenwelt
Leben ist, das ist Meeresgebiet im Geistigen. Dem sinnlichen
Blick erscheint das Leben in seinen Wirkungen bei Pflanzen,
Tieren und Menschen. Dem geistigen Auge ist das Leben
ein strömendes Wesen, das wie Meere und Flüsse das Geisterland
durchsetzt. Besser noch ist der Vergleich mit dem Kreislauf
des Blutes im Leibe. Denn während sich die Meere und Flüsse in
der Sinnenwelt als unregelmäßig verteilt darstellen, herrscht in
der Verteilung des strömenden Lebens im Geisterland eine gewisse
Regelmäßigkeit, wie im Blutkreislauf. Eben dieses «strömende
Leben» wird gleichzeitig wie ein geistiges Tönen wahrgenommen.
- Das dritte Gebiet des Geisterlandes ist dessen «Luftkreis
». Was in der Sinnenwelt als Empfindung auftritt, das ist im
Geistgebiet so alles durchdringend vorhanden, wie die Luft auf
der Erde vorhanden ist. Ein Meer von strömender Empfindung
hat man sich da vorzustellen. Leid und Schmerz, Freude und
Entzücken strömen in diesem Gebiete wie Wind und Sturm im
Luftkreis der sinnlichen Welt. Man denke an eine Schlacht, die
auf Erden geschlagen wird. Da stehen einander nicht bloß Gestalten
der Menschen gegenüber, die das sinnliche Auge sehen
kann, sondern Gefühle stehen gegen Gefühle, Leidenschaften
gegen Leidenschaften; Schmerzen erfüllen das Schlachtfeld
ebenso wie Menschengestalten. Alles, was da lebt an Leidenschaft,
an Schmerz, an Siegesfreude, das ist nicht nur vorhanden,
insofern es sich in sinnlich-wahrnehmbaren Wirkungen
offenbart; es kommt dem geistigen Sinne zum Bewußtsein als Vorgang
des Luftkreises im Geisterland. Ein solches Ereignis ist im
Geistigen wie ein Gewitter in der physischen Welt. Und die
Wahrnehmung dieser Ereignisse läßt sich vergleichen mit dem
Hören der Worte in der physischen Welt. Deshalb sagt man: wie
die Luft die Erdenwesen einhüllt und durchdringt, so die «wehenden
geistigen Worte» die Wesen und Vorgänge des Geisterlandes.
Und weitere Wahrnehmungen sind noch möglich in dieser
geistigen Welt. Auch das ist hier vorhanden, was sich mit der
Wärme und mit dem Lichte der physischen Welt vergleichen
läßt. Was wie die Wärme die irdischen Dinge und Wesen alles
im Geisterlande durchdringt, das ist die Gedankenwelt selbst.
Nur sind die Gedanken da als lebende, selbständige Wesen vorzustellen.
Was der Mensch in der offenbaren Welt als Gedanken
erfaßt, das ist wie ein Schatten dessen, was als Gedankenwesen
im Geisterlande lebt. Man denke sich den Gedanken, wie er im
Menschen vorhanden ist, herausgehoben aus diesem Menschen
und als tätiges, handelndes Wesen mit einem eigenen Innenleben
begabt, so hat man eine schwache Verbildlichung dessen, was
das vierte Gebiet des Geisterlandes erfüllt. Was der Mensch als
Gedanken in seiner physischen Welt zwischen Geburt und Tod
wahrnimmt, das ist nur die Offenbarung der Gedankenwelt, so
wie sie durch die Werkzeuge der Leiber sich bilden kann. Aber
alles, was der Mensch an solchen Gedanken hegt, die eine Bereicherung
in der physischen Welt bedeuten, das hat aus diesem
Gebiete heraus seinen Ursprung. Man braucht bei solchen Gedanken
nicht bloß an die Ideen der großen Erfinder, der genialen
Personen zu denken, sondern man kann bei jedem Menschen
sehen, wie er «Einfälle» hat, die er nicht bloß der Außenwelt
verdankt, sondern durch die er diese Außenwelt selbst umgestaltet.
Soweit Gefühle, Leidenschaften in Betracht kommen, zu
denen die Veranlassung in der äußeren Welt liegt, so weit sind
diese Gefühle usw. in das dritte Gebiet des Geisterlandes zu
versetzen; alles das aber, was in der Menschenseele so leben
kann, daß der Mensch ein Schaffender wird, daß er umgestaltend
und befruchtend auf seine Umwelt wirkt: das wird in seiner
ureigenen, wesenhaften Gestalt offenbar im vierten Felde der
geistigen Welt. - Was in der fünften Region vorhanden ist, darf
mit dem physischen Licht verglichen werden. Es ist in seiner
ureigenen Gestalt sich offenbarende Weisheit. Wesen, welche
Weisheit in ihre Umgebung ergießen, wie die Sonne Licht auf
physische Wesen, gehören diesem Gebiete an. Was beschienen
wird von dieser Weisheit, das zeigt sich in seinem wahren Sinn
und seiner Bedeutung für die geistige Welt, wie ein physisches
Wesen seine Farbe zeigt, wenn es vom Lichte beschienen wird. -
Es gibt noch höhere Gebiete des Geisterlandes; sie werden ihre
Darstellung an einer späteren Stelle dieser Schrift finden.
In diese Welt wird nach dem Tode das Ich eingesenkt mit
dem Erträgnis, das es aus dem sinnlichen Leben mitbringt. Und
dieses Erträgnis ist noch vereinigt mit jenem Teile des Astralleibes,
der am Ende der Läuterungszeit nicht abgeworfen wird.
Es fällt ja nur jener Teil ab, welcher nach dem Tode mit seinen
Begierden und Wünschen dem physischen Leben zugewandt
war. Die Einsenkung des Ich mit dem, was es aus der sinnlichen
Welt sich zugeeignet hat, in die geistige Welt, läßt sich mit dem
Einbetten eines Samenkorns in die reifende Erde vergleichen.
Wie dieses Samenkorn die Stoffe und Kräfte aus seiner Umgebung
heranzieht, um sich zu einer neuen Pflanze zu entfalten, so
ist Entfaltung und Wachstum das Wesen des in die geistige Welt
eingesenkten Ich. - In demjenigen, was ein Organ wahrnimmt,
liegt auch die Kraft verborgen, durch welche dieses Organ selbst
gebildet wird. Das Auge nimmt das Licht wahr. Aber ohne das
Licht gäbe es kein Auge. Wesen, welche ihr Leben im Finstern
zubringen, bilden an sich keine Werkzeuge zum Sehen aus. So
aber ist der ganze leibliche Mensch herausgeschaffen aus den
verborgenen Kräften dessen, was durch die Glieder der Leiber
wahrgenommen wird. Der physische Leib ist durch die Kräfte
der physischen Welt, der Ätherleib durch diejenigen der Lebenswelt
auferbaut, und der Astralleib ist aus der astralen Welt herausgestaltet.
Wenn nun das Ich in das Geisterland versetzt ist, so
treten ihm eben jene Kräfte entgegen, die für die physische
Wahrnehmung verborgen bleiben. Was im ersten Gebiet des
Geisterlandes sichtbar wird, das sind die geistigen Wesenheiten,
welche den Menschen immer umgeben und die seinen physischen
Leib auch aufgebaut haben. In der physischen Welt nimmt
der Mensch also nichts anderes wahr als die Offenbarungen
derjenigen geistigen Kräfte, welche seinen eigenen physischen
Leib auch gestaltet haben. Nach dem Tode ist er eben mitten
unter diesen gestaltenden Kräften selbst, die sich ihm jetzt in
ihrer eigenen, vorher verborgenen Gestalt zeigen. Ebenso ist er
durch die zweite Region inmitten der Kräfte, aus denen sein
Ätherleib besteht; in der dritten Region strömen ihm die Mächte
zu, aus denen sein Astralleib herausgegliedert ist. Auch die
höheren Gebiete des Geisterlandes lassen ihm jetzt das zufließen,
aus dem er im Leben zwischen Geburt und Tod aufgebaut ist.
Diese Wesenheiten der geistigen Welt wirken nunmehr zusammen
mit dem, was der Mensch als Frucht aus dem vorigen
Leben mitgebracht hat und was jetzt zum Keime wird. Und
durch dieses Zusammenwirken wird der Mensch zunächst als
geistiges Wesen aufs neue aufgebaut. Im Schlafe bleiben der
physische Leib und der Ätherleib bestehen; der Astralleib und
das Ich sind zwar außerhalb dieser beiden, aber noch mit ihnen
verbunden. Was diese in solchem Zustande an Einflüssen aus der
geistigen Welt empfangen, kann nur dienen, die während des
Wachens erschöpften Kräfte wiederherzustellen. Nachdem aber
der physische Leib und der Ätherleib abgelegt sind und nach der
Läuterungszeit auch jene Teile des Astralleibes, die noch durch
ihre Begierden mit der physischen Welt zusammenhängen, wird
nun alles, was aus der geistigen Welt dem Ich zuströmt, nicht nur
zum Verbesserer, sondern zum Neugestalter. Und nach einer
gewissen Zeit, über welche in späteren Teilen dieser Schrift zu
sprechen ist, hat sich um das Ich herum ein Astralleib gegliedert,
der wieder in einem solchen Ätherleib und physischen Leib
wohnen kann, wie sie dem Menschen zwischen Geburt und Tod
eigen sind. Der Mensch kann wieder durch eine Geburt gehen
und in einem erneuten Erdendasein erscheinen, das nun in sich
eingegliedert hat die Frucht des früheren Lebens. Bis zu der
Neugestaltung eines Astralleibes ist der Mensch Zeuge seines
Wiederaufbaues. Da sich ihm die Mächte des Geisterlandes nicht
durch äußere Organe, sondern von innen aus offenbaren, wie das
eigene Ich im Selbstbewußtsein, so kann er diese Offenbarung
wahrnehmen, solange sein Sinn noch nicht auf eine äußere
Wahrnehmungswelt gerichtet ist. Von dem Augenblicke an, wo
der Astralleib neugestaltet ist, kehrt sich dieser Sinn aber nach
außen. Der Astralleib verlangt nunmehr wieder einen äußeren
Ätherleib und physischen Körper. Er wendet sich damit ab von
den Offenbarungen des Innern. Deshalb gibt es jetzt einen Zwischenzustand,
in dem der Mensch in Bewußtlosigkeit versinkt.
Das Bewußtsein kann erst wieder in der physischen Welt auftauchen,
wenn die zur physischen Wahrnehmung notwendigen
Organe gebildet sind. In dieser Zeit, in welcher das durch innere
Wahrnehmung erleuchtete Bewußtsein aufhört, beginnt sich nun
der neue Ätherleib an den Astralleib anzugliedern, und der
Mensch kann dann auch wieder in einen physischen Leib einziehen.
An diesen beiden Angliederungen könnte sich mit Bewußtsein
nur ein solches Ich beteiligen, welches von sich aus die
im Ätherleib und physischen Leib verborgen schaffenden Kräfte,
den Lebensgeist und den Geistesmenschen, erzeugt hat. Solange
der Mensch nicht soweit ist, müssen Wesenheiten, die weiter in
ihrer Entwickelung sind als er selbst, diese Angliederung leiten.
Der Astralleib wird von solchen Wesenheiten zu einem Elternpaare
geleitet, so daß er mit dem entsprechenden Ätherleib und
physischen Leibe begabt werden kann. - Bevor die Angliederung
des Ätherleibes sich vollzieht, ereignet sich nun etwas außerordentlich
Bedeutsames für den wieder ins physische Dasein
tretenden Menschen. Dieser hat ja in seinem vorigen Leben
störende Mächte geschaffen, die sich bei der Rückwärtswanderung
nach dem Tode gezeigt haben. Man nehme das früher
erwähnte Beispiel wieder auf. Der Mensch habe aus einer Zorn126
aufwallung heraus in dem vierzigsten Jahre seines vorigen Lebens
jemandem Schmerz zugefügt. Nach dem Tode trat ihm
dieser Schmerz des andern als eine störende Kraft für die Entwickelung
des eigenen Ich entgegen. Und so ist es mit allen
solchen Vorfällen des vorigen Lebens. Beim Wiedereintritt in
das physische Leben stehen nun diese Hindernisse der Entwickelung
wieder vor dem Ich. Wie mit dem Eintritte des Todes eine
Art Erinnerungsgemälde vor dem menschlichen Ich gestanden
hat, so jetzt ein Vorblick auf das kommende Leben. Wieder sieht
der Mensch ein solches Gemälde, das jetzt all die Hindernisse
zeigt, welche der Mensch hinwegzuräumen hat, wenn seine
Entwickelung weitergehen soll. Und das, was er so sieht, wird
der Ausgangspunkt von Kräften, welche der Mensch ins neue
Leben mitnehmen muß. Das Bild des Schmerzes, den er dem
andern zugefügt hat, wird zur Kraft, die das Ich, wenn es nun
wieder ins Leben eintritt, antreibt, diesen Schmerz wieder gutzumachen.
So wirkt also das vorgängige Leben bestimmend auf
das neue. Die Taten dieses neuen Lebens sind durch jene des
vorigen in einer gewissen Weise verursacht. Diesen gesetzmäßigen
Zusammenhang eines früheren Daseins mit einem späteren
hat man als das Gesetz des Schicksals anzusehen; man ist gewohnt
geworden, es mit dem aus der morgenländischen Weisheit
entlehnten Ausdruck «Karma» zu bezeichnen.
Der Aufbau eines neuen Leibeszusammenhanges ist jedoch
nicht die einzige Tätigkeit, welche dem Menschen zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt obliegt. Während dieser Aufbau
geschieht, lebt der Mensch außerhalb der physischen Welt. Diese
schreitet aber während dieser Zeit in ihrer Entwickelung weiter.
In verhältnismäßig kurzen Zeiträumen ändert die Erde ihr Antlitz.
Wie hat es vor einigen Jahrtausenden in den Gebieten ausgesehen,
welche gegenwärtig von Deutschland eingenommen werden?
Wenn der Mensch in einem neuen Dasein auf der Erde
erscheint, sieht diese in der Regel niemals wieder so aus, wie sie
zur Zeit seines letzten Lebens ausgesehen hat. Während er von
der Erde abwesend war, hat alles mögliche sich geändert. In
dieser Änderung des Antlitzes der Erde wirken nun auch verborgene
Kräfte. Sie wirken aus derselben Welt heraus, in welcher
sich der Mensch nach dem Tode befindet. Und er selbst muß an
dieser Umgestaltung der Erde mitwirken. Er kann es nur unter
der Anführung von höheren Wesenheiten, solange er sich nicht
durch die Erzeugung von Lebensgeist und Geistesmenschen ein
klares Bewußtsein über den Zusammenhang zwischen dem Geistigen
und dessen Ausdruck im Physischen angeeignet hat. Aber
er schafft mit an der Umwandlung der irdischen Verhältnisse.
Man kann sagen, die Menschen gestalten während der Zeit vom
Tode bis zu einer neuen Geburt die Erde so um, daß deren Verhältnisse
zu dem passen, was sich in ihnen selbst entwickelt hat.
Wenn wir einen Erdenfleck betrachten in einem bestimmten
Zeitpunkt und dann nach langer Zeit wieder in einem völlig
veränderten Zustande, so sind die Kräfte, welche diese Veränderung
herbeigeführt haben, bei den toten Menschen. In solcher Art
stehen diese auch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt
mit der Erde in Verbindung. Das übersinnliche Bewußtsein sieht
in allem physischen Dasein die Offenbarung eines verborgenen
Geistigen. Für die physische Beobachtung wirkt auf die Umgestaltung
der Erde das Licht der Sonne, die Wandelungen des
Klimas usw. Für die übersinnliche Beobachtung waltet in dem
Lichtstrahl, der von der Sonne auf die Pflanze fällt, die Kraft der
toten Menschen. Dieser Beobachtung kommt zum Bewußtsein,
wie Menschenseelen die Pflanzen umschweben, wie sie den
Erdboden wandeln und ähnliches. Nicht bloß sich selbst, nicht
allein der Vorbereitung zu seinem eigenen neuen Erdendasein ist
der Mensch nach dem Tode zugewandt. Nein, er ist da berufen,
an der äußeren Welt geistig zu schaffen, wie er im Leben zwischen
Geburt und Tod physisch zu schaffen berufen ist.
Es wirkt aber nicht nur das Leben des Menschen vom Geisterlande
aus auf die Verhältnisse der physischen Welt ein, sondern
umgekehrt auch die Tätigkeit im physischen Dasein hat ihre
Wirkungen in der geistigen Welt. Ein Beispiel kann veranschaulichen,
was in dieser Beziehung geschieht. Es besteht ein Band
der Liebe zwischen Mutter und Kind. Von der Anziehung zwischen
beiden, die in Kräften der Sinnenwelt wurzelt, geht diese
Liebe aus. Aber sie wandelt sich im Laufe der Zeiten. Aus dem
sinnlichen Bande wird immer mehr ein geistiges. Und dieses
geistige Band wird nicht nur für die physische Welt gewoben,
sondern auch für das Geisterland. Auch mit andern Verhältnissen
ist es so. Was in der physischen Welt durch Geistwesen gesponnen
wird, das bleibt in der geistigen Welt bestehen. Freunde, die
sich im Leben innig verbunden haben, gehören auch im Geisterlande
zusammen; und nach Ablegung der Leiber sind sie noch in
einer viel innigeren Gemeinschaft als im physischen Leben.
Denn als Geister sind sie so füreinander da, wie das oben bei den
Offenbarungen geistiger Wesen an andere durch das Innere beschrieben
worden ist. Und ein Band, das zwischen zwei Menschen
gewoben worden ist, führt sie auch in einem neuen Leben
wieder zusammen. Im wahrsten Sinne des Wortes muß daher von
einem Wiederfinden der Menschen nach dem Tode gesprochen
werden.
Was sich einmal mit dem Menschen vollzogen hat, von der
Geburt bis zum Tode und von da bis zu einer neuen Geburt, das,
wiederholt sich. Der Mensch kehrt immer wieder auf die Erde
zurück, wenn die Frucht, die er in einem physischen Leben erworben
hat, im Geisterlande zur Reife gekommen ist. Doch
besteht nicht eine Wiederholung ohne Anfang und Ende, sondern
der Mensch ist einmal aus anderen Daseinsformen in solche
übergetreten, welche in der gekennzeichneten Art verlaufen, und
er wird in der Zukunft zu andern übergehen. Der Ausblick auf
diese Übergangsstufen wird sich ergeben, wenn im Sinne des
übersinnlichen Bewußtseins im folgenden die Entwickelung des
Weltalls im Zusammenhang mit dem Menschen geschildert wird.
Die Vorgänge zwischen dem Tode und einer neuen Geburt
sind für die äußere sinnliche Beobachtung natürlich noch verborgener
als dasjenige, was dem offenbaren Dasein zwischen Geburt
und Tod als Geistiges zugrunde liegt. Diese sinnliche Beobachtung
kann für diesen Teil der verborgenen Welt die Wirkungen
nur da sehen, wo sie ins physische Dasein eintreten. Es
muß für sie die Frage sein, ob der Mensch, der durch die Geburt
ins Dasein tritt, etwas mitbringt von dem, was die übersinnliche
Erkenntnis von Vorgängen zwischen einem vorigen Tode und
der Geburt beschreibt. Wenn jemand ein Schneckenhaus findet,
in dem nichts von einem Tiere zu merken ist, so wird er doch nur
anerkennen, daß dieses Schneckenhaus durch die Tätigkeit eines
Tieres entstanden ist, und kann nicht glauben, daß es sich durch
bloße physische Kräfte in seiner Form zusammengefügt hat.
Ebenso kann jemand, der den Menschen im Leben betrachtet und
etwas findet, was aus diesem Leben nicht stammen kann, vernünftigerweise
zugeben, daß es von dem stammt, was die Wissenschaft
des Übersinnlichen beschreibt, wenn dadurch ein erklärendes
Licht auf das sonst Unerklärliche fällt. So könnte auch
da die sinnlich-verständige Beobachtung aus den sichtbaren
Wirkungen die unsichtbaren Ursachen begreiflich finden. Und
wer dies Leben völlig unbefangen betrachtet, dem wird sich auch
das mit jeder neuen Beobachtung immer mehr als das Richtige
ergeben. Nur handelt es sich darum, den richtigen Gesichtspunkt
zu finden, um die Wirkungen im Leben zu beobachten. Wo liegen
zum Beispiel die Wirkungen dessen, was die übersinnliche
Erkenntnis als Vorgänge der Läuterungszeit schildert? Wie tritt
die Wirkung dessen zutage, was der Mensch nach dieser Läuterungszeit
im rein geistigen Gebiete, nach den Angaben der geistigen
Forschung, erleben soll?
Rätsel drängen sich jeder ernsten, tiefen Lebensbetrachtung
auf diesem Felde genug auf. Man sieht den einen Menschen in
Not und Elend geboren, mit nur geringen Begabungen ausgestattet,
so daß er durch diese mit seiner Geburt gegebenen Tatsachen
zu einem erbärmlichen Dasein vorherbestimmt erscheint.
Der andere wird von dem ersten Augenblicke seines Daseins an
von sorgenden Händen und Herzen gehegt und gepflegt; es entfalten
sich bei ihm glänzende Fähigkeiten; er ist zu einem fruchtbaren,
befriedigenden Dasein veranlagt. Zwei entgegengesetzte
Gesinnungen können sich gegenüber solchen Fragen geltend
machen. Die eine wird an dem haften wollen, was die Sinne
wahrnehmen und der an diese Sinne sich haltende Verstand
begreifen kann. Darin, daß ein Mensch in das Glück, der andere
ins Unglück hineingeboren wird, wird diese Gesinnung keine
Frage sehen. Sie wird, wenn sie auch nicht das Wort «Zufall»
gebrauchen will, doch nicht daran denken, irgendeinen gesetzmäßigen
Zusammenhang anzunehmen, der solches bewirkt. Und
in bezug auf die Anlagen, die Begabungen wird eine solche
Vorstellungsart sich an das halten, was von Eltern, Voreltern und
sonstigen Ahnen «vererbt» ist. Sie wird es ablehnen, die Ursachen
in geistigen Vorgängen zu suchen, welche der Mensch
selbst vor seiner Geburt - abseits von der Vererbungslinie seiner
Ahnen - durchgemacht hat und durch die er sich seine Anlagen
und Begabungen gestaltet hat. - Eine andere Gesinnung wird sich
durch eine solche Auffassung unbefriedigt fühlen. Sie wird sagen:
es geschieht doch auch in der offenbaren Welt nichts an
einem bestimmten Orte oder in einer bestimmten Umgebung,
ohne daß man Ursachen voraussetzen müßte, warum dies der
Fall ist. Mag auch in vielen Fällen der Mensch diese Ursachen
noch nicht erforscht haben, vorhanden sind sie. Eine Alpenblume
wächst nicht in der Tiefebene. Ihre Natur hat etwas, was sie mit
der Alpengegend zusammenbringt. Ebenso muß es in einem
Menschen etwas geben, was ihn in eine bestimmte Umgebung
hineingeboren werden läßt. Mit Ursachen, die bloß in der physischen
Welt liegen, ist es dabei nicht getan. Sie nehmen sich für
den tiefer Denkenden so aus, als wenn die Tatsache, daß jemand
einem andern einen Schlag versetzt habe, nicht mit den Gefühlen
des ersteren, sondern mit dem physischen Mechanismus seiner
Hand erklärt werden sollte. - Ebenso unbefriedigt muß sich diese
Gesinnung mit aller Erklärung aus der bloßen «Vererbung» bei
Anlagen und Begabungen zeigen. Man mag von ihr immerhin
sagen: sehet, wie sich bestimmte Anlagen in Familien forterben.
In zwei und einem halben Jahrhundert haben sich die musikalischen
Anlagen in den Gliedern der Familie Bach vererbt. Aus
der Familie Bernoulli sind acht Mathematiker hervorgegangen,
die zum Teil in ihrer Kindheit zu ganz anderen Berufen bestimmt
waren. Aber die «vererbten» Begabungen haben sie immer zu
dem Familienberuf hingetrieben. Man mag ferner darauf verweisen,
wie man durch eine genaue Erforschung der Vorfahren
reihe einer Persönlichkeit zeigen könne, daß in der einen oder
der anderen Weise sich die Begabung dieser Persönlichkeit bei
den Ahnen gezeigt habe und daß sie sich nur als eine Summierung
vererbter Anlagen darstellt. - Wer die angedeutete zweite
Art der Gesinnung hat, wird solche Tatsachen gewiß nicht außer
acht lassen; sie können ihm aber nicht sein, was sie dem sind, der
sich nur auf die Vorgänge in der Sinnenwelt bei seinen Erklärungen
stützen will. Der erstere wird darauf hinweisen, daß sich
ebensowenig die vererbten Anlagen von selbst zur Gesamtpersönlichkeit
summieren können, wie sich die Metallteile der Uhr
zu dieser von selbst formieren. Und wenn man ihm einwendet,
daß ja doch das Zusammenwirken der Eltern die Kombination
der Anlagen bewirken könne, also dieses gleichsam an die Stelle
des Uhrmachers trete, so wird er erwidern: Sehet mit Unbefangenheit
auf das völlig Neue hin, das mit jeder Kindes-Persönlichkeit
gegeben ist; dieses kann nicht von den Eltern kommen,
einfach deshalb nicht, weil es in diesen nicht vorhanden ist.
Ein unklares Denken kann auf diesem Gebiet viel Verwirrung
stiften. Am schlimmsten ist es, wenn von den Trägern der ersten
Gesinnung diejenigen der letzteren als Gegner dessen hingestellt
werden, was doch auf «sichere Tatsachen» sich stützt. Aber es
braucht diesen letzteren gar nicht in den Sinn zu kommen, diesen
Tatsachen ihre Wahrheit oder ihren Wert abzusprechen. Sie
sehen zum Beispiel durchaus auch, daß sich eine bestimmte
Geistesanlage, ja Geistesrichtung in einer Familie «forterbt» und
daß gewisse Anlagen, in einem Nachkommen summiert und
kombiniert, eine bedeutende Persönlichkeit ergeben. Sie vermögen
durchaus zuzugeben, wenn man ihnen sagt, daß der bedeutendste
Name selten an der Spitze, sondern am Ende einer
Blutsgenossenschaft steht. Man sollte es ihnen aber nicht übel
vermerken, wenn sie gezwungen sind, daraus ganz andere Gedanken
zu bilden als diejenigen, welche nur beim Sinnlich-Tatsächlichen
stehenbleiben wollen. Den letzteren kann eben erwidert
werden: Gewiß zeigt ein Mensch die Merkmale seiner
Vorfahren, denn das Geistig-Seelische, welches durch die Geburt
in das physische Dasein tritt, entnimmt seine Leiblichkeit dem,
was ihm die Vererbung gibt. Damit ist aber noch nichts gesagt,
als daß ein Wesen die Eigentümlichkeiten des Mittels trägt, in
das es untergetaucht ist. Es ist gewiß ein sonderbarer -trivialer -
Vergleich, aber der Unbefangene wird ihm seine Berechtigung
nicht absprechen, wenn gesagt wird: daß ein Menschenwesen
sich in die Eigenschaften seiner Vorfahren eingehüllt zeigt, beweist
für die Herkunft der persönlichen Eigenschaften dieses
Wesens ebensowenig, wie es für die innere Natur eines Menschen
etwas beweist, wenn er naß ist, weil er ins Wasser gefallen
ist. Und weiter kann gesagt werden: wenn der bedeutendste
Name am Ende einer Blutsgenossenschaft steht, so zeigt dies,
daß der Träger dieses Namens jene Blutsgenossenschaft brauchte,
um sich den Leib zu gestalten, den er für die Entfaltung seiner
Gesamtpersönlichkeit notwendig hatte. Es beweist aber gar
nichts für die «Vererbung» des Persönlichen selbst: ja es beweist
für eine gesunde Logik diese Tatsache das gerade Gegenteil.
Wenn sich nämlich die persönlichen Gaben vererbten, so müßten
sie am Anfange einer Blutsgenossenschaft stehen und sich dann
von hier ausgehend auf die Nachkommen vererben. Da sie aber
am Ende stehen, so ist das gerade ein Zeugnis dafür, daß sie sich
nicht vererben.
Nun soll nicht in Abrede gestellt werden, daß auf Seite derjenigen,
welche von einer geistigen Verursachung im Leben sprechen,
nicht minder zur Verwirrung beigetragen wird. Von ihnen
wird oft viel zu sehr im allgemeinen, im unbestimmten geredet.
Es ist gewiß mit der Behauptung zu vergleichen: die Metallteile
einer Uhr haben sich selbst zu dieser zusammengestellt, wenn
gesagt wird: aus den vererbten Merkmalen summiere sich die
Persönlichkeit eines Menschen. Aber es muß auch zugegeben
werden, daß es mit vielen Behauptungen in bezug auf eine geistige
Welt sich nicht anders verhält, als wenn jemand sagte: die
Metallteile der Uhr können sich selbst nicht so zusammenfügen,
daß durch die Zusammenfügung die Zeiger vorwärtsgeschoben
werden, also muß irgend etwas Geistiges da sein, welches dieses
Vorwärtsschieben besorgt. Gegenüber einer solchen Behauptung
baut allerdings der auf einen weit besseren Grund, welcher sagt:
Ach, ich kümmere mich nicht weiter um solche «mystische»
Wesen, welche die Zeiger vorwärtsschieben; ich suche die mechanischen
Zusammenhänge kennenzulernen, durch welche das
Vorwärtsschieben der Zeiger bewirkt wird. Es handelt sich eben
gar nicht darum, nur zu wissen, hinter einem Mechanischen, zum
Beispiel der Uhr, stehe ein Geistiges (der Uhrmacher), sondern
bedeutungsvoll kann es allein sein, die Gedanken kennenzulernen,
die im Geiste des Uhrmachers der Verfertigung der Uhr
vorangegangen sind. Man kann diese Gedanken im Mechanismus
wiederfinden.
Alles bloße Träumen und Phantasieren von dem Übersinnlichen
bringt nur Verwirrung. Denn es ist ungeeignet, die Gegner
zu befriedigen. Diese sind ja im Recht, wenn sie sagen, solches
Hinweisen auf übersinnliche Wesen im allgemeinen fördert in
nichts das Verständnis der Tatsachen. Gewiß, solche Gegner
mögen auch gegenüber den bestimmten Angaben der Geisteswissenschaft
das gleiche sagen. Dann aber kann hingewiesen werden
darauf, wie sich im offenbaren Leben die Wirkungen der
verborgenen geistigen Ursachen zeigen. Es kann gesagt werden:
man nehme einmal an, es sei richtig, was die Geistesforschung
durch Beobachtung festgestellt haben will, daß der Mensch nach
seinem Tode eine Läuterungszeit durchgemacht habe und daß er
während derselben seelisch erlebt habe, welches Hemmnis in der
fortschreitenden Entwickelung eine bestimmte Tat sei, die er in
einem vorhergegangenen Leben vollführt hat. Während er dieses
erlebt hat, bildete sich in ihm der Trieb, die Folgen dieser Tat zu
verbessern. Diesen Trieb bringt er sich für ein neues Leben mit.
Und das Vorhandensein dieses Triebes bildet jenen Zug in seinem
Wesen, der ihn an einen Platz stellt, von dem aus die
Verbesserung möglich ist. Man beachte eine Gesamtheit solcher
Triebe, und man hat eine Ursache für die schicksalsgemäße
Umgebung, in welche ein Mensch hineingeboren wird. - Ebenso
kann es mit einer anderen Annahme gehen. Man setze wieder
voraus, es sei richtig, was von der Geisteswissenschaft gesagt
wird, die Früchte eines verflossenen Lebens werden dem geistigen
Keim des Menschen einverleibt, und das Geisterland, in dem
sich dieser zwischen Tod und neuem Leben befindet, sei das
Gebiet, in dem diese Früchte reifen, um, zu Anlagen und Fähigkeiten
umgestaltet, in einem neuen Leben zu erscheinen und die
Persönlichkeit so zu gestalten, daß sie als die Wirkung dessen
erscheint, was in einem vorigen Leben gewonnen worden ist. -
Wer diese Voraussetzungen macht und mit ihnen unbefangen das
Leben betrachtet, dem wird sich zeigen, daß durch sie alles
Sinnlich-Tatsächliche in seiner vollen Bedeutung und Wahrheit
anerkannt werden kann, daß aber zugleich alles das begreiflich
wird, was bei einem bloßen Bauen auf die sinnlichen Tatsachen
für denjenigen immer unbegreiflich bleiben muß, dessen Gesinnung
nach der geistigen Welt hin gerichtet ist. Und vor allem,
es wird jede Unlogik von der Art verschwinden, wie die früher
angedeutete eine ist: weil der bedeutendste Name am Ende einer
Blutsgenossenschaft steht, müsse der Träger seine Begabung
ererbt haben. Das Leben wird logisch begreiflich durch die von
der Geisteswissenschaft ermittelten übersinnlichen Tatsachen.
Der gewissenhafte Wahrheitssucher, der ohne eigene Erfahrung
in der übersinnlichen Welt sich zurechtfinden will in den
Tatsachen, wird aber auch noch einen gewichtigen Einwand
erheben können. Es kann nämlich geltend gemacht werden, daß
es unzulässig sei, einfach aus dem Grunde das Dasein irgendwelcher
Tatsachen anzunehmen, weil man sich dadurch etwas erklären
könne, was sonst unerklärlich ist. Solch ein Einwand ist
sicherlich für denjenigen ganz bedeutungslos, welcher die entsprechenden
Tatsachen aus der übersinnlichen Erfahrung kennt.
Und in den folgenden Teilen dieser Schrift wird der Weg angegeben,
der gegangen werden kann, um nicht nur andere geistige
Tatsachen, die hier beschrieben werden, sondern auch das Gesetz
der geistigen Verursachung als eigenes Erlebnis kennenzulernen.
Aber für jeden, welcher diesen Weg nicht antreten will, kann der
obige Einwand eine Bedeutung haben. Und dasjenige, was wider
ihn gesagt werden kann, ist auch für einen solchen wertvoll, der
den angedeuteten Weg selbst zu gehen entschlossen ist. Denn
wenn es jemand in der richtigen Art aufnimmt, dann ist es selbst
der beste erste Schritt, der auf diesem Wege gemacht werden
kann. - Es ist nämlich durchaus wahr: bloß weil man sich etwas
dadurch erklären kann, was sonst unerklärlich bleibt, soll man
etwas nicht annehmen, von dessen Dasein man sonst kein Wissen
hat. Aber in dem Falle mit den angeführten geistigen Tatsachen
liegt die Sache doch noch anders. Wenn man sie annimmt,
so hat das nicht nur die intellektuelle Folge, daß man durch sie
das Leben begreiflich findet, sondern man erlebt durch die Aufnahme
dieser Voraussetzungen in seine Gedanken noch etwas
ganz anderes. Man denke sich den folgenden Fall: Es widerfährt
jemand etwas, das in ihm recht peinliche Empfindungen hervorruft.
Er kann sich nun in zweifacher Art dazu stellen. Er kann
den Vorfall als etwas erleben, was ihn peinlich berührt, und sich
der peinlichen Empfindung hingeben, vielleicht sogar in
Schmerz versinken. Er kann sich aber auch anders dazu stellen.
Er kann sagen: In Wahrheit habe ich selbst in einem vergangenen
Leben in mir die Kraft gebildet, welche mich vor diesen
Vorfall gestellt hat; ich habe in Wirklichkeit mir selbst die Sache
zugefügt. Und er kann nun alle die Empfindungen in sich erregen,
welche ein solcher Gedanke zur Folge haben kann. Selbstverständlich
muß der Gedanke mit dem allervollkommensten
Ernste und mit aller möglichen Kraft erlebt werden, wenn er eine
solche Folge für das Empfindungs- und Gefühlsleben haben soll.
Wer solches zustande bringt, für den wird sich eine Erfahrung
einstellen, welche sich am besten durch einen Vergleich veranschaulichen
läßt. Zwei Menschen - so wolle man annehmen -
bekämen eine Siegellackstange in die Hand. Der eine stelle intellektuelle
Betrachtungen an über die «innere Natur» der Stange.
Diese Betrachtungen mögen sehr klug sein; wenn sich diese «innere
Natur» durch nichts zeigt, mag ihm ruhig jemand erwidern:
das sei Träumerei. Der andere aber reibt den Siegellack mit einem
Tuchlappen, und er zeigt dann, daß die Stange kleine Körperchen
anzieht. Es ist ein gewichtiger Unterschied zwischen den
Gedanken, die durch des ersten Menschen Kopf gegangen sind
und ihn zu den Betrachtungen angeregt haben, und denen des
zweiten. Des ersten Gedanken haben keine tatsächliche Folge;
diejenigen des zweiten aber haben eine Kraft, also etwas Tatsächliches,
aus seiner Verborgenheit hervorgelockt. - So ist es
nun auch mit den Gedanken eines Menschen, der sich vorstellt,
er habe die Kraft, mit einem Ereignis zusammenzukommen,
durch ein früheres Leben selbst in sich gepflanzt. Diese bloße
Vorstellung regt in ihm eine wirkliche Kraft an, durch die er in
einer ganz andern Art dem Ereignis begegnen kann, als wenn er
diese Vorstellung nicht hegt. Es geht ihm dadurch ein Licht auf
über die notwendige Wesenheit dieses Ereignisses, das er sonst
nur als einen Zufall anerkennen könnte. Und er wird unmittelbar
einsehen: ich habe den rechten Gedanken gehabt, denn dieser
Gedanke hatte die Kraft, die Tatsache mir zu enthüllen. Wiederholt
jemand solche innere Vorgänge, so werden sie fortgesetzt
zu einem Mittel innerer Kraftzufuhr, und sie erweisen so ihre
Richtigkeit durch ihre Fruchtbarkeit. Und diese Richtigkeit zeigt
sich, nach und nach, kräftig genug. In geistiger, seelischer und
auch physischer Beziehung wirken solche Vorgänge gesundend,
ja in jeder Beziehung fördernd auf das Leben ein. Der Mensch
wird gewahr, daß er sich dadurch in einer richtigen Art in den
Lebenszusammenhang hineinstellt, während er bei Beachtung
nur des einen Lebens zwischen Geburt und Tod sich einem Irrwahn
hingibt. Der Mensch wird seelisch stärker durch das gekennzeichnete
Wissen. - Einen solchen rein inneren Beweis von
der geistigen Verursachung kann sich ein jeder allerdings nur
selbst in seinem Innenleben verschaffen. Aber es kann ihn auch
ein jeder haben. Wer ihn sich nicht verschafft hat, kann seine
Beweiskraft allerdings nicht beurteilen. Wer ihn sich verschafft
hat, der kann ihn aber auch kaum mehr anzweifeln. Man braucht
sich auch gar nicht zu verwundern, daß dies so ist. Denn was so
ganz und gar mit demjenigen zusammenhängt, was des Menschen
innerste Wesenheit, seine Persönlichkeit ausmacht, von
dem ist es nur natürlich, daß es auch nur im innersten Erleben
genügend bewiesen werden kann. - Vorbringen kann man dagegen
allerdings nicht, daß eine solche Angelegenheit, weil sie
solchem inneren Erlebnis entspricht, ein jeder mit sich selbst
abmachen müsse, und daß sie nicht Sache einer Geisteswissenschaft
sein könne. Gewiß ist, daß ein jeder selbst das Erlebnis
haben muß, wie ein jeder selbst den Beweis eines mathematischen
Satzes einsehen muß. Aber der Weg, auf dem das Erlebnis
erreicht werden kann, ist für alle Menschen gültig, wie die Methode,
einen mathematischen Satz zu beweisen, für alle gültig ist.
Nicht in Abrede soll gestellt werden, daß - von den übersinnlichen
Beobachtungen natürlich abgesehen - der eben angeführte
Beweis durch die krafthervorbringende Gewalt der entsprechenden
Gedanken der einzige ist, der jeder unbefangenen Logik
standhält. Alle anderen Erwägungen sind gewiß sehr bedeutsam;
aber sie werden doch alle etwas haben, an dem ein Gegner Angriffspunkte
finden kann. Wer allerdings sich genug unbefangenen
Blick angeeignet hat, der wird schon in der Möglichkeit und
Tatsächlichkeit der Erziehung bei dem Menschen etwas finden,
was logisch wirkende Beweiskraft dafür hat, daß ein geistiges
Wesen sich in der leiblichen Hülle zum Dasein ringt. Er wird das
Tier mit dem Menschen vergleichen und sich sagen: bei dem
ersteren treten die für dasselbe maßgebenden Eigenschaften und
Befähigungen mit der Geburt als etwas in sich Bestimmtes auf,
das deutlich zeigt, wie es durch die Vererbung vorgezeichnet ist
und sich an der Außenwelt entfaltet. Man sehe, wie das junge
Küchlein Lebensverrichtungen von Geburt an in bestimmter Art
vollzieht. An den Menschen aber tritt durch die Erziehung mit
seinem Innenleben etwas in ein Verhältnis, was ohne alle Beziehung
zu einer Vererbung stehen kann. Und er kann in der Lage
sein, die Wirkungen solcher äußeren Einflüsse sich anzueignen.
Wer erzieht, der weiß, daß solchen Einflüssen vom Innern des
Menschen Kräfte entgegenkommen müssen; ist das nicht der
Fall, dann ist alle Schulung und Erziehung bedeutungslos. Für
den unbefangenen Erzieher stellt sich sogar ganz scharf die
Grenze hin zwischen den vererbten Anlagen und jenen inneren
Kräften des Menschen, welche durch diese Anlagen hindurchleuchten
und welche aus früheren Lebensläufen herrühren. Sicherlich
kann man für solche Dinge nicht so «gewichtige» Beweise
anführen, wie für gewisse physikalische Tatsachen durch
die Waage. Aber dafür sind diese Dinge eben die Intimitäten des
Lebens. Und für den, der Sinn dafür hat, sind auch solche nicht
handgreifliche Belege beweisend; sogar beweisender als die
handgreifliche Wirklichkeit. Daß man ja auch Tiere dressieren
kann, sie also gewissermaßen durch Erziehung Eigenschaften
und Fähigkeiten annehmen, ist für den, der auf das Wesentliche
zu schauen vermag, kein Einwand. Denn abgesehen davon, daß
sich in der Welt allerorten Übergänge finden, verschmelzen die
Ergebnisse der Dressur bei einem Tiere keineswegs in gleicher
Art mit seinem persönlichen Wesen wie beim Menschen. Man
betont ja sogar, wie die Fähigkeiten, welche den Haustieren im
Zusammenleben mit dem Menschen andressiert werden, sich
vererben, das heißt sofort gattungsmäßig, nicht persönlich wirken.
Darwin beschreibt, wie Hunde apportieren, ohne dazu angelernt
zu sein oder es gesehen zu haben. Wer wollte ein gleiches
von der menschlichen Erziehung behaupten?
Nun gibt es Denker, welche durch ihre Beobachtungen über
die Meinung hinauskommen, daß der Mensch durch die rein
vererbten Kräfte von außen zusammengefügt sei. Sie erheben
sich bis zu dem Gedanken, daß ein geistiges Wesen, eine Individualität,
dem leiblichen Dasein vorangehe und dieses gestalte.
Aber viele von ihnen finden doch nicht die Möglichkeit, zu begreifen,
daß es wiederholte Erdenleben gibt, und daß in dem
Zwischendasein zwischen den Leben die Früchte der vorigen
mitgestaltende Kräfte sind. Es sei aus der Reihe solcher Denker
einer angeführt. Immanuel Hermann Fichte, der Sohn des großen
Fichte, führt in seiner «Anthropologie» seine Beobachtungen an,
die ihn (Seite 528) zu folgendem zusammenfassenden Urteil
bringen: «Die Eltern sind nicht die Erzeuger in vollständigem
Sinne: den organischen Stoff bieten sie dar, und nicht bloß diesen,
sondern zugleich jenes Mittlere, Sinnlich-Gemütliche, welches
sich in Temperament, in eigentümlicher Gemütsfärbung, in
bestimmter Spezifikation der Triebe und dergleichen zeigt, als
deren gemeinschaftliche Quelle die ‹Phantasie› in jenem weitern,
von uns nachgewiesenen Sinne sich ergeben hat. In allen diesen
Elementen der Persönlichkeit ist die Mischung und eigentümliche
Verbindung der Elternseelen unverkennbar; diese daher für
ein bloßes Produkt der Zeugung zu erklären, ist vollkommen
begründet, noch dazu, wenn, wofür wir uns entscheiden mußten,
die Zeugung als wirklicher Seelenvorgang aufgefaßt wird. Aber
der eigentliche, schließende Mittelpunkt der Persönlichkeit fehlt
hier gerade; denn bei tiefer eindringender Beobachtung ergibt
sich, daß auch jene gemütlichen Eigentümlichkeiten nur eine
Hülle und ein Werkzeugliches sind, um die eigentlich geistigen
idealen Anlagen des Menschen in sich zu fassen, geeignet, sie zu
fördern in ihrer Entwickelung oder zu hemmen, keineswegs aber
fähig, sie aus sich entstehen zu lassen. » Und weiter wird da
gesagt: «Jeder präexistiert nach seiner geistigen Grundgestalt;
denn geistig betrachtet gleicht kein Individuum dem anderen,
sowenig als die eine Tierspezies einer der übrigen» .
Diese Gedanken greifen nur so weit, daß sie in die physische
Leiblichkeit des Menschen eintreten lassen eine geistige Wesenheit.
Da deren gestaltende Kräfte aber nicht aus Ursachen früherer
Leben hergeleitet werden, so müßte jedesmal, wenn eine
Persönlichkeit ersteht, eine solche geistige Wesenheit aus einem
göttlichen Urgrunde hervorgehen. Unter dieser Voraussetzung
bestände aber keine Möglichkeit, die Verwandtschaft zu erklären,
die ja besteht zwischen den sich aus dem menschlichen
Innern herausringenden Anlagen und dem, was von der äußeren
irdischen Umgebung im Laufe des Lebens an dieses Innere herandringt.
Das menschliche Innere, das für jeden einzelnen Menschen
aus einem göttlichen Urgrunde stammte, müßte ganz
fremd gegenüberstehen dem, was ihm im irdischen Leben gegenübertritt.
Nur dann wird das - wie es ja tatsächlich ist - nicht der
Fall sein, wenn dieses menschliche Innere mit dem Äußeren
bereits verbunden war, wenn es nicht zum ersten Male in diesem
lebt. Der unbefangene Erzieher kann klar die Wahrnehmung
machen: ich bringe aus den Ergebnissen des Erdenlebens an
meinen Zögling etwas heran, was zwar seinen bloß vererbten
Eigenschaften fremd ist, was ihn aber doch so anmutet, als ob er
bei der Arbeit, aus welcher diese Ergebnisse stammen, schon
dabei gewesen wäre. Nur die wiederholten Erdenleben im Zusammenhang
mit den von der Geistesforschung dargelegten
Tatsachen im geistigen Gebiet zwischen den Erdenleben: nur
dies alles kann eine befriedigende Erklärung des allseitig
betrachteten Lebens der gegenwärtigen Menschheit geben. - Ausdrücklich
wird hier gesagt: der «gegenwärtigen» Menschheit.
Denn die geistige Forschung ergibt, daß allerdings einmal der
Kreislauf der Erdenleben begonnen hat und daß damals andere
Verhältnisse als gegenwärtig für das in die leibliche Hülle eintretende
geistige Wesen des Menschen bestanden haben. In den
folgenden Kapiteln wird auf diesen urzeitlichen Zustand des
Menschenwesens zurückgegangen. Wenn dadurch aus den Ergebnissen
der Geisteswissenschaft heraus wird gezeigt worden
sein, wie dieses Menschenwesen seine gegenwärtige Gestalt im
Zusammenhang mit der Erdentwickelung erhalten hat, wird auch
noch genauer darauf hingedeutet werden können, wie der geistige
Wesenskern des Menschen aus übersinnlichen Welten in die
leiblichen Hüllen eindringt, und wie das geistige Verursachungsgesetz,
das «menschliche Schicksal», sich heranbildet.
DIE WELTENTWICKELUNG UND DER MENSCH
Es hat sich durch die vorangegangenen Betrachtungen ergeben,
daß die Wesenheit des Menschen aus den vier Gliedern
sich aufbaut: Physischer Leib, Lebensleib, Astralleib und Ich-
Träger. Das «Ich» arbeitet innerhalb der drei andern Glieder und
wandelt diese um. Durch solche Umwandlung entstehen auf
einer niedrigeren Stufe: Empfindungsseele, Verstandesseele und
Bewußtseinsseele. Auf einer höheren Stufe des Menschendaseins
bilden sich: Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch. Diese
Glieder der Menschennatur stehen nun in den mannigfaltigsten
Verhältnissen zu dem ganzen Weltall. Und ihre Entwickelung
hängt mit der Entwickelung dieses Weltalls zusammen. Durch
die Betrachtung dieser Entwickelung gewinnt man einen Einblick
in die tieferen Geheimnisse dieser menschlichen Wesenheit.
Es ist klar, daß des Menschen Leben nach den verschiedensten
Richtungen hin Beziehungen hat zur Umgebung, zu dem
Wohnplatz, auf dem er sich entwickelt. Nun ist schon die äußerliche
Wissenschaft durch die ihr gegebenen Tatsachen zu der
Ansicht gedrängt worden, daß die Erde selbst, dieser Wohnplatz
des Menschen im umfassendsten Sinne, eine Entwickelung
durchgemacht hat. Diese Wissenschaft weist auf Zustände im
Erdendasein hin, innerhalb welcher ein Mensch in seiner gegenwärtigen
Form auf unserem Planeten noch nicht existiert hat. Sie
zeigt, wie die Menschheit von einfachen Kulturzuständen herauf
sich langsam und allmählich zu den gegenwärtigen Verhältnissen
* Geisteswissenschaft wird hier, wie aus dem Zusammenhang ersichtlich ist, gleichbedeutend
mit «Geheimwissenschaft», mit übersinnlicher Erkenntnis gebraucht.
entwickelt hat. Also auch diese Wissenschaft kommt zu der
Meinung, daß ein Zusammenhang bestehe zwischen der Entwikkelung
des Menschen und derjenigen seines Himmelskörpers,
der Erde.
Die Geisteswissenschaft* verfolgt diesen Zusammenhang
durch diejenige Erkenntnis, welche ihre Tatsachen aus der durch
die geistigen Organe geschärften Wahrnehmung schöpft. Sie
verfolgt den Menschen rückwärts in seinem Werdegange. Es
zeigt sich ihr, daß das eigentliche innere geistige Wesen des
Menschen durch eine Reihe von Leben auf dieser Erde geschritten
ist. So aber kommt die Geistesforschung zu einem weit in der
Vergangenheit zurückliegenden Zeitpunkte, in dem zum ersten
Male dieses innere Menschenwesen in ein äußeres Leben in dem
gegenwärtigen Sinne eingetreten ist. In dieser ersten irdischen
Verkörperung war es, daß das «Ich» anfing, innerhalb der drei
Leiber, Astralleib, Lebensleib, physischer Leib, sich zu betätigen.
Und es nahm dann die Früchte dieser Arbeit mit in das
folgende Leben hinüber.
Wenn man in der angedeuteten Art bis zu diesem Zeitpunkte
in der Betrachtung rückwärts schreitet, so wird man gewahr, daß
das «Ich» einen Erdenzustand vorfindet, innerhalb dessen die
drei Leiber, physischer Leib, Lebensleib und Astralleib, schon
entwickelt sind und schon einen gewissen Zusammenhang haben.
Das «Ich» verbindet sich zum ersten Male mit der Wesenheit,
welche aus diesen drei Leibern besteht. Es nimmt von jetzt
ab dieses «Ich» an der Weiterentwickelung der drei Leiber teil.
Vorher haben sich diese ohne ein solches Menschen-Ich bis zu
der Stufe entwickelt, auf welcher sie dieses Ich damals angetroffen
hat.
Die Geisteswissenschaft muß mit ihrer Forschung nun noch
weiter zurückgehen, wenn sie die Fragen beantworten will: Wie
sind die drei Leiber bis zu einer solchen Stufe der Entwickelung
gelangt, auf der sie ein «Ich» in sich aufnehmen konnten, und
wie ist dieses Ich selbst geworden und zu der Fähigkeit gelangt,
innerhalb dieser Leiber wirken zu können?
Die Beantwortung dieser Fragen ist nur möglich, wenn man
das Werden des Erdenplaneten selbst im geisteswissenschaftlichen
Sinne verfolgt. Durch solche Forschung gelangt man an
einen Anfang dieses Erdenplaneten. Diejenige Betrachtungsart,
welche nur auf die Tatsachen der physischen Sinne baut, kann
nicht bis zu Schlußfolgerungen gelangen, die mit diesem Erdenanfang
etwas zu tun haben. Eine gewisse Ansicht, die sich solcher
Schlußfolgerungen bedient, kommt zu dem Ergebnis, daß
alles Stoffliche der Erde sich aus einem Urnebel heraus gebildet
habe. Es kann nicht die Aufgabe dieser Schrift sein, auf solche
Vorstellungen näher einzugehen. Denn für die Geistesforschung
handelt es sich darum, nicht bloß die materiellen Vorgänge der
Erdenentwickelung in Betracht zu ziehen, sondern vor allem die
hinter dem Stofflichen liegenden geistigen Ursachen. Wenn man
einen Menschen vor sich hat, der eine Hand hebt, so kann dieses
Heben der Hand zu zweierlei Betrachtungsweisen anregen. Man
kann den Mechanismus des Armes und des andern Organismus
untersuchen und den Vorgang so beschreiben wollen, wie er sich
rein physisch abspielt. Man kann aber auch den geistigen Blick
auf dasjenige lenken, was in der Seele des Menschen vorgeht
und was die seelische Veranlassung zum Heben der Hand bildet.
In einer ähnlichen Art sieht der durch das geistige Wahrnehmen
geschulte Forscher hinter allen Vorgängen der sinnlichphysischen
Welt geistige Vorgänge. Für ihn sind alle Umwandlungen
in dem Stofflichen des Erdenplaneten Offenbarungen geistiger
Kräfte, die hinter dem Stofflichen liegen. Wenn aber solche
geistige Beobachtung in dem Leben der Erde immer weiter zurückgeht,
so kommt sie an einen Entwickelungspunkt, an dem
alles Stoffliche erst anfängt zu sein. Es entwickelt sich dieses
Stoffliche aus dem Geistigen heraus. Vorher ist nur Geistiges
vorhanden. Man nimmt durch diese geistige Beobachtung das
Geistige wahr und sieht, wie in weiterem Verfolg sich dieses
Geistige zu dem Stofflichen teilweise gleichsam verdichtet. Man
hat einen Vorgang vor sich, der sich - auf einer höheren Stufe -so
abspielt, wie wenn man ein Gefäß mit Wasser betrachtet, in dem
sich nach und nach durch kunstvoll geleitete Abkühlungen Eisklumpen
herausbildeten. Wie man hier aus dem, was vorher
durchaus Wasser war, das Eis sich heraus verdichten sieht, so
kann man durch geistige Beobachtung verfolgen, wie sich aus
einem vorangehenden durchaus Geistigen die stofflichen Dinge,
Vorgänge und Wesenheiten gleichsam verdichten. - So hat sich
der physische Erdenplanet herausentwickelt aus einem geistigen
Weltwesen; und alles, was stofflich mit diesem Erdenplaneten
verknüpft ist, hat sich aus solchem herausverdichtet, was mit ihm
vorher geistig verbunden war. Man hat sich aber nicht vorzustellen,
daß jemals alles Geistige sich in Stoffliches umwandelt;
sondern man hat in dem letzteren immer nur umgewandelte Teile
des ursprünglichen Geistigen vor sich. Dabei bleibt das Geistige
auch während der stofflichen Entwickelungsperiode das eigentlich
leitende und führende Prinzip.
Es ist einleuchtend, daß diejenige Vorstellungsart, welche
sich nur an die sinnlich-physischen Vorgänge halten will - und
an dasjenige, was der Verstand aus diesen Vorgängen erschließen
kann - nichts auszusagen vermag über das in Rede
stehende Geistige. Man nehme an, es könne ein Wesen geben,
das nur solche Sinne hätte, die Eis wahrnehmen können, nicht
aber den feineren Zustand des Wassers, aus dem sich das Eis
durch Abkühlung abhebt. Für ein solches Wesen wäre das Wasser
nicht vorhanden; und es wäre für dasselbe von dem Wasser
erst dann etwas wahrzunehmen, wenn sich Teile desselben zu Eis
umgebildet haben. So bleibt für einen Menschen das hinter den
Erdenvorgängen liegende Geistige verborgen, wenn er nur das
für die physischen Sinne Vorhandene gelten lassen will. Und
wenn er von den physischen Tatsachen, die er gegenwärtig wahrnimmt,
richtige Schlußfolgerungen sich bildet über frühere Zustände
des Erdenplaneten, so kommt ein solcher Mensch eben
nur bis zu jenem Entwickelungspunkte, in dem das vorangehende
Geistige sich teilweise zu dem Stofflichen verdichtete. Dieses
vorangehende Geistige sieht eine solche Betrachtungsweise
ebensowenig wie das Geistige, das unsichtbar auch gegenwärtig
hinter dem Stofflichen waltet.
Es kann erst in den letzten Kapiteln dieser Schrift von den
Wegen gesprochen werden, auf denen der Mensch sich die Fähigkeit
aneignet, in geistiger Wahrnehmung auf die früheren
Erdenzustände zurückzublicken, von denen hier die Rede ist.
Nur angedeutet soll hier vorläufig werden, daß für die geistige
Forschung die Tatsachen auch urferner Vergangenheiten nicht
verschwunden sind. Wenn ein Wesen zu einem körperlichen
Dasein gelangt, so vergeht mit seinem körperlichen Tode das
Stoffliche. Nicht in der gleichen Art «verschwinden» die geistigen
Kräfte, welche dieses Körperhafte aus sich herausgetrieben
haben. Sie lassen ihre Spuren, ihre genauen Abbilder in der geistigen
Grundlage der Welt zurück. Und wer durch die sichtbare
Welt hindurch die Wahrnehmung zu dem Unsichtbaren zu erheben
vermag, der gelangt endlich dazu, etwas vor sich zu haben,
was man mit einem gewaltigen geistigen Panorama vergleichen
könnte, in dem alle vergangenen Vorgänge der Welt verzeichnet
sind. Man kann diese unvergänglichen Spuren alles Geistigen die
«Akasha-Chronik» nennen, indem man als Akasha-Wesenheit
das Geistig-Bleibende des Weltgeschehens im Gegensatz zu den
vergänglichen Formen des Geschehens bezeichnet. Nun muß
auch hier wieder gesagt werden, daß Forschungen auf den übersinnlichen
Gebieten des Daseins nur mit Hilfe des geistigen
Wahrnehmens, also auf dem hier betrachteten Gebiete nur durch
das Lesen der angedeuteten «Akasha-Chronik» angestellt werden
können. Dennoch gilt auch hier dasjenige, was für Ähnliches
schon an früherer Stelle dieser Schrift gesagt worden ist. Erforscht
können die übersinnlichen Tatsachen nur durch die übersinnliche
Wahrnehmung werden; sind sie aber erforscht und
werden sie von der Wissenschaft des Übersinnlichen mitgeteilt,
so können sie eingesehen werden durch das gewöhnliche Denken,
wenn dieses nur wirklich unbefangen sein will. Es werden
in dem folgenden im Sinne der übersinnlichen Erkenntnis die
Entwickelungszustände der Erde mitgeteilt. Es werden die Umwandlungen
unseres Planeten verfolgt werden bis zu dem Lebenszustande,
in dem dieser gegenwärtig ist. Wenn nun jemand
das betrachtet, was er gegenwärtig in bloßer sinnlicher Wahrnehmung
vor sich hat, und dann dasjenige in sich aufnimmt, was
die übersinnliche Erkenntnis darüber sagt, wie seit urferner Vergangenheit
dieses Gegenwärtige sich entwickelt habe, so vermag
er bei wahrhaft unbefangenem Denken sich zu sagen: erstens ist
es durchaus logisch, was diese Erkenntnis berichtet; zweitens
kann ich einsehen, daß die Dinge so geworden sind, wie sie mir
eben entgegentreten, wenn ich annehme, daß dies richtig sei, was
durch die übersinnliche Forschung mitgeteilt wird. Mit dem «Logischen
» ist natürlich in diesem Zusammenhange nicht gemeint,
daß innerhalb irgendeiner Darstellung übersinnlicher Forschung
nicht Irrtümer in logischer Beziehung enthalten sein könnten.
Auch hier soll von dem «Logischen» nur so gesprochen werden,
wie man im gewöhnlichen Leben der physischen Welt davon
spricht. Wie da die logische Darstellung als Forderung gilt, trotzdem
der einzelne Darsteller eines Tatsachengebietes logischen
Irrtümern verfallen kann, so ist es auch in der übersinnlichen
Forschung. Es kann sogar vorkommen, daß ein Forscher, der auf
übersinnlichen Gebieten wahrzunehmen vermag, sich Irrtümern
in der logischen Darstellung hingibt, und daß einen solchen dann
jemand verbessern kann, der gar nicht übersinnlich wahrnimmt,
wohl aber die Fähigkeit eines gesunden Denkens hat. Aber im
Wesen kann gegen die in der übersinnlichen Forschung angewandte
Logik nichts eingewendet werden. Und gar nicht nötig
sollte man haben zu betonen, daß gegen die Tatsachen selbst
nichts aus bloß logischen Gründen vorgebracht werden kann. So
wie man auf dem Gebiete der physischen Welt niemals logisch
beweisen kann, ob es einen Walfisch gibt oder nicht, sondern nur
durch den Augenschein, so können auch die übersinnlichen
Tatsachen nur durch die geistige Wahrnehmung erkannt werden.
- Es kann aber nicht genug betont werden, daß es für den Betrachter
der übersinnlichen Gebiete eine Notwendigkeit ist, bevor
er in eigenem Wahrnehmen sich den geistigen Welten nähern
will, zuerst sich durch die angedeutete Logik eine Ansicht zu
verschaffen, und nicht minder dadurch, daß er erkennt, wie die
sinnlich-offen-bare Welt überall verständlich erscheint, wenn
man voraussetzt, die Mitteilungen der Geheimwissenschaft seien
richtig. Es bleibt eben alles Erleben in der übersinnlichen Welt
ein unsicheres -ja gefährliches - Herumtasten, wenn der geschilderte
Vorbereitungsweg verschmäht wird. Deshalb wird in dieser
Schrift auch zuerst das Übersinnlich-Tatsächliche der Erdentwikkelung
mitgeteilt, bevor über den Weg der übersinnlichen Erkenntnis
selbst gesprochen wird. - Es kommt ja durchaus auch in
Betracht, daß derjenige, welcher sich rein denkend in das hineinfindet,
was die übersinnliche Erkenntnis zu sagen hat, keineswegs
in derselben Lage ist wie jemand, der sich eine Erzählung
anhört über einen physischen Vorgang, den er nicht selbst sehen
kann. Denn das reine Denken ist selbst schon eine übersinnliche
Betätigung. Es kann als Sinnliches nicht zu übersinnlichen Vorgängen
durch sich selbst führen. Wenn man aber dieses Denken
auf die übersinnlichen, durch die übersinnliche Anschauung
erzählten Vorgänge anwendet, dann wächst es durch sich selbst
in die übersinnliche Welt hinein. Und es ist sogar einer der
allerbesten Wege, zu eigener Wahrnehmung auf übersinnlichem
Gebiete dadurch zu gelangen, daß man durch das Denken über
das von der übersinnlichen Erkenntnis Mitgeteilte in die höhere
Welt hineinwächst. Ein solches Hineinkommen ist nämlich mit
der größten Klarheit verbunden. Deshalb betrachtet auch eine
gewisse Richtung geisteswissenschaftlicher Forschung dieses
Denken als die gediegenste erste Stufe aller geisteswissenschaftlichen
Schulung. - Auch muß es durchaus begreiflich erscheinen,
daß in dieser Schrift nicht in bezug auf alle Einzelheiten der im
Geiste wahrgenommenen Erdenentwickelung darauf hingewiesen
wird, wie das Übersinnliche sich in dem Offenbaren bestätigt.
Das war auch nicht die Meinung, als gesagt wurde, daß das
Verborgene überall in seinen offenbaren Wirkungen nachgewiesen
werden kann. Es ist vielmehr dies die Meinung, daß auf
Schritt und Tritt alles lichtvoll und begreiflich für den Menschen
werden kann, was ihm entgegentritt, wenn er die offenbaren
Vorgänge sich in die Beleuchtung rückt, welche ihm durch die
Geheimwissenschaft ermöglicht wird. Nur an einzelnen charakteristischen
Stellen mag in den folgenden Betrachtungen probeweise
auf Bestätigungen des Verborgenen durch das Offenbare
verwiesen werden, um zu zeigen, wie man es überall, wo man
nur will, im praktischen Verfolg des Lebens machen kann.
Man kommt im Sinne der obigen geisteswissenschaftlichen
Forschung durch die Verfolgung, der Erdentwickelung nach
rückwärts zu einem geistigen Zustand unseres Planeten. Setzt
man aber diesen Forschungsweg nach rückwärts weiter fort,
dann findet man, daß jenes Geistige vorher bereits in einer Art
physischer Verkörperung war. Man trifft also auf einen vergangenen
physischen planetarischen Zustand, der sich später vergeistigt
und nachher durch abermalige Verstofflichung sich zu
unserer Erde umgewandelt hat. Unsere Erde stellt sich somit als
die Wiederverkörperung eines uralten Planeten dar. Aber die
Geisteswissenschaft kann noch weiter zurückgehen. Und sie
findet dann den ganzen Vorgang noch zweimal wiederholt. Unsere
Erde hat also drei vorhergehende planetarische Zustände
durchgemacht, zwischen denen immer Zwischenzustände der
Vergeistigung liegen. Das Physische erweist sich allerdings
immer feiner und feiner, je weiter wir die Verkörperung nach
rückwärts verfolgen.
Naheliegend ist der folgenden Darstellung gegenüber der
Einwand: Wie kann gesunde Urteilskraft sich einlassen auf die
Annahme so unermeßlich weit zurückliegender Weltzustände,
wie diejenigen sind, von denen hier gesprochen wird? Demgegenüber
muß gesagt werden, daß für denjenigen, der verständnisvoll
auf das gegenwärtige verborgene Geistige in dem offenbaren
Sinnenfälligen hinzublicken vermag, auch die Einsicht in
die, wenn auch noch so entfernten früheren Entwickelungszustände
nichts Unmögliches darstellen kann. Nur wer für die
Gegenwart dieses verborgene Geistige nicht anerkennt, für den
verliert das Reden über eine solche Entwickelung, wie sie hier
gemeint ist, allen Sinn. Wer es anerkennt, für den ist im Anblick
des gegenwärtigen Zustandes der frühere ebenso gegeben, wie
im Anblick des fünfzigjährigen Menschen der des einjährigen
Kindes. Ja, kann man sagen, aber man hat mit Bezug auf das
letztere neben fünfzigjährigen Menschen einjährige Kinder und
alle möglichen Zwischenstufen vor sich. Das ist richtig; aber
richtig ist es auch für die hier gemeinte Entwickelung des Geistigen.
Wer auf diesem Felde zu einem sinngemäßen Urteil kommt,
der sieht auch ein, daß in der vollständigen Beobachtung des
Gegenwärtigen, die das Geistige mitumschließt, wirklich neben
den Stufen des Daseins, die bis zur Entwickelungsvollkommenheit
der Gegenwart fortgeschritten sind, auch die Entwickelungszustände
der Vergangenheit erhalten geblieben sind, wie neben
den fünfzigjährigen Menschen einjährige Kinder vorhanden sind.
Man kann innerhalb des Erdengeschehens der Gegenwart das
Urgeschehen schauen, wenn man nur die sich unterscheidenden
aufeinanderfolgenden Entwickelungszustände auseinanderzuhalten
vermag.
Nun tritt der Mensch in der Gestalt, in welcher er gegenwärtig
sich entwickelt, erst auf der vierten der charakterisierten planetarischen
Verkörperungen, auf der eigentlichen Erde auf. Und das
Wesentliche dieser Gestalt ist, daß der Mensch aus den vier
Gliedern zusammengesetzt ist: Physischer Leib, Lebensleib,
Astralleib und Ich. Doch hätte diese Gestalt nicht auftreten können,
wenn sie nicht durch die vorhergehenden Entwickelungstatsachen
vorbereitet worden wäre. Diese Vorbereitung geschah
dadurch, daß innerhalb der früheren planetarischen Verkörperung
Wesen sich entwickelten, die von den gegenwärtigen vier
Menschengliedern drei bereits hatten: den physischen Leib, den
Lebensleib und den Astralleib. Diese Wesen, die man in einer
gewissen Beziehung die Menschenvorfahren nennen kann, hatten
noch kein «Ich», aber sie entwickelten die drei anderen Glieder
und deren Zusammenhang so weit, daß sie reif wurden, später
das «Ich» aufzunehmen. Somit gelangte der Menschenvorfahr
auf der früheren Planeten-Verkörperung bis zu einem gewissen
Reifezustand seiner drei Glieder. Dieser Zustand ging in eine
Vergeistigung ein. Und aus der Vergeistigung bildete sich dann
ein neuer physischer planetarischer Zustand, derjenige der Erde,
heraus. In diesem waren, wie als Keime, die gereiften Menschenvorfahren
enthalten. Dadurch, daß der ganze Planet durch eine
Vergeistigung durchgegangen und in einer neuen Gestalt erschienen
ist, bot er den in ihm enthaltenen Keimen mit dem
physischen Leib, dem Lebensleib und dem Astralleib nicht nur
die Gelegenheit, sich bis zu der Höhe wieder zu entwickeln, auf
der sie vorher schon gestanden hatten, sondern auch die andere
Möglichkeit: nachdem sie diese Höhe erreicht hatten, über sich
hinauszugelangen durch die Aufnahme des «Ich». Die Erdentwickelung
zerfällt also in zwei Teile. In einer ersten Periode
erscheint die Erde selbst als Wiederverkörperung des früheren
planetarischen Zustandes. Dieser Wiederholungszustand ist aber
durch die inzwischen eingetretene Vergeistigung ein höherer als
derjenige der vorhergehenden Verkörperung. Und die Erde enthält
in sich die Keime der Menschenvorfahren vom früheren
Planeten. Diese entwickeln sich zunächst bis zu der Höhe, auf
der sie schon waren. Wenn sie diese erreicht haben, ist die erste
Periode abgeschlossen. Die Erde aber kann jetzt wegen ihrer
eigenen höheren Entwickelungsstufe die Keime noch höher
bringen, nämlich sie zur Aufnahme des «Ich» befähigen. Die
zweite Periode der Erdentwickelung ist diejenige der Ich-Entfaltung
im physischen Leibe, Lebens- und Astralleibe.
Wie auf diese Art durch die Erdentwickelung der Mensch um
eine Stufe höher gebracht wird, so ist dieses auch schon bei den
früheren planetarischen Verkörperungen der Fall gewesen. Denn
bereits auf der ersten dieser Verkörperungen war vom Menschen
etwas vorhanden. Daher wird Klarheit über die gegenwärtige
Menschenwesenheit verbreitet, wenn deren Entwickelung bis in
die urferne Vergangenheit der ersten der angeführten Planetenverkörperungen
zurück verfolgt wird. - Man kann nun in der
übersinnlichen Forschung diese erste Planetenverkörperung den
Saturn nennen; die zweite als Sonne bezeichnen; die dritte als
Mond; die vierte ist die Erde. Dabei hat man streng festzuhalten,
daß diese Bezeichnungen zunächst in keinen Zusammenhang
gebracht werden dürfen mit den gleichnamigen, die für die Glieder
unseres gegenwärtigen Sonnensystems gebraucht werden.
Saturn, Sonne und Mond sollen eben Namen für vergangene
Entwickelungsformen sein, welche die Erde durchgemacht hat.
Welches Verhältnis diese Welten der Vorzeit zu den Himmelskörpern
haben, die das gegenwärtige Sonnensystem bilden, wird
sich noch im Laufe der folgenden Betrachtungen zeigen. Es wird
dann auch sich zeigen, warum diese Namen gewählt werden.
Wenn nunmehr die Verhältnisse der vier genannten planetarischen
Verkörperungen geschildert werden, so kann das nur ganz
skizzenhaft geschehen. Denn die Vorgänge, Wesenheiten und
deren Schicksale sind auf Saturn, Sonne und Mond wahrlich
ebenso mannigfaltig wie auf der Erde selbst. Daher kann nur
einzelnes Charakteristische über diese Verhältnisse in der Schilderung
hervorgehoben werden, was geeignet ist, zu veranschaulichen,
wie sich die Zustände der Erde aus den früheren herausgebildet
haben. Man muß dabei auch bedenken, daß diese Zustände
den gegenwärtigen immer unähnlicher werden, je weiter man
zurückgeht. Und doch kann man sie ja nur dadurch schildern,
daß man zur Charakteristik die Vorstellungen benützt, welche
den gegenwärtigen Erdenverhältnissen entnommen sind. Wenn
also zum Beispiel von Licht, von Wärme oder ähnlichem für
diese früheren Zustände gesprochen wird, so darf nicht außer
acht gelassen werden, daß damit nicht genau das gemeint ist, was
jetzt als Licht und Wärme bezeichnet wird. Und doch ist eine
solche Bezeichnungsweise richtig, denn für den Beobachter des
Übersinnlichen zeigt sich eben auf den früheren Entwickelungsstufen
etwas, woraus in der Gegenwart Licht, Wärme usw. geworden
ist. Und derjenige, welcher die also gehaltenen Schilderungen
verfolgt, wird aus dem Zusammenhange, in den diese
Dinge gestellt sind, gar wohl entnehmen können, welche Vorstellungen
zu gewinnen sind, um charakteristische Bilder und
Gleichnisse solcher Tatsachen zu haben, welche in urferner Vergangenheit
sich abgespielt haben.
Allerdings wird diese Schwierigkeit sehr bedeutsam für diejenigen
planetarischen Zustände, welche der Monden-Verkörperung
vorangehen. Während dieser letzteren herrschten nämlich
Verhältnisse, die doch noch eine gewisse Ähnlichkeit mit den
irdischen aufweisen. Wer eine Schilderung dieser Verhältnisse
versucht, der hat an den Ähnlichkeiten mit der Gegenwart gewisse
Anhaltspunkte, um die übersinnlich gewonnenen Wahrnehmungen
in deutlichen Vorstellungen auszudrücken. Anders liegt
die Sache, wenn die Saturn- und die Sonnenentwickelung geschildert
werden. Da ist dasjenige, was der hellseherischen
Beobachtung vorliegt, im höchsten Grade verschieden von den
Gegenständen und Wesenheiten, die gegenwärtig zum Lebenskreise
des Menschen gehören. Und diese Verschiedenheit bewirkt,
daß es äußerst schwierig überhaupt ist, diese entsprechenden
vorzeitlichen Tatsachen in den Bereich des übersinnlichen
Bewußtseins zu bringen. Da jedoch die gegenwärtige Menschenwesenheit
nicht begriffen werden kann, wenn man nicht bis zu
dem Saturn-Zustand zurückgeht, so muß die Schilderung dennoch
gegeben werden. Und gewiß wird eine derartige Schilderung
derjenige nicht mißverstehen können, welcher im Auge
behält, daß eine solche Schwierigkeit besteht und daß daher
manches, was gesagt wird, mehr eine Andeutung und ein Hinweis
auf die entsprechenden Tatsachen sein muß als eine genaue
Beschreibung derselben.
Ein Widerspruch des hier und im folgenden Angegebenen
gegenüber dem, was oben auf Seite 110 gesagt ist über das Fortbestehen
des Früheren im Gegenwärtigen, könnte allerdings
gefunden werden. Man könnte meinen: nirgends sei neben dem
gegenwärtigen Erdenzustande ein früherer Saturn-, Sonnen-,
Mondenzustand vorhanden, oder gar eine Menschengestaltung,
wie sie in diesen Ausführungen, als innerhalb dieser vergangenen
Zustände vorhanden, geschildert wird. Gewiß, es laufen
nicht neben Erdenmenschen Saturn-, Sonnen- und Mondenmenschen
wie neben fünfzigjährigen Personen dreijährige Kinder
herum. Aber innerhalb des Erdenmenschen sind die früheren
Menschheitszustände übersinnlich wahrnehmbar. Um das zu
erkennen, muß man sich nur das auf den Umfang der Lebensverhältnisse
ausgedehnte Unterscheidungsvermögen angeeignet
haben. Wie neben dem fünfzigjährigen Menschen das dreijährige
Kind, so sind neben dem lebenden, wachenden Erdenmenschen
der Leichnam, der schlafende Mensch, der träumende Mensch
vorhanden. Und wenn sich diese verschiedenen Erscheinungsformen
der Menschenwesenheit auch nicht unmittelbar so, wie
sie sind, als die verschiedenen Entwickelungsstufen ergeben, so
schaut eine sinngemäße Anschauung in jenen Formen doch diese
Stufen.
Von den gegenwärtigen vier Gliedern der menschlichen Wesenheit
ist der physische Leib das älteste. Er ist auch dasjenige,
welches in seiner Art die größte Vollkommenheit erreicht hat.
Und die übersinnliche Forschung zeigt, daß dieses Menschenglied
bereits während der Saturnentwickelung vorhanden war. Es
wird sich zeigen in dieser Darstellung, daß allerdings die Gestalt,
welche dieser physische Leib auf dem Saturn hatte, etwas durchaus
Verschiedenes von dem gegenwärtigen physischen Menschenleibe
war. Dieser irdische physische Menschenleib kann in
seiner Natur nur dadurch bestehen, daß er in Zusammenhang
steht mit Lebensleib, Astralleib und Ich in der Art, wie dies in
den vorangegangenen Teilen dieser Schrift geschildert worden
ist. Ein derartiger Zusammenhang war auf dem Saturn noch nicht
vorhanden. Damals machte der physische Leib seine erste Entwickelungsstufe
durch, ohne daß ihm ein menschlicher Lebensleib,
ein Astralleib oder ein Ich eingegliedert waren. Er reifte
während der Saturnentwickelung erst dazu heran, einen Lebensleib
aufzunehmen. Dazu mußte sich der Saturn erst vergeistigen
und sich dann als Sonne wiederverkörpern. Innerhalb der
Sonnenverkörperung entfaltete sich wieder, wie aus einem gebliebenen
Keime, das, wozu der physische Leib auf dem Saturn geworden
war; und da erst konnte er sich durchdringen mit einem
Ätherleib. Durch diese Eingliederung eines Ätherleibes verwandelte
der physische Leib seine Art; er wurde auf eine zweite
Stufe der Vollkommenheit gehoben. Ein Ähnliches ereignete
sich während der Mondenentwickelung. Der Menschenvorfahr,
wie er von der Sonne zum Monde sich herüberentwickelt hat,
gliederte sich da den Astralleib ein. Dadurch wurde der physische
Leib ein drittes Mal verwandelt, also auf die dritte Stufe
seiner Vollkommenheit heraufgehoben. Der Lebensleib wurde
dabei ebenfalls verwandelt; er stand nunmehr auf der zweiten
Stufe seiner Vollkommenheit. Auf der Erde wurde dem aus
physischem Leib, Lebensleib und Astralleib bestehenden Menschenvorfahr
das Ich eingegliedert. Dadurch erreichte der physische
Leib seinen vierten Vollkommenheitsgrad, der Lebensleib
den dritten, der Astralleib den zweiten; das Ich steht erst auf der
ersten Stufe seines Daseins.
Es wird, wenn man sich einer unbefangenen Betrachtung des
Menschen hingibt, keine Schwierigkeiten machen, sich diese
verschiedenen Vollkommenheitsgrade der einzelnen Glieder
richtig vorzustellen. Man braucht nur den physischen Leib mit
dem astralischen in dieser Beziehung zu vergleichen. Gewiß
steht der Astralleib als seelisches Glied auf einer höheren Stufe
der Entwickelung als der physische. Und wenn der erstere in der
Zukunft sich vervollkommnet haben wird, so wird er für die
Gesamtwesenheit des Menschen sehr viel mehr zu bedeuten
haben, als der gegenwärtige physische Leib. Doch in seiner Art
ist dieser auf einer gewissen Höhenstufe angelangt. Man bedenke
den im Sinne größter Weisheit eingerichteten Bau des Herzens,
den Wunderbau des Gehirns usw., ja selbst eines einzelnen Knochenteiles,
zum Beispiel des oberen Endes eines Oberschenkels.
Man findet in diesem Knochenende ein gesetzmäßig gegliedertes
Netz- oder Gerüstwerk, aus feinen Stäbchen angeordnet. Das
Ganze ist so gefügt, daß mit der Aufwendung der geringsten
Materialmenge die günstigste Wirkung an den Gelenkflächen,
zum Beispiel die zweckmäßigste Verteilung der Reibung und
damit eine richtige Art von Beweglichkeit erzielt wird. So findet
man weisheitsvolle Einrichtungen in den Teilen des physischen
Leibes. Und wer dazu weiter beachtet die Harmonie im Zusammenwirken
der Teile zum Ganzen, der wird gewiß richtig finden,
wenn von einer Vollkommenheit dieses Gliedes der menschlichen
Wesenheit in seiner Art gesprochen wird. Es kommt daneben
nicht in Betracht, daß an gewissen Teilen unzweckmäßig
Erscheinendes auftritt oder daß Störungen in dem Bau und den
Verrichtungen eintreten können. Man wird sogar finden können,
daß solche Störungen in gewisser Beziehung nur die notwendigen
Schattenseiten des weisheitsvollen Lichtes sind, das über den
ganzen physischen Organismus ausgegossen ist. Und nun vergleiche
man damit den Astralleib als den Träger von Lust und
Leid, von Begierden und Leidenschaften. Welche Unsicherheit
herrscht in ihm in bezug auf Lust und Leid, welche dem höheren
Menschenziele zuwiderlaufenden, oft sinnlosen Begierden und
Leidenschaften spielen sich da ab. Der Astralleib ist eben erst auf
dem Wege, die Harmonie und innere Geschlossenheit zu erlangen,
die man im physischen Leibe schon antrifft. Ebenso
könnte gezeigt werden, daß sich der Ätherleib zwar vollkommener
in seiner Art zeigt als der Astralleib, aber unvollkommener
als der physische. Und nicht weniger wird sich einer entsprechenden
Betrachtung ergeben, daß der eigentliche Kern der
menschlichen Wesenheit, das «Ich», gegenwärtig erst im Anfange
der Entwickelungen steht. Denn wieviel hat dieses Ich
bereits erreicht von seiner Aufgabe, die anderen Glieder der
menschlichen Wesenheit so umzuwandeln, daß sie eine Offenbarung
seiner eigenen Natur seien? -Was sich auf diese Art schon
bei einer äußerlichen Beobachtung ergibt, das wird für den Kenner
der Geisteswissenschaft noch durch etwas anderes verschärft.
Man könnte sich darauf berufen, daß der physische Leib von
Krankheiten befallen wird. Die Geisteswissenschaft ist nun in
der Lage zu zeigen, daß ein großer Teil aller Krankheiten davon
herrührt, daß die Verkehrtheiten, die Verirrungen im astralischen
Leibe sich auf den Ätherleib fortpflanzen und auf dem Umwege
durch den letzteren die an sich vollkommene Harmonie des physischen
Leibes zerstören. Der tiefere Zusammenhang, auf den
hier nur hingedeutet werden kann, und der wahrhaftige Grund
vieler Krankheitsvorgänge entziehen sich nämlich derjenigen
wissenschaftlichen Betrachtung, die sich nur auf die physischsinnlichen
Tatsachen beschränken will. Es ergibt sich dieser
Zusammenhang in den meisten Fällen so, daß eine Schädigung
des Astralleibes krankhafte Erscheinungen des physischen Leibes
nicht in demselben Lebenslauf nach sich zieht, in dem die
Schädigung geschehen ist, sondern erst in einem folgenden.
Daher haben die Gesetze, die hier in Betracht kommen, nur für
denjenigen eine Bedeutung, welcher die Wiederholung des
Menschenlebens anerkennen kann. Aber selbst, wenn man von solchen
tiefergehenden Erkenntnissen nichts wissen wollte, so ergibt
doch auch die gewöhnliche Lebensbetrachtung, daß der
Mensch sich nur allzu vielen Genüssen und Begierden hingibt,
welche die Harmonie des physischen Leibes untergraben. Und
Genuß, Begierde, Leidenschaft usw. haben nicht ihren Sitz im
physischen, sondern im astralischen Leibe. Dieser letztere ist in
vieler Beziehung eben noch so unvollkommen, daß er die Vollkommenheit
des physischen Leibes zerstören kann. - Auch hier
sei darauf hingewiesen, daß mit solchen Auseinandersetzungen
nicht etwa die Aussagen der Geisteswissenschaft über die Entwickelung
der vier Glieder der menschlichen Wesenheit bewiesen
werden sollen. Die Beweise werden aus der geistigen Forschung
entnommen, die zeigt, daß der physische Leib eine viermalige
Umwandlung zu höheren Vollkommenheitsgraden hinter
sich hat, und die andern Glieder des Menschen in der geschilderten
Weise weniger. Es sollte hier eben nur angedeutet werden,
daß sich diese Mitteilungen der geistigen Forschung auf Tatsachen
beziehen, die sich in ihren Wirkungen an den auch äußerlich
zu beobachtenden Vollkommenheitsgraden von physischem
Leib, Lebensleib usw. zeigen.
Will man sich eine bildhafte, an die Wirklichkeit sich annähernde
Vorstellung von den Verhältnissen während der Saturnentwickelung
machen, so muß man in Betracht ziehen, daß
während derselben - im wesentlichen - von den Dingen und
Geschöpfen, die gegenwärtig zur Erde gehören und welche man
dem Mineral-, Pflanzen- und Tierreich zuzählt, noch nichts
vorhanden war. Die Wesen dieser drei Reiche haben sich erst in
späteren Entwickelungsperioden gebildet. Von den heute physisch
wahrnehmbaren Erdenwesen war nur der Mensch damals
vorhanden, und von ihm nur der physische Leib in der geschilderten
Art. Nun aber gehören auch gegenwärtig zur Erde nicht
nur die Wesen des Mineral-, Tier-, Pflanzen- und Menschenreiches,
sondern auch andere Wesen, die sich nicht in einer physischen
Körperlichkeit kundgeben. Solche Wesenheiten waren
auch in der Saturnentwickelung gegenwärtig. Und ihre Tätigkeit
auf dem Schauplatze des Saturn hatte zur Folge die spätere Entwickelung
des Menschen.
Richtet man die geistigen Wahrnehmungsorgane zunächst
nicht auf Anfang und Ende, sondern auf die mittlere Entwickelungsperiode
dieser Saturn-Verkörperung, so zeigt sich in derselben
ein Zustand, welcher, der Hauptsache nach, nur aus «Wärme
» besteht. Nichts von gasförmigen, nichts von flüssigen oder
gar von festen Bestandteilen ist zu finden. Alle diese Zustände
treten erst in späteren Verkörperungen auf. Man nehme an, ein
Menschenwesen mit den gegenwärtigen Sinnesorganen würde
sich diesem Saturnzustande als Beobachter nähern. Nichts von
all den Sinneseindrücken, die es haben kann, würde ihm da entgegentreten,
außer der Wärmeempfindung. Angenommen, ein
solches Wesen würde sich diesem Saturn nähern. Es würde nur
wahrnehmen, wenn es in den von ihm eingenommenen Raumteil
gelangt, daß dieser einen andern Wärmezustand hat als die übrige
räumliche Umgebung. Aber es würde diesen Raumteil nicht
etwa gleichmäßig warm finden, sondern in der allermannigfaltigsten
Weise würden wärmere und kältere Partien abwechseln.
Nach gewissen Linien hin würde strahlende Wärme wahrgenommen
werden. Und nicht etwa, daß sich solche Linien nur gerade
hinzögen, sondern durch die Wärmeunterschiede werden unregelmäßige
Formen gebildet. Man hätte etwas vor sich, wie ein
in sich gegliedertes, in wechselnden Zuständen erscheinendes
Weltenwesen, das nur in Wärme besteht.
Es muß für den Menschen der Gegenwart Schwierigkeiten
machen, sich etwas vorzustellen, was nur in Wärme besteht, da
er gewohnt ist, die Wärme nicht als etwas für sich zu erkennen,
sondern sie nur an warmen oder kalten gasförmigen, flüssigen
oder festen Körpern wahrzunehmen. Insbesondere dem, welcher
die physikalischen Vorstellungen unserer Zeit sich angeeignet
hat, wird ein Sprechen von «Wärme» in obiger Art als unsinnig
erscheinen. Ein solcher wird vielleicht sagen: es gibt feste, flüssige
und gasförmige Körper; Wärme bezeichnet aber nur einen
Zustand, in dem eine dieser drei Körperformen ist. Wenn die
kleinsten Teile eines Gases in Bewegung sind, so wird diese
Bewegung als Wärme wahrgenommen. Wo kein Gas ist, kann
keine solche Bewegung, also auch keine Wärme sein. - Für den
geisteswissenschaftlichen Forscher stellt sich die Sache anders.
Ihm ist die Wärme etwas, wovon er in gleichem Sinne spricht
wie von Gas, von Flüssigkeit oder von festem Körper. Sie ist ihm
nur eine noch feinere Substanz als ein Gas. Und dieses letztere
ist ihm nichts anderes als verdichtete Wärme in dem Sinne, wie
die Flüssigkeit verdichteter Dampf ist oder der feste Körper
verdichtete Flüssigkeit. So spricht der Geisteswissenschafter von
Wärmekörpern, wie er von gas- und dampfförmigen Körpern
spricht. - Es ist nur notwendig zuzugeben, daß es seelisches
Wahrnehmen gibt, wenn man auf diesem Gebiete dem Geistesforscher
folgen will. In der für physische Sinne gegebenen Welt
stellt sich die Wärme durchaus als Zustand des Festen, Flüssigen
oder Gasförmigen dar; aber dieser Zustand ist eben nur die
Außenseite der Wärme oder auch ihre Wirkung. Die Physiker
sprechen nur von dieser Wirkung der Wärme, nicht von deren
innerer Natur. Man versuche es einmal, ganz abzusehen von aller
Wärmewirkung, die man empfängt durch äußere Körper, und
sich lediglich das innere Erlebnis zu vergegenwärtigen, das man
hat bei den Worten: «ich fühle mich warm», «ich fühle mich
kalt». Dieses innere Erlebnis vermag allein eine Vorstellung von
dem zu geben, was der Saturn war in der oben geschilderten
Periode seiner Entwickelung. Man hätte den Raumteil, den er
eingenommen hat, ganz durchlaufen können: Kein Gas wäre
dagewesen, das irgendeinen Druck ausgeübt hätte, kein fester
oder flüssiger Körper, von dem man hätte irgendeinen Lichteindruck
erhalten können. Aber an jedem Punkte des Raumes hätte
man, ohne Eindruck von außen, innerlich gefühlt: hier ist dieser
oder jener Wärmegrad.
In einem Weltenkörper von solcher Beschaffenheit sind keine
Bedingungen für die tierischen, pflanzlichen und mineralischen
Wesen unserer Gegenwart. (Es ist deshalb wohl kaum nötig zu
bemerken, daß das oben Gesagte tatsächlich niemals stattfinden
könnte. Ein gegenwärtiger Mensch kann sich als solcher dem
alten Saturn nicht als Beobachter gegenüberstellen. Die Auseinandersetzung
sollte nur der Verdeutlichung dienen.) Die Wesenheiten,
deren sich das übersinnliche Erkennen bei der Betrachtung
des Saturn bewußt wird, waren auf einer ganz anderen
Entwickelungsstufe als die gegenwärtigen, sinnlich wahrnehmbaren
Erdenwesen. Da stellen sich vor dieses Erkennen zunächst
Wesen hin, welche einen physischen Leib nicht hatten wie der
gegenwärtige Mensch. Man muß sich nun auch hüten, an die
gegenwärtige physische Körperlichkeit des Menschen zu denken,
wenn hier von «physischem Leibe» die Rede ist. Man muß vielmehr
sorgfältig unterscheiden zwischen physischem Leib und
mineralischem Leib. Ein physischer Leib ist derjenige, welcher
von den physischen Gesetzen beherrscht wird, die man gegenwärtig
in dem Mineralreiche beobachtet. Der gegenwärtige physische
Menschenleib ist nun nicht bloß von solchen physischen
Gesetzen beherrscht, sondern er ist außerdem noch durchsetzt
von mineralischem Stoffe. Von einem solchen physisch-mineralischen
Leib kann auf dem Saturn noch nicht die Rede sein. Da
gibt es nur eine physische Körperlichkeit, die von physischen
Gesetzen beherrscht ist; aber diese physischen Gesetze äußern
sich nur durch Wärmewirkungen. Also der physische Körper ist
ein feiner, dünner, ätherischer Wärmekörper. Und aus solchen
Wärmekörpern besteht der ganze Saturn. Diese Wärmekörper
sind die erste Anlage des gegenwärtigen physischmineralischen
Menschenleibes. Dieser hat sich aus jenem dadurch gebildet, daß
dem ersteren sich die später erst gebildeten gasförmigen, flüssigen
und festen Stoffe eingegliedert haben. Unter den Wesen, die
sich vor das übersinnliche Bewußtsein in dem Augenblicke hinstellen,
in dem dieses Bewußtsein den Saturnzustand vor sich
hat, und von denen man als Saturnbewohner außer dem Menschen
reden kann, sind zum Beispiel solche, welche einen physischen
Leib überhaupt nicht nötig hatten. Das unterste Glied ihrer
* Eine ganz genaue Sprechweise müßte, um das innere Erleben bei der Geistesforschung
exakt auszudrücken, statt «der Saturn war von einem Luftkreis umgeben» sagen: «Indem
das übersinnliche Erkennen sich des Saturn bewußt wird, stellt sich vor dieses Bewußtsein
auch ein Luftkreis des Saturn» oder «stellen sich andere, so oder so geartete Wesen».
Die Umsetzung in die Redewendung: «dies oder das ist da» muß gestattet sein, denn im
Grunde findet dieselbe Umsetzung auch in der Ausgestaltung des Sprachgebrauchs für
das wirkliche Seelenerlebnis bei der sinnenfälligen Wahrnehmung statt, aber man wird
gegenüber der folgenden Darstellung sich dieses gegenwärtig halten müssen. Es ist ja
auch schon aus dem Zusammenhang der Darstellung gegeben.
Wesenheit war ein Ätherleib. Sie hatten dafür auch ein Glied
über die menschlichen Wesensglieder hinaus. Der Mensch hat
als höchstes Glied den Geistesmenschen. Diese Wesen haben
noch ein höheres. Und zwischen Ätherleib und Geistesmenschen
haben sie alle in dieser Schrift geschilderten Glieder, welche sich
auch beim Menschen finden: Astralleib, Ich, Geistselbst und
Lebensgeist. Wie unsere Erde von einem Luftkreis umgeben ist,
so war es auch der Saturn; nur war bei ihm dieser «Luftkreis»
geistiger Art*. Er bestand eigentlich aus den eben genannten und
noch andern Wesenheiten. Es gab nun eine fortwährende Wechselwirkung
zwischen den Wärmekörpern des Saturn und den
charakterisierten Wesen. Diese senkten ihre Wesensglieder in die
physischen Wärmeleiber des Saturn hinein. Und während in
diesen Wärmeleibern selbst kein Leben war, drückte sich das
Leben ihrer Umwohner in ihnen aus. Man könnte sie mit Spiegeln
vergleichen; nur spiegelten sich aus ihnen nicht die Bilder
der genannten Lebewesen, sondern deren Lebenszustände. Im
Saturn selbst hätte man also nichts Lebendiges entdecken können;
doch wirkte er belebend auf seine Umgebung des Himmelsraumes,
da er in diese wie ein Echo das ihm zugesandte Leben
170
zurückstrahlte. Der ganze Saturn erschien wie ein Spiegel des
Himmelslebens. Sehr hohe Wesenheiten, deren Leben der Saturn
zurückstrahlt, mögen «Geister der Weisheit» genannt werden. (In
der christlichen Geisteswissenschaft führen sie den Namen «Kyriotetes
», das ist «Herrschaften».) Ihre Tätigkeit auf dem Saturn
beginnt nicht erst mit der geschilderten mittleren Epoche von
dessen Entwickelung. Sie ist in einer gewissen Weise sogar da
schon abgeschlossen. Bevor sie dazu kommen konnten, aus den
Wärmekörpern des Saturn sich der Spiegelung ihres eigenen
Lebens bewußt zu werden, mußten sie diese Wärmekörper erst
dazu bringen, diese Spiegelung bewirken zu können. Deshalb
setzte ihre Tätigkeit bald nach dem Beginn der Saturnentwickelung
ein. Als dies geschah, war die Saturnkörperlichkeit noch
ungeordnete Stofflichkeit, die nichts hätte spiegeln können. -
Und indem man diese ungeordnete Stofflichkeit betrachtet, hat
man sich durch die geistige Beobachtung an den Anfang der
Saturnentwickelung versetzt. Das, was da zu beobachten ist, das
trägt nun noch gar nicht den späteren Wärmecharakter. Man
kann, wenn man es charakterisieren will, nur von einer Eigenschaft
sprechen, welche sich vergleichen läßt mit dem menschlichen
Willen. Es ist durch und durch nichts als Wille. Man hat
es also da mit einem ganz seelischen Zustande zu tun. Soll man
verfolgen, woher dieser «Wille» kam, so sieht man ihn entstehen
durch den Ausfluß erhabener Wesen, die ihre Entwickelung in
nur zu erahnenden Stufen bis zu der Höhe gebracht haben, daß
sie, als die Saturnentwickelung begann, aus ihrem eigenen Wesen
den «Willen» ausströmen konnten. Nachdem diese Ausströmung
eine Zeitlang gedauert hatte, verbindet sich mit dem
Willen die Tätigkeit der oben charakterisierten «Geister der Weisheit
». Dadurch erhält allmählich der vorher ganz eigenschaftslose
Wille die Eigenschaft, Leben in den Himmelsraum zurückzustrahlen.
- Man kann die Wesen, welche ihre Seligkeit darin
empfinden, im Beginne der Saturnentwickelung Willen auszuströmen,
die «Geister des Willens» nennen. (In der christlichen
esoterischen Wissenschaft werden sie «Throne» genannt.) -
Nachdem durch das Zusammenwirken des Willens und des Lebens
eine gewisse Stufe der Saturnentwickelung erreicht ist, setzt
die Wirkung anderer Wesen ein, welche sich ebenfalls im Umkreise
des Saturn befinden. Man kann sie die «Geister der Bewegung
» nennen. (Christlich: «Dynameis», «Mächte».) Sie haben
keinen physischen und keinen Lebensleib. Ihr niedrigstes Glied
ist der Astralleib. Wenn die Saturnkörper die Fähigkeit erlangt
haben, das Leben zu spiegeln, so vermag sich dieses zurückgestrahlte
Leben zu durchdringen mit den Eigenschaften, welche
in den Astralleibern der «Geister der Bewegung» ihren Sitz
haben. Die Folge davon ist, daß es so erscheint, als ob Empfindungsäußerungen,
Gefühle und ähnliche seelische Kräfte von
dem Saturn in den Himmelsraum hinausgeschleudert würden.
Der ganze Saturn erscheint wie ein beseeltes Wesen, das Sympathien
und Antipathien kundgibt. Es sind aber diese seelischen
Äußerungen keineswegs seine eigenen, sondern nur die zurückgeschleuderten
seelischen Wirkungen der «Geister der Bewegung
». - Hat auch dieses eine gewisse Epoche hindurch gedauert,
so beginnt die Tätigkeit weiterer Wesen, welche «Geister der
Form» genannt seien. Auch deren unterstes Glied ist ein Astralleib.
Doch steht dieser auf einer andern Stufe der Entwickelung
als derjenige der «Geister der Bewegung». Während diese dem
zurückgestrahlten Leben nur allgemeine Empfindungsäußerungen
mitteilen, wirkt der Astralleib der «Geister der Form»
(christlich: «Exusiai», «Gewalten») so, daß die Empfindungsäußerungen
wie von einzelnen Wesen in den Weltenraum hinausgeschleudert
werden. Man könnte sagen, die «Geister der
Bewegung» lassen den Saturn im ganzen wie ein beseeltes Wesen
erscheinen. Die «Geister der Form» teilen dieses Leben in
einzelne Lebewesen ab, so daß er jetzt wie eine Zusammenfügung
solcher Seelenwesen erscheint. - Man stelle sich, um ein
Bild zu haben, eine Maulbeere oder eine Brombeere vor, wie
diese aus einzelnen Beerchen zusammengefügt ist. So ist der
Saturn für den übersinnlich Erkennenden in der geschilderten
Entwickelungsepoche zusammengefügt aus einzelnen Saturnwesen,
die allerdings nicht Eigenleben und nicht Eigenseele haben,
sondern Leben und Seele ihrer Bewohner zurückstrahlen. -In
diesen Saturnzustand greifen nun Wesen ein, die ebenfalls zu
ihrem untersten Gliede den Astralleib haben, die aber diesen auf
eine solche Stufe der Entwickelung gebracht haben, daß er wirkt
wie ein gegenwärtiges menschliches «Ich». Durch diese Wesen
blickt das «Ich» aus der Umgebung des Saturn auf diesen nieder.
Und es teilt seine Natur den Einzel-Lebewesen des Saturn mit.
So wird etwas vom Saturn in den Weltenraum hinausgeschickt,
das so erscheint wie die Wirkung der menschlichen Persönlichkeit
in dem gegenwärtigen Lebenskreise. Die Wesen, welche
solches bewirken, seien «Geister der Persönlichkeit» genannt
(christlich: «Archai», «Urbeginne»). Sie erteilen den Saturnkörperteilchen
das Ansehen des Persönlichkeitscharakters. Doch ist
eben nicht auf dem Saturn selbst die Persönlichkeit vorhanden,
sondern nur gleichsam deren Spiegelbild, die Schale der Persönlichkeit.
Ihre wirkliche Persönlichkeit haben die «Geister der
Persönlichkeit» im Umkreise des Saturn. Eben dadurch, daß
diese «Geister der Persönlichkeit» in der geschilderten Art ihr
Wesen zurückstrahlen lassen von den Saturnkörpern, wird diesen
jene feine Stofflichkeit erteilt, welche vorhin als die «Wärme»
geschildert worden ist. - Es ist im ganzen Saturn keine Innerlichkeit;
aber die «Geister der Persönlichkeit» erkennen das Bild
ihrer eigenen Innerlichkeit, indem es ihnen als Wärme vom Saturn
aus zuströmt.
Wenn alles das eintritt, stehen die «Geister der Persönlichkeit
» auf der Stufe, auf welcher der Mensch gegenwärtig steht.
Sie machen da ihre Menschheitsepoche durch. Will man auf
diese Tatsache mit unbefangenem Auge blicken, so muß man
sich vorstellen, daß ein Wesen «Mensch» sein kann nicht bloß in
der Gestalt, welche der Mensch gegenwärtig hat. Die «Geister
der Persönlichkeit» sind «Menschen» auf dem Saturn. Sie haben
als unterstes Glied nicht den physischen Leib, sondern den
Astralleib mit dem Ich. Daher können sie die Erlebnisse dieses
Astralleibes nicht in einem solchen physischen Leibe und Ätherleibe
ausdrücken wie der gegenwärtige Mensch; aber sie haben
nicht nur ein «Ich», sondern wissen auch davon, weil ihnen die
Wärme des Saturn dieses «Ich» rückstrahlend zum Bewußtsein
bringt. Sie sind eben «Menschen» unter anderen als den Erdenverhältnissen.
Im weiteren Verlauf folgen in der Saturnentwickelung Tatsachen
von anderer Art, als die bisherigen waren. Während bisher
alles Spiegelung äußeren Lebens und Empfindens war, beginnt
nunmehr eine Art Innenleben. In der Saturnwelt beginnt ein da
und dort aufflackerndes und sich wieder abdunkelndes Lichtleben.
Zitterndes Flimmern an diesen oder jenen Stellen, etwas
wie zuckende Blitze an anderen, tritt auf. Die Saturnwärmekörper
beginnen zu flimmern, zu glänzen, ja zu strahlen. Dadurch,
daß diese Stufe der Entwickelung erreicht ist, ergibt sich wieder
für gewisse Wesenheiten die Möglichkeit, eine Tätigkeit zu
entfalten. Es sind dies diejenigen, welche als «Feuergeister»
bezeichnet werden können (christlich: «Archangeloi», «Erzengel
»). Diese Wesenheiten haben zwar einen Astralleib, aber sie
können auf der gekennzeichneten Stufe ihres Daseins dem eigenen
Astralleibe keine Anregungen geben; sie würden kein Gefühl,
keine Empfindung erregen können, wenn sie nicht auf die
zur geschilderten Saturnstufe gelangten Wärmekörper wirken
könnten. Diese Wirkung gibt ihnen die Möglichkeit, ihr eigenes
Dasein an der Wirkung zu erkennen, die sie ausüben. Sie können
nicht zu sich sagen: «Ich bin da», sondern etwa: «Meine Umgebung
läßt mich da sein.» Sie nehmen wahr, und zwar bestehen
ihre Wahrnehmungen in den geschilderten Lichtwirkungen auf
dem Saturn. Diese sind in einer gewissen Art ihr «Ich». Das
verleiht ihnen eine besondere Art des Bewußtseins. Man kann
dies als Bilderbewußtsein bezeichnen. Es kann vorgestellt werden
von der Art des menschlichen Traumbewußtseins; nur daß
man sich den Grad der Lebhaftigkeit sehr viel größer zu denken
hat als beim menschlichen Träumen und daß man es nicht mit
wesenlos auf- und abwogenden Traumbildern zu tun hat, sondern
mit solchen, welche in einem wirklichen Verhältnisse zu dem
Lichtspiel des Saturn stehen. - In diesem Wechselspiel zwischen
den Feuergeistern und den Saturnwärmekörpern werden die
Keime der menschlichen Sinnesorgane der Entwickelung einverleibt.
Die Organe, durch welche der Mensch gegenwärtig die
physische Welt wahrnimmt, leuchten auf in ihren ersten feinen
ätherischen Anlagen. Menschen-Phantome, welche an sich noch
nichts anderes zeigen als die Licht-Urbilder der Sinnesorgane,
werden innerhalb des Saturn dem hellseherischen Wahrnehmungsvermögen
erkennbar. - Diese Sinnesorgane sind also die
Frucht der Tätigkeit der Feuergeister; aber es sind an deren Zustandekommen
nicht nur diese Geister beteiligt. Zugleich mit
diesen Feuergeistern treten andere Wesen auf dem Schauplatz
des Saturn auf. Wesen, welche in ihrer Entwickelung so weit
sind, daß sie sich jener Sinneskeime bedienen können zum Anschauen
der Weltvorgänge im Saturnleben. Es sind Wesen, die
als «Geister der Liebe» (christlich: «Seraphim») gelten können.
Wären sie nicht da, so könnten die Feuergeister nicht das oben
geschilderte Bewußtsein haben. Sie schauen die Saturnvorgänge
mit einem Bewußtsein an, das es ihnen ermöglicht, diese als
Bilder auf die Feuergeister zu übertragen. Sie selbst verzichten
auf alle Vorteile, welche sie durch das Anschauen der Saturnvorgänge
haben könnten, auf jeden Genuß, jede Freude; sie
geben das alles hin, damit die Feuergeister es haben können.
Diesen Geschehnissen folgt eine neue Periode des Saturndaseins.
Zu dem Lichtspiel kommt ein anderes. Es kann für viele
wie Wahnwitz erscheinen, wenn ausgesprochen wird, was sich
da dem übersinnlichen Erkennen darbietet. Innerlich im Saturn
ist es wie durcheinanderwogende Geschmacksempfindungen.
Süß, bitter, sauer usw. wird an den verschiedensten Stellen im
Innern des Saturn beobachtet; und nach außen, in den Himmelsraum
hinein, wird das alles als Ton, als eine Art Musik wahrgenommen.
- Innerhalb dieser Vorgänge finden wieder gewisse
Wesenheiten die Möglichkeit, eine Tätigkeit auf dem Saturn zu
entfalten. Sie seien die «Söhne des Zwielichtes oder des Lebens»
(christlich: «Angeloi», «Engel») genannt. Sie treten in Wechselwirkung
mit den im Innern des Saturn vorhandenen, auf- und
abwogenden Geschmackskräften. Dadurch kommt ihr Ätheroder
Lebensleib in eine solche Tätigkeit, daß man diese als eine
Art Stoffwechsel bezeichnen kann. Sie bringen Leben in das
Innere des Saturn. Es geschehen dadurch Nahrungs- und Ausscheidungsprozesse
im Saturn. Nicht sie bewirken unmittelbar
diese Prozesse, sondern durch das, was sie bewirken, entstehen
mittelbar solche Prozesse. Dieses Innenleben macht möglich,
daß noch andere Wesen den Weltkörper betreten, die als «Geister
der Harmonien» (christlich: «Cherubim») bezeichnet ' werden
mögen. Sie vermitteln den «Söhnen des Lebens» eine dumpfe
Art des Bewußtseins. Es ist noch dumpfer und dämmerhafter als
das Traumbewußtsein des gegenwärtigen Menschen. Es ist ein
solches, wie es dem Menschen im traumlosen Schlafe zukommt.
Dieses ist ja von so niedrigem Grade, daß es dem Menschen
gewissermaßen «gar nicht zum Bewußtsein kommt». Doch ist es
vorhanden. Es unterscheidet sich vom Tagesbewußtsein dem
Grade und auch der Art nach. Dieses «traumlose Schlafbewußtsein
» haben gegenwärtig auch die Pflanzen. Wenn es auch keine
Wahrnehmungen einer Außenwelt im menschlichen Sinne vermittelt,
so regelt es doch die Lebensvorgänge und bringt diese in
Harmonie mit den äußeren Weltvorgängen. Auf der in Rede
stehenden Saturnstufe können diese Regelung die «Söhne des
Lebens» nicht wahrnehmen; aber die «Geister der Harmonien»
nehmen sie wahr, und sie sind daher die eigentlichen Regeler. -
All dieses Leben spielt sich in den gekennzeichneten Menschenphantomen
ab. Diese erscheinen dem geistigen Blicke daher
belebt; aber ihr Leben ist doch nur ein Scheinleben. Es ist das
Leben der «Söhne des Lebens», die sich gewissermaßen der
Menschenphantome bedienen, um sich auszuleben.
Man richte nun die Aufmerksamkeit auf die Menschenphantome
mit dem Scheinleben. Während der geschilderten Saturnperiode
sind sie von ganz wechselnder Form. Bald sehen sie
dieser Gestalt, bald jener ähnlich. Im weiteren Verlauf der Entwickelung
werden die Gestalten bestimmter; zeitweilig bleibend.
Das rührt davon her, daß sie jetzt durchdrungen werden von den
Wirkungen der Geister, die schon im Beginne der Saturnentwikkelung
in Betracht kommen, nämlich von den «Geistern des
Willens» (den «Thronen»). Die Folge davon ist, daß das Menschenphantom
selbst mit der einfachsten dumpfesten Bewußtseinsform
erscheint. Man hat sich diese Bewußtseinsform noch
dumpfer vorzustellen als diejenige des traumlosen Schlafes.
Unter den gegenwärtigen Verhältnissen haben die Mineralien
dieses Bewußtsein. Es bringt das Innenwesen in Einklang mit der
physischen Außenwelt. Auf dem Saturn sind die «Geister des
Willens» die Regeler dieses Einklanges. Und der Mensch erscheint
dadurch wie ein Abdruck des Saturnlebens selbst. Was
das Saturnleben im großen ist, das ist auf dieser Stufe der
Mensch im kleinen. Und damit ist der erste Keim zu dem gegeben,
was auch im heutigen Menschen noch erst keimhaft ist: zum
«Geistesmenschen» (Atma). Nach innen (im Saturn) gibt sich
dieser dumpfe Menschenwille dem übersinnlichen Wahrnehmungsvermögen
durch Wirkungen kund, welche sich mit den
«Gerüchen» vergleichen lassen. Nach außen in den Himmelsraum
ist eine Kundgebung vorhanden wie die einer Persönlichkeit,
die aber nicht durch ein inneres «Ich» gelenkt wird, sondern
wie eine Maschine von außen geregelt ist. Die Regeler sind die
«Geister des Willens».
Überblickt man das Vorhergehende, so wird ersichtlich, daß,
von dem zuerst geschilderten Mittelzustande der Saturnentwickelung
angefangen, die Stufen dieser Entwickelung charakterisiert
werden konnten durch Vergleiche ihrer Wirkungen mit Sinnesempfindungen
der Gegenwart. Es konnte gesagt werden: die
Saturnentwickelung offenbart sich als Wärme, dann tritt ein
Lichtspiel hinzu, dann ein Geschmack- und Tonspiel; endlich
tritt etwas auf, was sich nach dem Innern des Saturn mit Geruchsempfindungen,
nach außen wie maschinenartig wirkendes
Menschen-Ich kundgibt. Wie verhält es sich mit den Offenbarungen
der Saturnentwickelung für das, was vor dem Wärme-zustand
liegt? Das ist nun gar nicht mit etwas zu vergleichen, was
einer äußeren Sinnesempfindung zugänglich ist. Dem Wärmezustand
geht ein solcher voran, welchen der Mensch gegenwärtig
nur in seinem Innenwesen erlebt. Wenn er sich Vorstellungen
hingibt, die er sich in der Seele selbst bildet, ohne daß ihm die
Veranlassung von einem äußeren Eindrucke aufgedrängt wird,
dann hat er etwas in sich, was keine physischen Sinne wahrnehmen
können, was vielmehr nur als Wahrnehmung dem
höheren Schauen zugänglich ist. Dem Wärmezustand des Saturn
gehen eben Offenbarungen voran, die nur für den übersinnlich
Wahrnehmenden vorhanden sein können. Drei solcher Zustände
können genannt werden: rein seelische Wärme, die nicht äußerlich
wahrnehmbar ist; rein geistiges Licht, das äußerlich Finsternis
ist; und endlich geistig Wesenhaftes, das in sich selbst
vollendet ist und keines äußeren Wesens bedarf, um seiner bewußt
zu werden. Reine innere Wärme begleitet das Erscheinen
der «Geister der Bewegung»; reines geistiges Licht dasjenige der
«Geister der Weisheit», reines Innenwesen ist verbunden mit der
ersten Ausströmung der «Geister des Willens».
Mit dem Erscheinen der Saturnwärme tritt also unsere Entwickelung
aus dem Innenleben, aus der reinen Geistigkeit zuerst
in ein äußerlich sich offenbarendes Dasein. Besonders schwierig
wird es dem Gegenwartsbewußtsein wohl, sich damit abzufinden,
wenn auch noch gesagt werden muß, daß mit dem Saturnwärmezustand
auch zuerst dasjenige auftritt, was man die «Zeit»
nennt. Die vorhergehenden Zustände sind nämlich gar nicht
zeitlich. Sie gehören derjenigen Region an, die man in der Geisteswissenschaft
die «Dauer» nennen kann. Deshalb muß auch
alles, was in dieser Schrift über solche Zustände in der «Region
der Dauer» gesagt ist, so verstanden werden, daß Ausdrücke, die
sich auf zeitliche Verhältnisse beziehen, nur zum Vergleiche und
zur Verständigung gebraucht werden. Für die menschliche Sprache
kann, was der «Zeit» gewissermaßen vorangeht, auch nur
mit Ausdrücken charakterisiert werden, welche die Zeitvorstellung
enthalten. Muß man sich doch auch bewußt sein, daß, obgleich
der erste, zweite und dritte Saturnzustand sich gar nicht
«nacheinander» im gegenwärtigen Sinne abspielten, man doch
nicht umhin kann, sie nacheinander zu schildern. Auch hängen
sie ja trotz ihrer «Dauer» oder Gleichzeitigkeit so voneinander
ab, daß sich diese Abhängigkeit mit einer zeitlichen Abfolge
vergleichen läßt.
Mit diesem Hinweis auf die ersten Entwickelungszustände
des Saturn wird auch ein Licht geworfen auf alles weitere Fragen
nach einem «Woher» dieser Zustände. Rein verstandesmäßig ist
es natürlich durchaus möglich, jedem Ursprunge gegenüber
wieder nach einem «Ursprung dieses Ursprunges» zu fragen.
Allein den Tatsachen gegenüber geht dieses nicht an. Man
braucht sich das nur an einem Vergleich zu vergegenwärtigen.
Wenn man irgendwo auf einem Wege eingegrabene Spuren
findet, so kann man fragen: woher rühren sie? Man mag als
Antwort erhalten: von einem Wagen. Da kann weiter gefragt
werden: wo kam der Wagen her, wohin fuhr er? Eine auf Tatsachen
gegründete Antwort ist wieder möglich. Man kann dann
noch fragen: wer saß im Wagen? was hatte die Persönlichkeit,
die ihn benützte, für Absichten, was tat sie? Endlich wird man
aber an einen Punkt kommen, an dem das Fragen durch die Tatsachen
ein naturgemäßes Ende findet. Wer dann noch weiter
fragt, kommt von der Absicht der ursprünglichen Fragestellung
ab. Er setzt gewissermaßen nur schablonenmäßig das Fragen
fort. Man merkt bei solchen Dingen, wie hier eines zum Vergleich
angeführt ist, leicht, wo die Tatsachen das Ende des Fragens
bedingen. Den großen Weltfragen gegenüber ist man sich
nicht so leicht klar darüber. Bei wirklich genauem Zusehen wird
man aber doch merken, daß alles Fragen nach dem «Woher»
endigen muß bei den oben geschilderten Saturnzuständen. Denn
man ist auf ein Gebiet gekommen, wo die Wesen und Vorgänge
nicht mehr durch das sich rechtfertigen, aus dem sie entstammen,
sondern durch sich selbst.
Als Ergebnis der Saturnentwickelung erscheint, daß sich der
Menschenkeim bis zu einer gewissen Stufe herangebildet hat. Er
hat das niedere, dumpfe Bewußtsein erlangt, von dem oben die
Rede war. Man soll sich nicht vorstellen, daß dessen Entwickelung
erst im letzten Saturnstadium einsetzt. Die «Geister des
Willens» wirken durch alle Zustände hindurch. In der letzten
Periode ist aber für das übersinnliche Wahrnehmen der Erfolg
am hervorstechendsten. Überhaupt ist eine feste Grenze zwischen
den Wirksamkeiten der einzelnen Wesensgruppen nicht.
Wenn gesagt wird: erst wirken die «Geister des Willens», dann
die «Geister der Weisheit» usw., so ist nicht gemeint, daß sie nur
da wirken. Sie wirken die ganze Saturnentwickelung hindurch; in
den angegebenen Perioden ist ihr Wirken nur am besten zu beobachten.
Die einzelnen Wesen haben da gleichsam die Führerschaft.
So erscheint die ganze Saturnentwickelung als eine Bearbeitung
dessen, was aus den «Geistern des Willens» ausgeströmt ist,
durch die «Geister der Weisheit, der Bewegung, der Form» usw.
Diese geistigen Wesenheiten machen dabei selbst eine Entwickelung
durch. Die «Geister der Weisheit» zum Beispiel stehen auf
einer andern Stufe, nachdem sie ihr Leben zurückgestrahlt vom
Saturn empfangen haben, als vorher. Die Frucht dieser Tätigkeit
erhöht die Fähigkeiten ihres eigenen Wesens. Die Folge davon
ist, daß für sie nach so vollbrachter Tätigkeit etwas Ähnliches
eintritt wie für den Menschen mit dem Schlafe. Ihren Tätigkeitsperioden
in bezug auf den Saturn folgen solche, in denen sie
gewissermaßen in anderen Welten leben. Dann ist ihre Tätigkeit
vom Saturn abgewandt. Deshalb sieht das hellseherische Wahrnehmen
in der geschilderten Saturnentwickelung ein Auf- und
ein Absteigen. Das Aufsteigen dauert bis zur Herausbildung des
Wärmezustandes. Dann beginnt mit dem Lichtspiel bereits ein
Abfluten. Und wenn dann die Menschenphantome durch die
«Geister des Willens» Gestalt angenommen haben, dann haben
sich die geistigen Wesen auch nach und nach zurückgezogen: die
Saturnentwickelung erstirbt in sich; sie verschwindet als solche.
Eine Art Ruhepause tritt ein. Der Menschenkeim geht wie in
einen Auflösungszustand dabei ein; aber nicht in einen solchen,
durch den er verschwinden würde, sondern in einen solchen, der
ähnlich ist dem eines Pflanzensamens, der in der Erde ruht, um
zur neuen Pflanze zu reifen. So ruht der Menschenkeim zu neuem
Erwachen im Schoß der Welt. Und wenn der Zeitpunkt seines
Erwachens da ist, da haben unter anderen Verhältnissen auch
die oben geschilderten geistigen Wesen sich die Fähigkeiten
angeeignet, durch die sie den Menschenkeim weiter bearbeiten
können. Die «Geister der Weisheit» haben in ihrem Ätherleib die
Fähigkeit erlangt, nicht nur wie auf dem Saturn die Spiegelung
des Lebens zu genießen; sie vermögen es jetzt, Leben auch aus
sich ausströmen zu lassen und andere Wesen damit zu begaben.
Die «Geister der Bewegung» sind nunmehr so weit, wie auf dem
Saturn die «Geister der Weisheit». Ihr unterstes Wesensglied war
dort der astralische Leib. Jetzt ist ihnen ein Äther- oder Lebensleib
eigen. Und ganz entsprechend sind die andern geistigen
Wesen zu einer weiteren Entwickelungsstufe gekommen. Alle
diese geistigen Wesen können daher bei der Weiterentwickelung
des Menschenkeimes anders wirken, als sie auf dem Saturn gewirkt
haben. - Nun war aber der Menschenkeim am Ende der
Saturnentwickelung aufgelöst. Damit die weiter entwickelten
Geistwesen da fortsetzen können, wo sie früher aufgehört haben,
muß dieser Menschenkeim die Stufen noch einmal kurz wiederholen,
die er auf dem Saturn durchlaufen hat. Das zeigt sich
nämlich dem übersinnlichen Wahrnehmungsvermögen. Der
Menschenkeim tritt aus seiner Verborgenheit hervor und beginnt
aus eigenem Vermögen heraus durch die Kräfte, die ihm auf dem
Saturn eingeimpft worden sind, sich zu entwickeln. Er geht als
ein Willenswesen aus der Finsternis hervor, bringt sich zum
Scheine des Lebens, der Seelenhaftigkeit usw. bis zu jener maschinenmäßigen
Persönlichkeitsoffenbarung, die er am Ende der
Saturnentwickelung hatte.
Die zweite der angedeuteten großen Entwickelungsperioden,
die «Sonnenstufe», bewirkt die Erhebung des Menschenwesens
zu einem höheren Bewußtseinszustand, als derjenige war, den es
auf dem Saturn erreicht hatte. Mit dem gegenwärtigen Bewußtsein
des Menschen verglichen, könnte allerdings dieser Sonnenzustand
als «Unbewußtheit» bezeichnet werden. Denn er kommt
annähernd gleich dem, in welchem sich der Mensch jetzt während
des völlig traumlosen Schlafes befindet. Oder man könnte
ihn auch mit dem niederen Bewußtseinsgrade vergleichen, in
dem gegenwärtig unsere Pflanzenwelt schlummert. Für die übersinnliche
Anschauung gibt es keine «Unbewußtheit», sondern
nur verschiedene Grade der Bewußtheit. Alles in der Welt ist
bewußt. - Das Menschenwesen erlangt im Laufe der Sonnenentwickelung
den höheren Bewußtseinsgrad dadurch, daß ihm da
der Äther- oder Lebensleib eingegliedert wird. Bevor dies geschehen
kann, müssen sich in der oben geschilderten Art die
Saturnzustände wiederholen. Diese Wiederholung hat einen ganz
bestimmten Sinn. Wenn nämlich die Ruhepause abgelaufen ist,
von welcher in den vorhergehenden Ausführungen gesprochen
worden ist, dann tritt aus dem «Weltschlafe» dasjenige, was
vorher Saturn war, als neues Weltwesen, als Sonne hervor. Es
haben sich damit aber die Verhältnisse der Entwickelung verändert.
Die Geistwesen, deren Wirken für den Saturn dargestellt
worden ist, sind zu anderen Zuständen vorgerückt. Der Menschenkeim
erscheint aber zuerst auf der neugebildeten Sonne als
das, was er auf dem Saturn geworden ist. Er muß zunächst die
verschiedenen Entwickelungsstadien, die er auf dem Saturn
angenommen hat, so umwandeln, daß sie zu den Verhältnissen
auf der Sonne passen. Die Sonnenepoche beginnt deshalb mit
einer Wiederholung der Saturntatsachen, aber unter Anpassung
an die veränderten Verhältnisse des Sonnenlebens. Wenn nun
das Menschenwesen so weit ist, daß seine auf dem Saturn erlangte
Entwickelungshöhe den Sonnenverhältnissen angepaßt ist,
dann beginnen die bereits genannten «Geister der Weisheit»
damit, den Äther- oder Lebensleib in den physischen Leib einströmen
zu lassen. Die höhere Stufe, welche der Mensch auf der
Sonne erreicht, kann somit dadurch charakterisiert werden, daß
der bereits auf dem Saturn in der Keimanlage gebildete physische
Leib auf eine zweite Stufe der Vollkommenheit gehoben
wird, indem er zum Träger eines Äther- oder Lebensleibes wird.
Dieser Äther- oder Lebensleib erlangt während der Sonnenentwickelung
für sich selbst den ersten Grad seiner Vollkommenheit.
Damit aber dieser zweite Vollkommenheitsgrad für den
physischen Leib und der erste für den Lebensleib erzielt werden,
ist im weiteren Verlauf des Sonnenlebens das Eingreifen noch
anderer Geistwesen in ähnlicher Art notwendig, wie es schon für
die Saturnstufe beschrieben worden ist.
Wenn die «Geister der Weisheit» mit ihrem Einströmen des
Lebensleibes beginnen, so fängt das vorher dunkle Sonnenwesen
zu leuchten an. Gleichzeitig treten in dem Menschenkeim die
ersten Erscheinungen innerer Regsamkeit ein; das Leben beginnt.
Was für den Saturn als ein Scheinleben charakterisiert
werden mußte, wird jetzt wirkliches Leben. Das Einströmen
dauert eine gewisse Zeit. Nachdem diese verflossen ist, tritt für
den Menschenkeim eine wichtige Veränderung ein. Er gliedert
sich nämlich in zwei Teile. Während vorher physischer Leib und
Lebensleib in inniger Verbindung ein Ganzes bildeten, beginnt
sich jetzt der physische Leib als ein besonderer Teil abzusondern.
Doch bleibt auch dieser abgesonderte physische Leib vom
Lebensleib durchzogen. Man hat es also jetzt mit einem zweigliedrigen
Menschenwesen zu tun. Der eine Teil ist ein von
einem Lebensleib durchgearbeiteter physischer Leib, der andere
Teil ist bloßer Lebensleib. Diese Absonderung verläuft aber
während einer Ruhepause des Sonnenlebens. Es erlischt während
derselben wieder das schon aufgetretene Leuchten. Die Trennung
geschieht gewissermaßen während einer «Weltennacht». Doch
ist diese Ruhepause viel kürzer als diejenige zwischen der
Saturn- und Sonnenentwickelung, von der oben gesprochen
worden ist. Nach Ablauf der Ruhepause arbeiten die «Geister der
Weisheit» eine Zeitlang ebenso an dem zweigliedrigen Menschenwesen
weiter, wie sie das vorher an dem eingliedrigen
getan haben. Dann setzen die «Geister der Bewegung» mit ihrer
Tätigkeit ein. Sie durchströmen mit ihrem eigenen Astralleib den
Lebensleib des Menschenwesens. Dadurch erlangt dieser die
Fähigkeit, gewisse innere Bewegungen in dem physischen Leibe
auszuführen. Es sind das Bewegungen, welche sich vergleichen
lassen mit den Bewegungen der Säfte in einer gegenwärtigen
Pflanze.
Der Saturnkörper bestand aus bloßer Wärmesubstanz. Während
der Sonnenentwickelung verdichtet sich diese Wärmesubstanz
bis zu dem Zustand, den man mit dem gegenwärtigen Gasoder
Dampfzustand vergleichen kann. Es ist jener Zustand, den
man als «Luft» bezeichnen kann. Die ersten Anfänge eines solchen
Zustandes zeigen sich, nachdem die «Geister der Bewegung
» mit ihrer Tätigkeit eingesetzt haben. Dem übersinnlichen
Bewußtsein bietet sich der folgende Anblick dar. Innerhalb der
Wärmesubstanz tritt etwas auf wie feine Gebilde, die durch die
Kräfte des Lebensleibes in regelmäßige Bewegungen versetzt
werden. Diese Gebilde veranschaulichen den physischen Leib
des Menschenwesens auf der ihm jetzt entsprechenden Entwikkelungsstufe.
Sie sind ganz von Wärme durchdrungen und auch
wie von einer Wärmehülle eingeschlossen. Wärmegebilde mit
eingegliederten Luftformen - letztere in regelmäßiger Bewegung
- kann man, in physischer Beziehung, dieses Menschenwesen
nennen. Will man daher den oben angeführten Vergleich mit der
gegenwärtigen Pflanze beibehalten, so muß man sich bewußt
bleiben, daß man es nicht mit einem kompakten Pflanzengebilde
zu tun hat, sondern mit einer Luft- oder Gasgestalt (note), deren Bewegungen
mit den Säftebewegungen der gegenwärtigen Pflanzen
verglichen werden können. - Die in dieser Art gekennzeichnete
Entwickelung schreitet weiter. Nach einer gewissen Zeit tritt
wieder eine Ruhepause ein; nach derselben wirken die Geister
der Bewegung weiter, bis zu ihrer Tätigkeit diejenige der Geister
der Form hinzutritt. Deren Wirkung besteht darin, daß die vorher
stets wechselnden Gasgebilde bleibende Gestalten annehmen.
Auch dies geschieht dadurch, daß in den Lebensleib der Menschenwesen
die Geister der Form ihre Kräfte aus- und einströmen
lassen. Die Gasgebilde waren früher, als noch bloß die
Geister der Bewegung auf sie wirkten, in einer unaufhörlichen
Bewegung, nur einen Augenblick behielten sie ihre Gestalt. Jetzt
aber nehmen sie vorübergehend unterscheidbare Formen an. -
Wieder tritt nach einer gewissen Zeit eine Ruhepause ein; wieder
setzen nach dieser die Geister der Form ihre Tätigkeit fort. Dann
aber treten ganz neue Verhältnisse innerhalb der Sonnenentwikkelung
ein.
Es ist nämlich damit der Punkt erreicht, wo die Sonnenentwickelung
in ihrer Mitte angelangt ist. Das ist die Zeit, in welcher
die Geister der Persönlichkeit, die auf dem Saturn ihre
Menschheitsstufe erlangt haben, einen höheren Grad der Vollkommenheit
ersteigen. Sie schreiten über diese Stufe hinaus. Sie
erlangen ein Bewußtsein, das der gegenwärtige Mensch auf
unserer Erde im regelrechten Fortgang der Entwickelung noch
nicht hat. Er wird es erlangen, wenn die Erde - also die vierte der
planetarischen Entwickelungsstufen - an ihrem Ziele angelangt
und in die folgende planetarische Periode eingetreten sein wird.
Dann wird der Mensch nicht bloß das um sich herum wahrnehmen,
was ihm die gegenwärtigen physischen Sinne vermitteln,
sondern er wird imstande sein, in Bildern die inneren, seelischen
Zustände der ihn umgebenden Wesen zu beobachten. Er wird ein
Bilderbewußtsein haben, jedoch mit Beibehaltung des vollen
Selbstbewußtseins. Es wird nichts Traumhaftes, Dumpfes in
seinem Bilderschauen sein, sondern er wird das Seelische wahrnehmen,
allerdings in Bildern, doch so, daß diese Bilder der
Ausdruck von Wirklichkeiten sein werden, wie es jetzt physische
Farben und Töne sind. Gegenwärtig kann sich der Mensch nur
durch die geisteswissenschaftliche Schulung zu solchem Schauen
erheben. Von dieser Schulung wird auf späteren Blättern dieses
Buches die Rede sein. - Dieses Schauen erlangen nun als ihre
normale Entwickelungsgabe die Geister der Persönlichkeit inmitten
der Sonnenstufe. Und eben dadurch werden sie fähig,
während der Sonnenentwickelung auf den neugebildeten Lebensleib
des Menschenwesens in ähnlicher Art zu wirken, wie sie auf
dem Saturn auf den physischen Leib gewirkt haben. Wie ihnen
dort die Wärme ihre eigene Persönlichkeit zurückgestrahlt hat, so
strahlen ihnen jetzt die Gasgebilde im Lichtglanze die Bilder
ihres schauenden Bewußtseins zurück. Sie schauen übersinnlich
an, was auf der Sonne vorgeht. Und dieses Anschauen ist keineswegs
ein bloßes Beobachten. Es ist, als ob in den Bildern, die
von der Sonne ausströmen, etwas von der Kraft sich geltend
machte, die der Erdenmensch als Liebe bezeichnet. Und sieht
man seelisch genauer zu, so findet man den Grund dieser Erscheinung.
Es haben sich in das von der Sonne ausstrahlende
Licht erhabene Wesenheiten mit ihrer Tätigkeit gemischt. Es
sind die oben bereits genannten «Geister der Liebe» (christlich:
«Seraphim»). Sie wirken von jetzt ab am menschlichen Ätheroder
Lebensleibe zusammen mit den Geistern der Persönlichkeit.
Durch diese Tätigkeit schreitet dieser Lebensleib selbst um eine
Stufe auf seiner Entwickelungsbahn fort. Er erlangt die Fähigkeit,
die in ihm befindlichen Gasgebilde nicht nur umzuformen,
sondern sie so zu bearbeiten, daß die ersten Andeutungen einer
Fortpflanzung der lebenden Menschenwesen sich zeigen. Es
werden gewissermaßen Absonderungen aus den geformten Gasgebilden
herausgetrieben (wie ausgeschwitzt), welche sich zu
solchen Gestalten formen, die ihren Muttergebilden ähnlich sind.
Um die weitere Sonnenentwickelung zu charakterisieren, muß
auf eine Tatsache des Weltenwerdens hingewiesen werden, welche
von der allergrößten Bedeutung ist. Sie besteht darin, daß im
Laufe einer Epoche keineswegs alle Wesen das Ziel ihrer Entwickelung
erreichen. Es gibt solche, die hinter diesem Ziel zurückbleiben.
So haben während der Saturnentwickelung nicht
alle Geister der Persönlichkeit die Menschheitsstufe, die ihnen
dort in der oben dargestellten Art beschieden war, wirklich erreicht.
Und ebensowenig haben alle auf dem Saturn ausgebildeten
physischen Menschenleiber den Grad von Reife erlangt, der
sie befähigt, auf der Sonne zum Träger eines selbständigen Lebensleibes
zu werden. Die Folge davon ist, daß auf der Sonne
Wesen und Gebilde vorhanden sind, welche zu ihren Verhältnissen
nicht passen. Diese müssen nun während der Sonnenentwickelung
nachholen, was sie auf dem Saturn versäumt haben.
Man kann deshalb während der Sonnenstufe das Folgende
geistig beobachten. Wenn die Geister der Weisheit mit ihrem
Einströmen des Lebensleibes beginnen, trübt sich gewissermaßen
der Sonnenkörper. Es durchsetzen ihn Gebilde, welche
eigentlich noch zum Saturn gehören würden. Es sind Wärmegebilde,
welche nicht imstande sind, in entsprechender Art sich zu
Luft zu verdichten. Das sind die auf der Saturnstufe zurückgebliebenen
Menschenwesen. Sie können nicht Träger eines in
regelrechter Art ausgebildeten Lebensleibes werden. - Was nun
auf diese Art von Wärmesubstanz des Saturn zurückgeblieben
ist, gliedert sich auf der Sonne in zwei Teile. Der eine Teil wird
von den Menschenleibern gleichsam aufgesogen; und er bildet
fortan innerhalb des Menschenwesens eine Art niederer Natur
desselben. So nimmt das Menschenwesen auf der Sonne etwas in
seine Leiblichkeit auf, was eigentlich der Saturnstufe entspricht.
Wie nun der Saturnleib des Menschen den Geistern der Persönlichkeit
es möglich gemacht hat, sich zur Menschheitsstufe zu
erheben, so leistet jetzt dieser Saturnteil des Menschen auf der
Sonne dasselbe für die Feuergeister. Sie erheben sich zur
Menschheitsstufe, indem sie ihre Kräfte ein- und ausströmen
lassen in diesen Saturnteil des Menschenwesens, wie es die Geister
der Persönlichkeit auf dem Saturn getan haben. Auch dies
geschieht in der Mitte der Sonnenentwickelung. Da ist der Saturnteil
des Menschenwesens so weit reif, daß mit seiner Hilfe
die Feuergeister (Archangeloi) ihre Menschheitsstufe durchlaufen
können. - Ein anderer Teil der Wärmesubstanz des Saturn
gliedert sich ab und erlangt ein selbständiges Dasein neben und
zwischen den Menschenwesen der Sonne. Dieser bildet nun ein
zweites Reich neben dem Menschenreiche. Ein Reich, das auf
der Sonne einen völlig selbständigen, aber nur physischen Leib,
als Wärmeleib, ausbildet. Die Folge davon ist, daß die vollkommen
entwickelten «Geister der Persönlichkeit» auf keinen selbständigen
Lebensleib ihre Tätigkeit in der geschilderten Art
richten können. Nun sind aber auch gewisse «Geister der Persönlichkeit
» auf der Saturnstufe zurückgeblieben. Diese haben da
nicht die Stufe der Menschheit erreicht. Zwischen ihnen und dem
selbständig gewordenen zweiten Sonnenreich besteht ein Anziehungsband.
Sie müssen sich jetzt auf der Sonne zu dem zurückgebliebenen
Reich so verhalten, wie dies ihre vorgeschrittenen
Genossen schon auf dem Saturn gegenüber den Menschenwesen
getan haben. Diese haben dort ja auch erst den physischen Leib
ausgebildet gehabt. Auf der Sonne selbst ist aber zu solcher
Arbeit der zurückgebliebenen Persönlichkeitsgeister keine Möglichkeit.
Sie sondern sich daher aus dem Sonnenkörper heraus
und bilden außerhalb desselben einen selbständigen Weltenkörper.
Es tritt dieser also aus der Sonne heraus. Von ihm aus wirken
die zurückgebliebenen «Geister der Persönlichkeit» auf die
beschriebenen Wesen des zweiten Sonnenreiches. Es sind dadurch
zwei Weltengebilde aus dem einen geworden, das früher
Saturn war. Die Sonne hat in ihrer Umgebung nunmehr einen
zweiten Weltenkörper, einen solchen, der eine Art Wiedergeburt
des Saturn, einen neuen Saturn darstellt. Von diesem Saturn aus
wird dem zweiten Sonnenreich der Persönlichkeitscharakter
erteilt. Man hat es daher innerhalb dieses Reiches mit Wesen zu
tun, welche auf der Sonne selbst keine Persönlichkeit haben.
Doch aber spiegeln sie den «Geistern der Persönlichkeit» auf
dem neuen Saturn deren eigene Persönlichkeit zurück. Das übersinnliche
Bewußtsein kann zwischen den Menschenwesen auf
der Sonne Wärmekräfte beobachten, die in die regelmäßige Sonnenentwickelung
hineinspielen und in welchen man das Walten
der gekennzeichneten Geister des neuen Saturn zu sehen hat.
Im Menschenwesen hat man während der Mitte der Sonnenentwickelung
das Folgende zu beachten. Dasselbe ist gegliedert
in einen physischen Leib und einen Lebensleib. Darinnen spielt
sich ab die Tätigkeit der vorgeschrittenen «Geister der Persönlichkeit
» in Verbindung mit derjenigen der «Geister der Liebe».
Dem physischen Leibe ist nun beigemischt ein Teil der zurückgebliebenen
Saturnnatur. Darin spielt sich ab die Tätigkeit der
«Feuergeister». Man hat nun zu sehen in allem, was die «Feuergeister
» an der zurückgebliebenen Saturnnatur bewirken, die
Vorläufer der gegenwärtigen Sinnesorgane der Erdenmenschen.
Es ist ja gezeigt worden, wie schon auf dem Saturn in der Wärmesubstanz
diese «Feuergeister» mit der Ausarbeitung der Sinneskeime
beschäftigt waren. In dem, was durch die «Geister der
Persönlichkeit» im Verein mit den «Geistern der Liebe» (den
Seraphim) vollbracht wird, ist zu erkennen die erste Anlage der
gegenwärtigen menschlichen Drüsenorgane. - Mit dem oben
Gesagten ist aber die Arbeit der auf dem neuen Saturn wohnenden
Persönlichkeitsgeister nicht erschöpft. Diese erstrecken ihre
Tätigkeit nicht bloß auf das genannte zweite Sonnenreich, sondern
sie stellen eine Art Verbindung her zwischen diesem Reich
und den menschlichen Sinnen. Es strömen die Wärmesubstanzen
dieses Reiches durch die menschlichen Sinneskeime aus und ein.
Dadurch gelangt das Menschenwesen auf der Sonne zu einer Art
von Wahrnehmung des außer ihm befindlichen niederen Reiches.
Diese Wahrnehmung ist naturgemäß nur eine dumpfe, ganz
entsprechend dem dumpfen Saturnbewußtsein, von dem oben die
Rede war. Und sie besteht im wesentlichen aus verschiedenen
Wärmewirkungen.
Alles, was hier für die Mitte der Sonnenentwickelung geschildert
worden ist, dauert eine gewisse Zeit. Dann tritt wieder
eine Ruhepause ein. Nach derselben geht es eine Zeitlang in
derselben Art fort bis zu einem Punkte der Entwickelung, in dem
der menschliche Ätherleib so weit reif ist, daß nunmehr eine
vereinte Arbeit der «Söhne des Lebens» (Angeloi) und der «Geister
der Harmonie» (Cherubim) einsetzen kann. Es treten nun
innerhalb des Menschenwesens für das übersinnliche Bewußtsein
Offenbarungen auf, die sich mit Geschmackswahrnehmungen
vergleichen lassen und die sich nach außen als Töne kundgeben.
Ein Ähnliches mußte ja schon für die Saturnentwickelung gesagt
werden. Hier auf der Sonne ist nur all das im Menschenwesen
innerlicher, voll selbständigeren Lebens. - Die «Söhne des Lebens
» erlangen dadurch jenes dumpfe Bilderbewußtsein, das die
«Feuergeister» auf dem Saturn erreicht hatten. Es sind dabei die
«Geister der Harmonie» (die Cherubim) ihre Helfer. Sie eigentlich
schauen geistig das an, was sich innerhalb der Sonnenentwickelung
jetzt abspielt. Nur verzichten sie auf alle Früchte
dieses Anschauens, auf die Empfindung der weisheitsvollen
Bilder, welche da entstehen, und lassen diese wie prächtige
Zaubererscheinungen in das traumhafte Bewußtsein der «Söhne des
Lebens» einströmen. Diese wieder arbeiten solche Gebilde ihres
Schauens in den Ätherleib des Menschen hinein, so daß dieser
immer höhere Stufen der Entwickelung erreicht. - Wieder tritt
eine Ruhepause ein, wieder erhebt sich das Ganze aus dem «Weltenschlaf
», und, nachdem es noch eine Zeitlang gedauert hat, ist
das Menschenwesen so weit reif, daß es nun eigene Kräfte regen
kann. Es sind dies dieselben, welche während der letzten Zeit der
Saturnperiode durch die «Throne» in dieses Menschenwesen
eingeströmt sind. In einem Innenleben entwickelt sich jetzt dieses
Menschenwesen, das in seiner Offenbarung für das Bewußtsein
mit einer innerlichen Geruchswahrnehmung verglichen
werden kann. Nach außen aber, gegen den Himmelsraum, gibt
sich dieses Menschenwesen als eine Persönlichkeit kund, allerdings
als eine solche, die nicht von einem inneren «Ich» gelenkt
wird. Es erscheint vielmehr wie eine als Persönlichkeit
wirkende Pflanze. Für das Ende der Saturnentwickelung ist ja
gezeigt worden, daß die Persönlichkeit wie eine Maschine sich
kundgibt. Und wie sich dort der erste Keim zu dem entwickelt
hat, was auch im gegenwärtigen Menschen erst keimhaft ist, zum
«Geistesmenschen» (Atma), so wird hier ein ebensolcher erster
Keim zu dem «Lebensgeist» (Buddhi) gestaltet. - Nachdem eine
Zeit hindurch sich alles das abgespielt hat, tritt wieder eine Ruhepause
ein. Wie in den ähnlichen Fällen früher, wird nach dieser
Pause die Tätigkeit des Menschenwesens eine Zeitlang fortgesetzt.
Dann treten Verhältnisse ein, die sich darstellen als ein
neuer Eingriff der «Geister der Weisheit». Durch denselben wird
das Menschenwesen fähig, die ersten Spuren von Sympathie und
Antipathie mit seiner Umgebung zu empfinden. Es ist in alledem
noch keine wirkliche Empfindung, aber doch ein Vorläufer der
Empfindung. Denn die innere Lebenstätigkeit, die in ihrer Offenbarung
wie Geruchswahrnehmungen charakterisiert werden
könnte, gibt sich nach außen wie in einer Art primitiver Sprache
kund. Wird innerlich ein sympathischer Geruch - oder auch
Geschmack, Flimmern etc. - wahrgenommen, so gibt dies das
Menschenwesen nach außen durch einen Ton kund. Und in entsprechender
Art geschieht solches bei einer innerlich unsympathischen
Wahrnehmung. - Es ist nämlich durch alle die geschilderten
Vorgänge der eigentliche Sinn der Sonnenentwickelung
für das Menschenwesen erreicht. Dieses hat eine höhere
Bewußtseinsstufe gegenüber dem Saturnbewußtsein erlangt. Es
ist dies das Schlafbewußtsein.
Nach einiger Zeit ist nun auch der Entwickelungspunkt eingetreten,
da die mit der Sonnenstufe verbundenen höheren Wesen
in andere Sphären übergehen müssen, um das zu verarbeiten,
was sie durch ihr Wirken am Menschenwesen selbst in sich
veranlagt haben. Es tritt eine große Ruhepause ein, wie eine
solche zwischen der Saturn- und Sonnenentwickelung war. Alles,
was sich auf der Sonne ausgebildet hat, geht in einen Zustand
über, der sich mit dem der Pflanze vergleichen läßt, wenn
deren Wachstumskräfte im Samen ruhen. Wie aber diese Wachstumskräfte
in einer neuen Pflanze wieder an das Tageslicht treten,
so tritt auch nach der Ruhepause alles, was auf der Sonne
Leben war, wieder aus dem Weltenschoße hervor, und ein neues
planetarisches Dasein beginnt. Man wird den Sinn einer solchen
Ruhepause, eines «Weltenschlafes», wohl verstehen, wenn man
nur einmal den geistigen Blick auf eine der genannten Wesensarten,
zum Beispiel auf die «Geister der Weisheit», lenkt. Sie
waren auf dem Saturn noch nicht so weit, daß sie dort hätten
einen Ätherleib aus sich können ausströmen lassen. Erst durch
die von ihnen auf dem Saturn gemachten Erlebnisse sind sie
darauf vorbereitet worden. Während der Pause gestalten sie nun
dasjenige, was in ihnen erst vorbereitet worden ist, zur wirklichen
Fähigkeit um. So sind sie auf der Sonne soweit, das Leben
aus sich ausströmen zu lassen und das Menschenwesen mit einem
eigenen Lebensleib zu begaben.
Nach der Ruhepause tritt dasjenige, was früher Sonne war,
aus dem «Weltenschlafe» wieder hervor. Das heißt, es wird
wieder wahrnehmbar für die geistig schauenden Kräfte, für die es
früher zu beobachten war und für die es während der Ruhepause
entschwunden war. Nun zeigt sich aber an dem neu hervortretenden
planetarischen Wesen, das als «Mond» bezeichnet werden
soll (und das nicht verwechselt werden darf mit dem Stück davon,
das gegenwärtig Erdenmond ist), ein zweifaches. Erstens ist
dasjenige, was sich während der Sonnenzeit als ein «neuer Saturn
» abgesondert hatte, wieder in dem neuen planetarischen
Wesen darin. Dieser Saturn hat sich somit während der Ruhepause
wieder mit der Sonne vereinigt. Alles, was im ersten Saturn
war, tritt zunächst wieder als ein Weltgebilde auf. Zweitens
sind die auf der Sonne gebildeten Lebensleiber des Menschenwesens
in der Ruhepause von dem aufgesogen worden, was in
einer Art die geistige Hülle des Planeten bildet. Sie erscheinen
also in diesem Zeitpunkte nicht mit den entsprechenden physischen
Menschenleibern vereinigt, sondern diese treten für sich
allein zunächst auf. Zwar tragen sie alles das an sich, was in
ihnen auf Saturn und Sonne erarbeitet worden ist; aber sie ermangeln
des Äther- oder Lebensleibes. Ja sie können diesen
Ätherleib auch nicht sogleich in sich aufnehmen, denn dieser hat
selbst eine Entwickelung während der Ruhepause durchgemacht,
an die sie noch nicht angepaßt sind. - Was nun im Beginne der
Mondenentwickelung eintritt, damit diese Anpassung erzielt
werde, ist zunächst eine abermalige Wiederholung der Saturntatsachen.
Das physische Menschenwesen durchläuft dabei, wiederholend,
die Stufen der Saturnentwickelung, nur unter ganz
veränderten Verhältnissen. Auf dem Saturn spielten in ihm ja nur
die Kräfte eines Wärmeleibes, jetzt sind in ihm auch diejenigen
des erarbeiteten Gasleibes. Die letzteren treten aber nicht gleich
im Beginne der Mondenentwickelung auf. Da ist alles so, wie
wenn das Menschenwesen nur aus Wärmesubstanz bestünde und
innerhalb derselben die Gaskräfte schlummerten. Dann kommt
eine Zeit, in welcher diese in ersten Andeutungen auftreten. Und
zuletzt, im letzten Zeitraum der Saturnwiederholung, sieht das
Menschenwesen schon so aus wie während seines lebendigen
Zustandes auf der Sonne. Doch erweist sich alles Leben da noch
als ein Scheinleben. Es tritt erst eine Ruhepause ein, ähnlich den
kurzen Ruhepausen während der Sonnenentwickelung. Dann
beginnt neuerdings das Einströmen des Lebensleibes, für den
sich der physische Leib nun reif gemacht hat. Dieses Einströmen
geschieht wieder wie die Saturnwiederholung in drei voneinander
zu unterscheidenden Epochen. Während der zweiten dieser
Epochen ist das Menschenwesen so weit den neuen
Mondenverhältnissen angepaßt, daß die «Geister der Bewegung» die von
ihnen erlangte Fähigkeit in die Tat umsetzen können. Sie besteht
darin, daß sie aus ihrer eigenen Wesenheit heraus den Astralleib
in die Menschenwesen einströmen lassen. Sie haben sich zu
dieser Arbeit während der Sonnenentwickelung vorbereitet und
in der Ruhepause zwischen Sonne und Mond das Vorbereitete zu
der angedeuteten Fähigkeit umgewandelt. Es dauert dieses Einströmen
nun wieder eine Zeitlang, dann tritt eine der kleineren
Ruhepausen ein. Nach derselben setzt sich das Einströmen fort,
bis die «Geister der Form» mit ihrer Tätigkeit einsetzen. Dadurch,
daß die «Geister der Bewegung» den Astralleib in das
Menschenwesen einströmen lassen, erlangt dieses die ersten
seelischen Eigenschaften. Es beginnt, die Vorgänge, welche sich
durch den Besitz eines Lebensleibes in ihm abspielen und welche
während der Sonnenentwickelung noch pflanzenhaft waren, mit
Empfindungen zu verfolgen, Lust und Unlust durch sie zu fühlen.
Es bleibt aber bei einem wechselvollen inneren Auf- und
Abfluten solcher Lust und Unlust, bis die «Geister der Form»
eingreifen. Da verwandeln sich diese wechselnden Gefühle so,
daß in dem Menschenwesen das auftritt, was als erste Spur des
Wunsches, der Begierde, aufgefaßt werden kann. Das Wesen
strebt nach einer Wiederholung dessen, was einmal Lust bereitet
hat, und es versucht zu vermeiden, was als antipathisch empfunden
worden ist. Da jedoch die «Geister der Form» ihre eigene
Wesenheit nicht an das Menschenwesen abgeben, sondern ihre
Kräfte nur aus- und einströmen lassen, so entbehrt die Begierde
der Innerlichkeit und Selbständigkeit. Sie wird gelenkt von den
«Geistern der Form». Sie tritt mit einem instinktiven Charakter
auf.
Auf dem Saturn war der physische Leib des Menschenwesens
ein Wärmeleib; auf der Sonne ist eine Verdichtung zum Gaszustand
oder zur «Luft» eingetreten. Nun, da während der Mondenentwickelung
das Astrale einströmt, erreicht in einem bestimmten
Zeitpunkt das Physische einen weiteren Grad von Verdichtung,
es kommt in einen Zustand, der sich mit dem einer gegenwärtigen
Flüssigkeit vergleichen läßt. Man kann diesen Zustand
als «Wasser» bezeichnen. Doch ist eben damit nicht unser gegenwärtiges
Wasser gemeint, sondern jegliche flüssige Daseinsform.
Der physische Menschenleib nimmt nun allmählich eine Form
an, die sich aus dreierlei substantiellen Gebilden zusammensetzt.
Das dichteste ist ein «Wasserkörper»; dieser wird durchzogen
von Luftströmungen, und durch alles dies ziehen sich wieder
Wärmewirkungen hindurch.
Nun erlangen auch während der Sonnenstufe nicht alle Gebilde
die volle entsprechende Reife. Es finden sich deshalb auf
dem Monde Gebilde ein, die erst auf der Saturnstufe stehen, und
solche, die nur die Sonnenstufe erreicht haben. Dadurch entstehen
neben dem regelrecht entwickelten Menschenreiche zwei
andere Reiche. Ein solches, das aus Wesen besteht, die auf der
Saturnstufe stehengeblieben sind, die daher nur einen physischen
Leib haben, der auch auf dem Monde noch nicht Träger eines
selbständigen Lebensleibes werden kann. Es ist dies das niedrigste
Mondenreich. Ein zweites besteht aus Wesen, die auf der
Sonnenstufe zurückgeblieben sind, welche deshalb nicht reif
werden, auf dem Monde einen selbständigen Astralleib sich
einzugliedern. Diese bilden ein Reich zwischen dem ebengenannten
und dem regelmäßig fortgeschrittenen Menschenreich.
-Aber auch noch etwas anderes findet statt: Die Substanzen mit
bloßen Wärmekräften und jene mit bloßen Luftkräften durchsetzen
auch die Menschenwesen. So kommt es, daß diese auf
dem Monde in sich eine Saturn- und eine Sonnennatur tragen.
Dadurch ist in die Menschennatur eine Art von Zwiespalt gekommen.
Und durch diesen Zwiespalt wird nach dem Einsetzen
der Tätigkeit der «Geister der Form» innerhalb der Mondenentwickelung
etwas sehr Bedeutungsvolles hervorgerufen. Es
beginnt sich da eine Spaltung im Mondenweltkörper vorzubereiten.
Ein Teil seiner Substanzen und Wesenheiten trennt sich ab
von den andern. Aus einem Weltenkörper werden zwei. Den
einen machen gewisse höhere Wesenheiten, die noch vorher
inniger mit dem einheitlichen Weltenkörper verbunden waren, zu
ihrem Wohnplatz. Der andere dagegen wird von dem Menschenwesen,
den beiden vorhin charakterisierten niederen Reichen und
gewissen höheren Wesenheiten eingenommen, die nicht zu dem
ersten Weltenkörper übergegangen sind. Der eine der beiden
Weltenkörper mit den höheren Wesen erscheint wie eine wiedergeborene,
aber verfeinerte Sonne; der andere ist nunmehr die
eigentliche Neubildung, der «alte Mond», als dritte planetarische
Verkörperung unserer Erde, nach der Saturn- und Sonnenverkörperung.
Von den auf dem Monde entstandenen Substanzen
nimmt die wiedergeborene Sonne bei ihrem Heraustreten nur die
«Wärme» und die «Luft» mit; auf dem, was wie ein Rest als
Mond übriggeblieben ist, findet sich außer diesen beiden Substanzen
noch der wässerige Zustand. Es wird durch diese Trennung
erreicht, daß die mit der wiedererstandenen Sonne ausgezogenen
Wesenheiten zunächst in ihrer weiteren Entwickelung
durch die dichteren Mondwesenheiten nicht gehemmt werden.
Sie können so ungehindert in ihrem eigenen Werden fortschreiten.
Dadurch erlangen sie aber eine um so größere Kraft, um nun
von außen, von ihrer Sonne aus, auf die Mondwesen zu wirken.
Und auch diese erlangen dadurch neue Entwickelungsmöglichkeiten.
Mit ihnen sind vereint geblieben vor allem die «Geister
der Form». Diese verfestigen die Begierden- und die Wunschnatur;
und dieses drückt sich allmählich auch in einer weiteren
Verdichtung des physischen Leibes der Menschenwesen aus. Das
vorher bloß Wässerige dieses Leibes nimmt eine zähflüssige
Form an, und entsprechend verdichten sich die luftförmigen und
wärmeartigen Gebilde. Ähnliche Vorgänge finden auch statt bei
den beiden niederen Reichen.
Daß der Mondkörper von dem Sonnenkörper ausgesondert
wird, dies hat zur Folge, daß sich der erstere zu dem letzteren so
verhält, wie einstmals der Saturnkörper zu der ganzen umliegenden
Weltenentwickelung. Der Saturnkörper war aus dem Leibe
der «Geister des Willens» (der Throne) gebildet. Aus seiner
Substanz strahlte in den Weltenraum zurück alles, was die in der
Umgebung befindlichen oben angeführten geistigen Wesenheiten
erlebten. Und die Rückstrahlung erwachte durch die folgenden
Vorgänge allmählich zu selbständigem Leben. Darauf beruht ja
alle Entwickelung, daß erst aus dem Leben der Umgebung selbständige
Wesenheit sich absondert; dann in dem abgesonderten
Wesen sich die Umgebung wie durch Spiegelung einprägt und
dann dies abgesonderte Wesen sich selbständig weiter entwikkelt. -
So auch sonderte sich der Mondenkörper vom Sonnenkörper
ab und strahlte zunächst das Leben des Sonnenkörpers zurück.
Wäre nun nichts anderes geschehen, so hätte man es mit
folgendem Weltenprozesse zu tun. Es gäbe einen Sonnenkörper,
in welchem diesem Körper angepaßte geistige Wesenheiten in
dem Wärme- und Luftelemente ihre Erlebnisse hätten. Diesem
Sonnenkörper stünde ein Mondenkörper gegenüber, in welchem
andere Wesen mit dem Wärme-, Luft- und Wasserleben sich
entfalteten. Der Fortschritt von der Sonnenverkörperung zu der
Mondenverkörperung bestünde darin, daß die Sonnenwesen ihr
eigenes Leben von den Mondenvorgängen aus wie im Spiegelbilde
vor sich hätten und so dasselbe genießen könnten, was
ihnen während der Sonnenverkörperung noch unmöglich war. -
Nun blieb es aber nicht bei diesem Entwickelungsvorgange. Es
geschah etwas, was für alle folgende Entwickelung von der allertiefsten
Bedeutung war. Gewisse Wesenheiten, welche dem
Mondenkörper angepaßt waren, bemächtigten sich des ihnen zur
Verfügung stehenden Willenselementes (des Erbes der Throne)
und entwickelten dadurch ein Eigenleben, das sich unabhängig
gestaltet von dem Sonnenleben. Es entstehen neben den Erlebnissen
des Mondes, die nur unter dem Sonneneinflusse stehen,
selbständige Mondenerlebnisse; gleichsam Empörungs- oder
Auflehnungszustände gegen die Sonnenwesen. Und die verschiedenen
auf Sonne und Mond entstandenen Reiche, vor allem
das Reich der Menschenvorfahren, wurde in diese Zustände
hineingezogen. Der Mondenkörper schließt dadurch geistig und
stofflich zweierlei Leben in sich: Solches, das in inniger Verbindung
mit dem Sonnenleben steht, und solches, welches von
diesem «abgefallen» ist und unabhängige Wege geht. Diese
Gliederung in zweifaches Leben drückt sich in allen folgenden
Vorgängen der Mondenverkörperung nun aus.
Was sich für diesen Entwickelungszeitraum dem übersinnlichen
Bewußtsein darbietet, das läßt sich in folgenden Bildern
charakterisieren. Die ganze Grundmasse des Mondes ist gebildet
aus einer halblebendigen Substanz, die in einer bald trägen, bald
lebhaften Bewegung ist. Eine mineralische Masse im Sinne der
Gesteine und der Erdbestandteile, auf denen der gegenwärtige
Mensch herumwandelt, ist das noch nicht. Man könnte von einem
Reiche von Pflanzenmineralien sprechen. Nur hat man sich
vorzustellen, daß der ganze Grundkörper des Mondes aus dieser
Pflanzen-Mineralsubstanz besteht, wie heute die Erde aus Gesteinen,
Ackererde usw. besteht. Wie gegenwärtig sich Felsenmassen
auftürmen, so lagerten sich der Mondenmasse härtere
Teile ein, die sich mit harten Holzgebilden oder mit Formen aus
Horn vergleichen lassen. Und wie sich jetzt Pflanzen aus dem
Mineralboden erheben, so war der Mondengrund bedeckt und
durchdrungen von dem zweiten Reich, bestehend aus einer Art
von Pflanzentieren. Ihre Substanz war weicher als die Grundmasse
und in sich beweglicher. Wie ein zähes Meer zog sich
dieses Reich über das andere dahin. Und der Mensch selbst kann
als Tiermensch bezeichnet werden. Er hatte in seiner Natur die
Bestandteile der andern beiden Reiche. Aber seine Wesenheit
war ganz durchdrungen von einem Lebensleib und astralischen
Leib, auf welche die von der abgeschiedenen Sonne ausgehenden
Kräfte der höheren Wesenheiten wirkten. So wurde seine Gestalt
veredelt. Während ihm die «Geister der Form» eine Gestalt gaben,
durch die er dem Mondenleben angepaßt war, machten ihn
die Sonnengeister zu einer Wesenheit, die ihn über dieses Leben
hinaushob. Er hatte die Kraft, mit den ihm von diesen Geistern
geschenkten Fähigkeiten seine eigene Natur zu veredeln, ja dasjenige,
was mit den niederen Reichen verwandt war, auf eine
höhere Stufe emporzuheben.
Geistig gesehen können die hier in Betracht kommenden
Vorgänge in der folgenden Art geschildert werden. Der Menschenvorfahr
war veredelt worden von Wesenheiten, die vom
Sonnenreiche abgefallen waren. Diese Veredelung erstreckte
sich vor allem auf alles, was im Wasserelemente erlebt werden
konnte. Auf dieses Element hatten die Sonnenwesen, die Herrscher
im Wärme- und Luftelemente waren, den geringeren Einfluß.
Für den Menschenvorfahren hatte dies zur Folge, daß sich
in seiner Organisation zweierlei Wesenheiten geltend machten:
der eine Teil dieser Organisation war ganz durchdrungen von
den Wirkungen der Sonnenwesen. In dem andern wirkten die
abgefallenen Mondenwesen. Dadurch war der letzte Teil selbständiger
als der erste. Im ersten konnten nur Bewußtseinszustände
entstehen, in denen die Sonnenwesen lebten; in dem letzteren
lebte eine Art Weltbewußtsein, wie es dem Saturnzustande
eigen war, nur jetzt auf einer höheren Stufe. Der Menschenvorfahr
kam sich dadurch als «Abbild der Welt» vor, während sich
sein «Sonnenteil» nur als «Abbild der Sonne» fühlte. -Es traten
nun in der Menschennatur diese beiden Wesenheiten in eine Art
Kampf. Und durch den Einfluß der Sonnenwesenheiten wurde
für diesen Kampf ein Ausgleich dadurch geschaffen, daß durch
ihn die stoffliche Organisation, welche das selbständige
Weltbewußtsein ermöglichte, gebrechlich, vergänglich gemacht wurde.
Es mußte nun von Zeit zu Zeit dieser Teil der Organisation ausgeschieden
werden. Während und einige Zeit nach der Ausscheidung
war der Menschenvorfahr ein bloß vom Sonneneinfluß
abhängiges Wesen. Sein Bewußtsein wurde unselbständiger; er
lebte in demselben ganz dem Sonnenleben hingegeben. Dann
erneuerte sich der selbständige Mondenteil wieder. Nach einiger
Zeit wiederholte sich stets dieser Vorgang. So lebte der Menschenvorfahr
auf dem Monde in Wechselzuständen helleren und
dumpferen Bewußtseins; und der Wechsel war begleitet von
einer Wandlung seines Wesens in stofflicher Beziehung. Er legte
von Zeit zu Zeit seinen Mondenkörper ab und nahm ihn später
wieder an.
Physisch gesehen zeigt sich in den angeführten Reichen des
Mondes eine große Mannigfaltigkeit. Die Mineralpflanzen,
Pflanzentiere und Tiermenschen sind nach Gruppen verschieden.
Man wird das verstehen, wenn man bedenkt, daß durch das Zurückbleiben
der Gebilde auf jeder der früheren Stufen der Entwickelung
Formen in den mannigfaltigsten Qualitäten verkörpert
worden sind. Es sind Gebilde da, welche noch die Anfangseigenschaften
des Saturn zeigen, solche der mittleren Epoche dieses
Weltkörpers, solche vom Ende. Ein Gleiches gilt für alle Entwikkelungsstufen
der Sonne.
Und wie die mit dem sich fortentwickelnden Weltenkörper
verbundenen Gebilde zurückbleiben, so ist es auch mit gewissen
Wesenheiten der Fall, die mit dieser Entwickelung zusammenhängen.
Durch das Fortrücken des Werdens bis zum Monde sind
schon eine Anzahl von Stufen solcher Wesenheiten entstanden.
Da gibt es «Geister der Persönlichkeit», welche auf der Sonne
noch immer nicht ihre Menschheitsstufe erreicht haben; es sind
aber auch solche vorhanden, welche da das Aufsteigen in die
Menschheit nachgeholt haben. Auch von den «Feuergeistern»,
die auf der Sonne hätten Menschen werden sollen, sind eine
Anzahl zurückgeblieben. Wie nun während der Sonnenentwickelung
gewisse zurückgebliebene «Geister der Persönlichkeit» sich
aus dem Sonnenkörper herauszogen und den Saturn als besonderen
Weltenkörper wieder erstehen ließen, so geschieht es auch,
daß im Laufe der Mondenentwickelung sich die oben charakterisierten
Wesenheiten auf besonderen Weltkörpern aussondern. Es
ist bis jetzt erst von der Teilung in Sonne und Mond gesprochen
worden, doch gliedern sich noch andere Weltgebilde aus den
angegebenen Gründen aus dem Mondenkörper ab, der nach der
großen Sonnen-Mondes-Pause erschienen ist. Man hat es nach
einiger Zeit mit einem System von Weltkörpern zu tun, deren
fortgeschrittenster, wie leicht zu ersehen ist, die neue Sonne
genannt werden muß. Und ein ebensolches Anziehungsband, wie
es oben für die Sonnenentwickelung zwischen dem zurückgebliebenen
Saturnreiche und den Persönlichkeitsgeistern auf dem
neuen Saturn beschrieben worden ist, bildet sich zwischen je
einem solchen Weltenkörper und den entsprechenden Mondenwesen.
Es würde hier viel zu weit führen, alle die entstehenden
Weltenkörper im einzelnen zu verfolgen. Es muß genügen, auf
den Grund hingewiesen zu haben, warum aus dem einheitlichen
Weltgebilde, das im Beginne der Menschheitsentwickelung als
Saturn erscheint, sich nach und nach eine Reihe von Weltenkörpern
herauslöst.
Nach dem Einsetzen der «Geister der Form» auf dem Monde
dauert die Entwickelung eine Zeitlang fort in der Art, wie dies
geschildert worden ist. Nach dieser Zeit tritt wieder eine Pause
ein. Während derselben bleiben die gröberen Teile der drei Mondenreiche
in einer Art Ruhezustand; die feineren Teile aber,
namentlich die astralischen Leiber der Menschenwesen, lösen
sich los von diesen gröberen Gebilden. Sie kommen in einen
Zustand, in dem die höheren Kräfte der erhabenen Sonnenwesen
besonders stark auf sie wirken können. - Nach der Ruhepause
durchdringen sie wieder diejenigen Teile des Menschenwesens,
die aus den gröberen Substanzen bestehen. Dadurch, daß sie in
der Pause - im freien Zustande - die starken Kräfte aufgenommen
haben, können sie diese gröberen Substanzen reif machen zu der
Wirkung, die nach einer gewissen Zeit nunmehr auf sie ausgeübt
werden soll von den regelrecht vorgeschrittenen «Geistern der
Persönlichkeit» und den «Feuergeistern».
Diese «Geister der Persönlichkeit» haben sich inzwischen zu
einer Stufe erhoben, auf der sie das «Bewußtsein der Inspiration»
haben. Sie können da nicht nur - wie das beim früheren Bilderbewußtsein
war - die inneren Zustände anderer Wesen in Bildern
wahrnehmen, sondern wie in einer geistigen Tonsprache das
Innere solcher Wesen selbst. Die «Feuergeister» aber haben sich
zu der Bewußtseinshöhe erhoben, welche die «Geister der Persönlichkeit
» auf der Sonne inne hatten. Beide Arten von Geistern
können dadurch in das herangereifte Leben des Menschenwesens
eingreifen. Die «Geister der Persönlichkeit» wirken auf den
Astralleib, die «Feuergeister» auf den Ätherleib dieses Menschenwesens.
Der Astralleib erhält dadurch den Charakter der
Persönlichkeit. Er erlebt nunmehr in sich nicht nur Lust und
Schmerz, sondern er bezieht sie auch auf sich. Er kommt noch
nicht zu einem vollständigen Ich-Bewußtsein, das sich sagt «Ich
bin da»; aber er fühlt sich getragen und geborgen von anderen
Wesenheiten seiner Umgebung. Indem er zu diesen gleichsam
aufblickt, kann er sich sagen: Diese meine Umgebung hält mich
am Dasein. - Die «Feuergeister» wirken nunmehr auf den Ätherleib.
Unter ihrem Einflusse wird die Bewegung der Kräfte in
diesem Leibe immer mehr und mehr zu einer innerlichen Lebenstätigkeit.
Was da entsteht, findet einen physischen Ausdruck
in einer Säftebewegung und in Wachstumserscheinungen. Die
gasigen Substanzen haben sich zu wässerigen verdichtet; es kann
von einer Art Ernährung in dem Sinne gesprochen werden, daß
das von außen Aufgenommene im Innern umgewandelt und
verarbeitet wird. Wenn man sich etwa ein Mittelding denkt zwischen
der Ernährung und der Atmung im gegenwärtigen Sinne,
dann erhält man eine Vorstellung von dem, was in dieser Richtung
damals geschah. Die Nahrungsstoffe wurden aus dem Reiche
der Tierpflanzen von dem Menschenwesen entnommen. Man
hat sich diese Tierpflanzen als schwebend-schwimmend zu denken
- oder auch leicht angewachsen - in einem sie umgebenden
Elemente, wie die gegenwärtigen niederen Tiere im Wasser oder
die Landtiere in der Luft leben. Doch ist dieses Element weder
Wasser noch Luft in dem gegenwärtigen Sinne, sondern etwas
Mittleres aus beiden, eine Art dichter Dampf, in dem die verschiedensten
Substanzen wie aufgelöst in den verschiedensten
Strömungen sich hin- und herbewegen. Die Tierpflanzen erscheinen
nur wie verdichtete regelmäßige Formen dieses Elementes,
physisch oftmals nur wenig von ihrer Umgebung verschieden.
Der Atmungsprozeß ist neben dem Ernährungsprozeß
vorhanden. Er ist nicht wie auf der Erde, sondern wie ein Einsaugen
und Ausströmen von Wärme. Für die übersinnliche Beobachtung
ist es, wie wenn bei diesen Vorgängen sich Organe
öffneten und wieder zuzögen, durch welche ein erwärmender
Strom aus- und einginge und auch die luft- und wasserartigen
Substanzen ein- und ausgeführt würden. Und weil das Menschenwesen
auf dieser Stufe seiner Entwickelung bereits einen
Astralleib besitzt, werden diese Atmung und die Ernährung von
Gefühlen begleitet, so daß eine Art von Lust entsteht, wenn
solche Stoffe von außen aufgenommen werden, die förderlich
sind für den Aufbau des Menschenwesens. Unlust wird bewirkt,
wenn schädliche Stoffe einfließen oder auch nur in die Nähe
kommen. - Wie auf die geschilderte Art während der Mondentwickelung
der Atmungsprozeß dem Ernährungsvorgang nahestand,
so stand der Vorstellungsprozeß der Fortpflanzung nahe.
Von den Dingen und Wesen in der Umgebung des Mondmenschen
ging nicht eine unmittelbare Wirkung auf irgendwelche
Sinne aus. Die Vorstellung war vielmehr so geartet, daß durch
die Anwesenheit solcher Dinge und Wesen Bilder erregt wurden
in dem dumpfen, dämmerhaften Bewußtsein. Diese Bilder standen
in einem viel innigeren Zusammenhang mit der eigentlichen
Natur der Umgebung als die gegenwärtigen Sinneswahrnehmungen,
welche in Farben, Tönen, Gerüchen usw. ja nur gleichsam
die Außenseite der Wesen zeigen. Man stelle sich, um einen
deutlicheren Begriff von dem Bewußtsein der Mondmenschen zu
haben, vor, daß diese wie eingebettet seien in die oben geschil210
derte dampfartige Umgebung. In diesem Dunstelemente spielen
sich die mannigfaltigsten Vorgänge ab. Es verbinden sich Stoffe,
es trennen sich Substanzen voneinander ab. Es verdichten sich
Partien, andere verdünnen sich. Alles das geht so vor sich, daß es
die Menschenwesen nicht etwa unmittelbar sehen oder hören;
aber es ruft Bilder im Menschenbewußtsein hervor. Diese Bilder
sind vergleichbar denen des gegenwärtigen Traumbewußtseins.
Wie etwa, wenn ein Gegenstand zur Erde fällt und ein schlafender
Mensch nimmt nicht den wirklichen Vorgang wahr, sondern
irgendein Bild, zum Beispiel er vermeint, daß ein Schuß abgegeben
werde. Nur sind die Bilder des Mondenbewußtseins nicht
willkürlich wie solche Traumbilder; sie sind zwar Sinnbilder,
nicht Abbilder, aber sie entsprechen den äußeren Vorgängen. Es
tritt mit einem bestimmten äußeren Vorgang auch nur ein ganz
bestimmtes Bild auf. Der Mondenmensch ist dadurch in der
Lage, sein Verhalten nach diesen Bildern einzurichten, wie es
der gegenwärtige Mensch nach seinen Wahrnehmungen tut. Es
ist nur zu beachten, daß das Verhalten auf Grund der Wahrnehmungen
der Willkür unterliegt, während das Handeln unter dem
Einflusse der gekennzeichneten Bilder wie auf einen dunklen
Antrieb hin erfolgt. - Dieses Bilderbewußtsein ist nun keineswegs
so, daß durch dasselbe nur äußere physische Vorgänge
versinnlicht werden, sondern es werden durch die Bilder auch
die hinter den physischen Tatsachen waltenden geistigen Wesen
und deren Tätigkeiten vorgestellt. So werden in den Dingen des
Tierpflanzenreiches die «Geister der Persönlichkeit» gleichsam
sichtbar; hinter und in den mineralpflanzlichen Wesen erscheinen
die «Feuergeister»; und als Wesen, die der Mensch ohne
Zusammenhang mit etwas Physischem vorzustellen vermag, die
er gleichsam als ätherisch-seelische Gebilde erschaut, erscheinen
die «Söhne des Lebens». - Waren so diese Vorstellungen des
Mondenbewußtseins keine Abbilder, sondern nur Sinnbilder des
Äußeren, so waren sie dafür von einer viel bedeutsameren Wirkung
auf das Innere des Menschenwesens als die gegenwärtigen
durch Wahrnehmung vermittelten Vorstellungen des Menschen.
Sie vermochten es, das ganze Innere in Bewegung und Tätigkeit
zu versetzen. Nach ihnen gestalteten sich die inneren Vorgänge.
Sie waren echte Bildungskräfte. Das Menschenwesen wurde so,
wie diese Bildungskräfte es gestalteten. Es wurde gewissermaßen
ein Abbild seiner Bewußtseinsvorgänge.
Je weiter der Fortgang der Entwickelung in dieser Art stattfindet,
um so mehr hat er zur Folge, daß mit dem Menschenwesen
eine tief einschneidende Veränderung vor sich geht. Die
Macht, welche von den Bewußtseinsbildern ausgeht, kann sich
nach und nach nicht mehr über die ganze menschliche Leiblichkeit
erstrecken. Es teilt sich letztere in zwei Teile, in zwei Naturen.
Es bilden sich solche Glieder, welche der gestaltenden Wirkung
des Bilderbewußtseins unterliegen und im hohen Grade ein
Abbild des Vorstellungslebens in dem eben dargestellten Sinne
werden. Andere Organe aber entziehen sich solchem Einflusse.
Der Mensch ist in einem Teile seines Wesens gleichsam zu dicht,
zu sehr von anderen Gesetzen bestimmt, um sich nach den Bewußtseinsbildern
zu richten. Diese entziehen sich dem Einflusse
des Menschenwesens; sie gelangen aber unter einen andern,
unter denjenigen der erhabenen Sonnenwesen selbst. Doch sieht
man dieser Stufe der Entwickelung erst eine Ruhepause
vorangehen. In dieser sammeln die Sonnengeister die Kraft, um
unter ganz neuen Umständen auf die Wesen des Mondes zu
wirken. - Nach dieser Ruhepause ist das Menschenwesen deutlich
in zwei Naturen gespalten. Die eine ist dem selbständigen
Wirken des Bilderbewußtseins entzogen; sie nimmt eine bestimmtere
Gestalt an und kommt unter den Einfluß von Kräften,
welche zwar von dem Mondenkörper ausgehen, aber in demselben
erst durch den Einfluß der Sonnenwesen entstehen. Dieser
Teil des Menschenwesens lebt immer mehr das Leben mit, das
durch die Sonne angeregt ist. Der andere Teil erhebt sich wie
eine Art Kopf aus diesem ersteren. Er ist in sich beweglich, bildsam,
und gestaltet sich als Ausdruck und Träger des menschlichen
dumpfen Bewußtseinslebens. Doch sind die beiden Teile
innig miteinander verbunden; sie senden sich gegenseitig ihre
Säfte zu; es erstrecken sich Glieder von dem einen hinein in den
andern.
Eine bedeutungsvolle Harmonie wird nun dadurch erzielt, daß
im Laufe der Zeit, in welcher dies alles geschehen ist, sich auch
ein solches Verhältnis von Sonne und Mond herausgebildet hat,
das mit der Richtung dieser Entwickelung zusammenstimmt. - Es
ist schon an einer früheren Stelle angedeutet
worden, wie die fortschreitenden Wesen durch ihre Entwickelungsstufen
sich aus der allgemeinen Weltenmasse heraus ihre
Himmelskörper absondern. Sie strahlen gleichsam die Kräfte
aus, nach denen sich die Stoffe gliedern. Sonne und Mond haben
sich so voneinander abgegliedert, wie es notwendig war zur
Herstellung der richtigen Wohnplätze entsprechender Wesen.
Diese Bestimmung des Stoffes und seiner Kräfte durch den Geist
geht aber noch viel weiter. Die Wesen selbst bedingen auch
gewisse Bewegungen der Weltenkörper, bestimmte Umdrehungen
derselben umeinander. Dadurch kommen diese Körper in
veränderliche Stellungen zueinander. Und verändert sich die
Stellung, die Lage des einen Weltkörpers zu dem andern, so
verandern sich auch die Wirkungen ihrer entsprechenden Wesen
aufeinander. So ist es mit Sonne und Mond geschehen. Durch die
Bewegung des Mondes um die Sonne, welche entstanden ist,
geraten die Menschenwesen abwechselnd einmal mehr in den
Bereich der Sonnen Wirkung; ein anderes Mal können sie sich
von dieser abkehren und sind dann mehr auf sich selbst angewiesen.
Die Bewegung ist eine Folge des oben geschilderten «Abfalles
» gewisser Mondenwesen und des Ausgleiches für den
Kampf, welcher dadurch bewirkt worden ist. Sie ist nur der physische
Ausdruck für das durch den Abfall geschaffene geistige
Kräfteverhältnis. Daß der eine Körper sich um den andern bewegt,
hat zur Folge, daß in den die Weltenkörper bewohnenden
Wesen solche wechselnde Bewußtseinszustände eintreten, wie
sie oben geschildert worden sind. Man kann davon sprechen, daß
der Mond abwechselnd sein Leben der Sonne zukehrt und abkehrt.
Es gibt eine Sonnenzeit und eine planetarische Zeit, in
welch letzterer die Mondenwesen sich auf einer Seite des Mondes
entwickeln, welche von der Sonne abgewendet ist. Allerdings
kommt für den Mond zu der Bewegung der Himmelskörper
noch etwas anderes hinzu. Das zurückblickende übersinnliche
Bewußtsein kann nämlich sehen, wie in ganz regelmäßigen
Zeiträumen die Mondenwesen selbst um ihren Weltkörper herumwandern.
Sie suchen so in gewissen Zeiten die Orte auf, an
denen sie dem Sonneneinfluß sich hingeben können; in andern
Epochen wandern sie nach Orten, wo sie diesem Einfluß nicht
unterliegen und sich dann gleichsam auf sich selbst besinnen
können.
Zur Vervollständigung des Bildes, das von diesen Vorgängen
zu zeichnen ist, hat man auch noch zu beachten, daß in diesem
Zeitraum die «Söhne des Lebens» ihre Menschenstufe erreichen.
Der Mensch kann auch auf dem Monde seine Sinne, deren Anlagen
schon auf dem Saturn entstanden sind, noch nicht zu einer
eigenen Wahrnehmung äußerer Gegenstände benützen. Aber
diese Sinne werden auf der Mondenstufe zu Instrumenten der
«Söhne des Lebens». Diese bedienen sich ihrer, um durch sie
wahrzunehmen. Diese Sinne, die zum physischen Menschenleib
gehören, treten dadurch in ein Wechselverhältnis zu den «Söhnen
des Lebens». Diese bedienen sich nicht nur ihrer, sondern sie
vervollkommnen sie auch.
Nun tritt, wie bereits geschildert worden ist, durch die wechselnden
Beziehungen zur Sonne in dem Menschenwesen selbst
ein Wandel in den Lebensverhältnissen ein. Die Dinge gestalten
sich so, daß jedesmal, wenn das Menschenwesen dem Sonneneinfluß
unterliegt, es mehr dem Sonnenleben und seinen Erscheinungen
als sich selbst hingegeben ist. Es empfindet in solchen
Zeiten die Größe und Herrlichkeit des Weltalls, wie diese
im Sonnensein sich ausdrückt. Es saugt diese gleichsam ein. Es
wirken da eben die erhabenen Wesen, die auf der Sonne ihren
Wohnplatz haben, auf den Mond. Und dieser wirkt wieder auf
das Menschenwesen. Doch erstreckt sich diese Wirkung nicht
auf den ganzen Menschen, sondern vorzüglich auf jene Teile
desselben, die sich dem Einfluß der eigenen Bewußtseinsbilder
entzogen haben. Es gelangen da namentlich der physische Leib
und der Lebensleib zu einer gewissen Größe und Gestaltung. Es
treten dafür aber die Bewußtseinserscheinungen zurück. Wenn
nun das Menschenwesen in seinem Leben von der Sonne abgewendet
ist, dann ist es mit seiner eigenen Natur beschäftigt. Es
beginnt da eine innere Regsamkeit namentlich im Astralleibe.
Dagegen wird die äußere Gestalt unansehnlicher, weniger formvollendet.
- So gibt es während der Mondentwickelung die zwei
charakterisierten, deutlich zu unterscheidenden, miteinander
abwechselnden Bewußtseinszustände. Einen dumpferen während
der Sonnenzeit und einen helleren während der Epoche, in welcher
das Leben mehr auf sich selbst angewiesen ist. Der erste
Zustand ist zwar dumpfer, aber er ist dafür auch selbstloser: der
Mensch lebt da mehr in Hingabe an die Außenwelt, an das in der
Sonne gespiegelte Weltall. Es ist ein Wechsel in den Bewußtseinszuständen,
der sich sowohl mit dem Wechsel von Schlaf
und Wachen beim gegenwärtigen Menschen, wie auch mit dessen
Leben zwischen Geburt und Tod einerseits und dem mehr
geistigen Dasein zwischen dem Tode und einer neuen Geburt
anderseits vergleichen läßt. Das Aufwachen auf dem Monde,
wenn die Sonnenzeit allmählich aufhört, wäre als ein Mittelding
zwischen dem Aufwachen des gegenwärtigen Menschen an
jedem Morgen und seinem Geborenwerden zu charakterisieren.
Und ebenso gleicht das allmähliche Dumpferwerden des Bewußtseins
beim Herannahen der Sonnenzeit einem Mittelzustand
zwischen Einschlafen und Sterben. Denn ein solches Bewußtsein
von Geburt und Tod, wie es dem gegenwärtigen Menschen eigen
ist, gab es auf dem alten Monde noch nicht. In einer Art von
Sonnenleben gab sich der Mensch dem Genusse dieses Lebens
hin. Er war für diese Zeit dem Eigenleben entrückt. Er lebte
mehr geistig. Es kann nur eine annähernde und vergleichsweise
Schilderung dessen versucht werden, was der Mensch in solchen
Zeiten erlebte. Er fühlte, wie wenn die Wirkungskräfte des Weltalls
in ihn einströmten, ihn durchpulsten. Wie trunken von den
Harmonien des Universums, die er mitlebte, fühlte er sich da.
Sein Astralleib war in solchen Zeiten wie befreit von dem physischen
Leibe. Und auch ein Teil des Lebensleibes war mit herausgezogen
aus dem physischen Leib. Und dieses aus Astralleib
und Lebensleib bestehende Gebilde war wie ein feines, wunderbares
Musikinstrument, auf dessen Saiten die Mysterien des
Weltalls erklangen. Und nach den Harmonien des Weltalls gestalteten
sich die Glieder desjenigen Teiles des Menschenwesens,
auf den das Bewußtsein nur geringen Einfluß hatte. Denn in
diesen Harmonien wirkten die Wesen der Sonne. So wurde dieser
Menschenteil durch die geistigen Weltentöne in seine Form
gebracht. Und dabei war der Wechsel zwischen dem helleren
Bewußtseinszustand und diesem dumpferen während der Sonnenzeit
kein so schroffer wie derjenige beim gegenwärtigen
Menschen zwischen dem Wachen und dem ganz traumlosen
Schlaf. Allerdings war ja das Bilderbewußtsein nicht so hell wie
das gegenwärtige Wachbewußtsein; dafür war aber auch das
andere Bewußtsein nicht so dumpf wie der traumlose Schlaf der
Gegenwart. Und so hatte das Menschenwesen eine Art, wenn
auch gedämpfter Vorstellung von dem Spielen der Weltenharmonien
in seinem physischen Leibe und demjenigen Teile des
Ätherleibes, der mit dem physischen Leibe verbunden geblieben
war. In der Zeit, in welcher die Sonne für das Menschenwesen
gewissermaßen nicht schien, traten die Bildervorstellungen an
die Stelle der Harmonien im Bewußtsein. Da lebten besonders
diejenigen Glieder im physischen und im Ätherleibe auf, welche
unter der unmittelbaren Macht des Bewußtseins standen. Dagegen
machten die anderen Teile des Menschenwesens, auf die
nunmehr ihre Bildungskräfte von der Sonne aus nicht wirkten,
eine Art von Verhärtungs- und Vertrocknungsprozeß durch. Und
wenn dann wieder die Sonnenzeit heranrückte, dann verfielen die
alten Leiber; sie gliederten sich ab von dem Menschenwesen,
und es ging wie aus einem Grabe seiner alten Leiblichkeit der im
Innern neugestaltete, wenn auch in dieser Form noch unansehnliche
Mensch hervor. Es hatte eine Erneuerung des Lebensprozesses
stattgefunden. Durch die Wirkung der Sonnenwesen und
ihrer Harmonien gestaltete sich der neugeborene Leib dann wieder
in seiner Vollkommenheit aus und der oben geschilderte
Vorgang wiederholte sich. Und der Mensch empfand diese Erneuerung
wie das Anziehen eines neuen Kleides. Sein Wesenskern
war nicht durch eine eigentliche Geburt oder einen Tod
durchgeschritten; er war nur übergegangen von einem geistigen
Tonbewußtsein, in dem er hingegeben war an die Außenwelt, zu
einem, in dem er mehr dem Innern zugewendet war. Er hatte sich
gehäutet. Der alte Leib war unbrauchbar geworden; er wurde
abgeworfen und erneuert. Damit ist auch dasjenige genauer gekennzeichnet,
was oben als eine Art Fortpflanzung charakterisiert
worden ist und von dem bemerkt wurde, daß es dem Vorstellungsleben
nahesteht. Das Menschenwesen hat seinesgleichen
in bezug auf gewisse Teile des physischen und des Ätherleibes
hervorgebracht. Aber es entsteht kein völlig von dem Elternwesen
unterschiedenes Tochterwesen, sondern der Wesenskern des
ersteren geht auf das letztere über. Der bringt nicht ein neues
Wesen, sondern sich selbst in einer neuen Gestalt hervor. So
erlebt der Mondenmensch einen Bewußtseinswechsel. Wenn die
Sonnenzeit heranrückt, dann werden seine Bildvorstellungen
matter und matter, eine selige Hingabe erfüllt ihn; in seinem
ruhigen Innern erklingen die Weltenharmonien. Gegen das Ende
dieser Zeit beleben sich die Bilder im astralischen Leibe; er
beginnt mehr sich zu fühlen und zu empfinden. Der Mensch
erlebt etwas wie ein Aufwachen aus der Seligkeit und Ruhe, in
welche er während der Sonnenzeit versunken war. Es tritt dabei
aber noch ein wichtiges Erlebnis auf. Mit dem neuen Erhellen
der Bewußtseinsbilder sieht sich das Menschenwesen wie eingehüllt
in eine Wolke, die sich auf dasselbe wie eine Wesenheit aus
dem Weltall herabgesenkt hat. Und es fühlt diese Wesenheit wie
etwas zu ihm Gehöriges, wie eine Ergänzung seiner eigenen
Natur. Es fühlt sie wie dasjenige, was ihm sein Dasein schenkt,
wie sein «Ich». Es ist diese Wesenheit einer der «Söhne des Lebens
». Ihm gegenüber empfindet der Mensch etwa so: «In diesem
habe ich gelebt, auch während ich in der Sonnenzeit hingegeben
war der Herrlichkeit des Weltalls; damals war er mir nur
nicht sichtbar; jetzt aber wird er mir sichtbar». Und es ist auch
dieser «Sohn des Lebens», von dem die Kraft ausgeht zu jener
Wirkung, die in der sonnenlosen Zeit der Mensch auf seine eigene
Leiblichkeit ausübt. Und dann, wenn wieder die Sonnenzeit
herannaht, fühlt der Mensch, wie wenn er selbst eins würde mit
dem «Sohne des Lebens». Sieht er ihn da auch nicht, so fühlt er
sich doch innig mit ihm verbunden.
Die Beziehung zu den «Söhnen des Lebens» war nun eine
solche, daß nicht etwa jedes einzelne Menschenwesen für sich
einen «Sohn des Lebens» hatte, sondern es empfand eine ganze
Gruppe von Menschen ein solches Wesen als zu ihr gehörig. So
lebten auf dem Monde die Menschen in solche Gruppen gesondert,
und eine jede Gruppe empfand in einem «Sohne des Lebens
» das gemeinsame «Gruppen-Ich». Der Unterschied der
Gruppen machte sich dadurch geltend, daß namentlich die Ätherleiber
bei einer jeden Gruppe eine besondere Gestalt hatten. Da
aber die physischen Leiber sich nach den Ätherleibern gestalten,
so prägten sich auch in den ersteren die Unterschiede der letzteren
aus und die einzelnen Menschengruppen erschienen als ebensoviele
Menschenarten. Blickten die «Söhne des Lebens» auf die
zu ihnen gehörigen Menschengruppen herab, so sahen sie sich in
den einzelnen Menschenwesen gewissermaßen vervielfältigt.
Und darin fühlten sie ihre eigene Ichheit. Sie spiegelten sich
gleichsam in den Menschen. Dies war auch die Aufgabe der
menschlichen Sinne in der damaligen Zeit. Es ist gezeigt worden,
daß diese noch keine Gegenstands-Wahrnehmungen vermittelten.
Aber sie spiegelten das Wesen der «Söhne des Lebens». Was
durch diese Spiegelung diese «Söhne des Lebens» wahrnahmen,
das gab diesen ihr «Ich-Bewußtsein». Und was durch die Spiegelung
im menschlichen Astralleib erregt wurde, das eben sind die
Bilder des dumpfen, dämmerhaften Mondenbewußtseins. - Die
Wirkung dieser im Wechselverhältnis mit den «Söhnen des Lebens
» vollzogenen Betätigung des Menschen wirkte im physischen
Leibe in der Anlage des Nervensystems. Die Nerven stellen
sich gleichsam dar wie Fortsetzungen der Sinne nach dem
Innern des menschlichen Leibes.
Es ist aus dem Dargestellten ersichtlich, wie die drei Arten
von Geistern, diejenigen der «Persönlichkeit», die «Feuergeister
» und die «Söhne des Lebens», auf den Mondmenschen wirken.
Wenn man den Hauptzeitraum der Mondenentwickelung ins
Auge faßt, die mittlere Entwickelungsperiode, so kann gesagt
werden: die «Geister der Persönlichkeit» pflanzen dem menschlichen
Astralleibe die Selbständigkeit, den Persönlichkeitscharakter
ein. Dieser Tatsache ist es zuzuschreiben, daß in den Zeiten,
in denen dem Menschen gleichsam die Sonne nicht scheint,
er in sich gekehrt sein kann, an sich selbst zu gestalten vermag.
Die «Feuergeister» betätigen sich am Ätherleibe, insofern dieser
sich die selbständige Gestaltung des Menschenwesens einprägt.
Durch sie geschieht es, daß das Menschenwesen jedesmal nach
der Erneuerung des Leibes sich wieder als dasselbe fühlt. Es
wird also durch die «Feuergeister» eine Art Erinnerung dem
Ätherleibe gegeben. Die «Söhne des Lebens» wirken auf den
physischen Leib so, daß dieser der Ausdruck des selbständig
gewordenen Astralleibes werden kann. Sie machen es also möglich,
daß dieser physische Leib ein physiognomisches Abbild
wird seines Astralleibes. Dagegen greifen in den physischen Leib
und den Ätherleib, insofern diese in den Sonnenzeiten sich unabhängig
von dem selbständigen Astralleibe ausbilden, höhere
geistige Wesenheiten ein, namentlich die «Geister der Form»
und diejenigen «der Bewegung». Ihr Eingreifen geschieht in der
oben geschilderten Art von der Sonne aus.
Unter dem Einflusse solcher Tatsachen reift das Menschenwesen
heran, um allmählich in sich den Keim zu dem «Geistselbst
» in ähnlicher Art auszubilden, wie es in der zweiten Hälfte
der Saturnentwickelung den Geistesmenschenkeim und auf der
Sonne den Keim des Lebensgeistes ausgebildet hat. Dadurch
verandern sich alle Verhältnisse auf dem Monde. Durch die
aufeinanderfolgenden Verwandlungen und Erneuerungen sind
die Menschenwesen immer edler und feiner geworden; aber sie
haben auch an Kraft gewonnen. Das Bilderbewußtsein blieb
dadurch auch immer mehr in den Sonnenzeiten erhalten. Es
erlangte dadurch auch Einfluß auf die Gestaltung des physischen
und des Ätherleibes, die vorher ganz durch die Wirkung der
Sonnenwesen geschah. Das, was auf dem Monde durch die Menschenwesen
und die mit ihnen verbundenen Geister geschah,
wurde immer ähnlicher dem, was früher durch die Sonne mit
ihren höheren Wesenheiten bewirkt worden ist. Die Folge davon
war, daß diese Sonnenwesenheiten immer mehr zu ihrer eigenen
Entwickelung ihre Kräfte anwenden konnten. Durch dieses wurde
der Mond reif, nach einiger Zeit wieder mit der Sonne vereinigt
zu werden. - Geistig angesehen stellen sich diese Vorgänge
in der folgenden Art dar: Die «abgefallenen Mondenwesen»
sind allmählich von den Sonnenwesen überwunden worden und
müssen sich nunmehr diesen so fügen, daß ihre Verrichtungen
sich den Verrichtungen der Sonnenwesen eingliedern, indem sie
sich ihnen unterordnen. - Dies geschah allerdings erst, nachdem
lange Epochen vorangegangen waren, in denen die Mondenzeiten
immer kürzer und kürzer, die Sonnenzeiten immer länger
und länger geworden waren. Es kommt nun wieder eine
Entwikkelung, während welcher Sonne und Mond ein Weltengebilde
sind. Da ist der physische Menschenleib ganz ätherisch geworden.
- Man soll sich aber nicht vorstellen, wenn gesagt wird, der
physische Leib sei ätherisch geworden, daß man für solche Zustände
nicht von einem physischen Leib sprechen könne. Was als
physischer Leib während Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit
gebildet worden ist, bleibt vorhanden. Es kommt dabei darauf an,
das Physische nicht nur da zu erkennen, wo es sich äußerlich
physisch offenbart. Das Physische kann auch so vorhanden sein,
daß es nach außen die Form des Ätherischen, ja auch diejenige
des Astralischen zeigt. Man muß eben unterscheiden zwischen
der äußeren Erscheinung und der inneren Gesetzmäßigkeit. Ein
Physisches kann sich ätherisieren und astralisieren, aber dabei in
sich die physische Gesetzmäßigkeit behalten. So ist es, wenn der
physische Leib des Menschen auf dem Monde einen gewissen
Grad seiner Vollkommenheit erreicht hat. Er wird ätherförmig.
Wenn aber das übersinnliche Bewußtsein, das solches beobachten
kann, sich auf einen solchen ätherförmigen Leib richtet, dann
erscheint er ihm nicht mit den Gesetzen des Ätherischen, sondern
mit denen des Physischen durchdrungen. Es ist dann eben das
Physische in das Ätherische aufgenommen, um darinnen wie in
einem Mutterschoße zu ruhen und darinnen gepflegt zu werden.
Später tritt es dann wieder auch in physischer Form, aber auf
einer höheren Stufe, hervor. Wenn die Menschenwesen des
Mondes ihren physischen Leib in der grobphysischen Form
behielten, könnte sich der Mond niemals mit der Sonne vereinigen.
Durch das Annehmen der ätherischen Form wird der physische
Leib dem Ätherleibe verwandter, und er kann sich dadurch
auch wieder inniger mit jenen Teilen des ätherischen und Astralleibes
durchdringen, welche in den Sonnenzeiten-Epochen der
Mondenentwickelung sich aus ihm herausziehen mußten. Der
Mensch, der während der Trennung von Sonne und Mond wie
ein Doppelwesen erschien, wird wieder ein einheitliches Geschöpf.
Das Physische wird seelischer; dafür auch das Seelische
mehr mit dem Physischen verbunden. - Auf dieses einheitliche
Menschenwesen können nunmehr die Sonnengeister, in deren
unmittelbaren Bereich es jetzt gekommen ist, ganz anders wirken
als vorher von außen nach dem Monde hin. Der Mensch ist jetzt
in einer mehr seelisch-geistigen Umgebung. Dadurch können zu
einer bedeutungsvollen Wirkung die «Geister der Weisheit»
kommen. Sie prägen ihm die Weisheit ein. Sie beseelen ihn mit
Weisheit. Er wird dadurch in gewissem Sinne eine selbständige
Seele. Und zu dem Einflusse dieser Wesenheiten tritt dann noch
hinzu derjenige der «Geister der Bewegung». Sie wirken vorzüglich
auf den Astralleib, so daß dieser eine seelenhafte Regsamkeit
und einen weisheitserfüllten Lebensleib unter dem Einflusse
der genannten Wesenheiten in sich herausarbeitet. Der
weisheitserfüllte Ätherleib ist die erste Anlage zu dem, was in
einem früheren Abschnitt beim gegenwärtigen Menschen als
Verstandesseele beschrieben worden ist, während der von den
«Geistern der Bewegung» erregte Astralleib die Keimanlage der
Empfindungsseele ist. Und weil dies alles in dem Menschenwesen
bei seinem erhöhten Selbständigkeitszustande bewirkt wird,
so erscheinen diese Keimanlagen von Verstandes- und Empfindungsseele
als der Ausdruck des «Geistselbst». Man soll sich
demgegenüber nicht dem Irrtume hingeben, daß in dieser Periode
der Entwickelung das «Geistselbst» noch etwas besonderes sei
neben der Verstandes- und Empfindungsseele. Die letzteren sind
nur der Ausdruck des «Geistselbst», und dieses bedeutet deren
höhere Einheit und Harmonie.
Von besonderer Bedeutung ist, daß die «Geister der Weisheit
» in dieser Epoche in der geschilderten Art eingreifen. Sie
tun dies nämlich nicht allein in bezug auf die Menschenwesen,
sondern auch für die andern Reiche, welche sich auf dem Monde
herausgebildet haben. Bei der Wiedervereinigung von Sonne und
Mond werden diese niederen Reiche mit in den Sonnenbereich
hineingezogen. Alles, was an ihnen physisch war, wird ätherisiert.
Es finden sich also nunmehr Mineralpflanzen und Pflanzentiere
in der Sonne, wie sich das Menschenwesen darin befindet.
Doch bleiben diese andern Wesen mit ihren Gesetzmäßigkeiten
ausgestattet. Sie fühlen sich dadurch wie Fremdlinge in
ihrer Umgebung. Sie treten mit einer Natur auf, welche zu der
ihrer Umgebung nur wenig hinzustimmt. Da sie aber ätherisiert
sind, kann auch auf sie sich die Wirkung der «Geister der Weisheit
» erstrecken. Es durchdringt sich eben jetzt alles, was vom
Monde her in die Sonne gekommen ist, mit den Kräften der «Geister
der Weisheit». Daher kann das, was innerhalb dieser Entwikkelungszeit
aus dem Sonnen-Mondgebilde wird, «Kosmos der
Weisheit» genannt werden. - Wenn dann nach einer Ruhepause
unser Erdensystem als Nachkomme dieses «Kosmos der Weisheit
» erscheint, so zeigen sich alle die auf der Erde neu auflebenden,
aus ihren Mondenkeimen ersprießenden Wesen so, daß sie
weisheitserfüllt sind. Da kommt der Grund zum Vorschein, warum
der Erdenmensch, wenn er betrachtend die Dinge um sich
herum anblickt, Weisheit in der Natur ihres Wesens erforschen
kann. Man kann bewundern die Weisheit in jedem Pflanzenblatte,
in jedem Tier- und Menschenknochen, in dem Wunderbau
des Gehirns und des Herzens. Wenn der Mensch Weisheit
braucht, um die Dinge zu verstehen, also Weisheit aus ihnen
herausholt, so zeigt dies, daß Weisheit in den Dingen liegt. Denn
wäre der Mensch noch so sehr bemüht, durch weisheitsvolle
Vorstellungen die Dinge zu verstehen: er könnte keine Weisheit
aus ihnen holen, wenn sie nicht erst in sie hineingelegt wäre.
Wer durch Weisheit Dinge ergreifen will, von denen er glaubt,
daß sie nicht erst die Weisheit empfangen haben, der darf auch
glauben, daß er Wasser aus einem Glase schöpfen könne, in das
nicht erst solches hineingegossen worden ist. Die Erde ist, wie
sich später in dieser Schrift zeigen wird, der wiedererstandene
«alte Mond». Und sie erscheint als ein weisheitsvolles Gebilde,
weil in der geschilderten Epoche sie von den «Geistern der Weisheit
» mit deren Kräften durchsetzt worden ist.
Es wird wohl begreiflich erscheinen, daß in dieser Schilderung
der Mondenverhältnisse nur gewisse vorübergehende Formen
der Entwickelung festgehalten werden konnten. Man mußte
gewissermaßen in dem Fortgange der Tatsachen gewisse Dinge
festhalten und für die Darstellung herausgreifen. Diese Art der
Schilderung gibt allerdings nur Einzelbilder; und es kann daher
wohl in dem Vorhergehenden vermißt werden, daß die Entwikkelung
nicht in ein Netz festbestimmter Begriffe gebracht worden
ist. Einem solchen Einwurf gegenüber darf aber wohl vielleicht
darauf aufmerksam gemacht werden, daß ganz absichtlich
die Schilderung in weniger scharfen Begriffen gegeben worden
ist. Denn es soll nicht so sehr darauf ankommen, hier spekulative
Begriffe und Ideenkonstruktionen zu geben, sondern vielmehr
eine Vorstellung von dem, was sich dem auf diese Tatsachen
gerichteten übersinnlichen Schauen wirklich vor das geistige
Auge stellen kann. Und das ist für die Mondenentwickelung gar
nicht etwas in so scharfen und bestimmten Umrissen, wie sie die
Erdenwahrnehmungen zeigen. Man hat es bei der Mondenepoche
gar sehr mit wandelbaren, wechselnden Eindrücken, mit
schwankenden, beweglichen Bildern zu tun und mit deren Übergängen.
Außerdem ist ja zu berücksichtigen, daß eine Entwickelung
durch lange, lange Zeiträume in Betracht kommt und daß
aus dieser heraus doch nur Augenblicksbilder in der Darstellung
festgehalten werden können.
In dem Zeitpunkte, wo der dem Menschenwesen eingepflanzte
Astralleib dieses so weit in der Entwickelung vorwärts gebracht
hat, daß dessen physischer Leib den «Söhnen des Lebens»
die Möglichkeit gibt, ihre Menschheitsstufe zu erreichen, ist der
wesentliche Höhepunkt der Mondenepoche erreicht. Da ist auch
das Menschenwesen zu all dem gekommen, was ihm für sich
selbst, für seine Innerlichkeit diese Epoche auf dem Wege nach
vorwärts geben kann. Das Folgende, also die zweite Hälfte der
Mondenentwickelung, könnte man daher als ein Abfluten bezeichnen.
Aber man sieht, daß in bezug auf die Umgebung des
Menschen und auch für diesen selbst dadurch ein Wichtigstes
gerade in dieser Epoche geschieht. Es wird da dem Sonnen-Mondenkörper
Weisheit eingepflanzt. Es hat sich gezeigt, daß während
dieses Abflutens die Keime der Verstandes- und Empfindungsseele
gelegt werden. Doch wird erst in der Erdenzeit die
Entfaltung dieser und auch der Bewußtseinsseele und damit, die
Geburt des «Ich», des freien Selbstbewußtseins, erfolgen. Es
erscheinen auf der Mondenstufe Verstandes- und Empfindungsseele
noch gar nicht so, als ob sich das Menschenwesen selbst
schon durch sie äußerte, sondern als ob sie Instrumente wären für
die zum Menschenwesen gehörigen «Söhne des Lebens». Wollte
man das Gefühl charakterisieren, welches in dieser Richtung der
Mensch auf dem Monde hat, so müßte man sagen, er empfindet
so: «In mir und durch mich lebt der ‹Sohn des Lebens›; er schaut
durch mich die Mondenumgebung, er denkt in mir über die Dinge
und Wesen dieser Umgebung nach.» Überschattet fühlt sich
der Mondenmensch von dem «Sohne des Lebens», er kommt
sich vor wie das Werkzeug dieses höheren Wesens. Und während
der Trennung von Sonne und Mond fühlte er beim Abwenden
von der Sonne eine größere Selbständigkeit; aber er empfand
dabei auch so, wie wenn das zu ihm gehörige «Ich», das in den
Sonnenzeiten dem Bilderbewußtsein entschwunden war, ihm
dann sichtbar würde. Es war für den Mondenmenschen das, was
man als Wechsel in den Bewußt-seinszuständen charakterisieren
kann, so, daß er dabei das Gefühl hatte: «Mein Ich entschwebt
mit mir in der Sonnenzeit in höhere Regionen, zu erhabenen
Wesen, und es steigt, wenn die Sonne schwindet, mit mir in
tiefere Welten herab.»
Der eigentlichen Mondenentwickelung ging eine Vorbereitung
voran. Es fand eine Wiederholung der Saturn- und Sonnenentwickelung
in einer gewissen Art statt. Nun kann man nach der
Wiedervereinigung von Sonne und Mond ebenso in der Zeit des
Abflutens zwei Epochen voneinander unterscheiden. Während
derselben treten sogar physische Verdichtungen bis zu einem
gewissen Grade ein. Es wechseln also geistig-seelische Zustände
des Sonnen-Mondengebildes mit physischen ab. In solchen physischen
Epochen erscheinen die Menschenwesen und auch die
Wesen der niederen Reiche so, wie wenn sie in steifen, unselbständigen
Gestalten das vorbildeten, was sie später, in der Erdenzeit,
in selbständigerer Art werden sollen. Man kann also von
zwei vorbereitenden Epochen der Mondenentwickelung sprechen
und von zwei andern während der Zeit des Abflutens. Es können
solche Epochen «Kreisläufe» genannt werden. In dem, was den
zwei vorbereitenden Epochen folgt und denen des Abflutens
vorangeht, also in der Zeit der Mondabspaltung, wird man auch
drei Epochen unterscheiden können. Die mittlere ist die Zeit der
Menschwerdung der «Söhne des Lebens». Ihr geht eine solche
voran, in der sich alle Verhältnisse auf dieses Hauptereignis hin
zuspitzen; und es folgt eine andere, die als ein Einleben und
Ausgestalten in den neuen Schöpfungen zu bezeichnen ist. Damit
trennt sich die mittlere Mondenentwickelung wieder in drei
Epochen, was mit den zwei vorbereitenden und den zwei abflutenden
sieben Mondenkreisläufe gibt. Es darf somit gesagt
werden, daß die ganze Mondenentwickelung in sieben Kreisläufen
abfließt. Zwischen diesen Kreisläufen liegen Ruhepausen,
die auch wiederholt in der obigen Darstellung besprochen worden
sind. Doch kommt man mit der Vorstellung der Wahrheit
nur dann nahe, wenn man sich keine schroffen Übergänge denkt
zwischen Tätigkeits- und Ruhepausen. Es ziehen sich zum Beispiel
die Sonnenwesen nach und nach von ihrer Wirksamkeit auf
dem Monde zurück. Für sie beginnt eine Zeit, die nach außen als
ihre Ruhepause erscheint, während auf dem Monde selbst noch
rege selbständige Tätigkeit herrscht. So erstreckt sich die Tätigkeitsepoche
der einen Wesensart in die Ruhepause der andern
vielfach hinein. Wenn man solches in Rechnung zieht, dann kann
man von einem rhythmischen Steigen und Sinken der Kräfte in
Kreisläufen sprechen. Ja es sind ähnliche Abteilungen auch noch
innerhalb der sieben angedeuteten Mondenkreisläufe zu erkennen.
Man kann dann die ganze Mondenentwickelung einen
großen Kreislauf, einen Planetenlauf nennen; dann die sieben
Abteilungen innerhalb eines solchen «kleine» Kreisläufe und die
Glieder dieser wieder «kleinere» Kreisläufe. Diese Gliederung in
siebenmal sieben Abteilungen ist auch schon bei der Sonnenentwickelung
bemerkbar und auch während der Saturnepoche
angedeutet. Doch muß man berücksichtigen, daß die Grenzen
zwischen den Abteilungen schon bei der Sonne und noch mehr
beim Saturn verwischt sind. Diese Grenzen werden immer deutlicher,
je weiter die Entwickelung gegen die Erdenepoche zu
fortschreitet.
Nach dem Abschlusse der im vorhergehenden skizzenhaft
geschilderten Mondenentwickelung treten alle dabei in Betracht
kommenden Wesenheiten und Kräfte in eine geistigere Daseinsform.
Diese steht auf einer ganz anderen Stufe als diejenige
während der Mondperiode und auch als diejenige während der
folgenden Erdenentwickelung. Ein Wesen, welches so hoch
entwickelte Erkenntnisfähigkeiten hätte, daß es alle Einzelheiten
der Monden- und Erdenentwickelung wahrnehmen könnte,
brauchte deshalb noch nicht imstande zu sein, auch das zu schau230
en, was zwischen den beiden Entwickelungen geschieht. Für ein
solches Wesen würden gewissermaßen am Ende der Mondenzeit
die Wesen und Kräfte wie in ein Nichts entschwinden und nach
Ablauf einer Zwischenzeit wieder hervortreten aus dem Dämmerdunkel
des Weltenschoßes. Nur ein Wesen mit noch weit
höheren Fähigkeiten könnte die geistigen Tatsachen verfolgen,
welche sich in der Zwischenzeit ereignen.
Am Ende der Zwischenzeit treten die an den Entwickelungsvorgängen
auf Saturn, Sonne und Mond beteiligten Wesenheiten
mit neuen Fähigkeiten auf. Die über dem Menschen stehenden
Wesen haben sich durch ihre vorhergehenden Taten die Fähigkeit
errungen, den Menschen so weiter zu entwickeln, daß er
während der auf die Mondenzeit folgenden Erdenzeit eine Bewußtseinsart
in sich entfalten kann, welche um eine Stufe höher
steht als das Bilderbewußtsein, das ihm während der Mondenzeit
eigen war. Nun muß aber der Mensch erst vorbereitet werden, zu
empfangen, was ihm gegeben werden soll. Er hat während der
Saturn-, Sonnen- und Mondenentwickelung den physischen
Leib, den Lebensleib, den Astralleib in sein Wesen eingegliedert.
Aber diese Glieder seines Wesens haben nur diejenigen Fähigkeiten
und Kräfte erhalten, welche sie befähigen, für ein Bilderbewußtsein
zu leben; ihnen fehlen noch die Organe und die Gestalt,
durch welche sie eine Welt von sinnlich-äußeren Gegenständen
wahrnehmen können, wie das für die Erdenstufe das
entsprechende ist. Wie die neue Pflanze nur das entfaltet, was im
Keime, der von der alten herrührt, veranlagt ist, so treten im
Beginne der neuen Entwickelungsstufe die drei Glieder der Menschennatur
mit solchen Formen und Organen auf, daß sie nur das
Bilderbewußtsein entfalten können. Sie müssen zum Entfalten
einer höheren Bewußtseinsstufe erst vorbereitet werden. - Dies
geschieht in drei Vorstufen. Innerhalb der ersten wird der physische
Leib auf eine solche Höhe gehoben, daß er in den Stand
kommt, die notwendige Umgestaltung anzunehmen, die einem
Gegenstandsbewußtsein zugrunde liegen kann. Es ist dies eine
Vorstufe der Erdenentwickelung, die man als Wiederholung der
Saturnperiode auf einer höheren Stufe bezeichnen kann. Denn es
wird von höheren Wesenheiten während dieser Periode wie
während der Saturnzeit nur am physischen Leib gearbeitet. Ist
der letztere mit seiner Entwickelung genügend weit fortgeschritten,
so müssen alle Wesenheiten erst wieder in eine höhere Daseinsform
übergehen, bevor auch der Lebensleib fortschreiten
kann. Der physische Leib muß gleichsam umgegossen werden,
um bei seiner Wiederentfaltung den höher gebildeten Lebensleib
aufnehmen zu können. Nach dieser, einer höheren Daseinsform
gewidmeten Zwischenzeit tritt eine Art Wiederholung der Sonnenentwickelung
auf höherer Stufe ein, zur Ausgestaltung des
Lebensleibes. Und wieder nach einer Zwischenzeit tritt ein Ähnliches
für den Astralleib in einer Wiederholung der Mondenentwickelung
ein.
Das Augenmerk sei nun gerichtet auf die Entwickelungstatsachen
nach Beendigung der dritten der geschilderten Wiederholungen.
Alle Wesenheiten und Kräfte haben sich wieder vergeistigt.
Sie sind während dieser Vergeistigung in hohe Welten
aufgestiegen. Die niederste der Welten, in welcher von ihnen
während dieser Vergeistigungsepoche noch etwas wahrzunehmen
ist, das ist dieselbe, in welcher der gegenwärtige Mensch
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt verweilt. Es sind die
Regionen des Geisterlandes. Sie steigen dann allmählich wieder
herab zu niederen Welten. Sie sind, bevor die physische Erdenentwickelung
beginnt, so weit herabgestiegen, daß ihre niedersten
Offenbarungen in der astralen oder Seelenwelt zu schauen
sind.
Alles, was vom Menschen in diesem Zeitraume vorhanden
ist, hat noch seine astrale Form. Besondere Aufmerksamkeit
sollte man für das Verständnis dieses Menschheitszustandes
darauf legen, daß der Mensch in sich hat physischen Leib, Lebensleib
und Astralleib, daß aber sowohl der physische wie auch
der Lebensleib nicht in physischer und ätherischer, sondern eben
in astralischer Form vorhanden sind. Was da den physischen
Leib zum physischen macht, ist nicht die physische Form, sondern
die Tatsache, daß er, obzwar ihm die astralische Form eignet,
doch die physischen Gesetze in sich hat. Er ist ein Wesen
mit physischer Gesetzmäßigkeit in seelischer Form. Ähnliches
gilt für den Lebensleib.
Vor dem geistigen Auge steht auf dieser Entwicklungsstufe
die Erde zunächst als ein Weltenwesen, das ganz Seele und Geist
ist, in dem also auch die physischen und die lebendigen Kräfte
noch seelisch erscheinen. In diesem Weltgebilde ist, der Anlage
nach, alles enthalten, was sich später zu den Geschöpfen der
physischen Erde umwandeln soll. Es ist leuchtend; sein Licht ist
aber noch kein solches, das physische Augen wahrnehmen könnten,
auch wenn sie da wären. Es leuchtet nur in dem seelischen
Lichte für das geöffnete Auge des Sehers.
Es geht nun in diesem Wesen etwas vor, was man als Verdichtung
bezeichnen kann. Das Ergebnis dieser Verdichtung ist,
daß nach einiger Zeit inmitten des Seelengebildes eine Feuerform
erscheint, wie eine solche der Saturn in seinem dichtesten
Zustande war. Diese Feuerform ist durchwoben von den Wirkungen
der verschiedenen Wesenheiten, welche an der Entwickelung
beteiligt sind. Es ist wie ein Auf- und Untertauchen von der und
in die Erden-Feuerkugel, was da als Wechselwirkung zwischen
diesen Wesenheiten und dem Himmelskörper zu beobachten ist.
Die Erden-Feuerkugel ist daher nicht etwa eine gleichförmige
Substanz, sondern etwas wie ein durchseelter und durchgeistigter
Organismus. Diejenigen Wesen, welche dazu bestimmt sind, auf
der Erde Menschen in gegenwärtiger Gestalt zu werden, sind
jetzt noch in einer Lage, daß sie sich am wenigsten beteiligen an
dem Untertauchen in den Feuerkörper. Sie halten sich noch fast
ganz im unverdichteten Umkreise auf. Sie sind noch im Schoße
der höheren geistigen Wesen. Sie berühren auf dieser Stufe nur
mit einem Punkte ihrer Seelenform die Feuererde; und das bewirkt,
daß die Wärme einen Teil ihrer Astralform verdichtet.
Dadurch wird in ihnen das Erdenleben entzündet. Sie gehören
mit dem größten Teile ihres Wesens also noch den seelisch-geistigen
Welten an; nur durch die Berührung mit dem Erdenfeuer
werden sie von Lebenswärme umspielt. Wollte man sich ein
sinnlich-übersinnliches Bild von diesen Menschen im Anbeginne
der physischen Erdenzeit machen, so müßte man sich eine seelische
Eiform denken, die im Erdenumkreis enthalten und an
ihrer unteren Fläche wie die Eichelfrucht von einem Becher
umschlossen wird. Nur besteht die Substanz des Bechers
lediglich aus Wärme oder Feuer. Das Eingehülltwerden von Wärme
hat nun nicht nur im Gefolge, daß im Menschen das Leben entzündet
wird, sondern es tritt damit gleichzeitig eine Veränderung
im Astralleibe auf. Diesem gliedert sich die erste Anlage zu dem
ein, was später zur Empfindungsseele wird. Man kann deshalb
sagen, daß der Mensch auf dieser Stufe seines Daseins besteht
aus der Empfindungsseele, dem Astralleib, dem Lebensleib und
dem aus Feuer gewobenen physischen Leib. In dem Astralleibe
wogen auf und ab die geistigen Wesenheiten, welche am Dasein
des Menschen beteiligt sind; durch die Empfindungsseele fühlt
sich dieser an den Erdkörper gebunden. Er hat also in dieser Zeit
ein vorwiegendes Bilderbewußtsein, in dem sich die geistigen
Wesen offenbaren, in deren Schoß er liegt; und nur wie ein
Punkt innerhalb dieses Bewußtseins tritt die Empfindung des
eigenen Leibes auf. Er sieht gleichsam aus der geistigen Welt auf
ein irdisches Besitztum hinunter, von dem er fühlt: «Das ist dir.»
- Immer wieder schreitet nun die Verdichtung der Erde vor; und
damit wird die charakterisierte Gliederung im Menschen immer
deutlicher. Von einem bestimmten Zeitpunkte der Entwickelung
an ist die Erde so weit verdichtet, daß nur ein Teil noch feurig
ist. Ein anderer Teil hat eine substantielle Form angenommen,
welche man als «Gas» oder «Luft» ansprechen kann. Nun geht
auch mit dem Menschen eine Veränderung vor sich. Er wird jetzt
nicht nur von der Erdenwärme berührt, sondern es gliedert sich
seinem Feuerleibe die Luftsubstanz ein. Und wie die Wärme in
ihm das Leben entzündet hat, so erregt die ihn umspielende Luft
in ihm eine Wirkung, die man als (geistigen) Ton bezeichnen
kann. Sein Lebensleib erklingt. Gleichzeitig sondert sich aus
dem Astralleibe ein Teil aus, welcher die erste Anlage der später
auftretenden Verstandesseele ist. - Um nun sich vor Augen zu
rücken, was in dieser Zeit in des Menschen Seele vorgeht, muß
man darauf achten, daß in dem Luft-Feuerkörper der Erde die
über dem Menschen stehenden Wesen auf- und abwogen. In der
Feuererde sind es zunächst die «Geister der Persönlichkeit»,
welche für den Menschen bedeutsam sind. Und indem der
Mensch von der Erdenwärme zum Leben erregt wird, sagt sich
seine Empfindungsseele: dies sind die «Geister der Persönlichkeit
». Ebenso kündigen sich in dem Luftkörper diejenigen Wesen
an, welche oben in dieser Schrift «Erzengel» (im Sinne der
christlichen Esoterik) genannt wurden. Ihre Wirkungen sind es,
welche der Mensch als Ton in sich verspürt, wenn die Luft ihn
umspielt. Und die Verstandesseele sagt sich dabei: «Dies sind die
Erzengel». So ist das, was der Mensch auf dieser Stufe durch
seine Verbindung mit der Erde wahrnimmt, noch nicht eine
Summe von physischen Gegenständen, sondern er lebt in Wärmeempfindungen,
welche zu ihm aufsteigen, und in Tönen; aber
er verspürt in diesen Wärmeströmungen und in diesem Tongewoge
die «Geister der Persönlichkeit» und die «Erzengel». Er
kann diese Wesen allerdings nicht unmittelbar wahrnehmen,
sondern nur wie durch den Schleier der Wärme und des Tones.
Während diese Wahrnehmungen von der Erde her in seine Seele
eindringen, steigen in dieser noch immer die Bilder der höheren
Wesenheiten auf und nieder, in deren Schöße er sich fühlt.
Nun schreitet die Entwickelung der Erde weiter. Das Weiterschreiten
drückt sich wieder in einer Verdichtung aus. Es gliedert
sich die wässerige Substanz dem Erdenkörper ein, so daß dieser
nun aus drei Gliedern, dem feurigen, dem luftförmigen und dem
wässerigen besteht. Bevor dies geschieht, spielt sich ein wichtiger
Vorgang ab. Es spaltet sich aus der Feuer-Luft-Erde ein
selbständiger Weltkörper ab, der dann in seiner weiteren Entwikkelung
zur gegenwärtigen Sonne wird. Vorher waren Erde und
Sonne ein Körper. Nach der Abspaltung der Sonne hat zunächst
die Erde noch alles in sich, was in und auf dem gegenwärtigen
Monde ist. Die Absonderung der Sonne geschieht, weil höhere
Wesenheiten zu ihrer eigenen Entwickelung und zu dem, was sie
für die Erde zu tun haben, die bis zum Wasser verdichtete Materie
nicht mehr weiter ertragen können. Sie sondern sich aus der
gemeinsamen Erdenmasse die allein für sie brauchbaren Substanzen
heraus und ziehen sich aus derselben heraus, um sich in
der Sonne einen neuen Wohnplatz zu bilden. Sie wirken nun von
der Sonne aus von außen auf die Erde. Der Mensch aber bedarf
zu seiner weiteren Entwickelung eines Schauplatzes, auf dem
sich die Substanz auch noch weiter verdichtet.
Mit der Eingliederung der wässerigen Substanz in den Erdenkörper
geht auch eine Verwandlung des Menschen einher. Nunmehr
strömt in ihn nicht nur das Feuer, und es umspielt ihn nicht
nur die Luft, sondern es gliedert sich die wässerige Substanz in
seinen physischen Leib ein. Gleichzeitig verändert sich sein
ätherischer Teil; diesen nimmt nämlich der Mensch nunmehr wie
einen feinen Lichtleib wahr. Der Mensch hat vorher Wärmeströme
von der Erde zu sich emporkommen gefühlt, er hat Luft
durch Tönen zu sich herandringend empfunden; jetzt durchdringt
seinen Feuer-Luft-Leib auch das wässerige Element, und er sieht
dessen Ein- und Ausströmen als Aufleuchten und Abdämmern
von Licht. Aber auch in seiner Seele ist eine Veränderung eingetreten.
Es ist zu den Anlagen der Empfindungs- und Verstandesseele
diejenige der Bewußtseinsseele getreten. In dem Elemente
des Wassers wirken die «Engel»; sie sind auch die eigentlichen
Lichterreger. Dem Menschen ist es, als ob sie ihm im Lichte
erschienen. - Gewisse höhere Wesenheiten, die vorher in dem
Erdenkörper selbst waren, wirken nunmehr auf diesen von der
Sonne aus. Dadurch andern sich alle Wirkungen auf der Erde.
Der an die Erde gefesselte Mensch könnte die Wirkungen der
Sonnenwesen nicht mehr in sich verspüren, wenn seine Seele
fortwährend der Erde zugewandt wäre, aus welcher sein physischer
Leib genommen ist. Es tritt nunmehr ein Wechsel in den
menschlichen Bewußtseinszuständen auf. Die Sonnenwesen
entreißen die Seele des Menschen zu gewissen Zeiten dem physischen
Leibe, so daß der Mensch jetzt abwechselnd im Schoße
der Sonnenwesen rein seelisch ist, und zu andern Zeiten in einem
Zustande, wo er mit dem Leibe verbunden ist und die Einflüsse
der Erde empfängt. Ist er im physischen Leibe, dann strömen die
Wärmeströmungen zu ihm auf. Es umtönen ihn die Luftmassen;
es dringen die Wasser aus ihm aus und in ihn ein. Ist der Mensch
außerhalb seines Leibes, dann ist er in seiner Seele durchwogt
von den Bildern der höheren Wesen, in deren Schoße er ist. - Die
Erde durchlebt auf dieser Stufe ihrer Entwickelung zwei Zeiten.
In der einen darf sie mit ihren Substanzen die Menschenseelen
umspielen und sie mit Leibern überziehen; in der andern sind die
Seelen von ihr gewichen; nur die Leiber sind ihr geblieben. Sie
ist mit den Menschenwesen in einem schlafenden Zustande. Man
kann durchaus sachgemäß davon sprechen, daß in diesen Zeiten
urferner Vergangenheit die Erde eine Tages- und eine Nachtzeit
durchmacht. (Physisch-räumlich drückt sich dieses dadurch aus,
daß durch die gegenseitige Wirkung der Sonnen- und Erdenwesen
die Erde in eine Bewegung im Verhältnis zur Sonne kommt;
dadurch wird der Wechsel in der charakterisierten Nacht- und
Tageszeit herbeigeführt. Die Tageszeit spielt sich ab, wenn die
Erdenfläche, auf welcher sich der Mensch entwickelt, der Sonne
zugekehrt ist; die Nachtzeit, also die Zeit, in welcher der Mensch
ein rein seelisches Dasein führt, dann, wenn diese Fläche der
Sonne abgekehrt ist. Man darf sich nun allerdings nicht denken,
daß in jener Urzeit die Bewegung der Erde um die Sonne schon
der gegenwärtigen ähnlich war. Es waren die Verhältnisse noch
ganz anders. Es ist aber auch nützlich, schon hier zu ahnen, daß
die Bewegungen der Himmelskörper als Folge der Beziehungen
entstehen, welche die sie bewohnenden geistigen Wesen zueinander
haben. Die Himmelskörper werden durch geistig-seelische
Ursachen in solche Lagen und Bewegungen gebracht, daß im
Physischen die geistigen Zustände sich ausleben können.)
Wendete man den Blick auf die Erde während ihrer Nachtzeit,
so würde man ihren Körper leichnamähnlich sehen. Denn
sie besteht ja zum großen Teile aus den verfallenden Leibern der
Menschen, deren Seelen in einer andern Daseinsform sich befinden.
Es verfallen die gegliederten, wässerigen und luftförmigen
Gebilde, aus denen die Menschenleiber gebildet waren, und
lösen sich in der übrigen Erdenmasse auf. Nur derjenige Teil des
Menschenleibes, welcher sich durch das Zusammenwirken des
Feuers und der Menschenseele vom Beginne der Erdenentwickelung
an gebildet hat und welcher dann in der Folge immer dichter
geworden ist, er bleibt bestehen wie ein äußerlich unansehnlicher
Keim. Man darf also, was hier über Tag- und Nachtzeit
gesagt ist, sich nicht zu ähnlich denken dem, was für die gegenwärtige
Erde mit diesen Bezeichnungen gemeint ist. Wenn nun
zur beginnenden Tageszeit die Erde wieder der unmittelbaren
Sonneneinwirkung teilhaftig wird, dann dringen die Menschenseelen
in den Bereich des physischen Lebens. Sie berühren sich
mit jenen Keimen und machen sie aufsprießen, so daß diese eine
äußere Gestalt annehmen, welche wie ein Abbild des menschlichen
Seelenwesens erscheint. Es ist etwas wie eine zarte Befruchtung,
was sich da abspielt zwischen Menschenseele und
Leibeskeim. Nun beginnen diese also verkörperten Seelen auch
wieder die Luft- und Wassermassen heranzuziehen und sie ihrem
Leibe einzugliedern. Von dem gegliederten Leib wird die Luft
ausgestoßen und eingesogen: die erste Anlage zum späteren
Atmungsprozeß. Auch wird das Wasser aufgenommen und ausgestoßen:
eine ursprüngliche Art des Ernährungsprozesses beginnt.
Diese Vorgänge werden aber noch nicht als äußerliche
wahrgenommen. Eine Art von äußerer Wahrnehmung findet
durch die Seele nur bei der charakterisierten Art von Befruchtung
statt. Da fühlt die Seele dumpf ihr Erwachen zum physischen
Dasein, indem sie den Keim berührt, der ihr von der Erde
entgegengehalten wird. Sie vernimmt da etwas, was sich etwa in
die Worte bringen läßt: «Das ist meine Gestalt». Und ein solches
Gefühl, das man auch ein aufdämmerndes Ich-Gefühl nennen
dürfte, bleibt der Seele während ihrer ganzen Verbindung mit
dem physischen Leibe. Den Vorgang der Luftaufnahme empfindet
aber die Seele noch durchaus seelisch-geistig, noch als einen
bildhaften. Er erscheint in Form von auf- und abwogenden Tonbildern,
welche dem sich gliedernden Keim die Formen geben.
Die Seele fühlt sich überall von Tönen umwogt, und sie empfindet,
wie sie sich den Leib nach diesen Tonkräften ausgestaltet. Es
bildeten sich so Menschengestalten auf der damaligen Stufe aus,
die für ein gegenwärtiges Bewußtsein in keiner Außenwelt beobachtet
werden können. Wie feinsubstantielle pflanzen- und
blumenartige Formen bilden sie sich aus, welche aber innerlich
beweglich sind und demnach wie flatternde Blumen erscheinen.
Und das selige Gefühl seines Gestaltens zu solchen Formen
durchlebt der Mensch während seiner Erdenzeit. Die Aufnahme
der wässerigen Teile wird in der Seele als Kraftzufuhr, als innerliche
Stärkung empfunden. Nach außen erscheint es als Wachsen
des physischen Menschengebildes. Mit dem Abnehmen der
unmittelbaren Sonnenwirkung verliert auch die Menschenseele
die Kraft, diese Vorgänge zu beherrschen. Sie werden nach und
nach abgeworfen. Nur diejenigen Teile bleiben, welche den oben
charakterisierten Keim reifen lassen. Der Mensch aber verläßt
seinen Leib und kehrt in die geistige Daseinsform zurück. (Da
nicht alle Teile des Erdenkörpers zum Aufbau von Menschenleibern
verwendet werden, so hat man sich auch nicht vorzustellen,
daß in der Nachtzeit der Erde diese einzig nur aus den verfallenden
Leichnamen und den auf Erweckung wartenden Keimen
besteht. Alles dieses ist eingelagert in andere Gebilde, die aus
den Substanzen der Erde sich formen. Wie es sich mit diesen
verhält, soll sich später zeigen.)
Nun setzt sich aber der Vorgang der Verdichtung der Erdensubstanz
fort. Zu dem wässerigen Elemente tritt das feste, das
man «erdig» nennen kann, hinzu. Und damit beginnt auch der
Mensch, während seiner Erdenzeit seinem Leibe das erdige Element
einzugliedern. Sobald diese Eingliederung beginnt, haben
die Kräfte, welche sich die Seele mitbringt aus ihrer leibfreien
Zeit, nicht mehr dieselbe Macht wie vorher. Früher gestaltete
sich die Seele den Leib aus dem feurigen, dem luftigen und dem
wässerigen Element nach Maßgabe der Töne, die sie umklangen,
und der Lichtbilder, welche sie umspielten. Gegenüber der verfestigten
Gestalt kann das die Seele nicht. Es greifen nunmehr in
die Gestaltung andere Mächte ein. In dem, was vom Menschen
zurückbleibt, wenn die Seele aus dem Leibe weicht, stellt sich
nunmehr nicht nur ein Keim dar, welcher durch die wiederkehrende
Seele zum Leben entfacht wird, sondern ein Gebilde, welches
auch die Kraft dieser Belebung selbst in sich enthält. Die
Seele läßt bei ihrem Scheiden nicht bloß ihr Nachbild auf der
Erde zurück, sondern sie versenkt auch einen Teil ihrer belebenden
Macht in dieses Abbild. Sie kann beim Wiedererscheinen
auf der Erde nun nicht mehr allein das Abbild zum Leben erwekken,
sondern es muß im Abbild selbst die Belebung geschehen.
Die geistigen Wesen, welche von der Sonne aus auf die Erde
wirken, erhalten jetzt die belebende Kraft in dem Menschenleibe,
auch wenn der Mensch nicht selbst auf der Erde ist. So fühlt jetzt
die Seele bei ihrer Verkörperung nicht nur die sie umwogenden
Töne und Lichtbilder, in denen sie die zunächst über ihr stehenden
Wesen empfindet, sondern sie erlebt durch das Empfangen
des erdigen Elementes den Einfluß jener noch höheren Wesen,
die auf der Sonne ihren Schauplatz aufgeschlagen haben. Vorher
empfand der Mensch sich den geistig-seelischen Wesen angehörig,
mit denen er vereint war, wenn er leibfrei war. In ihrem
Schoße war noch sein «Ich». Nun trat ihm dieses «Ich» ebenso
während der physischen Verkörperung entgegen, wie das andere,
was um ihn war während dieser Zeit. Selbständige Abbilder des
seelisch-geistigen Menschenwesens waren nunmehr auf der
Erde. Es waren dies im Vergleiche mit dem gegenwärtigen Menschenleibe
Gebilde von feiner Stofflichkeit. Denn die erdigen
Teile mischten sich ihnen nur in feinstem Zustande bei. Etwa so,
wie der gegenwärtige Mensch die fein verteilten Substanzen
eines Gegenstandes mit seinem Geruchsorgan aufnimmt. Wie
Schatten waren die Menschenleiber. Da sie aber auf die ganze
Erde verteilt waren, so gerieten sie unter die Einwirkungen der
Erde, die auf verschiedenen Teilen von deren Oberfläche verschiedener
Art waren. Während vorher die leiblichen Abbilder
dem sie belebenden Seelenmenschen entsprachen und deshalb
wesentlich gleich waren über die ganze Erde hin, so trat jetzt
Verschiedenheit unter den Menschenformen auf. Damit bereitete
sich das vor, was später als Verschiedenheit der Rassen auftrat. -
Mit dem Selbständigwerden des leiblichen Menschen war aber
die vorherige enge Verbindung des Erdenmenschen und der
geistig-seelischen Welt bis zu einem gewissen Grade gelöst.
Wenn nunmehr die Seele den Leib verließ, so lebte dieser etwas
wie eine Fortsetzung des Lebens weiter. - Wäre nun die Entwikkelung
in dieser Art fortgeschritten, so hätte die Erde unter dem
Einflusse ihres festen Elementes verhärten müssen. Der auf diese
Verhältnisse zurückblickenden übersinnlichen Erkenntnis zeigt
sich, wie sich die Menschenleiber, da sie von ihren Seelen verlassen
sind, immer mehr verfestigen. Und nach einiger Zeit würden
die zur Erde zurückkehrenden Menschenseelen kein brauchbares
Material gefunden haben, mit dem sie sich hätten vereinigen
können. Alle für den Menschen brauchbaren Stoffe wären
verwendet worden, um die Erde anzufüllen mit den verholzten
Überresten von Verkörperungen.
Da trat ein Ereignis ein, welches der ganzen Entwickelung
eine andere Wendung gab. Alles, was im festen Erdenstoffe zur
bleibenden Verhärtung beitragen konnte, wurde ausgeschieden.
Unser gegenwärtiger Mond verließ damals die Erde. Und was
vorher unmittelbar in der Erde zur bleibenden Formbildung
beigetragen hatte, das wirkte jetzt mittelbar in abgeschwächter
Art vom Monde aus. Die höheren Wesen, von denen diese Formbildung
abhängt, hatten beschlossen, ihre Wirkungen nicht mehr
vom Innern der Erde, sondern von außen dieser zukommen zu
lassen. Dadurch trat in den leiblichen Menschengebilden eine
Verschiedenheit auf, welche man als den Anfang der Trennung
in ein männliches und weibliches Geschlecht bezeichnen muß.
Die feinstofflichen Menschengestalten, die vorher die Erde bewohnten,
ließen durch das Zusammenwirken der beiden Kräfte
in sich selber, des Keimes und der belebenden Kraft, die neue
Menschenform, ihren Nachkömmling, hervorgehen. Jetzt bildeten
sich diese Nachkömmlinge um. In der einen Gruppe solcher
Nachkömmlinge wirkte mehr die Keimkraft des Geistig-Seelischen,
in der anderen Gruppe mehr die belebende Keimkraft.
Das wurde dadurch bewirkt, daß mit dem Herausgang des Mondes
von der Erde das Erdenelement seine Gewalt abgeschwächt
hatte. Das Aufeinanderwirken der beiden Kräfte wurde nunmehr
zarter, als es war, da es in einem Leibe geschah. Demzufolge war
auch der Nachkömmling zarter, feiner. Er betrat die Erde in
einem feinen Zustande und gliederte sich erst allmählich die
festeren Teile ein. Damit war für die auf die Erde zurückkehrende
Menschenseele wieder die Möglichkeit der Vereinigung mit
dem Leibe gegeben. Sie belebte ihn jetzt zwar nicht mehr von
außen, denn diese Belebung geschah auf der Erde selbst. Aber
sie vereinigte sich mit ihm und brachte ihn zum Wachsen. Diesem
Wachstum war allerdings eine gewisse Grenze gesetzt.
Durch die Mondenabtrennung war für eine Weile der Menschenleib
biegsam geworden; aber je mehr er auf der Erde weiter
wuchs, desto mehr nahmen die verfestigenden Kräfte Überhand.
Zuletzt konnte sich die Seele nur immer schwächer und schwächer
an der Gliederung des Leibes beteiligen. Dieser verfiel,
indem die Seele zu geistig-seelischen Daseinsweisen aufstieg.
Man kann verfolgen, wie die Kräfte, welche sich der Mensch
nach und nach während der Saturn-, Sonnen- und Mondenentwickelung
angeeignet hat, allmählich während der beschriebenen
Erdengestaltung sich an dem Menschenfortschreiten beteiligen.
Erst ist es der Astralleib, der auch den Lebensleib und den physischen
Leib noch in sich aufgelöst enthält, welcher von dem Erdenfeuer
entzündet wird. Dann gliedert sich dieser Astralleib in
einen feineren astralischen Teil, die Empfindungsseele, und in
einen gröberen, ätherischen, welcher nunmehr von dem Erdenelement
berührt wird. Es kommt damit der schon vorgebildete
Äther- oder Lebensleib zum Vorschein. Und während im astralischen
Menschen sich die Verstandes- und Bewußtseinsseele
ausbilden, gliedern sich im Ätherleibe die gröberen Teile ab,
welche für Ton und Licht empfänglich sind. In dem Zeitpunkte,
wo der Ätherleib sich noch mehr verdichtet, so daß er von einem
Lichtleib zu einem Feuer- oder Wärmeleib wird, da ist auch die
Entwickelungsstufe eingetreten, in welcher, wie oben charakterisiert,
die Teile des festen Erdenelementes sich dem Menschen
eingliedern. Weil der Ätherleib sich bis zum Feuer herab verdichtet
hat, so kann er nun auch durch die Kräfte des physischen
Leibes, welche ihm vorher eingepflanzt sind, sich mit den bis
zum Feuerzustande verdünnten Substanzen der physischen Erde
verbinden. Er könnte aber nicht mehr allein auch die Luftsubstanzen
in den mittlerweile fester gewordenen Leib einführen.
Da treten, wie oben angedeutet, die höheren Wesen, die auf der
Sonne wohnen, ein und hauchen ihm die Luft ein. Während so
der Mensch vermöge seiner Vergangenheit selbst die Kraft hat,
sich mit dem irdischen Feuer zu durchdringen, lenken höhere
Wesen den Luftodem in seinen Leib. Vor der Verfestigung war
des Menschen Lebensleib als Tonempfänger der Lenker der
Luftströmung. Er durchdrang seinen physischen Leib mit dem
Leben. Jetzt empfängt sein physischer Leib ein äußeres Leben.
Die Folge davon ist, daß dieses Leben unabhängig wird von dem
Seelenteile des Menschen. Dieser läßt nun beim Verlassen der
Erde nicht nur seinen Formkeim zurück, sondern ein lebendiges
Abbild seiner selbst. Die «Geister der Form» bleiben nun mit
diesem Abbild vereinigt; sie führen das von ihnen verliehene
Leben auch auf die Nachkömmlinge über, wenn die Menschenseele
aus dem Leibe gewichen ist. So bildet sich das heraus, was
Vererbung genannt werden kann. Und wenn die Menschenseele
dann wieder auf der Erde erscheint, dann empfindet sie sich in
einem Leibe, dessen Leben aus den Vorfahren herübergeleitet
worden ist. Sie fühlt sich gerade zu einem solchen Leibe besonders
hingezogen. Es bildet sich dadurch etwas aus wie eine
Erinnerung an den Vorfahren, mit dem sich die Seele eins fühlt.
Durch die Folge der Nachkommen geht diese Erinnerung wie ein
gemeinsames Bewußtsein. Das «Ich» strömt herunter durch die
Generationen.
Der Mensch empfand sich auf dieser Entwickelungsstufe
während seiner Erdenzeit als ein selbständiges Wesen. Er fühlte
das innere Feuer seines Lebensleibes verbunden mit dem äußeren
Feuer der Erde. Er konnte die ihn durchströmende Wärme als
sein «Ich» fühlen. In diesen Wärmeströmungen, die von Leben
durchwoben sind, ist die Anlage der Blutzirkulation zu finden. In
dem aber, was als Luft in ihn hineinströmte, fühlte der Mensch
nicht ganz sein eigenes Wesen. In dieser Luft waren ja die Kräfte
der charakterisierten höheren Wesen tätig. Aber es war ihm doch
derjenige Teil der Wirkenskräfte innerhalb der ihn durchströmenden
Luft geblieben, welcher ihm schon durch seine früher
gebildeten Ätherkräfte eigen war. Er war Herrscher in einem Teil
dieser Luftströmungen. Und insofern wirkten in seiner Gestaltung
nicht nur die höheren Wesen, sondern auch er selbst. Nach
den Bildern seines Astralleibes gestaltete er in sich die Luftteile.
Während so von außen Luft einströmte in seinen Leib, was zur
Grundlage seiner Atmung wurde, gliederte sich ein Teil der Luft
im Innern zu einem dem Menschen eingeprägten Organismus,
welcher die Grundlage wurde des späteren Nervensystems.
Durch Wärme und Luft stand also der Mensch damals in Verbindung
mit der Außenwelt der Erde. - Dagegen empfand er nichts
von der Einführung des festen Elementes der Erde; dieses wirkte
mit bei seiner Verkörperung auf der Erde, aber er konnte die
Zuführung nicht unmittelbar wahrnehmen, sondern nur in einem
dumpfen Bewußtsein im Bilde der höheren Wesenheiten, welche
darin wirksam waren. In solcher Bildform als Ausdruck von
Wesen, die über ihm stehen, hatte der Mensch auch früher die
Zuführung der flüssigen Erdenelemente wahrgenommen. Durch
die Verdichtung der Erdengestalt des Menschen haben nun diese
Bilder in seinem Bewußtsein eine Veränderung erfahren. Dem
flüssigen Elemente ist das feste beigemischt. So muß also auch
diese Zuführung als von den höheren, von außen wirkenden
Wesen empfunden werden. Der Mensch kann in seiner Seele
nicht mehr die Kraft haben, selbst die Zuführung zu lenken, denn
dieselbe muß jetzt seinem von außen aufgebauten Leibe dienen.
Er würde dessen Gestalt verderben, wenn er die Zuführung selbst
lenken wollte. So erscheint ihm denn dasjenige, was er sich von
außen zuführt, durch die Machtgebote gelenkt, welche ausgehen
von den höheren Wesen, die an seiner Leibesgestaltung wirken.
Der Mensch fühlt sich als ein Ich; er hat in sich seine Verstandesseele
als einen Teil seines Astralleibes, durch die er innerlich
als Bilder erlebt, was außen vorgeht, und durch die er sein feines
Nervensystem durchdringt. Er fühlt sich als Abkömmling von
Vorfahren vermöge des durch die Generationen strömenden
Lebens. Er atmet und empfindet das als Wirkung der gekennzeichneten
höheren Wesen, welche die «Geister der Form» sind.
Und er fügt sich diesen auch in dem, was ihm durch ihre Impulse
von außen (zu seiner Nahrung) zugeführt wird. Am dunkelsten
ist ihm seine Herkunft als Individuum. Er fühlt davon nur, daß er
von den in Erdenkräften sich ausdrückenden «Geistern der
Form» einen Einfluß erlebt hat. Der Mensch war gelenkt und
geleitet in seinem Verhältnis zur Außenwelt. Zum Ausdruck
kommt dies dadurch, daß er von den hinter seiner physischen
Welt sich abspielenden geistig-seelischen Tätigkeiten ein Bewußtsein
hat. Er nimmt zwar nicht die geistigen Wesen in deren
eigener Gestalt wahr, aber er erlebt in seiner Seele Töne, Farben
usw. Und er weiß, daß in dieser Vorstellungswelt die Taten der
geistigen Wesen leben. Es tönt zu ihm, was diese Wesen ihm
mitteilen; es erscheinen ihm deren Offenbarungen in Lichtbildern.
Am innerlichsten fühlt sich der Erdenmensch durch die
Vorstellungen, welche er durch das Element des Feuers oder der
Wärme empfängt. Er unterscheidet bereits seine innere Wärme
und die Wärmeströmungen des irdischen Umkreises. In den
letzteren offenbaren sich die «Geister der Persönlichkeit». Aber
der Mensch hat nur ein dunkles Bewußtsein von dem, was hinter
den Strömungen der äußeren Wärme steht. Er empfindet gerade
in diesen Strömungen den Einfluß der «Geister der Form». Wenn
mächtige Wärmewirkungen in der Umgebung des Menschen
auftauchen, dann fühlt die Seele: jetzt durchglühen die geistigen
Wesen den Umkreis der Erde, von denen ein Funke sich losgelöst
hat und mein Inneres durchwärmt. - In den Lichtwirkungen
unterscheidet der Mensch noch nicht ganz in derselben Art
Äußeres und Inneres. Wenn Lichtbilder in der Umgebung auftauchen,
dann erzeugen diese in der Seele des Erdenmenschen nicht
immer das gleiche Gefühl. Es gab Zeiten, in welchen der Mensch
diese Lichtbilder als äußere empfand. Es war in der Zeit, nachdem
er eben aus dem leibfreien Zustande in die Verkörperung
herabgestiegen war. Es war die Periode seines Wachstums auf
der Erde. Wenn dann die Zeit heranrückte, wo der Keim zum
neuen Erdenmenschen sich bildete, dann verblaßten diese Bilder.
Und der Mensch behielt nur etwas wie innere Erinnerungsvorstellungen
an sie zurück. In diesen Lichtbildern waren die Taten
der «Feuergeister» (Erzengel) enthalten. Sie erschienen dem
Menschen wie die Diener der Wärmewesen, welche einen Funken
in sein Inneres senkten. Wenn ihre äußeren Offenbarungen
verlöschten, dann erlebte sie der Mensch als Vorstellungen (Erinnerungen)
in seinem Innern. Er fühlte sich mit ihren Kräften
verbunden. Und das war er auch. Denn er konnte durch dasjenige,
was er von ihnen empfangen hatte, auf den umgebenden
Luftkreis wirken. Dieser begann unter seinem Einfluß zu leuchten.
Es war damals eine Zeit, in welcher Naturkräfte und Menschenkräfte
noch nicht in der Art voneinander geschieden waren
wie später. Was auf der Erde geschah, ging in hohem Maße noch
von den Kräften der Menschen aus. Wer damals von außerhalb
der Erde die Naturvorgänge auf derselben beobachtet hätte, der
hätte in diesen nicht nur etwas gesehen, was von dem Menschen
unabhängig ist, sondern er hätte in ihnen die Wirkungen der
Menschen wahrgenommen. Noch anders gestalteten sich für den
Erdenmenschen die Ton Wahrnehmungen. Sie wurden als äußere
Töne vom Beginn des Erdenlebens an wahrgenommen. Während
die Lichtbilder von außen bis in die mittlere Zeit des menschlichen
Erdendaseins wahrgenommen wurden, konnten die äußeren
Töne noch nach dieser Mittelzeit gehört werden. Erst gegen
Ende des Lebens wurde der Erdenmensch für sie unempfindlich.
Und es blieben ihm die Erinnerungsvorstellungen an diese Töne.
In ihnen waren die Offenbarungen der «Söhne des Lebens» (der
Engel) enthalten. Wenn der Mensch gegen sein Lebensende sich
innerlich mit diesen Kräften verbunden fühlte, dann konnte er
durch Nachahmung derselben mächtige Wirkungen in dem Wasserelemente
der Erde hervorbringen. Es wogten die Wasser in
und über der Erde unter seinem Einfluß. Geschmacksvorstellungen
hatte der Mensch nur im ersten Viertel seines Erdenlebens.
Und auch da erschienen sie der Seele wie eine Erinnerung
an die Erlebnisse im leibfreien Zustand. Solange sie der
Mensch hatte, dauerte die Verfestigung seines Leibes durch
Aufnahme äußerer Substanzen. Im zweiten Viertel des Erdenlebens
dauerte wohl noch das Wachstum fort, doch war die Gestalt
schon eine fertig ausgebildete. Andere lebendige Wesen
neben sich konnte der Mensch in dieser Zeit nur durch deren
Wärme, Licht und Tonwirkungen wahrnehmen. Denn er war
noch nicht fähig, das feste Element sich vorzustellen. Nur vom
Wässerigen bekam er im ersten Viertel seines Lebens die geschilderten
Geschmackswirkungen.
Ein Abbild dieses inneren Seelenzustandes des Menschen war
dessen äußere Körperform. Diejenigen Teile, welche die Anlage
zur späteren Kopfform enthielten, waren am vollkommensten
ausgebildet. Die andern Organe erschienen nur wie Anhängsel.
Diese waren schattenhaft und undeutlich. Doch waren die Erdenmenschen
verschieden in bezug auf die Gestalt. Es gab solche,
bei denen je nach den Erdenverhältnissen, unter denen sie lebten,
die Anhängsel mehr oder weniger ausgebildet waren. Es war dies
nach den Wohnplätzen der Menschen auf der Erde verschieden.
Wo die Menschen mehr in die Erdenwelt verstrickt wurden, da
traten die Anhängsel mehr in den Vordergrund. Diejenigen
Menschen, welche beim Beginn der physischen Erdenentwickelung
durch ihre vorangehende Entwickelung am reifsten waren, so
daß sie gleich im Anfange, als die Erde noch nicht zur Luft verdichtet
war, die Berührung mit dem Feuerelement erlebten,
konnten jetzt die Kopfanlagen am vollkommensten ausbilden.
Das waren die in sich am meisten harmonischen Menschen.
Andere waren erst zur Berührung mit dem Feuerelement bereit,
als die Erde schon die Luft in sich ausgebildet hatte. Es waren
dies Menschen, welche mehr von den äußeren Verhältnissen
abhängig waren als die ersten. Diese ersten empfanden durch die
Wärme die «Geister der Form» deutlich, und sie fühlten sich in
ihrem Erdenleben so, wie wenn sie eine Erinnerung daran bewahrten,
daß sie mit diesen Geistern zusammengehören und mit
ihnen verbunden waren im leibfreien Zustand. Die zweite Art
von Menschen fühlte die Erinnerung an den leibfreien Zustand
nur in geringerem Maße; sie empfanden ihre Zusammengehörigkeit
mit der geistigen Welt vorzüglich durch die Lichtwirkungen
der «Feuergeister» (Erzengel). Eine dritte Art von Menschen war
noch mehr in das Erdendasein verstrickt. Es waren diejenigen,
welche erst von dem Feuerelement berührt werden konnten, als
die Erde von der Sonne getrennt war und das wässerige Element
in sich aufgenommen hatte. Ihr Gefühl für Zusammengehörigkeit
mit der geistigen Welt war insbesondere im Beginn des Erdenlebens
gering. Erst als die Wirkungen der Erzengel und namentlich
der Engel im inneren Vorstellungsleben sich geltend machten,
empfanden sie diesen Zusammenhang. Dagegen waren sie
im Beginne der Erdenzeit voll reger Impulse für Taten, welche
sich in den irdischen Verhältnissen selbst verrichten lassen. Bei
ihnen waren die Anhangsorgane besonders stark entwickelt.
Als vor der Trennung des Mondes von der Erde die Mondenkräfte
in der letzteren immer mehr zur Verfestigung führten,
geschah es, daß durch diese Kräfte unter den Nachkömmlingen
der von den Menschen auf der Erde zurückgelassenen Keime
solche waren, in denen sich die aus dem leibfreien Zustande
zurückkehrenden Menschenseelen nicht mehr verkörpern konnten.
Die Gestalt solcher Nachkömmlinge war zu verfestigt und
durch die Mondenkräfte zu unähnlich einer Menschengestalt
geworden, um eine solche aufnehmen zu können. Es fanden
daher gewisse Menschenseelen unter solchen Verhältnissen nicht
mehr die Möglichkeit, zur Erde zurückzukehren. Nur die reifsten,
die stärksten der Seelen konnten sich gewachsen fühlen,
während des Wachstums des Erdenleibes diesen so umzuformen,
daß er zur Menschengestalt erblühte. Nur ein Teil der leiblichen
Menschennachkömmlinge wurde zu Trägern irdischer Menschen.
Ein anderer Teil konnte wegen der verfestigten Gestalt
nur Seelen aufnehmen, welche niedriger standen als diejenigen
der Menschen. Von den Menschenseelen wurde aber ein Teil
gezwungen, die damalige Erdenentwickelung nicht mitzumachen.
Dadurch wurden sie zu einer andern Art des Lebenslaufes
gebracht. Es gab Seelen, welche schon bei der Trennung der
Sonne von der Erde keinen Platz auf dieser fanden. Sie wurden
für ihre weitere Entwickelung auf einen Planeten entrückt, der
sich unter Führung kosmischer Wesenheiten loslöste aus der
allgemeinen Weltensubstanz, welche beim Beginne der physischen
Erdenentwickelung mit dieser verbunden war und aus
welcher sich auch die Sonne herausgesondert hatte. Dieser Planet
ist derjenige, dessen physischen Ausdruck die äußere Wissenschaft
als «Jupiter» kennt. (Es wird hier genau in dem Sinne von
Himmelskörpern, Planeten und deren Namen gesprochen, wie es
eine ältere Wissenschaft noch getan hat. Wie die Dinge gemeint
sind, geht aus dem Zusammenhange hervor. Wie die physische
Erde nur der physische Ausdruck eines geistig-seelischen Organismus
ist, so ist das auch für jeden anderen Himmelskörper der
Fall. Und so wenig der Beobachter des Übersinnlichen mit dem
Namen «Erde» bloß den physischen Planeten, mit «Sonne» bloß
den physischen Fixstern bezeichnet, so meint er auch weite geistige
Zusammenhänge, wenn er von «Jupiter», «Mars» usw.
redet. Die Himmelskörper haben naturgemäß die Gestalt und
Aufgabe wesentlich verändert seit jenen Zeiten, von denen hier
gesprochen wird - in gewisser Beziehung sogar ihren Ort im
Himmelsraume. Nur wer mit dem Blick der übersinnlichen Erkenntnis
die Entwickelung dieser Himmelskörper zurückverfolgt
bis in urferne Vergangenheiten, vermag den Zusammenhang der
gegenwärtigen Planeten mit ihren Vorfahren zu erkennen.) Auf
dem «Jupiter» entwickelten sich die charakterisierten Seelen
zunächst weiter. Und später, als sich die Erde immer mehr dem
Festen zuneigte, da mußte noch ein anderer Wohnplatz für Seelen
geschaffen werden, die zwar die Möglichkeit hatten, eine
Zeitlang die verfestigten Körper zu bewohnen, dann aber dies
nicht mehr konnten, als diese Verfestigung zu weit fortgeschritten
war. Für sie entstand im «Mars» ein entsprechender Platz zu
ihrer weiteren Entwickelung. Schon als noch die Erde mit der
Sonne verbunden war und ihre luftigen Elemente sich eingliederte,
da stellte es sich heraus, daß die Seelen sich ungeeignet erwiesen,
um die Erdenentwickelung mitzumachen. Sie wurden
durch die irdische Körpergestalt zu stark berührt. Deshalb mußten
sie schon damals dem unmittelbaren Einflusse der Sonnenkräfte
entzogen werden. Diese mußten von außen auf sie wirken.
Diesen Seelen wurde auf dem «Saturn» ein Platz der Weiterentwickelung.
So nahm im Verlaufe der Erdenentwickelung die
Zahl der Menschengestalten ab; es traten Gestalten auf, welche
nicht Menschenseelen verkörpert hatten. Sie konnten nur Astralleiber
in sich aufnehmen, wie die physischen Leiber und die
Lebensleiber des Menschen auf dem alten Monde sie aufgenommen
hatten. Während die Erde in bezug auf ihre menschlichen
Bewohner verödete, besiedelten diese Wesen sie. Es hätten endlich
alle Menschenseelen die Erde verlassen müssen, wenn nicht
durch die Loslösung des Mondes für die Menschengestalten, die
damals noch menschlich beseelt werden konnten, die Möglichkeit
geschaffen worden wäre, während ihres Erdenlebens den
Menschenkeim den unmittelbar von der Erde kommenden Mondenkräften
zu entziehen und ihn in sich so weit reifen zu lassen,
bis er diesen Kräften überliefert werden konnte. Solange dann
der Keim im Innern des Menschen sich gestaltete, war er unter
der Wirkung der Wesen, die unter der Führung ihres mächtigsten
Genossen den Mond aus der Erde gelöst hatten, um deren Entwickelung
über einen kritischen Punkt hinüberzugeleiten.
Als die Erde das Luftelement in sich ausgebildet hatte, gab es
im Sinne der obigen Schilderung solche Astralwesen als Überbleibsel
vom alten Monde, welche weiter in der Entwickelung
zurückgeblieben waren als die niedersten Menschenseelen. Sie
wurden die Seelen derjenigen Gestalten, welche noch vor der
Sonnentrennung vom Menschen verlassen werden mußten. Diese
Wesen sind die Vorfahren des Tierreiches. Sie entwickelten im
fernern Zeitenlauf besonders jene Organe, welche beim Menschen
nur als Anhängsel vorhanden waren. Ihr Astralleib mußte
auf den physischen und den Lebensleib so wirken, wie das beim
Menschen auf dem alten Monde der Fall war. Die so entstandenen
Tiere hatten nun Seelen, welche nicht in dem einzelnen Tiere
wohnen konnten. Es dehnte die Seele ihr Wesen auch auf den
Nachkömmling der Vorfahrengestalt aus. Es haben die im wesentlichen
von einer Gestalt abstammenden Tiere zusammen eine
Seele. Nur wenn der Nachkomme sich durch besondere Einflüsse
von der Gestalt der Vorfahren entfernt, tritt eine neue Tierseele
in Verkörperung. Man kann in diesem Sinne bei den Tieren in
der Geisteswissenschaft von einer Art- (oder Gattungs-) oder
auch Gruppenseele reden.
Etwas Ähnliches ging vor zur Zeit der Trennung von Sonne
und Erde. Aus dem wässerigen Elemente heraus traten Gestalten,
welche in ihrer Entwickelung nicht weiter waren als der Mensch
vor der Entwickelung auf dem alten Monde. Sie konnten von
einem Astralischen nur eine Wirkung empfangen, wenn dieses
von außen sie beeinflußte. Das konnte erst nach dem Fortgang
der Sonne von der Erde geschehen. Jedesmal, wenn die Sonnenzeit
der Erde eintrat, regte das Astralische der Sonne diese Gestalten
so an, daß sie aus dem Ätherischen der Erde sich ihren
Lebensleib bildeten. Wenn dann die Sonne sich abkehrte von der
Erde, dann löste sich dieser Lebensleib in dem allgemeinen Erdenleib
wieder auf. Und als Folge des Zusammenwirkens des
Astralischen von der Sonne und des Ätherischen von der Erde
tauchten aus dem wässerigen Elemente die physischen Gestalten
auf, welche die Vorfahren des gegenwärtigen Pflanzenreichs
bildeten.
Der Mensch ist auf der Erde zu einem individualisierten Seelenwesen
geworden. Sein Astralleib, welcher ihm auf dem Monde
durch die «Geister der Bewegung» eingeflossen war, hat sich
auf der Erde gegliedert in Empfindungs-, Verstandes- und Bewußtseinsseele.
Und als seine Bewußtseinsseele so weit fortgeschritten
war, daß sie sich während des Erdenlebens einen
dazu geeigneten Leib bilden konnte, da begabten die «Geister
der Form» ihn mit dem Funken aus ihrem Feuer. Es wurde das
«Ich» in ihm entfacht. Jedesmal, wenn der Mensch nun den
physischen Leib verließ, so war er in der geistigen Welt, in welcher
er mit den Wesen zusammentraf, welche ihm während der
Saturn-, Sonnen- und Mondenentwickelung seinen physischen
Leib, seinen Lebensleib und seinen astralischen Leib gegeben
und bis zur Erdenhöhe ausgebildet hatten. Seitdem der Feuerfunke
des «Ich» sich im Erdenleben entzündet hatte, war auch
für das leibfreie Leben eine Veränderung eingetreten. Vor diesem
Entwickelungspunkte seines Wesens hatte der Mensch gegenüber
der geistigen Welt keine Selbständigkeit. Er fühlte sich
innerhalb dieser geistigen Welt nicht wie ein einzelnes Wesen,
sondern wie ein Glied in dem erhabenen Organismus, der aus
den über ihm stehenden Wesen sich zusammensetzte. Das «Ich-
Erlebnis» auf Erden wirkt nun auch in die geistige Welt hinein
nach. Der Mensch fühlt sich nunmehr auch in einem gewissen
Grade als Einheit in dieser Welt. Aber er empfindet auch, daß er
unaufhörlich verbunden ist mit derselben Welt. Er findet im
leibfreien Zustand die «Geister der Form» in einer höheren Gestalt
wieder, die er in ihrer Offenbarung auf der Erde durch den
Funken seines «Ich» wahrgenommen hat.
Mit der Trennung des Mondes von der Erde bildeten sich
auch in der geistigen Welt Erlebnisse für die leibfreie Seele
heraus, welche mit dieser Trennung zusammenhingen. Es wurde
ja nur dadurch möglich, solche Menschengestalten auf der Erde
fortzubilden, welche die Individualität der Seele aufnehmen
konnten, daß ein Teil der gestaltenden Kräfte von der Erde auf
den Mond übergeführt wurde. Dadurch ist die Menschenindividualität
in den Bereich der Mondenwesen gekommen. Und es
konnte im leibfreien Zustande der Nachklang an die Erdenindividualität
nur dadurch wirken, daß auch für diesen Zustand die
Seele im Bereich der mächtigen Geister blieb, welche die Mondabtrennung
herbeigeführt hatten. Der Vorgang bildete sich so
heraus, daß unmittelbar nach dem Verlassen des Erdenleibes die
Seele nur wie in einem von den Mondenwesen zurückgeworfenen
Glanz die hohen Sonnenwesen sehen konnte. Erst, wenn sie
durch das Schauen dieses Abglanzes genügend vorbereitet war,
kam die Seele zum Anblick der hohen Sonnenwesen selbst.
Auch das Mineralreich der Erde ist durch Ausstoßung aus der
allgemeinen Menschheitsentwickelung entstanden. Seine Gebilde
sind dasjenige, was verfestigt geblieben ist, als der Mond
sich von der Erde trennte. Zu diesen Gebilden fühlte sich vom
Seelenhaften nur dasjenige hingezogen, was auf der Saturnstufe
stehengeblieben war, was also nur geeignet ist, physische Formen
zu bilden. Alle Ereignisse, von denen hier und im folgenden
die Rede ist, spielten sich im Laufe gewaltig langer Zeiträume
ab. Doch kann auf Zeitbestimmungen hier nicht eingegangen
werden.
Die geschilderten Vorgänge stellen die Erdenentwickelung
von der äußeren Seite dar; von der Seite des Geistes betrachtet,
ergibt sich das Folgende. Die geistigen Wesenheiten, welche den
Mond aus der Erde herauszogen und ihr eigenes Dasein mit dem
Monde verbanden - also Erden-Mondenwesen wurden -, bewirkten
durch die Kräfte, die sie von dem letzteren Weltkörper
aus auf die Erde sandten, eine gewisse Gestaltung der menschlichen
Organisation. Ihre Wirkung ging auf das vom Menschen
erworbene «Ich». In dem Zusammenspiel dieses «Ich» mit
Astralleib, Ätherleib und physischem Leib machte sich diese
Wirkung geltend. Durch sie entstand im Menschen die Möglichkeit,
die weisheitsvolle Gestaltung der Welt in sich bewußt zu
spiegeln, sie abzubilden wie in einer Erkenntnisspiegelung. Man
erinnere sich, wie geschildert worden ist, daß während der alten
Mondenzeit der Mensch durch die damalige Abtrennung von der
Sonne in seiner Organisation eine gewisse Selbständigkeit, einen
freieren Grad des Bewußtseins erworben hat, als der war, welcher
unmittelbar von den Sonnenwesen ausgehen konnte. Dieses
freie, selbständige Bewußtsein trat - als Erbe der alten Mondenentwickelung
- wieder auf während der charakterisierten Zeit der
Erdenentwickelung. Es konnte aber gerade dieses Bewußtsein,
durch den Einfluß der gekennzeichneten Erden-Mondenwesen
wieder zum Einklange mit dem Weltall gebracht, zu einem Abbilde
desselben gemacht werden. Das wäre geschehen, wenn sich
kein anderer Einfluß geltend gemacht hätte. Ohne einen solchen
wäre der Mensch ein Wesen geworden mit einem Bewußtsein,
dessen Inhalt wie durch Naturnotwendigkeit, nicht durch sein
freies Eingreifen die Welt in den Bildern des Erkenntnislebens
gespiegelt hätte. Es ist dieses nicht so geworden. Es griffen in die
Entwickelung des Menschen gerade zur Zeit der Mondenabspaltung
gewisse geistige Wesenheiten ein, welche von ihrer Mondennatur
so viel zurückbehalten hatten, daß sie nicht teilnehmen
konnten an dem Hinausgang der Sonne aus der Erde. Und daß
sie auch ausgeschlossen waren von den Wirkungen der Wesen,
welche vom Erden-Monde aus zur Erde hin sich tätig erwiesen.
Diese Wesen mit der alten Mondennatur waren gewissermaßen
mit unregelmäßiger Entwickelung auf die Erde gebannt. In ihrer
Mondnatur lag gerade das, was während der alten Mondenentwickelung
sich gegen die Sonnengeister aufgelehnt hatte, was
damals dem Menschen insofern zum Segen war, als durch es der
Mensch zu einem selbständigen, freien Bewußtseinszustand
geführt worden war. Die Folgen der eigenartigen Entwickelung
dieser Wesen während der Erdenzeit brachten es mit sich, daß sie
während derselben zu Gegnern wurden derjenigen Wesen, die
vom Monde aus das menschliche Bewußtsein zu einem notwendigen
Erkenntnisspiegel der Welt machen wollten. Was auf dem
alten Monde dem Menschen zu einem höheren Zustande verhalf,
ergab sich als das Widerstrebende gegenüber der Einrichtung,
welche durch die Erdenentwickelung möglich geworden war.
Die widerstrebenden Mächte hatten sich aus ihrer Mondennatur
die Kraft mitgebracht, auf den menschlichen Astralleib zu wirken,
nämlich - im Sinne der obigen Darlegungen - diesen selbständig
zu machen. Sie übten diese Kraft aus, indem sie diesem
Astralleib eine gewisse Selbständigkeit - auch nunmehr für die
Erdenzeit - gaben gegenüber dem notwendigen (unfreien) Bewußtseinszustande,
welcher durch die Wesen des Erdenmondes
bewirkt wurde. Es ist schwierig, mit gangbaren Worten zum
Ausdrucke zu bringen, wie die Wirkungen der charakterisierten
geistigen Wesenheiten auf den Menschen in der gekennzeichneten
Urzeit waren. Man darf sie weder denken wie gegenwärtige
Natur-Einflüsse, noch etwa so, wie die Wirkung des einen
Menschen auf den andern geschieht, wenn der erstere in dem
zweiten durch Worte innere Bewußtseinskräfte wachruft, wodurch
der zweite etwas verstehen lernt oder zu einer Tugend oder
Untugend angeregt wird. Die gemeinte Wirkung in der Urzeit
war keine Naturwirkung, sondern ein geistiger Einfluß, aber ein
solcher, der auch geistig wirkte, der sich als geistiger übertrug
von den höheren Geistwesen auf den Menschen gemäß dem
damaligen Bewußtseinszustande dieses Menschen. Wenn man
die Sache wie eine Naturwirkung denkt, so trifft man ganz und
gar nicht ihre wahre Wesenheit. Wenn man dagegen sagt, die
Wesenheiten mit der alten Mondennatur traten an den Menschen
heran, um ihn für ihre Ziele «verführend» zu gewinnen, so gebraucht
man einen symbolischen Ausdruck, der gut ist, solange
man sich seiner Sinnbildlichkeit bewußt bleibt und sich zugleich
klar ist, daß hinter dem Symbol eine geistige Tatsache steht.
Die Wirkung, die von den im Mondenzustand zurückgebliebenen
Geistwesen auf den Menschen ausging, hatte nun für
diesen ein Zweifaches zur Folge. Sein Bewußtsein wurde dadurch
des Charakters eines bloßes Spiegels des Weltalls entkleidet,
weil im menschlichen Astralleibe die Möglichkeit erregt
wurde, von diesem aus die Bewußtseinsbilder zu regeln und zu
beherrschen. Der Mensch wurde der Herr seiner Erkenntnis.
Andrerseits aber wurde der Ausgangspunkt dieser Herrschaft
eben der Astralleib; und das diesem übergeordnete «Ich» kam
dadurch in stetige Abhängigkeit von ihm. Dadurch ward der
Mensch in der Zukunft den fortdauernden Einflüssen eines niederen
Elementes in seiner Natur ausgesetzt. Er konnte in seinem
Leben unter die Höhe herabsinken, auf die er durch die Erden-
Mondenwesen im Weltengange gestellt war. Und es blieb für die
Folgezeit für ihn der fortdauernde Einfluß der charakterisierten
unregelmäßig entwickelten Mondwesen auf seine Natur bestehen.
Man kann diese Mondwesen im Gegensatz zu den andern,
welche vom Erdenmonde aus das Bewußtsein zum Weltenspiegel
formten, aber keinen freien Willen gaben, die luziferischen
Geister nennen. Diese brachten dem Menschen die Möglichkeit,
in seinem Bewußtsein eine freie Tätigkeit zu entfalten, damit
aber auch die Möglichkeit des Irrtums, des Bösen.
Die Folge dieser Vorgänge war, daß der Mensch in ein anderes
Verhältnis zu den Sonnengeistern kam, als ihm vorbestimmt
war durch die Erden-Mondgeister. Diese wollten den Spiegel
seines Bewußtseins so entwickeln, daß im ganzen menschlichen
Seelenleben der Einfluß der Sonnengeister das Beherrschende
gewesen wäre. Diese Vorgänge wurden durchkreuzt und im
Menschenwesen der Gegensatz geschaffen zwischen dem
Sonnengeist-Einfluß und dem Einfluß der Geister mit unregelmäßiger
Mondenentwickelung. Durch diesen Gegensatz entstand
im Menschen auch das Unvermögen, die physischen Sonnen
Wirkungen als solche zu erkennen; sie blieben ihm verborgen
hinter den irdischen Eindrücken der Außenwelt. Das Astralische
im Menschen, erfüllt von diesen Eindrücken, wurde in den Bereich
des «Ich» gezogen. Dieses «Ich», welches sonst nur den
ihm von den «Geistern der Form» verliehenen Funken des Feuers
verspürt hätte und in allem, was das äußere Feuer betraf, sich
den Geboten dieser Geister untergeordnet hätte, wirkte nunmehr
auch durch das ihm selbst eingeimpfte Element auf die äußeren
Wärme-Erscheinungen. Es stellte dadurch ein Anziehungsband
her zwischen sich und dem Erdenfeuer. Dadurch verstrickte es
den Menschen mehr, als das ihm vorbestimmt war, in die irdische
Stofflichkeit. Während er vorher einen physischen Leib
hatte, der in seinen Hauptteilen aus Feuer, Luft und Wasser bestand
und dem nur etwas wie ein Schattenbild von Erdsubstanz
beigesetzt war, wurde jetzt der Leib aus Erde dichter. Und während
vorher der Mensch mehr als ein feinorganisiertes Wesen
über dem festen Erdboden in einer Art schwimmend-schwebender
Bewegung war, mußte er nunmehr «aus dem Erdenumkreis»
herabsteigen auf Teile der Erde, die schon mehr oder weniger
verfestigt waren.
Daß solche physische Wirkungen der geschilderten geistigen
Einflüsse eintreten konnten, erklärt sich daraus, daß diese Einflüsse
derart waren, wie es oben geschildert worden ist. Sie waren
eben weder Natureinflüsse noch solche, die seelisch von
Mensch zu Mensch wirken. Die letzteren erstrecken ihre Wirkung
nicht so weit ins Körperliche wie die geistigen Kräfte,
welche hier in Betracht kommen.
Weil der Mensch nach seinen eigenen, dem Irrtum unterworfenen
Vorstellungen sich den Einflüssen der Außenwelt
aussetzte, weil er nach Begierden und Leidenschaften lebte, welche
er nicht nach höheren geistigen Einflüssen regeln ließ, trat die
Möglichkeit von Krankheiten auf. Eine besondere Wirkung des
luziferischen Einflusses war aber diejenige, daß nunmehr der
Mensch sein einzelnes Erdenleben nicht wie eine Fortsetzung des
leibfreien Daseins fühlen konnte. Er nahm nunmehr solche Erdeneindrücke
auf, welche durch das eingeimpfte astralische
Element erlebt werden konnten und welche mit den Kräften sich
verbanden, welche den physischen Leib zerstören. Das empfand
der Mensch als Absterben seines Erdenlebens. Und der durch die
menschliche Natur selbst bewirkte «Tod» trat dadurch auf. Damit
ist auf ein bedeutsames Geheimnis in der Menschennatur
gedeutet, auf den Zusammenhang des menschlichen Astralleibes
mit den Krankheiten und dem Tode.
Für den menschlichen Lebensleib traten nun besondere Verhältnisse
ein. Er wurde in ein solches Verhältnis zwischen physischem
Leib und Astralleib hineingegliedert, daß er in gewisser
Beziehung den Fähigkeiten entzogen wurde, welche sich der
Mensch durch den luziferischen Einfluß angeeignet hatte. Ein
Teil dieses Lebensleibes blieb außer dem physischen Leibe so,
daß er nur von höheren Wesenheiten, nicht von dem menschlichen
Ich beherrscht werden konnte. Diese höheren Wesenheiten
waren diejenigen, welche bei der Sonnentrennung die Erde verlassen
hatten, um unter der Führung eines ihrer erhabenen Genossen
einen andern Wohnsitz einzunehmen. Wäre der charakterisierte
Teil des Lebensleibes mit dem astralischen Leibe vereinigt
geblieben, so hätte der Mensch übersinnliche Kräfte, die
ihm vorher eigen waren, in seinen eigenen Dienst gestellt. Er
hätte den luziferischen Einfluß auf diese Kräfte ausgedehnt.
Dadurch hätte sich der Mensch allmählich ganz von den Sonnenwesenheiten
losgelöst. Und sein Ich wäre zu einem völligen
Erden-Ich geworden. Es hätte so kommen müssen, daß dieses
Erden-Ich nach dem Tode des physischen Leibes (beziehungsweise
schon bei dessen Verfall) einen andern physischen Leib,
einen Nachkommen-Leib, bewohnt hätte, ohne durch eine Verbindung
mit höheren geistigen Wesenheiten in einem leibfreien
Zustand hindurchzugehen. Der Mensch wäre so zum Bewußtsein
seines Ich, aber nur als eines «irdischen Ich» gekommen. Das
wurde abgewendet durch jenen Vorgang mit dem Lebensleibe,
der durch die Erdmondenwesen bewirkt wurde. Das eigentliche
individuelle Ich wurde dadurch so losgelöst vom bloßen Erden-
Ich, daß der Mensch sich während des Erdenlebens allerdings
nur teilweise als eigenes Ich fühlte; zugleich fühlte er, wie sein
Erden-Ich eine Fortsetzung war des Erden-Ichs seiner Vorfahren
durch die Generationen hindurch. Die Seele fühlte im Erdenleben
eine Art «Gruppen-Ich» bis zu den fernen Ahnen, und der
Mensch empfand sich als Glied der Gruppe. In dem leibfreien
Zustand konnte das individuelle Ich sich erst als Einzel-Wesen
fühlen. Aber der Zustand dieser Vereinzelung war dadurch beeinträchtigt,
daß das Ich mit der Erinnerung an das Erdenbewußtsein
(Erden-Ich) behaftet blieb. Das trübte den Blick für die
geistige Welt, die anfing, sich zwischen Tod und Geburt ähnlich
mit einem Schleier zu verdecken wie für den physischen Blick
auf Erden.
Der physische Ausdruck all der Veränderungen, welche in der
geistigen Welt geschahen, während die Menschenentwickelung
durch die geschilderten Verhältnisse hindurchging, war die allmähliche
Regelung der gegenseitigen Beziehungen von Sonne,
Mond und Erde (und im weiteren Sinne noch anderer Himmelskörper).
Von diesen Beziehungen sei als eine Folge der Wechsel
von Tag und Nacht hervorgehoben. (Die Bewegungen der Himmelskörper
werden durch die sie bewohnenden Wesen geregelt.
Die Bewegung der Erde, durch welche Tag und Nacht entstehen,
wurde durch das Wechselverhältnis der verschiedenen über den
Menschen stehenden Geister bewirkt. Ebenso war auch die Bewegung
des Mondes zustandegekommen, damit nach der Trennung
des Mondes von der Erde, durch die Umdrehung des ersten
um die zweite, die «Geister der Form» auf den physischen Menschenleib
in der rechten Art, in dem richtigen Rhythmus, wirken
konnten.) Bei Tag wirkten nun das Ich und der astralische Leib
des Menschen in dem physischen und dem Lebensleib. Bei
Nacht hörte diese Wirkung auf. Da traten das Ich und der astralische
Leib aus dem physischen und dem Lebensleibe heraus. Sie
kamen in dieser Zeit ganz in den Bereich der «Söhne des Lebens
» (Engel), der «Feuergeister» (Erzengel), der «Geister der
Persönlichkeit» und der «Geister der Form». Den physischen
Leib und den Lebensleib faßten in dieser Zeit außer den «Geistern
der Form» noch die «Geister der Bewegung», die «Geister
der Weisheit» und die «Throne» in ihr Wirkungsgebiet. So konnten
die schädlichen Einwirkungen, welche während des Tages
durch die Irrtümer des astralischen Leibes auf den Menschen
ausgeübt wurden, wieder ausgebessert werden.
Indem sich nun die Menschen auf der Erde wieder vermehrten,
war in den Nachkommen kein Grund mehr, daß nicht
Menschenseelen in ihnen zur Verkörperung hätten schreiten sollen.
So wie jetzt die Erdmondenkräfte wirkten, gestalteten sich unter
ihrem Einflusse die Menschenleiber durchaus geeignet zur Verkörperung
von Menschenseelen. Und es wurden jetzt die vorher
auf den Mars, den Jupiter usw. entrückten Seelen auf die Erde
gelenkt. Es war dadurch für jeden Menschennachkommen, der in
der Generationenfolge geboren wurde, eine Seele da. Das dauerte
so durch lange Zeiten hindurch, so daß der Seelenzuzug auf der
Erde der Vermehrung der Menschen entsprach. Diejenigen Seelen,
welche nun mit dem Erdentode den Leib verließen, behielten
für den leibfreien Zustand den Nachklang der irdischen Individualität
wie eine Erinnerung zurück. Diese Erinnerung wirkte so,
daß sie, wenn wieder ein ihnen entsprechender Leib auf der Erde
geboren wurde, sich wieder in einem solchen verkörperten. Innerhalb
der menschlichen Nachkommenschaft gab es in der
Folge solche Menschen, welche von außen kommende Seelen
hatten, die zum ersten Male wieder nach den ersten Zeiten der
Erde auf dieser erschienen, und andere mit irdisch wiederverkörperten
Seelen. Immer weniger werden nun in der Folgezeit der
Erdenentwickelung die zum ersten Male erschienenen jungen
Seelen und immer mehr die wiederverkörperten. Doch bestand
das Menschengeschlecht für lange Zeiten aus den durch diese
Tatsachen bedingten beiden Menschenarten. Auf der Erde empfand
sich der Mensch nun mehr durch das gemeinsame Gruppen-
Ich mit seinen Vorfahren verbunden. Das Erlebnis des individuellen
Ich war dafür umso stärker im leibfreien Zustande zwischen
dem Tode und einer neuen Geburt. Diejenigen Seelen,
welche, vom Himmelsraume kommend, in Menschenleibern
einzogen, waren in einer andern Lage als diejenigen, welche
bereits ein oder mehrere Erdenleben hinter sich hatten. Die ersteren
brachten für das physische Erdenleben als Seelen nur die
Bedingungen mit, welchen sie durch die höhere geistige Welt
und durch ihre außer dem Erdenbereiche gemachten Erlebnisse
unterworfen waren. Die andern hatten in früheren Leben selbst
Bedingungen hinzugefügt. Das Schicksal jener Seelen war nur
von Tatsachen bestimmt, die außerhalb der neuen Erdenverhältnisse
lagen. Dasjenige der wiederverkörperten Seelen ist auch
durch dasjenige bestimmt, was sie selbst in früheren Leben unter
den irdischen Verhältnissen getan haben. Mit der Wiederverkörperung
trat zugleich das menschliche Einzel-Karma in die Erscheinung.
-Dadurch, daß der menschliche Lebensleib dem Einflusse
des Astralleibes in der oben angedeuteten Art entzogen
wurde, trat auch das Fortpflanzungsverhältnis nicht in den Umkreis
des menschlichen Bewußtseins, sondern es stand unter der
Herrschaft der geistigen Welt. Wenn sich eine Seele niedersenken
sollte auf den Erdkreis, dann traten die Impulse für die Fortpflanzung
beim Erdenmenschen auf. Der ganze Vorgang war bis
zu einem gewissen Grade für das irdische Bewußtsein in ein
geheimnisvolles Dunkel gehüllt. - Aber auch während des Erdenlebens
traten die Folgen dieser teilweisen Trennung des Lebensleibes
vom physischen Leibe ein. Es konnten die Fähigkeiten
dieses Lebensleibes durch den geistigen Einfluß besonders erhöht
werden. Für das Seelenleben machte sich dies dadurch
geltend, daß das Gedächtnis seine besondere Ausbildung erhielt.
Das selbständige logische Denken war in dieser Zeit des Menschen
nur in den allerersten Anfängen. Dafür war die
Erinnerungsfähigkeit fast grenzenlos. Nach außen zeigte sich, daß der
Mensch eine unmittelbare gefühlsmäßige Erkenntnis von den
Wirkungskräften alles Lebendigen hatte. Er konnte die Kräfte
des Lebens und der Fortpflanzung der tierischen und namentlich
pflanzlichen Natur in seinen Dienst stellen. Was die Pflanze
antreibt zum Wachsen, das zum Beispiel konnte der Mensch aus
der Pflanze herausziehen und es verwenden, wie gegenwärtig die
Kräfte der leblosen Natur, zum Beispiel die in den Steinkohlen
schlummernde Kraft aus dieser herausgezogen und dazu verwendet
wird, Maschinen zu bewegen. (Näheres über diese Sache
findet man in meiner kleinen Schrift «Unsere atlantischen Vorfahren
».) Auch das innere Seelenleben des Menschen veränderte
sich durch den luziferischen Einfluß in der mannigfaltigsten Art.
Es könnten viele Arten von Gefühlen und Empfindungen angeführt
werden, welche dadurch entstanden sind. Nur einiges mag
erwähnt werden. Bis zu diesem Einflusse hin wirkte die Menschenseele
in dem, was sie zu gestalten und zu tun hatte, im
Sinne der Absichten höherer geistiger Wesenheiten. Der Plan zu
allem, was ausgeführt werden sollte, war von vornherein bestimmt.
Und in dem Grade, als das menschliche Bewußtsein
überhaupt entwickelt war, konnte es auch voraussehen, wie sich
in der Zukunft die Dinge nach dem vorgefaßten Plane entwickeln
müssen. Dieses vorausschauende Bewußtsein ging verloren, als
sich vor die Offenbarung der höheren geistigen Wesenheiten der
Schleier der irdischen Wahrnehmungen hinwob und in ihnen die
eigentlichen Kräfte der Sonnenwesen sich verbargen. Ungewiß
wurde nunmehr die Zukunft. Und damit pflanzte sich der Seele
die Möglichkeit des Furchtgefühles ein. Die Furcht ist eine
unmittelbare Folge des Irrtums. - Man sieht aber auch, wie mit dem
luziferischen Einflusse der Mensch unabhängig wurde von bestimmten
Kräften, denen er vorher willenlos hingegeben war. Er
konnte nunmehr aus sich heraus Entschlüsse fassen. Die Freiheit
ist das Ergebnis dieses Einflusses. Und die Furcht und ähnliche
Gefühle sind nur Begleiterscheinungen der Entwickelung des
Menschen zur Freiheit.
Geistig angesehen stellt sich das Auftreten der Furcht so, daß
innerhalb der Erdenkräfte, unter deren Einfluß der Mensch durch
die luziferischen Mächte gelangt war, andere Mächte wirksam
waren, die viel früher im Entwickelungslaufe als die luziferischen
Unregelmäßigkeit angenommen hatten. Mit den Erdenkräften
nahm der Mensch die Einflüsse dieser Mächte in sein
Wesen herein. Sie gaben Gefühlen, die ohne sie ganz anders
gewirkt hätten, die Eigenschaft der Furcht. Man kann diese Wesenheiten
die ahrimanischen nennen; sie sind dieselben, die - in
Goethes Sinne - mephistophelisch genannt werden.
Wenn nun auch der luziferische Einfluß sich zunächst nur bei
den fortgeschrittensten Menschen geltend gemacht hat, so dehnte
er sich doch bald auch über andere aus. Es vermischten sich die
Nachkommen der fortgeschrittenen mit den oben charakterisierten
weniger fortgeschrittenen. Dadurch drang die luziferische
Kraft auch zu den letzteren. Aber der Lebensleib der von den
Planeten zurückkehrenden Seelen konnte nicht in demselben
Grade geschützt werden wie derjenige, welchen die Nachkommen
der auf der Erde verbliebenen hatten. Der Schutz dieses
letzteren ging von einem hohen Wesen aus, welches im Kosmos
die Führung damals hatte, als sich die Sonne von der Erde
trennte. Dieses Wesen erscheint auf dem Gebiete, das hier betrachtet
wird, als der Herrscher im Sonnenreiche. Mit ihm zogen diejenigen
erhabenen Geister zum Sonnenwohnplatze, welche durch
ihre kosmische Entwickelung die Reife dazu erlangt hatten. Es
gab aber auch solche Wesen, welche bei der Sonnentrennung zu
solcher Höhe nicht gestiegen waren. Sie mußten sich andere
Schauplätze suchen. Sie waren es eben, durch die es kam, daß
aus jener gemeinsamen Weltsubstanz, welche anfänglich im
physischen Erdenorganismus war, sich der Jupiter und andere
Planeten loslösten. Der Jupiter wurde der Wohnplatz solcher
nicht zur Sonnenhöhe herangereifter Wesen. Das vorgeschrittenste
wurde der Führer des Jupiter. Wie der Führer der Sonnenentwickelung
das «höhere Ich» wurde, das im Lebensleibe der
Nachkommen der auf Erden verbliebenen Menschen wirkte, so
wurde dieser Jupiterführer das «höhere Ich», das sich wie ein
gemeinsames Bewußtsein durch die Menschen hindurchzog,
welche abstammten von einer Vermischung von Sprößlingen der
auf Erden verbliebenen mit solchen Menschen, die in der oben
geschilderten Art erst auf der Erde in der Zeit des Luftelementes
aufgetreten und zum Jupiter übergegangen waren. Man kann im
Sinne der Geisteswissenschaft solche Menschen «Jupitermenschen
» nennen. Es waren das Menschennachkömmlinge, welche
in jener alten Zeit noch Menschenseelen aufgenommen hatten;
doch solche, die, beim Beginn der Erdenentwickelung die erste
Berührung mit dem Feuer mitzumachen, noch nicht reif genug
waren. Es waren Seelen zwischen dem Menschen- und dem
Tierseelenreich. Es gibt nun auch Wesen, welche sich unter der
Führung eines höchsten aus der gemeinsamen Weltsubstanz den
Mars als Wohnplatz ausgesondert hatten. Unter ihren Einfluß
kam eine dritte Art von Menschen, die durch Vermischung entstanden
waren, die «Marsmenschen». (Es fällt von diesen Erkenntnissen
aus ein Licht auf die Urgründe der Planetenentstehung
unseres Sonnensystems. Denn alle Körper dieses Systems
sind entstanden durch die verschiedenen Reifezustände der sie
bewohnenden Wesen. Doch kann hier natürlich nicht auf alle
Einzelheiten der kosmischen Gliederungen eingegangen werden.)
Diejenigen Menschen, welche in ihrem Lebensleibe das
hohe Sonnenwesen selbst als vorhanden wahrnahmen, können
«Sonnenmenschen» genannt werden. Das Wesen, das in ihnen
als «höheres Ich» lebte - natürlich nur in den Generationen, nicht
im einzelnen -, ist dasjenige, welches später, als die Menschen
eine bewußte Erkenntnis von ihm erlangten, mit verschiedenen
Namen belegt wurde und das den Gegenwartsmenschen das ist,
in dem sich ihnen das Verhältnis offenbart, welches der Christus
zum Kosmos hat. Man kann dann noch «Saturnmenschen» unterscheiden.
Bei ihnen trat als «höheres Ich» ein Wesen auf, das vor
der Sonnentrennung mit seinen Genossen die gemeinsame Weltsubstanz
verlassen mußte. Es war dies eine Art von Menschen,
welche nicht nur im Lebensleibe, sondern auch im physischen
Leibe einen Teil hatten, welcher dem luziferischen Einfluß entzogen
blieb.
Nun war bei den niedriger stehenden Menschenarten der
Lebensleib doch zu wenig geschützt, um den Einwirkungen des
luziferischen Wesens genügend widerstehen zu können. Sie
konnten die Willkür des in ihnen befindlichen Feuerfunkens des
«Ich» so weit ausdehnen, daß sie in ihrem Umkreise mächtige
Feuerwirkungen schädlicher Art hervorriefen. Die Folge war
eine gewaltige Erdkatastrophe. Durch die Feuerstürme ging ein
großer Teil der damals bewohnten Erde zugrunde und mit ihm
die dem Irrtum verfallenen Menschen. Nur der kleinste Teil, der
vom Irrtum zum Teil unberührt geblieben war, konnte sich auf
ein Gebiet der Erde retten, das bis dahin Beschützt war vor dem
verderblichen menschlichen Einflusse. Als ein solcher Wohnplatz,
der sich für die neue Menschheit besonders eignete, stellte
sich das Land heraus, das auf dem Flecke der Erde war, der
gegenwärtig vom Atlantischen Ozean bedeckt wird. Dorthin zog
sich der am reinsten vom Irrtum gebliebene Teil der Menschen.
Nur versprengte Menschheitsglieder bewohnten andere Gegenden.
Im Sinne der Geisteswissenschaft kann man das Erdengebiet
zwischen dem gegenwärtigen Europa, Afrika und Amerika,
das einstmals bestanden hat, «Atlantis» nennen. (In der entsprechenden
Literatur wird in einer gewissen Art auf den charakterisierten
dem atlantischen vorangegangenen Abschnitt der
Menschheitsentwickelung hingewiesen. Er wird da das lemurische
Zeitalter der Erde genannt, dem das atlantische folgte. Dagegen
kann die Zeit, in welcher die Mondenkräfte ihre Hauptwirkungen
noch nicht entfaltet hatten, das hyperboräische Zeitalter
genannt werden. Diesem geht noch ein anderes voran, das
also mit der allerersten Zeit der physischen Erdenentwickelung
zusammenfällt. In der biblischen Überlieferung wird die Zeit vor
der Einwirkung der luziferischen Wesen als die paradiesische
Zeit geschildert und das Herabsteigen auf die Erde, das Verstricktwerden
der Menschen in die Sinnenwelt, als die Vertreibung
aus dem Paradiese.)
Die Entwickelung im atlantischen Gebiet war die Zeit der
eigentlichen Sonderung in Saturn-, Sonnen-, Jupiter- und Marsmenschen.
Vorher wurden dazu eigentlich erst die Anlagen entfaltet.
Nun hatte die Scheidung von Wach- und Schlafzustand für
das Menschenwesen noch besondere Folgen, die besonders bei
der atlantischen Menschheit hervortraten. Während der Nacht
waren des Menschen astralischer Leib und Ich im Bereiche der
über ihm stehenden Wesen bis zu den «Geistern der Persönlichkeit
» hinauf. Durch denjenigen Teil seines Lebensleibes, der
nicht mit dem physischen Leibe verbunden war, konnte der
Mensch die Wahrnehmung der «Söhne des Lebens» (Engel) und
der «Feuergeister» (Erzengel) haben. Denn er konnte mit dem
nicht vom physischen Leib durchdrungenen Teil des Lebensleibes
während des Schlafens vereinigt bleiben. Die Wahrnehmung
der «Geister der Persönlichkeit» blieb allerdings undeutlich,
eben wegen des luziferischen Einflusses. Mit den Engeln
und Erzengeln wurden aber auf diese Art für den Menschen in
dem geschilderten Zustande auch diejenigen Wesen sichtbar,
welche als auf Sonne oder Mond Zurückgebliebene nicht das
Erdendasein antreten konnten. Sie mußten deshalb in der
seelisch-geistigen Welt verbleiben. Der Mensch zog sie aber
durch das luziferische Wesen in den Bereich seiner vom physischen
Leib getrennten Seele. Dadurch kam er mit Wesen in Berührung,
welche in hohem Grade verführerisch auf ihn wirkten.
Sie vermehrten in der Seele den Trieb zum Irrtum; namentlich
zum Mißbrauch der Wachstums- und Fortpflanzungskräfte,
welche durch die Trennung von physischem Leib und Lebensleib
in seiner Macht standen.
Es war nun für einzelne Menschen des atlantischen Zeitalters
die Möglichkeit gegeben, sich so wenig als möglich in die Sinnenwelt
zu verstricken. Durch sie wurde der luziferische Einfluß
aus einem Hindernis der Menschheitsentwickelung zum Mittel
eines höheren Fortschreitens. Sie waren durch ihn in der Lage,
früher, als es sonst möglich gewesen wäre, die Erkenntnis für die
Erdendinge zu entfalten. Dabei versuchten diese Menschen den
Irrtum aus ihrem Vorstellungsleben zu entfernen und die ursprünglichen
Absichten der geistigen Wesen aus den Erscheinungen
der Welt zu ergründen. Sie hielten sich frei von den nach der
bloßen Sinnenwelt gelenkten Trieben und Begierden des astralischen
Leibes. Dadurch wurden sie von dessen Irrtümern immer
freier. Das führte bei ihnen Zustände herbei, durch welche sie
bloß in jenem Teile des Lebensleibes wahrnahmen, welcher in
der geschilderten Weise vom physischen Leibe getrennt war. In
solchen Zuständen war das Wahrnehmungsvermögen des physischen
Leibes wie ausgelöscht und dieser selbst wie tot. Dann
waren sie durch den Lebensleib ganz verbunden mit dem Reiche
der «Geister der Form» und konnten von diesen erfahren, wie sie
geführt und gelenkt werden von jenem hohen Wesen, das die
Führung hatte bei der Trennung von Sonne und Erde, und durch
das sich später den Menschen das Verständnis für den «Christus»
eröffnete. Solche Menschen waren Eingeweihte (Initiierte). Weil
aber des Menschen Individualität in der oben geschilderten Art
in den Bereich der Mondwesen gekommen war, so konnten auch
diese Eingeweihten in der Regel von dem Sonnenwesen nicht
unmittelbar berührt werden, sondern es konnte ihnen nur wie in
einer Spiegelung durch die Mondwesen gezeigt werden. Sie
sahen dann nicht das Sonnenwesen unmittelbar, sondern dessen
Abglanz. Sie wurden die Führer der anderen Menschheit, denen
sie die erschauten Geheimnisse mitteilen konnten. Sie zogen sich
Schüler heran, denen sie die Wege zur Erlangung des Zustandes
wiesen, welcher zur Einweihung führt. Zur Erkenntnis dessen,
was früher durch «Christus» sich offenbarte, konnten nur solche
Menschen gelangen, die in angedeutetem Sinne zu den Sonnenmenschen
gehörten. Sie pflegten ihr geheimnisvolles Wissen und
die Verrichtungen, welche dazu führten, an einer besonderen
Stätte, welche hier das Christus- oder Sonnenorakel genannt
werden soll. (Oraculum im Sinne eines Ortes, wo die Absichten
geistiger Wesen vernommen werden.) Das hier in bezug auf den
Christus Gesagte wird nur dann nicht mißverstanden werden,
wenn man bedenkt, daß die übersinnliche Erkenntnis in dem
Erscheinen des Christus auf der Erde ein Ereignis sehen muß, auf
das als ein in der Zukunft Bevorstehendes diejenigen hingewiesen
haben, welche vor diesem Ereignis mit dem Sinn der Erdenentwickelung
bekannt waren. Man ginge fehl, wenn man bei
diesen «Eingeweihten» ein Verhältnis zu dem Christus voraussetzen
würde, das erst durch dieses Ereignis möglich geworden
ist. Aber das konnten sie prophetisch begreifen und ihren Schülern
begreiflich machen: «Wer von der Macht des Sonnenwesens
berührt ist, der sieht den Christus an die Erde herankommen. »
Andere Orakel wurden ins Leben gerufen von den Angehörigen
der Saturn-, Mars- und Jupitermenschheit. Deren Eingeweihte
führten ihr Anschauen nur bis zu den Wesenheiten, welche als
entsprechende «höhere Iche» in ihren Lebensleibern enthüllt
werden konnten. So entstanden Bekenner der Saturn, der Jupiter,
der Marsweisheit. Außer diesen Einweihungsmethoden gab es
solche für Menschen, welche vom luziferischen Wesen zu viel in
sich aufgenommen hatten, um einen so großen Teil des Lebensleibes
vom physischen Leibe getrennt sein zu lassen wie die
Sonnenmenschen. Bei diesen hielt der astralische Leib eben
mehr vom Lebensleib im physischen Leibe zurück als bei den
Sonnenmenschen. Sie konnten auch nicht durch die genannten
Zustände bis zur prophetischen Christus-Offenbarung gebracht
werden. Sie mußten wegen ihres mehr vom luziferischen Prinzip
beeinflußten Astralleibes schwierigere Vorbereitungen durchmachen,
und dann konnten sie in einem weniger leibfreien Zustand
als die andern zwar nicht die Offenbarung des Christus
selbst enthüllt erhalten, aber die anderer hoher Wesen. Es gab
solche Wesen, welche zwar bei der Sonnentrennung die Erde
verlassen haben, aber doch nicht auf der Höhe standen, daß sie
die Sonnenentwickelung auf die Dauer hätten mitmachen können.
Sie gliederten sich nach der Trennung von Sonne und Erde
einen Wohnplatz von der Sonne ab, die Venus. Deren Führer
wurde das Wesen, welches nun für die geschilderten Eingeweihten
und ihre Anhänger zum «höheren Ich» wurde. Ein ähnliches
geschah mit dem führenden Geist des Merkur für eine andere Art
Menschen. So entstanden das Venus- und das Merkurorakel.
Eine gewisse Art von Menschen, die am meisten von dem luziferischen
Einfluß aufgenommen hatten, konnte nur zu einem Wesen
gelangen, welches mit seinen Genossen am frühesten von der
Sonnenentwickelung wieder ausgestoßen worden ist. Es hat
dieses keinen besonderen Planeten im Weltenraum, sondern lebt
im Umkreis der Erde selbst noch, mit der es sich wieder vereinigt
hat nach der Rückkehr von der Sonne. Diejenigen Menschen,
welchen sich dieses Wesen als höheres Ich enthüllte, können die
Anhänger des Vulkanorakels genannt werden. Ihr Blick war
mehr den irdischen Erscheinungen zugewendet als derjenige der
übrigen Eingeweihten. Sie legten die ersten Gründe zu dem, was
später als Wissenschaften und Künste unter den Menschen entstand.
Die Merkur-Eingeweihten dagegen begründeten das Wissen
von den mehr übersinnlichen Dingen; und in noch höherem
Grade taten dies die Venus-Eingeweihten. Die Vulkan-, Merkurund
Venus-Eingeweihten unterschieden sich von den Saturn-,
Jupiter- und Mars-Eingeweihten dadurch, daß die letzteren ihre
Geheimnisse mehr als eine Offenbarung von oben empfingen,
mehr in einem fertigen Zustande; während die ersteren schon
mehr in Form von eigenen Gedanken, von Ideen ihr Wissen
enthüllt erhielten. In der Mitte standen die Christus-Eingeweihten.
Sie erhielten mit der Offenbarung in unmittelbarem Zustande
auch zugleich die Fähigkeit, in menschliche Begriffsformen
ihre Geheimnisse zu kleiden. Die Saturn-, Jupiter- und Mars-
Eingeweihten mußten sich mehr in Sinnbildern aussprechen; die
Christus-, Venus-, Merkur- und Vulkan-Eingeweihten konnten
sich mehr in Vorstellungen mitteilen.
Was auf diese Art zur atlantischen Menschheit gelangte, kam
auf dem Umwege durch die Eingeweihten. Aber auch die andere
Menschheit erhielt durch das luziferische Prinzip besondere
Fähigkeiten, indem durch die hohen kosmischen Wesenheiten
das zum Heil verwandelt wurde, was sonst zum Verderben hätte
werden können. Eine solche Fähigkeit ist die der Sprache. Sie
wurde dem Menschen zuteil durch seine Verdichtung in die
physische Stofflichkeit und durch die Trennung eines Teiles
seines Lebensleibes vom physischen Leib. In den Zeiten nach
der Mondentrennung fühlte sich der Mensch zunächst mit den
physischen Vorfahren durch das Gruppen-Ich verbunden. Doch
verlor sich dieses gemeinsame Bewußtsein, welches Nachkommen
mit Vorfahren verband, allmählich im Laufe der Generationen.
Die späteren Nachkommen hatten dann nur bis zu einem
nicht weit zurückliegenden Vorfahren die innere Erinnerung; zu
den früheren Ahnen hinauf nicht mehr. In den Zuständen von
Schlafähnlichkeit nur, in denen die Menschen mit der geistigen
Welt in Berührung kamen, tauchte nun die Erinnerung an diesen
oder jenen Vorfahren wieder auf. Die Menschen hielten sich
dann wohl auch für eins mit diesem Vorfahren, den sie in ihnen
wiedererschienen glaubten. Dies war eine irrtümliche Idee von
der Wiederverkörperung, welche namentlich in der letzten atlantischen
Zeit auftauchte. Die wahre Lehre von der Wiederverkörperung
konnte nur in den Schulen der Eingeweihten erfahren
werden. Die Eingeweihten schauten, wie im leibfreien Zustand
die Menschenseele von Verkörperung zu Verkörperung geht.
Und sie allein konnten die Wahrheit darüber ihren Schülern
mitteilen.
Die physische Gestalt des Menschen ist in der urfernen Vergangenheit,
von welcher hier die Rede ist, noch weit verschieden
von der gegenwärtigen. Diese Gestalt war in einem hohen Grade
noch der Ausdruck der seelischen Eigenschaften. Der Mensch
bestand noch aus einer feineren, weicheren Stofflichkeit, als er
später angenommen hat. Was gegenwärtig verfestigt ist, war in
den Gliedern weich, biegsam und bildsam. Ein mehr seelischer,
geistigerer Mensch war von zartem, beweglichem, ausdrucksvollem
Körperbau. Ein geistig wenig entwickelter von groben,
unbeweglichen, wenig bildsamen Körperformen. Seelische Vorgeschrittenheit
zog die Glieder zusammen; die Gestalt wurde
klein erhalten; seelische Zurückgebliebenheit und Verstricktheit
in die Sinnlichkeit drückte sich in riesenhafter Größe aus. Während
der Mensch in der Wachstumsperiode war, formte sich in
einer Art, die für gegenwärtige Vorstellungen fabelhaft, ja phantastisch
erscheinen muß, der Körper nach dem, was in der Seele
sich bildete. Verdorbenheit in den Leidenschaften, Trieben und
Instinkten zog ein Anwachsen des Materiellen im Menschen ins
Riesenhafte nach sich. Die gegenwärtige physische Menschengestalt
ist durch Zusammenziehen, Verdichtung und Verfestigung
des atlantischen Menschen entstanden. Und während vor
der atlantischen Zeit der Mensch als ein getreues Abbild seiner
seelischen Wesenheit vorhanden war, trugen gerade die Vorgänge
der atlantischen Entwickelung die Ursachen in sich, welche zu
dem nachatlantischen Menschen führten, der in seiner physischen
Gestalt fest und von den seelischen Eigenschaften verhältnismäßig
wenig abhängig ist. (Das Tierreich ist in seinen Formen
in weit älteren Zeiten auf der Erde dicht geworden als der
Mensch.) - Die Gesetze, welche gegenwärtig der Bildung der
Formen in den Naturreichen zugrunde liegen, dürfen durchaus
nicht auf fernere Vergangenheiten ausgedehnt werden.
Gegen die Mitte der atlantischen Entwickelungszeit machte
sich allmählich ein Unheil in der Menschheit geltend. Die Geheimnisse
der Eingeweihten hätten sorgfältig vor solchen Menschen
behütet werden müssen, welche nicht durch Vorbereitung
ihren Astralleib von Irrtum gereinigt hatten. Erlangen diese eine
solche Einsicht in die verborgenen Erkenntnisse, in die Gesetze,
wodurch die höheren Wesen die Naturkräfte lenken, so stellen
sie dieselben in den Dienst ihrer verirrten Bedürfnisse und Leidenschaften.
Die Gefahr war um so größer, als ja die Menschen,
wie geschildert worden ist, in den Bereich niederer Geisteswesen
kamen, welche die regelmäßige Erdenentwickelung nicht mitmachen
konnten, daher ihr entgegenwirkten. Diese beeinflußten die
Menschen fortwährend so, daß sie ihnen Interessen einflößten,
welche gegen das Heil der Menschheit in Wahrheit gerichtet
waren. Nun hatten aber die Menschen noch die Fähigkeit, die
Wachstums- und die Fortpflanzungskräfte der tierischen und der
menschlichen Natur in ihren Dienst zu stellen. - Den Versuchungen
von seiten niederer Geistwesen unterlagen nicht nur gewöhnliche
Menschen, sondern auch ein Teil der Eingeweihten.
Sie kamen dazu, die genannten übersinnlichen Kräfte in einen
Dienst zu stellen, welcher der Entwickelung der Menschheit
zuwiderlief. Und sie suchten sich zu diesem Dienst Genossen,
welche nicht eingeweiht waren und welche ganz im niederen
Sinne die Geheimnisse des übersinnlichen Naturwirkens anwandten.
Die Folge war eine große Verderbnis der Menschheit.
Das Übel breitete sich immer mehr aus. Und weil die
Wachstums- und Fortpflanzungskräfte dann, wenn sie ihrem
Mutterboden entrissen und selbständig verwendet werden, in
einem geheimnisvollen Zusammenhange stehen mit gewissen
Kräften, die in Luft und Wasser wirken, so wurden durch die
menschlichen Taten gewaltige verderbliche Naturmächte entfesselt.
Das führte zur allmählichen Zerstörung des atlantischen
Gebietes durch Luft-und Wasserkatastrophen der Erde. Die atlantische
Menschheit mußte auswandern, insofern sie in den
Stürmen nicht zugrunde ging. Damals erhielt die Erde durch
diese Stürme ein neues Antlitz. Auf der einen Seite kamen Europa,
Asien und Afrika allmählich zu den Gestalten, die sie gegenwärtig
haben. Auf der anderen Seite Amerika. Nach diesen Landern
gingen große Wanderzüge. Für unsere Gegenwart sind
besonders diejenigen dieser Züge wichtig, welche von der Atlantis
ostwärts gingen. Europa, Asien, Afrika wurden nach und nach
von den Nachkommen der Atlantier besiedelt. Verschiedene
Völker schlugen da ihre Wohnsitze auf. Sie standen auf verschiedenen
Höhen der Entwickelung, aber auch auf verschiedenen
Höhen des Verderbnisses. Und in ihrer Mitte zogen die
Eingeweihten, die Behüter der Orakel-Geheimnisse. Diese begründeten
in verschiedenen Gegenden Stätten, in denen die
Dienste des Jupiter, der Venus und so weiter in gutem, aber auch
in schlechtem Sinne gepflegt wurden. Einen besonders ungünstigen
Einfluß übte der Verrat der Vulkan-Geheimnisse aus.
Denn der Blick von deren Bekennern war am meisten auf die
irdischen Verhältnisse gerichtet. Die Menschheit wurde durch
diesen Verrat in Abhängigkeit von geistigen Wesen gebracht,
welche infolge ihrer vorangegangenen Entwickelung sich gegen
alles ablehnend verhielten, was aus der geistigen Welt kam, die
sich durch die Trennung der Erde von der Sonne entwickelt
hatte. Sie wirkten ihrer so entwickelten Anlage gemäß gerade in
dem Elemente, welches im Menschen sich dadurch ausbildete,
daß er in der sinnlichen Welt Wahrnehmungen hatte, hinter denen
das Geistige sich verhüllt. Diese Wesen erlangten nunmehr
einen großen Einfluß auf viele menschliche Erdenbewohner.
Und derselbe machte sich zunächst dadurch geltend, daß dem
Menschen das Gefühl für das Geistige immer mehr genommen
wurde. - Weil sich in diesen Zeiten die Größe, Form und Bildsamkeit
des menschlichen physischen Körpers noch in hohem
Grade nach den Eigenschaften der Seele richtete, so war die
Folge jenes Verrates auch in Veränderungen des Menschengeschlechtes
nach dieser Richtung hin zutage getreten. Wo die
Verderbtheit der Menschen besonders dadurch sich geltend
machte, daß übersinnliche Kräfte in den Dienst niederer Triebe,
Begierden und Leidenschaften gestellt wurden, da wurden unförmige,
an Größe und Form groteske Menschengestalten gebildet.
Diese konnten sich allerdings nicht über die atlantische Periode
hinaus erhalten. Sie starben aus. Die nachatlantische Menschheit
hat sich physisch aus denjenigen atlantischen Vorfahren herausgebildet,
bei denen schon eine solche Verfestigung der körperlichen
Gestalt eingetreten war, daß diese den nunmehr naturwidrig
gewordenen Seelenkräften nicht nachgaben. - Es gab
einen gewissen Zeitraum in der atlantischen Entwickelung, in
welchem für die Menschengestalt durch die in und um die Erde
herrschenden Gesetze gerade diejenigen Bedingungen herrschten,
unter denen sie sich verfestigen mußte. Diejenigen
Menschen-Rassen-Formen, welche sich vor diesem Zeitraum
verfestigt hatten, konnten sich zwar lange fortpflanzen, doch
wurden nach und nach die in ihnen sich verkörpernden Seelen so
beengt, daß die Rassen aussterben mußten. Allerdings erhielten
sich gerade manche von diesen Rassenformen bis in die nachatlantischen
Zeiten hinein; die genügend beweglich gebliebenen
in veränderter Form sogar sehr lange. Diejenigen Menschenformen,
welche über den charakterisierten Zeitraum hinaus bildsam
geblieben waren, wurden namentlich zu Körpern für solche
Seelen, welche in hohem Maße den schädlichen Einfluß des
gekennzeichneten Verrats erfahren haben. Sie waren zu baldigem
Aussterben bestimmt.
Es hatten sich demnach seit der Mitte der atlantischen Entwickelungszeit
Wesen im Bereich der Menschheitsentwickelung
geltend gemacht, welche dahin wirkten, daß der Mensch sich in
die sinnlich-physische Welt in einer ungeistigen Art hineinlebte.
Das konnte so weit gehen, daß ihm statt der wahren Gestalt dieser
Welt Trugbilder und Wahnphantome, Illusionen aller Art
erschienen. Nicht nur dem luziferischen Einfluß war der Mensch
ausgesetzt, sondern auch demjenigen dieser anderen Wesen, auf
die oben hingedeutet worden ist und deren Führer nach der Benennung,
die er später in der persischen Kultur erhalten hat,
Ahriman genannt werden möge. (Der Mephistopheles ist dasselbe
Wesen.) Durch diesen Einfluß kam der Mensch nach dem
Tode unter Gewalten, welche ihn auch da nur als ein Wesen
erscheinen ließen, welches den irdisch-sinnlichen Verhältnissen
zugewandt ist. Der freie Ausblick in die Vorgänge der geistigen
Welt wurde ihm immer mehr genommen. Er mußte sich in der
Gewalt des Ahriman fühlen und bis zu einem gewissen Maße
ausgeschlossen sein von der Gemeinschaft mit der geistigen
Welt.
Von besonderer Bedeutung war eine Orakelstätte, welche sich
in dem allgemeinen Niedergang den alten Dienst am reinsten
bewahrt hatte. Sie gehörte zu den Christus-Orakeln. Und deswegen
konnte sie nicht nur das Geheimnis des Christus selbst bewahren,
sondern auch die Geheimnisse der anderen Orakel. Denn
im Offenbarwerden des erhabensten Sonnengeistes wurden auch
die Führer des Saturn, Jupiter und so weiter enthüllt. Man kannte
im Sonnenorakel das Geheimnis, solche menschlichen Lebensleiber
bei diesem oder jenem Menschen hervorzubringen, wie sie
die besten der Eingeweihten des Jupiter, des Merkur usw. gehabt
haben. Man bewirkte mit den Mitteln, die man dazu hatte und
welche hier nicht weiter zu besprechen sind, daß die Abdrücke
der besten Lebensleiber der alten Eingeweihten sich erhielten
und späteren geeigneten Menschen eingeprägt wurden. Durch
die Venus-, Merkur- und Vulkan-Eingeweihten konnten solche
Vorgänge auch für die Astralleiber sich abspielen.
In einer gewissen Zeit sah sich der Führer der Christus-Eingeweihten
vereinsamt mit einigen Genossen, denen er die Geheimnisse
der Welt nur in einem sehr beschränkten Maße mitteilen
konnte. Denn diese Genossen waren solche Menschen, welche
als Naturanlage am wenigsten von der Trennung des physischen
und des Lebensleibes mitbekommen hatten. Solche Menschen
waren in diesem Zeitraum überhaupt die besten für den weiteren
Menschheitsfortschritt. Bei ihnen hatten sich allmählich immer
weniger die Erlebnisse im Bereich des Schlafzustandes eingestellt.
Die geistige Welt war ihnen immer mehr verschlossen
worden. Dafür fehlte ihnen aber auch das Verständnis für alles
das, was sich in alten Zeiten enthüllt hatte, wenn der Mensch
nicht in seinem physischen Leibe, sondern nur in seinem Lebensleibe
war. Die Menschen der unmittelbaren Umgebung jenes
Führers des Christus-Orakels waren am meisten vorgeschritten in
bezug auf die Vereinigung des früher von dem physischen Leibe
getrennt gewesenen Teiles des Lebensleibes mit jenem. Diese
Vereinigung stellte sich nun nach und nach in der Menschheit
ein als Folge der Umänderung, die mit dem atlantischen Wohnplatz
und der Erde überhaupt vor sich gegangen war. Der physische
Leib und der Lebensleib des Menschen kamen immer mehr
zur Deckung. Dadurch gingen die früheren unbegrenzten Fähigkeiten
des Gedächtnisses verloren, und das menschliche Gedankenleben
begann. Der mit dem physischen Leib verbundene Teil
des Lebensleibes wandelte das physische Gehirn zum eigentlichen
Denkwerkzeuge um, und der Mensch empfand eigentlich
erst von jetzt ab sein «Ich» im physischen Leibe. Es erwachte da
erst das Selbstbewußtsein. Das war nur bei einem geringen Teile
der Menschheit zunächst der Fall, vorzüglich bei den Genossen
des Führers des Christus-Orakels. Die anderen über Europa,
Asien und Afrika zerstreuten Menschenmassen bewahrten in den
verschiedensten Graden die Reste der alten Bewußtseinszustände.
Sie hatten daher eine unmittelbare Erfahrung von der übersinnlichen
Welt. - Die Genossen des Christus-Eingeweihten
waren Menschen mit hoch entwickeltem Verstande, aber von
allen Menschen jener Zeit hatten sie die geringsten Erfahrungen
auf übersinnlichem Gebiete. Mit ihnen zog jener Eingeweihte
von Westen nach Osten, nach einem Gebiete in Innerasien. Er
wollte sie möglichst behüten vor der Berührung mit den in der
Bewußtseinsentwickelung weniger vorgeschrittenen Menschen.
Er erzog diese Genossen im Sinne der ihm offenbaren Geheimnisse;
namentlich wirkte er in dieser Art auf deren Nachkommen.
So bildete er sich eine Schar von Menschen heran, welche in ihre
Herzen die Impulse aufgenommen hatten, die den Geheimnissen
der Christus-Einweihung entsprachen. Aus dieser Schar wählte
er die sieben besten aus, daß sie solche Lebensleiber und Astralleiber
haben konnten, welche den Abdrücken der Lebensleiber
der sieben besten atlantischen Eingeweihten entsprachen. So
erzog er je einen Nachfolger der Christus-, Saturn-, Jupiter-usw.
Eingeweihten. Diese sieben Eingeweihten wurden die Lehrer
und Führer derjenigen Menschen, welche in der nachatlantischen
Zeit den Süden von Asien, namentlich das alte Indien besiedelt
hatten. Da diese großen Lehrer eigentlich mit Nachbildern der
Lebensleiber ihrer geistigen Vorfahren begabt waren, reichte das,
was in ihrem Astralleibe war, nämlich ihr selbstverarbeitetes
Wissen und Erkennen, nicht bis zu dem, was ihnen durch ihren
Lebensleib enthüllt wurde. Sie mußten, wenn diese Offenbarungen
in ihnen sprechen sollten, ihr eigenes Wissen und Erkennen
zum Schweigen bringen. Dann sprachen aus ihnen und durch sie
die hohen Wesenheiten, welche auch für ihre geistigen Vorfahren
gesprochen hatten. Außer in den Zeiten, wo diese Wesenheiten
durch sie sprachen, waren sie schlichte Menschen, begabt mit
dem Maße von Verstandes- und Herzensbildung, das sie sich
selbst erarbeitet hatten.
In Indien wohnte damals eine Menschenart, welche von dem
alten Seelenzustande der Atlantier, der die Erfahrungen in der
geistigen Welt gestattete, sich vorzüglich eine lebendige Erinnerung
an denselben bewahrt hatte. Bei einer großen Anzahl
dieser Menschen war auch ein gewaltiger Zug des Herzens und
des Gemütes nach den Erlebnissen dieser übersinnlichen Welt
vorhanden. Durch eine weise Schicksalsführung war der
Hauptteil dieser Menschenart aus den besten Teilen der atlantischen
Bevölkerung nach Südasien gekommen. Außer diesem Hauptteil
waren andere Teile zu anderen Zeiten zugewandert. Für diesen
Menschenzusammenhang bestimmte der genannte Christus-
Eingeweihte zu Lehrern seine sieben großen Schüler. Sie gaben
diesem Volke ihre Weisheit und ihre Gebote. Nur geringer Vorbereitung
bedurfte mancher dieser alten Indier, um in sich rege
zu machen die kaum verlöschten Fähigkeiten, die zur Beobachtung
in der übersinnlichen Welt führten. Denn es war eigentlich
die Sehnsucht nach dieser Welt eine Grundstimmung der indischen
Seele. In dieser Welt, so empfand man, war die Urheimat
der Menschen. Aus dieser Welt sind sie herausversetzt in
diejenige, welche das äußere sinnliche Anschauen und der an
dieses Anschauen gebundene Verstand liefern kann. Die übersinnliche
Welt fühlte man als die wahre und die sinnliche als
eine Täuschung der menschlichen Wahrnehmung, eine Illusion
(Maja). Mit allen Mitteln strebte man darnach, sich den Einblick
in die wahre Welt zu eröffnen. Der illusorischen Sinnenwelt
vermochte man kein Interesse entgegenzubringen, oder doch nur
insofern, als sie sich als Schleier für die übersinnliche erweist.
Die Macht, die von den sieben großen Lehrern auf solche Menschen
ausgehen konnte, war gewaltig. Das, was durch sie geoffenbart
werden konnte, lebte sich tief in die indischen Seelen
ein. Und weil der Besitz der überkommenen Lebens- und Astralleiber
diesen Lehrern hohe Kräfte verlieh, so konnten sie auch
magisch auf ihre Schüler wirken. Sie lehrten eigentlich nicht. Sie
wirkten wie durch Zauberkräfte von Persönlichkeit zu Persönlichkeit.
So entstand eine Kultur, welche von übersinnlicher
Weisheit ganz durchdrungen war. Was in den Weisheitsbüchern
der Inder (in den Veden) enthalten ist, gibt nicht die ursprüngliche
Gestalt der hohen Weistümer, welche in der ältesten Zeit
durch die großen Lehrer gepflegt worden sind, sondern nur einen
schwachen Nachklang. Nur der rückwärts gewendete übersinnliche
Blick kann eine ungeschriebene Urweisheit hinter der geschriebenen
finden. Ein Zug, welcher in dieser Urweisheit besonders
hervortritt, ist das harmonische Zusammenklingen der
verschiedenen Orakel-Weisheiten der atlantischen Zeit. Denn ein
jeder der großen Lehrer konnte eine dieser Orakel-Weisheiten
enthüllen. Und die verschiedenen Seiten der Weisheit gaben
einen vollkommenen Einklang, weil hinter ihnen stand die
Grundweisheit der prophetischen Christus-Einweihung. Zwar
stellte derjenige Lehrer, welcher der geistige Nachfolger des
Christus-Eingeweihten war, nicht dasjenige dar, was der
Christus-Eingeweihte selbst enthüllen konnte. Dieser war im
Hintergrunde der Entwickelung geblieben. Zunächst konnte er
sein hohes Amt keinem Nachatlantier übertragen. Der Christus-
Eingeweihte der sieben großen indischen Lehrer unterschied sich
von ihm dadurch, daß er ja vollständig sein Schauen des
Christus-Geheimnisses in menschliche Vorstellungen hatte verarbeiten
können, während jener indische Christus-Eingeweihte
nur einen Abglanz dieses Geheimnisses in Sinnbildern und Zeichen
darstellen konnte. Denn sein menschlich erarbeitetes Vorstellen
reichte nicht bis zu diesem Geheimnisse. Aber aus der
Vereinigung der sieben Lehrer ergab sich in einem großen Weisheitsbilde
eine Erkenntnis der übersinnlichen Welt, von welcher
in dem alten atlantischen Orakel nur die einzelnen Glieder haben
verkündet werden können. Es wurden die großen Führerschaften
der kosmischen Welt enthüllt und leise hingewiesen auf den
einen großen Sonnengeist, den Verborgenen, der über denen
thront, welche durch die sieben Lehrer geoffenbart wurden.
Was hier unter «alten Indiern» verstanden wird, fällt nicht
zusammen mit demjenigen, was gewöhnlich darunter gemeint
wird. Äußere Dokumente aus jener Zeit, von der hier gesprochen
wird, gibt es nicht. Das gewöhnlich «Inder» genannte Volk entspricht
einer Entwickelungsstufe der Geschichte, welche sich erst
lange nach der hier gemeinten Zeit gebildet hat. Es ist eben zu
erkennen eine erste nachatlantische Erdenperiode, in welcher die
hier charakterisierte «indische» Kultur die herrschende war; dann
bildete sich eine zweite nachatlantische, in welcher dasjenige an
Kultur herrschend wurde, was später in dieser Schrift «urpersische
» genannt werden wird; und noch später entwickelte sich die
ebenfalls noch zu schildernde ägyptisch-chaldäische Kultur.
Während der Ausbildung dieser zweiten und dritten nachatlantischen
Kulturepoche erlebte auch das «alte» Indiertum eine zweite
und dritte Epoche. Und von dieser dritten Epoche gilt dasjenige,
was gewöhnlich vom alten Indien dargestellt wird. Man darf
also nicht dasjenige, was hier geschildert wird, auf das «alte Indien
» beziehen, von dem sonst die Rede ist.
Ein andrer Zug dieser altindischen Kultur ist derjenige, welcher
später zur Einteilung der Menschen in Kasten führte. Die in
Indien Wohnenden waren Nachkommen von Atlantiern, die zu
verschiedenen Menschenarten, Saturn-, Jupiter- usw. Menschen
gehörten. Durch die übersinnlichen Lehren wurde begriffen, daß
eine Seele nicht durch Zufall in diese oder jene Kaste versetzt
wurde, sondern dadurch, daß sie sich selbst für dieselbe bestimmt
hatte. Ein solches Begreifen der übersinnlichen Lehren
wurde hier insbesondere dadurch erleichtert, daß bei vielen Menschen
die oben charakterisierten inneren Erinnerungen an die
Vorfahren rege gemacht werden konnten, welche allerdings auch
leicht zu einer irrtümlichen Idee von der Wiederverkörperung
führten. Wie in dem atlantischen Zeitalter nur durch die Eingeweihten
die wahre Idee der Wiederverkörperung erlangt werden
konnte, so im ältesten Indien nur durch die unmittelbare Berührung
mit den großen Lehrern. Jene oben erwähnte irrtümliche
Idee von der Wiederverkörperung fand allerdings bei den Völkern,
welche sich infolge des Untergangs der Atlantis über Europa,
Asien und Afrika verbreiteten, die denkbar größte Ausdehnung.
Und weil diejenigen Eingeweihten, welche während der
atlantischen Entwickelung auf Abwege geraten waren, auch
dieses Geheimnis Unreifen mitgeteilt hatten, so gerieten die
Menschen immer mehr zu einer Verwechselung der wahren mit
der irrtümlichen Idee. Es war ja diesen Menschen wie eine Erbschaft
der atlantischen Zeit eine Art dämmerhaften Hellsehens
vielfach geblieben. Wie die Atlantier im Schlafe in den Bereich
der geistigen Welt kamen, so erlebten ihre Nachkommen in
abnormen Zwischenzuständen zwischen Wachen und Schlaf
diese geistige Welt. Da traten in ihnen die Bilder alter Zeit auf,
der ihre Vorfahren angehört hatten. Sie hielten sich für Wiederverkörperungen
von Menschen, welche in solcher Zeit gelebt
hatten. Lehren über die Wiederverkörperung, welche mit den
echten Ideen der Eingeweihten im Widerspruch standen, breiteten
sich über den ganzen Erdkreis aus.
In den vorderasiatischen Gebieten hatte sich als Ergebnis der
langdauernden Wanderzüge, die sich seit dem Beginne der atlantischen
Zerstörung von Westen nach Osten bewegten, ein Volkszusammenhang
seßhaft gemacht, dessen Nachkommenschaft die
Geschichte als das persische Volk und die mit diesem verwandten
Stämme kennt. Die übersinnliche Erkenntnis muß allerdings
zu viel früheren Zeiten zurückgehen als zu den geschichtlichen
dieser Völker. Zunächst ist die Rede von sehr frühen Vorfahren
der späteren Perser, unter denen das zweite große Kulturzeitalter
der nachatlantischen Entwickelung, nach dem indischen, entstand.
Die Völker dieses zweiten Zeitalters hatten eine andere
Aufgabe als die indischen. Sie waren mit ihren Sehnsuchten und
Neigungen nicht bloß der übersinnlichen Welt zugewendet; sie
waren veranlagt für die physisch-sinnliche Welt. Sie gewannen
die Erde lieb. Sie schätzten, was sich der Mensch auf dieser
erobern und was er durch ihre Kräfte gewinnen kann. Was sie als
Kriegsvolk vollführten und auch was sie als Mittel erfanden, um
der Erde ihre Schätze abzugewinnen, steht im Zusammenhang
mit dieser Eigenart ihres Wesens. Bei ihnen war nicht die Gefahr
vorhanden, daß sie durch ihre Sehnsucht nach dem Übersinnlichen
sich völlig abkehren könnten von der «Illusion» des
Physisch-Sinnlichen, sondern eher diejenige, daß sie durch ihren
Sinn für dieses den seelischen Zusammenhang mit der übersinnlichen
Welt ganz verlieren könnten. Auch die Orakelstätten,
welche sich aus dem alten atlantischen Gebiet hierher verpflanzt
hatten, trugen in ihrer Art den allgemeinen Charakter des Volkes.
Es wurde da von Kräften, die man sich einstmals durch die Erlebnisse
der übersinnlichen Welt hatte aneignen können und
welche man in gewissen niederen Formen noch beherrschen
konnte, dasjenige gepflegt, was die Erscheinungen der Natur so
lenkt, daß sie den persönlichen Interessen des Menschen dienen.
Dieses alte Volk hatte noch eine große Macht in der Beherrschung
solcher Naturkräfte, die später vor dem menschlichen
Willen sich zurückzogen. Die Hüter der Orakel geboten über
innere Kräfte, welche mit dem Feuer und andern Elementen in
Zusammenhang standen. Man kann sie Magier nennen. Was sie
sich als Erbschaft von übersinnlicher Erkenntnis und übersinnlichen
Kräften aus alten Zeiten bewahrt hatten, war allerdings
schwach im Verhältnis zu dem, was der Mensch in urferner
Vergangenheit vermochte. Aber es nahm doch alle Formen an,
von edlen Künsten, die nur das Menschenheil im Auge hatten,
bis zu den verwerflichsten Verrichtungen. In diesen Menschen
waltete das luziferische Wesen auf eine besondere Art. Es hatte
sie mit allem in Zusammenhang gebracht, was den Menschen
von den Absichten derjenigen höheren Wesen ablenkt, welche
ohne den luziferischen Einschlag allein die Menschheitsentwikkelung
vorwärts gelenkt hätten. Auch diejenigen Glieder dieses
Volkes, welche noch mit Resten des alten hellseherischen Zustandes,
des oben geschilderten Zwischenzustandes zwischen
Wachen und Schlafen, begabt waren, fühlten sich zu den niederen
Wesen der geistigen Welt sehr hingezogen. Es mußte diesem
Volke ein geistiger Antrieb gegeben werden, welcher diesen
Charaktereigenschaften entgegenwirkte. Ihm wurde aus derselben
Quelle, aus welcher auch das alte indische Geistesleben kam,
von dem Bewahrer der Geheimnisse des Sonnenorakels, eine
Führerschaft gegeben.
Der Führer der urpersischen Geisteskultur, der von jenem
Hüter des Sonnenorakels dem in Rede stehenden Volke gegeben
wurde, kann mit demselben Namen bezeichnet werden, welchen
die Geschichte als Zarathustra oder Zoroaster kennt. Nur muß
betont werden, daß die hier gemeinte Persönlichkeit einer viel
früheren Zeit angehört, als die ist, in welche die Geschichte den
Träger dieses Namens setzt. Doch kommt es hier nicht auf die
äußere geschichtliche Forschung, sondern auf Geisteswissenschaft
an. Und wer an eine spätere Zeit bei dem Träger des
Zarathustra-Namens denken muß, der mag den Einklang mit der
Geisteswissenschaft darin suchen, daß er sich einen Nachfolger
des ersten großen Zarathustra vorstellt, der dessen Namen angenommen
hat und im Sinne von dessen Lehre wirkte. - Der
Antrieb, den Zarathustra seinem Volke zu geben hatte, bestand
darin, daß er es darauf hinwies, wie die sinnlich-physische Welt
nicht bloß das Geistlose ist, das dem Menschen entgegentritt,
wenn er sich unter den ausschließlichen Einfluß des luziferischen
Wesens begibt. Diesem Wesen verdankt der Mensch seine persönliche
Selbständigkeit und sein Freiheitsgefühl. Es soll aber in
ihm im Einklang mit dem entgegengesetzten geistigen Wesen
wirken. Bei dem urpersischen Volke kam es darauf an, den Sinn
rege zu erhalten für dies letztere geistige Wesen. Durch seine
Neigung für die sinnlich-physische Welt drohte ihm die vollständige
Verschmelzung mit den luziferischen Wesen. Zarathustra
hatte nun durch den Hüter des Sonnen-Orakels eine solche
Einweihung erhalten, daß ihm die Offenbarungen der hohen
Sonnenwesen zuteil werden konnten. In besonderen Zuständen
seines Bewußtseins, zu denen ihn seine Schulung geführt hatte,
konnte er den Führer der Sonnenwesen schauen, welcher den
menschlichen Lebensleib in der oben geschilderten Art in seinen
Schutz genommen hatte. Er wußte, daß dieses Wesen die Führung
der Menschheitsentwickelung lenkt, daß es aber erst zu
einer gewissen Zeit aus dem Weltenraum auf die Erde herniedersteigen
konnte. Dazu ist notwendig, daß es ebenso im Astralleibe
eines Menschen leben konnte, wie es seit dem Einschlag des
luziferischen Wesens im Lebensleibe wirkte. Es mußte ein
Mensch dazu erscheinen, der den Astralleib wieder auf eine
solche Stufe zurückverwandelt hatte, wie sie dieser ohne Luzifer
zu einer gewissen andern Zeit (in der Mitte der atlantischen
Entwickelung) erlangt haben würde. Wäre Luzifer nicht gekommen,
so wäre der Mensch zwar früher zu dieser Stufe gelangt,
aber ohne persönliche Selbständigkeit und ohne die Möglichkeit
der Freiheit. Nunmehr aber sollte trotz dieser Eigenschaften der
Mensch wieder zu dieser Höhe kommen. Zarathustra sah in
seinen Seherzuständen voraus, daß in der Zukunft innerhalb der
Menschheitsentwickelung eine Persönlichkeit möglich sein würde,
welche einen solch entsprechenden Astralleib haben würde.
Aber er wußte auch, daß vor dieser Zeit die geistigen Sonnenkräfte
nicht auf Erden gefunden werden können, daß sie aber von
der übersinnlichen Anschauung im Bereich des geistigen Teiles
der Sonne wahrgenommen werden können. Er konnte diese
Kräfte schauen, wenn er seinen Seherblick auf die Sonne lenkte.
Und er verkündigte seinem Volke das Wesen dieser Kräfte, die
vorerst nur in der geistigen Welt zu finden waren und später auf
die Erde herabsteigen sollten. Es war dies die Verkündigung des
großen Sonnen- oder Lichtgeistes (der Sonnen-Aura, Ahuramazdao,
Ormuzd). Dieser Lichtgeist offenbart sich für Zarathustra
und seine Anhänger als der Geist, der dem Menschen sein
Antlitz aus der geistigen Welt zuwendet und der innerhalb der
Menschheit die Zukunft vorbereitet. Es ist der auf Christus vor
seiner Erscheinung auf Erden auf diesen hinweisende Geist, den
Zarathustra als den Lichtgeist verkündet. Dagegen stellt er in
Ahriman (Angra mainju) eine Macht dar, welche durch ihren
Einfluß auf das menschliche Seelenleben verderblich wirkt,
wenn dieses sich ihr einseitig hingibt. Es ist diese Macht keine
andere als die schon oben charakterisierte, welche seit dem Verrat
der Vulkan-Geheimnisse eine besondere Herrschaft auf der
Erde erlangt hatte. Neben der Botschaft von dem Lichtgotte
wurden von Zarathustra Lehren von denjenigen geistigen Wesenheiten
verkündet, die dem geläuterten Sinn des Sehers als Genossen
des Lichtgeistes offenbar werden und zu denen die Versucher
einen Gegensatz bildeten, welche dem ungeläuterten Reste
der Hellsichtigkeit erschienen, der sich aus der atlantischen Zeit
erhalten hatte. Es sollte dem urpersischen Volke klar gemacht
werden, wie in der Menschenseele, insofern diese dem Wirken
und Streben in der sinnlich-physischen Welt zugewandt ist, sich
ein Kampf zwischen der Macht des Lichtgottes und der seines
Gegners abspielt und wie sich der Mensch zu verhalten habe,
damit ihn der letztere nicht in den Abgrund führe, sondern sein
Einfluß durch die Kraft des ersteren ins Gute gelenkt werde.
Eine dritte Kulturepoche der nachatlantischen Zeit wurde bei
den Völkern geboren, die durch die Wanderzüge zuletzt in Vorderasien
und Nordafrika zusammengeströmt waren. Bei den
Chaldäern, Babyloniern, Assyrern einerseits, bei den Ägyptern
andererseits bildete sie sich aus. Bei diesen Völkern war der Sinn
für die physisch-sinnliche Welt noch in einer andern Art ausgebildet
als bei den Urpersern. Sie hatten viel mehr als andere in
sich aufgenommen von der Geistesanlage, welche dem seit den
letzten atlantischen Zeiten erstandenen Denkvermögen, der Verstandesbegabung,
die Grundlage gibt. Es war ja die Aufgabe der
nachatlantischen Menschheit, diejenigen Seelenfähigkeiten in
sich zu entfalten, welche gewonnen werden konnten durch die
erwachten Gedanken- und Gemütskräfte, die nicht von der geistigen
Welt unmittelbar angeregt werden, sondern dadurch entstehen,
daß der Mensch die Sinnenwelt betrachtet, sich in ihr
einlebt und sie bearbeitet. Die Eroberung dieser sinnlich-physischen
Welt durch jene menschlichen Fähigkeiten muß als die
Mission des nachatlantischen Menschen angesehen werden. Von
Stufe zu Stufe schreitet diese Eroberung vorwärts. Im alten Indien
ist zwar der Mensch durch seine Seelenverfassung schon
auf diese Welt gerichtet. Er sieht sie aber noch als Illusion an,
und sein Geist ist der übersinnlichen Welt zugewendet. Im urpersischen
Volke tritt im Gegensatz dazu das Bestreben auf, die
physisch-sinnliche Welt zu erobern; aber dies wird zum großen
Teil noch mit jenen Seelenkräften versucht, welche als Erbstück
aus einer Zeit geblieben sind, da der Mensch unmittelbar zur
übersinnlichen Welt hinaufreichen konnte. Bei den Völkern der
dritten Kulturepoche ist die Seele der übersinnlichen Fähigkeiten
zum großen Teile verlustig gegangen. Sie muß in der sinnlichen
Umwelt die Offenbarungen des Geistigen erforschen und durch
die Entdeckung und Erfindung der aus dieser Welt sich ergebenden
Kulturmittel sich weiter bilden. Dadurch, daß aus der
physisch-sinnlichen Welt die Gesetze des hinter ihr stehenden
Geistigen erforscht wurden, entstanden die menschlichen Wissenschaften;
dadurch, daß die Kräfte dieser Welt erkannt und
verarbeitet wurden, die menschliche Technik, die künstlerische
Arbeit und deren Werkzeuge und Mittel. Dem Menschen der
chaldäisch-babylonischen Völker war die Sinnenwelt nicht mehr
eine Illusion, sondern in ihren Reichen, in Bergen und Meeren,
in Luft und Wasser, eine Offenbarung der geistigen Taten dahinterstehender
Mächte, deren Gesetze er zu erkennen trachtete.
Dem Ägypter war die Erde ein Feld seiner Arbeit, das ihm in
einem Zustand übergeben wurde, den er durch seine eigenen
Verstandeskräfte so umzuwandeln hatte, daß er als Abdruck
menschlicher Macht erschien. Nach Ägypten waren von der
Atlantis her Orakelstätten verpflanzt worden, welche vorzugsweise
dem Merkur-Orakel entstammten. Doch gab es auch andere,
zum Beispiel Venus-Orakel. In dasjenige, was durch diese
Orakelstätten im ägyptischen Volke gepflegt werden konnte,
wurde ein neuer Kulturkeim gesenkt. Er ging aus von einem
großen Führer, welcher seine Schulung innerhalb der persischen
Zarathustra-Geheimnisse genossen hatte. (Er war die wiederverkörperte
Persönlichkeit eines Jüngers des großen Zarathustra
selbst.) Er sei in Anlehnung an einen geschichtlichen Namen
«Hermes» genannt. Durch das Aufnehmen der Zarathustra-Geheimnisse
konnte er den rechten Weg für die Lenkung des ägyptischen
Volkes finden. Dieses Volk hatte im irdischen Leben,
zwischen Geburt und Tod, den Sinn der physisch-sinnlichen
Welt so zugelenkt, daß es zwar unmittelbar die dahinterstehende
Geisteswelt nur in beschränktem Maße schauen konnte, aber in
jener Welt die Gesetze dieser erkannte. So konnte ihm die geistige
Welt nicht als diejenige gelehrt werden, in welche es sich auf
der Erde einleben konnte. Dafür aber konnte ihm gezeigt werden,
wie der Mensch im leibfreien Zustande nach dem Tode leben
werde mit der Welt der Geister, welche während der Erdenzeit
durch ihren Abdruck in dem Reiche des Sinnlich-Physischen
erscheinen. Hermes lehrte: insoweit der Mensch seine Kräfte auf
der Erde dazu verwendet, um in dieser nach den Absichten der
geistigen Mächte zu wirken, macht er sich fähig, nach dem Tode
mit diesen Mächten vereinigt zu sein. Insbesondere werden diejenigen,
welche am eifrigsten in dieser Richtung zwischen Geburt
und Tod gewirkt haben, mit der hohen Sonnenwesenheit -
mit Osiris - vereinigt werden. Auf der chaldäisch-babylonischen
Seite dieser Kulturströmung machte sich die Hinlenkung des
Menschensinns zum Physisch-Sinnlichen mehr geltend als auf
der ägyptischen. Es wurden die Gesetze dieser Welt erforscht
und aus den sinnlichen Abbildern auf die geistigen Urbilder
geschaut. Doch blieb das Volk am Sinnlichen in vielfacher Beziehung
haften. Statt des Sternengeistes wurde der Stern und statt
anderer Geistwesen deren irdische Abbilder in den Vordergrund
geschoben. Nur die Führer erlangten eigentliche tiefe Erkenntnisse
in bezug auf die Gesetze der übersinnlichen Welt und ihres
Zusammenwirkens mit der sinnlichen. Stärker als sonst irgendwo
machte sich hier ein Gegensatz zwischen den Erkenntnissen der
Eingeweihten und dem verirrten Glauben des Volkes geltend.
Ganz andere Verhältnisse waren in den Gegenden Südeuropas
und Westasiens, wo die vierte nachatlantische Kulturepoche
aufblühte. Man kann sie die griechisch-lateinische nennen. In
diesen Landern waren die Nachkommen der Menschen aus den
verschiedensten Gegenden der älteren Welt zusammengeströmt.
Es gab Orakelstätten, welche den mannigfachen atlantischen
Orakeln nachlebten. Es gab Menschen, welche als natürliche
Anlage Erbstücke des alten Hellsehens in sich hatten, und solche,
welche sie verhältnismäßig leicht durch Schulung erlangen konnten.
An besonderen Orten wurden nicht nur die Überlieferungen
der alten Eingeweihten bewahrt, sondern es erstanden an ihnen
würdige Nachfolger derselben, welche Schüler heranzogen, die
sich zu hohen Stufen geistigen Schauens erheben konnten. Dabei
hatten diese Völker den Trieb in sich, innerhalb der sinnlichen
Welt ein Gebiet zu schaffen, welches in dem Physischen das
Geistige in vollkommener Form ausdrückt. Neben vielem andern
ist die griechische Kunst eine Folge dieses Triebes. Man braucht
nur mit dem geistigen Auge den griechischen Tempel zu durchschauen,
und man wird erkennen, wie in einem solchen Wunderwerk
der Kunst das Sinnlich-Stoffliche von dem Menschen so
bearbeitet ist, daß es in jedem Gliede als der Ausdruck des Geistigen
erscheint. Der griechische Tempel ist das «Haus des Geistes
». Man nimmt in seinen Formen wahr, was sonst nur das
geistige Auge des übersinnlich Schauenden erkennt. Ein Zeus-
(oder Jupiter-)Tempel ist so gestaltet, daß er für das sinnliche
Auge eine würdige Umhüllung dessen darstellt, was der Hüter
der Zeus- oder Jupiter-Einweihung mit geistigem Auge schaute.
Und so ist es mit aller griechischen Kunst. Auf geheimnisvollen
Wegen flössen die Weistümer der Eingeweihten in die Dichter,
Künstler und Denker. In den Weltanschauungsgebäuden der
alten griechischen Philosophen findet man die Geheimnisse der
Eingeweihten in Form von Begriffen und Ideen wieder. Und es
strömten die Einflüsse des geistigen Lebens, die Geheimnisse der
asiatischen und afrikanischen Einweihungsstätten diesen Völkern
und ihren Führern zu. Die großen indischen Lehrer, die Genossen
Zarathustras, die Anhänger des Hermes hatten ihre Schüler
herangezogen. Diese oder deren Nachfolger begründeten nun
Einweihungsstätten, in denen die alten Weistümer in neuer Form
wieder auflebten. Es sind die Mysterien des Altertums. Man
bereitete da die Schüler vor, um sie dann in jene Bewußtseinszustände
zu bringen, durch welche sie das Schauen in die geistige
Welt erlangen konnten. (Man findet einiges Nähere über diese
Mysterien des Altertums in meinem Buche: «Das Christentum
als mystische Tatsache». Anderes darüber wird in den letzten
Kapiteln dieses Buches gesagt werden.) Aus diesen Einweihungsstätten
flossen die Weistümer denen zu, welche in
Kleinasien, in Griechenland und Italien die geistigen Geheimnisse
pflegten. (In der griechischen Welt entstanden in den orphischen
und eleusinischen Mysterien wichtige Einweihungsstätten.
In der Weisheitsschule des Pythagoras wirkten die großen Weisheitslehren
und Weisheitsmethoden der Vorzeit nach. Auf
großen Reisen war Pythagoras in die Geheimnisse der verschiedensten
Mysterien eingeweiht worden.)
Das Leben des Menschen - in der nachatlantischen Zeit -
zwischen Geburt und Tod hatte aber auch seinen Einfluß auf den
leibfreien Zustand nach dem Tode. Je mehr der Mensch seine
Interessen der physisch-sinnlichen Welt zukehrte, um so größer
war die Möglichkeit, daß sich Ahriman während des Erdenlebens
in die Seele einlebte und dann seine Gewalt über den Tod hinaus
behielt. Bei den Völkern des alten Indien war diese Gefahr noch
am geringsten. Denn sie hatten während des Erdenlebens die
physisch-sinnliche Welt als Illusion empfunden. Dadurch entzogen
sie sich nach dem Tode der Macht Ahrimans. Um so größer
war die Gefahr für die urpersischen Völker. Sie hatten in der Zeit
zwischen Geburt und Tod den Blick mit Interesse auf die
sinnlich-physische Welt gerichtet. Sie wären in hohem Maße
Ahrimans Umgarnungen verfallen, wenn nicht Zarathustra in
eindrucksvoller Art durch die Lehre des Lichtgottes darauf hingedeutet
hätte, daß hinter der physisch-sinnlichen Welt diejenige
der Lichtgeister steht. Soviel die Menschen dieser Kultur aus der
so erregten Vorstellungswelt in die Seele aufgenommen hatten,
ebensoviel entzogen sie sich für das Erdenleben den Fangarmen
Ahrimans und damit auch für das Leben nach dem Tode, durch
das sie sich auf ein neues Erdenleben vorbereiten sollten. Im
Erdenleben führt die Gewalt Ahrimans dazu, das sinnlich-physische
Dasein als das einzige anzusehen und sich dadurch jeden
Ausblick auf eine geistige Welt zu versperren. In der geistigen
Welt bringt diese Gewalt den Menschen zur völligen Vereinsamung,
zur Hinlenkung aller Interessen nur auf sich. Menschen,
welche beim Tode in Ahrimans Gewalt sind, werden als Egoisten
wiedergeboren.
Man kann gegenwärtig innerhalb der Geisteswissenschaft das
Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt so beschreiben,
wie es ist, wenn der ahrimanische Einfluß bis zu einem
gewissen Grade überwunden ist. Und so ist es von dem Schreiber
dieses Buches in anderen Schriften und in den ersten Kapiteln
der vorliegenden geschildert worden. Und so muß es geschildert
werden, wenn anschaulich werden soll, was in dieser Daseinsform
von dem Menschen erlebt werden kann, wenn er sich den
reinen Geistesblick für das wirklich Vorhandene erobert hat.
Inwieweit es der einzelne mehr oder weniger erlebt, hängt von
seiner Besiegung des ahrimanischen Einflusses ab. Der Mensch
nähert sich dem, was er sein kann in der geistigen Welt, immer
mehr und mehr. Wie dies, was da der Mensch sein kann, beeinträchtigt
wird von anderen Einflüssen, muß hier beim Betrachten
des Entwickelungsganges der Menschheit doch scharf ins Auge
gefaßt werden.
Bei dem ägyptischen Volke sorgte Hermes dafür, daß die
Menschen während des Erdenlebens sich zur Gemeinschaft mit
dem Lichtgeist vorbereiteten. Weil aber während dieser Zeit die
Interessen der Menschen zwischen Geburt und Tod schon so
gestaltet waren, daß durch den Schleier des Physisch-Sinnlichen
nur in geringem Grade hindurchgeschaut werden konnte, so blieb
auch der geistige Blick der Seele nach dem Tode getrübt. Die
Wahrnehmung der Lichtwelt blieb matt. - Einen Höhepunkt
erreichte die Verschleierung der geistigen Welt nach dem Tode
für jene Seelen, welche aus einem Leibe der griechischlateinischen
Kultur in den leibfreien Zustand übergingen. Sie hatten im
Erdenleben die Pflege des sinnlich-physischen Daseins zur Blüte
gebracht. Und damit hatten sie sich zu einem Schattendasein
nach dem Tode verurteilt. Daher empfand der Grieche dieses
Leben nach dem Tode als ein Schattendasein; und es ist nicht
bloßes Gerede, sondern die Empfindung der Wahrheit, wenn der
dem Sinnenleben zugewandte Held dieser Zeit sagt: «Lieber ein
Bettler auf der Erde, als ein König im Reich der Schatten.» Noch
ausgeprägter war dies alles bei jenen asiatischen Völkern, die
auch in ihrer Verehrung und Anbetung den Blick nur auf die
sinnlichen Abbilder statt auf die geistigen Urbilder gerichtet
hatten. Ein großer Teil der Menschheit war zur Zeit der
griechisch-lateinischen Kulturperiode in der geschilderten Lage.
Man sieht, wie die Mission des Menschen in der nachatlantischen
Zeit, welche in der Eroberung der physisch-sinnlichen
Welt bestand notwendig zur Entfremdung von der geistigen Welt
führen mußte. So hängt das Große auf der einen Seite mit dem
Verfall auf der anderen ganz notwendig zusammen. - In den
Mysterien wurde der Zusammenhang des Menschen mit der
geistigen Welt gepflegt. Ihre Eingeweihten konnten in besonderen
Seelenzuständen die Offenbarungen aus dieser Welt empfangen.
Sie waren mehr oder weniger die Nachfolger der atlantischen
Orakelhüter. Ihnen wurde enthüllt, was verhüllt war durch
die Einschläge Luzifers und Ahrimans. Luzifer verhüllte für den
Menschen dasjenige aus der geistigen Welt, was in den menschlichen
Astralleib ohne dessen Zutun bis zur Mitte der atlantischen
Zeit eingeströmt war. Falls der Lebensleib nicht vom physischen
Leib teilweise getrennt worden wäre, hätte dieses Gebiet
der geistigen Welt der Mensch wie eine innere Seelenoffenbarung
in sich erleben können. Durch den luziferischen Einschlag
konnte er es nur in besonderen Seelenzuständen. Da erschien
ihm eine geistige Welt im Kleide des Astralischen. Die entsprechenden
Wesen offenbarten sich durch solche Gestalten, welche
bloß die Glieder der höheren Menschennatur an sich trugen, und
an diesen Gliedern die astralisch-sichtbaren Sinnbilder für ihre
besonderen geistigen Kräfte. Übermenschliche Gestalten offenbarten
sich auf diese Art. - Nach dem Eingriff Ahrimans kam zu
dieser Art von Einweihung noch eine andere. Ahriman hat verhüllt
alles dasjenige aus der geistigen Welt, was hinter der
sinnlich-physischen Wahrnehmung erschienen wäre, wenn von
der Mitte der atlantischen Epoche an sein Eingriff nicht erfolgt
wäre. Daß den Eingeweihten dies enthüllt wurde, verdankten sie
dem Umstande, daß sie alle jene Fähigkeiten, welche der Mensch
seit jener Zeit erlangt hatte, über das Maß hinaus in der Seele
übten, durch welches die Eindrücke des sinnlich-physischen
Daseins erzielt werden. Es offenbarte sich ihnen dadurch, was als
geistige Mächte hinter den Naturkräften liegt. Sie konnten sprechen
von den geistigen Wesenheiten hinter der Natur. Die schöpferischen
Mächte derjenigen Kräfte enthüllten sich ihnen, die in
dem Natürlichen wirken, das unter dem Menschen steht. Was
von Saturn, Sonne und dem alten Monde her fortgewirkt hat und
des Menschen physischen Leib, seinen Lebensleib, seinen astralischen
Leib gebildet hatte, sowie das mineralische, das pflanzliche,
das tierische Reich, das bildete den Inhalt der einen Art von
Mysterien-Geheimnissen. Es waren diejenigen, über welche
Ahriman die Hand hielt. Was zur Empfindungsseele, zur Verstandesseele,
zur Bewußtseinsseele geführt hatte, das wurde in
einer zweiten Art von Mysterien-Geheimnissen geoffenbart. Was
aber von den Mysterien nur prophezeit werden konnte, das war,
daß in der Zeiten Lauf ein Mensch erscheinen werde mit einem
solchen Astralleib, daß in diesem trotz Luzifer die Lichtwelt des
Sonnengeistes durch den Lebensleib ohne besondere Seelenzustände
werde bewußt werden können. Und der physische Leib
dieses Menschenwesens mußte so sein, daß für dasselbe offenbar
würde alles dasjenige aus der geistigen Welt, was bis zum physischen
Tode hin von Ahriman verhüllt werden kann. Der physische
Tod kann für dieses Menschenwesen nichts innerhalb des
Lebens andern, das heißt keine Gewalt über dasselbe haben. In
einem solchen Menschenwesen kommt das «Ich» so zur Erscheinung,
daß im physischen Leben zugleich das volle geistige enthalten
ist. Ein solches Wesen ist Träger des Lichtgeistes, zu dem
sich der Eingeweihte von zwei Seiten aus erhebt, indem er entweder
zu dem Geist des Übermenschlichen oder zu dem Wesen
der Naturmächte in besonderen Seelenzuständen geführt wird.
Indem die Eingeweihten der Mysterien voraussagten, daß ein
solches Menschenwesen im Laufe der Zeit erscheinen werde,
waren sie die Propheten des Christus.
Als der besondere Prophet in diesem Sinne erstand eine Persönlichkeit
inmitten eines Volkes, welches durch natürliche
Vererbung die Eigenschaften der vorderasiatischen Völker und
durch Erziehung die Lehren der Ägypter in sich hatte, des israelitischen
Volkes. Es war Moses. In seine Seele war so viel von den
Einflüssen der Einweihung gekommen, daß dieser Seele in besonderen
Zuständen das Wesen sich offenbarte, das einstmals in
der regelmäßigen Erdenentwickelung die Rolle übernommen
hatte, vom Monde aus das menschliche Bewußtsein zu gestalten.
In Blitz und Donner erkannte Moses nicht bloß die physischen
Erscheinungen, sondern die Offenbarungen des gekennzeichneten
Geistes. Aber zugleich hatte auf seine Seele gewirkt die
andere Art von Mysterien-Geheimnissen, und so vernahm er in
den astralischen Schauungen das Übermenschliche, wie es zum
Menschlichen durch das «Ich» wird. So enthüllte sich Moses
derjenige, welcher kommen mußte, von zwei Seiten her als die
höchste Form des «Ich».
Und mit «Christus» erschien in menschlicher Gestalt, was das
hohe Sonnenwesen als das große menschliche Erdenvorbild
vorbereitet hatte. Mit dieser Erscheinung mußte alle Mysterien-
Weisheit in gewisser Beziehung eine neue Form annehmen.
Vorher war diese ausschließlich dazu da, den Menschen dazu zu
bringen, sich in einen solchen Seelenzustand zu versetzen, daß er
das Reich des Sonnengeistes außer der irdischen Entwickelung
schauen konnte. Nunmehr bekamen die Mysterien-Weistümer
die Aufgabe, den Menschen fähig zu machen, den menschgewordenen
Christus zu erkennen und von diesem Mittelpunkte aller
Weisheit aus die natürliche und die geistige Welt zu verstehen.
In jenem Augenblicke seines Lebens, in welchem der Astralleib
des Christus Jesus alles das in sich hatte, was durch den
luziferischen Einschlag verhüllt werden kann, begann sein Auftreten
als Lehrer der Menschheit. Von diesem Augenblicke an
war in die menschliche Erdenentwickelung die Anlage eingepflanzt,
die Weisheit aufzunehmen, durch welche nach und nach
das physische Erdenziel erreicht werden kann. In jenem Augenblicke,
da sich das Ereignis von Golgatha vollzog, war die andere
Anlage in die Menschheit eingeimpft, wodurch der Einfluß
Ahrimans zum Guten gewendet werden kann. Aus dem Leben
heraus kann nunmehr der Mensch durch das Tor des Todes hindurch
das mitnehmen, was ihn befreit von der Vereinsamung in
der geistigen Welt. Nicht nur für die physische Menschheitsentwickelung
steht das Ereignis von Palästina im Mittelpunkte,
sondern auch für die übrigen Welten, denen der Mensch angehört.
Und als sich das «Mysterium von Golgatha» vollzogen
hatte, als der «Tod des Kreuzes» erlitten war, da erschien der
Christus in jener Welt, in welcher die Seelen nach dem Tode
weilen, und wies die Macht Ahrimans in ihre Schranken. Von
diesem Augenblicke an war das Gebiet, das von den Griechen
ein «Schattenreich» genannt worden war, von jenem Geistesblitz
durchzuckt, der seinen Wesen zeigte, daß wieder Licht in dasselbe
kommen sollte. Was durch das «Mysterium von Golgatha»
für die physische Welt erlangt war, das warf sein Licht hinein in
die geistige Welt. - So war die nachatlantische Menschheitsentwickelung
bis zu diesem Ereignis hin ein Aufstieg für die
physisch-sinnliche Welt. Aber sie war auch ein Niedergang für
die geistige. Alles, was in die sinnliche Welt floß, das entströmte
dem, was in der geistigen seit uralten Zeiten schon war. Seit dem
Christus-Ereignis können die Menschen, welche sich zu dem
Christus-Geheimnis erheben, aus der sinnlichen Welt in die
geistige das Errungene hinübernehmen. Und aus dieser fließt es
dann wieder in die irdisch-sinnliche zurück, indem die Menschen
bei ihrer Wiederverkörperung dasjenige mitbringen, was ihnen
der Christus-Impuls in der geistigen Welt zwischen dem Tode
und einer neuen Geburt geworden ist.
Was durch die Christus-Erscheinung der Menschheitsentwikkelung
zugeflossen ist, wirkte wie ein Same in derselben. Der
Same kann nur allmählich reifen. Nur der allergeringste Teil der
Tiefen der neuen Weistümer ist bis auf die Gegenwart herein in
das physische Dasein eingeflossen. Dieses steht erst im Anfange
der christlichen Entwickelung. Diese konnte in den aufeinand308
erfolgenden Zeiträumen, die seit jener Erscheinung verflossen
sind, nur immer so viel von ihrem inneren Wesen enthüllen, als
die Menschen, die Völker fähig waren, zu empfangen, als diese
in ihr Vorstellungsvermögen aufnehmen konnten. Die erste
Form, in welche sich dieses Erkennen gießen konnte, läßt sich
als ein umfassendes Lebensideal aussprechen. Als solches stellte
es sich entgegen dem, was in der nachatlantischen Menschheit
sich als Lebensformen herausgebildet hatte. Es sind oben die
Verhältnisse geschildert worden, welche in der Entwickelung der
Menschheit seit der Wiederbevölkerung der Erde in der lemurischen
Zeit gewirkt haben. Die Menschen sind demgemäß seelisch
auf verschiedene Wesenheiten zurückzuführen, welche aus
anderen Welten kommend in den Leibesnachkommen der alten
Lemurier sich verkörperten. Die verschiedenen Menschenrassen
sind eine Folge dieser Tatsache. Und in den wiederverkörperten
Seelen traten, infolge ihres Karmas, die verschiedensten Lebensinteressen
auf. Solange alles das nachwirkte, konnte es nicht das
Ideal der «allgemeinen Menschlichkeit» geben. Die Menschheit
ist von einer Einheit ausgegangen; aber die bisherige Erdenentwickelung
hat zur Sonderung geführt. In der Christus-Vorstellung
ist zunächst ein Ideal gegeben, das aller Sonderung
entgegenwirkt, denn in dem Menschen, der den Christus-Namen
trägt, leben auch die Kräfte des hohen Sonnenwesens, in denen
jedes menschliche Ich seinen Urgrund findet. Noch das israelitische
Volk fühlte sich als Volk, der Mensch als Glied dieses
Volkes. Indem zunächst in dem bloßen Gedanken erfaßt wurde,
daß in Christus Jesus der Idealmensch lebt, zu dem die Bedingungen
der Sonderung nicht dringen, wurde das Christentum das
Ideal der umfassenden Brüderlichkeit. Über alle Sonderinteressen
und Sonderverwandtschaften hinweg trat das Gefühl auf,
daß des Menschen innerstes Ich bei jedem den gleichen Ursprung
hat. (Neben allen Erdenvorfahren tritt der gemeinsame
Vater aller Menschen auf. «Ich und der Vater sind Eins. »)
Im vierten, fünften und sechsten Jahrhundert nach Christus
bereitete sich in Europa ein Kulturzeitalter vor, das mit dem
fünfzehnten Jahrhundert begann und in welchem die Gegenwart
noch lebt. Es sollte das vierte, das griechisch-lateinische allmählich
ablösen. Es ist das fünfte nachatlantische Kulturzeitalter.
Die Völker, welche sich nach verschiedenen Wanderungen und
den mannigfaltigsten Schicksalen zu Trägern dieses Zeitalters
machten, waren Nachkommen derjenigen Atlantier, welche von
dem, was mittlerweile in den vier vorhergehenden Kulturperioden
sich abgespielt hatte, am unberührtesten geblieben waren.
Sie waren nicht bis in die Gebiete vorgedrungen, in denen die
entsprechenden Kulturen Wurzel faßten. Dagegen hatten sie in
ihrer Art die atlantischen Kulturen fortgepflanzt. Es gab unter
ihnen viele Menschen, welche sich das Erbstück des alten dämmerhaften
Hellsehens - des beschriebenen Zwischenzustandes
zwischen Wachen und Schlafen - im hohen Grade bewahrt hatten.
Solche Menschen kannten die geistige Welt als eigenes
Erlebnis und konnten ihren Mitmenschen mitteilen, was in dieser
Welt vorgeht. So entstand eine Welt von Erzählungen über geistige
Wesen und geistige Vorgänge. Und der Märchen- und
Sagenschatz der Völker ist ursprünglich aus solchen geistigen
Erlebnissen heraus entstanden. Denn die dämmerhafte Hellsichtigkeit
vieler Menschen dauerte bis in Zeiten herauf, die keineswegs
lange hinter unserer Gegenwart zurückliegen. Andere Menschen
waren da, welche die Hellsichtigkeit zwar verloren hatten,
aber die erlangten Fähigkeiten für die sinnlich-physische Welt
doch nach Gefühlen und Empfindungen ausbildeten, welche den
Erlebnissen dieser Hellsichtigkeit entsprachen. Und auch die
atlantischen Orakel hatten hier ihre Nachfolger. Es gab überall
Mysterien. Nur bildete sich in diesen Mysterien vorwiegend ein
solches Geheimnis der Einweihung aus, welches zur Offenbarung
derjenigen Geisteswelt führt, die Ahriman verschlossen
hält. Die hinter den Naturgewalten stehenden Geistesmächte
wurden da erschlossen. In den Mythologien der europäischen
Völker sind die Reste dessen enthalten, was die Eingeweihten
dieser Mysterien den Menschen verkünden konnten. Nur enthalten
diese Mythologien allerdings auch das andere Geheimnis,
doch in unvollkommenerer Gestalt, als die südlichen und östlichen
Mysterien es hatten. Die übermenschlichen Wesenheiten
waren auch in Europa bekannt. Doch sah man sie im stetigen
Kampfe mit den Genossen Luzifers. Und man verkündigte zwar
den Lichtgott; doch in solcher Gestalt, daß man von dieser nicht
sagen konnte, sie werde Luzifer besiegen. Dafür aber leuchtete
auch in diese Mysterien hinein die Zukunftsgestalt des Christus.
Man verkündigte von ihm, daß sein Reich ablösen werde das
Reich jenes anderen Lichtgottes. (Alle Sagen von der Götterdämmerung
und ähnliche haben in dieser Erkenntnis der Mysterien
Europas ihren Ursprung.) Aus solchen Einflüssen heraus entstand
ein Seelenzwiespalt in den Menschen der fünften Kulturepoche,
der gegenwärtig noch fortdauert und sich in den mannigfaltigsten
Erscheinungen des Lebens zeigt. Die Seele behielt von
den alten Zeiten her den Zug zum Geistigen nicht so stark, daß
sie den Zusammenhang zwischen der geistigen und der sinnlichen
Welt hätte festhalten können. Sie behielt ihn nur als
Gefühls- und Empfindungszug, nicht aber als unmittelbares
Schauen der übersinnlichen Welt. Dagegen wurde der Blick des
Menschen auf die sinnliche Welt und ihre Beherrschung immer
mehr hingelenkt. Und die in der letzten atlantischen Zeit erwachten
Verstandeskräfte, alle die Kräfte im Menschen, deren Instrument
das physische Gehirn ist, wurden auf die Sinneswelt
und deren Erkenntnis und Beherrschung hin ausgebildet. Zwei
Welten entwickelten sich gewissermaßen in der Menschenbrust.
Die eine ist dem sinnlich-physischen Dasein zugekehrt, die andere
ist empfänglich für die Offenbarung des Geistigen, um dieses
mit Gefühl und Empfindung, doch ohne Anschauung zu durchdringen.
Die Anlagen zu dieser Seelenspaltung waren schon
vorhanden, als die Christus-Lehre in die Gebiete Europas einfloß.
Man nahm diese Botschaft vom Geiste in die Herzen auf,
durchdrang Empfindung und Gefühl damit, konnte aber nicht die
Brücke schlagen zu dem, was der auf die Sinne gerichtete Verstand
im physisch-sinnlichen Dasein erkundete. Was man heute
kennt als Gegensatz von äußerer Wissenschaft und geistiger
Erkenntnis, ist nur eine Folge dieser Tatsache. Die christliche
Mystik (Eckharts, Taulers usw.) ist ein Ergebnis der Durchdringung
von Gefühl und Empfindung mit dem Christentum. Die
bloß auf die Sinnenwelt gerichtete Wissenschaft und deren Ergebnisse
im Leben sind die Folgen der andern Seite der Seelenanlagen.
Und es sind die Errungenschaften auf dem Felde der
äußerlichen materiellen Kultur durchaus dieser Trennung der
Anlagen zu verdanken. Indem sich diejenigen Fähigkeiten des
Menschen, welche ihr Instrument im Gehirn haben, einseitig dem
physischen Leben zuwandten, konnten sie zu jener Steigerung
kommen, welche die gegenwärtige Wissenschaft, Technik und so
weiter möglich machte. Und nur bei den Völkern Europas konnte
der Ursprung dieser materiellen Kultur liegen. Denn sie sind jene
Nachkommen atlantischer Vorfahren, welche den Zug für die
physisch-sinnliche Welt erst dann zu Fähigkeiten ausbildeten, als
er zu einer gewissen Reife gediehen war. Vorher ließen sie ihn
schlummern und lebten von den Erbstücken des atlantischen
Hellsehens und den Mitteilungen ihrer Eingeweihten. Während
äußerlich die Geisteskultur nur diesen Einflüssen hingegeben
war, reifte langsam aus der Sinn für die materielle Beherrschung
der Welt.
Doch kündigt sich gegenwärtig bereits die Morgenröte der
sechsten nachatlantischen Kulturperiode an. Denn was in der
Menschheitsentwickelung zu einer gewissen Zeit entstehen soll,
das reift langsam in der vorhergehenden Zeit. Was gegenwärtig
sich schon in den Anfängen entwickeln kann, das ist das Auffinden
des Fadens, welcher die zwei Seiten in der Menschenbrust
verbindet, die materielle Kultur und das Leben in der geistigen
Welt. Dazu ist notwendig, daß auf der einen Seite die Ergebnisse
des geistigen Schauens begriffen werden und auf der andern in
den Beobachtungen und Erlebnissen der Sinneswelt die Offenbarungen
des Geistes erkannt werden. Die sechste Kulturepoche
wird die Harmonie zwischen beiden zur vollen Entwickelung
bringen. - Damit ist die Betrachtung dieses Buches bis zu einem
Punkte vorgerückt, wo sie übergehen kann von einem Ausblick
in die Vergangenheit zu einem solchen in die Zukunft. Doch ist
es besser, wenn diesem Ausblick die Betrachtung über die Erkenntnis
der höheren Welt und über die Einweihung vorangeht.
Dann wird sich an sie jener Ausblick, insofern er möglich ist in
dem Rahmen dieser Schrift, kurz geben lassen.
DIE ERKENNTNIS DER HÖHEREN WELTEN
(Von der Einweihung oder Initiation)
Zwischen Geburt und Tod durchlebt der Mensch auf seiner
gegenwärtigen Entwickelungsstufe im gewöhnlichen Leben drei
Seelenzustände: das Wachen, den Schlaf und zwischen beiden
den Traumzustand. Auf den letzteren soll an späterer Stelle dieser
Schrift noch kurz hingedeutet werden. Hier mag das Leben
zunächst in seinen beiden wechselnden Hauptzuständen, dem
Wachen und dem Schlafen, betrachtet werden. - Zu Erkenntnissen
in höheren Welten gelangt der Mensch, wenn er sich,
außer dem Schlafen und Wachen, noch einen dritten Seelenzustand
erwirbt. Während des Wachens ist die Seele hingegeben
den Sinneseindrücken und den Vorstellungen, welche von diesen
Sinneseindrücken angeregt werden. Während des Schlafes
schweigen die Sinneseindrücke; aber die Seele verliert auch das
Bewußtsein. Die Tageserlebnisse sinken in das Meer der Bewußtlosigkeit
hinunter. - Man denke sich nun: die Seele könnte
während des Schlafes zu einer Bewußtheit kommen, trotzdem
die Eindrücke der Sinne, wie sonst im tiefen Schlafe, ausgeschaltet
blieben. Ja, es würde auch die Erinnerung an die Tageserlebnisse
nicht vorhanden sein. Befände sich nun die Seele in
einem Nichts? Könnte sie nun gar keine Erlebnisse haben? - Eine
Antwort auf diese Frage ist nur möglich, wenn ein Zustand wirklich
hergestellt werden kann, welcher diesem gleich oder ähnlich
ist; wenn die Seele etwas erleben kann, auch dann, wenn keine
Sinneswirkungen und keine Erinnerungen an solche in ihr vorhanden
sind. Dann befände sich die Seele in bezug auf die gewöhnliche
Außenwelt wie im Schlafe; und doch schliefe sie
nicht, sondern wäre wie im Wachen einer wirklichen Welt gegenüber.
- Nun kann ein solcher Bewußtseinszustand hergestellt
werden, wenn der Mensch diejenigen Seelenerlebnisse herbeiführt,
welche ihm die Geisteswissenschaft möglich macht. Und
alles, was diese über jene Welten mitteilt, welche über die sinnliche
hinausliegen, ist durch einen solchen Bewußtseinszustand
erforscht. - In den vorhergehenden Ausführungen sind einige
Mitteilungen über höhere Welten gemacht worden. In dem Folgenden
soll nun auch - soweit dies in diesem Buche geschehen
kann - von den Mitteln gesprochen werden, durch welche der zu
diesem Forschen notwendige Bewußtseinszustand geschaffen
wird.
Nur nach einer Richtung hin gleicht dieser Bewußtseinszustand
dem Schlafe, nämlich dadurch, daß durch ihn alle äußeren
Sinneswirkungen aufhören; auch alle Gedanken getilgt sind,
welche durch diese Sinneswirkungen angeregt sind. Während
aber im Schlafe die Seele keine Kraft hat, bewußt etwas zu erleben,
soll sie diese Kraft durch diesen Bewußtseinszustand erhalten.
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