Dr. Rudolf Steiner :
"Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?"
VORREDE ZUR DRITTEN AUFLAGE (1909)
Es erscheinen hiermit als Buch meine Ausführungen, welche ursprünglich als
einzelne Aufsätze unter dem Titel «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren
Welten?» abgedruckt waren. Zunächst wird dieser Band den ersten Teil bringen; ein
folgender wird die Fortsetzung enthalten. Diese Arbeit über die Entwicklung des
Menschen zum Erfassen der übersinnlichen Welten soll nicht in neuer Gestalt vor
die Welt treten ohne einige Geleitworte, welche ihr hiermit vorgesetzt werden. Die in
ihr enthaltenen Mitteilungen über die Seelenentwicklung des Menschen möchten
verschiedenen Bedürfnissen dienen. Zunächst soll denjenigen Personen etwas
gegeben werden, welche sich hingezogen fühlen zu den Ergebnissen der
Geistesforschung und welche die Frage aufwerfen müssen: Ja, woher haben
diejenigen ihr Wissen, welche behaupten, etwas über hohe Rätselfragen des
Lebens sagen zu können? Die Geisteswissenschaft sagt über solche Rätsel etwas.
Wer die Tatsachen beobachten will, welche zu diesen Aussagen führen, der muß zu
übersinnlichen Erkenntnissen aufsteigen. Er muß den Weg gehen, welcher in dieser
Schrift zu schildern versucht wird. Doch wäre es ein Irrtum, zu glauben, daß die
Mitteilungen der Geisteswissenschaft für den wertlos seien, der nicht Neigung oder
Möglichkeit hat, diesen Weg selbst zu gehen. Um die Tatsachen zu erforschen, muß
man die Fähigkeit haben, in die übersinnlichen Welten hineinzutreten. Sind sie aber
erforscht und werden sie mitgeteilt, so kann auch derjenige, welcher sie nicht selber
wahrnimmt, sich eine hinreichende Überzeugung von der Wahrheit der Mitteilungen
verschaffen. Ein großer Teil derselben ist ohne weiteres dadurch zu prüfen, daß
man die gesunde Urteilskraft in wirklich unbefangener Weise auf sie anwendet. Man
wird sich nur nicht in dieser Unbefangenheit stören lassen dürfen durch alle
möglichen Vorurteile, die einmal im Menschenleben so zahlreich vorhanden sind. Es
wird zum Beispiel leicht vorkommen, daß jemand findet, dies oder jenes vertrage
sich nicht mit gewissen wissenschaftlichen Ergebnissen der Gegenwart. In Wahrheit
gibt es kein wissenschaftliches Ergebnis, welches der geistigen Forschung
widerspricht. Doch kann man leicht glauben, daß dieses oder jenes
wissenschaftliche Urteil zu den Mitteilungen über die höheren Welten nicht stimme,
wenn man nicht allseitig und unbefangen die wissenschaftlichen Ergebnisse zu Rate
zieht. Man wird finden, daß, je unbefangener man die Geisteswissenschaft gerade
mit den positiven wissenschaftlichen Errungenschaften zusammenhält, um so
schöner die volle Übereinstimmung erkannt werden kann. – Ein anderer Teil der
geisteswissenschaftlichen Mitteilungen wird sich allerdings mehr oder weniger dem
bloßen Verstandesurteile entziehen. Aber es wird unschwer derjenige ein rechtes
Verhältnis auch zu diesem Teile gewinnen können, welcher einsieht, daß nicht nur
der Verstand, sondern auch das gesunde Gefühl ein Richter über die Wahrheit sein
kann. Und wo dieses Gefühl sich nicht durch Sympathie oder Antipathie für diese
oder jene Meinung treiben läßt, sondern wirklich unbefangen die Erkenntnisse der
übersinnlichen Welten auf sich wirken läßt, da wird sich auch ein entsprechendes
Gefühlsurteil ergeben. – Und noch manch anderen Weg gibt es zur Bewahrheitung
dieser Erkenntnisse für diejenigen Personen, welche den Pfad in die übersinnliche
Welt nicht beschreiten können und wollen. Solche Menschen können aber
gleichwohl fühlen, welchen Wert diese Erkenntnisse für das Leben haben, auch
wenn sie sie nur aus den Mitteilungen der Geistesforscher erfahren. Ein schauender
Mensch kann nicht ein jeder augenblicklich werden; eine rechte gesunde
Lebensnahrung sind aber die Erkenntnisse des schauenden Menschen für
jedermann. Denn anwenden im Leben kann sie jeder. Und wer es tut, wird bald
einsehen, was das Leben mit ihnen auf allen Gebieten sein kann und was es
entbehrt, wenn man sie ausschließt. Die Erkenntnisse der übersinnlichen Welten
erweisen sich, richtig im Leben angewendet, nicht unpraktisch, sondern im höchsten
Sinne praktisch Wenn aber auch jemand den höheren Erkenntnispfad nicht selbst
betreten will, so kann er doch, wenn er Neigung für die auf demselben beobachteten
Tatsachen hat, fragen: Wie kommt der schauende Mensch zu diesen Tatsachen?
Denjenigen Personen, welche ein Interesse an dieser Frage haben, möchte diese
Schrift ein Bild von dem geben, was man unternehmen muß, um die übersinnliche
Welt wirklich kennenzulernen. Sie möchte den Weg in dieselbe so darstellen, daß
auch derjenige, der ihn nicht selbst geht, Vertrauen gewinnen kann zu dem, was ein
solcher sagt, der ihn gegangen ist. Man kann ja auch, wenn man gewahr wird, was
der Geistesforscher tut, dies richtig finden und sich sagen: die Schilderung des
Pfades in die höheren Welten macht auf mich einen solchen Eindruck, daß ich
verstehen kann, warum die mitgeteilten Tatsachen mir einleuchtend erscheinen. So
soll also diese Schrift jenen dienen, welche in ihrem Wahrheitssinn und
Wahrheitsgefühl für die übersinnliche Welt eine Stärkung und Sicherheit wünschen.
Nicht minder möchte sie aber auch denjenigen etwas bieten, welche den Weg zu
den übersinnlichen Erkenntnissen selbst suchen. Diejenigen Personen werden die
Wahrheit des hier Dargestellten am besten erproben, welche sie in sich selbst
verwirklichen. Wer solch eine Absicht hat, wird gut tun, sich immer wieder zu sagen,
daß bei Darstellung der Seelenentwicklung mehr notwendig ist als ein solches
Bekanntwerden mit dem Inhalte, wie es bei anderen Ausführungen oftmals
angestrebt wird. Ein intimes Hineinleben in die Darstellung ist notwendig; die
Voraussetzung soll man machen, daß man die eine Sache nicht nur durch das
begreifen soll, was über sie selbst gesagt wird, sondern durch manches, was über
ganz anderes mitgeteilt wird. Man wird so die Vorstellung erhalten, daß nicht in einer
Wahrheit das Wesentliche liegt, sondern in dem Zusammenstimmen aller. Wer
Übungen ausführen will, muß das ganz ernstlich bedenken. Eine Übung kann richtig
verstanden, auch richtig ausgeführt sein; und dennoch kann sie unrichtig wirken,
wenn nicht von dem Ausführenden ihr eine andere Übung hinzugefügt wird, welche
die Einseitigkeit der ersten zu einer Harmonie der Seele auslöst. Wer diese Schrift
intim liest, so daß ihm Lesen wie ein innerliches Erleben wird, der wird sich nicht nur
mit dem Inhalte bekannt machen, sondern auch an dieser Stelle dieses, an einer
anderen jenes Gefühl haben; und dadurch wird er erkennen, welches Gewicht für
die Seelenentwickelung dem einen oder dem anderen zukommt. Er wird auch
herausfinden, in welcher Form er diese oder jene Übung, nach seiner besonderen
Individualität, gerade bei sich versuchen sollte. Wenn, wie hier, Beschreibungen in
Betracht kommen von Vorgängen, welche erlebt werden sollen, so erweist sich als
notwendig, daß man auf den Inhalt immer wieder zurückgreife; denn man wird sich
überzeugen, daß man manches erst dann für sich selbst zu einem befriedigenden
Verständnis bringt, wenn man es versucht hat und nach dem Versuche gewisse
Feinheiten der Sache bemerkt, die einem früher entgehen mußten.
Auch solche Leser, welche den Weg, der vorgezeichnet ist, nicht zu gehen
beabsichtigen, werden in der Schrift manches Brauchbare für das innere Leben
finden: Lebensregeln, Hinweise, wie dies oder jenes sich aufklärt, was rätselhaft
erscheint und so weiter.
Und mancher, der durch seine Lebenserfahrung dieses oder jenes hinter sich hat, in
mancher Beziehung eine Lebenseinweihung durchgemacht hat, wird eine gewisse
Befriedigung finden können, wenn er im Zusammenhange geklärt findet, was ihm im
einzelnen vorgeschwebt hat; was er schon wußte, ohne vielleicht dies Wissen bis zu
einer für ihn selbst hinreichenden Vorstellung gebracht zu haben.
Berlin, 12. Oktober 1909 Rudolf Steiner
VORREDE ZUR FÜNFTEN AUFLAGE (1914)
Für diese Neuauflage von «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» ist
die vor mehr als zehn Jahren niedergeschriebene Darstellung in allen Einzelheiten
wieder durchgearbeitet worden. Das Bedürfnis nach solcher Durcharbeitung entsteht
naturgemäß bei Mitteilungen über Seelenerlebnisse und Seelenwege von der Art,
wie sie in diesem Buche gegeben sind. Es kann ja keinen Teil innerhalb des
Mitgeteilten geben, mit dem die Seele des Mitteilers nicht innig verbunden bliebe
und der nicht etwas enthielte, das an dieser Seele fortdauernd arbeitet. Es ist wohl
auch kaum anders möglich, als daß mit diesem seelischen Arbeiten sich ein Streben
nach erhöhter Klarheit und Deutlichkeit der vor Jahren gegebenen Darstellung
verbindet. Diesem Streben ist entsprungen, was ich für das Buch bei dieser
Neuauflage zu tun bemüht war. Zwar sind alle wesentlichen Glieder der
Auseinandersetzungen, alle Hauptsachen so geblieben, wie sie waren; und doch
sind wichtige Änderungen vollzogen worden. Ich konnte für eine genauere
Charakterisierung im einzelnen an vielen Stellen manches tun. Und dies schien mir
wichtig. Will jemand das in dem Buche Mitgeteilte in dem eigenen Geistesleben
anwenden, so ist es von Bedeutung, daß er die Seelenwege, von denen die Rede
ist, in möglichst genauer Charakterisierung ins Auge zu fassen vermag. In einem viel
höheren Maße als an die Schilderung der Tatsachen der physischen Welt können
sich an diejenige innerer geistiger Vorgänge Mißverständnisse knüpfen. Das
Bewegliche des Seelenlebens, die Notwendigkeit, diesem Leben gegenüber nie aus
dem Bewußtsein zu verlieren, wie verschieden es ist von allem Leben in der
physischen Welt, und vieles andere, machen solche Mißverständnisse möglich. Ich
habe bei dieser Neuauflage die Aufmerksamkeit darauf gerichtet, die Stellen des
Buches aufzufinden, wo solche Mißverständnisse entstehen können; und ich habe
mich bemüht, bei der Abfassung ihrem Entstehen entgegenzuarbeiten.
Als ich die Aufsätze schrieb, aus welchen das Buch zusammengesetzt ist, mußte
über manches auch aus dem Grunde anders gesprochen werden als gegenwärtig,
weil ich auf den Inhalt dessen, was ich in den letzten zehn Jahren über Tatsachen
der Erkenntnis geistiger Welten veröffentlicht habe, damals anders hinzudeuten
hatte, als es jetzt, nach der Veröffentlichung, zu geschehen hat. In meiner
«Geheimwissenschaft», in der «Führung des Menschen und der Menschheit», in
«Ein Weg zur Selbsterkenntnis» und besonders in «Die Schwelle der geistigen
Welt», auch in anderen meiner Schriften sind geistige Vorgänge geschildert, auf
deren Vorhandensein dieses Buch vor mehr als zehn Jahren zwar schon hindeuten
mußte, dies aber doch mit anderen Worten, als es gegenwärtig richtig scheint. Ich
mußte damals von vielem, das in dem Buche noch nicht geschildert wurde, sagen,
es könne durch «mündliche Mitteilung» erfahren werden. Gegenwärtig ist nun vieles
von dem veröffentlicht, was mit solchen Hinweisen gemeint war. Es waren aber
diese Hinweise, die irrtümliche Meinungen bei den Lesern vielleicht nicht völlig
ausschlossen. Man könnte etwa in dem persönlichen Verhältnis zu diesem oder
jenem Lehrer bei dem nach Geistesschulung Strebenden etwas viel Wesentlicheres
sehen, als gesehen werden soll. Ich hoffe, daß es mir gelungen ist, in dieser neuen
Auflage durch die Art der Darstellung mancher Einzelheiten schärfer zu betonen, wie
es bei dem, der Geistesschulung sucht im Sinne der gegenwärtigen geistigen
Bedingungen, viel mehr auf ein völlig unmittelbares Verhältnis zur objektiven
Geisteswelt als auf ein Verhältnis zur Persönlichkeit eines Lehrers ankommt. Dieser
wird auch in der Geistesschulung immer mehr die Stellung nur eines solchen Helfers
annehmen, die der Lehrende, gemäß den neueren Anschauungen, in irgendeinem
anderen Wissenszweige innehat. Ich glaube genügend darauf hingewiesen zu
haben, daß des Lehrers Autorität und der Glaube an ihn in der Geistesschulung
keine andere Rolle spielen sollten, als dies der Fall ist auf irgendeinem anderen
Gebiete des Wissens und Lebens. Mir scheint viel darauf anzukommen, daß immer
richtiger beurteilt werde gerade dieses Verhältnis des Geistesforschers zu
Menschen, die Interesse entwickeln für die Ergebnisse seines Forschens. So glaube
ich das Buch verbessert zu haben, wo ich das Verbesserungsbedürftige nach zehn
Jahren zu finden in der Lage war.
An diesen ersten Teil soll sich ein zweiter anschließen. Dieser soll weitere
Ausführungen über die Seelenverfassung bringen, welche den Menschen zum
Erleben der höheren Welten führt.
Die Neuauflage des Buches lag fertig gedruckt vor, als der große Krieg begann, den
die Menschheit gegenwärtig erlebt. Diese Vorbemerkungen habe ich zu schreiben,
während meine Seele tief bewegt ist von dem schicksaltragenden Ereignisse.
Berlin, 7. September 1914 Rudolf Steiner
NACHWORT ZUM ACHTEN BIS ELFTEN TAUSEND (1918)
Der Weg zu übersinnlicher Erkenntnis, der in dieser Schrift gekennzeichnet wird,
führt zu einem seelischen Erleben, demgegenüber es von ganz besonderer
Wichtigkeit ist, daß, wer es anstrebt, sich keinen Täuschungen und
Mißverständnissen über dasselbe hingibt. Und es liegt dem Menschen nahe, sich
über dasjenige zu täuschen, was hier in Betracht kommt. Eine der Täuschungen, die
besonders schwerwiegende, entsteht, wenn man das ganze Gebiet des
Seelenerlebens, von dem in wahrer Geisteswissenschaft die Rede ist, so verschiebt,
daß es in der Umgebung des Aberglaubens, des visionären Träumens, des
Mediumismus und mancher anderer Entartungen des Menschenstrebens eingereiht
erscheint. Diese Verschiebung rührt oft davon her, daß Menschen, welche in ihrer
von echtem Erkenntnisstreben abliegenden Art sich einen Weg in die übersinnliche
Wirklichkeit suchen möchten und die dabei auf die genannten Entartungen verfallen,
mit solchen verwechselt werden, die den in dieser Schrift gezeichneten Weg gehen
wollen. Was auf dem hier gemeinten Wege von der Menschenseele durchlebt wird,
das verläuft durchaus im Felde rein geistig-seelischen Erfahrens. Es ist nur dadurch
möglich, solches zu durchleben, daß sich der Mensch auch noch für andere innere
Erfahrungen so frei und unabhängig von dem Leibesleben machen kann, wie er im
Erleben des gewöhnlichen Bewußtseins nur ist, wenn er sich über das von außen
Wahrgenommene oder das im Innern Gewünschte, Gefühlte, Gewollte Gedanken
macht, die nicht aus dem Wahrgenommenen, Gefühlten, Gewollten selbst
herrühren. Es gibt Menschen, die an das Vorhandensein solcher Gedanken
überhaupt nicht glauben. Diese meinen: der Mensch könne nichts denken, was er
nicht aus der Wahrnehmung oder dem leiblich bedingten Innenleben herauszieht.
Und alle Gedanken seien nur gewissermaßen Schattenbilder von Wahrnehmungen
oder von inneren Erlebnissen. Wer dieses behauptet, der tut es nur, weil er sich
niemals zu der Fähigkeit gebracht hat, mit seiner Seele das reine, in sich beruhende
Gedankenleben zu erleben. Wer aber solches erlebt hat, für den ist es Erfahrung
geworden, daß überall, wo im Seelenleben Denken waltet, in dem Maße, als dieses
Denken andere Seelenverrichtungen durchdringt, der Mensch in einer Tätigkeit
begriffen ist, an deren Zustandekommen sein Leib unbeteiligt ist. im gewöhnlichen
Seelenleben ist ja fast immer das Denken mit anderen Seelenverrichtungen:
Wahrnehmen, Fühlen, Wollen und so weiter vermischt. Diese anderen
Verrichtungen kommen durch den Leib zustande. Aber in sie spielt das Denken
hinein. Und in dem Maße, in dem es hineinspielt, geht in dem Menschen und durch
den Menschen etwas vor sich, an dem der Leib nicht mitbeteiligt ist. Die Menschen,
welche dieses in Abrede stellen, können nicht über die Täuschung hinauskommen,
welche dadurch entsteht, daß sie die denkerische Betätigung immer mit anderen
Verrichtungen vereinigt beobachten. Aber man kann im inneren Erleben sich
seelisch dazu aufraffen, den denkerischen Teil des Innenlebens auch abgesondert
von allem andern für sich zu erfahren. Man kann aus dem Umfange des
Seelenlebens etwas herauslösen, das nur in reinen Gedanken besteht. In
Gedanken, die in sich bestehen, aus denen alles ausgeschaltet ist, was
Wahrnehmung oder leiblich bedingtes Innenleben geben. Solche Gedanken
offenbaren sich durch sich selbst, durch das, was sie sind, als ein geistig, ein
übersinnlich Wesenhaftes. Und die Seele, die mit solchen Gedanken sich vereinigt,
indem sie während dieser Vereinigung alles Wahrnehmen, alles Erinnern, alles
sonstige Innenleben ausschließt, weiß sich mit dem Denken selbst in einem
übersinnlichen Gebiet und erlebt sich außerhalb des Leibes. Für denjenigen,
welcher diesen ganzen Sachverhalt durchschaut, kann die Frage gar nicht mehr in
Betracht kommen: gibt es ein Erleben der Seele in einem übersinnlichen Element
außerhalb des Leibes? Denn für ihn hieße es in Abrede stellen, was er aus der
Erfahrung weiß. Für ihn gibt es nur die Frage: was verhindert die Menschen, eine
solche sichere Tatsache anzuerkennen? Und zu dieser Frage findet er die Antwort,
daß die in Frage kommende Tatsache eine solche ist, die sich nicht offenbart, wenn
der Mensch sich nicht vorher in eine solche Seelenverfassung versetzt, daß er die
Offenbarung empfangen kann. Nun werden zunächst die Menschen mißtrauisch,
wenn sie selbst etwas erst rein seelisch tun sollen, damit sich ihnen ein an sich von
ihnen Unabhängiges offenbare. Sie glauben da, weil sie sich vorbereiten müssen,
die Offenbarung zu empfangen, sie machen den Inhalt der Offenbarung. Sie wollen
Erfahrungen, zu denen der Mensch nichts tut, gegenüber denen er ganz passiv
bleibt. Sind solche Menschen außerdem noch unbekannt mit den einfachsten
Anforderungen an wissenschaftliches Erfassen eines Tatbestandes, dann sehen sie
in Seelen-Inhalten oder Seelen-Hervorbringungen, bei denen die Seele unter den
Grad von bewußter Eigenbetätigung herabgedrückt ist, der im Sinneswahrnehmen
und im willkürlichen Tun vorliegt, eine objektive Offenbarung eines nicht sinnlichen
Wesenhaften. Solche Seelen-Inhalte sind die visionären Erlebnisse, die
mediumistischen Offenbarungen. – Was aber durch solche Offenbarungen zutage
tritt, ist keine übersinnliche, es ist eine untersinnliche Welt. Das menschliche
bewußte Wachleben verläuft nicht völlig in dem Leibe; es verläuft vor allem der
bewußte Teil dieses Lebens an der Grenze zwischen Leib und physischer
Außenwelt; so das Wahmehmungsleben, bei dem, was in den Sinnesorganen
vorgeht, ebensogut das Hineinragen eines außerleiblichen Vorganges in den Leib ist
wie ein Durchdringen dieses Vorganges vom Leibe aus; und so das Willensleben,
das auf einem Hineinstellen des menschlichen Wesens in das Weltenwesen beruht,
so daß, was im Menschen durch seinen Willen geschieht, zugleich Glied des
Weltgeschehens ist. In diesem an der Leibesgrenze verlaufenden seelischen
Erleben ist der Mensch in hohem Grade abhängig von seiner Leibesorganisation;
aber es spielt die denkerische Betätigung in dieses Erleben hinein, und in dem
Maße, als das der Fall ist, macht sich in Sinneswahrnehmung und Wollen der
Mensch vom Leibe unabhängig. Im visionären Erleben und im mediumistischen
Hervorbringen tritt der Mensch völlig in die Abhängigkeit vom Leibe ein. Er schaltet
aus seinem Seelenleben dasjenige aus, was ihn in Wahrnehmung und Wollen vom
Leibe unabhängig macht. Und dadurch werden Seelen-Inhalte und Seelen-
Hervorbringungen bloße Offenbarungen des Leibeslebens. Visionäres Erleben und
mediumistisches Hervorbringen sind die Ergebnisse des Umstandes, daß der
Mensch bei diesem Erleben und Hervorbringen mit seiner Seele weniger vom Leibe
unabhängig ist als im gewöhnlichen Wahrnehmungs- und Willensleben. Bei dem
Erleben des Übersinnlichen, das in dieser Schrift gemeint ist, geht nun die
Entwicklung des Seelen-Erlebens gerade nach der entgegengesetzten Richtung
gegenüber der visionären oder mediumistischen. Die Seele macht sich
fortschreitend unabhängiger vom Leibe, als sie im Wahrnehmungs- und
Willensleben ist. Sie erreicht diejenige Unabhängigkeit, die im Erleben reiner
Gedanken zu fassen ist, für eine viel breitere Seelenbetätigung.
Für die hier gemeinte übersinnliche Seelenbetätigung ist es außerordentlich
bedeutsam, in voller Klarheit das Erleben des reinen Denkens zu durchschauen.
Denn im Grunde ist dieses Erleben selbst schon eine übersinnliche
Seelenbetätigung. Nur eine solche, durch die man noch nichts Übersinnliches
schaut. Man lebt mit dem reinen Denken im Übersinnlichen; aber man erlebt nur
dieses auf eine übersinnliche Art; man erlebt noch nichts anderes Übersinnliches.
Und das übersinnliche Erleben muß sein eine Fortsetzung desjenigen Seelen-
Erlebens, das schon im Vereinigen mit dem reinen Denken erreicht werden kann.
Deshalb ist es so bedeutungsvoll, diese Vereinigung richtig erfahren zu können.
Denn von dem Verständnisse dieser Vereinigung aus leuchtet das Licht, das auch
rechte Einsicht in das Wesen der übersinnlichen Erkenntnis bringen kann. Sobald
das Seelen-Erleben unter die Bewußtseinsklarheit, die im Denken sich auslebt,
heruntersinken würde, wäre sie für die wahre Erkenntnis der übersinnlichen Welt auf
einem Irrwege. Sie würde erfaßt von den Leibesverrichtungen; was sie erlebt und
hervorbringt, ist dann nicht Offenbarung des Übersinnlichen durch sie, sondern
Leibesoffenbarung im Bereich der untersinnlichen Welt.
Sobald die Seele mit ihren Erlebnissen in das Feld des Übersinnlichen eindringt,
sind diese Erlebnisse von einer solchen Art, daß sich die sprachlichen Ausdrücke für
sie nicht in so leichter Art finden lassen wie für die Erlebnisse im Bereiche der
sinnlichen Welt. Man muß oftmals bei Beschreibungen des übersinnlichen Erlebens
sich bewußt sein, daß gewissermaßen die Entfernung des sprachlichen Ausdrucks
von dem ausgedrückten wirklichen Tatbestande eine größere ist als im physischen
Erleben. Man muß sich ein Verständnis dafür erwerben, daß mancher Ausdruck wie
eine Verbildlichung in zarter Weise auf das nur hinweist, auf das er sich bezieht. So
ist es auf Seite 22 dieser Schrift gesagt: «Ursprünglich werden nämlich alle Regeln
und Lehren der Geisteswissenschaft in einer sinnbildlichen Zeichensprache
gegeben.» Und auf Seite 56 f. mußte von einem «bestimmten Schriftsystem»
gesprochen werden. Es kann nun leicht jemandem beikommen, solche Schrift in
einer ähnlichen Art lernen zu wollen, wie man Lautzeichen und deren
Zusammenfügungen für die Schrift einer gewöhnlichen physischen Sprache erlernt.
Nun muß allerdings gesagt werden: es hat gegeben und gibt
geisteswissenschaftliche Schulen und Vereinigungen, welche im Besitze
symbolischer Zeichen sind, durch die sie übersinnliche Tatbestände zum Ausdruck
bringen. Und wer in die Bedeutung dieser Sinnbilder eingeweiht wird, der hat
dadurch ein Mittel, sein Seelen-Erleben zu den in Frage kommenden übersinnlichen
Wirklichkeiten hinzulenken. Aber ein für das übersinnliche Erleben Wesentliches ist
vielmehr, daß im Laufe eines solchen übersinnlichen Erlebens, wie es durch die
Verwirklichung des Inhaltes dieser Schrift von der Seele erreicht werden kann, diese
Seele in der Anschauung des Übersinnlichen die Offenbarung einer solchen Schrift
durch ihre eigene Erfahrung gewinnt. Das Übersinnliche sagt der Seele etwas, das
sich diese in verbildlichende Zeichen übersetzen muß, damit sie es vollbewußt
überschauen kann. Es kann gesagt werden: was in dieser Schrift mitgeteilt ist, das
kann von jeder Seele verwirklicht werden. Und im Laufe der Verwirklichung, den sich
nach den gemachten Angaben die Seele selbst bestimmen kann, stellen sich die
Ergebnisse ein, die beschrieben sind. Man nehme doch ein solches Buch, wie
dieses ist, wie ein Gespräch, das der Verfasser mit dem Leser führt. Wenn gesagt
ist: der Geheimschüler bedürfe der persönlichen Anweisung, so fasse man dies
doch so auf, daß das Buch selbst eine solche persönliche Anweisung ist. In früheren
Zeiten gab es Gründe, solche persönlichen Anweisungen dem mündlichen Geheim-
Unterrichte vorzubehalten; gegenwärtig sind wir auf einer Entwicklungsstufe der
Menschheit angelangt, in der das geisteswissenschaftliche Erkennen eine viel
größere Verbreitung erfahren muß als früher. Es muß in ganz anderem Maße jedem
zugänglich sein als in alter Zeit. Da tritt eben das Buch an die Stelle der früheren
mündlichen Unterweisung. Der Glaube, daß man durchaus über das in dem Buche
Gesagte hinaus noch eine persönliche Unterweisung brauche, hat nur eine bedingte
Richtigkeit. Der eine oder der andere kann ja freilich ein persönliches Nachhelfen
brauchen, und ein solches kann ihm bedeutungsvoll sein. Aber es führte in die Irre,
wenn man meinte, es gäbe Hauptsachen, die man im Buche nicht finde. Man findet
sie, wenn man recht und namentlich wenn man vollständig liest.
Die Schilderungen dieses Buches nehmen sich so aus, als ob sie Anweisungen
wären zum völligen Anderswerden des ganzen Menschen. Wer sie richtig liest, wird
aber finden, daß sie nichts anderes sagen wollen, als in welcher inneren
Seelenverfassung ein Mensch sein muß in denjenigen Augenblicken seines Lebens,
in denen er der übersinnlichen Welt gegenüberstehen will. Diese Seelenverfassung
entwickelt er als eine zweite Wesenheit in sich; und die gesunde andere Wesenheit
läuft in der alten Weise ihren Gang fort. Er weiß beide Wesenheiten in
Vollbewußtheit auseinanderzuhalten; er weiß sie in rechter Art miteinander in
Wechselwirkung zu setzen. Er macht sich nicht dadurch für das Leben unbrauchbar
und untüchtig, daß er Interesse und Geschicklichkeit für dieses verliert und «den
ganzen Tag Geistesforscher ist». Allerdings muß gesagt werden, daß die
Erlebnisweise in der übersinnlichen Welt ihr Licht auf das ganze Wesen des
Menschen ausstrahlen wird; aber dies kann nicht in einer von dem Leben
ablenkenden Art sein, sondern in einer dieses Leben tüchtiger, fruchtbarer
machenden Weise. – Daß trotzdem die Schilderung so gehalten werden mußte, wie
es der Fall ist, das rührt davon her, daß allerdings jeder auf das Übersinnliche
gerichtete Erkenntnisvorgang den ganzen Menschen in Anspruch nimmt, so daß in
dem Augenblicke, in dem der Mensch an einen solchen Erkenntnisvorgang
hingegeben ist, er dies mit seinem ganzen Wesen sein muß. Soviel der
Farbenwahrnehmungsvorgang nur die Einzelheit des Auges mit seiner
Nervenfortsetzung in Anspruch nimmt, soviel nimmt ein übersinnlicher
Erkenntnisvorgang den ganzen Menschen in Anspruch. Dieser wird «ganz Auge»
oder «ganz Ohr». Weil dies so ist, deshalb sieht es so aus, daß, wenn man von der
Bildung von übersinnlichen Erkenntnisvorgängen Mitteilung macht, man von einer
Umwandlung des Menschen spräche; man meine, der gewöhnliche Mensch sei
nichts Rechtes; er müsse etwas ganz anderes werden.
Zu dem auf Seite 82ff. «Über einige Wirkungen der Einweihung» Gesagten möchte
ich noch etwas hinzufügen, was – mit einiger Abänderung – auch für andere
Ausführungen dieses Buches gelten kann. – Es könnte wohl jemand auf den
Gedanken kommen: wozu solche Beschreibung von bildhaften Ausgestaltungen
übersinnlichen Erlebens; könnte man nicht dieses Erleben in Ideen ohne solche
Versinnlichung schildern? Darauf muß erwidert werden: Es kommt für das Erleben
der übersinnlichen Wirklichkeit in Betracht, daß der Mensch sich im Übersinnlichen
selbst als ein Übersinnliches weiß. Ohne das Hinblicken auf seine eigene
übersinnliche Wesenheit, deren Wirklichkeit in der hier gegebenen Schilderung der
«Lotusblumen» und des «ätherischen Leibes» vollkommen in ihrer Art zur
Offenbarung kommt, erlebte sich der Mensch im Übersinnlichen so, wie wenn er im
Sinnlichen nur so drinnen stände, daß ihm die Dinge und Vorgänge um ihn her sich
offenbarten, er aber von seinem eigenen Leibe nichts wüßte. Was er in «Seelenleib»
und «Ätherleib» als seine übersinnliche Gestaltung schaut, das macht, daß er seiner
selbst bewußt im Übersinnlichen steht, wie er durch die Wahrnehmung seines
Sinnesleibes seiner selbst bewußt in der Sinnenwelt steht.
BEDINGUNGEN
Es schlummern in jedem Menschen Fähigkeiten, durch die er sich Erkenntnisse
über höhere Welten erwerben kann. Der Mystiker, der Gnostiker, der Theosoph
sprachen stets von einer Seelen- und einer Geisterwelt, die für sie ebenso
vorhanden sind wie diejenige, die man mit physischen Augen sehen, mit physischen
Händen betasten kann. Der Zuhörer darf sich in jedem Augenblicke sagen: wovon
dieser spricht, kann ich auch erfahren, wenn ich gewisse Kräfte in mir entwickele,
die heute noch in mir schlummern. Es kann sich nur darum handeln, wie man es
anzufangen hat, um solche Fähigkeiten in sich zu entwickeln. Dazu können nur
diejenigen Anleitung geben, die schon in sich solche Kräfte haben. Es hat, seit es
ein Menschengeschlecht gibt, auch immer eine Schulung gegeben, durch die
solche, die höhere Fähigkeiten hatten, denen Anleitung gaben, die ebensolche
Fähigkeiten suchten. Man nennt solche Schulung Geheimschulung; und der
Unterricht, welcher da empfangen wird, heißt geheimwissenschaftlicher oder
okkulter Unterricht. Eine solche Bezeichnung erweckt naturgemäß Mißverständnis.
Wer sie hört, kann leicht zu dem Glauben verführt werden, daß diejenigen, die für
solche Schulung tätig sind, eine besonders bevorzugte Menschenklasse darstellen
wollen, die willkürlich ihr Wissen den Mitmenschen vorenthält. Ja, man denkt wohl
auch, daß vielleicht überhaupt nichts Erhebliches hinter solchem Wissen stecke.
Denn, wenn es ein wahres Wissen wäre – so ist man versucht zu denken –, so
brauchte man daraus kein Geheimnis zu machen: man könnte es öffentlich mitteilen
und die Vorteile davon allen Menschen zugänglich machen.
Diejenigen, welche in die Natur des Geheimwissens eingeweiht sind, wundern sich
nicht im geringsten darüber, daß die Uneingeweihten so denken. Worin das
Geheimnis der Einweihung besteht, kann nur derjenige verstehen, der selbst diese
Einweihung in die höheren Geheimnisse des Daseins bis zu einem gewissen Grade
erfahren hat. Nun kann man fragen: wie soll denn der Uneingeweihte überhaupt
irgendein menschliches Interesse an dem sogenannten Geheimwissen unter
solchen Umständen erlangen? Wie und warum soll er etwas suchen, von dessen
Natur er sich doch gar keine Vorstellung machen kann? Aber schon einer solchen
Frage liegt eine ganz irrtümliche Vorstellung von dem Wesen des Geheimwissens
zugrunde. In Wahrheit verhält es sich mit dem Geheimwissen nämlich doch nicht
anders als mit allem übrigen Wissen und Können des Menschen. Dieses
Geheimwissen ist für den Durchschnittsmenschen in keiner anderen Beziehung ein
Geheimnis, als warum das Schreiben für den ein Geheimnis ist, der es nicht gelernt
hat. Und wie jeder schreiben lernen kann, der die rechten Wege dazu wählt, so kann
jeder ein Geheimschüler, ja ein Geheimlehrer werden, der die entsprechenden
Wege dazu sucht. Nur in einer Hinsicht liegen die Verhältnisse hier noch anders als
beim äußeren Wissen und Können. Es kann jemandem durch Armut, durch die
Kultur–verhältnisse, in die er hineingeboren ist, die Möglichkeit fehlen, sich die Kunst
des Schreibens anzueignen; für die Erlangung von Wissen und Können in den
höheren Welten gibt es kein Hindernis für denjenigen, der diese ernstlich sucht.
Viele glauben, man müsse die Meister des höheren Wissens da und dort aufsuchen,
um von ihnen Aüfschlüsse zu erhalten. Aber zweierlei ist richtig. Erstens wird
derjenige, der ernstlich nach höherem Wissen trachtet, keine Mühe, kein Hindernis
scheuen, um einen Eingeweihten aufzusuchen, der ihn in die höheren Geheimnisse
der Welt einführen kann. Aber andererseits kann auch jeder sich klar darüber sein,
daß ihn die Einweihung unter allen Umständen finden wird, wenn ernstes und
würdiges Streben nach Erkenntnis vorliegt. Denn es gibt ein natürliches Gesetz für
alle Eingeweihten, das sie dazu veranlaßt, keinem suchenden Menschen ein ihm
gebührendes Wissen vorzuenthalten. Aber es gibt ein ebenso natürliches Gesetz,
welches besagt, daß niemandem irgend etwas von dem Geheimwissen ausgeliefert
werden kann, zu dem er nicht berufen ist. Und ein Eingeweihter ist um so
vollkommener, je strenger er diese beiden Gesetze beobachtet. Das geistige Band,
das alle Eingeweihten umfaßt, ist kein äußeres, aber die beiden genannten Gesetze
bilden feste Klammern, durch welche die Bestandteile dieses Bandes
zusammengehalten werden. Du magst in intimer Freundschaft mit einem
Eingeweihten leben: du bist doch so lange von seinem Wesen getrennt, bis du
selbst ein Eingeweihter geworden bist. Du magst das Herz, die Liebe eines
Eingeweihten im vollsten Sinne genießen: sein Geheimnis wird er dir erst
anvertrauen, wenn du reif dazu bist. Du magst ihm schmeicheln, du magst ihn
foltern: nichts kann ihn bestimmen, dir irgend etwas zu verraten, von dem er weiß,
daß es dir nicht verraten werden darf, weil du auf der Stufe deiner Entwickelung dem
Geheimnis noch nicht den rechten Empfang in deiner Seele zu bereiten verstehst.
Die Wege, die den Menschen reif zum Empfange eines Geheimnisses machen, sind
genau bestimmte. Ihre Richtung ist mit unauslöschbaren, ewigen Buchstaben
vorgezeichnet in den Geisteswelten, in denen die Eingeweihten die höheren
Geheimnisse behüten. In alten Zeiten, die vor unsrer «Geschichte» liegen, waren
die Tempel des Geistes auch äußerlich sichtbare; heute, wo unser Leben so
ungeistig geworden ist, sind sie nicht in der Welt vorhanden, die dem äußeren Auge
sichtbar ist. Aber sie sind geistig überall vorhanden; und jeder, der sucht, kann sie
finden.
Nur in seiner eigenen Seele kann der Mensch die Mittel finden, die ihm den Mund
der Eingeweihten öffnen. Gewisse Eigenschaften muß er in sich bis zu einem
bestimmten hohen Grade entwickeln, dann können ihm die höchsten
Geistesschätze zuteil werden.
Eine gewisse Grundstimmung der Seele muß den Anfang bilden. Der
Geheimforscher nennt diese Grundstimmung den Pfad der Verehrung, der Devotion
gegenüber der Wahrheit und Erkenntnis. Nur wer diese Grundstimmung hat, kann
Geheimschüler werden. Wer Erlebnisse auf diesem Gebiete hat, der weiß, welche
Anlagen bei denen schon in der Kindheit zu bemerken sind, welche später
Geheimschüler werden. Es gibt Kinder, die mit heiliger Scheu zu gewissen von
ihnen verehrten Personen emporblicken. Sie haben eine Ehrfurcht vor ihnen, die
ihnen im tiefsten Herzensgrunde verbietet, irgendeinen Gedanken aufkommen zu
lassen von Kritik, von Opposition. Solche Kinder wachsen zu Jünglingen und
Jungfrauen heran, denen es wohltut, wenn sie zu irgend etwas Verehrungsvollem
aufsehen können. Aus den Reihen dieser Menschenkinder gehen viele
Geheimschüler hervor. Hast du einmal vor der Türe eines verehrten Mannes
gestanden und hast du bei diesem deinem ersten Besuche eine heilige Scheu
empfunden, auf die Klinke zu drücken, um in das Zimmer zu treten, das für dich ein
«Heiligtum» ist, so hat sich in dir ein Gefühl geäußert, das der Keim sein kann für
deine spätere Geheimschülerschaft. Es ist ein Glück für jeden heranwachsenden
Menschen, solche Gefühle als Anlagen in sich zu tragen. Man glaube nur ja nicht,
daß solche Anlagen den Keim zur Unterwürfigkeit und Sklaverei bilden. Es wird
später die erst kindliche Verehrung gegenüber Menschen zur Verehrung gegenüber
Wahrheit und Erkenntnis. Die Erfahrung lehrt, daß diejenigen Menschen auch am
besten verstehen, das Haupt frei zu tragen, die verehren gelernt haben da, wo
Verehrung am Platze ist. Und am Platze ist sie überall da, wo sie aus den Tiefen des
Herzens entspringt.
Wenn wir nicht das tiefgründige Gefühl in uns entwickeln, daß es etwas Höheres
gibt, als wir sind, werden wir auch nicht in uns die Kraft finden, uns zu einem
Höheren hinaufzuentwickeln. Der Eingeweihte hat sich nur dadurch die Kraft
errungen, sein Haupt zu den Höhen der Erkenntnis zu erheben, daß er sein Herz in
die Tiefen der Ehrfurcht, der Devotion geführt hat. Höhe des Geistes kann nur
erklommen werden, wenn durch das Tor der Demut geschritten wird. Ein rechtes
Wissen kannst du nur erlangen, wenn du gelernt hast, dieses Wissen zu achten. Der
Mensch hat gewiß das Recht, sein Auge dem Lichte entgegenzuhalten; aber er muß
dieses Recht erwerben. Im geistigen Leben gibt es ebenso Gesetze wie im
materiellen. Streiche eine Glasstange mit einem entsprechenden Stoffe, und sie wird
elektrisch, das heißt: sie erhält die Kraft, kleine Körper anzuziehen. Dies entspricht
einem Naturgesetz. Hat man ein wenig Physik gelernt, so weiß man dies. Und
ebenso weiß man, wenn man die Anfangsgründe der Geheimwissenschaft kennt,
daß jedes in der Seele entwickelte Gefühl von wahrer Devotion eine Kraft entwickelt,
die in der Erkenntnis früher oder später weiter führen kann.
Wer in seinen Anlagen die devotionellen Gefühle hat, oder wer das Glück hat, sie
durch eine entsprechende Erziehung eingepflanzt zu erhalten, der bringt vieles mit,
wenn er im späteren Leben den Zugang zu höheren Erkenntnissen sucht. Wer eine
solche Vorbereitung nicht mitbringt, dem erwachsen schon auf der ersten Stufe des
Erkenntnispfades Schwierigkeiten, wenn er nicht durch Selbsterziehung die
devotionelle Stimmung energisch in sich zu erzeugen unternimmt. In unserer Zeit ist
es ganz besonders wichtig, daß auf diesen Punkt die volle Aufmerksamkeit gelenkt
wird. Unsere Zivilisation neigt mehr zur Kritik, zum Richten, zum Aburteilen und
wenig zur Devotion, zur hingebungsvollen Verehrung. Unsere Kinder schon
kritisieren viel mehr, als sie hingebungsvoll verehren. Aber jede Kritik, jedes
richtende Urteil vertreiben ebensosehr die Kräfte der Seele zur höheren Erkenntnis,
wie jede hingebungsvolle Ehrfurcht sie entwickelt. Damit soll gar nichts gegen
unsere Zivilisation gesagt sein. Es handelt sich hier gar nicht darum, Kritik an dieser
unserer Zivilisation zu üben. Gerade der Kritik, dem selbstbewußten menschlichen
Urteil, dem «Prüfet alles und das Beste behaltet», verdanken wir die Größe unserer
Kultur. Nimmermehr hätte der Mensch die Wissenschaft, die Industrie, den Verkehr,
die Rechtsverhältnisse unserer Zeit erlangt, wenn er nicht überall Kritik geübt,
überall den Maßstab seines Urteils angelegt hätte. Aber was wir dadurch an äußerer
Kultur gewonnen haben, mußten wir mit einer entsprechenden Einbuße an höherer
Erkenntnis, an spirituellem Leben bezahlen. Betont muß werden, daß es sich beim
höheren Wissen nicht um Verehrung von Menschen, sondern um eine solche
gegenüber Wahrheit und Erkenntnis handelt.
Nur das eine muß freilich sich jeder klarmachen, daß derjenige, der ganz in der
veräußerlichten Zivilisation unserer Tage darinnen steckt, es sehr schwer hat, zur
Erkenntnis der höheren Welten vorzudringen. Er kann es nur, wenn er energisch an
sich arbeitet. In einer Zeit, in der die Verhältnisse des materiellen Lebens einfache
waren, war auch geistiger Aufschwung leichter zu erreichen. Das
Verehrungswürdige, das Heiligzuhaltende hob sich mehr von den übrigen
Weltverhältnissen ab. Die Ideale werden in einem kritischen Zeitalter herabgezogen.
Andere Gefühle treten an die Stelle der Verehrung, der Ehrfurcht, der Anbetung und
Bewunderung. Unser Zeitalter drängt diese Gefühle immer mehr zurück, so daß sie
durch das alltägliche Leben dem Menschen nur noch in sehr geringem Grade
zugeführt werden. Wer höhere Erkenntnis sucht, muß sie in sich erzeugen. Er muß
sie selbst seiner Seele einflößen. Das kann man nicht durch Studium. Das kann
man nur durch das Leben. Wer Geheimschüler werden will, muß sich daher
energisch zur devotionellen Stimmung erziehen. Er muß überall in seiner
Umgebung, in seinen Erlebnissen dasjenige aufsuchen, was ihm Bewunderung und
Ehrerbietung abzwingen kann. Begegne ich einem Menschen und tadle ich seine
Schwächen, so raube ich mir höhere Erkenntniskraft; suche ich liebevoll mich in
seine Vorzüge zu vertiefen, so sammle ich solche Kraft. Der Geheimjünger muß
fortwährend darauf bedacht sein, diese Anleitung zu befolgen. Erfahrene
Geheimforscher wissen, was sie für eine Kraft dem Umstande verdanken, daß sie
immer wieder allen Dingen gegenüber auf das Gute sehen und mit dem richtenden
Urteile zurückhalten. Aber dies darf nicht eine äußerliche Lebensregel bleiben.
Sondern es muß von dem Innersten unsrer Seele Besitz ergreifen. Der Mensch hat
es in seiner Hand, sich selbst zu vervollkommnen, sich mit der Zeit ganz zu
verwandeln. Aber es muß sich diese Umwandlung in seinem Innersten, in seinem
Gedankenleben vollziehen. Es genügt nicht, daß ich äußerlich in meinem Verhalten
Achtung gegenüber einem Wesen zeige. Ich muß diese Achtung in meinen
Gedanken haben. Damit muß der Geheimschüler beginnen, daß er die Devotion in
sein Gedankenleben aufnimmt. Er muß auf die Gedanken der Unehrerbietung, der
abfälligen Kritik in seinem Bewußtsein achten. Und er muß geradezu suchen, in sich
Gedanken der Devotion zu pflegen.
Jeder Augenblick, in dem man sich hinsetzt, um gewahr zu werden in seinem
Bewußtsein, was in einem steckt an abfälligen, richtenden, kritischen Urteilen über
Welt und Leben: – jeder solcher Augenblick bringt uns der höheren Erkenntnis
näher. Und wir steigen rasch auf, wenn wir in solchen Augenblicken unser
Bewußtsein nur erfüllen mit Gedanken, die uns mit Bewunderung, Achtung,
Verehrung gegenüber Welt und Leben erfüllen. Wer in diesen Dingen Erfahrung hat,
der weiß, daß in jedem solchen Augenblicke Kräfte in dem Menschen erweckt
werden, die sonst schlummernd bleiben. Es werden dadurch dem Menschen die
geistigen Augen geöffnet. Er fängt dadurch an, Dinge um sich herum zu sehen, die
er früher nicht hat sehen können. Er fängt an zu begreifen, daß er vorher nur einen
Teil der ihn umgebenden Welt gesehen hat. Der Mensch, der ihm gegenübertritt,
zeigt ihm jetzt eine ganz andere Gestalt als vorher. Zwar wird er durch diese
Lebensregel noch nicht imstande sein, schon das zu sehen, was zum Beispiel als
die menschliche Aura beschrieben wird. Denn dazu ist eine noch höhere Schulung
nötig. Aber eben zu dieser höheren Schulung kann er aufsteigen, wenn er vorher
eine energische Schulung in Devotion durchgemacht hat.
Geräuschlos und unbemerkt von der äußeren Welt vollzieht sich das Betreten des
«Erkenntnispfades» durch den Geheim–schüler. Niemand braucht an ihm eine
Veränderung wahrzunehmen. Er tut seine Pflichten wie vorher; er besorgt seine
Geschäfte wie ehedem. Die Verwandlung geht lediglich mit der inneren Seite der
Seele vor sich, die dem äußeren Auge entzogen ist. Zunächst überstrahlt das ganze
Gemütsleben des Menschen die eine Grundstimmung der Devotion gegenüber
allem wahrhaft Ehrwürdigen. In diesem einen Grundgefühle findet sein ganzes
Seelenleben den Mittelpunkt. Wie die Sonne durch ihre Strahlen alles Lebendige
belebt, so belebt beim Geheimschüler die Verehrung alle Empfindungen der Seele.
Es wird dem Menschen anfangs nicht leicht, zu glauben, daß Gefühle wie
Ehrerbietung, Achtung und so weiter etwas mit seiner Erkenntnis zu tun haben. Dies
rührt davon her, daß man geneigt ist, die Erkenntnis als eine Fähigkeit für sich
hinzustellen, die mit dem in keiner Verbindung steht, was sonst in der Seele vorgeht.
Man bedenkt dabei aber nicht, daß die Seele es ist, welche erkennt. Und für die
Seele sind Gefühle das, was für den Leib die Stoffe sind, welche seine Nahrung
ausmachen. Wenn man dem Leibe Steine statt Brot gibt, so erstirbt seine Tätigkeit.
Ähnlich ist es mit der Seele. Für sie sind Verehrung, Achtung, Devotion nährende
Stoffe, die sie gesund, kräftig machen; vor allem kräftig zur Tätigkeit des Erkennens.
Mißachtung, Antipathie, Unterschätzung des Anerkennenswerten bewirken
Lähmung und Ersterben der erkennenden Tätigkeit. – Für den Geistesforscher ist
diese Tatsache an der Aura ersichtlich. Eine Seele, die sich verehrende,
devotionelle Gefühle aneignet, bewirkt eine Veränderung ihrer Aura. Gewisse als
gelbrote, braunrote zu bezeichnende geistige Farbentöne verschwinden und werden
durch blaurote ersetzt. Dadurch aber öffnet sich das Erkenntnisvermögen; es
empfängt Kunde von Tatsachen in seiner Umgebung, von denen es vorher keine
Ahnung hatte. Die Verehrung weckt eine sympathische Kraft in der Seele, und durch
diese werden Eigenschaften der uns umgebenden Wesen von uns angezogen, die
sonst verborgen bleiben.
Wirksamer noch wird das, was durch die Devotion zu erreichen ist, wenn eine
andere Gefühlsart hinzukommt. Sie besteht darinnen, daß der Mensch lernt, sich
immer weniger den Eindrücken der Außenwelt hinzugeben, und dafür ein reges
Innenleben entwickelt. Ein Mensch, der von einem Eindruck der Außenwelt zu dem
andern jagt, der stets nach «Zerstreuung» sucht, findet nicht den Weg zur
Geheimwissenschaft. Nicht ab–stumpfen soll sich der Geheimschüler für die
Außenwelt; aber sein reiches Innenleben soll ihm die Richtung geben, in der er sich
ihren Eindrücken hingibt. Wenn ein gefühlsreicher und gemütstiefer Mensch durch
eine schöne Gebirgslandschaft geht, erlebt er anderes als ein gefühlsarmer. Erst
was wir im Innern erleben, gibt uns den Schlüssel zu den Schönheiten der
Außenwelt. Der eine fährt über das Meer, und nur wenig innere Erlebnisse ziehen
durch seine Seele; der andere empfindet dabei die ewige Sprache des Weltgeistes;
ihm enthüllen sich geheime Rätsel der Schöpfung. Man muß gelernt haben, mit
seinen eigenen Gefühlen, Vorstellungen umzugehen, wenn man ein inhaltvolles
Verhältnis zur Außenwelt entwickeln will. Die Außenwelt ist in allen ihren
Erscheinungen erfüllt von göttlicher Herrlichkeit; aber man muß das Göttliche erst in
seiner Seele selbst erlebt haben, wenn man es in der Umgebung finden will. – Der
Geheimschüler wird darauf verwiesen, sich Augenblicke in seinem Leben zu
schaffen, in denen er still und einsam sich in sich selbst versenkt. Nicht den
Angelegenheiten seines eigenen Ich aber soll er sich in solchen Augenblicken
hingeben. Das würde das Gegenteil von dem bewirken, was beabsichtigt ist. Er soll
vielmehr in solchen Augenblicken in aller Stille nachklingen lassen, was er erlebt
hat, was ihm die äußere Welt gesagt hat. Jede Blume, jedes Tier, jede Handlung
wird ihm in solchen stillen Augenblicken ungeahnte Geheimnisse enthüllen. Und er
wird vorbereitet dadurch, neue Eindrücke der Außenwelt mit ganz anderen Augen zu
sehen als vorher. Wer nur Eindruck nach Eindruck genießen will, stumpft sein
Erkenntnisvermögen ab. Wer, nach dem Genusse, sich von dem Genusse etwas
offenbaren läßt, der pflegt und erzieht sein Erkenntnisvermögen. Er muß sich nur
daran gewöhnen, nicht etwa nur den Genuß nachklingen zu lassen, sondern, mit
Verzicht auf weiteren Genuß, das Genossene durch innere Tätigkeit zu verarbeiten.
Die Klippe ist hier eine sehr große, die Gefahr bringt. Statt in sich zu arbeiten, kann
man leicht in das Gegenteil verfallen und den Genuß nur hinterher noch völlig
ausschöpfen wollen. Man unterschätze nicht, daß sich hier unabsehbare Quellen
des Irrtums für den Geheimschüler eröffnen. Er muß ja hindurch zwischen einer
Schar von Verführern seiner Seele. Sie alle wollen sein «Ich» verhärten, in sich
selbst verschließen. Er aber soll es aufschließen für die Welt. Er muß ja den Genuß
suchen; denn nur durch ihn kommt die Außenwelt an ihn heran. Stumpft er sich
gegen den Genuß ab, so wird er wie eine Pflanze, die aus ihrer Umgebung keine
Nahrungsstoffe mehr an sich ziehen kann. Bleibt er aber beim Genusse stehen, so
verschließt er sich in sich selbst. Er wird nur etwas für sich, nichts für die Welt
bedeuten. Mag er in sich dann noch so sehr leben, mag er sein «Ich» noch so stark
pflegen: die Welt scheidet ihn aus. Für sie ist er tot. Der Geheimschüler betrachtet
den Genuß nur als ein Mittel, um sich für die Welt zu veredeln. Der Genuß ist ihm
ein Kundschafter, der ihn unterrichtet über die Welt; aber er schreitet nach dem
Unterricht durch den Genuß zur Arbeit vorwärts. Er lernt nicht, um das Gelernte als
seine Wissensschätze aufzuhäufen, sondern um das Gelernte in den Dienst der
Welt zu stellen.
Es ist ein Grundsatz in aller Geheimwissenschaft, der nicht übertreten werden darf,
wenn irgendein Ziel erreicht werden soll. Jede Geheimschulung muß ihn dem
Schüler einprägen. Er heißt: Jede Erkenntnis, die du suchst, nur um dein Wissen zu
bereichern, nur um Schätze in dir anzuhäufen, führt dich ab von deinem Wege; jede
Erkenntnis aber, die du suchst, um reifer zu werden auf dem Wege der
Menschenveredelung und der Weltenentwicklung, die bringt dich einen Schritt
vorwärts. Dieses Gesetz fordert unerbittlich seine Beobachtung. Und man ist nicht
früher Geheimschüler, ehe man dieses Gesetz zur Richtschnur seines Lebens
gemacht hat. Man kann diese Wahrheit der geistigen Schulung in den kurzen Satz
zusammenfassen: Jede Idee, die dir nicht zum Ideal wird, ertötet in deiner Seele
eine Kraft; jede Idee, die aber zum Ideal wird, erschafft in dir Lebenskräfte.
INNERE RUHE
Auf den Pfad der Verehrung und auf die Entwicklung des inneren Lebens wird der
Geheimschüler im Anfange seiner Laufbahn gewiesen. Die Geisteswissenschaft gibt
nun auch praktische Regeln an die Hand, durch deren Beobachtung der Pfad
betreten, das innere Leben entwickelt werden kann. Diese praktischen Regeln
entstammen nicht der Willkür. Sie beruhen auf uralten Erfahrungen und uraltem
Wissen. Sie werden überall in der gleichen Art gegeben, wo die Wege zur höheren
Erkenntnis gewiesen werden. Alle wahren Lehrer des geistigen Lebens stimmen in
bezug auf den Inhalt dieser Regeln überein, wenn sie dieselben auch nicht immer in
die gleichen Worte kleiden. Die untergeordnete, eigentlich nur scheinbare
Verschiedenheit rührt von Tatsachen her, welche hier nicht zu besprechen sind.
Kein Lehrer des Geisteslebens will durch solche Regeln eine Herrschaft über andere
Menschen ausüben. Er will niemand in seiner Selbständigkeit beeinträchtigen. Denn
es gibt keine besseren Schätzer und Hüter der menschlichen Selbständigkeit als die
Geheimforscher. Es ist (im vorigen Kapitel) gesagt worden, das Band, das alle
Eingeweihten umfaßt, sei ein geistiges, und zwei naturgemäße Gesetze bilden die
Klammern, welche die Bestandteile dieses Bandes zusammenhalten. Tritt nun der
Eingeweihte aus seinem umschlossenen Geistgebiet heraus, vor die Öffentlichkeit:
dann kommt für ihn sogleich ein drittes Gesetz in Betracht. Es ist dieses: Richte jede
deiner Taten, jedes deiner Worte so ein, daß durch dich in keines Menschen freien
Willensentschluß eingegriffen wird.
Wer durchschaut hat, daß ein wahrer Lehrer des Geisteslebens ganz von dieser
Gesinnung durchdrungen ist, der kann auch wissen, daß er nichts von seiner
Selbständigkeit einbüßt. wenn er den praktischen Regeln folgt, die ihm geboten
werden.
Eine der ersten dieser Regeln kann nun etwa in die folgenden Worte der Sprache
gekleidet werden: «Schaffe dir Augenblicke innerer Ruhe und lerne in diesen
Augenblicken das Wesentliche von dem Unwesentlichen unterscheiden.» – Es wird
hier gesagt, diese praktische Regel laute so in «Worte der Sprache gefaßt».
Ursprünglich werden nämlich alle Regeln und Lehren der Geisteswissenschaft in
einer sinnbildlichen Zeichensprache gegeben. Und wer ihre ganze Bedeutung und
Tragweite kennenlernen will, der muß erst diese sinnbildliche Sprache sich zum
Verständnis bringen. Dieses Verständnis ist davon abhängig, daß der Betreffende
bereits die ersten Schritte in der Geheimwissenschaft getan hat. Diese Schritte aber
kann er durch die genaue Beobachtung solcher Regeln gehen, wie sie hier gegeben
werden. Jedem steht der Weg offen, der ernstliches Wollen hat.
Einfach ist die obige Regel bezüglich der Augenblicke der inneren Ruhe. Und
einfach ist auch ihre Befolgung. Aber zum Ziele führt sie nur, wenn sie ebenso ernst
und streng angefaßt wird, wie sie einfach ist. – Ohne Umschweife soll daher hier
auch gesagt werden, wie diese Regel zu befolgen ist.
Der Geheimschüler hat sich eine kurze Zeit von seinem täglichen Leben
auszusondern, um sich in dieser Zeit mit etwas ganz anderem zu befassen, als die
Gegenstände seiner täglichen Beschäftigung sind. Und auch die Art seiner
Beschäftigung muß eine ganz andere sein als diejenige, mit der er den übrigen Tag
ausfüllt. Das ist aber nicht so zu verstehen, als ob dasjenige, was er in dieser
ausgesonderten Zeit vollbringt, nichts zu tun habe mit dem Inhalt seiner täglichen
Arbeit. Im Gegenteil: der Mensch, der solche abgesonderten Augenblicke in der
rechten Art sucht, wird bald bemerken, daß er durch sie erst die volle Kraft zu seiner
Tagesaufgabe erhält. Auch darf nicht geglaubt werden, daß die Beobachtung dieser
Regel jemandem wirklich Zeit von seiner Pflichtenleistung entziehen könne. Wenn
jemand wirklich nicht mehr Zeit zur Verfügung haben sollte, so genügen fünf
Minuten jeden Tag. Es kommt darauf an, wie diese fünf Minuten angewendet
werden.
In dieser Zeit soll der Mensch sich vollständig herausreißen aus seinem
Alltagsleben. Sein Gedanken-, sein Gefühlsleben soll da eine andere Färbung
erhalten, als sie sonst haben. Er soll seine Freuden, seine Leiden, seine Sorgen,
seine Erfahrungen, seine Taten vor seiner Seele vorbeiziehen lassen. Und er soll
sich dabei so stellen, daß er alles das, was er sonst erlebt, von einem höheren
Gesichtspunkte aus ansieht. Man denke nur einmal daran, wie man im
gewöhnlichen Leben etwas ganz anders ansieht, was ein anderer erlebt oder getan
hat, als was man selbst erlebt oder getan hat. Das kann nicht anders sein. Denn mit
dem, was man selbst erlebt oder tut, ist man verwoben; das Erlebnis oder die Tat
eines anderen betrachtet man nur. Was man in den ausgesonderten Augenblicken
anzustreben hat, ist nun, die eigenen Erlebnisse und Taten so anzuschauen, so zu
beurteilen, als ob man sie nicht selbst, sondern als ob sie ein anderer erlebt oder
getan hätte. Man stelle sich einmal vor: jemand habe einen schweren
Schicksalsschlag erlebt. Wie anders steht er dem gegenüber als einem ganz
gleichen Schicksalsschlage bei seinem Mitmenschen? Niemand kann das für
unberechtigt halten. Es liegt in der menschlichen Natur. Und ähnlich wie in solchen
außergewöhnlichen Fällen ist es in den alltäglichen Angelegenheiten des Lebens.
Der Geheimschüler muß die Kraft suchen, sich selbst in gewissen Zeiten wie ein
Fremder gegenüberzustehen. Mit der inneren Ruhe des Beurteilers muß er sich
selbst entgegentreten. Erreicht man das, dann zeigen sich einem die eigenen
Erlebnisse in einem neuen Lichte. Solange man in sie verwoben ist, solange man in
ihnen steht, hängt man mit dem Unwesentlichen ebenso zusammen wie mit dem
Wesentlichen. Kommt man zur inneren Ruhe des Überblicks, dann sondert sich das
Wesentliche von dem Unwesentlichen. Kummer und Freude, jeder Gedanke, jeder
Entschluß erscheinen anders, wenn man sich so selbst gegenübersteht. – Es ist,
wie wenn man den ganzen Tag hindurch in einem Orte sich aufgehalten hat und das
Kleinste ebenso nahe gesehen hat wie das Größte; dann des Abends auf einen
benachbarten Hügel steigt und den ganzen Ort auf einmal überschaut. Da
erscheinen die Teile dieses Ortes in anderen gegenseitigen Verhältnissen, als wenn
man darinnen ist. Mit gegenwärtig erlebten Schicksalsfügungen wird und braucht
dies nicht zu gelingen; mit länger vergangenen muß es vom Schüler des
Geisteslebens erstrebt werden. – Der Wert solcher inneren, ruhigen Selbstschau
hängt viel weniger davon ab, was man dabei erschaut, als vielmehr davon, daß man
in sich die Kraft findet, die solche innere Ruhe entwickelt.
Denn jeder Mensch trägt neben seinem – wir wollen ihn so nennen –
Alltagsmenschen in seinem Innern noch einen höheren Menschen. Dieser höhere
Mensch bleibt so lange verborgen, bis er geweckt wird. Und jeder kann diesen
höheren Menschen nur selbst in sich erwecken. Solange aber dieser höhere
Mensch nicht erweckt ist, so lange bleiben auch die in jedem Menschen
schlummernden höheren Fähigkeiten verborgen, die zu übersinnlichen
Erkenntnissen führen.
Solange jemand die Frucht der inneren Ruhe nicht fühlt, muß er sich eben sagen,
daß er in der ernsten strengen Befolgung der angeführten Regel fortfahren muß. Für
jeden, der so verfährt, kommt der Tag, wo es um ihn herum geistig hell wird, wo sich
einem Auge, das er bis dahin in sich nicht gekannt hat, eine ganz neue Welt
erschließen wird.
Und nichts braucht sich im äußeren Leben des Geheimschülers zu ändern dadurch,
daß er anfängt, diese Regel zu befolgen. Er geht seinen Pflichten nach wie vorher;
er duldet dieselben Leiden und erlebt dieselben Freuden zunächst wie vorher. In
keiner Weise kann er dadurch dem «Leben» entfremdet werden. Ja, er kann um so
voller den übrigen Tag hindurch diesem «Leben» nachgehen, weil er in seinen
ausgesonderten Augenblicken ein«höheres Leben» sich aneignet. Nach und nach
wird dieses «höhere Leben» schon seinen Einfluß auf das gewöhnliche geltend
machen. Die Ruhe der ausgesonderten Augenblicke wird ihre Wirkung auch auf den
Alltag haben. Der ganze Mensch wird ruhiger werden, wird Sicherheit bei seinen
Handlungen gewinnen, wird nicht mehr aus der Fassung gebracht werden können
durch alle möglichen Zwischenfälle. Allmählich wird sich solch angehender
Geheimschüler sozusagen immer mehr selbst leiten und weniger von den
Umständen und äußeren Einflüssen leiten lassen. Ein solcher Mensch wird bald
bemerken, was für eine Kraftquelle solche ausgesonderte Zeitabschnitte für ihn sind.
Er wird anfangen, sich über Dinge nicht mehr zu ärgern, über die er sich vorher
geärgert hat, unzählige Dinge, die er vorher gefürchtet hat, hören auf, ihm
Befürchtungen zu machen. Eine ganz neue Lebensauffassung eignet er sich an.
Vorher ging er vielleicht zaghaft an diese oder jene Verrichtung. Er sagte sich: Oh,
meine Kraft reicht nicht aus, dies so zu machen, wie ich es gerne gemacht hätte.
Jetzt kommt ihm nicht mehr dieser Gedanke, sondern vielmehr ein ganz anderer.
Nunmehr sagt er sich nämlich: Ich will alle Kraft zusammennehmen, um meine
Sache so gut zu machen, als ich nur irgend kann. Und den Gedanken, der ihn
zaghaft machen könnte, unterdrückt er. Denn er weiß, daß ihn eben die
Zaghaftigkeit zu einer schlechten Leistung veranlassen könnte, daß jedenfalls diese
Zaghaftigkeit nichts beitragen kann zur Verbesserung dessen, was ihm obliegt. Und
so ziehen Gedanke nach Gedanke in die Lebensauffassung des Geheimschülers
ein, die fruchtbar, förderlich sind für sein Leben. Sie treten an die Stelle von solchen,
die ihm hinderlich, schwächend waren. Er fängt an, sein Lebensschiff einen
sicheren, festen Gang zu führen innerhalb der Wogen des Lebens, während es
vorher von diesen Wogen hin und her geschlagen worden ist.
Und solche Ruhe und Sicherheit wirken auch auf das ganze menschliche Wesen
zurück. Der innere Mensch wächst dadurch. Und mit ihm wachsen jene inneren
Fähigkeiten, welche zu den höheren Erkenntnissen führen. Denn durch seine in
dieser Richtung gemachten Fortschritte gelangt der Geheimschüler allmählich dahin,
daß er selbst bestimmt, wie die Eindrücke der Außenwelt auf ihn einwirken dürfen.
Er hört zum Beispiel ein Wort, durch das ein anderer ihn verletzen oder ärgern will.
Vor seiner Geheimschülerschaft wäre er auch verletzt worden oder hätte sich
geärgert. Da er nun den Pfad der Geheimschülerschaft betreten hat, ist er imstande,
dem Worte seinen verletzenden oder ärgerlichen Stachel zu nehmen, bevor es den
Weg zu seinem Inneren gefunden hat. Oder ein anderes Beispiel. Ein Mensch wird
leicht ungeduldig, wenn er warten soll. Er betritt den Pfad des Geheimschülers. Er
durchdringt sich in seinen Augenblicken der Ruhe so sehr mit dem Gefühl von der
Zwecklosigkeit vieler Ungeduld, daß er fortan bei jeder erlebten Ungeduld sofort
dieses Gefühl gegenwärtig hat. Die Ungeduld, die sich schon einstellen wollte,
verschwindet, und eine Zeit, die sonst verlorengegangen wäre unter den
Vorstellungen der Ungeduld, wird vielleicht ausgefüllt von einer nützlichen
Beobachtung, die während des Wartens gemacht werden kann.
Nun muß man sich nur die Tragweite von alledem vergegenwärtigen. Man bedenke,
daß der «höhere Mensch» im Menschen in fortwährender Entwickelung ist. Durch
die beschriebene Ruhe und Sicherheit wird ihm aber allein eine gesetzmäßige
Entwicklung ermöglicht. Die Wogen des äußeren Lebens zwängen den inneren
Menschen von allen Seiten ein, wenn der Mensch nicht dieses Leben beherrscht,
sondern von ihm beherrscht wird. Ein solcher Mensch ist wie eine Pflanze, die sich
in einer Felsspalte entwickeln soll. Sie verkümmert so lange, bis man ihr Raum
schafft. Dem inneren Menschen können keine äußeren Kräfte Raum schaffen. Das
vermag nur die innere Ruhe, die er seiner Seele schafft. Äußere Verhältnisse
können nur seine äußere Lebenslage ändern; den «geistigen Menschen» in ihm
können sie nie und nimmer erwecken. – In sich selbst muß der Geheimschüler einen
neuen, einen höheren Menschen gebären.
Dieser «höhere Mensch» wird dann der «innere Herrscher», der mit sicherer Hand
die Verhältnisse des äußeren Menschen führt. Solange der äußere Mensch die
Oberhand und Leitung hat, ist dieser «innere» sein Sklave und kann daher seine
Kräfte nicht entfalten. Hängt es von etwas anderem als von mir ab, ob ich mich
ärgere oder nicht, so bin ich nicht Herr meiner selbst, oder – noch besser gesagt –:
ich habe den «Herrscher in mir» noch nicht gefunden. Ich muß in mir die Fähigkeit
entwickeln, die Eindrücke der Außenwelt nur in einer durch mich selbst bestimmten
Weise an mich herankommen zu lassen; dann kann ich erst Geheimschüler werden.
– Und nur insoweit der Geheimschüler ernstlich nach dieser Kraft sucht, kann er
zum Ziel kommen. Es kommt nicht darauf an, wie weit es einer in einer bestimmten
Zeit bringt; sondern allein darauf, daß er ernstlich sucht. Schon manchen hat es
gegeben, der jahrelang sich angestrengt hat, ohne an sich einen merklichen
Fortschritt zu bemerken; viele von denen aber, die nicht verzweifelt, sondern
unerschütterlich geblieben sind, haben dann ganz plötzlich den «inneren Sieg»
errungen.
Es gehört gewiß in mancher Lebenslage eine große Kraft dazu, sich Augenblicke
innerer Ruhe zu schaffen. Aber je größer die notwendige Kraft, desto bedeutender
ist auch das, was erreicht wird. Alles hängt in bezug auf die Geheimschülerschaft
davon ab, daß man energisch, mit innerer Wahrheit und rückhaltloser Aufrichtigkeit
sich selbst, mit allen seinen Handlungen und Taten, als ein völlig Fremder
gegenüberstehen kann.
Aber nur eine Seite der inneren Tätigkeit des Geheimschülers ist durch diese Geburt
des eigenen höheren Menschen gekennzeichnet. Es muß dazu noch etwas anderes
kommen. Wenn sich nämlich der Mensch auch selbst als ein Fremder
gegenübersteht, so betrachtet er doch nur sich selbst; er sieht auf diejenigen
Erlebnisse und Handlungen, mit denen er durch seine besondere Lebenslage
verwachsen ist. Er muß darüber hinauskommen. Er muß sich erheben zu einem rein
Menschlichen, das nichts mehr mit seiner besonderen Lage zu tun hat. Er muß zu
einer Betrachtung derjenigen Dinge übergehen, die ihn als Mensch etwas angingen,
auch wenn er unter ganz anderen Verhältnissen, in einer ganz anderen Lage lebte.
Dadurch lebt in ihm etwas auf, was über das Persönliche hinausragt. Er richtet damit
den Blick in höhere Welten, als diejenigen sind, mit denen ihn der Alltag
zusammenführt. Und damit beginnt der Mensch zu fühlen, zu erleben, daß er
solchen höheren Welten angehört. Es sind das Welten, über die ihm seine Sinne,
seine alltägliche Beschäftigung nichts sagen können. So erst verlegt er den
Mittelpunkt seines Wesens in sein Inneres. Er hört auf die Stimmen in seinem
Innern, die in den Augenblicken der Ruhe zu ihm sprechen; er pflegt im Innern
Umgang mit der geistigen Welt. Er ist dem Alltag entrückt. Der Lärm dieses Alltags
ist für ihn verstummt. Es ist um ihn herum still geworden. Er weist alles ab, was ihn
an solche Eindrücke von außen erinnert. Die ruhige Beschaulichkeit im Innern, die
Zwiesprache mit der rein geistigen Welt füllt seine ganze Seele aus. – Ein
natürliches Lebensbedürfnis muß dem Geheimschüler solche stille Beschaulichkeit
werden. Er ist zunächst ganz in eine Gedankenwelt versenkt. Er muß für diese stille
Gedankentätigkeit ein lebendiges Gefühl entwickeln. Er muß lieben lernen, was ihm
der Geist da zuströmt. Bald hört er dann auch auf, diese Gedankenwelt als etwas zu
empfinden, was unwirklicher sei als die Dinge des Alltags, die ihn umgeben. Er fängt
an, mit seinen Gedanken umzugehen wie mit den Dingen im Raume. Und dann naht
für ihn auch der Augenblick, indem er das, was sich ihm in der Stille innerer
Gedankenarbeit offenbart, als viel höher, wirklicher zu fühlen beginnt als die Dinge
im Raume. Er erfährt, daß sich Leben in dieser Gedankenwelt ausspricht. Er sieht
ein, daß sich in Gedanken nicht bloße Schattenbilder ausleben, sondern, daß durch
sie verborgene Wesenheiten zu ihm sprechen. Es fängt an, aus der Stille heraus zu
ihm zu sprechen. Vorher hat es nur durch sein Ohr zu ihm getönt; jetzt tönt es durch
seine Seele. Eine innere Sprache –ein inneres Wort – hat sich ihm erschlossen.
Beseligt im höchsten Grade fühlt sich der Geheimschüler, wenn er diesen
Augenblick zum ersten Male erlebt. Über seine ganze äußere Welt ergießt sich ein
inneres Licht. Ein zweites Leben beginnt für ihn. Der Strom einer göttlichen, einer
gottbeseligenden Welt ergießt sich durch ihn.
Solches Leben der Seele in Gedanken, das sich immer mehr erweitert zu einem
Leben in geistiger Wesenheit, nennt die Gnosis, die Geisteswissenschaft Meditation
(beschauliches Nachdenken). Diese Meditation ist das Mittel zu übersinnlicher
Erkenntnis. – Aber nicht schwelgen in Gefühlen soll der Geheimschüler in solchen
Augenblicken. Er soll nicht unbestimmte Empfindungen in seiner Seele haben. Das
würde ihn nur hindern, zu wahrer geistiger Erkenntnis zu kommen. Klar, scharf,
bestimmt sollen sich seine Gedanken gestalten. Dazu wird er einen Anhalt finden,
wenn er sich nicht blind an die Gedanken hält, die ihm aufsteigen. Er soll sich
vielmehr mit den hohen Gedanken durchdringen, welche vorgeschrittene, schon
vom Geist erfaßte Menschen in solchen Augenblicken gedacht haben. Er soll zum
Ausgangspunkte die Schriften nehmen, die selbst solcher Offenbarung in der
Meditation entsprossen sind. In der mystischen, in der gnostischen, in der
geisteswissenschaftlichen Literatur von heute findet der Geheimschüler solche
Schriften. Da ergeben sich ihm die Stoffe zu seiner Meditation. Die Geistsucher
haben selbst in solchen Schriften die Gedanken der göttlichen Wissenschaft
niedergelegt; der Geist hat durch seine Boten sie der Welt verkündigen lassen.
Durch solche Meditation geht eine völlige Verwandlung mit dem Geheimschüler vor.
Er fängt an, über die Wirklichkeit ganz neue Vorstellungen sich zu bilden. Alle Dinge
erhalten für ihn einen anderen Wert. Immer wieder muß es gesagt werden: nicht
weltfremd wird der Geheimschüler durch solche Wandlung. Er wird auf keinen Fall
seinem alltäglichen Pflichtenkreis entfremdet. Denn er lernt einsehen, daß die
geringste Handlung, die er zu vollbringen hat, das geringste Erlebnis, das sich ihm
darbietet, im Zusammenhang stehen mit den großen Weltwesenheiten und
Weltereignissen. Wird ihm dieser Zusammenhang durch seine beschaulichen
Augenblicke erst klar, dann geht er mit neuer vollerer Kraft in seinen täglichen
Wirkungskreis. Denn jetzt weiß er: was er arbeitet, was er leidet, das arbeitet, leidet
er um eines großen, geistigen Weltzusammenhanges willen. Kraft zum Leben, nicht
Lässigkeit quillt aus der Meditation.
Mit sicherem Schritt geht der Geheimschüler durch das Leben. Was es ihm auch
bringen mag, läßt ihn aufrecht schreiten. Vorher hat er nicht gewußt, warum er
arbeitet, warum er leidet: jetzt weiß er dies. Einzusehen ist, daß solche
Meditationstätigkeit besser zum Ziele führt, wenn sie unter Anleitung erfahrener
Menschen geschieht. Solchen Menschen, die von sich aus wissen, wie alles am
besten zu machen ist. Man sehe daher den Rat, die Anweisung solcher Menschen
sich an. Man verliert dadurch wahrlich nicht seine Freiheit. Was sonst nur
unsicheres Tappen sein kann, wird durch solche Anleitung zum zielsicheren
Arbeiten. Wer sich um solche kümmert, die in dieser Richtung Wissen, Erfahrung
haben, wird niemals vergeblich anklopfen. Er sei sich nur bewußt, daß er nichts
anderes sucht als den Rat eines Freundes, nicht die Übermacht eines solchen, der
herrschen will. Man wird immer finden, daß diejenigen, die wirklich wissen, die
bescheidensten Menschen sind, und daß ihnen nichts ferner liegt als dasjenige, was
die Menschen Machtgelüste nennen.
Wer sich durch die Meditation erhebt zu dem, was den Menschen mit dem Geist
verbindet, der beginnt in sich das zu beleben, was ewig in ihm ist, was nicht durch
Geburt und Tod begrenzt ist. Nur diejenigen können zweifeln an einem solchen
Ewigen, die es nicht selbst erlebt haben. So ist die Meditation der Weg, der den
Menschen auch zur Erkenntnis, zur Anschauung seines ewigen, unzerstörbaren
Wesenskernes führt. Und nur durch sie kann der Mensch zu solcher Anschauung
kommen. Gnosis, Geisteswissenschaft sprechen von der Ewigkeit dieses
Wesenskernes, von der Wiederverkörperung desselben. Oft wird gefragt, warum
weiß der Mensch nichts von seinen Erlebnissen, die jenseits von Geburt und Tod
liegen? Aber nicht so sollte gefragt werden. Sondern vielmehr so: wie gelangt man
zu solchem Wissen? In der richtigen Meditation eröffnet sich der Weg. Durch sie lebt
die Erinnerung auf an Erlebnisse, die jenseits von Geburt und Tod liegen. Jeder
kann dieses Wissen erwerben; in jedem liegen die Fähigkeiten, selbst zu erkennen,
selbst zu schauen, was echte Mystik, Geisteswissenschaft, Anthroposophie und
Gnosis lehren. Er muß nur die richtigen Mittel wählen. Nur ein Wesen, das Ohren
und Augen hat, kann Töne und Farben wahrnehmen. Und auch das Auge kann
nichts wahrnehmen, wenn das Licht fehlt, das die Dinge sichtbar macht. In der
Geheimwissenschaft sind die Mittel gegeben, die geistigen Ohren und Augen zu
entwickeln und das geistige Licht zu entzünden. Als drei Stufen können die Mittel
der geistigen Schulung bezeichnet werden: 1. Die Vorbereitung. Sie entwickelt die
geistigen Sinne. 2. Die Erleuchtung. Sie zündet das geistige Licht an. 3. Die
Einweihung. Sie eröffnet den Verkehr mit den höheren Wesenheiten des Geistes.
DIE STUFEN DER EINWEIHUNG
Die folgenden Mitteilungen sind Glieder einer geistigen Schulung, über deren
Namen und Wesenheit jeder sich klar wird, der sie richtig anwendet. Sie beziehen
sich auf die drei Stufen, durch welche die Schule des geistigen Lebens zu einem
gewissen Grade der Einweihung führt. Aber nur so viel von diesen
Auseinandersetzungen wird man hier finden, als eben öffentlich gesagt werden
kann. Es sind dies Andeutungen, welche aus einer noch viel tieferen, intimen Lehre
herausgeholt sind. In der Geheimschulung selbst wird ein ganz bestimmter
Lehrgang befolgt. Gewisse Verrichtungen dienen dazu, die Seele des Menschen
zum bewußten Verkehr mit der geistigen Welt zu bringen. Diese Verrichtungen
verhalten sich etwa zu dem, was im folgenden mitgeteilt wird, wie der Unterricht, den
man jemandem in einer höheren streng geregelten Schule gibt, zu der
Unterweisung, die man ihm gelegentlich auf einer vorbereitenden Schule zuteil
werden läßt. Doch kann die ernste und beharrliche Verfolgung dessen, was man
hier angedeutet findet, zur wirklichen Geheimschulung führen. Allerdings, das
ungeduldige Probieren, ohne Ernst und Beharrlichkeit, kann zu gar nichts führen. –
Von Erfolg kann das Geheimstudium nur sein, wenn dasjenige zunächst eingehalten
wird, was bereits gesagt worden ist, und auf dieser Grundlage fortgeschritten wird.
Die Stufen, welche die angedeutete Überlieferung angibt, sind die folgenden drei: 1.
Die Vorbereitung, 2. die Erleuchtung, 3. die Einweihung. Es ist nicht durchaus
notwendig, daß diese drei Stufen sich so folgen, daß man die erste ganz
durchgemacht hat, bevor die zweite, und diese, bevor die dritte an die Reihe
kommen. Man kann in bezug auf gewisse Dinge schon der Erleuchtung, ja der
Einweihung teilhaftig werden, wenn man in bezug auf andere sich noch in der
Vorbereitung befindet. Doch wird man eine gewisse Zeit in Vorbereitung zu
verbringen haben, bevor überhaupt eine Erleuchtung beginnen kann. Und
wenigstens für einiges wird man erleuchtet sein müssen, wenn der Anfang mit der
Einweihung gemacht werden soll. In der Beschreibung aber müssen, der Einfachheit
wegen, die drei Stufen hintereinander folgen.
- Die Vorbereitung
Die Vorbereitung besteht in einer ganz bestimmten Pflege des Gefühis- und
Gedankenlebens. Durch diese Pflege werden Seelen- und Geistesleib mit höheren
Sinneswerkzeugen und Tätigkeitsorganen begabt, wie die Naturkräfte den
physischen Leib aus unbestimmter lebendiger Materie mit Organen ausgerüstet
haben.
Der Anfang muß damit gemacht werden, die Aufmerksamkeit der Seele auf gewisse
Vorgänge in der uns umgebenden Welt zu lenken. Solche Vorgänge sind das
sprießende, wachsende und gedeihende Leben einerseits, und alle Erscheinungen,
die mit Verblühen, Verwelken, Absterben zusammenhängen, andererseits. Überall,
wohin der Mensch die Augen wendet, sind solche Vorgänge gleichzeitig vorhanden.
Und überall rufen sie naturgemäß auch in dem Menschen Gefühle und Gedanken
hervor. Aber nicht genug gibt sich unter gewöhnlichen Verhältnissen der Mensch
diesen Gefühlen und Gedanken hin. Dazu eilt er viel zu rasch von einem Eindruck
zum anderen. Es handelt sich darum, daß er intensiv die Aufmerksamkeit ganz
bewußt auf diese Tatsachen lenke. Er muß, wo er Blühen und Gedeihen einer ganz
bestimmten Art wahrnimmt, alles andere aus seiner Seele verbannen und sich kurze
Zeit ganz allein diesem einen Eindrucke überlassen. Er wird sich bald überzeugen,
daß ein Gefühl, das in einem solchen Falle durch seine Seele früher nur
durchgehuscht ist, anschwillt, daß es eine kräftige und energische Form annimmt.
Diese Gefühlsform muß er dann ruhig in sich nachklingen lassen. Er muß dabei
ganz still in seinem Innern werden. Er muß sich abschließen von der übrigen
Außenwelt und ganz allein dem folgen, was seine Seele zu der Tatsache des
Blühens und Gedeihens sagt.
Dabei soll man nur ja nicht glauben, daß man weit kommt, wenn man seine Sinne
etwa stumpf macht gegen die Welt. Erst schaue man so lebhaft, so genau, als es
nur irgend möglich ist, die Dinge an. Dann erst gebe man sich dem in der Seele
auflebenden Gefühle, dem aufsteigenden Gedanken hin. Worauf es ankommt, ist,
daß man auf beides, im völligen inneren Gleichgewicht, die Aufmerksamkeit richte.
Findet man die nötige Ruhe und gibt man sich dem hin, was in der Seele auflebt,
dann wird man nach entsprechender Zeit das Folgende erleben. Man wird neue
Arten von Gefühlen und Gedanken in seinem Innern aufsteigen sehen, die man
vorher nicht gekannt hat. Je öfter man in einer solchen Weise die Aufmerksamkeit
auf etwas Wachsendes, Blühendes und Gedeihendes und damit abwechselnd auf
etwas Welkendes, Absterbendes lenkt, desto lebhafter werden diese Gefühle
werden. Und aus den Gefühlen und Gedanken, die so entstehen, bauen sich die
Hellseherorgane ebenso auf, wie sich durch Naturkräfte aus belebtem Stoffe Augen
und Ohren des physischen Körpers aufbauen. Eine ganz bestimmte Gefühlsform
knüpft sich an das Wachsen und Werden; eine andere ganz bestimmte an das
Verwelken und Absterben. Aber nur dann, wenn die Pflege dieser Gefühle auf die
beschriebene Art angestrebt wird. Es ist möglich, annähernd richtig zu beschreiben,
wie diese Gefühle sind. Eine vollständige Vorstellung kann sich davon jeder selbst
verschaffen, indem er diese inneren Erlebnisse durchmacht. Wer oft die
Aufmerksamkeit auf den Vorgang des Werdens, des Gedeihens, des Blühens
gelenkt hat, der wird etwas fühlen, was der Empfindung bei einem Sonnenaufgang
entfernt ähnlich ist. Und aus dem Vorgang des Welkens, Absterbens wird sich ihm
ein Erlebnis ergeben, das in ebensolcher Art mit dem langsamen Aufsteigen des
Mondes im Gesichtskreis zu vergleichen ist. Diese beiden Gefühle sind zwei Kräfte,
die bei gehöriger Pflege, bei immer lebhafter werdender Ausbildung zu den
bedeutsamsten geistigen Wirkungen führen. Wer sich immer wieder und wieder
planmäßig, mit Vorsatz, solchen Gefühlen überläßt, dem eröffnet sich eine neue
Welt. Die Seelenwelt, der sogenannte astrale Plan, beginnt vor ihm aufzudämmern.
Wachsen und Vergehen bleiben f;ir ihn nicht mehr Tatsachen, die ihm solch
unbestimmte Eindrücke machen wie vorher. Sie formen sich vielmehr zu geistigen
Linien und Figuren, von denen er vorher nichts ahnte. Und diese Linien und Figuren
haben für die verschiedenen Erscheinungen auch verschiedene Gestalten. Eine
blühende Blume zaubert vor seine Seele eine ganz bestimmte Linie, ebenso ein im
Wachsen begriffenes Tier oder ein im Absterben befindlicher Baum. Die Seelenwelt
(der astrale Plan) breitet sich langsam vor ihm aus. Nichts Willkürliches liegt in
diesen Linien und Figuren. Zwei Geheimschüler, die sich auf der entsprechenden
Stufe der Ausbildung befinden, werden bei dem gleichen Vorgange stets dieselben
Linien und Figuren sehen. So gewiß zwei richtig sehende Menschen einen runden
Tisch rund sehen, und nicht einer rund und der andere viereckig, so gewiß stellt sich
vor zwei Seelen beim Anblicke einer blühenden Blume dieselbe geistige Gestalt. –
So wie die Gestalten der Pflanzen und Tiere in der gewöhnlichen Naturgeschichte
beschrieben werden, so beschreibt oder zeichnet der Kenner der Geheimwissenschaft
die geistigen Gestalten der Wachstums- und Absterbensvorgänge nach
Gattungen und Arten.
Wenn der Schüler so weit ist, daß er solch geistige Gestalten von Erscheinungen
sehen kann, die sich seinem äußeren Auge auch physisch zeigen: dann wird er
auch nicht weit entfernt sein von der Stufe, Dinge zu sehen, die kein physisches
Dasein haben, die also dem ganz verborgen (okkult) bleiben müssen, der keine
Unterweisung in der Geheimlehre erhalten hat.
Zu betonen ist, daß der Geheimforscher sich nicht in ein Nachsinnen verlieren soll,
was dieses oder jenes Ding bedeutet. Durch solche Verstandesarbeit bringt er sich
nur von dem rechten Wege ab. Er soll frisch, mit gesundem Sinne, mit scharfer
Beobachtungsgabe in die Sinnenwelt sehen und dann sich seinen Gefühlen
überlassen. Was die Dinge bedeuten, das soll nicht er mit spekulierendem
Verstande ausmachen wollen, sondern er soll es sich von den Dingen selbst sagen
lassen. [Bemerkt soll werden, daß künstlerisches Empfinden, gepaart mit einer stillen, in sich
versenkten Natur, die beste Vorbedingung für die Entwickelung der geistigen Fähigkeiten ist. Dieses
Empfinden dringt ja durch die Oberfläche der Dinge hindurch und gelangt dadurch zu deren
Geheimnissen.]
Ein Weiteres, worauf es ankommt, ist das, was die Geheimwissenschaft die
Orientierung in den höheren Welten nennt. Man gelangt dazu, wenn man sich ganz
von dem Bewußtsein durchdringt, daß Gefühle und Gedanken wirkliche Tatsachen
sind, genau so wie Tische und Stühle in der physisch-sinnlichen Welt. In der
seelischen und in der Gedankenwelt wirken Gefühle und Gedanken aufeinander wie
in der physischen die sinnlichen Dinge. Solange jemand nicht lebhaft von diesem
Bewußtsein durchdrungen ist, wird er nicht glauben, daß ein verkehrter Gedanke,
den er hegt, auf andere Gedanken, die den Gedankenraum beleben, so verheerend
wirken kann wie eine blindlings losgeschossene Flintenkugel für die physischen
Gegenstände, die sie trifft. Ein solcher wird sich vielleicht niemals erlauben, eine
physisch sichtbare Handlung zu begehen, die er für sinnlos hält. Er wird aber nicht
davor zurückschrecken, verkehrte Gedanken oder Gefühle zu hegen. Denn diese
erscheinen ihm ungefährlich für die übrige Welt. In der Geheimwissenschaft kann
man aber nur vorwärtskommen, wenn man auf seine Gedanken und Gefühle
ebenso achtet, wie man auf seine Schritte in der physischen Welt achtet. Wenn
jemand eine Wand sieht, so versucht er nicht, geradewegs durch dieselbe
durchzurennen; er lenkt seine Schritte seitwärts. Er richtet sich eben nach den
Gesetzen der physischen Welt. – Solche Gesetze gibt es nun auch für die Gefühlsund
Gedankenwelt. Nur können sie dem Menschen da nicht von außen sich
aufdrängen. Sie müssen aus dem Leben seiner Seele selbst fließen. Man gelangt
dazu, wenn man sich jederzeit verbietet, verkehrte Gefühle und Gedanken zu
hegen. Alles willkürliche Hin- und Hersinnen, alles spielerische Phantasieren, alle
zufällig auf- und abwogenden Gefühle muß man sich in dieser Zeit verbieten. Man
macht sich dadurch nicht gefühlsarm. Man wird nämlich bald finden, daß man reich
an Gefühlen, schöpferisch in wahrer Phantasie erst wird, wenn man in solcher Art
sein Inneres regelt. An die Stelle kleinlicher Gefühlsschwelgerei und spielerischer
Gedankenverknüpfung treten bedeutsame Gefühle und fruchtbare Gedanken. Und
diese Gefühle und Gedanken führen den Menschen dazu, sich in der geistigen Welt
zu orientieren. Er kommt in richtige Verhältnisse zu den Dingen der Geisteswelt.
Eine ganz bestimmte Wirkung tritt für ihn ein. Wie er als physischer Mensch seinen
Weg findet zwischen den physischen Dingen, so führt ihn jetzt sein Pfad zwischen
Wachsen und Absterben, die er ja auf dem oben bezeichneten Weg kennenlernt,
hindurch. Er folgt dann allem Wachsenden, Gedeihenden und auch andererseits
allem Verwelkenden und Absterbenden so, wie es zu seinem und der Welt
Gedeihen erforderlich ist.
Eine weitere Pflege hat der Geheimschüler der Welt der Töne angedeihen zu
lassen. Man unterscheide da zwischen dem Tone, der durch das sogenannte
Leblose (einen fallenden Körper, eine Glocke oder ein Musikinstrument)
hervorgebracht wird, und dem, welcher von Lebendigem (einem Tiere oder
Menschen) stammt. Wer eine Glocke hört, wird den Ton wahrnehmen und ein
angenehmes Gefühl daran knüpfen; wer den Schrei eines Tieres hört, wird außer
diesem Gefühl in dem Tone noch die Offenbarung eines inneren Erlebnisses des
Tieres, Lust oder Schmerz, verspüren. Bei der letzteren Art von Tönen hat der
Geheimschüler einzusetzen. Er soll seine ganze Aufmerksamkeit darauf lenken, daß
der Ton ihm etwas verkündet, was außer der eigenen Seele liegt. Und er soll sich
versenken in dieses Fremde. Er soll sein Gefühl innig verbinden mit dem Schmerz
oder der Lust, die ihm durch den Ton verkündet werden. Er soll darüber hinweg sich
setzen, was für ihn der Ton ist, ob er ihm angenehm oder unangenehm ist,
wohlbehaglich oder mißfällig; nur das soll seine Seele erfüllen, was in dem Wesen
vorgeht, von dem der Ton kommt. Wer planmäßig und mit Vorbedacht solche
Übungen macht, der wird sich dadurch die Fähigkeit aneignen, mit einem Wesen,
sozusagen, zusammenzufließen, von dem der Ton ausgeht. Einem musikalisch
empfindenden Menschen wird solche Pflege seines Gemütslebens leichter sein als
einem unmusikalischen. Doch darf niemand glauben, daß der musikalische Sinn
schon diese Pflege ersetzt. Man muß, als Geheimschüler, in dieser Art der ganzen
Natur gegenüber empfinden lernen. – Und dadurch senkt sich in Gefühls- und
Gedankenwelt eine neue Anlage. Die ganze Natur fängt an, dem Menschen durch
ihr Ertönen Geheimnisse zuzuraunen. Was vorher seiner Seele unverständlicher
Schall war, wird dadurch sinnvolle Sprache der Natur. Und wobei er vorher nur Ton
gehört hat, beim Erklingen des sogenannten Leblosen, vernimmt er jetzt eine neue
Sprache der Seele. Schreitet er in solcher Pflege seiner Gefühle vorwärts, dann wird
er bald gewahr, daß er hören kann, wovon er vorher nichts vermutet hat. Er fängt
an, mit der Seele zu hören.
Dazu muß dann noch etwas anderes kommen, um zum Gipfel zu gelangen, der auf
diesem Gebiete zu erreichen ist. – Was für die Ausbildung des Geheimschülers
ganz besonders wichtig ist, das ist die Art, wie er anderen Menschen beim Sprechen
zuhört. Er muß sich daran gewöhnen, dies so zu tun, daß dabei sein eigenes Innere
vollkommen schweigt. Wenn jemand eine Meinung äußert, und ein anderer hört zu,
so wird sich im Innern des letzteren im allgemeinen Zustimmung oder Widerspruch
regen. Viele Menschen werden wohl auch sofort sich gedrängt fühlen, ihre
zustimmende und namentlich ihre widersprechende Meinung zu äußern. Alle solche
Zustimmung und allen solchen Widerspruch muß der Geheimschüler zum
Schweigen bringen. Es kommt dabei nicht darauf an, daß er plötzlich seine
Lebensart so ändere, daß er solch inneres, gründliches Schweigen fortwährend zu
erreichen sucht. Er wird damit den Anfang machen müssen, daß er es in einzelnen
Fällen tut, die er sich mit Vorsatz auswählt. Dann wird sich ganz langsam und
allmählich, wie von selbst, diese ganz neue Art des Zuhörens in seine
Gewohnheiten einschleichen. – In der Geistesforschung wird solches planmäßig
geübt. Die Schüler fühlen sich verpflichtet, übungsweise zu gewissen Zeiten sich die
entgegengesetztesten Gedanken anzuhören und dabei alle Zustimmung und
namentlich alles abfällige Urteilen vollständig zum Verstummen zu bringen. Es
kommt darauf an, daß dabei nicht nur alles verstandesmäßige Urteilen schweige,
sondern auch alle Gefühle des Mißfallens, der Ablehnung oder auch Zustimmung.
Insbesondere muß sich der Schüler stets sorgfältig beobachten, ob nicht solche
Gefühle, wenn auch nicht an der Oberfläche, so doch im intimsten Innern seiner
Seele vorhanden seien. Er muß sich zum Beispiel die Aussprüche von Menschen
anhören, die in irgendeiner Beziehung weit unter ihm stehen, und muß dabei jedes
Gefühl des Besserwissens oder der Überlegenheit unterdrücken. – Nützlich ist es für
jeden, in solcher Art Kindern zuzuhören. Auch der Weiseste kann unermeßlich viel
von Kindern lernen. – So bringt es der Mensch dazu, die Worte des anderen ganz
selbstlos zu hören, mit vollkommener Ausschaltung seiner eigenen Person, deren
Meinung und Gefühlsweise. Wenn er sich so übt, kritiklos zuzuhören, auch dann,
wenn die völlig entgegengesetzte Meinung vorgebracht wird, wenn das
«Verkehrteste» sich vor ihm abspielt, dann lernt er nach und nach mit dem Wesen
eines anderen vollständig zu verschmelzen, ganz in dasselbe aufzugehen. Er hört
dann durch die Worte hindurch in des anderen Seele hinein. Durch anhaltende
Übung solcher Art wird erst der Ton das rechte Mittel, um Seele und Geist
wahrzunehmen. Allerdings gehört dazu die allerstrengste Selbstzucht. Aber diese
führt zu einem hohen Ziele. Wenn diese Übungen nämlich in Verbindung mit den
anderen getrieben werden, die angegeben worden sind bezüglich des Tönens in der
Natur, so erwächst der Seele ein neuer Hörsinn. Sie wird imstande, Kundgebungen
aus der geistigen Welt wahrzunehmen, die nicht ihren Ausdruck finden in äußeren
Tönen, die für das physische Ohr wahrnehmbar sind. Die Wahrnehmung des
«inneren Wortes» erwacht.
Dem Geheimschüler offenbaren sich allmählich von der Geisteswelt aus
Wahrheiten. Er hört auf geistige Art zu sich sprechen. [Nur wer durch selbstloses Zuhören
es dahin bringt, daß er wirklich von innen aufnehmen kann, still, ohne Regung einer persönlichen
Meinung oder eines persönlichen Gefühls, zu dem können die höheren Wesenheiten sprechen, von
denen man in der Geheimwissenschaft spricht. Solange man noch irgendeine Meinung, irgendein
Gefühl dem zu Hörenden entgegenschleudert, schweigen die Wesenheiten der Geisteswelt.] – Alle
höheren Wahrheiten werden durch solches «inneres Einsprechen» erreicht. Und
was man aus dem Munde eines wahren Geheimforschers hören kann, das hat er
durch diese Art in Erfahrung gebracht. – Damit aber soll nicht gesagt sein, daß es
unnötig sei, sich mit geheimwissenschaftlichen Schriften zu befassen, bevor man
selbst in solcher Weise «inneres Einsprechen» vernehmen kann. Im Gegenteil: das
Lesen solcher Schriften, das Anhören der Geheimforscherlehren sind selbst Mittel,
auch zu eigener Erkenntnis zu gelangen. Jeder Satz der Geheimwissenschaft, den
der Mensch hört, ist geeignet, den Sinn dahin zu lenken, wohin er gelangen muß,
soll die Seele wahren Fortschritt erleben. Zu all dem Gesagten muß vielmehr
eifriges Studium dessen treten, was die Geheimforscher der Welt mitteilen. Bei aller
Geheimschulung gehört solches Studium zur Vorbereitung. Und wer alle sonstigen
Mittel anwenden wollte, er käme zu keinem Ziele, wenn er nicht die Lehren der
Geheimforscher in sich aufnähme. Denn weil diese Lehren aus dem lebendigen
«inneren Worte», aus der «lebendigen Einsprechung» geschöpft sind, haben sie
selbst geistiges Leben. Sie sind nicht bloß Worte. Sie sind lebendige Kräfte. Und
während du den Worten eines Geheimkundigen folgst, während du ein Buch liest,
das einer wirklichen inneren Erfahrung entstammt, wirken in deiner Seele Kräfte,
welche dich ebenso hellsehend machen, wie die Naturkräfte aus lebendigem Stoffe
deine Augen und Ohren gebildet haben.
- Die Erleuchtung
Die Erleuchtung geht von sehr einfachen Vorgängen aus. Auch dabei handelt es
sich darum, gewisse Gefühle und Gedanken zu entwickeln, die in jedem Menschen
schlummern und die erwachen müssen. Nur wer mit voller Geduld, streng und
anhaltend die einfachen Vorgänge durchnimmt, den können sie zur Wahrnehmung
der inneren Lichterscheinungen führen. Der erste Anfang wird damit gemacht, in
einer bestimmten Art verschiedene Naturwesen zu betrachten, und zwar zum
Beispiele: einen durchsichtigen, schön geformten Stein (Kristall), eine Pflanze und
ein Tier. Man suche zuerst seine ganze Aufmerksamkeit auf einen Vergleich des
Steines mit dem Tier in folgender Art zu lenken. Die Gedanken, die hier angeführt
werden, müssen von lebhaften Gefühlen begleitet durch die Seele ziehen. Und kein
anderer Gedanke, kein anderes Gefühl dürfen sich einmischen und die intensiv
aufmerksame Betrachtung stören. Man sage sich:
«Der Stein hat eine Gestalt; das Tier hat auch eine Gestalt. Der Stein bleibt ruhig an
seinem Ort. Das Tier verändert seinen Ort. Es ist der Trieb (die Begierde), welcher
das Tier veranlaßt, seinen Ort zu ändern. Und die Triebe sind es auch, denen die
Gestalt des Tieres dient. Seine Organe, seine Werlczeuge sind diesen Trieben
gemäß ausgebildet. Die Gestalt des Steins ist nicht nach Begierden, sondern durch
begierdelose Kraft gebildet.» [Die hier gemeinte Tatsache, insofern sie sich auf
Kristallbeobachtung bezieht, ist von solchen, die nur in äußerlicher Weise (exoterisch) davon gehört
haben, in mancherlei Art verdreht worden, woraus Verrichtungen wie «Kristallsehen» und so weiter
entstanden sind. Derlei Manipulationen beruhen auf Mißverständnissen. Sie sind in vielen Büchern
beschrieben worden. Aber sie bilden niemals den Gegenstand wahren (esoterischen)
Geheimunterrichtes.]
Wenn man sich intensiv in diese Gedanken versenkt und dabei mit gespannter
Aufmerksamkeit Stein und Tier betrachtet: dann leben in der Seele zwei ganz
verschiedene Gefühlsarten auf. Aus dem Stein strömt die eine Art des Gefühls, aus
dem Tiere die andere Art in unsere Seele. Die Sache wird wahrscheinlich im
Anfange nicht gelingen: aber nach und nach, bei wirklicher geduldiger Übung,
werden sich diese Gefühle einstellen. Man muß nur immerfort und fort üben. Erst
sind die Gefühle nur so lange vorhanden, als die Betrachtung dauert, später wirken
sie nach. Und dann werden sie zu etwas, was in der Seele lebendig bleibt. Der
Mensch braucht sich dann nur zu besinnen: und die beiden Gefühle steigen immer,
auch ohne Betrachtung eines äußeren Gegenstandes, auf. – Aus diesen Gefühlen
und den mit ihnen verbundenen Gedanken bilden sich Hellseherorgane. – Tritt dann
in der Betrachtung noch die Pflanze hinzu, so wird man bemerken, daß das von ihr
ausgehende Gefühl, seiner Beschaffenheit und auch seinem Grade nach, in der
Mitte liegt zwischen dem vom Stein und dem vom Tier ausströmenden. Die Organe,
welche sich auf solche Art bilden, sind Geistesaugen. Man lernt mit ihnen allmählich
etwas wie seelische und geistige Farben zu sehen. Solange man nur das sich
angeeignet hat, was als «Vorbereitung» beschrieben worden ist, bleibt die geistige
Welt mit ihren Linien und Figuren dunkel; durch die Erleuchtung wird sie hell. – Auch
hier muß bemerkt werden, daß die Worte «dunkel» und «hell» sowie die anderen
gebrauchten Ausdrücke nur annähernd aussprechen, was gemeint ist. Will man sich
aber der gebräuchlichen Sprache bedienen, so ist nichts anderes möglich. Diese
Sprache ist ja nur für die physischen Verhältnisse geschaffen. – Die
Geheimwissenschaft bezeichnet nun das, was für das Hellseherorgan vom Stein
ausströmt, als «blau» oder «blaurot». Dasjenige, was vom Tier empfunden wird, als
«rot» oder «rot–gelb». In der Tat sind es Farben «geistiger Art», die da gesehen
werden. Die von der Pflanze ausgehende Farbe ist «grün», das nach und nach in
ein helles ätherisches Rosarot übergeht. Die Pflanze ist nämlich dasjenige
Naturwesen, welches in höheren Welten in einer gewissen Beziehung ihrer
Beschaffenheit in der physischen Welt gleicht. Nicht dasselbe ist aber bei Stein und
Tier der Fall. – Nun muß man sich klar sein, daß mit den oben genannten Farben
nur die Hauptschattierungen des Stein-, Pflanzen- und Tierreiches angegeben sind.
In Wirklichkeit sind alle möglichen Zwischenschattierungen vorhanden. Jeder Stein,
jede Pflanze, jedes Tier hat seine ganz bestimmte Farbennuance. Dazu kommen die
Wesen der höheren Welten, die niemals sich physisch verkörpern, mit ihren oft
wundervollen, oft auch gräßlichen Farben. In der Tat ist der Farbenreichtum in
diesen höheren Welten unermeßlich viel größer als in der physischen Welt.
Hat der Mensch einmal die Fähigkeit erworben, mit «Geistesaugen» zu sehen, so
begegnet er auch, über kurz oder lang, den genannten höheren, zum Teil auch
tieferen Wesen, als der Mensch ist, die niemals die physische Wirklichkeit betreten.
Hat der Mensch es so weit gebracht, wie hier beschrieben ist, so stehen ihm die
Wege zu vielem offen. Aber es ist keinem anzuraten, noch weiter zu gehen ohne
sorgfältige Beachtung des vom Geistesforscher Gesagten oder sonst von ihm
Mitgeteilten. Und auch für das schon Gesagte ist eine Beachtung solcher kundigen
Führerschaft das Allerbeste. Hat übrigens der Mensch in sich die Kraft und
Ausdauer, es so weit zu bringen, wie es den angegebenen elementaren Stufen der
Erleuchtung entspricht, so wird er ganz gewiß auch die rechte Führung suchen und
finden.
Eine Vorsicht ist aber unter allen Umständen notwendig, und wer sie nicht
anwenden will, der soll am besten alle Schritte in die Geheimwissenschaft
unterlassen. Es ist notwendig, daß der Mensch, der Geheimschüler wird, nichts
verliere von seinen Eigenschaften als edler, guter und für alles physisch Wirkliche
empfänglicher Mensch. Er muß im Gegenteile seine moralische Kraft, seine innere
Lauterkeit, seine Beobachtungsgabe während der Geheimschülerschaft fortwährend
steigern. Um ein Einzelnes zu erwähnen: Während der elementaren
Erleuchtungsübungen muß der Geheimschüler dafür sorgen, daß er sein Mitgefühl
für die Menschen- und Tierwelt, seinen Sinn für Schönheit der Natur immerfort
vergrößere. Sorgt er nicht dafür, so stumpfen sich jenes Gefühl und dieser Sinn
durch solche Übungen fortwährend ab. Das Herz würde hart, der Sinn stumpf. Und
das müßte zu gefährlichen Ergebnissen führen.
Wie sich die Erleuchtung gestaltet, wenn man im Sinne der obigen Übungen über
Stein, Pflanze und Tier zum Menschen heraufsteigt, und wie, nach der Erleuchtung,
der Zusammenschluß der Seele mit der geistigen Welt unter allen Umständen sich
einmal einstellt und zur Einweihung hingeleitet: davon wird in den nächsten
Abschnitten gesprochen werden, soweit das sein kann.
Es wird in unserer Zeit von vielen Menschen der Weg zur Geheimwissenschaft
gesucht. Auf mancherlei Art wird das getan; und viele gefährliche, ja verwerfliche
Prozeduren werden probiert. Deshalb sollen diejenigen, die etwas Wahrhaftes von
diesen Dingen zu wissen meinen, anderen die Möglichkeit geben, einiges aus der
Geheimschulung kennenzulernen. Nur soviel ist hier mitgeteilt worden, als solcher
Möglichkeit entspricht. Es ist notwendig, daß etwas von dem Wahren bekannt
werde, damit nicht das Irrtümliche großen Schaden anrichte. Durch die hier
vorgezeichneten Wege kann niemand Schaden nehmen, der nichts forciert. Nur das
eine muß beachtet werden: niemand darf mehr Zeit und Kraft auf solche Übungen
verwenden, als ihm nach seiner Lebensstellung, nach seinen Pflichten zur
Verfügung stehen. Niemand darf durch den Geheimpfad irgend etwas in seinen
äußeren Lebensverhältnissen augenblicklich ändern. Will man wirkliche Ergebnisse,
dann muß man Geduld haben; man muß nach wenigen Minuten der Übung
aufhören können und ruhig seiner Tagesarbeit nachgehen. Und nichts darf sich von
Gedanken an die Übungen in die Tagesarbeit mischen. Wer nicht im höchsten und
besten Sinne warten gelernt hat, der taugt nicht zum Geheimschüler und wird auch
niemals zu Ergebnissen kommen, die einen erheblichen Wert haben.
- Kontrolle der Gedanken und Gefühle
Wenn jemand die Wege zur Geheimwissenschaft in der Art sucht, wie es in dem
vorhergehenden Kapitel beschrieben worden ist, dann darf er nicht versäumen, sich
während der ganzen Arbeit durch einen fortwirkenden Gedanken zu stärken. Er muß
sich nämlich stets vor Augen halten, daß er nach einiger Zeit schon ganz erhebliche
Fortschritte gemacht haben kann, ohne daß sie sich ihm in der Weise zeigen, wie er
es vielleicht erwartet hat. Wer dies nicht bedenkt, wird leicht die Beharrlichkeit
verlieren und nach kurzer Zeit alle Versuche aufgeben. Die Kräfte und Fähigkeiten,
welche man zu entwickeln hat, sind anfänglich von sehr zarter Art. Und ihre
Wesenheit ist etwas ganz anderes als das, wovon sich der Mensch vorher
Vorstellungen gemacht hat. Er war ja nur gewohnt, sich mit der physischen Welt zu
beschäftigen. Die geistige und seelische entzog sich seinen Blicken und auch
seinen Begriffen. Es ist daher gar nicht zu verwundern, daß er jetzt, wo sich in ihm
geistige und seelische Kräfte entwickeln, diese nicht sogleich bemerkt. – Darinnen
liegt die Möglichkeit einer Beirrung für den, welcher sich, ohne sich an die
Erfahrungen zu halten, welche kundige Forscher gesammelt haben, auf den
Geheimpfad begibt. Der Geheimforscher kennt die Fortschritte, welche der Schüler
macht, lange bevor dieser sich selbst ihrer bewußt wird. Er weiß, wie die zarten
geistigen Augen sich heranbilden, ehe der Schüler etwas davon weiß. Und ein
großer Teil der Anweisungen dieses Geheimforschers besteht eben darinnen, das
zum Ausdrucke zu bringen, was bewirkt, daß der Schüler das Vertrauen, die
Geduld, die Ausdauer nicht verliere, bevor er zur eigenen Erkenntnis seiner
Fortschritte gelangt. Geben kann ja der Geheimkundige seinem Zögling nichts, was
in diesem nicht – auf verborgene Art – schon liegt. Er kann nur anleiten zur
Entwicklung von schlummernden Fähigkeiten. Aber, was er aus seinen Erfahrungen
mitteilt, wird eine Stütze sein dem, der sich aus dem Dunkel zum Lichte durchringen
will.
Gar viele verlassen den Pfad zur Geheimwissenschaft bald, nachdem sie ihn
betreten haben, weil ihnen ihre Fortschritte nicht sogleich bemerklich werden. Und
selbst, wenn die ersten für den Zögling wahrnehmbaren höheren Erfahrungen
auftreten, so betrachtet sie dieser oft als Illusionen, weil er sich ganz andere
Vorstellungen von dem gemacht hat, was er erleben soll. Er verliert den Mut, weil er
entweder die ersten Erfahrungen für wertlos hält oder weil sie ihm doch so
unscheinbar vorkommen, daß er nicht glaubt, sie könnten ihn in absehbarer Zeit zu
irgend etwas Erheblichem führen. Mut und Selbstvertrauen sind aber zwei Lichter,
die auf dem Wege zur Geheimwissenschaft nicht erlöschen dürfen. Wer es nicht
über sich bringen kann, eine Übung, die scheinbar unzähligemal mißglückt ist,
immer wieder und wieder geduldig fortzusetzen, der kann nicht weit kommen.
Viel früher als eine deutliche Wahrnehmung von den Fortschritten tritt ein dunkles
Gefühl auf, daß man auf dem rechten Wege sei. Und dieses Gefühl sollte man
hegen und pflegen. Denn es kann zu einem sicheren Führer werden. Vor allem muß
man den Glauben ausrotten, als ob es ganz absonderliche, geheimnisvolle
Verrichtungen sein müßten, durch die man zu höheren Erkenntnissen gelangt. Man
muß sich klarmachen, daß von den Gefühlen und Gedanken ausgegangen werden
muß, mit denen der Mensch ja fortwährend lebt, und daß er diesen Gefühlen und
Gedanken nur eine andere Richtung geben muß, als die gewohnte ist. Ein jeder
sage sich zunächst: in meiner eigenen Gefühls- und Gedankenwelt liegen die
höchsten Geheimnisse verborgen: ich habe sie bisher nur noch nicht
wahrgenommen. Alles beruht schließlich darauf, daß der Mensch fortwährend Leib,
Seele und Geist mit sich herumträgt, daß er sich aber nur seines Leibes im
ausgesprochenen Sinne bewußt ist, nicht seiner Seele und seines Geistes. Und der
Geheimschüler wird sich der Seele und des Geistes bewußt, wie sich der
gewöhnliche Mensch seines Leibes bewußt ist.
Deshalb kommt es darauf an, die Gefühle und Gedanken in die rechte Richtung zu
bringen. Dann entwickelt man die Wahrnehmungen für das im gewöhnlichen Leben
Unsichtbare. Hier soll einer der Wege angegeben werden, wie man das macht. Eine
einfache Sache ist es wieder, wie fast alles, was bisher mitgeteilt worden ist. Aber
von den größten Wirkungen ist sie, wenn sie beharrlich durchgeführt wird und wenn
der Mensch vermag, mit der nötigen intimen Stimmung sich ihr hinzugeben.
Man lege ein kleines Samenkorn einer Pflanze vor sich hin. Es kommt darauf an,
sich vor diesem unscheinbaren Ding die rechten Gedanken intensiv zu machen und
durch diese Gedanken gewisse Gefühle zu entwickeln. Zuerst mache man sich klar,
was man wirklich mit Augen sieht. Man beschreibe für sich Form, Farbe und alle
sonstigen Eigenschaften des Samens. Dann überlege man folgendes. Aus diesem
Samenkorn wird eine vielgestaltige Pflanze entstehen, wenn es in die Erde gepflanzt
wird. Man vergegenwärtige sich diese Pflanze. Man baue sie sich in der Phantasie
auf. Und dann denke man: Was ich mir jetzt in meiner Phantasie vorstelle, das
werden die Kräfte der Erde und des Lichtes später wirklich aus dem Samenkorn
hervorlocken. Wenn ich ein künstlich geformtes Ding vor mir hätte, das ganz
täuschend dem Samenkorn nachgeahmt wäre, so daß es meine Augen nicht von
einem wahren unterscheiden könnten, so würde keine Kraft der Erde und des
Lichtes aus diesem eine Pflanze hervorlocken. Wer sich diesen Gedanken ganz klar
macht, wer ihn innerlich erlebt, der wird sich auch den folgenden mit dem richtigen
Gefühle bilden können. Er wird sich sagen: in dem Samenkorn ruht schon auf
verborgene Art – als Kraft der ganzen Pflanze – das, was später aus ihm
herauswächst. In der künstlichen Nachahmung ruht diese Kraft nicht. Und doch sind
für meine Augen beide gleich. In dem wirklichen Samenkorn ist also etwas
unsichtbar enthalten, was in der Nachahmung nicht ist. Auf dieses Unsichtbare
lenke man nun Gefühl und Gedanken. [Wer da einwenden wollte, daß bei einer genaueren
mikroskopischen Untersuchung sich ja doch die Nachahmung von dem wirklichen Samenkorn
unterscheide, der zeigte nur, daß er nicht erfaßt hat, worauf es ankommt. Es handelt sich nicht
darum, was man genau wirklich in sinnenfälliger Weise vor sich hat, sondern darum, daß man daran
seelisch-geistige Kräfte entwickle.] Man stelle sich vor: dieses Unsichtbare wird sich
später in die sichtbare Pflanze verwandeln, die ich in Gestalt und Farbe vor mir
haben werde. Man hänge dem Gedanken nach: das Unsichtbare wird sichtbar
werden. Könnte ich nicht denken, so könnte sich mir auch nicht schon jetzt
ankündigen, was erst später sichtbar werden wird.
Besonders deutlich sei es betont: Was man da denkt, muß man auch intensiv
fühlen. Man muß in Ruhe, ohne alle störenden Beimischungen anderer Gedanken,
den einen oben angedeuteten in sich erleben. Und man muß sich Zeit lassen, so
daß sich der Gedanke und das Gefühl, die sich an ihn knüpfen, gleichsam in die
Seele einbohren. – Bringt man das in der rechten Weise zustande, dann wird man
nach einiger Zeit – vielleicht erst nach vielen Versuchen – eine Kraft in sich
verspüren. Und diese Kraft wird eine neue Anschauung erschaffen. Das Samenkorn
wird wie in einer kleinen Lichtwolke eingeschlossen erscheinen. Es wird auf
sinnlich–geistige Weise als eine Art Flamme empfunden werden. Gegenüber der
Mitte dieser Flamme empfindet man so, wie man beim Eindruck der Farbe Lila
empfindet; gegenüber dem Rande, wie man der Farbe Bläulich gegenüber
empfindet. – Da erscheint das, was man vorher nicht gesehen hat und was die Kraft
des Gedankens und der Gefühle geschaffen hat, die man in sich erregt hat. Was
sinnlich unsichtbar war, die Pflanze, die erst später sichtbar werden wird, das
offenbart sich da auf geistig sichtbare Art.
Es ist begreiflich, daß mancher Mensch das alles für Illusion halten wird. Viele
werden sagen: «Was sollen mir solche Gesichte, solche Phantasmen?» Und
manche werden abfallen und den Pfad nicht fortsetzen. Aber gerade darauf kommt
es an: in diesen schwierigen Punkten der menschlichen Entwicklung nicht Phantasie
und geistige Wirklichkeit miteinander zu verwechseln. Und ferner darauf, den Mut zu
haben, vorwärts zu dringen und nicht furchtsam und kleinmütig zu werden. Auf der
anderen Seite aber muß allerdings betont werden, daß der gesunde Sinn, der
Wahrheit und Täuschung unterscheidet, fortwährend gepflegt werden muß. Der
Mensch darf während all dieser Übungen nie die volle bewußte Herrschaft über sich
selbst verlieren. So sicher, wie er über die Dinge und Vorgänge des Alltagsiebens
denkt, so muß er auch hier denken. Schlimm wäre es, wenn er in Träumerei verfiele.
Verstandesklar, um nicht zu sagen: nüchtern, muß er in jedem Augenblicke bleiben.
Und der größte Fehler wäre gemacht, wenn der Mensch durch solche Übungen sein
Gleichgewicht verlöre, wenn er abgehalten würde, so gesund und klar über die
Dinge des Alltagslebens zu urteilen, wie er das vorher getan hat. Immer wieder soll
sich der Geheimschüler daher prüfen, ob er nicht etwa aus seinem Gleichgewicht
herausgefallen ist, ob er derselbe geblieben ist innerhalb der Verhältnisse, in denen
er lebt. Festes Ruhen in sich selbst, klarer Sinn für alles, das muß er sich bewahren.
Allerdings ist streng zu beachten, daß man sich nicht jeder beliebigen Träumerei
hingeben soll, sich nicht allen möglichen Übungen überlassen soll. Die
Gedankenrichtungen, die hier angegeben werden, sind seit Urzeiten in den
Geheimschulen erprobt und geübt. Und nur solche werden hier mitgeteilt. Wer
solche anderer Art anwenden wollte, die er sich selbst bildet oder von denen er da
oder dort hört und liest, der muß in die Irre gehen und wird sich bald auf dem Pfade
uferloser Phantastik befinden.
Eine weitere Übung, die sich an die beschriebene anzuschließen hat, ist die
folgende. Man stelle sich einer Pflanze gegenüber, die sich auf der Stufe der vollen
Entwicklung befindet. Nun erfülle man sich mit dem Gedanken, daß die Zeit
kommen werde, wo diese Pflanze abstirbt. Nichts wird von dem mehr sein, was ich
jetzt vor mir sehe. Aber diese Pflanze wird dann Samenkörner aus sich entwickelt
haben, die wieder zu neuen Pflanzen werden. Wieder werde ich gewahr, daß in
dem, was ich sehe, etwas verborgen ruht, was ich nicht sehe. Ich erfülle mich ganz
mit dem Gedanken: diese Pflanzengestalt mit ihren Farben wird künftig nicht mehr
sein. Aber die Vorstellung, daß sie Samen bildet, lehrt mich, daß sie nicht in Nichts
verschwinden werde. Was sie vor dem Verschwinden bewahrt, kann ich jetzt
ebensowenig mit Augen sehen, wie ich früher die Pflanze im Samenkorn habe
sehen können. Es gibt also in ihr etwas, was ich nicht mit Augen sehe. Lasse ich
diesen Gedanken in mir leben und verbindet sich das entsprechende Gefühl in mir
mit ihm, dann entwickelt sich wieder, nach angemessener Zeit, in meiner Seele eine
Kraft, die zur neuen Anschauung wird. Aus der Pflanze wächst wieder eine Art von
geistiger Flammenbildung heraus. Diese ist natürlich entsprechend größer als die
vorhin geschilderte. Die Flamme kann etwa in ihrem mittleren Teile grünlichblau und
an ihrem äußeren Rande gelblichrot empfunden werden.
Es muß ausdrücklich betont werden, daß man, was hier als «Farben» bezeichnet
wird, nicht so sieht, wie physische Augen die Farben sehen, sondern daß man durch
die geistige Wahrnehmung Ähnliches empfindet, wie wenn man einen physischen
Farbeneindruck hat. Geistig «blau» wahrnehmen heißt etwas empfinden oder
erfühlen, was ähnlich dem ist, was man empfindet, wenn der Blick des physischen
Auges auf der Farbe «Blau» ruht. Dies muß berücksichtigen, wer allmählich wirklich
zu geistigen Wahrnehmungen aufsteigen will. Er erwartet sonst, im Geistigen nur
eine Wiederholung des Physischen zu finden. Das müßte ihn auf das bitterste
beirren.
Wer es dahin gebracht hat, solches geistig zu sehen, hat viel gewonnen. Denn die
Dinge enthüllen sich ihm nicht nur im gegenwärtigen Sein, sondern auch in ihrem
Entstehen und Vergehen. Er fängt an, überall den Geist zu schauen, von dem die
sinnlichen Augen nichts wissen können. Und damit hat er die ersten Schritte dazu
getan, um allmählich durch eigene Anschauung hinter das Geheimnis von Geburt
und Tod zu kommen. Für die äußeren Sinne entsteht ein Wesen bei der Geburt; es
vergeht im Tode. Dies ist aber nur deshalb, weil diese Sinne den verborgenen Geist
des Wesens nicht wahrnehmen. Für den Geist sind Geburt und Tod nur eine
Verwandlung, wie das Hervorsprießen der Blume aus der Knospe eine Verwandlung
ist, die sich vor den sinnlichen Augen abspielt. Will man das aber durch eigene
Anschauung kennenlernen, so muß man in der angedeuteten Art erst den geistigen
Sinn dafür erwecken.
Um gleich noch einen Einwand hinwegzunehmen, den manche Menschen machen
könnten, die einige seelische (psychische) Erfahrung haben, sei dieses gesagt. Es
soll gar nicht bestritten werden, daß es kürzere, einfachere Wege gibt, daß manche
aus eigener Anschauung die Erscheinungen von Geburt und Tod kennenlernen,
ohne erst alles das, was hier beschrieben wird, durchgemacht zu haben. Es gibt
eben Menschen, welche bedeutende psychische Anlagen haben, die nur eines
kleinen Anstoßes bedürfen, um entwickelt zu werden. Aber das sind Ausnahmen.
Der hier angegebene Weg ist jedoch ein allgemeiner und sicherer. Man kann sich ja
auch einige chemische Kenntnisse auf einem ausnahmsweisen Weg erwerben; will
man aber Chemiker werden, dann muß man den allgemeinen und sicheren Weg
gehen.
Ein folgenschwerer Irrtum würde sich ergeben, wenn jemand glauben wollte, er
könne, um bequemer zum Ziele zu gelangen, sich das besprochene
Samenkörnchen oder die Pflanze bloß vorstellen, bloß in der Phantasie vorhalten.
Wer dies tut, kann wohl auch zum Ziele kommen, doch nicht so sicher wie auf die
angegebene Art. Die Anschauung, zu der man kommt, wird in den meisten Fällen
nur ein Blendwerk der Phantasie sein. Bei ihr müßte dann die Umwandlung in
geistige Anschauung erst abgewartet werden. Denn darauf kommt es an, daß nicht
ich in bloßer Willkür mir Anschauungen schaffe, sondern darauf, daß die Wirklichkeit
sie in mir erschafft. Aus den Tiefen meiner eigenen Seele muß die Wahrheit
hervorquellen; aber nicht mein gewöhnliches Ich darf selbst der Zauberer sein, der
die Wahrheit hervorlocken will, sondern die Wesen müssen dieser Zauberer sein,
deren geistige Wahrheit ich schauen will.
Hat der Mensch durch solcherlei Übungen in sich die ersten Anfänge zu geistigen
Anschauungen gefunden, so darf er aufsteigen zur Betrachtung des Menschen
selbst. Einfache Erscheinungen des menschlichen Lebens müssen zunächst
gewählt werden. – Bevor man aber dazu schreitet, ist es notwendig, besonders
ernstlich an der vollen Lauterkeit seines moralischen Charakters zu arbeiten. Man
muß jeden Gedanken daran entfernen, daß man etwa auf diese Art erlangte
Erkenntnis zum persönlichen Eigennutz anwenden werde. Man muß mit sich
darüber einig sein, daß man niemals eine Macht über seine Mitmenschen, die man
etwa erlangen werde, im Sinne des Bösen ausnutzen werde. Deshalb muß jeder,
der Geheimnisse über die menschliche Natur durch eigene Anschauung sucht, die
goldene Regel der wahren Geheimwissenschaften befolgen. Und diese goldene
Regel ist: wenn du einen Schritt vorwärts zu machen versuchst in der Erkenntnis
geheimer Wahrheiten, so mache zugleich drei vorwärts in der Vervollkommnung
deines Charakters zum Guten. – Wer diese Regel befolgt, der kann solche Übungen
machen, wie nunmehr eine beschrieben werden soll.
Man vergegenwärtige sich einen Menschen, von dem man einmal beobachtet hat,
wie er nach irgendeiner Sache verlangt hat. Auf die Begierde soll die
Aufmerksamkeit gerichtet werden. Am besten ist es, den Zeitpunkt in der Erinnerung
wachzurufen, in dem die Begierde am lebhaftesten war und in dem es ziemlich
unentschieden war, ob der Mensch das Verlangte erhalten werde oder nicht. Und
nun gebe man sich der Vorstellung an das, was man in der Erinnerung beobachtet,
ganz hin. Man stelle die denkbar größte innere Ruhe der eigenen Seele her. Man
versuche so viel, als nur möglich ist, blind und taub zu sein für alles andere, was
ringsherum vorgeht. Und man achte besonders darauf, daß durch die angeregte
Vorstellung in der Seele ein Gefühl erwache. Dieses Gefühl lasse man in sich
heraufziehen wie eine Wolke, die an dem sonst ganz leeren Horizont heraufzieht. Es
ist ja nun natürlich, daß in der Regel die Beobachtung dadurch unterbrochen wird,
daß man den Menschen, auf den man die Aufmerksamkeit lenkt, nicht lange genug
in dem geschilderten Seelenzustand beobachtet hat. Man wird wahrscheinlich
Hunderte und aber Hunderte von vergeblichen Versuchen anstellen. Man darf eben
die Geduld nicht verlieren. Nach vielen Versuchen wird man es dahin bringen, daß
man in der eigenen Seele ein Gefühl erlebt, das dem Seelenzustand des
beobachteten Menschen entspricht. Dann wird man aber auch nach einiger Zeit
bemerken, daß durch dieses Gefühl in der eigenen Seele eine Kraft erwächst, die
zur geistigen Anschauung des Seelenzustandes des anderen wird. Im Gesichtsfelde
wird ein Bild auftreten, das man wie etwas Leuchtendes empfindet. Und dieses
geistig leuchtende Bild ist die sogenannte astrale Verkörperung des beobachteten
Seelenzustandes der Begierde. Wieder als flammenähnlich empfunden kann dieses
Bild beschrieben werden. Es wird in der Mitte wie gelbrot sein und am Rande wie
rötlichblau oder lila empfunden werden. Viel kommt darauf an, daß man mit solcher
geistigen Anschauung zart umgehe. Man tut am besten, wenn man zunächst zu
niemand davon spricht als nur etwa zu seinem Lehrer, wenn man einen solchen hat.
Denn versucht man eine solche Erscheinung durch ungeschickte Worte zu
beschreiben, so gibt man sich meistens argen Täuschungen hin. Man gebraucht die
gewöhnlichen Worte, die doch für solche Dinge nicht bestimmt und daher für sie zu
grob und schwerfällig sind. Die Folge ist dann, daß man durch den eigenen Versuch,
die Sache in Worte zu kleiden, verführt wird, sich in die wahren Anschauungen
allerlei Phantasieblendwerke hineinzumischen. Wieder ist eine wichtige Regel für
den Geheimschüler: Verstehe über deine geistigen Gesichte zu schweigen. Ja,
schweige sogar vor dir selber darüber. Versuche nicht, was du im Geiste erschaust,
in Worte zu kleiden oder mit dem ungeschickten Verstande zu ergründen. Gib dich
unbefangen deiner geistigen Anschauung hin und störe sie dir nicht durch vieles
Nachdenken darüber. Denn du mußt bedenken, daß dein Nachdenken anfangs
ganz und gar nicht deinem Schauen gewachsen ist. Dieses Nachdenken hast du dir
in deinem bisherigen, bloß auf die physisch–sinnliche Welt beschränkten Leben
erworben; und was du dir jetzt erwirbst, geht darüber hinaus. Suche also nicht, an
das neue Höhere den Maßstab des alten anzulegen. Nur wer schon einige
Festigkeit hat im Beobachten innerer Erfahrungen, der kann darüber reden, um
durch solches Reden seine Mitmenschen anzuregen.
Zu der beschriebenen Übung mag eine ergänzende kommen. Man beobachte in der
gleichen Art, wie einem Menschen die Befriedigung irgendeines Wunsches, die
Erfüllung einer Erwartung zuteil geworden ist. Gebraucht man dabei dieselben
Regeln und Vorsichten, die eben für den anderen Fall angegeben worden sind, so
wird man auch da zu einer geistigen Anschauung gelangen. Man wird eine geistige
Flammenbildung bemerken, die in der Mitte als gelb sich fühlt und die wie mit einem
grünlichen Rande empfunden wird.
Leicht kann der Mensch durch solche Beobachtung seiner Mitmenschen in einen
moralischen Fehler verfallen. Er kann lieblos werden. Daß dies nicht der Fall sei,
muß eben mit allen nur erdenkbaren Mitteln angestrebt werden. Beobachtet man so,
dann soll man eben durchaus schon auf der Höhe stehen, in der es einem zur
völligen Gewißheit geworden ist, daß Gedanken wirkliche Dinge sind. Man darf sich
da nicht mehr gestatten, über seinen Mitmenschen so zu denken, daß die Gedanken
mit der höchsten Achtung der Menschenwürde und der Menschenfreiheit nicht
verträglich wären. Daß ein Mensch nur ein Beobachtungsobjekt für uns sein könnte:
dieser Gedanke darf uns nicht einen Augenblick erfüllen. Hand in Hand mit jeder
Geheimbeobachtung über die menschliche Natur muß die Selbsterziehung dahin
gehen, die volle Selbstgeltung eines jeden Menschen uneingeschränkt zu schätzen
und das als etwas Heiliges, von uns Unantastbares – auch in Gedanken und
Gefühlen – zu betrachten, was in dem Menschen wohnt. Ein Gefühl von heiliger
Scheu vor allem Menschlichen, selbst wenn es nur als Erinnerung gedacht wird,
muß uns erfüllen.
Nur an den zwei Beispielen sollte vorläufig hier gezeigt werden, wie man sich zur
Erleuchtung über die menschliche Natur durchringt. Daran konnte aber wenigstens
der Weg gezeigt werden, der zu betreten ist. Wer die notwendige innere Stille und
Ruhe findet, die zu solcher Beobachtung gehören, dessen Seele wird schon
dadurch eine große Verwandlung durchmachen. Das wird bald so weit gehen, daß
die innere Bereicherung, die sein Wesen erfährt, ihm Sicherheit und Ruhe gibt auch
in seinem äußeren Verhalten. Und dieses verwandelte äußere Verhalten wird wieder
zurückwirken auf seine Seele. Und so wird er sich weiter helfen. Er wird Mittel und
Wege finden, immer mehr von der menschlichen Natur zu entdecken, was den
äußeren Sinnen verborgen ist; und er wird dann auch reif werden, einen Einblick zu
tun in die geheimnisvollen Zusammenhänge zwischen der Menschennatur und all
dem, was sonst noch im Weltall vorhanden ist. – Und auf diesem Wege naht sich
der Mensch immer mehr dem Zeitpunkte, wo er die ersten Schritte der Einweihung
bewerkstelligen kann. Bevor diese aber getan werden können, ist noch eines
notwendig. Es ist dies etwas, dessen Notwendigkeit der Geheimschüler zunächst
vielleicht am wenigsten einsehen wird. Später aber wird er dies.
Was nämlich der Einzuweihende mitbringen muß, ist ein in gewisser Beziehung
ausgebildeter Mut und Furchtlosigkeit. Der Geheimschüler muß geradezu die
Gelegenheiten aufsuchen, durch welche diese Tugenden ausgebildet werden. In der
Geheimschulung sollten sie ganz systematisch herangebildet werden. Aber auch
das Leben selbst ist namentlich nach dieser Richtung hin eine gute Geheimschule;
vielleicht die beste. Einer Gefahr ruhig ins Auge schauen, Schwierigkeiten ohne
Zagen überwinden wollen: solches muß der Geheimschüler können. Er muß zum
Beispiel einer Gefahr gegenüber sich sofort zu der Empfindung aufraffen: meine
Angst nützt nach gar keiner Seite; ich darf sie gar nicht haben; ich muß nur an das
denken, was zu tun ist. Und er muß es so weit bringen, daß für Gelegenheiten, in
denen er vorher ängstlich war, «Angsthaben», «Mutlos-werden» für ihn wenigstens
im eigentlichen innersten Empfinden unmögliche Dinge werden. Durch die
Selbsterziehung nach dieser Richtung entwickelt nämlich der Mensch in sich ganz
bestimmte Kräfte, die er braucht, wenn er in höhere Geheimnisse eingeweiht
werden soll. So wie der physische Mensch Nervenkraft braucht, um seine
physischen Sinne zu benutzen, so bedarf der seelische Mensch jener Kraft, die nur
entwickelt wird in mutvollen und furchtlosen Naturen. Wer zu den höheren
Geheimnissen vordringt, der sieht nämlich Dinge, welche dem gewöhnlichen
Menschen durch die Täuschungen der Sinne verborgen bleiben. Denn, wenn die
physischen Sinne uns auch die höhere Wahrheit nicht schauen lassen, so sind sie
eben dadurch auch des Menschen Wohltäter. Durch sie verbergen sich für ihn
Dinge, welche ihn, unvorbereitet, in maßlose Bestürzung versetzen müßten, deren
Anblick er nicht ertragen könnte. Diesem Anblick muß der Geheimschüler
gewachsen werden. Er verliert gewisse Stützen in der Außenwelt, die er eben dem
Umstande verdankte, daß er in Täuschung befangen war. Es ist wirklich und
buchstäblich so, wie wenn man jemand auf eine Gefahr aufmerksam machte, in der
er schon lange geschwebt hat, von der er aber nichts gewußt hat. Vorher hatte er
keine Angst; jetzt aber, nachdem er weiß, überkommt ihn die Angst, obwohl die
Gefahr durch sein Wissen nicht größer geworden ist.
Die Kräfte der Welt sind zerstörende und aufbauende: das Schicksal der äußeren
Wesenheiten ist Entstehen und Vergehen. In das Wirken dieser Kräfte, in den Gang
dieses Schicksals soll der Wissende blicken. Der Schleier, der im gewöhnlichen
Leben vor den geistigen Augen liegt, soll entfernt werden. Der Mensch selbst aber
ist mit diesen Kräften, mit diesem Schicksal verwoben. In seiner eigenen Natur sind
zerstörende und aufbauende Kräfte. So unverhüllt die anderen Dinge vor das
sehende Auge des Wissenden treten, so unverhüllt zeigt die eigene Seele sich
selbst. Solcher Selbsterkenntnis gegenüber darf der Geheimschüler nicht die Kraft
verlieren. Und sie wird ihm nur dann nicht fehlen, wenn er einen Überschuß an ihr
mitbringt. Damit dieses der Fall sei, muß er lernen, in schwierigen
Lebensverhältnissen die innere Ruhe und Sicherheit zu bewahren; er muß in sich
ein starkes Vertrauen in die guten Mächte des Daseins erziehen. Er muß darauf
gefaßt sein, daß manche Triebfedern ihn nicht mehr leiten werden, die ihn bisher
geleitet haben. Er wird ja einsehen müssen, daß er bisher manches nur getan und
gedacht hat, weil er in Unwissenheit befangen war. Solche Gründe, wie er sie bisher
gehabt, werden wegfallen. Er hat manches aus Eitelkeit getan; er wird sehen, wie
unsäglich wertlos alle Eitelkeit für den Wissenden ist. Er hat manches aus Habsucht
getan; er wird gewahr werden, wie zerstörend alle Habsucht ist. Ganz neue
Triebfedern zum Handeln und Denken wird er entwickeln müssen. Und eben dazu
gehören Mut und Furchtlosigkeit.
Vorzüglich handelt es sich darum, im tiefsten Innern des Gedankenlebens selbst
diesen Mut und diese Furchtlosigkeit zu pflegen. Der Geheimschüler muß lernen,
über einen Mißerfolg nicht zu verzagen. Er muß zu dem Gedanken fähig sein: «Ich
will vergessen, daß mir diese Sache schon wieder mißglückt ist, und aufs neue
versuchen, wie wenn nichts gewesen wäre.» So ringt er sich durch zu der
Überzeugung, daß die Kraftquellen in der Welt, aus denen er schöpfen kann,
unversieglich sind. Er strebt immer wieder nach dem Geistigen, das ihn heben und
tragen wird, wie oft auch sein Irdisches sich als kraftlos und schwach erwiesen
haben mag. Er muß fähig sein, der Zukunft entgegenzuleben, und in diesem
Streben sich durch keine Erfahrung der Vergangenheit stören lassen. – Hat der
Mensch die geschilderten Eigenschaften bis zu einem gewissen Grade, dann ist er
reif, die wahren Namen der Dinge zu erfahren, die der Schlüssel zu dem höheren
Wissen sind. Denn darin besteht die Einweihung, daß man lernt, die Dinge der Welt
bei demjenigen Namen zu benennen, die sie im Geiste ihrer göttlichen Urheber
haben. In diesen ihren Namen liegen die Geheimnisse der Dinge. Deshalb sprechen
die Eingeweihten eine andere Sprache als Uneingeweihte, weil die ersteren die
Bezeichnung der Wesen nennen, durch welche diese selbst gemacht sind. – Soweit
von der Einweihung (Initiation) selbst gesprochen werden kann, soll das im nächsten
Kapitel folgen
DIE EINWEIHUNG
Die Einweihung ist die höchste der Stufen einer Geheimschulung, über welche in
einer Schrift noch Andeutungen gegeben werden können, die allgemein verständlich
sind. Über alles, was darüber liegt, sind Mitteilungen schwer verständlich. Aber auch
dazu findet jeder den Weg, der durch die Vorbereitung, Erleuchtung und Einweihung
bis zu den niederen Geheimnissen vorgedrungen ist.
Das Wissen und Können, das einem Menschen durch die Einweihung zuteil wird,
könnte er ohne eine solche erst in einer sehr fernen Zukunft – nach vielen
Verkörperungen – auf einem ganz anderen Wege und auch in einer ganz anderen
Form erwerben. Wer heute eingeweiht wird, erfährt etwas, was er sonst viel später,
unter ganz anderen Verhältnissen, erfahren würde.
Ein Mensch kann von den Geheimnissen des Daseins nur so viel wirklich erfahren,
als dem Grade seiner Reife entspricht. Nur deshalb gibt es Hindernisse zu den
höheren Stufen des Wissens und Könnens. Der Mensch soll ein Schießgewehr nicht
früher gebrauchen, als bis er genügende Erfahrung hat, um durch den Gebrauch
nicht Unheil anzurichten. – Würde heute jemand ohne weiteres eingeweiht, so
würde ihm die Erfahrung fehlen, die er durch die Verkörperungen in der Zukunft
noch machen wird, bis ihm die entsprechenden Geheimnisse im regelmäßigen
Verlauf seiner Entwickelung zuteil werden. Deshalb müssen an der Pforte der
Einweihung diese Erfahrungen durch etwas anderes ersetzt sein. In einem Ersatz
für künftige Erfahrungen bestehen daher die ersten Unterweisungen des
Einweihungskandidaten. Es sind das die sogenannten «Proben», die er
durchzumachen hat und die sich als regelmäßige Folge des Seelenlebens ergeben,
wenn Übungen, wie die in den vorhergehenden Kapiteln geschilderten, richtig
fortgesetzt werden.
Von diesen «Proben» wird ja auch in Büchern oft gesprochen. Aber es ist nur
natürlich, daß von ihrer Natur durch solche Besprechungen in der Regel ganz
falsche Vorstellungen hervorgerufen werden müssen. Denn wer nicht durch die
Vorbereitung und Erleuchtung hindurchgegangen ist, hat ja nichts von diesen
Proben jemals erfahren. Ein solcher kann sie auch nicht sachgemäß beschreiben.
Dem Einzuweihenden müssen sich gewisse Dinge und Tatsachen ergeben, die den
höheren Welten angehören. Er kann sie aber nur sehen und hören, wenn er die
geistigen Wahrnehmungen wie Figuren, Farben, Töne und so weiter empfinden
kann, von denen bei Besprechung der «Vorbereitung» und «Erleuchtung» berichtet
worden ist.
Die erste «Probe» besteht darinnen, daß er eine wahrere Anschauung erlangt von
den leiblichen Eigenschaften der leblosen Körper, dann der Pflanzen, der Tiere und
des Menschen, als sie der Durchschnittsmensch besitzt. Damit ist aber nicht das
gemeint, was man heute wissenschaftliche Erkenntnis nennt. Denn nicht um
Wissenschaft, sondern um Anschauung handelt es sich. – In der Regel ist der
Vorgang so, daß der Einzuweihende erkennen lernt, wie sich die Naturdinge und
Lebewesen für das geistige Ohr und geistige Auge kundgeben. In einer gewissen
Weise stehen diese Dinge dann unverhüllt – nackt – vor dem Beschauer. Dem
sinnlichen Auge und dem sinnlichen Ohre verbergen sich die Eigenschaften, die
man da hört und sieht. Sie sind für dieses sinnliche Anschauen wie mit einem
Schleier verhüllt. Daß dieser Schleier für den Einzuweihenden wegfällt, beruht auf
einem Vorgang, den man als «geistigen Verbrennungsprozeß» bezeichnet. Deshalb
wird diese erste Probe die «Feuerprobe» genannt.
Für manche Menschen ist das gewöhnliche Leben selbst schon ein mehr oder
weniger unbewußter Einweihungsprozeß durch die Feuerprobe. Es sind das
diejenigen, welche durch reiche Erfahrungen von solcher Art durchgehen, daß ihr
Selbstvertrauen, ihr Mut und ihre Standhaftigkeit in gesunder Weise groß werden
und daß sie Leid, Enttäuschung, Mißlingen von Unternehmungen mit Seelengröße
und namentlich mit Ruhe und in ungebrochener Kraft ertragen lernen. Wer
Erfahrungen in dieser Art durchgemacht hat, der ist oft schon, ohne daß er es
deutlich weiß, ein Eingeweihter; und es bedarf dann nur eines wenigen, um ihm
geistige Ohren und Augen zu öffnen, so daß er ein Hell sehender wird. Denn das ist
festzuhalten: es handelt sich bei einer wahren «Feuerprobe» nicht darum, daß die
Neugierde des Kandidaten befriedigt werde. Gewiß, er lernt außergewöhnliche
Tatsachen kennen, von denen andere Menschen keine Ahnung haben. Aber dieses
Kennenlernen ist nicht das Ziel, sondern nur das Mittel zum Ziel. Das Ziel aber ist,
daß sich der Kandidat durch die Erkenntnis der höheren Welten größeres und
wahreres Selbstvertrauen, höheren Mut und eine ganz andere Seelengröße und
Ausdauer erwerbe, als sie in der Regel innerhalb der niederen Welt erlangt werden
können.
Nach der «Feuerprobe» kann jeder Kandidat noch umkehren. Er wird gestärkt in
physischer und seelischer Beziehung dann sein Leben fortsetzen und wohl erst in
einer nächsten Verkörperung die Einweihung fortsetzen. In seiner gegenwärtigen
aber wird er ein brauchbareres Glied der menschlichen Gesellschaft sein, als er
vorher war. In welcher Lage er sich auch befinden mag: seine Festigkeit, seine
Umsicht, sein günstiger Einfluß auf seine Mitmenschen, seine Entschlossenheit
werden zugenommen haben.
Will der Kandidat nach vollbrachter Feuerprobe die Geheimschulung fortsetzen, so
muß ihm nunmehr ein bestimmtes Schriftsystem enthüllt werden, wie solche in der
Geheimschulung üblich sind. In diesen Schriftsystemen offenbaren sich die
eigentlichen Geheimlehren. Denn dasjenige, was in den Dingen wirklich
«verborgen» (okkult) ist, kann weder mit den Worten der gewöhnlichen Sprache
unmittelbar ausgesprochen, noch kann es mit den gewöhnlichen Schriftsystemen
aufgezeichnet werden. Diejenigen, welche von den Eingeweihten gelernt haben,
übersetzen die Lehren der Geheimwissenschaft in die gewöhnliche Sprache, so gut
das geht. Die okkulte Schrift offenbart sich der Seele, wenn diese die geistige
Wahrnehmung erlangt hat. Denn diese Schrift steht in der geistigen Welt immer
geschrieben. Man lernt sie nicht so, wie man eine künstliche Schrift lesen lernt. Man
wächst vielmehr in sachgemäßer Weise der hellsichtigen Erkenntnis entgegen, und
während dieses Wachsens entwickelt sich wie eine seelische Fähigkeit die Kraft,
welche die vorhandenen Geschehnisse und Wesenheiten der geistigen Welt wie die
Charaktere einer Schrift zu entziffern sich gedrängt fühlt. Es könnte sein, daß diese
Kraft und mit ihr das Erleben der entsprechenden «Probe» mit der fortschreitenden
Seelenentwickelung wie von selbst erwachen. Doch sicherer gelangt man zum Ziele,
wenn man die Anweisungen der erfahrenen Geheimforscher befolgt, die
Gewandtheit haben im Entziffern der okkulten Schrift.
Die Zeichen der Geheimschrift sind nicht willkürlich ersonnen, sondern sie
entsprechen den Kräften, welche in der Welt wirksam sind. Man lernt durch diese
Zeichen die Sprache der Dinge. Dem Kandidaten zeigt sich alsbald, daß die
Zeichen, die er kennenlemt, den Figuren, Farben, Tönen und so weiter entsprechen,
die er während der Vorbereitung und Erleuchtung wahrzunehmen gelernt hat. Es
zeigt sich ihm, daß alles Vorhergehende nur wie ein Buchstabieren war. Jetzt erst
fängt er an, in der höheren Welt zu lesen. In einem großen Zusammenhang
erscheint ihm alles, was vorher nur vereinzelte Figur, Ton, Farbe war. Jetzt erst
gewinnt er die rechte Sicherheit im Beobachten der höheren Welten. Vorher konnte
er nie mit Bestimmtheit wissen, ob die Dinge, die er gesehen hat, auch richtig
gesehen waren. Und jetzt erst kann eine geregelte Verständigung zwischen dem
Kandidaten und dem Eingeweihten auf den Gebieten des höheren Wissens
stattfinden. Denn wie auch das Zusammenleben eines Eingeweihten mit einem
anderen Menschen im gewöhnlichen Leben gestaltet sein mag: von dem höheren
Wissen in unmittelbarer Gestalt kann der Eingeweihte nur in der erwähnten
Zeichensprache etwas mitteilen.
Durch diese Sprache wird der Geheimschüler auch bekannt mit gewissen
Verhaltungsmaßregeln für das Leben. Er lernt gewisse Pflichten kennen, von denen
er vorher nichts gewußt hat. Und wenn er diese Verhaltungsmaßregeln
kennengelernt hat, so kann er Dinge vollbringen, die eine Bedeutung haben, wie sie
niemals die Taten eines Uneingeweihten haben können. Er handelt von den
höheren Welten aus. Die Anweisungen zu solchen Handlungen können nur in der
angedeuteten Schrift verstanden werden.
Es muß aber betont werden, daß es Menschen gibt, die solche Handlungen
unbewußt auszuführen vermögen, trotzdem sie nicht eine Geheimschulung
durchgemacht haben. Solche «Helfer der Welt und Menschheit» schreiten segnend
und wohltuend durchs Leben. Ihnen sind durch Gründe, die hier nicht zu erörtern
sind, Gaben verliehen worden, die übernatürlich erscheinen. Was sie von dem
Geheimschüler unterscheidet, ist lediglich das, daß dieser mit Bewußtsein, mit voller
Einsicht in den ganzen Zusammenhang handelt. Er erringt eben durch Schulung,
was jenen von höheren Mächten zum Heile der Welt beschert worden ist. Die
Gottbegnadeten kann man aufrichtig verehren; aber deswegen darf man die Arbeit
der Schulung nicht für überflüssig halten.
Hat der Geheimschüler die erwähnte Zeichenschrift gelernt, dann beginnt für ihn
eine weitere «Probe». Durch diese muß sich erweisen, ob er sich frei und sicher in
der höheren Welt bewegen kann. Im gewöhnlichen Leben wird der Mensch durch
Antriebe von außen zu seinen Handlungen bewogen. Er arbeitet dieses oder jenes,
weil ihm die Verhältnisse diese oder jene Pflichten auferlegen. – Es braucht wohl
kaum erwähht zu werden, daß der Geheimschüler keine seiner Pflichten im
gewöhnlichen Leben versäumen darf, weil er in höheren Welten lebt. Keine Pflicht in
einer höheren Welt kann jemanden zwingen, eine einzige seiner Pflichten in der
gewöhnlichen außer acht zu lassen. Der Familienvater bleibt ebenso guter
Familienvater, die Mutter ebenso gute Mutter, der Beamte wird von nichts
abgehalten, ebensowenig der Soldat oder ein anderer, wenn sie Geheimschüler
werden. Im Gegenteil: alle die Eigenschaften, die den Menschen im Leben tüchtig
machen, steigern sich bei dem Geheimschüler in einem Maße, von dem sich der
Uneingeweihte keinen Begriff machen kann. Und wenn das dem Uneingeweihten
auch oft – nicht immer, sogar selten – nicht so erscheint, dann rührt das nur davon
her, daß er den Eingeweihten nicht immer richtig zu beurteilen vermag. Was
letzterer tut, ist manchmal dem anderen nicht sogleich durchsichtig. Aber auch das
ist, wie gesagt, nur in besonderen Fällen zu bemerken.
Für den auf der genannten Stufe der Einweihung Angelangten gibt es nun Pflichten,
zu denen kein äußerer Anstoß vorhanden ist. Er wird in diesen Dingen nicht durch
äußere Verhältnisse, sondern nur durch jene Maßregeln veranlaßt, welche ihm in
der «verborgenen» Sprache offenbar werden. Nun muß er durch die zweite «Probe»
zeigen, daß er, geführt von einer solchen Maßregel, ebenso sicher und fest handelt,
wie etwa ein Beamter seine ihm obliegenden Pflichten vollführt. – Zu diesem
Zwecke wird durch die Geheimschulung der Kandidat sich vor eine bestimmte
Aufgabe gestellt fühlen. Dieser soll eine Handlung ausführen infolge von
Wahrnehmungen, die er macht auf Grund dessen, was er auf der Vorbereitungsund
Erleuchtungsstufe gelernt hat. Und was er auszuführen hat, das muß er
erkennen durch die gekennzeichnete Schrift, die er sich angeeignet hat. Erkennt er
seine Pflicht und handelt er richtig, dann hat er die Probe bestanden. Man erkennt
den Erfolg an der Veränderung, die sich mit den als Figuren, Farben und Tönen
empfundenen Wahrnehmungen der Geistesohren und -augen durch die Handlung
vollzieht. In den Fortschritten der Geheimschulung wird ganz genau angegeben, wie
diese Figuren und so weiter nach der Handlung aussehen, empfunden werden. Und
der Kandidat muß wissen, wie er eine solche Veränderung hervorzubringen vermag.
– Man nennt diese Probe die «Wasserprobe», weil bei der Tätigkeit in diesen
höheren Gebieten dem Menschen die Stütze durch die äußeren Verhältnisse so
fehlt, wie beim Bewegen im Wasser, dessen Grund man nicht erreicht, die Stütze
fehlt. – Der Vorgang muß so oft wiederholt werden, bis der Kandidat völlige
Sicherheit hat.
Auch bei dieser Probe handelt es sich um das Erwerben einer Eigenschaft; und
durch die Erfahrungen in der höheren Welt bildet der Mensch diese Eigenschaft in
kurzer Zeit in einem solch hohen Grade aus, daß er im gewöhnlichen Verlaufe der
Entwickelung wohl durch viele Verkörperungen hindurchgehen müßte, um ihn zu
erreichen. Worauf es nämlich ankommt, ist das Folgende. Der Kandidat daif, um die
angegebene Veränderung auf dem höheren Gebiet des Daseins hervorzubringen,
lediglich dem folgen, was sich ihm auf Grund seiner höheren Wahrnehmung und als
Folge seines Lesens der verborgenen Schrift ergibt. Würde er während seiner
Handlung irgend etwas von seinen Wünschen, Meinungen und so weiter
einmischen, folgte er nur einen Augenblick nicht den Gesetzen, die er als richtig
erkannt hat, sondern seiner Willkür: dann würde etwas ganz anderes geschehen, als
geschehen soll. In diesem Falle verlöre der Kandidat sofort die Richtung auf sein
Ziel der Handlung, und Verwirrung träte ein. – Daher hat der Mensch durch diese
Probe in reichlichstem Maße Gelegenheit, seine Selbstbeherrschung auszubilden.
Und darauf kommt es an. Wieder kann daher diese Probe von denen leichter
bestanden werden, die vor der Einweihung durch ein Leben gegangen sind, das
ihnen die Erwerbung der Selbstbeherrschung gebracht hat. Wer sich die Fähigkeit
erworben hat, hohen Grundsätzen und Idealen mit Hintansetzung der persönlichen
Laune und Willkür zu folgen, wer versteht, die Pflicht auch immer da zu erfüllen, wo
die Neigungen und Sympathien gar zu gerne von dieser Pflicht ablenken wollen, der
ist unbewußt schon mitten im gewöhnlichen Leben ein Eingeweihter. Und nur ein
Geringes wird notwendig sein, damit er die geschilderte Probe bestehe. Ja, es muß
sogar gesagt werden, daß ein gewisser schon im Leben unbewußt erlangter Grad
von Einweihung in der Regel durchaus notwendig sein wird, um die zweite Probe zu
bestehen. Denn wie es vielen Menschen, die in der Jugend nicht richtig schreiben
gelernt haben, schwer wird, dies nachzuholen, wenn sie einmal die volle Lebensreife
erlangt haben, so wird es auch schwer, den notwendigen Grad von
Selbstbeherrschung beim Einblicke in die höheren Welten auszubilden, wenn man
nicht schon vorher darinnen einen gewissen Grad im alltäglichen Leben sich
angeeignet hat. Die Dinge der physischen Welt ändern sich nicht, was wir auch
wünschen, begehren, was immer wir auch für Neigungen haben. In den höheren
Welten aber sind unsere Wünsche, Begierden und Neigungen von Wirkung für die
Dinge. Wollen wir da auf die Dinge in entsprechender Weise wirken, so müssen wir
uns ganz in unserer Gewalt haben, müssen lediglich den richtigen Maßregeln folgen
und keinerlei Willkür unterworfen sein.
Eine Eigenschaft des Menschen, die auf dieser Stufe der Einweihung ganz
besonders in Betracht kommt, ist eine unbedingt gesunde und sichere Urteilskraft.
Auf die Heranbildung einer solchen muß schon auf allen früheren Stufen gesehen
werden; und auf dieser muß es sich erweisen, ob der Kandidat sie so handhabt, daß
er für den wahren Erkenntnispfad geeignet ist. Er kann nur dann weiterkommen,
wenn er Illusion, wesenlore Phantasiegebilde, Aberglauben und alle Art von
Blendwerk von der wahren Wirklichkeit unterscheiden kann. Und auf den höheren
Stufen des Daseins ist das zunächst schwieriger als auf den niederen. Da muß
jedes Vorurteil, jede liebgewordene Meinung schwinden in bezug auf die Dinge, auf
die es ankommt; und einzig und allein die Wahrheit muß Richtschnur sein.
Vollkommene Bereitschaft muß vorhanden sein, einen Gedanken, eine Ansicht, eine
Neigung sofort aufzugeben, wenn das logische Denken solches fordert. Gewißheit in
höheren Welten ist nur zu erlangen, wenn man nie die eigene Meinung schont.
Menschen mit einer Denkungsart, die zur Phantastik, zum Aberglauben neigt,
können auf dem Geheimpfade keinen Fortschritt machen. Ein kostbares Gut soll ja
der Geheimjünger erringen. Alle Zweifel an den höheren Welten werden von ihm
genommen. Diese enthüllen sich in ihren Gesetzen vor seinen Blicken. Aber er kann
dieses Gut nicht erringen, solange er sich von Blendwerken und Illusionen täuschen
läßt. Schlimm wäre es für ihn, wenn seine Phantasie, seine Vorurteile mit seinem
Verstande durchgingen. Träumer und Phantasten sind für den Geheimpfad ebenso
ungeeignet wie abergläubische Personen. Das alles kann nicht genug betont
werden. Denn in Träumerei, Phantastik und Aberglauben lauern die schlimmsten
Feinde auf dem Wege zu Erkenntnissen in höheren Welten. Es braucht aber auch
niemand zu glauben, daß dem Geheimjünger die Poesie des Lebens, die
Begeisterungsfähigkeit verlorengehe, weil über dem Tore, das zur zweiten Probe
der Einweihung führt, die Worte stehen: «Alle Vorurteile müssen von dir fallen», und
weil er an der Eingangspforte zur ersten Probe bereits lesen muß: «Ohne gesunden
Menschenverstand sind alle deine Schritte vergebens.»
Ist der Kandidat in dieser Art weit genug vorgeschritten, so wartet die dritte «Probe»
auf ihn. Bei dieser wird ihm kein Ziel fühlbar. Es ist alles in seine eigene Hand
gelegt. Er befindet sich in einer Lage, wo ihn nichts zum Handeln veranlaßt. Er muß
ganz allein aus sich seinen Weg finden. Dinge oder Personen, die ihn zu etwas
bewegen, sind nicht da. Nichts und niemand kann ihm jetzt die Kraft geben, die er
braucht, als nur er selbst. Fände er diese Kraft nicht in sich selbst, so stände er sehr
bald wieder da, wo er vorher gestanden hat. Doch muß man sagen, daß nur wenige
von denen, welche die vorigen Proben bestanden haben, hier diese Kraft nicht
finden werden. Man bleibt entweder schon vorher zurück, oder man besteht auch
hier. Alles, was nötig ist, das besteht darinnen, rasch mit sich selbst zurecht zu
kommen. Denn man muß hier sein «höheres Selbst» im wahrsten Sinne des Wortes
finden. Man muß sich rasch entschließen, auf die Eingebung des Geistes in allen
Dingen zu hören. Zeit zu irgendwelchen Bedenken, Zweifeln und so weiter hat man
hier nicht mehr. Jede Minute Zögerung würde nur beweisen, daß man noch nicht reif
ist. Was abhält, auf den Geist zu hören, muß kühn überwunden werden. Es kommt
darauf an, Geistesgegenwart in dieser Lage zu beweisen. Und das ist auch die
Eigenschaft, auf deren vollkommene Ausbildung es auf dieser Entwicklungsstufe
abgesehen ist. Alle Verlockungen zum Handeln, ja selbst zum Denken, an die ein
Mensch vorher gewöhnt war, hören auf. Um nicht untätig zu bleiben, darf der
Mensch sich selbst nicht verlieren. Denn nur in sich selbst kann er den einzigen
festen Punkt finden, an den er sich zu halten vermag. Niemand, der dies hier liest,
ohne weiter mit den Sachen vertraut zu sein, sollte eine Antipathie empfinden gegen
dieses Zurückgewiesensein auf sich selbst. Denn es bedeutet für den Menschen die
schönste Glückseligkeit, wenn er die geschilderte Probe besteht.
Und nicht weniger als in den anderen Fällen ist auch für diesen Punkt das
gewöhnliche Leben für viele Menschen schon eine Geheimschule. Personen, die es
dahin gebracht haben, daß sie, vor plötzlich an sie herantretende Lebensaufgaben
gestellt, ohne Zögern, ohne viel Bedenken eines raschen Entschlusses fähig sind,
ihnen ist das Leben eine solche Schulung. Die geeigneten Lagen sind diejenigen,
wo ein erfolgreiches Handeln sofort unmöglich wird, wenn der Mensch nicht rasch
eingreift. Wer rasch bei der Hand ist, zuzugreifen, wenn ein Unglück in Sicht ist,
während durch einige Augenblicke Zögerung das Unglück bereits geschehen wäre,
und wer eine solche rasche Entschlußfähigkeit zu einer bleibenden Eigenschaft bei
sich gemacht hat, der hat unbewußt die Reife für die dritte «Probe» erworben. Denn
auf die Heranbildung der unbedingten Geistesgegenwart kommt es bei ihr an. Man
nennt sie in den Geheimschulen die «Luftprobe», weil der Kandidat bei ihr sich
weder auf den festen Boden der äußeren Veranlassungen stützen kann noch auf
dasjenige, was sich aus den Farben, Formen und so weiter ergibt, die er durch
Vorbereitung und Erleuchtung kennengelernt hat, sondern ausschließlich auf sich
selbst.
Hat der Geheimjünger diese Probe bestanden, dann darf er den «Tempel der
höheren Erkenntnisse» betreten. – Was darüber weiter zu sagen ist, kann nur die
allerspärlichste Andeutung sein. – Was jetzt zu leisten ist, wird oft so ausgedrückt,
daß man sagt: der Geheimjünger habe einen «Eid» zu leisten, nichts von den
Geheimlehren zu «verraten». Doch sind die Ausdrücke «Eid» und «verraten»
keineswegs sachgemäß und sogar zunächst irreführend. Es handelt sich um keinen
«Eid» im gewöhnlichen Sinne des Wortes. Man macht vielmehr auf dieser Stufe der
Entwicklung eine Erfahrung. Man lernt, wie man die Geheimlehre anwendet, wie
man sie in den Dienst der Menschheit stellt. Man fängt an, die Welt erst recht zu
verstehen. Nicht auf das «Verschweigen» der höheren Wahrheiten kommt es da an,
sondern vielmehr auf die rechte Art, den entsprechenden Takt, sie zu vertreten.
Worüber man «schweigen» lernt, das ist etwas ganz anderes. Man eignet sich diese
herrliche Eigenschaft nämlich in bezug auf vieles an, worüber man vorher geredet
hat, namentlich auf die Art, wie man geredet hat. Ein schlechter Eingeweihter wäre
der, welcher nicht die erfahrenen Geheimnisse in den Dienst der Welt stellte, so gut
und soweit dies nur möglich ist. Es gibt kein anderes Hindernis für die Mitteilung auf
diesem Gebiete als allein das Nichtverstehen von seiten dessen, der empfangen
soll. Zum beliebigen Reden darüber eignen sich allerdings die höheren Geheimnisse
nicht. Aber es ist niemandem etwas «verboten» zu sagen, der die beschriebene
Stufe der Entwicklung erlangt hat. Kein anderer Mensch und kein Wesen legt ihm
einen dahingehenden «Eid» auf. Alles ist in seine eigene Verantwortlichkeit gestellt.
Was er lernt, ist, in jeder Lage ganz durch sich selbst zu finden, was er zu tun hat.
Und der «Eid» bedeutet nichts, als daß der Mensch reif geworden ist, eine solche
Verantwortung tragen zu können.
Ist der Kandidat reif geworden zu dem Beschriebenen, dann erhält er dasjenige, was
man sinnbildlich als den «Vergessenheitstrunk» bezeichnet. Er wird nämlich in das
Geheimnis eingeweiht, wie man wirken kann, ohne sich durch das niedere
Gedächtnis fortwährend stören zu lassen. Das ist für den Eingeweihten notwendig.
Denn er muß stets das volle Vertrauen in die unmittelbare Gegenwart haben. Er
muß die Schleier der Erinnerung zerstören können, die sich in jedem Augenblick des
Lebens um den Menschen ausbreiten. Wenn ich etwas, was mir heute begegnet,
nach dem beurteile, was ich gestern erfahren habe, so bin ich vielfachen Irrtümern
unterworfen. Natürlich ist damit nicht gemeint, daß man seine im Leben gewonnene
Erfahrung verleugne. Man soll sich sie immer gegenwärtig halten, so gut man kann.
Aber man muß als Eingeweihter die Fähigkeit haben, jedes neue Erlebnis aus sich
selbst zu beurteilen, es ungetrübt durch alle Vergangenheit auf sich wirken zu
lassen. Ich muß in jedem Augenblicke darauf gefaßt sein, daß mir ein jegliches Ding
oder Wesen eine ganz neue Offenbarung bringen kann. Beurteile ich das Neue nach
dem Alten, so bin ich dem Irrtum unterworfen. Gerade dadurch wird mir die
Erinnerung an alte Erfahrungen am nützlichsten, daß sie mich befähigt, Neues zu
sehen. Hätte ich eine bestimmte Erfahrung nicht, so würde ich die Eigenschaft eines
Dinges oder eines Wesens, die mir entgegentreten, vielleicht gar nicht sehen. Aber
eben zum Sehen des Neuen, nicht zur Beurteilung des Neuen nach dem Alten soll
die Erfahrung dienen. In dieser Beziehung erlangt der Eingeweihte ganz bestimmte
Fähigkeiten. Dadurch enthüllen sich ihm viele Dinge, die dem Uneingeweihten
verborgen bleiben.
Der zweite «Trank», der dem Eingeweihten verabreicht wird, ist der
«Gedächtnistrank». Durch ihn erlangt er die Fähigkeit, höhere Geheimnisse stets im
Geiste gegenwärtig zu haben. Dazu würde das gewöhnliche Gedächtnis nicht
ausreichen. Man muß ganz eins werden mit den höheren Wahrheiten. Man muß sie
nicht nur wissen, sondern ganz selbstverständlich in lebendigem Tun handhaben,
wie man als gewöhnlicher Mensch ißt und trinkt. Übung, Gewöhnung, Neigung
müssen sie werden. Man muß gar nicht über sie in gewöhnlichem Sinne
nachzudenken brauchen; sie müssen sich durch den Menschen selbst darstellen,
durch ihn fließen wie die Lebensfunktionen seines Organismus. So macht er sich in
geistigem Sinne immer mehr zu dem, wozu ihn im physischen die Natur gemacht
PRAKTISCHE GESICHTSPUNKTE
Wenn der Mensch seine Ausbildung in bezug auf Gefühle; Gedanken und
Stimmungen so durchmacht, wie dies in den Kapiteln über Vorbereitung,
Erleuchtung und Einweihung beschrieben worden ist, so bewirkt er in seiner Seele
und in seinem Geist eine ähnliche Gliederung, wie sie die Natur in seinem
physischen Leibe bewirkt hat. Vor dieser Ausbildung sind Seele und Geist
ungegliederte Massen. Der Hellseher nimmt sie wahr als ineinandergreifende,
spiralige Nebelwirbel, die vorzugsweise wie rötliche und rötlichbraune oder auch
rötlichgelbe Farben matt glimmend empfunden werden; nach der Ausbildung
beginnen sie wie die gelblichgrünen, grünlichblauen Farben geistig zu erglänzen und
zeigen einen regelmäßigen Bau. Der Mensch gelangt zu solcher Regelmäßigkeit
und damit zu höheren Erkenntnissen, wenn er in seine Gefühle, Gedanken und
Stimmungen solche Ordnung bringt, wie sie die Natur in seine körperlichen
Verrichtungen gebracht hat, so daß er sehen, hören, verdauen, atmen, sprechen
und so weiter kann. – Mit der Seele atmen und sehen und so weiter, mit dem Geiste
hören und sprechen und so weiter lernt der Geheimschüler allmählich.
Es sollen hier nur noch einige praktische Gesichtspunkte genauer ausgeführt
werden, die zur höheren Seelen- und Geisteserziehung gehören. Es sind solche, die
im Grunde jeder, ohne auf andere Regeln Rücksicht zu nehmen, befolgen kann und
durch die er in der Geheimwissenschaft eine Strecke weit gelangt.
Eine besondere Ausbildung muß man in der Geduld anstreben. Jede Regung der
Ungeduld wirkt lähmend, ja ertötend auf die im Menschen schlummernden höheren
Fähigkeiten. Man soll nicht verlangen, daß sich von heute auf morgen unermeßliche
Einblicke in die höheren Welten eröffnen. Denn dann kommen sie in der Regel ganz
gewiß nicht; Zufriedenheit mit dem Geringsten, das man erreicht, Ruhe und
Gelassenheit sollen sich der Seele immer mehr bemächtigen. – Es ist ja begreiflich,
daß der Lernende ungeduldig die Ergebnisse erwartet. Dennoch erlangt er nichts,
solange er diese Ungeduld nicht bemeistert. Es nützt auch nichts, wenn man diese
Ungeduld nur in gewöhnlichem Sinne des Wortes bekämpft. Dann wird sie nur um
so stärker. Man täuscht sich dann über sie hinweg, und in den Tiefen der Seele sitzt
sie nur um so stärker. Nur wenn man sich einem ganz bestimmten Gedanken immer
wieder hingibt, ihn ganz sich zu eigen macht, erreicht man etwas. Dieser Gedanke
ist: «Ich muß zwar alles tun zu meiner Seelen- und Geistesausbildung; aber ich
werde ganz ruhig warten, bis ich von höheren Mächten für würdig befunden werde
zu bestimmter Erleuchtung.» Wird dieser Gedanke im Menschen so mächtig, daß er
zur Charakteranlage sich gestaltet, dann ist man auf dem rechten Wege. Schon im
Äußerlichen prägt sich dann diese Charakteranlage aus. Der Blick des Auges wird
ruhig, die Bewegungen sicher, die Entschlüsse bestimmt, und alles, was man
Nervosität nennt, weicht allmählich von dem Menschen. Scheinbar unbedeutende,
kleine Regeln kommen dabei in Betracht. Zum Beispiel es fügt uns jemand eine
Beleidigung zu. Vor unserer Geheimerziehung wenden wir unser Gefühl gegen den
Beleidiger. Ärger wallt in unserem Inneren auf. In dem Geheimschüler aber steigt
sofort bei einer solchen Gelegenheit der Gedanke auf: «Eine solche Beleidigung
ändert nichts an meinem Werte»; und er tut dann, was gegen die Beleidigung zu
unternehmen ist, mit Ruhe und Gelassenheit, nicht aus dem Ärger heraus. Es
kommt natürlich nicht darauf an, etwa jede Beleidigung einfach hinzunehmen,
sondern darauf, daß man so ruhig und sicher in der Ahndung einer Beleidigung der
eigenen Person gegenüber ist, wie man wäre, wenn die Beleidigung einem anderen
zugefügt worden wäre, bei dem man das Recht hat, sie zu ahnden. – Immer muß
berücksichtigt werden, daß sich die Geheimschulung nicht in groben äußeren
Vorgängen, sondern in feinen, stillen Umwandlungen des Gefühls- und
Gedankenlebens vollzieht.
Geduld wirkt anziehend auf die Schätze des höheren Wissens. Ungeduld wirkt auf
sie abstoßend. In Hast und Unruhe kann nichts auf den höheren Gebieten des
Daseins erlangt werden. Vor allen Dingen müssen Verlangen und Begierde
schweigen. Das sind Eigenschaften der Seele, vor denen sich alles höhere Wissen
scheu zurückzieht. So wertvoll auch alle höhere Erkenntnis ist: man darf sie nicht
verlangen, wenn sie zu uns kommen soll. Wer sie haben will um seiner selbst willen,
der erlangt sie nie. – Und das erfordert vor allem, daß man in tiefster Seele wahr
gegen sich selbst sei. Man darf sich in nichts über sich selbst täuschen. Man muß
seinen eigenen Fehlern, Schwächen und Untauglichkeiten mit innerer Wahrhaftigkeit
ins Antlitz schauen. – In dem Augenblicke, wo du irgendeine deiner Schwächen vor
dir selbst entschuldigst, hast du dir einen Stein hingelegt auf den Weg, der dich
aufwärts führen soll. Solche Steine kannst du nur durch Selbstaufklärung über dich
beseitigen. Es gibt nur einen Weg, seine Fehler und Schwächen abzulegen, und der
ist: sie richtig zu erkennen. Alles schlummert in der Menschenseele und kann
erweckt werden. Auch seinen Verstand und seine Vernunft kann der Mensch
verbessern, wenn er sich in Ruhe und Gelassenheit darüber aufklärt, warum er in
dieser Beziehung schwach ist. Solche Selbsterkenntnis ist natürlich schwierig, denn
die Versuchung zur Täuschung über sich selbst ist eine unermeßlich große. Wer
sich an Wahrheit gegen sich selbst gewöhnt, öffnet sich die Pforten zu höherer
Einsicht.
Schwinden muß beim Geheimschüler eine jegliche Neugierde. Er muß sich so viel
wie möglich das Fragen abgewöhnen über Dinge, die er nur zur Befriedigung seines
persönlichen Wissensdranges wissen will. Nur das soll er fragen, was ihm zur
Vervollkommnung seiner Wesenheit im Dienste der Entwicklung dienen kann. Dabei
soll in ihm aber die Freude, die Hingabe an das Wissen in keiner Weise gelähmt
werden. Auf alles, was zu solchem Ziele dient, soll er andächtig hinhorchen und jede
Gelegenheit zu solcher Andacht aufsuchen.
Insbesondere ist zur Geheimausbildung eine Erziehung des Wunschlebens
notwendig. Man soll nicht etwa wunschlos werden. Denn alles, was wir erreichen
sollen, sollen wir ja auch wünschen. Und ein Wunsch wird immer in Erfüllung gehen,
wenn hinter ihm eine ganz besondere Kraft steht. Diese Kraft kommt aus der
richtigen Erkenntnis. «In keiner Art zu wünschen, bevor man das Richtige auf einem
Gebiete erkannt hat», das ist eine der goldenen Regeln für den Geheimschüler. Der
Weise lernt zuerst die Gesetze der Welt kennen, dann werden seine Wünsche zu
Kräften, welche sich verwirklichen. – Ein Beispiel, das deutlich wirkt, soll hier
angeführt werden. Gewiß wünschen viele, aus eigener Anschauung über ihr Leben
vor ihrer Geburt etwas zu erfahren. Solcher Wunsch ist ganz zwecklos und
ergebnislos, solange der Betreffende sich nicht die Erkenntnis der Gesetze durch
geisteswissenschaftliches Studium angeeignet hat – und zwar in ihrem feinsten,
intimsten Charakter – von dem Wesen des Ewigen. Hat er sich aber diese
Erkenntnis wirklich erworben, und will er dann weiterkommen, so wird er es durch
seinen veredelten, geläuterten Wunsch.
Es nützt auch nichts, zu sagen: Ja, ich will ja gerade mein vorhergehendes Leben
übersehen und zu dem Zwecke eben lernen. Man muß vielmehr imstande sein,
diesen Wunsch ganz fallenzulassen, ganz von sich auszuschalten, und zunächst
ganz ohne diese Absicht lernen. Man muß die Freude, die Hingebung an dem
Gelernten entwickeln ohne die genannte Absicht. Denn nur dadurch lernt man
zugleich den entsprechenden Wunsch so zu haben, daß er seine Erfüllung nach
sich zieht.
Wenn ich zornig bin oder mich ärgere, so richte ich einen Wall in der Seelenwelt um
mich auf, und die Kräfte können nicht an mich herantreten, welche meine seelischen
Augen entwickeln sollen. Ärgert mich zum Beispiel ein Mensch, so schickt er einen
seelischen Strom in die Seelenwelt. Ich kann diesen Strom so lange nicht sehen, als
ich noch fähig bin, mich zu ärgern. Mein Ärger verdeckt ihn mir. Nun darf ich auch
nicht glauben, daß ich sofort eine seelische (astralische) Erscheinung haben werde,
wenn ich mich nicht mehr ärgere. Denn dazu ist notwendig, daß sich erst in mir ein
seelisches Auge entwickele. Aber die Anlage zu einem solchen Auge liegt in jedem
Menschen. Es bleibt unwirksam, solange der Mensch fähig ist, sich zu ärgern. Aber
es ist auch noch nicht sogleich da, wenn man ein wenig das Ärgern bekämpft hat.
Man muß vielmehr fortfahren in dieser Bekämpfung des Ärgers und in Geduld immer
wieder fortfahren; dann wird man eines Tages bemerken, daß sich dieses seelische
Auge entwickelt hat. Allerdings ist nicht der Ärger das einzige, was man zu solchem
Ziele zu bekämpfen hat. Viele werden ungeduldig oder zweifelnd, weil sie jahrelang
einige Eigenschaften der Seele bekämpft haben und das Hellsehen doch nicht
eintritt. Sie haben dann eben einige Eigenschaften ausgebildet und andere um so
mehr überwuchern lassen. Die Gabe des Hellsehens tritt erst dann ein, wenn alle
Eigenschaften unterdrückt sind, welche die entsprechenden schlummernden
Fähigkeiten nicht herauskommen lassen. Allerdings stellen sich Anfänge des
Schauens (oder Hörens) schon früher ein; aber das sind zarte Pflänzchen, die leicht
allem möglichen Irrtum unterworfen sind und die auch leicht absterben, wenn sie
nicht sorgfältig weiter gehegt und gepflegt werden.
Zu den Eigenschaften, die zum Beispiel ebenso bekämpft werden müssen wie Zorn
und Ärger, gehören Furchtsamkeit, Aberglaube und Vorurteilssucht, Eitelkeit und
Ehrgeiz, Neugierde und unnötige Mitteilungssucht, das Unterschiedmachen in bezug
auf Menschen nach äußerlichen Rang-, Geschlechts-, Stammeskennzeichen und so
weiter. In unserer Zeit wird man recht schwer begreifen, daß die Bekämpfung
solcher Eigenschaften etwas zu tun habe mit der Erhöhung der Erkenntnisfähigkeit.
Aber jeder Geheimwissenschafter weiß, daß von solchen Dingen viel mehr abhängt
als von der Erweiterung der Intelligenz und von dem Anstellen künstlicher Übungen.
Insbesondere kann leicht ein Mißverständnis darüber entstehen, wenn manche
glauben, daß man sich tollkühn machen solle, weil man furchtlos sein soll, daß man
sich vor den Unterschieden der Menschen verschließen soll, weil man die Standes-,
Rassen- und so weiter Vorurteile bekämpfen soll. Man lernt vielmehr erst richtig
erkennen, wenn man nicht mehr in Vorurteilen befangen ist. Schon in gewöhnlichem
Sinne ist es richtig, daß mich die Furcht vor einer Erscheinung hindert, sie klar zu
beurteilen, daß mich ein Rassenvorurteil hindert, in eines Menschen Seele zu
blicken. Diesen gewöhnlichen Sinn muß der Geheimschüler in großer Feinheit und
Schärfe bei sich zur Entwicklung bringen.
Einen Stein in den Weg der Geheimerziehung wirft dem Menschen auch alles, was
er sagt, ohne daß er es gründlich in seinen Gedanken geläutert hat. Und dabei muß
etwas in Betracht kommen, was hier nur durch ein Beispiel erläutert werden kann.
Wenn mir jemand zum Beispiel etwas sagt und ich habe darauf zu erwidern, so muß
ich bemüht sein, des anderen Meinung, Gefühl, ja Vorurteil mehr zu beachten, als
was ich im Augenblicke selbst zu der in Rede stehenden Sache zu sagen habe.
Hiermit ist eine feine Taktausbildung angedeutet, welcher sich der Geheimschüler
sorgfältig zu widmen hat. Er muß sich ein Urteil darüber aneignen, wie weit es für
den anderen eine Bedeutung hat, wenn er der seinigen die eigene Meinung
entgegenhält. Nicht zurückhalten soll man deshalb mit seiner Meinung. Davon kann
nicht im entferntesten die Rede sein. Aber man soll so genau als nur irgend möglich
auf den anderen hinhören und aus dem, was man gehört hat, die Gestalt seiner
eigenen Erwiderung formen. Immer wieder steigt in einem solchen Falle in dem
Geheimschüler ein Gedanke auf; und er ist auf dem rechten Wege, wenn dieser
Gedanke in ihm so lebt, daß er Charakteranlage geworden ist. Dies ist der Gedanke:
«Nicht darauf kommt es an, daß ich etwas anderes meine als der andere, sondern
darauf, daß der andere das Richtige aus Eigenem finden wird, wenn ich etwas dazu
beitrage.» Durch solche und ähnliche Gedanken überströmt den Charakter und die
Handlungsweise des Geheimschülers das Gepräge der Milde, die ein Hauptmittel
aller Geheimschulung ist. Härte verscheucht um dich herum die Seelengebilde, die
dein seelisches Auge erwecken sollen; Milde schafft dir die Hindernisse hinweg und
öffnet deine Organe.
Und mit der Milde wird sich alsbald ein anderer Zug in der Seele ausbilden: das
ruhige Achten auf alle Feinheiten des seelischen Lebens in der Umgebung bei
völliger Schweigsamkeit der eigenen Seelenregungen. Und hat es ein Mensch zu
diesem gebracht, dann wirken die Seelenregungen seiner Umgebung auf ihn so ein,
daß die eigene Seele wächst und wachsend sich gliedert, wie die Pflanze gedeiht im
Sonnenlichte. Milde und Schweigsamkeit in wahrer Geduld öffnen die Seele der
Seelenwelt, den Geist dem Geisterlande. – «Verharre in Ruhe und Abgeschlossenheit,
schließe die Sinne für das, was sie dir vor deiner Geheimschulung überliefert
haben, bringe alle Gedanken zum Stillstand, die nach deinen vorherigen
Gewohnheiten in dir auf- und abwogten, werde ganz still und schweigsam in deinem
Innern und warte in Geduld, dann fangen höhere Welten an, deine Seelenaugen und
Geistesohren auszubilden. Du darfst nicht erwarten, daß du sogleich siehst und
hörst in der Seelen- und Geisterwelt. Denn was du tust, trägt nur bei, deine höheren
Sinne auszubilden. Seelisch sehen und geistig hören aber wirst du erst, wenn du
diese Sinne haben wirst. Hast du eine Weile so in Ruhe und Abgeschlossenheit
verharrt, so gehe an deine gewohnten Tagesgeschäfte, indem du dir vorher noch tief
den Gedanken eingeprägt: es wird mir einmal werden, was mir werden soll, wenn
ich dazu reif bin. Und unterlasse es streng, etwas von den höheren Gewalten durch
deine Willkür an dich zu ziehen.» Das sind Anweisungen, die jeder Geheimschüler
von seinem Lehrer im Beginne des Weges erhält. Beobachtet er sie, dann
vervollkommnet er sich. Beobachtet er sie nicht, dann ist alles Arbeiten vergebens.
Aber sie sind nur für den schwierig, der nicht Geduld und Standhaftigkeit hat. Es gibt
keine anderen Hindernisse, als diejenigen sind, die sich ein jeder selbst in den Weg
wirft und die auch jeder vermeiden kann, wenn er wirklich will. Das muß immer
wieder betont werden, weil sich viele eine ganz falsche Vorstellung bilden über die
Schwierigkeiten des Geheimpfades. Es ist in gewissem Sinne leichter, die ersten
Stufen dieses Pfades zu überschreiten, als ohne Geheimschulung mit den
alleralltäglichsten Schwierigkeiten des Lebens fertig zu werden. – Außerdem durften
hier nur solche Dinge mitgeteilt werden, die von keinerlei Art von Gefahren begleitet
sind für die körperliche und seelische Gesundheit. Es gibt ja auch andere Wege, die
schneller zum Ziele führen; aber mit diesen hat, was hier gemeint ist, nichts zu tun,
weil sie gewisse Wirkungen auf den Menschen haben können, die ein erfahrener
Geheimkundiger nicht anstrebt. Da einiges von solchen Wegen doch immer wieder
in die Öffentlichkeit dringt, so muß ausdrücklich davor gewarnt werden, sie zu
betreten. Aus Gründen, die nur der Eingeweihte verstehen kann, können diese
Wege nie in ihrer wahren Gestalt öffentlich bekanntgegeben werden. Und die
Bruchstücke, die dort und da erscheinen, können zu nichts Gedeihlichem, wohl aber
zur Untergrabung von Gesundheit, Glück und Seelenfrieden führen. Wer sich nicht
ganz dunklen Mächten anvertrauen will, von deren wahrem Wesen und Ursprung er
nichts wissen kann, der vermeide es, sich auf solche Dinge einzulassen.
Es kann noch einiges gesagt werden über die Umgebung, in welcher die Übungen
der Geheimschulung vorgenommen werden sollen. Denn darauf kommt einiges an.
Doch liegt die Sache fast für jeden Menschen anders. Wer in einer Umgebung übt,
die nur von selbstsüchtigen Interessen, zum Beispiel von dem modernen Kampfe
ums Dasein, erfüllt ist, der muß sich bewußt sein, daß diese Interessen nicht ohne
Einfluß bleiben auf die Ausbildung seiner seelischen Organe. Zwar sind die inneren
Gesetze dieser Organe so stark, daß dieser Einfluß nicht ein allzu schädlicher
werden kann. So wenig eine Lilie durch eine noch so unangemessene Umgebung
zu einer Distel werden kann, so wenig kann sich das seelische Auge zu etwas
anderem bilden, als wozu es bestimmt ist, auch wenn die selbstsüchtigen Interessen
der modernen Städte darauf einwirken. Aber gut ist es unter allen Umständen, wenn
der Geheimschüler ab und zu den stillen Frieden und die innere Würde und Anmut
der Natur zu seiner Umgebung macht. Besonders günstig liegt die Sache bei dem,
der seine Geheimschulung ganz in der grünen Pflanzenwelt oder zwischen sonnigen
Bergen und dem lieben Weben der Einfalt vornehmen kann. Das treibt die inneren
Organe in einer Harmonie heraus, die niemals in der modernen Stadt entstehen
kann. Etwas besser als der bloße Stadtmensch ist auch schon derjenige gestellt,
welcher wenigstens während seiner Kindheit Tannenluft atmen, Schneegipfel
schauen und das stille Treiben der Waldtiere und Insekten beobachten durfte.
Keiner derjenigen aber, denen es aufgegeben ist, in der Stadt zu leben, darf es
unterlassen, seinen in Bildung begriffenen Seelen- und Geistesorganen als Nahrung
die inspirierten Lehren der Geistesforschung zuzuführen. Wessen Auge nicht jeden
Frühling die Wälder Tag für Tag in ihrem Grün verfolgen kann, der sollte dafür
seinem Herzen die erhabenen Lehren der Bhagavad-Gita, des Johannes-
Evangeliums, des Thomas von Kempen und die Darstellungen der
geisteswissenschaftlichen Ergebnisse zuführen. Viele Wege gibt es zum Gipfel der
Einsicht; aber eine richtige Wahl ist unerläßlich. – Der Geheimkundige weiß gar
manches über solche Wege zu sagen, was dem Uneingeweihten absonderlich
erscheint. Es kann zum Beispiel jemand sehr weit auf dem Geheimpfade sein. Er
kann sozusagen unmittelbar vor dem Öffnen der seelischen Augen und geistigen
Ohren stehen; und dann hat er das Glück, eine Fahrt über das ruhige oder vielleicht
auch das wildbewegte Meer zu machen, und eine Binde löst sich von seinen
Seelenaugen: plötzlich wird er sehend. – Ein anderer ist ebenfalls so weit, daß diese
Binde sich nur zu lösen braucht; es geschieht durch einen starken Schicksalsschlag.
Auf einen anderen Menschen hätte dieser Schlag wohl den Einfluß gehabt, daß er
seine Kraft lähmte, seine Energie untergrübe; für den Geheimschüler wird er zum
Anlaß der Erleuchtung. – Ein dritter harrt in Geduld aus; Jahre hindurch hat er so
geharrt, ohne eine merkliche Frucht. Plötzlich in seinem ruhigen Sitzen in der stillen
Kammer wird es geistig Licht um ihn, die Wände verschwinden, werden seelisch
durchsichtig, und eine neue Welt breitet sich vor seinem sehend gewordenen Auge
aus oder erklingt seinem hörend gewordenen Geistesohre.
DIE BEDINGUNGEN ZUR GEHEIMSCHULUNG
Die Bedingungen zum Antritt der Geheimschulung sind nicht solche, die von irgend
jemand durch Willkür festgesetzt werden. Sie ergeben sich aus dem Wesen des
Geheimwissens. Wie ein Mensch nicht Maler werden kann, der keinen Pinsel in die
Hand nehmen Will, so kann niemand eine Geheimschulung empfangen, der nicht
erfüllen will, was die Geheimlehrer als notwendige Forderung angeben. Im Grunde
kann der Geheimlehrer nichts geben als Ratschläge. Und in diesem Sinne ist auch
alles aufzunehmen, was er sagt. Er hat die vorbereitenden Wege zum Erkennen der
höheren Welten durchgemacht. Er weiß aus Erfahrung, was notwendig ist. Es hängt
ganz von dem freien Willen des einzelnen ab, ob er die gleichen Wege wandeln will
oder nicht. Wenn jemand verlangen wollte, daß ihm ein Lehrer eine Geheimschulung
zukommen ließe, ohne die Bedingungen erfüllen zu wollen, so gliche eine
solche Forderung eben durchaus der: lehre mich malen, aber befreie mich davon,
einen Pinsel zu berühren. – Der Geheimlehrer kann auch niemals etwas bieten,
wenn ihm nicht der freie Wille des Aufnehmenden entgegenkommt. Aber es muß
betont werden, daß der allgemeine Wunsch nach höherem Wissen nicht genügt.
Diesen Wunsch werden natürlich viele haben. Wer nur diesen Wunsch hat, ohne auf
die besonderen Bedingungen der Geheimschulung eingehen zu wollen, von dem
kann zunächst nichts erreicht werden. Das sollen diejenigen bedenken, die sich
darüber beklagen, daß die Geheimschulung ihnen nicht leicht wird. Wer die strengen
Bedingungen nicht erfüllen kann oder will, der muß eben vorläufig auf
Geheimschulung verzichten. Zwar sind die Bedingungen streng, aber nicht hart, da
ihre Erfüllung nicht nur eine freie Tat sein soll, sondern sogar sein muß.
Wer das nicht bedenkt, für den können die Forderungen der Geheimschulung leicht
als Seelen- oder Gewissenszwang erscheinen. Denn die Schulung beruht ja auf
einer Ausbildung des inneren Lebens; der Geheimlehrer muß also Ratschläge
erteilen, die sich auf dieses innere Leben beziehen. Aber nichts kann als Zwang
aufgefaßt werden, was als Ausfluß eines freien Entschlusses gefordert wird. – Wenn
jemand von dem Lehrer forderte: teile mir deine Geheimnisse mit, aber lasse mich
bei meinen gewohnten Empfindungen, Gefühlen und Vorstellungen, so verlangt er
eben etwas ganz Unmögliches. Er will dann nichts weiter als die Neugierde, den
Wissenstrieb befriedigen. Bei einer solchen Gesinnung kann aber Geheimwissen nie
erlangt werden.
Es sollen nun der Reihe nach die Bedingungen für den Geheimschüler entwickelt
werden. Es muß betont werden, daß bei keiner dieser Bedingungen eine
vollständige Erfüllung verlangt wird, sondern lediglich das Streben nach einer
solchen Erfüllung. Ganz erfüllen kann die Bedingungen niemand; aber sich auf den
Weg zu ihrer Erfüllung begeben kann jeder. Nur auf den Willen, auf die Gesinnung,
sich auf diesen Weg zu begeben, kommt es an.
Die erste Bedingung ist: man richte sein Augenmerk darauf, die körperliche und
geistige Gesundheit zu fördern. Wie gesund ein Mensch ist, das hängt zunächst
natürlich nicht von ihm ab. Danach trachten, sich nach dieser Richtung zu fördern,
das kann ein jeder. Nur aus einem gesunden Menschen kann gesunde Erkenntnis
kommen. Die Geheimschulung weist einen nicht gesunden Menschen nicht zurück;
aber sie muß verlangen, daß der Schüler den Willen habe, gesund zu leben. –
Darinnen muß der Mensch die möglichste Selbständigkeit erlangen. Die guten
Ratschläge anderer, die – zumeist ungefragt – jedem zukommen, sind in der Regel
ganz überflüssig. Ein jeder muß sich bestreben, selbst auf sich zu achten. –
Vielmehr wird es sich in physischer Beziehung darum handeln, schädliche Einflüsse
abzuhalten, als um anderes. Um unsere Pflichten zu erfüllen, müssen wir uns ja oft
Dinge auferlegen, die unserer Gesundheit nicht förderlich sind. Der Mensch muß
verstehen, im rechten Falle die Pflicht höher zu stellen als die Sorge um die
Gesundheit. Aber was kann nicht alles unterlassen werden bei einigem guten Willen!
Die Pflicht muß in vielen Fällen höher stehen als die Gesundheit, ja oft höher als das
Leben; der Genuß darf es bei dem Geheimschüler nie. Bei ihm kann der Genuß nur
ein Mittel für Gesundheit und Leben sein. Und es ist in dieser Richtung durchaus
notwendig, daß man ganz ehrlich und wahrhaftig gegen sich selbst sei. Nichts nützt
es, ein asketisches Leben zu führen, wenn dieses aus ähnlichen Beweggründen
entspringt wie andere Genüsse. Es kann jemand an dem Asketismus ein
Wohlgefallen haben wie ein anderer am Weintrinken. Er kann aber nicht hoffen, daß
ihm dieser Asketismus etwas zu höherer Erkenntnis nütze. – Viele schieben alles,
was sie scheinbar hindert, sich nach dieser Richtung zu fördern, auf ihre
Lebenslage. Sie sagen: «Bei meinen Lebensverhältnissen kann ich mich nicht
entwickeln.» Es mag für viele in anderer Beziehung wünschenswert sein, ihre
Lebenslage zu ändern; zum Zwecke der Geheimschulung braucht dies kein Mensch
zu tun. Zu diesem Ziele braucht man nur gerade in der Lage, in der man ist, so viel
für seine leibliche und seelische Gesundheit zu tun, als möglich ist. Eine jegliche
Arbeit kann dem Ganzen der Menschheit dienen; und es ist viel größer von der
Menschenseele, sich klarzumachen, wie notwendig eine kleinliche, vielleicht
häßliche Arbeit für dieses Ganze ist, als zu glauben: «Diese Arbeit ist für mich zu
schlecht, ich bin zu anderem berufen.» – Besonders wichtig für den Geheimschüler
ist das Streben nach völliger geistiger Gesundheit. Ungesundes Gemüts- und
Denkleben bringt auf alle Fälle von den Wegen zu höheren Erkenntnissen ab.
Klares, ruhiges Denken, sicheres Empfinden und Fühlen sind hier die Grundlage.
Nichts soll ja dem Geheimschüler ferner liegen als die Neigung zum Phantastischen,
zum aufgeregten Wesen, zur Nervosität, zur Exaltation, zum Fanatismus. Einen
gesunden Blick für alle Verhältnisse des Lebens soll er sich aneignen; sicher soll er
sich im Leben zurechtfinden; ruhig soll er die Dinge zu sich sprechen und auf sich
wirken lassen. Er soll sich bemühen, überall, wo es nötig ist, dem Leben gerecht zu
werden. Alles Überspannte, Einseitige soll in seinem Urteilen und Empfinden
vermieden werden. Würde diese Bedingung nicht erfüllt, so käme der
Geheimschüler statt in höhere Welten in diejenige seiner eigenen Einbildungskraft;
statt der Wahrheit machten sich Lieblingsmeinungen bei ihm geltend. Besser ist es
für den Geheimschüler, «nüchtern» zu sein als exaltiert und phantastisch.
Die zweite Bedingung ist, sich als ein Glied des ganzen Lebens zu fühlen. In der
Erfüllung dieser Bedingung ist viel eingeschlossen. Aber ein jeder kann sie nur auf
seine eigene Art erfüllen. Bin ich Erzieher und mein Zögling entspricht nicht dem,
was ich wünsche, so soll ich mein Gefühl zunächst nicht gegen den Zögling richten,
sondern gegen mich selbst. Ich soll mich so weit als eins mit meinem Zögling fühlen,
daß ich mich frage: «Ist das, was beim Zögling nicht genügt, nicht die Folge meiner
eigenen Tat?» Statt mein Gefühl gegen ihn zu richten, werde ich dann vielmehr
darüber nachdenken, wie ich mich selbst verhalten soll, damit in Zukunft der Zögling
meinen Forderungen besser entsprechen könne. Aus solcher Gesinnungsart heraus
ändert sich allmählich die ganze Denkungsart des Menschen. Das gilt für das
Kleinste wie für das Größte. Ich sehe aus solcher Gesinnung heraus zum Beispiel
einen Verbrecher anders an als ohne dieselbe. Ich halte zurück mit meinem Urteile
und sage mir: «Ich bin nur ein Mensch wie dieser. Die Erziehung, die durch die
Verhältnisse mir geworden ist, hat mich vielleicht allein vor seinem Schicksale
bewahrt.» Ich komme dann wohl auch zu dem Gedanken, daß dieser
Menschenbruder ein anderer geworden wäre, wenn die Lehrer, die ihre Mühe auf
mich verwendet haben, sie hätten ihm angedeihen lassen. Ich werde bedenken, daß
mir etwas zuteil geworden ist, was ihm entzogen war, daß ich mein Gutes gerade
dem Umstand verdanke, daß es ihm entzogen worden ist. Und dann wird mir die
Vorstellung auch nicht mehr ferne liegen, daß ich nur ein Glied in der ganzen
Menschheit bin und mitverantwortlich für alles, was geschieht. Es soll hier nicht
gesagt werden, daß ein solcher Gedanke sich sofort in äußere agitatorische Taten
umsetzen soll. Aber still in der Seele soll er gepflegt werden. Dann wird er sich ganz
allmählich in dem äußeren Verhalten eines Menschen ausprägen. Und in solchen
Dingen kann doch jeder nur bei sich selbst zu reformieren anfangen. Nichts fruchtet
es, im Sinne solcher Gedanken allgemeine Forderungen an die Menschheit zu
stellen. Wie die Menschen sein sollen: darüber ist leicht ein Urteil gebildet; der
Geheimschüler aber arbeitet in der Tiefe, nicht an der Oberfläche. Es wäre daher
ganz unrichtig, wenn man die hier angedeutete Forderung der Geheimlehrer mit
irgendeiner äußerlichen, etwa gar einer politischen Forderung in Verbindung
brächte, mit der die Geistesschulung nichts zu tun haben kann. Politische Agitatoren
«wissen» in der Regel, was von anderen Menschen zu «fordern» ist; von
Forderungen an sich selbst ist bei ihnen weniger die Rede.
Und damit hängt die dritte Bedingung für die Geheimschulung unmittelbar
zusammen. Der Zögling muß sich zu der Anschauung emporringen können, daß
seine Gedanken und Gefühle ebenso Bedeutung für die Welt haben wie seine
Handlungen. Es muß erkannt werden, daß es ebenso verderblich ist, wenn ich
meinen Mitmenschen hasse, wie wenn ich ihn schlage. Dann komme ich auch zu
der Erkenntnis, daß ich nicht nur für mich etwas tue, wenn ich mich selbst
vervollkommene, sondern auch für die Welt. Aus meinen reinen Gefühlen und
Gedanken zieht die Welt ebensolchen Nutzen wie aus meinem Wohlverhalten.
Solange ich nicht glauben kann an diese Weltbedeutung meines Innern, so lange
tauge ich nicht zum Geheimschüler. Erst dann bin ich von dem rechten Glauben an
die Bedeutung meines Inneren, meiner Seele erfüllt, wenn ich an diesem Seelischen
in der Art arbeite, als wenn es zum mindesten ebenso wirklich wäre wie alles
Äußere. Ich muß zugeben, daß mein Gefühl ebenso eine Wirkung hat wie eine
Verrichtung meiner Hand.
Damit ist eigentlich schon die vierte Bedingung ausgesprochen: die Aneignung der
Ansicht, daß des Menschen eigentliche Wesenheit nicht im Äußerlichen, sondern im
Inneren liegt. Wer sich nur als ein Produkt der Außenwelt ansieht, als ein Ergebnis
der physischen Welt, kann es in der Geheimschulung zu nichts bringen. Sich als
seelisch-geistiges Wesen fühlen ist eine Grundlage für solche Schulung. Wer zu
solchem Gefühle vordringt, der ist dann geeignet zu unterscheiden zwischen innerer
Verpflichtung und dem äußeren Erfolge. Er lernt erkennen, daß das eine nicht
unmittelbar an dem anderen gemessen werden kann. Der Geheimschüler muß die
rechte Mitte finden zwischen dem, was die äußeren Bedingungen vorschreiben, und
dem, was er als das Richtige für sein Verhalten erkennt. Er soll nicht seiner
Umgebung etwas aufdrängen, wofür diese kein Verständnis haben kann; aber er soll
auch ganz frei sein von der Sucht, nur das zu tun, was von dieser Umgebung
anerkannt werden kann. Die Anerkennung für seine Wahrheiten muß er einzig und
allein in der Stimme seiner ehrlichen, nach Erkenntnis ringenden Seele suchen.
Aber lernen soll er von seiner Umgebung, soviel er nur irgend kann, um
herauszufinden, was ihr frommt und nützlich ist. So wird er in sich selbst das
entwickeln, was man in der Geheimwissenschaft die «geistige Waage» nennt. Auf
einer ihrer Waageschalen liegt ein «offenes Herz» für die Bedürfnisse der
Außenwelt, auf der anderen «innere Festigkeit und unerschütterliche Ausdauer».
Und damit ist auf die fünfte Bedingung gedeutet: die Standhaftigkeit in der Befolgung
eines einmal gefaßten Entschlusses. Nichts darf den Geheimschüler dazu bringen,
von einem gefaßten Entschluß abzukommen, als lediglich die Einsicht, daß er im
Irrtume befangen ist. Jeder Entschluß ist eine Kraft, und wenn diese Kraft auch nicht
einen unmittelbaren Erfolg da hat, wohin sie zunächst gewandt ist, sie wirkt in ihrer
Weise. Der Erfolg ist nur entscheidend, wenn man eine Handlung aus Begierde
vollbringt. Aber alle Handlungen, die aus Begierde vollbracht werden, sind wertlos
gegenüber der höheren Welt. Hier entscheidet allein die Liebe zu einer Handlung. In
dieser Liebe soll sich ausleben alles, was den Geheimschüler zu einer Handlung
treibt. Dann wird er auch nicht erlahmen, einen Entschluß immer wieder in Tat
umzusetzen, wie oft er ihm auch mißlungen sein mag. Und so kommt er dazu, nicht
erst die äußeren Wirkungen seiner Taten abzuwarten, sondern sich an den
Handlungen selbst zu befriedigen. Er wird lernen, seine Taten, ja sein ganzes
Wesen der Welt zu opfern, wie auch immer diese sein Opfer aufnehmen mag. Zu
solchem Opferdienst muß sich bereit erklären, wer Geheimschüler werden will.
Eine sechste Bedingung ist die Entwicklung des Gefühles der Dankbarkeit
gegenüber allem, was dem Menschen zukommt. Man muß wissen, daß das eigene
Dasein ein Geschenk des ganzen Weltalls ist. Was ist alles notwendig, damit jeder
von uns sein Dasein empfangen und fristen kann! Was verdanken wir der Natur und
anderen Menschen! Zu solchen Gedanken müssen diejenigen geneigt sein, die
Geheimschulung wollen. Wer sich ihnen nicht hingeben kann, der vermag nicht in
sich jene Alliebe zu entwickeln, die notwendig ist, um zu höherer Erkenntnis zu
kommen. Etwas, das ich nicht liebe, kann sich mir nicht offenbaren. Und eine jede
Offenbarung muß mich mit Dank erfüllen, denn ich werde durch sie reicher.
Alle die genannten Bedingungen müssen sich in einer siebenten vereinigen: das
Leben unablässig in dem Sinne aufzufassen, wie es die Bedingungen fordern.
Dadurch schafft sich der Zögling die Möglichkeit, seinem Leben ein einheitliches
Gepräge zu geben. Seine einzelnen Lebensäußerungen werden miteinander im
Einklang, nicht im Widerspruche stehen. Er wird zu der Ruhe vorbereitet sein, zu
welcher er kommen muß während der ersten Schritte in der Geheimschulung.
Hat jemand den ernsten und ehrlichen Willen, die angegebenen Bedingungen zu
erfüllen, dann mag er sich zur Geistesschulung entschließen. Er wird sich dann
bereitfinden, die angeführten Ratschläge zu befolgen. Es mag gar manchem vieles
an diesen Ratschlägen wie etwas Äußerliches erscheinen. Ein solcher wird vielleicht
sagen, er hätte erwartet, daß die Schulung in weniger strengen Formen verlaufen
sollte. Aber alles Innere muß sich in einem Äußeren ausleben. Und ebensowenig,
wie ein Bild schon da ist, wenn es bloß im Kopf des Malers existiert, ebensowenig
kann eine Geheimschulung ohne äußeren Ausdruck sein. Nur diejenigen achten die
strengen Formen gering, welche nicht wissen, daß im Äußeren das Innere zum
Ausdruck kommen muß. Es ist wahr, daß es auf den Geist einer Sache ankommt
und nicht auf die Form. Aber so wie die Form ohne den Geist nichtig ist, so wäre der
Geist tatenlos, wenn er sich nicht eine Form erschüfe.
Die gestellten Bedingungen sind geeignet, den Geheimschüler stark genug zu
machen, um auch die weiteren Forderungen zu erfüllen, welche die Geistesschulung
an ihn stellen muß. Fehlen ihm diese Bedingungen, dann wird er vor jeder neuen
Anforderung mit Bedenken stehen. Er wird ohne sie das Vertrauen nicht zu den
Menschen haben können, das für ihn notwendig ist. Und auf Vertrauen und wahre
Menschenliebe muß alles Wahrheitsstreben gebaut sein. Es muß darauf gebaut
sein, obgleich es nicht daraus entspringen, sondern nur aus der eigenen Seelenkraft
quellen kann. Und die Menschenliebe muß sich allmählich erweitern zur Liebe zu
allen Wesen, ja zu allem Dasein. Wer die genannten Bedingungen nicht erfüllt, wird
auch nicht die volle Liebe zu allem Aufbauen, zu allem Schaffen haben, und die
Neigung, alle Zerstörung, alles Vernichten als solche zu unterlassen. Der
Geheimschüler muß so werden, daß er nie etwas vernichtet um des Vernichtens
willen, nicht in Handlungen, aber auch nicht in Worten, Gefühlen und Gedanken. Für
ihn soll es Freude am Entstehen, am Werden geben; und nur dann darf er die Hand
bieten zu einer Vernichtung, wenn er auch imstande ist, aus und durch die
Vernichtung neues Leben zu fördern. Damit ist nicht gemeint, daß der
Geheimschüler zusehen darf, wie das Schlechte überwuchert; aber er soll sogar am
Schlechten diejenigen Seiten suchen, durch die er es in ein Gutes wandeln kann. Er
wird sich immer klarer darüber, daß die richtigste Bekämpfung des Schlechten und
Unvollkommenen das Schaffen des Guten und Vollkommenen ist. Der
Geheimschüler weiß, daß aus dem Nichts nicht etwas geschaffen werden kann, daß
aber das Unvollkommene in ein Vollkommenes umgewandelt werden kann. Wer in
sich die Neigung zum Schaffen entwickelt, der findet auch bald die Fähigkeit, sich
dem Schlechten gegenüber richtig zu verhalten.
Wer in eine Geheimschulung sich einläßt, muß sich klarmachen, daß durch sie
gebaut und nicht zerstört werden soll. Er soll daher den Willen zur ehrlichen,
hingebungsvollen Arbeit, nicht zur Kritik und zum Zerstören mitbringen. Er soll der
Andacht fähig sein, denn man soll lernen, was man noch nicht weiß. Man soll
andächtig zu dem blicken, was sich erschließt. Arbeit und Andacht: das sind
Grundgefühle, die von dem Geheimschüler gefordert werden müssen. Mancher wird
erfahren müssen, daß er in der Schulung nicht vorwärtskommt, trotzdem er, nach
seiner Ansicht, rastlos tätig ist. Es kommt davon her, daß er die Arbeit und Andacht
nicht im rechten Sinne erfaßt hat. Diejenige Arbeit wird den geringsten Erfolg haben,
die um dieses Erfolges willen unternommen wird, und dasjenige Lernen wird am
wenigsten vorwärtsbringen, das ohne Andacht verläuft. Die Liebe zur Arbeit, nicht
zum Erfolg, bringt allein vorwärts. Und wenn der Lernende gesundes Denken und
sicheres Urteilen sucht, so braucht er sich nicht durch Zweifel und Mißtrauen die
Andacht zu verkümmern.
Man braucht nicht zu sklavischer Abhängigkeit im Urteilen zu kommen, wenn man
einer Mitteilung, die man empfängt, nicht zuerst die eigene Meinung, sondern eine
ruhige Andacht und Hingabe entgegenbringt. Diejenigen, welche in der Erkenntnis
einiges erlangt haben, wissen, daß sie nicht dem eigensinnigen persönlichen Urteile,
sondern dem ruhigen Hinhorchen und Verarbeiten alles verdanken. Man soll stets
im Auge behalten, daß man das nicht mehr zu lernen braucht, was man schon
beurteilen kann. Will man also nur urteilen, so kann man überhaupt nicht mehr
lernen. In der Geheimschulung kommt es aber auf das Lernen an. Man soll da ganz
und gar den Willen haben, ein Lernender zu sein. Kann man etwas nicht verstehen,
dann urteile man lieber gar nicht, als daß man verurteile. Man lasse sich dann das
Verständnis für eine spätere Zeit. – Je höher man die Stufen der Erkenntnis
hinansteigt, desto mehr hat man dieses ruhige, andächtige Hinhorchen nötig. Alles
Erkennen der Wahrheit, alles Leben und Handeln in der Welt des Geistes wird auf
höheren Gebieten subtil, zart im Vergleich mit den Verrichtungen des gewöhnlichen
Verstandes und des Lebens in der physischen Welt. Je mehr sich die Kreise des
Menschen erweitern, desto feiner werden die Verrichtungen, die er vorzunehmen
hat. Weil dies so ist, deshalb kommen die Menschen in bezug auf höhere Gebiete
zu so verschiedenen «Ansichten» und «Standpunkten». Allein, es gibt auch über
höhere Wahrheiten in Wirklichkeit nur eine Meinung. Man kann zu dieser einen
Meinung kommen, wenn man sich durch Arbeit und Andacht dazu erhoben hat, die
Wahrheit wirklich zu schauen. Nur derjenige kann zu einer Ansicht kommen, die von
der einen wahren abweicht, der, nicht genügend vorbereitet, nach seinen
Lieblingsvorstellungen, seinen gewohnten Gedanken und so weiter urteilt. Wie es
nur eine Ansicht über einen mathematischen Lehrsatz gibt, so auch über die Dinge
der höheren Welten. Aber man muß sich erst vorbereiten, um zu einer solchen
«Ansicht» kommen zu können. Wenn man das bedenken wollte, so würden für
niemand die Bedingungen der Geheimlehrer etwas Überraschendes haben. Es ist
durchaus richtig, daß die Wahrheit und das höhere Leben in jeder Menschenseele
wohnen und daß sie ein jeder selbst finden kann und muß. Aber sie liegen tief und
können nur nach Hinwegräumung von Hindernissen aus ihren tiefen Schächten
heraufgeholt werden. Wie man das vollbringt, darüber kann nur raten, wer Erfahrung
in der Geheimwissenschaft hat. Solchen Rat gibt die Geisteswissenschaft. Sie
drängt niemand eine Wahrheit auf, sie verkündet kein Dogma; sie zeigt aber einen
Weg. Zwar könnte jeder – vielleicht aber erst nach vielen Verkörperungen – diesen
Weg auch allein finden; doch ist es eine Verkürzung des Weges, was in der
Geheimschulung erreicht wird. Der Mensch gelangt dadurch früher zu einem
Punkte, auf dem er mitwirken kann in den Welten, wo das Menschenheil und die
Menschenentwicklung durch geistige Arbeit gefördert werden.
Damit sind die Dinge angedeutet, welche zunächst über die Erlangung höherer
Welterfahrung mitgeteilt werden sollen. Im nächsten Kapitel sollen diese
Ausführungen dadurch fortgesetzt werden, daß gezeigt wird, was in den höheren
Gliedern der Menschennatur (im Seelenorganismus oder Astralleib und im Geiste
oder Gedankenleib) vorgeht während dieser Entwickelung. Dadurch werden diese
Mitteilungen in eine neue Beleuchtung gerückt, und es wird in einem tieferen Sinne
in sie eingedrungen werden können.
ÜBER EINIGE WIRKUNGEN DER EINWEIHUNG
Es gehört zu den Grundsätzen wahrer Geheimwissenschaft, daß derjenige, welcher
sich ihr widmet, dies mit vollem Bewußtsein tue. Er soll nichts vornehmen, nicht
üben, wovon er nicht weiß, was es für eine Wirkung hat. Ein Geheimlehrer, der
jemand einen Rat oder eine Anweisung gibt, wird immer zugleich sagen, was durch
die Befolgung in Leib, Seele oder Geist desjenigen eintritt, der nach höherer
Erkenntnis strebt.
Hier sollen nun einige Wirkungen auf die Seele des Geheimschülers angegeben
werden. Erst wer solche Dinge kennt, wie sie hier mitgeteilt werden, kann in vollem
Bewußtsein die Übungen vornehmen, welche zur Erkenntnis übersinnlicher Welten
führen. Und nur ein solcher ist ein echter Geheimschüler. Alles Tappen im dunkeln
ist bei wirklicher Geheimschulung streng verpönt. Wer nicht mit offenen Augen seine
Schulung vollziehen will, mag Medium werden; zum Hellseher im Sinne der
Geheimwissenschaft kann er es nicht bringen.
Bei dem, welcher in diesem Sinne die in den vorhergehenden Abschnitten (über
Erwerbung übersinnlicher Erkenntnisse) beschriebenen Übungen macht, gehen
zunächst gewisse Veränderungen im sogenannten Seelenorganismus vor sich.
Dieser ist nur für den Hellseher wahrnehmbar. Man kann ihn mit einer mehr oder
weniger geistig-seelisch leuchtenden Wolke vergleichen, in deren Mitte der
physische Körper des Menschen sich befindet. [Eine Beschreibung findet man in des
Verfassers «Theosophie».] In diesem Organismus werden die Triebe, Begierden,
Leidenschaften, Vorstellungen und so weiter geistig sichtbar. Sinnliche Begierde
zum Beispiel empfindet man darinnen wie dunkelrötliche Ausstrahlungen von
bestimmter Form. Ein reiner, edler Gedanke findet seinen Ausdruck wie in einer
rötlichvioletten Ausstrahlung. Der scharfe Begriff, den der logische Denker faßt, fühlt
sich wie eine gelbliche Figur mit ganz bestimmten Umrissen. Der verworrene
Gedanke des unklaren Kopfes tritt als Figur mit unbestimmten Umrissen auf. Die
Gedanken der Menschen mit einseitigen, verbohrten Ansichten erscheinen in ihren
Umrissen scharf, unbeweglich, diejenigen solcher Persönlichkeiten, welche
zugänglich für die Ansichten anderer sind, sieht man in beweglichen, sich
wandelnden Umrissen und so weiter, und so weiter. [Man muß bei allen folgenden
Schilderungen darauf achten, daß zum Beispiel beim «Sehen» einer Farbe geistiges Sehen
(Schauen) gemeint ist. Wenn die hellsichtige Erkenntnis davon spricht: «ich sehe rot», so bedeutet
dies: «ich habe im Seelisch-Geistigen ein Erlebnis, welches gleichkommt dem physischen Erlebnis
beim Eindruck der roten Farbe.» Nur weil es der hellsichtigen Erkenntnis in einem solchen Falle ganz
naturgemäß ist, zu sagen: «ich sehe rot», wird dieser Ausdruck angewandt. Wer dies nicht bedenkt,
kann leicht eine Farbenvision mit einem wahrhaft hellsichtigen Erlebnis verwechseln.]
Je weiter nun der Mensch in seiner Seelenentwicklung fortschreitet, desto
regelmäßiger gegliedert wird sein Seelenorganismus. Beim Menschen mit einem
unentwickelten Seelenleben ist er verworren, ungegliedert. Aber auch in einem
solchen ungegliederten Seelenorganismus kann der Hellseher ein Gebilde
wahrnehmen, das sich deutlich von der Umgebung abhebt. Es verläuft vom Innern
des Kopfes bis zur Mitte des physischen Körpers. Es nimmt sich aus wie eine Art
selbständiger Leib, welcher gewisse Organe hat. Diejenigen Organe, die hier
zunächst besprochen werden sollen, werden in der Nähe folgender physischer
Körperteile geistig wahrgenommen: das erste zwischen den Augen, das zweite in
der Nähe des Kehlkopfes, das dritte in der Gegend des Herzens, das vierte liegt in
der Nachbarschaft der sogenannten Magengrube, das fünfte und sechste haben
ihren Sitz im Unterleibe. Diese Gebilde werden von den Geheimkundigen «Räder»
(Chakras) oder auch «Lotusblumen» genannt. Sie heißen so wegen der Ähnlichkeit
mit Rädern oder Blumen; doch muß man sich natürlich klar darüber sein, daß ein
solcher Ausdruck nicht viel zutreffender ist, als wenn man die beiden Lungenteile
«Lungenflügel» nennt. Wie man sich hier klar ist, daß man es nicht mit «Flügeln» zu
tun hat, so muß man auch dort nur an eine vergleichsweise Bezeichnung denken.
Diese «Lotusblumen» sind nun beim unentwickelten Menschen von dunklen Farben
und ruhig, unbewegt. Beim Hellseher aber sind sie in Bewegung und von
leuchtenden Farbenschattierungen. Auch beim Medium ist etwas Ähnliches der Fall,
doch in anderer Art. Darauf soll hier nicht näher eingegangen werden. – Wenn nun
ein Geheimschüler mit seinen Übungen beginnt, so ist das erste, daß sich die
Lotusblumen aufhellen; später beginnen sie sich zu drehen. Wenn dies letztere
eintritt, so beginnt die Fähigkeit des Hellsehens. Denn diese «Blumen» sind die
Sinnesorgane der Seele. [Auch in bezug auf diese Wahrnehmungen des «Drehens», ja der
«Lotusblumen» selbst, gilt, was in der vorigen Anmerkung über das «Sehen der Farben» gesagt
worden ist.] Und ihre Drehung ist der Ausdruck dafür, daß im Übersinnlichen
wahrgenommen wird. Niemand kann etwas Übersinnliches schauen, bevor sich
seine astralen Sinne in dieser Art ausgebildet haben.
Das geistige Sinnesorgan, welches sich in der Nähe des Kehlkopfes befindet, macht
es möglich, hellseherisch die Gedankenart eines anderen Seelenwesens zu
durchschauen, es gestattet auch einen tieferen Einblick in die wahren Gesetze der
Naturerscheinungen. – Das Organ in der Nachbarschaft des Herzens eröffnet eine
hellseherische Erkenntnis der Gesinnungsart anderer Seelen. Wer es ausgebildet
hat, kann auch bestimmte tiefere Kräfte bei Tieren und Pflanzen erkennen. Durch
den Sinn in der Nähe der sogenannten Magengrube erlangt man Kenntnis von den
Fähigkeiten und Talenten der Seelen; man kann durchschauen, welche Rolle Tiere,
Pflanzen, Steine, Metalle, atmosphärische Erscheinungen und so weiter im
Haushalte der Natur spielen.
Das Organ in der Nähe des Kehlkopfes hat sechzehn «Blumenblätter» oder
«Radspeichen», das in der Nähe des Herzens deren zwölf, das in der
Nachbarschaft der Magengrube liegende deren zehn.
Nun hängen gewisse seelische Verrichtungen mit der Ausbildung dieser
Sinnesorgane zusammen. Und wer diese Verrichtungen in einer ganz bestimmten
Weise ausübt, der trägt etwas bei zur Ausbildung der betreffenden geistigen
Sinnesorgane. Von der «sechzehnblätterigen Lotusblume» sind acht Blätter auf
einer früheren Entwicklungsstufe des Menschen in urferner Vergangenheit bereits
ausgebildet gewesen. Zu dieser Ausbildung hat der Mensch selbst nichts
beigetragen. Er hat sie als eine Naturgabe erhalten, als er noch in einem Zustande
traumhaften, dumpfen Bewußtseins war. Auf der damaligen Stufe der
Menschheitsentwicklung waren sie auch in Tätigkeit. Jedoch vertrug sich diese Art
von Tätigkeit eben nur mit jenem dumpfen Bewußtseinszustande. Als dann das
Bewußtsein sich aufhellte, verfinsterten sich die Blätter und stellten ihre Tätigkeit
ein. Die anderen acht kann der Mensch selbst durch bewußte Übungen ausbilden.
Dadurch wird die ganze Lotusblume leuchtend und beweglich. Von der Entwicklung
eines jeden der sechzehn Blätter hängt die Erwerbung gewisser Fähigkeiten ab.
Doch, wie bereits angedeutet, kann der Mensch nur acht davon bewußt entwickeln;
die anderen acht erscheinen dann von selbst.
Die Entwicklung geht in folgender Art vor sich. Der Mensch muß auf gewisse
Seelenvorgänge Aufmerksamkeit und Sorgfalt verwenden, die er gewöhnlich sorglos
und unaufmerksam ausführt. Es gibt acht solche Vorgänge. Der erste ist die Art und
Weise, wie man sich Vorstellungen aneignet. Gewöhnlich überläßt sich in dieser
Beziehung der Mensch ganz dem Zufall. Er hört dies und das, sieht das eine und
das andere und bildet sich danach seine Begriffe. Solange er so verfährt, bleibt
seine sechzehnblätterige Lotusblume ganz unwirksam. Erst wenn er seine
Selbsterziehung nach dieser Richtung in die Hand nimmt, beginnt sie wirksam zu
werden. Er muß zu diesem Zwecke auf seine Vorstellungen achten. Eine jede
Vorstellung soll für ihn Bedeutung gewinnen. Er soll in ihr eine bestimmte Botschaft,
eine Kunde über Dinge der Außenwelt sehen. Und er soll nicht befriedigt sein von
Vorstellungen, die nicht eine solche Bedeutung haben. Er soll sein ganzes
Begriffsleben so lenken, daß es ein treuer Spiegel der Außenwelt wird. Sein Streben
soll dahin gehen, unrichtige Vorstellungen aus seiner Seele zu entfernen. – Der
zweite Seelenvorgang betrifft in einer ähnlichen Richtung die Entschlüsse des
Menschen. Er soll nur aus gegründeter, voller Überlegung selbst zu dem
Unbedeutendsten sich entschließen. Alles gedankenlose Handeln, alles
bedeutungslose Tun soll er von seiner Seele fernhalten. Zu allem soll er
wohlerwogene Gründe haben. Und er soll unterlassen, wozu kein bedeutsamer
Grund drängt. – Der dritte Vorgang bezieht sich auf das Reden. Nur was Sinn und
Bedeutung hat, soll von den Lippen des Geheimschülers kommen. Alles Reden um
des Redens willen bringt ihn von seinem Wege ab. Die gewöhnliche Art der
Unterhaltung, wo wahllos und bunt alles durcheinander geredet wird, soll der
Geheimschüler meiden. Dabei aber soll er sich nicht etwa ausschließen von dem
Verkehr mit seinen Mitmenschen. Gerade im Verkehr soll sein Reden sich zur
Bedeutsamkeit entwickeln. Er steht jedem Rede und Antwort, aber er tut es
gedankenvoll, nach jeder Richtung überlegt. Niemals redet er unbegründet. Er
versucht nicht zuviel und nicht zuwenig Worte zu machen. Der vierte Seelenvorgang
ist die Regelung des äußeren Handelns. Der Geheimschüler versucht sein Handeln
so einzurichten, daß es zu den Handlungen seiner Mitmenschen und zu den
Vorgängen seiner Umgebung stimmt. Er unterläßt Handlungen, welche für andere
störend sind oder die im Widerspruche stehen mit dem, was um ihn herum vorgeht.
Er sucht sein Tun so einzurichten, daß es sich harmonisch eingliedert in seine
Umgebung; in seine Lebenslage und so weiter. Wo er durch etwas anderes
veranlaßt wird zu handeln, da beobachtet er sorgfältig, wie er der Veranlassung am
besten entsprechen könne. Wo er aus sich heraus handelt, da erwägt er die
Wirkungen seiner Handlungsweise auf das deutlichste. – Das fünfte, was hier in
Betracht kommt, liegt in der Einrichtung des ganzen Lebens. Der Geheimschüler
versucht natur-und geistgemäß zu leben. Er überhastet nichts und ist nicht träge.
Übergeschäftigkeit und Lässigkeit liegen ihm gleich ferne. Er sieht das Leben als ein
Mittel der Arbeit an und richtet sich dementsprechend ein. Gesundheitspflege,
Gewohnheiten und so weiter richtet er für sich so ein, daß ein harmonisches Leben
die Folge ist. – Das sechste betrifft das menschliche Streben. Der Geheimschüler
prüft seine Fähigkeiten, sein Können und verhält sich im Sinne solcher
Selbsterkenntnis. Er versucht nichts zu tun, was außerhalb seiner Kräfte liegt; aber
auch nichts zu unterlassen, was innerhalb derselben sich befindet. Anderseits stellt
er sich Ziele, die mit den Idealen, mit den großen Pflichten eines Menschen
zusammenhängen. Er fügt sich nicht bloß gedankenlos als ein Rad ein in das
Menschentriebwerk, sondern er sucht seine Aufgaben zu begreifen, über das
Alltägliche hinauszublicken. Er strebt danach, seine Obliegenheiten immer besser
und vollkommener zu machen. – Das siebente –in seinem Seelenleben betrifft das
Streben, möglichst viel vom Leben zu lernen. Nichts geht an dem Geheimschüler
vorbei, was ihm nicht Anlaß gibt, Erfahrung zu sammeln, die ihm nützlich ist für das
Leben. Hat er etwas unrichtig und unvollkommen verrichtet, so wird das ein Anlaß,
ähnliches später richtig oder vollkommen zu machen. Sieht er andere handeln, so
beobachtet er sie zu einem ähnlichen Ziele. Er versucht, sich einen reichen Schatz
von Erfahrungen zu sammeln und ihn stets sorgfältig zu Rate zu ziehen. Und er tut
nichts, ohne auf Erlebnisse zurückzublicken, die ihm eine Hilfe sein können bei
seinen Entschlüssen und Verrichtungen. – Das achte endlich ist: der Geheimschüler
muß von Zeit zu Zeit Blicke in sein Inneres tun; er muß sich in sich selbst versenken,
sorgsam mit sich zu Rate gehen, seine Lebensgrundsätze bilden und prüfen, seine
Kenntnisse in Gedanken durchlaufen, seine Pflichten erwägen, über den Inhalt und
Zweck des Lebens nachdenken und so weiter. Alle diese Dinge sind ja in den
vorhergehenden Abschnitten schon besprochen worden. Hier werden sie nur
aufgezählt im Hin6lick auf die Entwicklung der sechzehnblätterigen Lotusblume.
Durch ihre Übung wird diese immer vollkommener und vollkommener. Denn von
solchen Übungen hängt die Ausbildung der Hellsehergabe ab. Je mehr zum Beispiel
dasjenige, was ein Mensch denkt und redet, mit den Vorgängen in der Außenwelt
zusammenstimmt, desto schneller entwickelt sich diese Gabe. Wer Unwahres denkt
oder redet, tötet etwas in dem Keime der sechzehnblätterigen Lotusblume.
Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit sind in dieser Beziehung aufbauende,
Lügenhaftigkeit, Falschheit, Unredlichkeit sind zerstörende Kräfte. Und der
Geheimschüler muß wissen, daß es hierbei nicht allein auf die «gute Absicht»,
sondern auf die wirkliche Tat ankommt. Denke und sage ich etwas, was mit der
Wirklichkeit nicht übereinstimmt, so zerstöre ich etwas in meinem geistigen
Sinnesorgan, auch wenn ich dabei eine noch so gute Absicht zu haben glaube. Es
ist wie mit dem Kinde, das sich verbrennt, wenn es ins Feuer greift, auch wenn dies
aus Unwissenheit geschieht. – Die Einrichtung der besprochenen Seelenvorgänge
in der charakterisierten Richtung läßt die sechzehnblätterige Lotusblume in
herrlichen Farben erstrahlen und gibt ihr eine gesetzmäßige Bewegung. – Doch ist
dabei zu beachten, daß die gekennzeichnete Hellsehergabe nicht früher auftreten
kann, als ein bestimmter Grad von Ausbildung der Seele erlangt ist. Solange es
noch Mühe macht, das Leben in dieser Richtung zu führen, so lange zeigt sich diese
Gabe nicht. Solange man auf die geschilderten Vorgänge noch besonders achten
muß, ist man nicht reif. Erst wenn man es so weit gebracht hat, daß man in der
angegebenen Art lebt, wie es der Mensch sonst gewohnheitsmäßig tut, dann zeigen
sich die ersten Spuren des Hellsehens. Die Dinge dürfen dann nicht mehr mühevoll
sein, sondern müssen selbstverständliche Lebensart geworden sein. Man darf nicht
nötig haben, sich fortwährend zu beobachten, sich anzutreiben, daß man so lebe.
Alles muß Gewohnheit geworden sein. – Es gibt gewisse Anweisungen, welche die
sechzehnblätterige Lotusblume auf andere Art zur Entfaltung bringen. Alle solchen
Anweisungen verwirft die wahre Geheimwissenschaft. Denn sie führen zur
Zerstörung der leiblichen Gesundheit und zum moralischen Verderben. Sie sind
leichter durchzuführen als das Geschilderte. Dieses ist langwierig und mühevoll.
Aber es führt zu sicherem Ziele und kann nur moralisch kräftigen.
Die verzerrte Ausbildung einer Lotusblume hat nicht nur Illusionen und
phantastische Vorstellungen im Fall des Auftretens einer gewissen Hellsehergabe
zur Folge, sondern auch Verirrungen und Haltlosigkeit im gewöhnlichen Leben. Man
kann durch eine solche Ausbildung furchtsam, neidisch, eitel, hochfahrend,
eigenwillig und so weiter werden, während man vorher alle diese Eigenschaften
nicht hatte. – Es ist gesagt worden, daß acht von den Blättern der
sechzehnblätterigen Lotusblume bereits in urferner Vergangenheit entwickelt waren
und daß diese bei der Geheimschulung von selbst wieder auftreten. Es muß nun bei
der Bestrebung des Geheimschülers alle Sorgfalt auf die acht anderen Blätter
verwendet werden. Bei verkehrter Schulung treten leicht die früher entwickelten
allein auf und die neu zu bildenden bleiben verkümmert. Dies wird insbesondere der
Fall sein, wenn bei der Schulung zu wenig auf logisches, vernünftiges Denken
gesehen wird. Es ist von der allergrößten Wichtigkeit, daß der Geheimschüler ein
verständiger, auf klares Denken haltender Mensch ist. Und von weiterer Wichtigkeit
ist, daß er sich der größten Klarheit befleißigt im Sprechen. Menschen, die anfangen
etwas vom Übersinnlichen zu ahnen, werden gern über diese Dinge gesprächig.
Dadurch halten sie ihre richtige Entwicklung auf. Je weniger man über diese Dinge
redet, desto besser ist es. Erst wer bis zu einem gewissen Grade der Klarheit
gekommen ist, sollte reden.
Im Beginne des Unterrichts sind Geheimschüler in der Regel erstaunt, wie wenig
«neugierig» der schon geistig Geschulte ist gegenüber den Mitteilungen ihrer
Erlebnisse. Am heilsamsten für sie wäre es eben, wenn sie sich über ihre Erlebnisse
ganz ausschweigen und weiter nichts besprechen wollten, als wie gut oder wie
schlecht es ihnen gelingt, ihre Übungen durchzuführen oder die Anweisungen zu
befolgen. Denn der schon geistig Geschulte hat ganz andere Quellen zur
Beurteilung der Fortschritte als ihre direkten Mitteilungen. Die acht in Frage
kommenden Blätter der sechzehnblätterigen Lotusblume werden durch solche
Mitteilungen immer etwas verhärtet, während sie weich und biegsam erhalten
werden sollten. Es soll ein Beispiel angeführt werden, um das zu erläutern. Dies
möge nicht vom übersinnlichen, sondern der Deutlichkeit halber vom gewöhnlichen
Leben hergenommen werden. Angenommen, ich höre eine Nachricht und bilde mir
darüber sogleich ein Urteil. In einer kurzen Zeit darauf bekomme ich über dieselbe
Sache eine weitere Nachricht, die mit der ersteren nicht stimmt. Ich bin dadurch
genötigt, das schon gebildete Urteil umzubilden. Die Folge davon ist ein ungünstiger
Einfluß auf meine sechzehnblätterige Lotusblume. Ganz anders wäre die Sache,
wenn ich zuerst mit meinem Urteil zurückhaltend gewesen wäre, wenn ich zu der
ganzen Angelegenheit innerlich in Gedanken und äußerlich in Worten
«geschwiegen» hätte, bis ich ganz sichere Anhaltspunkte für mein Urteil gehabt
hätte. Behutsamkeit im Bilden und Aussprechen von Urteilen wird allmählich zum
besonderen Kennzeichen des Geheimschülers. Dagegen wächst seine
Empfänglichkeit für Eindrücke und Erfahrungen, die er schweigsam an sich
vorüberziehen läßt, um möglichst viele Anhaltspunkte sich zu schaffen, wenn er zu
urteilen hat. Es sind bläulich-rötliche und rosenrote Nuancen in den
Lotusblumenblättern, die durch solche Behutsamkeit auftreten, während im anderen
Falle dunkelrote und orangefarbige Nuancen auftreten. In einer ähnlichen Art wie die
sechzehnblättrige [Der Kundige wird in den Bedingungen für die Entwickelung der
sechzehnblätterigen Lotusblume» wiedererkennen die Anweisungen, welche der Buddha seinen
Jüngern für den «Pfad» gegeben hat. Doch handelt es sich hier nicht darum, «Buddhismus» zu
lehren, sondern Entwickelungsbedingungen zu schildern, die aus der Geheimwissenschaft selbst sich
ergeben. Daß sie mit gewissen Lehren des Buddha übereinstimmen, kann nicht hindern, sie an sich
für wahr zu finden.] wird auch die zwölfblätterige Lotusblume, in der Nähe des Herzens,
gestaltet. Auch von ihr war die Hälfte der Blätter in einem vergangenen
Entwicklungszustande des Menschen bereits vorhanden und in Tätigkeit. Diese
sechs Blätter brauchen daher bei der Geheimschulung nicht besonders ausgebildet
zu werden; sie erscheinen von selbst und beginnen sich zu drehen, wenn an den
anderen sechs gearbeitet wird. – Wieder muß, um diese Entwicklung zu fördern, der
Mensch gewissen Seelentätigkeiten in bewußter Weise eine bestimmte Richtung
geben.
Man muß sich nun klarmachen, daß die Wahrnehmungen der einzelnen geistigen
oder Seelensinne einen verschiedenen Charakter tragen. Die Lotusblume mit zwölf
Blättern vermittelt eine andere Wahrnehmung als die sechzehnblätterige. Diese
letztere nimmt Gestalten wahr. Die Gedankenart, die eine Seele hat, die Gesetze,
nach denen eine Naturerscheinung sich vollzieht, treten für die sechzehnblätterige
Lotusblume in Gestalten auf. Das sind aber nicht starre, ruhige Gestalten, sondern
bewegte, mit Leben erfüllte Formen. Der Hellseher, bei dem sich dieser Sinn
entwickelt hat, kann für jede Gedankenart, für jedes Naturgesetz eine Form nennen,
in denen sie sich ausprägen. Ein Rachegedanke zum Beispiel kleidet sich in eine
pfeilartige, zackige Figur, ein wohlwollender Gedanke hat oft die Gestalt einer sich
öffnenden Blume und so weiter. Bestimmte, bedeutungsvolle Gedanken sind
regelmäßig, symmetrisch gebildet, unklare Begriffe haben gekräuselte Umrisse. –
Ganz andere Wahrnehmungen treten durch die zwölfblätterige Lotusblume zutage.
Man kann die Art dieser Wahrnehmungen annähernd charakterisieren, wenn man
sie als Seelenwärme und Seelenkälte bezeichnet. Ein mit diesem Sinn
ausgestatteter Hellseher fühlt von den Figuren, die er durch die sechzehnblätterige
Lotusblume wahrnimmt, solche Seelenwärme oder Seelenkälte ausströmen. Man
stelle sich einmal vor, ein Hellseher hätte nur die sechzehnblätterige, nicht aber die
zwölfblätterige Lotusblume entwickelt. Dann würde er bei einem wohlwollenden
Gedanken nur die oben beschriebene Figur sehen. Ein anderer, der beide Sinne
ausgebildet hat, bemerkt auch noch diejenige Ausströmung dieses Gedankens, die
man eben nur mit Seelenwärme bezeichnen kann. – Nur nebenbei soll bemerkt
werden, daß in der Geheimschulung nie der eine Sinn ohne den anderen
ausgebildet wird, so daß das obige nur als eine Annahme zur Verdeutlichung
anzusehen ist. – Dem Hellseher eröffnet sich durch die Ausbildung der
zwölfblätterigen Lotusblume auch ein tiefes Verständnis für Naturvorgänge. Alles,
was auf ein Wachsen, Entwickeln begründet ist, strömt Seelenwärme aus; alles, was
in Vergehen, Zerstörung, Untergang begriffen ist, tritt mit dem Charakter der
Seelenkälte auf.
Die Ausbildung dieses Sinnes wird auf folgende Art gefördert. Das erste, was in
dieser Beziehung der Geheimschüler beobachtet, ist die Regelung seines
Gedankenlaufes (die sogenannte Gedankenkontrolle). So wie die
sechzehnblätterige Lotusblume durch wahre bedeutungsvolle Gedanken zur
Entwicklung kommt, so die zwölfblätterige durch innere Beherrschung des
Gedankenverlaufes. Irrlichtelierende Gedanken, die nicht in sinngemäßer, logischer
Weise, sondern rein zufällig aneinandergefügt sind, verderben die Form dieser
Lotusblume. Je mehr ein Gedanke aus dem anderen folgt, je mehr allem
Unlogischen aus dem Wege gegangen wird, desto mehr erhält dieses Sinnesorgan
die ihm entsprechende Form. Hört der Geheimschüler unlogische Gedanken, so läßt
er sich sogleich das Richtige durch den Kopf gehen. Er soll nicht lieblos sich einer
vielleicht unlogischen Umgebung entziehen, um seine Entwicklung zu fördern. Er
soll auch nicht den Drang in sich fühlen, alles Unlogische in seiner Umgebung sofort
zu korrigieren. Er wird vielmehr ganz still in seinem Innern die von außen auf ihn
einstürmenden Gedanken in eine logische, sinngemäße Richtung bringen. Und er
bestrebt sich, in seinen eigenen Gedanken überall diese Richtung einzuhalten. – Ein
zweites ist, eine ebensolche Folgerichtigkeit in sein Handeln zu bringen (Kontrolle
der Handlungen). Alle Unbeständigkeit, Disharmonie im Handeln gereichen der in
Rede stehenden Lotusblume zum Verderben. Wenn der Geheimschüler etwas getan
hat, so richtet er sein folgendes Handeln danach ein, daß es in logischer Art aus
dem ersten folgt. Wer heute im anderen Sinn handelt als gestern, wird nie den
charakterisierten Sinn entwickeln. – Das dritte ist die Erziehung zur Ausdauer. Der
Geheimschüler läßt sich nicht durch diese oder jene Einflüsse von einem Ziel
abbringen, das er sich gesteckt hat, solange er dieses Ziel als ein richtiges ansehen
kann. Hindernisse sind für ihn eine Aufforderung, sie zu überwinden, aber keine
Abhaltungsgründe. – Das vierte ist die Duldsamkeit (Toleranz) gegenüber
Menschen, anderen Wesen und auch Tatsachen. Der Geheimschüler unterdrückt
alle überflüssige Kritik gegenüber dem Unvollkommenen, Bösen und Schlechten
und sucht vielmehr alles zu begreifen, was an ihn herantritt. Wie die Sonne ihr Licht
nicht dem Schlechten und Bösen entzieht, so er nicht seine verständnisvolle
Anteilnahme. Begegnet dem Geheimschüler irgendein Ungemach, so ergeht er sich
nicht in abfälligen Urteilen, sondern er nimmt das Notwendige hin und sucht, soweit
seine Kraft reicht, die Sache zum Guten zu wenden. Andere Meinungen betrachtet
er nicht nur von seinem Standpunkte aus, sondern er sucht sich in die Lage des
anderen zu versetzen. – Das fünfte ist die Unbefangenheit gegenüber den
Erscheinungen des Lebens. Man spricht in dieser Beziehung auch von dem
«Glauben» oder «Vertrauen». Der Geheimschüler tritt jedem Menschen, jedem
Wesen mit diesem Vertrauen entgegen. Und er erfüllt sich bei seinen Handlungen
mit solchem Vertrauen. Er sagt sich nie, wenn ihm etwas mitgeteilt wird: das glaube
ich nicht, weil es meiner bisherigen Meinung widerspricht. Er ist vielmehr in jedem
Augenblicke bereit, seine Meinung und Ansicht an einer neuen zu prüfen und zu
berichtigen. Er bleibt immer empfänglich für alles, was an ihn herantritt. Und er
vertraut auf die Wirksamkeit dessen, was er unternimmt. Zaghaftigkeit und
Zweifelsucht verbannt er aus seinem Wesen. Hat er eine Absicht, so hat er auch
den Glauben an die Kraft dieser Absicht. Hundert Mißerfolge können ihm diesen
Glauben nicht nehmen. Es ist dies jener «Glaube, der Berge zu versetzen vermag».
– Das sechste ist die Erwerbung eines gewissen Lebensgleichgewichtes
(Gleichmutes). Der Geheimschüler strebt an, seine gleichmäßige Stimmung zu
erhalten, ob ihn Leid, ob ihn Erfreuliches trifft. Das Schwanken zwischen
«himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt» gewöhnt er sich ab. Das Unglück, die
Gefahr finden ihn ebenso gewappnet wie das Glück, die Förderung.
Die Leser von geisteswissenschaftlichen Schriften finden das Geschilderte als die
sogenannten «sechs Eigenschaften» aufgezählt, welche der bei sich entwickeln
muß, der die Einweihung anstrebt. Hier sollte ihr Zusammenhang mit dem
seelischen Sinne dargelegt werden, welcher die zwölfblätterige Lotusblume genannt
wird. – Die Geheimschulung vermag wieder besondere Anweisungen zu geben,
welche diese Lotusblume zum Reifen bringen, aber auch hier hängt die Ausbildung
der regelmäßigen Form dieses Sinnesorganes an der Entwicklung der aufgezählten
Eigenschaften. Wird diese Entwicklung außer acht gelassen, dann gestaltet sich
dieses Organ zu einem Zerrbilde. Und es können dadurch bei Ausbildung einer
gewissen Hellsehergabe in dieser Richtung die genannten Eigenschaften sich statt
zum Guten zum Schlechten wenden. Der Mensch kann besonders unduldsam,
zaghaft, ablehnend gegen seine Umgebung werden. Er kann zum Beispiel eine
Empfindung erhalten für Gesinnungen anderer Seelen und diese deswegen fliehen
oder hassen. Es kann so weit kommen, daß er wegen der Seelenkälte, die ihn bei
Ansichten überströmt, welche ihm widerstreben, gar nicht zuhören kann oder in
abstoßender Art sich gebärdet.
Kommt zu allem Gesagten noch die Beobachtung gewisser Vorschriften hinzu,
welche Geheimschüler von Geheimlehrern nur mündlich empfangen können, so tritt
eine entsprechende Beschleunigung in der Entwicklung der Lotusblume ein. Doch
führen die hier gegebenen Anweisungen durchaus in die wirkliche Geheimschulung
ein. Nützlich aber ist auch für den, der nicht eine Geheimschulung durchmachen will
oder kann, die Einrichtung des Lebens in der angegebenen Richtung. Denn die
Wirkung auf den Seelenorganismus tritt auf alle Fälle ein, wenn auch langsam. Und
für den Geheimschüler ist die Beobachtung dieser Grundsätze unerläßlich. – Würde
er eine Geheimschulung versuchen, ohne sie einzuhalten, so könnte er nur mit
mangelhaftem Gedankenauge in die höheren Welten eintreten; und statt die
Wahrheit zu erkennen, würde er dann nur Täuschungen und Illusionen unterworfen
sein. Er würde in einer gewissen Beziehung hellsehend werden; aber im Grunde nur
größerer Blindheit unterliegen als vorher. Denn ehedem stand er wenigstens
innerhalb der Sinnenwelt fest und hatte an ihr einen bestimmten Halt; jetzt aber sieht
er hinter die Sinnenwelt und wird an dieser irre, bevor er sicher in einer höheren
Welt steht. Er kann dann vielleicht überhaupt nicht mehr Wahrheit von Irrtum
unterscheiden und verliert alle Richtung im Leben. –Gerade aus diesem Grunde ist
Geduld so nötig in diesen Dingen. Man muß immer bedenken, daß die
Geisteswissenschaft nicht weiter mit ihren Anweisungen gehen darf, als volle
Willigkeit zu einer geregelten Entwicklung der «Lotusblumen» vorliegt. Es würden
sich wahre Zerrbilder dieser Blumen entwickeln, wenn sie zur Reife gebracht
würden, bevor sie in ruhiger Weise die ihnen zukommende Form erlangt haben.
Denn die speziellen Anweisungen der Geisteswissenschaft bewirken das
Reifwerden, die Form aber wird durch die geschilderte Lebensart ihnen gegeben.
Von besonders feiner Art ist die Seelenpflege, die zur Entwicklung der
zehnblätterigen Lotusblume notwendig ist. Denn hier handelt es sich darum, die
Sinneseindrücke selbst in bewußter Weise beherrschen zu lernen Für den
angehenden Hellseher ist das ganz besonders nötig. Nur dadurch vermag er einen
Quell zahlloser Illusionen und geistiger Willkürlichkeiten zu vermeiden. Der Mensch
macht sich gewöhnlich gar nicht klar, von welchen Dingen seine Einfälle, seine
Erinnerungen beherrscht sind und wodurch sie hervorgerufen werden. Man nehme
folgenden Fall an. Jemand fährt in der Eisenbahn. Er ist mit einem Gedanken
beschäftigt. Plötzlich nimmt sein Gedanke eine ganz andere Wendung. Er erinnert
sich an ein Erlebnis, das er vor Jahren gehabt hat, und verspinnt es mit seinen
gegenwärtigen Gedanken. Er hat nun aber gar nicht bemerkt, daß sein Auge zum
Fenster hinausgerichtet und der Blick auf eine Person gerichtet war, welche
Ähnlichkeit hatte mit einer anderen, die in das erinnerte Erlebnis hineinverwickelt
war. Was er gesehen hat, kommt ihm gar nicht zum Bewußtsein, sondern nur die
Wirkung. So glaubt er, daß ihm die Sache «von selbst eingefallen» sei. Wieviel im
Leben kommt nicht auf solche Art zustande. Wie spielen in unser Leben Dinge
hinein, die wir erfahren und gelesen haben, ohne daß man sich den Zusammenhang
ins Bewußtsein bringt. Jemand kann zum Beispiel eine bestimmte Farbe nicht
leiden; er weiß aber gar nicht, daß dies deshalb der Fall ist, weil der Lehrer, der ihn
vor vielen Jahren gequält hat, einen Rock in dieser Farbe gehabt hat. Unzählige
Illusionen beruhen auf solchen Zusammenhängen. Viele Dinge prägen sich der
Seele ein, ohne daß sie auch dem Bewußtsein einverleibt werden. Es kann
folgender Fall vorkommen. Jemand liest in der Zeitung von dem Tode einer
bekannten Persönlichkeit. Und nun behauptet er ganz fest, er habe diesen Todesfall
schon «gestern» vorausgeahnt, obgleich er nichts gehört und gesehen habe, was
ihn auf diesen Gedanken hätte bringen können. Und es ist wahr, wie «von selbst» ist
ihm «gestern» der Gedanke aufgetaucht: die betreffende Person werde sterben. Er
hat nur eines nicht beachtet. Er ist ein paar Stunden, bevor ihm «gestern» der
Gedanke aufgestoßen ist, bei einem Bekannten zu Besuch gewesen. Auf dem Tisch
lag ein Zeitungsblatt. Er hat darin nicht gelesen. Aber unbewußt fiel doch sein Auge
auf die Nachricht von der schweren Erkrankung der in Rede stehenden
Persönlichkeit. Des Eindruckes ist er sich nicht bewußt geworden. Aber die Wirkung
war die «Ahnung». – Wenn man sich solche Dinge überlegt, so kann man
ermessen, was für eine Quelle von Illusionen und Phantastereien in solchen
Verhältnissen liegt. Und diese Quelle muß derjenige verstopfen, der seine
zehnblätterige Lotusblume ausbilden will. Denn durch diese Lotusblume kann man
tief verborgene Eigenschaften an Seelen wahrnehmen. Aber Wahrheit ist diesen
Wahrnehmungen nur dann beizumessen, wenn man von den gekennzeichneten
Täuschungen ganz frei geworden ist. Es ist zu diesem Zwecke notwendig, daß man
sich zum Herrn über das macht, was von der Außenwelt auf einen einwirkt. Man
muß es dahin bringen, daß Eindrücke, die man nicht empfangen will, man auch
wirklich nicht empfängt. Solch eine Fähigkeit kann nur durch ein starkes Innenleben
herangezogen werden. Man muß es in den Willen bekommen, daß man nur die
Dinge auf sich wirken läßt, auf die man die Aufmerksamkeit wendet, und daß man
sich Eindrücken wirklich entzieht, an die man sich nicht willkürlich wendet. Was man
sieht, muß man sehen wollen, und worauf man keine Aufmerksamkeit wendet, muß
tatsächlich für einen nicht da sein. Je lebhafter, energischer die innere Arbeit der
Seele wird, desto mehr wird man das erreichen. – Der Geheimschüler muß alles
gedankenlose Herumschauen und Herumhören vermeiden. Für ihn soll nur da sein,
worauf er Ohr und Auge richtet. Er muß sich darin üben, daß er im größten Trubel
nichts zu hören braucht, wenn er nicht hören will; er soll sein Auge unempfänglich
machen für Dinge, auf die er nicht besonders hinschaut. Wie mit einem seelischen
Panzer muß er umgeben sein für alle unbewußten Eindrücke. – Besonders auf das
Gedankenleben selbst muß er nach dieser Richtung hin Sorgfalt verwenden. Er
setzt sich einen Gedanken vor, und er versucht nur das weiterzudenken, was er
ganz bewußt, in völliger Freiheit, an diesen Gedanken angliedern kann. Beliebige
Einfälle weist er ab. Will er den Gedanken mit irgendeinem andern in Beziehung
setzen, so besinnt er sich sorgfältig, wo dieser andere an ihn herangetreten ist. – Er
geht noch weiter. Wenn er zum Beispiel eine bestimmte Antipathie gegen irgend
etwas hat, so bekämpft er sie und sucht eine bewußte Beziehung zu dem
betreffenden Dinge herzustellen. Auf diese Art mischen sich immer weniger
unbewußte Elemente in sein Seelenleben hinein. Nur durch solche strenge
Selbstzucht erlangt die zehnblätterige Lotusblume die Gestalt, die sie haben sollte.
Das Seelenleben des Geheimschülers muß ein Leben in Aufmerksamkeit werden,
und worauf man keine Aufmerksamkeit verwenden will oder soll, das muß man sich
wirklich fernzuhalten wissen. – Tritt zu einer solchen Selbstzucht eine Meditation,
welche den Anweisungen der Geisteswissenschaft entspricht, dann kommt die in
der Gegend der Magengrube befindliche Lotusblume in der richtigen Weise zum
Reifen, und das, was durch die vorher geschilderten geistigen Sinnesorgane nur
Form und Wärme hatte, erhält geistig Licht und Farbe. Und dadurch enthüllen sich
zum Beispiel Talente und Fähigkeiten von Seelen, Kräfte und verborgene
Eigenschaften in der Natur. Die Farbenaura der belebten Wesen wird dadurch
sichtbar; das, was um uns ist, kündigt dadurch seine seelenhaften Eigenschaften an.
– Man wird zugeben, daß gerade in der Entwickelung auf diesem Gebiete die
allergrößte Sorgfalt notwendig ist, denn das Spiel unbewußter Erinnerungen ist hier
ein unermeßlich reges. Wäre das nicht der Fall, so würden viele Menschen gerade
den hier in Frage kommenden Sinn haben, denn er tritt fast sogleich auf, wenn der
Mensch wirklich die Eindrücke seiner Sinne ganz und gar so in seiner Gewalt hat,
daß sie nur mehr seiner Aufmerksamkeit oder Unaufmerksamkeit unterworfen sind.
Nur solange die Macht der äußeren Sinne diesen seelischen Sinn in Dämpfung und
Dumpfheit erhält, bleibt er unwirksam.
Schwieriger als die Ausbildung der beschriebenen Lotusblume ist diejenige der
sechsblätterigen, welche sich in der Körpermitte befindet. Denn zu dieser
Ausbildung muß die vollkommene Beherrschung des ganzen Menschen durch das
Selbstbewußtsein angestrebt werden, so daß bei ihm Leib, Seele und Geist in einer
vollkommenen Harmonie sind. Die Verrichtungen des Leibes, die Neigungen und
Leidenschaften der Seele, die Gedanken und Ideen des Geistes müssen in einen
vollkommenen Einklang miteinander gebracht werden. Der Leib muß so veredelt
und geläutert werden, daß seine Organe zu nichts drängen, was nicht im Dienste
der Seele und des Geistes geschieht. Die Seele soll durch den Leib nicht zu
Begierden und Leidenschaften gedrängt werden, die einem reinen und edlen
Denken widersprechen. Der Geist aber soll nicht wie ein Sklavenhalter mit seinen
Pflichtgeboten und Gesetzen über die Seele herrschen müssen; sondern diese soll
aus eigener freier Neigung den Pflichten und Geboten folgen. Nicht wie etwas, dem
er sich widerwillig fügt, soll die Pflicht über dem Geheimschüler schweben, sondern
wie etwas, das er vollführt, weil er es liebt. Eine freie Seele, die im Gleichgewichte
zwischen Sinnlichkeit und Geistigkeit steht, muß der Geheimschüler entwickeln. Er
muß es dahin bringen, daß er sich seiner Sinnlichkeit überlassen darf, weil diese so
geläutert ist, daß sie die Macht verloren hat, ihn zu sich herabzuziehen. Er soll es
nicht mehr nötig haben, seine Leidenschaften zu zügeln, weil diese von selbst dem
Rechten folgen. Solange der Mensch es nötig hat, sich zu kasteien, kann er nicht
Geheimschüler auf einer gewissen Stufe sein. Eine Tugend, zu der man sich erst
zwingen muß, ist für die Geheimschülerschaft noch wertlos. Solange man eine
Begierde noch hat, stört diese die Schülerschaft, auch wenn man sich bemüht, ihr
nicht zu willfahren. Und es ist einerlei, ob diese Begierde mehr dem Leibe oder mehr
der Seele angehört. Wenn jemand zum Beispiel ein bestimmtes Reizmittel
vermeidet, um durch die Entziehung des Genusses sich zu läutern, so hilft ihm dies
nur dann, wenn sein Leib durch diese Enthaltung keine Beschwerden erleidet. Ist
letzteres der Fall, so zeigt es, daß der Leib das Reizmittel begehrt, und die
Enthaltung ist wertlos. In diesem Falle kann es eben durchaus sein, daß der Mensch
zunächst auf das angestrebte Ziel verzichten muß und warten, bis günstigere
sinnliche Verhältnisse – vielleicht erst in einem anderen Leben – für ihn vorliegen.
Ein vernünftiger Verzicht ist in einer gewissen Lage eine viel größere Errungenschaft
als das Erstreben einer Sache, die unter gegebenen Verhältnissen eben nicht zu
erreichen ist. Ja, es fördert solch ein vernünftiger Verzicht die Entwickelung mehr als
das Entgegengesetzte.
Wer die sechsblätterige Lotusblume entwickelt hat, der gelangt zum Verkehr mit
Wesen, die den höheren Welten angehören, jedoch nur dann, wenn deren Dasein
sich in der Seelenwelt zeigt. Die Geheimschulung empfiehlt aber nicht eine
Entwicklung dieser Lotusblume, bevor der Schüler nicht auf dem Wege weit
vorgeschritten ist, durch den er seinen Geist in eine noch höhere Welt erheben
kann. Dieser Eintritt in die eigentliche Geisteswelt muß nämlich immer die
Ausbildung der Lotusblumen begleiten. Sonst gerät der Schüler in Verwirrung und
Unsicherheit. Er würde zwar sehen lernen, aber es fehlte ihm die Fähigkeit, das
Gesehene in der richtigen Weise zu beurteilen. – Nun liegt schon in dem, was zur
Ausbildung der sechsblätterigen Lotusblume verlangt wird, eine gewisse Bürgschaft
gegen Verwirrung und Haltlosigkeit. Denn nicht leicht wird jemand in diese
Verwirrung zu bringen sein, der das vollkommene Gleichgewicht zwischen
Sinnlichkeit (Leib), Leidenschaft (Seele) und Idee (Geist) erlangt hat. Dennoch ist
noch mehr notwendig als diese Bürgschaft, wenn durch Entwicklung der
sechsblätterigen Lotusblume dem Menschen Wesen mit Leben und Selbständigkeit
wahrnehmbar werden, welche einer Welt angehören, die von derjenigen seiner
physischen Sinne so durchaus verschieden ist. Um Sicherheit in diesen Welten zu
haben, genügt ihm nicht das Ausbilden der Lotusblumen, sondern er muß da noch
höhere Organe zu seiner Verfügung haben. Es soll nun über die Entwicklung dieser
noch höheren Organe gesprochen werden; dann kann auch von den anderen
Lotusblumen und der anderweitigen Organisation des Seelenleibes [Es ist
selbstverständlich, daß, dem Wortsinne nach, der Ausdruck «Seelenleib» (wie mancher ähnliche der
Geisteswissenschaft) einen Widerspruch enthält. Doch wird dieser Ausdruck gebraucht, weil das
hellseherische Erkennen etwas wahrnimmt, was so im Geistigen erlebt wird, wie im Physischen der
Leib wahrgenommen wird.] die Rede sein.
*
Die Ausbildung des Seelenleibes, wie sie eben geschildert worden ist, macht dem
Menschen möglich, übersinnliche Erscheinungen wahrzunehmen. Wer sich aber in
dieser Welt wirklich zurechtfinden will, der darf nicht auf dieser Stufe der
Entwicklung stehenbleiben. Die bloße Beweglichkeit der Lotusblumen genügt nicht.
Der Mensch muß in der Lage sein, die Bewegung seiner geistigen Organe
selbständig, mit vollem Bewußtsein zu regeln und zu beherrschen. Er würde sonst
ein Spielball äußerlicher Kräfte und Mächte werden. Soll er das nicht werden, so
muß er sich die Fähigkeit erwerben, das sogenannte «innere Wort» zu vernehmen.
Um dazu zu kommen, muß nicht nur der Seelenleib, sondern auch der Ätherleib
entwickelt werden. Es ist dies jener feine Leib, der sich für den Hellseher als eine Art
Doppelgänger des physischen Körpers zeigt. Er ist gewissermaßen eine
Zwischenstufe zwischen diesem Körper und dem Seelenleib. [Man vergleiche zu dieser
Darstellung die Schilderung in des Verfassers «Theosophie».] Ist man mit hellseherischen
Fähigkeiten begabt, so kann man sich mit vollem Bewußtsein den physischen
Körper eines Menschen, der vor einem steht, absuggerieren. Es ist das auf einer
höheren Stufe nichts anderes als eine Übung der Aufmerksamkeit auf einer
niedrigeren. So wie der Mensch seine Aufmerksamkeit von etwas, das vor ihm ist,
ablenken kann, so daß es für ihn nicht da ist, so vermag der Hellseher einen
physischen Körper für seine Wahrnehmung ganz auszulöschen, so daß er für ihn
physisch ganz durchsichtig wird. Vollführt er das mit einem Menschen, der vor ihm
steht, dann bleibt vor seinem seelischen Auge noch der sogenannte Ätherleib
vorhanden, außer dem Seelenleibe, der größer als beide ist und der auch beide
durchdringt. Der Ätherleib hat annähernd die Größe und Form des physischen
Leibes, so daß er ungefähr auch denselben Raum ausfüllt, den auch der physische
Körper einnimmt. Er ist ein äußerst zart und fein organisiertes Gebilde. [Den Physiker
bitte ich, sich an dem Ausdruck «Ätherleib» nicht zu stoßen. Mit dem Worte «Äther» soll nur die
Feinheit des in Betracht kommenden Gebildes angedeutet werden. Mit dem «Äther» der
physikalischen Hypothesen braucht das hier Angeführte zunächst gar nicht zusammengebracht
werden.] Seine Grundfarbe ist eine andere als die im Regenbogen enthaltenen sieben
Farben. Wer ihn beobachten kann, lernt eine Farbe kennen, die für die sinnliche
Beobachtung eigentlich gar nicht vorhanden ist. Sie läßt sich am ehesten mit der
Farbe der jungen Pfirsichblüte vergleichen. Will man den Ätherleib ganz allein für
sich betrachten, so muß man auch die Erscheinung des Seelenleibes für die
Beobachtung auslöschen durch eine ähnlich geartete Übung der Aufmerksamkeit
wie die oben gekennzeichnete. Tut man dies nicht, dann verändert sich der Anblick
des Ätherleibes durch den ihn ganz durchdringenden Seelenleib.
Nun sind beim Menschen die Teilchen des Ätherleibes in einer fortwährenden
Bewegung. Zahllose Strömungen durchziehen ihn nach allen Seiten. Durch diese
Strömungen wird das Leben unterhalten und geregelt. Jeder Körper, der lebt, hat
einen solchen Ätherleib. Die Pflanzen und die Tiere haben ihn auch. Ja, selbst bei
den Mineralien sind Spuren für den aufmerksamen Beobachter wahrnehmbar. – Die
genannten Strömungen und Bewegungen sind zunächst von dem Willen und
Bewußtsein des Menschen ganz unabhängig, wie die Tätigkeit des Herzens oder
Magens im physischen Körper von der Willkür nicht abhängig ist. – Und solange der
Mensch seine Ausbildung im Sinne der Erwerbung übersinnlicher Fähigkeiten nicht
in die Hand nimmt, bleibt diese Unabhängigkeit auch bestehen. Denn gerade darin
besteht die höhere Entwicklung auf einer gewissen Stufe, daß zu den vom
Bewußtsein unabhängigen Strömungen und Bewegungen des Ätherleibes solche
hinzutreten, welche der Mensch in bewußter Weise selbst bewirkt.
Wenn die Geheimschulung so weit gekommen ist, daß die in den vorhergehenden
Abschnitten gekennzeichneten Lotusblumen sich zu bewegen beginnen, dann hat
der Schüler auch bereits manches von dem vollzogen, was zur Hervorrufung ganz
bestimmter Strömungen und Bewegungen in seinem Ätherkörper führt. Der Zweck
dieser Entwicklung ist, daß sich in der Gegend des physischen Herzens eine Art
Mittelpunkt bildet, von dem Strömungen und Bewegungen in den mannigfaltigsten
geistigen Farben und Formen ausgehen. Dieser Mittelpunkt ist in Wirklichkeit kein
bloßer Punkt, sondern ein ganz kompliziertes Gebilde, ein wunderbares Organ. Es
leuchtet und schillert geistig in den allerverschiedensten Farben und zeigt Formen
von großer Regelmäßigkeit, die sich mit Schnelligkeit verändern können. Und
weitere Formen und Farbenströmungen laufen von diesem Organ nach den Teilen
des übrigen Körpers und auch noch über diesen hinaus, indem sie den ganzen
Seelenleib durchziehen und durchleuchten. Die wichtigsten dieser Strömungen aber
gehen zu den Lotusblumen. Sie durchziehen die einzelnen Blätter derselben und
regeln ihre Drehung; dann strömen sie an den Spitzen der Blätter nach außen, um
sich im äußeren Raum zu verlieren. Je entwickelter ein Mensch ist, desto größer
wird der Umkreis, in dem sich diese Strömungen verbreiten.
In einer besonders nahen Beziehung steht die zwölfblätterige Lotusblume zu dem
geschilderten Mittelpunkte. In sie laufen unmittelbar die Strömungen ein. Und durch
sie hindurch gehen auf der einen Seite Strömungen zu der sechzehnblätterigen und
der zweiblätterigen, auf der anderen (unteren) Seite zu den acht-, sechs- und
vierblätterigen Lotusblumen. In dieser Anordnung liegt der Grund, warum auf die
Ausbildung der zwölfblätterigen Lotusblume bei der Geheimschulung eine ganz
besondere Sorgfalt verwendet werden muß. Würde hier etwas verfehlt, so müßte die
ganze Ausbildung des Apparates eine unordentliche sein. – Man kann aus dem
Gesagten ermessen, von wie zarter und intimer Art die Geheimschulung ist und wie
genau man vorgehen muß, wenn alles in gehöriger Weise sich entwickeln soll. Ohne
weiteres ist hieraus auch ersichtlich, daß nur derjenige über Anweisung zur
Ausbildung übersinnlicher Fähigkeiten reden kann, der alles, was er an einem
anderen ausbilden soll, selbst an sich erfahren hat und der vollkommen in der Lage
ist zu erkennen, ob seine Anweisungen auch zu dem ganz richtigen Erfolge führen.
Wenn der Geheimschüler das ausführt, was ihm durch die Anweisungen
vorgeschrieben wird, dann bringt er seinem Ätherleib solche Strömungen und
Bewegungen bei, welche in Harmonie stehen mit den Gesetzen und der Entwicklung
der Welt, zu welcher der Mensch gehört. Daher sind die Anweisungen stets ein
Abbild der großen Gesetze der Weltentwicklung. Sie bestehen in den erwähnten und
ähnlichen Meditations- und Konzentrationsübungen, welche, gehörig angewendet,
die geschilderten Wirkungen haben. Der Geistesschüler muß in gewissen Zeiten
seine Seele ganz mit dem Inhalte der Übungen durchdringen, sich innerlich
gleichsam ganz damit ausfüllen. Mit Einfachem beginnt es, was vor allem geeignet
ist, das verständige und vernünftige Denken des Kopfes zu vertiefen, zu
verinnerlichen. Dieses Denken wird dadurch frei und unabhängig gemacht von allen
sinnlichen Eindrücken und Erfahrungen. Es wird gewissermaßen in einen Punkt
zusammengefaßt, welchen der Mensch ganz in seiner Gewalt hat. Dadurch wird ein
vorläufiger Mittelpunkt geschaffen für die Strömungen des Ätherleibes. Dieser
Mittelpunkt ist zunächst noch nicht in der Herzgegend, sondern im Kopfe. Dem
Hellseher zeigt er sich dort als Ausgangspunkt von Bewegungen. – Nur eine solche
Geheimschulung hat den vollen Erfolg, welche zuerst diesen Mittelpunkt schafft.
Würde gleich vom Anfang an der Mittelpunkt in die Herzgegend verlegt, so könnte
der angehende Hellseher zwar gewisse Einblicke in die höheren Welten tun; er
könnte aber keine richtige Einsicht in den Zusammenhang dieser höheren Welten
mit unserer sinnlichen gewinnen. Und dies ist für den Menschen auf der
gegenwärtigen Stufe der Weltentwickelung eine unbedingte Notwendigkeit. Der
Hellseher darf nicht zum Schwärmer werden; er muß den festen Boden unter den
Füßen behalten.
Der Mittelpunkt im Kopfe wird dann, wenn er gehörig befestigt ist, weiter nach unten
verlegt, und zwar in die Gegend des Kehlkopfes. Das wird im weiteren Anwenden
der Konzentrationsübungen bewirkt. Dann strahlen die charakterisierten
Bewegungen des Ätherleibes von dieser Gegend aus. Sie erleuchten den
Seelenraum in der Umgebung des Menschen.
Ein weiteres Üben befähigt den Geheimschüler, die Lage seines Ätherleibes selbst
zu bestimmen. Vorher ist diese Lage von den Kräften abhängig, die von außen
kommen und vom physischen Körper ausgehen. Durch die weitere Entwicklung wird
der Mensch imstande, den Ätherleib nach allen Seiten zu drehen. Diese Fähigkeit
wird durch Strömungen bewirkt, welche ungefähr längs der beiden Hände verlaufen
und die ihren Mittelpunkt in der zweiblätterigen Lotusblume in der Augengegend
haben. Alles dies kommt dadurch zustande, daß sich die Strahlungen, die vom
Kehlkopf ausgehen, zu runden Formen gestalten, von denen eine Anzahl zu der
zweiblätterigen Lotusblume hingehen, um von da aus als wellige Strömungen den
Weg längs der Hände zu nehmen. – Eine weitere Folge besteht darin, daß sich
diese Ströme in der feinsten Art verästeln und verzweigen und zu einer Art Geflecht
werden, das wie ein Netzwerk (Netzhaut) zur Grenze des ganzen Ätherleibes sich
umbildet. Während dieser vorher nach außen keinen Abschluß hatte, so daß die
Lebensströme aus dem allgemeinen Lebensmeer unmittelbar aus- und einströmten,
müssen jetzt die Einwirkungen von außen dieses Häutchen durchlaufen. Dadurch
wird der Mensch für diese äußeren Strömungen empfindlich. Sie werden ihm
wahrnehmbar. – Nunmehr ist auch der Zeitpunkt gekommen, um dem ganzen
Strom- und Bewegungssystem den Mittelpunkt in der Herzgegend zu geben. Das
geschieht wieder durch die Fortsetzung der Konzentrations- und Meditationsübung.
Und damit ist auch die Stufe erreicht, auf welcher der Mensch mit dem «inneren
Wort» begabt wird. Alle Dinge erhalten nunmehr für den Menschen eine neue
Bedeutung. Sie werden gewissermaßen in ihrem innersten Wesen geistig hörbar;
sie sprechen von ihrem eigentlichen Wesen zu dem Menschen. Die
gekennzeichneten Strömungen setzen ihn mit dem Innern der Welt in Verbindung,
zu welcher er gehört. Er beginnt das Leben seiner Umgebung mitzuerleben und
kann es in der Bewegung seiner Lotusblumen nachklingen lassen.
Damit betritt der Mensch die geistige Welt. Ist er so weit, so gewinnt er ein neues
Verständnis für dasjenige, was die großen Lehrer der Menschheit gesprochen
haben. Buddhas Reden und die Evangelien zum Beispiel wirken jetzt in einer neuen
Art auf ihn ein. Sie durchströmen ihn mit einer Seligkeit, die er vorher nicht geahnt
hat. Denn der Ton ihrer Worte folgt den Bewegungen und Rhythmen, die er nun
selbst in sich ausgebildet hat. Er kann es jetzt unmittelbar wissen, daß ein solcher
Mensch wie Buddha oder die Evangelienschreiber nicht ihre Offenbarungen,
sondern diejenigen aussprechen, welche ihnen zugeflossen sind vom innersten
Wesen der Dinge. – Es soll hier auf eine Tatsache aufmerksam gemacht werden,
die wohl nur aus dem Vorhergehenden verständlich wird. Den Menschen unserer
gegenwärtigen Bildungsstufe sind die vielen Wiederholungen in Buddhas Reden
nicht recht begreiflich. Dem Geheimschüler werden sie zu etwas, worauf er gern mit
seinem inneren Sinne ruht. Denn sie entsprechen gewissen Bewegungen
rhythmischer Art im Ätherleib. Die Hingabe an sie in vollkommener innerer Ruhe
bewirkt auch ein Zusammenklingen mit solchen Bewegungen. Und weil diese
Bewegungen ein Abbild sind bestimmter Weltrhythmen, die auch in gewissen
Punkten Wiederholung und regelmäßige Rückkehr zu früheren darstellen, so lebt
sich im Hinhören auf die Weise Buddhas der Mensch in den Zusammenhang mit
den Weltgeheimnissen hinein.
In der Geisteswissenschaft wird von vier Eigenschaften gesprochen, welche sich der
Mensch auf dem sogenannten Prüfungspfade erwerben muß, um zu höherer
Erkenntnis aufzusteigen. Es ist die erste davon die Fähigkeit, in den Gedanken das
Wahre von der Erscheinung zu scheiden, die Wahrheit von der bloßen Meinung. Die
zweite Eigenschaft ist die richtige Schätzung des Wahren und Wirklichen gegenüber
der Erscheinung. Die dritte Fähigkeit besteht in der – schon im vorigen Kapitel
erwähnten – Ausübung der sechs Eigenschaften: Gedankenkontrolle, Kontrolle der
Handlungen, Beharrlichkeit, Duldsamkeit, Glaube und Gleichmut. Die vierte ist die
Liebe zur inneren Freiheit.
Ein bloßes verstandesmäßiges Begreifen dessen, was in diesen Eigenschaften liegt,
nützt gar nichts. Sie müssen der Seele so einverleibt werden, daß sie innere
Gewohnheiten begründen. Man nehme zum Beispiel die erste Eigenschaft: Die
Unterscheidung des Wahren von der Erscheinung. Der Mensch muß sich so
schulen, daß er bei jeglichem Dinge, das ihm gegenübertritt, ganz wie
selbstverständlich unterscheidet zwischen dem, was unwesentlich ist, und dem, was
Bedeutung hat. Man kann sich so nur schulen, wenn man in aller Ruhe und Geduld
bei seinen Beobachtungen der Außenwelt immer wieder die dahin gehenden
Versuche macht. Zuletzt haftet in natürlicher Weise der Blick ebenso an dem
Wahren, wie er vorher an dem Unwesentlichen sich befriedigt hat. «Alles
Vergängliche ist nur ein Gleichnis»: diese Wahrheit wird zu einer selbstverständlichen
Überzeugung der Seele. Und so wird es mit den anderen der genannten vier
Eigenschaften zu halten sein.
Nun verwandelt sich tatsächlich der feine Ätherleib des Menschen unter dem Einfluß
dieser vier Seelengewohnheiten. Durch die erste «Unterscheidung des Wahren von
der Erscheinung» wird der gekennzeichnete Mittelpunkt im Kopfe erzeugt und der im
Kehlkopf vorbereitet. Zur wirklichen Ausbildung sind dann allerdings die
Konzentrationsübungen notwendig, von denen oben gesprochen worden ist. Sie
bilden aus, und die vier Gewohnheiten bringen zur Reife. – Ist der Mittelpunkt in der
Gegend des Kehlkopfes vorbereitet, dann wird jene angedeutete freie Beherrschung
des Ätherleibes und sein Überziehen und Begrenzen mit dem Netzhautgeflecht
bewirkt durch die richtige Schätzung des Wahren gegenüber der unwesentlichen
Erscheinung. Bringt es der Mensch zu solcher Schätzung, dann werden ihm
allmählich die geistigen Tatsachen wahrnehmbar. Er soll aber nicht glauben, daß er
bloß Handlungen zu vollziehen hat, welche vor einer verstandesmäßigen Schätzung
als bedeutungsvoll erscheinen. Die geringste Handlung, jeder kleine Handgriff hat
etwas Bedeutungsvolles im großen Haushalte des Weltganzen, und es kommt nur
darauf an, ein Bewußtsein von dieser Bedeutung zu haben. Nicht auf
Unterschätzung, sondern auf riditige Einschätzung der alltäglichen Verrichtungen
des Lebens kommt es an. – Von den sechs Tugenden, aus denen sich die dritte
Eigenschaft zusammensetzt, ist bereits gesprochen worden. Sie hängen zusammen
mit der Ausbildung der zwölf blätterigen Lotusblume in der Herzgegend. Dahin muß
ja, wie gezeigt worden ist, in der Tat der Lebensstrom des Ätherleibes geleitet
werden. Die vierte Eigenschaft: das Verlangen nach Befreiung, dient dann dazu, das
Ätherorgan in der Nähe des Herzens zur Reifung zu bringen. Wird diese Eigenschaft
zur Seelengewohnheit, dann befreit sich der Mensch von allem, was nur mit den
Fähigkeiten seiner persönlichen Natur zusammenhängt. Er hört auf, die Dinge von
seinem Sonderstandpunkte aus zu betrachten. Die Grenzen seines engen Selbst,
die ihn an diesen Standpunkt fesseln, verschwinden. Die Geheimnisse der geistigen
Welt erhalten Zugang zu seinem Inneren. Dies ist die Befreiung. Denn jene Fesseln
zwingen den Menschen, die Dinge und Wesen so anzusehen, wie es seiner
persönlichen Art entspricht. Von dieser persönlichen Art, die Dinge zu betrachten,
muß der Geheimschüler unabhängig, frei werden.
Man sieht hieraus, daß die Vorschriften, welche von der Geisteswissenschaft
ausgehen, tief in die innerste Menschennatur hinein bestimmend wirken. Und die
Vorschriften über die vier genannten Eigenschaften sind solche Vorschriften. Sie
finden sich in der einen oder der anderen Form in allen mit der Geisteswelt
rechnenden Weltanschauungen. Nicht aus einem dunklen Gefühl heraus haben die
Begründer solcher Weltanschauungen solche Vorschriften den Menschen gegeben.
Sie haben das vielmehr aus dem Grunde getan, weil sie große Eingeweihte waren.
Aus der Erkenntnis heraus haben sie ihre sittlichen Vorschriften geformt. Sie
wußten, wie diese auf die feinere Natur des Menschen wirken, und wollten, daß die
Bekenner diese feinere Natur allmählich zur Ausbildung bringen. Im Sinne solcher
Weltanschauungen leben, heißt an seiner eigenen geistigen Vervollkommnung
arbeiten. Und nur wenn der Mensch das tut, dient er dem Weltganzen. Sich
vervollkommnen ist keineswegs Selbstsucht. Denn der unvollkommene Mensch ist
auch ein unvollkommener Diener der Menschheit und der Welt. Man dient dem
Ganzen um so besser, je vollkommener man selbst ist. Hier gilt es: «Wenn die Rose
selbst sich schmückt, schmückt sie auch den Garten.»
Die Begründer der bedeutungsvollen Weltanschauungen sind dadurch die großen
Eingeweihten. Das, was von ihnen kommt, fließt in die Menschenseelen hinein. Und
dadurch kommt mit der Menschheit die ganze Welt vorwärts. Ganz bewußt haben
die Eingeweihten an diesem Entwickelungsprozeß der Menschheit gearbeitet. Nur
dann versteht man den Inhalt ihrer Anweisungen, wenn man beachtet, daß diese
aus der Erkenntnis der tiefinnersten Menschennatur heraus geschöpft sind. Große
Erkenner waren die Eingeweihten, und aus ihrer Erkenntnis heraus haben sie die
Ideale der Menschheit geprägt. Der Mensch aber kommt diesen Führern nahe, wenn
er sich in seiner eigenen Entwickelung zu ihren Höhen erhebt.
Wenn bei einem Menschen die Ausbildung des Ätherleibes in der Art begonnen hat,
wie das im Vorangegangenen beschrieben ist, dann erschließt sich ihm ein völlig
neues Leben. Und er muß durch die Geheimschulung zur richtigen Zeit die
Aufklärungen erhalten, welche ihn befähigen, sich in diesem neuen Leben
zurechtzufinden. Er sieht zum Beispiel durch die sechzehnblätterige Lotusblume
geistig Gestalten einer höheren Welt. Nun muß er sich klarmachen, wie verschieden
diese Gestalten sind, je nachdem sie von diesen oder jenen Gegenständen oder
Wesen verursacht sind. Das erste, worauf er die Aufmerksamkeit wenden kann, ist,
daß er auf eine gewisse Art dieser Gestalten durch seine eigenen Gedanken und
Empfindungen einen starken Einfluß ausüben kann, auf andere gar nicht oder doch
nur in geringem Maße. Eine Art der Figuren ändert sich sofort, wenn der Betrachter
bei ihrem Auftreten den Gedanken hat: «das ist schön», und dann im Laufe der
Anschauung diesen Gedanken ändert in diesen: «das ist nützlich». – Besonders
haben die Gestalten, welche von Mineralien oder künstlich gemachten
Gegenständen herrühren, die Eigentümlichkeit, daß sie sich durch jeden Gedanken
oder jedes Gefühl, das ihnen der Beschauer entgegenbringt, ändern. In geringerem
Maße ist das schon der Fall bei den Gestalten, welche Pflanzen zukommen; und
noch weniger findet es statt bei denen, welche Tieren entsprechen. Auch diese
Gestalten sind beweglich und voll Leben. Aber diese Beweglichkeit rührt nur zum
Teil von dem Einfluß der menschlichen Gedanken und Empfindungen her, zum
anderen Teile wird sie durch Ursachen bewirkt, auf welche der Mensch keinen
Einfluß hat. Nun tritt aber innerhalb dieser ganzen Gestaltenwelt eine Sorte von
Formen auf, welche der Einwirkung von seiten des Menschen selbst zunächst fast
ganz entzogen sind. Der Geheimschüler kann sich davon überzeugen, daß diese
Gestalten weder von Mineralien noch von künstlichen Gegenständen, auch nicht
von Pflanzen oder Tieren herrühren. Er muß nun, um völlig ins klare zu kommen, die
Gestalten betrachten, von denen er wissen kann, daß sie durch die Gefühle, Triebe,
Leidenschaften und so weiter von anderen Menschen verursacht werden. Aber auch
diesen Gestalten gegenüber kann er finden, daß seine eigenen Gedanken und
Empfindungen noch einigen, wenn auch verhältnismäßig geringen Einfluß haben. Es
bleibt innerhalb der Gestaltenwelt immer ein Rest, auf den dieser Einfluß
verschwindend gering ist.
Ja, dieser Rest bildet im Anfange der Laufbahn des Geheimschülers sogar einen
sehr großen Teil dessen, was er überhaupt sieht. Über die Natur dieses Teiles kann
er sich nun nur aufklären, wenn er sich selbst beobachtet. Da findet er, welche
Gestalten durch ihn selbst bewirkt worden sind. Das, was er selbst tut, will, wünscht
und so weiter, kommt in diesen Gestalten zum Ausdruck. Ein Trieb, der in ihm
wohnt, eine Begierde, die er hat, eine Absicht, die er hegt, und so weiter: alles das
zeigt sich in solchen Gestalten. Ja, sein ganzer Charakter prägt sich in einer solchen
Gestaltenwelt aus. Der Mensch kann somit durch seine bewußten Gedanken und
Gefühle einen Einfluß auf alle Gestalten ausüben, welche nicht von ihm selbst
ausgehen; auf diejenigen Figuren aber, die er durch sein eigenes Wesen in der
höheren Welt bewirkt, hat er keinen Einfluß mehr, sobald sie durch ihn geschaffen
worden sind. Es geht nun aus dem Gesagten auch hervor, daß in der höheren
Anschauung das menschliche Innere, die eigene Trieb-, Begierden- und
Vorstellungswelt sich genauso in äußeren Figuren zeigt wie andere Gegenstände
und Wesenheiten. Die Innenwelt wird für die höhere Erkenntnis zu einem Teile der
Außenwelt. Wie wenn man in der physischen Welt von allen Seiten mit Spiegeln
umgeben wäre und so seine leibliche Gestalt beschauen könnte, so tritt in einer
höheren Welt die seelische Wesenheit des Menschen diesem als Spiegelbild
entgegen.
Auf dieser Entwicklungsstufe ist für den Geheimschüler der Zeitpunkt eingetreten, in
dem er die Illusion, welche aus der persönlichen Begrenztheit stammt, überwindet.
Er kann jetzt das, was innerhalb seiner Persönlichkeit ist, beobachten als
Außenwelt, wie er früher als Außenwelt betrachtete, was auf seine Sinne einwirkte.
So lernt er allmählich durch die Erfahrung sich so behandeln, wie er früher die
Wesen um sich her behandelte.
Würde des Menschen Blick in diese Geisteswelten geöffnet, ehe er in genügender
Art auf deren Wesen vorbereitet worden ist, so stünde er zunächst vor dem
charakterisierten Gemälde seiner eigenen Seele wie vor einem Rätsel. Die
Gestalten seiner eigenen Triebe und Leidenschaften treten ihm da entgegen in
Formen, welche er als tierische oder – seltener – auch als menschliche empfindet.
Zwar sind die Tiergestalten dieser Welt niemals ganz gleich denen der physischen
Welt, aber sie haben doch eine entfernte Ähnlichkeit. Von ungeübten Beobachtern
werden sie wohl auch für gleich gehalten. – Man muß sich nun, wenn man diese
Welt betritt, eine ganz neue Art des Urteilens aneignen. Denn abgesehen davon,
daß die Dinge, die eigentlich dem menschlichen Innern angehören, als Außenwelt
erscheinen, treten sie auch noch als das Spiegelbild dessen auf, was sie wirklich
sind. Wenn man zum Beispiel eine Zahl da erblickt, so muß man sie umgekehrt als
Spiegelbild lesen. 265 zum Beispiel bedeutet in Wahrheit hier 562. Eine Kugel sieht
man so, wie wenn man in ihrem Mittelpunkt wäre. Man hat sich dann diese
Innenansicht erst in der richtigen Art zu übersetzen. Aber auch seelische
Eigenschaften erscheinen als Spiegelbild. Ein Wunsch, der sich auf etwas Äußeres
bezieht, tritt als eine Gestalt auf, die zu dem Wünschenden selbst sich hinbewegt.
Leidenschaften, welche in der niederen Natur des Menschen ihren Sitz haben,
können die Form von Tieren oder ähnliche Gestaltungen annehmen, die sich auf
den Menschen losstürzen. In Wirklichkeit streben ja diese Leidenschaften nach
außen; sie suchen den Gegenstand ihrer Befriedigung in der Außenwelt. Aber
dieses Suchen nach außen stellt sich im Spiegelbild als Angriff auf den Träger der
Leidenschaft dar.
Wenn der Geheimschüler, bevor er zu höherem Schauen aufsteigt, durch ruhige,
sachliche Selbstbeobachtung seine eigenen Eigenschaften selber kennengelernt
hat, dann wird er auch in dem Augenblicke, da ihm sein Inneres im äußeren
Spiegelbilde entgegentritt, Mut und Kraft finden, um sich in der richtigen Art zu
verhalten. Menschen, welche sich durch solche Selbstprüfung nicht genügend mit
dem eigenen Inneren bekannt gemacht haben, werden sich in ihrem Spiegelbilde
nicht erkennen und dieses dann für fremde Wirklichkeit halten. Auch werden sie
durch den Anblick ängstlich und reden sich, weil sie die Sache nicht ertragen
können, ein, das Ganze sei nur phantastisches Erzeugnis, das zu nichts führen
könne. In beiden Fällen stünde der Mensch durch sein unreifes Ankommen auf einer
gewissen Entwicklungsstufe der eigenen höheren Ausbildung verhängnisvoll im
Wege.
Es ist durchaus notwendig, daß der Geheimschüler durch den geistigen Anblick
seiner eigenen Seele hindurchgehe, um zu Höherem vorzudringen. Denn im
eigenen Selbst hat er ja doch dasjenige Geistig-Seelische, das er am besten
beurteilen kann. Hat er sich von seiner Persönlichkeit in der physischen Welt
zunächst eine tüchtige Erkenntnis erworben und tritt ihm zuerst das Bild dieser
Persönlichkeit in der höheren Welt entgegen, dann kann er beides vergleichen. Er
kann das Höhere auf ein ihm Bekanntes beziehen und vermag so von einem festen
Boden auszugehen. Wenn ihm dagegen noch so viele andere geistige Wesenheiten
entgegenträten, so vermöchte er sich doch über ihre Eigenart und Wesenheit
zunächst keinen Aufschluß zu geben. Er würde bald den Boden unter den Füßen
schwinden fühlen. Es kann daher gar nicht oft genug betont werden, daß der sichere
Zugang zur höheren Welt derjenige ist, der über die gediegene Erkenntnis und
Beurteilung der eigenen Wesenheit führt.
Geistige Bilder sind es also, welchen der Mensch zunächst auf seiner Bahn zur
höheren Welt begegnet. Denn die Wirklichkeit, welche diesen Bildern entspricht, ist
ja in ihm selbst. Reif muß demnach der Geheimschüler sein, um auf dieser ersten
Stufe nicht derbe Realitäten zu verlangen, sondern die Bilder als das Richtige zu
betrachten. Aber innerhalb dieser Bilderwelt lernt er bald etwas Neues kennen. Sein
niederes Selbst ist nur als Spiegelgemälde vor ihm vorhanden; aber mitten in
diesem Spiegelgemälde erscheint die wahre Wirklichkeit des höheren Selbst. Aus
dem Bilde der niederen Persönlichkeit heraus wird die Gestalt des geistigen Ich
sichtbar. Und erst von dem letzteren aus spinnen sich die Fäden zu anderen
höheren geistigen Wirklichkeiten.
Und nun ist die Zeit gekommen, um die zweiblätterige Lotusblume in der
Augengegend zu gebrauchen. Fängt sie an sich zu bewegen, so findet der Mensch
die Möglichkeit, sein höheres Ich mit übergeordneten geistigen Wesenheiten in
Verbindung zu setzen. Die Ströme, welche von dieser Lotusblume ausgehen,
bewegen sich so zu höheren Wirklichkeiten hin, daß die entsprechenden
Bewegungen dem Menschen völlig bewußt sind. Wie das Licht dem Auge die
physischen Gegenstände sichtbar macht, so diese Strömungen die geistigen Wesen
höherer Welten.
Durch Versenkung in der Geisteswissenschaft entstammende Vorstellungen, welche
Grundwahrheiten enthalten, lernt der Schüler die Strömungen der Augenlotusblume
in Bewegung setzen und dirigieren.
Was gesunde Urteilskraft, klare, logische Schulung ist, das erweist sich ganz
besonders auf dieser Stufe der Entwicklung. Man muß nur bedenken, daß da das
höhere Selbst, das bisher keimhaft, unbewußt im Menschen geschlummert hat, zu
bewußtem Dasein geboren wird. Nicht etwa bloß im bildlichen, sondern in ganz
wirklichem Sinne hat man es mit einer Geburt in der geistigen Welt zu tun. Und das
geborene Wesen, das höhere Selbst, muß mit allen notwendigen Organen und
Anlagen zur Welt kommen, wenn es lebensfähig sein soll. Wie die Natur vorsorgen
muß, daß ein Kind mit wohlgebildeten Ohren und Augen zur Welt komme, so
müssen die Gesetze der Eigenentwicklung eines Menschen Sorge tragen, daß sein
höheres Selbst mit den notwendigen Fähigkeiten ins Dasein trete. Und diese
Gesetze, welche die Ausbildung der höheren Organe des Geistes selbst besQrgen,
sind keine anderen als die gesunden Vernunft- und Moralgesetze der physischen
Welt. Wie im Mutterschoße das Kind reift, so im physischen Selbst der geistige
Mensch. Die Gesundheit des Kindes hängt von normaler Wirksamkeit der
Naturgesetze im Mutterschoße ab. Die Gesundheit des geistigen Menschen ist in
gleicher Art von den Gesetzen des gewöhnlichen Verstandes und der im physischen
Leben wirksamen Vernunft bedingt. Niemand kann ein gesundes höheres Selbst
gebären, der nicht in der physischen Welt gesund lebt und denkt. Natur- und
vernunftgemäßes Leben sind die Grundlage aller wahren Geistesentwicklung. – Wie
das Kind im Schoße der Mutter schon nach den Naturkräften lebt, die es nach seiner
Geburt mit seinen Sinnesorganen wahrnimmt, so lebt das höhere Selbst des
Menschen nach den Gesetzen der geistigen Welt schon während des physischen
Daseins. Und wie das Kind aus einem dunklen Lebensgefühl heraus sich die
entsprechenden Kräfte aneignet, so kann es der Mensch mit den Kräften der
geistigen Welt, bevor sein höheres Selbst geboren wird. Ja, er muß dies tun, wenn
dies letztere als vollentwickeltes Wesen zur Welt kommen soll. Es wäre nicht richtig,
wenn jemand sagte: ich kann die Lehren der Geisteswissenschaft nicht annehmen,
bevor ich nicht selbst sehe. Denn ohne die Vertiefung in die Geistesforschung kann
er überhaupt nicht zu wahrer höherer Erkenntnis kommen. Er wäre dann in
derselben Lage wie ein Kind im Mutterschoße, das verweigerte, die Kräfte zu
gebrauchen, die ihm durch die Mutter zukommen, und warten wollte, bis es sich
dieselben selbst verschaffen kann. So wie der Kindeskeim im Lebensgefühl die
Richtigkeit des Dargereichten erfährt, so der noch nicht sehende Mensch die
Wahrheit der Lehren der Geisteswissenschaft. Es gibt eine Einsicht, die auf
Wahrheitsgefühl und klare, gesunde, allseitig urteilende Vernunft gebaut ist, in diese
Lehren, auch wenn man die geistigen Dinge noch nicht schaut. Man muß die
mystischen Erkenntnisse zuerst lernen und sich eben gerade durch dieses Lernen
zum Schauen vorbereiten. Ein Mensch, der zum Schauen käme, bevor er in dieser
Art gelernt hat, gliche einem Kinde, das wohl mit Augen und Ohren, aber ohne
Gehirn geboren wäre. Es breitete sich die ganze Farben- und Tonwelt vor ihm aus;
aber es könnte nichts damit anfangen.
Was also dem Menschen vorher durch sein Wahrheitsgefühl, durch Verstand und
Vernunft einleuchtend war, das wird auf der geschilderten Stufe der
Geheimschülerschaft eigenes Erlebnis. Er hat jetzt ein unmittelbares Wissen von
seinem höheren Selbst. Und er lernt erkennen, daß dieses höhere Selbst mit
geistigen Wesenheiten höherer Art zusammenhängt und mit ihnen eine Einheit
bildet. Er sieht also, wie das niedere Selbst aus einer höheren Welt herstammt. Und
es zeigt sich ihm, daß seine höhere Natur die niedere überdauert. Er kann nunmehr
selbst sein Vergängliches von seinem Bleibenden unterscheiden. Das heißt nichts
anderes, als er lernt die Lehre von der Einkörperung (Inkarnation) des höheren
Selbst in ein niederes aus eigener Anschauung verstehen. Es wird ihm jetzt klar,
daß er in einem höheren geistigen Zusammenhange darinnen steht, daß seine
Eigenschaften, seine Schicksale durch diesen Zusammenhang verursacht sind. Er
lernt das Gesetz seines Lebens, Karma, erkennen. Er sieht ein, daß sein niederes
Selbst, wie es gegenwärtig sein Dasein ausmacht, nur eine der Gestalten ist, die
sein höheres Wesen annehmen kann. Und er erblickt die Möglichkeit vor sich, von
seinem höheren Selbst aus an sich zu arbeiten, auf daß er vollkommener und immer
vollkommener werde. Er kann nunmehr auch die großen Unterschiede der
Menschen hinsichtlich ihrer Vollkommenheitsgrade einsehen. Er wird gewahr, daß
es über ihm stehende Menschen gibt, welche die noch vor ihm liegenden Stufen
schon erreicht haben. Er sieht ein, daß die Lehren und Taten solcher Menschen von
den Eingebungen aus einer höheren Welt herrühren. Dies verdankt er seinem ersten
eigenen Blick in diese höhere Welt. Was man «große Eingeweihte der Menschheit»
nennt, wird jetzt beginnen, für ihn Tatsache zu werden.
Das sind die Gaben, die der Geheimschüler dieser Stufe seiner Entwicklung
verdankt: Einsicht in das höhere Selbst, in die Lehre von der Einkörperung oder
Inkarnation dieses höheren Selbst in ein niederes, in das Gesetz, wonach das
Leben in der physischen Welt geregelt wird nach geistigen Zusammenhängen –
Karmagesetz –, und endlich in das Dasein großer Eingeweihter.
Man sagt deshalb auch von einem Schüler, der diese Stufe erreicht hat, daß ihm der
Zweifel völlig geschwunden sei. Konnte er sich vorher einen auf Vernunftgründe und
gesundes Denken gebauten Glauben aneignen, so tritt jetzt an die Stelle dieses
Glaubens das volle Wissen und die durch nichts zu erschütternde Einsicht.
Die Religionen haben in ihren Zeremonien, Sakramenten und Riten äußerlich
sichtbare Abbilder höherer geistiger Vorgänge und Wesen gegeben. Nur wer die
Tiefen der großen Religionen noch nicht durchschaut hat, kann diese verkennen.
Wer aber in die geistige Wirklichkeit selbst hineinschaut, der wird auch die große
Bedeutung jener äußerlich sichtbaren Handlungen verstehen. Und für ihn wird dann
der religiöse Dienst selbst ein Abbild seines Verkehrs mit der geistig übergeordneten
Welt.
Man sieht, in welcher Art der Geheimschüler durch Erreichung dieser Stufe wirklich
ein neuer Mensch geworden ist. Er kann nun allmählich dazu heranreifen, durch die
Strömungen seines Ätherkörpers das eigentliche höhere Lebenselement zu
dirigieren und damit eine hohe Freiheit von seinem physischen Körper zu erlangen.
VERÄNDERUNGEN IM TRAUMLEBEN DES GEHEIMSCHÜLERS
Eine Ankündigung, daß der Geheimschüler die im vorigen Kapitel beschriebene
Stufe der Entwicklung erreicht hat oder doch bald erreichen werde, ist die
Veränderung, die mit seinem Traumleben vorgeht. Vorher waren die Träume
verworren und willkürlich. Nun fangen sie an, einen regelmäßigen Charakter
anzunehmen. Ihre Bilder werden sinnvoll zusammenhängend wie die Vorstellungen
des Alltagslebens. Man kann in ihnen Gesetz, Ursache und Wirkung erkennen. Und
auch der Inhalt der Träume ändert sich. Während man vorher nur Nachklänge des
täglichen Lebens, umgeformte Eindrücke der Umgebung oder der eigenen
Körperzustände wahrnimmt, treten jetzt Bilder aus einer Welt auf, mit der man
vorher unbekannt war. Zunächst bleibt allerdings der allgemeine Charakter des
Traumlebens bestehen, insofern sich der Traum vom wachen Vorstellen dadurch
unterscheidet, daß er sinnbildlich dasjenige gibt, was er ausdrücken will. Einem
aufmerksamen Beurteiler des Traumlebens kann ja diese Sinnbildlichkeit nicht
entgehen. Man träumt zum Beispiel davon, daß man ein häßliches Tier gefangen
und ein unangenehmes Gefühl in der Hand hat. Man wacht auf und merkt, daß man
einen Zipfel der Bettdecke mit der Hand umschlossen hält. Die Wahrnehmung
drückt sich also nicht ungeschminkt aus, sondern durch das gekennzeichnete
Sinnbild. –Oder man träumt, daß man vor einem Verfolger flieht; man empfindet
dabei Angst. Beim Aufwachen zeigt sich, daß man von Herzklopfen während des
Schlafes befallen war. Der Magen, welcher mit schwerverdaulichen Speisen erfüllt
ist, verursacht beängstigende Traumbilder. Auch Vorgänge in der Umgebung des
schlafenden Menschen spiegeln sich im Traume als Sinnbilder. Das Schlagen einer
Uhr kann das Bild eines Soldatentrupps hervorrufen, der bei Trommelschlag
vorbeimarschiert. Ein umfallender Stuhl kann die Veranlassung zu einem ganzen
Traumdrama sein, in dem der Schlag sich als Schuß widerspiegelt und so weiter. –
Diese sinnbildliche Art des Ausdruckes hat nun auch der geregelte Traum des
Menschen, dessen Ätherkörper sich zu entwickeln beginnt. Aber er hört auf, bloße
Tatsachen der physischen Umgebung oder des eigenen sinnlichen Leibes
widerzuspiegeln. So wie diejenigen Träume regelmäßig werden, welche diesen
Dingen ihren Ursprung verdanken, so mischen sich auch solche Traumbilder ein, die
Ausdruck von Dingen und Verhältnissen einer anderen Welt sind. Hier werden
zuerst Erfahrungen gemacht, welche dem gewöhnlichen Tagesbewußtsein
unzugänglich sind. – Nun darf man keineswegs glauben, daß irgendein wahrer
Mystiker die Dinge, die er in solcher Art traumhaft erlebt, zur Grundlage
irgendwelcher maßgebenden Mitteilungen einer höheren Welt schon macht. Nur als
die ersten Anzeichen einer höheren Entwicklung hat man solche Traumerlebnisse
zu betrachten. – Bald tritt auch als weitere Folge die Tatsache ein, daß die Bilder
des träumenden Geheimschülers nicht mehr wie früher der Leitung des besonnenen
Verstandes entzogen sind, sondern von diesem geregelt und ordnungsgemäß
überschaut werden wie die Vorstellungen und Empfindungen des Wachbewußtseins.
Es verschwindet eben immer mehr und mehr der Unterschied zwischen dem
Traumbewußtsein und diesem Wachzustand. Der Träumende ist im vollen Sinne
des Wortes während des Traumlebens wach; das heißt, er fühlt sich als Herr und
Führer seiner bildhaften Vorstellungen.
Während des Träumens befindet sich der Mensch tatsächlich in einer Welt, welche
von derjenigen seiner physischen Sinne verschieden ist. Nur vermag der Mensch
mit unentwickelten geistigen Organen sich von dieser Welt keine anderen als die
gekennzeichneten verworrenen Vorstellungen zu bilden. Sie ist für ihn nur so
vorhanden, wie die sinnliche Welt für ein Wesen da wäre, das höchstens die
allerersten Anlagen von Augen hat. Deshalb kann der Mensch auch nichts sehen in
dieser Welt als die Nachbilder und Widerspiegelungen des gewöhnlichen Lebens.
Diese kann er aber aus dem Grunde im Traume sehen, weil seine Seele ihre
Tageswahmehmungen selbst als Bilder in den Stoff hineinmalt, aus dem jene
andere Welt besteht. Man muß sich nämlich klar darüber sein, daß der Mensch
neben seinem gewöhnlichen bewußten Tagesleben noch ein zweites, unbewußtes,
in der angedeuteten anderen Welt führt. Alles, was er wahrnimmt und denkt, gräbt er
in Abdrücken in diese Welt ein. Man kann diese Abdrucke eben nur sehen, wenn die
Lotusblumen entwickelt sind. Nun sind bei jedem Menschen gewisse spärliche
Anlagen der Lotusblumen immer vorhanden. Während des Tagesbewußtseins kann
er damit nichts wahrnehmen, weil die Eindrücke auf ihn ganz schwach sind. Es ist
dies aus einem ähnlichen Grunde, warum man während des Tages die Sterne nicht
sieht. Sie kommen für die Wahrnehmungen gegenüber dem mächtig wirkenden
Sonnenlicht nicht auf. So kommen die schwachen geistigen Eindrücke gegenüber
den machtvollen Eindrücken der physischen Sinne nicht zur Geltung. Wenn nun im
Schlaf die Tore der äußeren Sinne geschlossen sind, so leuchten diese Eindrücke
verworren auf. Und der Träumende wird dann der in einer anderen Welt gemachten
Erfahrungen gewahr. Aber, wie gesagt, zunächst sind diese Erfahrungen nichts
weiter als dasjenige, was das an die physischen Sinne gebundene Vorstellen selbst
in die geistige Welt eingegraben hat. – Erst die entwickelten Lotusblumen machen
es möglich, daß Kundgebungen, welche nicht der physischen Welt angehören, dort
verzeichnet werden. Und durch den entwickelten Ätherleib entsteht dann ein volles
Wissen von diesen aus anderen Welten herrührenden Einzeichnungen. – Damit hat
der Verkehr des Menschen in einer neuen Welt begonnen. Und der Mensch muß
jetzt – durch die Anleitungen der Geheimschulung – ein Doppeltes zunächst
erreichen. Zuerst muß es ihm möglich werden, ganz vollständig wie im Wachen die
im Traume gemachten Beobachtungen zu gewahren. Hat er dies erreicht, so wird er
dazu geführt, dieselben Beobachtungen auch während des gewöhnlichen
Wachzustandes zu machen. Seine Aufmerksamkeit auf geistige Eindrücke wird da
einfach so geregelt, daß diese Eindrücke gegenüber den physischen nicht mehr zu
verschwinden brauchen, sondern daß er sie neben und mit diesen immerfort haben
kann.
Hat der Geheimschüler diese Fähigkeit erlangt, dann tritt eben vor seinen geistigen
Augen etwas von dem Gemälde auf, das im vorigen Kapitel beschrieben worden ist.
Er kann nunmehr wahrnehmen, was in der geistigen Welt vorhanden ist als die
Ursache für die physische. Und er kann vor allem sein höheres Selbst innerhalb
dieser Welt erkennen. – Seine nächste Aufgabe ist nun, in dieses höhere Selbst
gewissermaßen hineinzuwachsen, das heißt, es wirklich als seine wahre Wesenheit
anzusehen und auch sich dementsprechend zu verhalten. Immer mehr erhält er nun
die Vorstellung und das lebendige Gefühl davon, daß sein physischer Leib und was
er vorher sein «Ich» genannt hat, nur mehr ein Werkzeug des höheren Ich ist. Er
bekommt eine Empfindung gegenüber dem niederen Selbst, wie es der auf die
Sinnenwelt beschränkte Mensch gegenüber einem Werkzeug oder Fahrzeug hat,
deren er sich bedient. So wie dieser den Wagen, in dem er fährt, nicht zu seinem
«Ich» rechnet, auch wenn er sagt: «Ich fahre» wie «Ich gehe», so hat der
entwickelte Mensch, wenn er sagt: «Ich gehe zur Tür hinein», eigentlich die
Vorstellung: «Ich trage meinen Leib zur Tür hinein.» Nur muß das für ihn ein so
selbstverständlicher Begriff sein, daß er nicht einen Augenblick den festen Boden
der physischen Welt verliert, daß niemals ein Gefühl von Entfremdung deshalb
gegenüber der Sinnenwelt auftritt. Soll der Geheimschüler nicht zum Schwärmer
oder Phantasten werden, so muß er durch das höhere Bewußtsein sein Leben in der
physischen Welt nicht verarmen, sondern bereichern, so wie es derjenige bereichert,
der sich statt seiner Beine eines Eisenbahnzuges bedient, um einen Weg zu
machen.
Hat es der Geheimschüler zu einem solchen Leben in seinem höheren Ich gebracht,
dann – oder vielmehr schon während der Aneignung des höheren Bewußtseins –
wird ihm klar, wie er die geistige Wahrnehmungskraft in dem in der Herzgegend
erzeugten Organ zum Dasein erwecken und durch die in den vorigen Kapiteln
charakterisierten Strömungen leiten kann. Diese Wahrnehmungskraft ist ein Element
von höherer Stofflichkeit, das von dem genannten Organ ausgeht und in leuchtender
Schönheit durch die sich bewegenden Lotusblumen und auch durch die anderen
Kanäle des ausgebildeten Ätherleibes strömt. Es strahlt von da nach außen in die
umgebende geistige Welt und macht sie geistig sichtbar, wie das von außen auf die
Gegenstände fallende Sonnenlicht diese physisch sichtbar macht. Wie diese
Wahrnehmungskraft im Herzorgane erzeugt wird, das kann nur allmählich im
Ausbilden selbst verstanden werden.
Deutlich als Gegenstände und Wesen wahrnehmbar wird die geistige Welt eigentlich
erst für einen Menschen, der in solcher Art das charakterisierte
Wahrnehmungsorgan durch seinen Ätherleib und nach der Außenwelt senden kann,
um damit die Gegenstände zu beleuchten. – Man sieht daraus, daß ein
vollkommenes Bewußtsein von einem Gegenstande der geistigen Welt nur unter der
Bedingung entstehen kann, daß der Mensch selbst das Geisteslicht auf ihn wirft. In
Wahrheit wohnt nun das «Ich», welches dieses Wahrnehmungsorgan erzeugt, gar
nicht im physischen Menschenkörper, sondern, wie gezeigt worden ist, außerhalb
desselben. Das Herzorgan ist nur der Ort, wo der Mensch von außen her dieses
geistige Lichtorgan entfacht. Würde er es nicht hier, sondern an einem anderen Orte
entzünden, so hätten die durch dasselbe zustande gebrachten geistigen
Wahrnehmungen keinen Zusammenhang mit der physischen Welt. Aber der Mensch
soll ja alles höhere Geistige eben auf die physische Welt beziehen und durch sich in
die letztere hereinwirken lassen. Das Herzorgan ist gerade dasjenige, durch welches
das höhere Ich das sinnliche Selbst zu seinem Werkzeug macht und von dem aus
dies letztere gehandhabt wird.
Nun ist die Empfindung, welche der entwickelte Mensch gegenüber den Dingen der
geistigen Welt hat, eine andere als die, welche dem Sinnenmenschen gegenüber
der physischen Welt eigen ist. Der letztere fühlt sich an einem gewissen Orte der
Sinnenwelt, und die wahrgenommenen Gegenstände sind für ihn «außerhalb». Der
geistig entwickelte Mensch dagegen fühlt sich mit dem geistigen Gegenstande
seiner Wahrnehmung wie vereinigt, wie «im Innern» desselben. Er wandelt in der
Tat im Geistesraume von Ort zu Ort. Man nennt ihn deshalb in der Sprache der
Geheimwissenschaft auch den «Wanderer». Er ist zunächst nirgends zu Hause. –
Bliebe er bei dieser bloßen Wanderschaft, dann könnte er keinen Gegenstand im
geistigen Raume wirklich bestimmen. Wie man einen Gegenstand oder Ort im
physischen Raume dadurch bestimmt, daß man von einem gewissen Punkte
ausgeht, so muß das auch in der erreichten anderen Welt der Fall sein. Man muß
sich auch da irgendwo einen Ort suchen, den man zunächst ganz genau erforscht
und geistig für sich in Besitz nimmt. In diesem Orte muß man sich eine geistige
Heimat gründen und dann alles andere zu dieser Heimat in ein Verhältnis setzen.
Auch der in der physischen Welt lebende Mensch sieht ja alles so, wie es die
Vorstellungen seiner physischen Heimat mit sich bringen. Ein Berliner beschreibt
unwillkürlich London anders als ein Pariser. Nur ist es mit der geistigen Heimat doch
anders als mit der physischen. In die letztere ist man ohne sein Zutun
hineingeboren, in ihr hat man während der Jugendzeit eine Reihe von Vorstellungen
instinktiv aufgenommen, von denen fortan alles unwillkürlich beleuchtet wird. Die
geistige Heimat hat man sich aber mit vollem Bewußtsein selbst gebildet. Man urteilt
von ihr ausgehend deshalb auch in voller lichter Freiheit. Dieses Bilden einer
geistigen Heimat nennt man in der Sprache der Geheimwissenschaft «eine Hütte
bauen».
Das geistige Schauen auf dieser Stufe erstreckt sich zunächst auf die geistigen
Gegenbilder der physischen Welt, soweit diese Gegenbilder in der sogenannten
astralen Welt liegen. In dieser Welt befindet sich alles dasjenige, was seinem Wesen
nach gleich den menschlichen Trieben, Gefühlen, Begierden und Leidenschaften ist.
Denn zu allen den Menschen umgebenden Sinnesdingen gehören auch Kräfte, die
mit diesen menschlichen verwandt sind. Ein Kristall zum Beispiel wird in seine Form
gegossen durch Kräfte, die sich der höheren Anschauung gegenüber ausnehmen
wie ein Trieb, der im Menschen wirkt. Durch ähnliche Kräfte wird der Saft durch die
Gefäße der Pflanze geleitet, werden die Blüten zur Entfaltung, die Samenkapseln
zum Aufspringen gebracht. Alle diese Kräfte gewinnen Form und Farbe für die
entwickelten geistigen Wahrnehmungsorgane, wie die Gegenstände der physischen
Welt Form und Farbe für das physische Auge haben. Der Geheimschüler sieht auf
der geschilderten Stufe seiner Entwicklung nicht nur den Kristall, die Pflanze,
sondern auch die gekennzeichneten geistigen Kräfte. Und er sieht die tierischen und
menschlichen Triebe nicht nur durch die physischen Lebensäußerungen ihrer
Träger, sondern auch unmittelbar als Gegenstände, wie er in der physischen Welt
Tische und Stühle sieht. Die ganze Instinkt-, Trieb-, Wunsch-, Leidenschaftswelt
eines Tieres oder Menschen wird zu der astralen Wolke, in welche das Wesen
eingehüllt wird, zur Aura.
Weiter nimmt der Hellseher auf dieser Stufe seiner Entwicklung auch Dinge wahr,
die sich der sinnlichen Auffassung fast oder vollständig entziehen. Er kann zum
Beispiel den astralen Unterschied merken zwischen einem Raume, der zum großen
Teile mit niedrig gesinnten Menschen erfüllt ist, und einem solchen, in dem
hochgesinnte Personen anwesend sind. In einem Krankenhause ist nicht nur die
physische, sondern auch die geistige Atmosphäre eine andere als in einem
Tanzsaale. Eine Handelsstadt hat eine andere astrale Luft als ein Universitätsort.
Zunächst wird das Wahrnehmungsvermögen des hellsehend gewordenen
Menschen für solche Dinge nur schwach entwickelt sein. Es wird sich zu den zuerst
genannten Gegenständen so verhalten wie das Traumbewußtsein des
Sinnenmenschen zu seinem Wachbewußtsein. Aber allmählich wird er auch auf
dieser Stufe voll erwachen.
Die höchste Errungenschaft des Hellsehers, der den charakterisierten Grad des
Schauens erreicht hat, ist diejenige, auf welcher sich ihm die astralen
Gegenwirkungen der tierischen und menschlichen Triebe und Leidenschaften
zeigen. Eine liebevolle Handlung hat eine andere astrale Begleiterscheinung als
eine solche, die vom Hasse ausgeht. Die sinnlose Begierde stellt außer sich selbst
noch ein häßliches astrales Gegenbild dar, die auf Hohes gerichtete Empfindung
dagegen ein schönes. Diese Gegenbilder sind während des physischen
Menschenlebens nur schwach zu sehen. Denn ihre Stärke wird durch das Leben in
der physischen Welt beeinträchtigt. Ein Wunsch nach einem Gegenstande erzeugt
zum Beispiel ein solches Spiegelbild außer dem, als welches dieser Wunsch selbst
in der astralen Welt erscheint. Wird aber der Wunsch durch das Erlangen des
physischen Gegenstandes befriedigt oder ist wenigstens die Möglichkeit zu solcher
Befriedigung vorhanden, so wird das Gegenbild nur ein sehr schwacher Schein sein.
Zu seiner vollen Geltung gelangt es erst nach dem Tode des Menschen, wenn die
Seele noch immer, ihrer Natur nach, solchen Wunsch hegen muß, ihn aber nicht
mehr befriedigen kann, weil der Gegenstand und auch das physische Organ dazu
fehlen. Der sinnlich veranlagte Mensch wird auch nach seinem Tode zum Beispiel
die Gier nach Gaumengenuß haben. Ihm fehlt jetzt aber die Möglichkeit der
Befriedigung, da er doch keinen Gaumen mehr hat. Das hat zur Folge, daß der
Wunsch ein besonders heftiges Gegenbild erzeugt, von dem die Seele dann gequält
wird. Man nennt diese Erfahrungen durch die Gegenbilder der niederen Seelennatur
nach dem Tode die Erlebnisse im Seelenreich, besonders in dem Orte der
Begierden. Sie schwinden erst, wenn die Seele sich geläutert hat von allen nach der
physischen Welt hinzielenden Begierden. Dann steigt diese Seele erst in das höhere
Gebiet (Geisteswelt) auf. – Wenn auch diese Gegenbilder beim noch physisch
lebenden Menschen schwach sind: sie sind doch vorhanden und begleiten ihn als
seine Begierden-Anlage, wie den Kometen sein Schweif begleitet. Und der
Hellseher kann sie sehen, wenn er die entsprechende Entwicklungsstufe erreicht
hat.
In solchen Erfahrungen und in allen denen, welche damit verwandt sind, lebt der
Geheimschüler in dem Stadium, das beschrieben worden ist. Bis zu noch höheren
geistigen Erlebnissen kann er es auf dieser Entwickelungsstufe noch nicht bringen.
Er muß von da an noch höher aufwärts steigen.
DIE ERLANGUNG DER KONTINUITÄT DES BEWUSSTSEINS
Das Leben des Menschen verläuft im Wechsel von drei Zuständen. Diese sind:
Wachsein, traumerfüllter Schlaf und traumloser tiefer Schlaf. Man kann verstehen,
wie man zu den höheren Erkenntnissen der geistigen Welten gelangt, wenn man
sich eine Vorstellung davon bildet, was für Veränderungen in bezug auf diese drei
Zustände bei demjenigen Menschen vorgehen müssen, der solche Erkenntnis
suchen will. Bevor der Mensch eine Schulung für diese Erkenntnis durchgemacht
hat, wird sein Bewußtsein fortwährend unterbrochen von den Ruhepausen des
Schlafes. In diesen Pausen weiß die Seele nichts von der Außenwelt und auch
nichts von sich selbst. Nur für gewisse Zeiten tauchen aus dem allgemeinen Meere
der Bewußtlosigkeit die Träume auf, welche anknüpfen an Vorgänge der Außenwelt
oder an Zustände des eigenen Leibes. Zunächst sieht man in den Träumen nur eine
besondere Äußerung des Schlaflebens, und man spricht daher wohl überhaupt nur
von zwei Zuständen: Schlafen und Wachen. Für die Geheimwissenschaft aber hat
der Traum eine selbständige Bedeutung neben den beiden anderen Zuständen. Es
ist im vorigen Kapitel beschrieben worden, welche Veränderung in dem Traumleben
des Menschen vorgeht, der den Aufstieg zu höherer Erkenntnis unternimmt. Seine
Träume verlieren den bedeutungslosen, unregelmäßigen und zusammenhanglosen
Charakter und werden immer mehr und mehr zu einer regelerfüllten,
zusammenhängenden Welt. Bei weiterer Entwicklung gibt dann diese aus der
Traumwelt geborene neue Welt der äußeren sinnlichen Wirklichkeit nicht nur an
innerer Wahrheit nichts nach, sondern in ihr offenbaren sich Tatsachen, die im
vollen Sinne des Wortes eine höhere Wirklichkeit darstellen. In der sinnlichen Welt
sind nämlich überall Geheimnisse und Rätsel verborgen. Diese Welt zeigt wohl die
Wirkungen gewisser höherer Tatsachen; allein der Mensch, der seine
Wahrnehmung bloß auf seine Sinne beschränkt, kann nicht zu den Ursachen
dringen. Dem Geheimschüler offenbaren sich in dem geschilderten, aus dem
Traumleben herausgebildeten, aber keineswegs etwa bei ihm stehenbleibenden
Zustande diese Ursachen teilweise. – Er darf ja allerdings diese Offenbarungen so
lange nicht als wirkliche Erkenntnisse ansehen, als sich ihm noch nicht während des
gewöhnlichen wachen Lebens dieselben Dinge zeigen. Aber auch dazu gelangt er.
Er entwickelt sich dazu, den Zustand, den er erst aus dem Traumleben sich
geschaffen hat, in das wache Bewußtsein herüberzunehmen. Dann ist für ihn die
Sinnenwelt um etwas ganz Neues bereichert. Wie ein Mensch, der, blind geboren
und operiert, nach seinem Sehendwerden die Dinge der Umgebung um all die
Wahrnehmungen des Auges bereichert erkennt, so schaut der auf obige Art
hellsehend gewordene Mensch die ganze ihn umgebende Welt mit neuen
Eigenschaften, Dingen, Wesen und so weiter. Er braucht nunmehr nicht auf den
Traum zu warten, um in einer anderen Welt zu leben, sondern er kann sich zu
höherer Wahrnehmung immer, wenn es angemessen ist, in den geschilderten
Zustand versetzen. Bei ihm hat dann dieser Zustand eine ähnliche Bedeutung, wie
im gewöhnlichen Leben eine solche das Wahrnehmen der Dinge bei tätigen Sinnen
gegenüber dem bei nicht tätigen Sinnen hat. Man kann eben in wahrem Sinne
sagen: der Geheimschüler öffnet die Sinne seiner Seele, und er schaut die Dinge,
welche den leiblichen Sinnen verborgen blei ben müssen.
Dieser Zustand bildet nun nur einen Übergang zu noch höheren Stufen der
Erkenntnis des Geheimschülers. Setzt dieser die ihm bei seiner Geheimschulung
dienenden Übungen fort, so wird er nach angemessener Zeit finden, daß nicht nur
mit seinem Traumleben die beschriebene durchgreifende Veränderung vorgeht,
sondern daß sich die Verwandlung auch auf den vorher traumlosen tiefen Schlaf
ausdehnt. Er merkt, daß die völlige Bewußtlosigkeit, in welcher er sich früher
während dieses Schlafes befunden hat, unterbrochen wird von vereinzelten
bewußten Erlebnissen. Aus der allgemeinen Finsternis des Schlafes tauchen
Wahrnehmungen von einer Art auf, die er vorher nicht gekannt hat. Es ist natürlich
nicht leicht, diese Wahrnehmungen zu beschreiben, denn unsere Sprache ist ja nur
für die Sinneswelt geschaffen, und man kann daher nur annähernd Worte für das
finden, was gar nicht dieser Sinneswelt angehört. Doch muß man die Worte zur
Beschreibung der höheren Welten zunächst verwenden. Das kann nur dadurch
geschehen, daß vieles in Gleichnissen gesagt wird. Aber da alles in der Welt mit
anderem verwandt ist, so kann dies auch geschehen. Die Dinge und Wesen der
höheren Welten sind mit denen der Sinneswelt wenigstens so weit verwandt, daß
bei gutem Willen immerhin eine Vorstellung von diesen höheren Welten auch durch
die für die Sinneswelt gebräuchlichen Worte erzielt werden kann. Man muß sich nur
immer dessen bewußt bleiben, daß vieles bei solchen Beschreibungen
übersinnlicher Welten Gleichnis und Sinnbild sein muß. – Die Geheimschulung
selbst vollzieht sich daher nur zum Teil in den Worten der gewöhnlichen Sprache; im
übrigen lernt der Schüler zu seinem Aufstieg noch eine sich wie selbstverständlich
ergebende sinnbildliche Ausdrucksart. Man muß sie sich während der
Geheimschulung selbst aneignen. Dies hindert aber nicht, daß man auch durch
gewöhnliche Beschreibungen, wie sie hier gegeben werden, etwas über die Natur
der höheren Welten erfährt.
Will man eine Vorstellung geben von den oben erwähnten Erlebnissen, die zunächst
aus dem Meere der Bewußtlosigkeit während des tiefen Schlafes auftauchen, so
kann man sie am besten mit einer Art von Hören vergleichen. Von
wahrgenommenen Tönen und Worten kann man sprechen. Wie man die Erlebnisse
des Traumschlafes zutreffend als eine Art des Schauens im Vergleiche mit den
Wahrnehmungen der Sinne bezeichnen kann, so lassen sich die Tatsachen des
tiefen Schlafes mit den Eindrücken des Ohres vergleichen. (Als Zwischenbemerkung
soll nur gesagt werden, daß das Schauen auch für die geistigen Welten das Höhere
ist. Farben sind auch in dieser Welt etwas Höheres als Töne und Worte. Aber das,
was der Geheimschüler von dieser Welt bei seiner Schulung zuerst wahrnimmt, sind
eben noch nicht die höheren Farben, sondern die niederen Töne. Nur weil der
Mensch nach seiner allgemeinen Entwicklung für die Welt schon geeigneter ist, die
sich im Traumschlaf offenbart, nimmt er da sogleich die Farben wahr. Für die höhere
Welt, die sich im Tiefschlaf enthüllt, ist er noch weniger geeignet. Deshalb offenbart
sich diese ihm zunächst in Tönen und Worten; später kann er auch hier zu Farben
und Formen aufsteigen.)
Wenn nun der Geheimschüler merkt, daß er solche Erlebnisse im tiefen Schlafe hat,
dann ist es zunächst seine Aufgabe, sich dieselben so deutlich und klar wie möglich
zu machen. Anfangs fällt das sehr schwer; denn die Wahrnehmung des in diesem
Zustande Erlebten ist zunächst eine außerordentlich geringe. Man weiß nach dem
Erwachen wohl, daß man etwas erlebt hat; was es aber gewesen ist, darüber bleibt
man völlig im unklaren. Das Wichtigste während dieses Anfangszustandes ist, daß
man ruhig und gelassen bleibt und nicht einen Augenblick in irgendwelche Unruhe
und Ungeduld verfällt. Diese müßten unter allen Umständen nur schädlich wirken.
Vor allem können sie die weitere Entwicklung nie beschleunigen, sondern müssen
sie verzögern. Man muß sich ruhig sozusagen dem überlassen, was einem gegeben
oder geschenkt wird; alles Gewaltsame muß unterbleiben. Kann man in einem
Zeitpunkte Schlaferlebnisse nicht gewahrwerden, so warte man geduldig, bis dieses
möglich sein wird. Denn dieser Augenblick kommt gewiß einmal. Und war man
vorher geduldig und gelassen, so bleibt dann die Wahrnehmungsfähigkeit ein
sicherer Besitz, während sie bei einem gewaltsamen Vorgehen zwar einmal
auftreten, aber sich dann wieder für längere Zeit vollständig verlieren kann.
Ist die Wahrnehmungsfähigkeit einmal eingetreten und stehen einem die
Schlaferlebnisse vollkommen klar und deutlich vor dem Bewußtsein, dann hat man
auf folgendes die Aufmerksamkeit zu richten. Unter diesen Erlebnissen sind ganz
genau zweierlei Arten zu unterscheiden. Die eine Art wird ganz fremd sein
gegenüber all dem, was man vorher jemals kennengelernt hat. An diesen
Erlebnissen mag man zunächst seine Freude haben; man mag sich an ihnen
erbauen; aber man lasse sie im übrigen vorläufig auf sich beruhen. Sie sind die
ersten Vorboten der höheren geistigen Welt, in welcher man sich erst später
zurechtfinden wird. Die andere Art von Erlebnissen aber wird dem aufmerksamen
Betrachter eine gewisse Verwandtschaft mit der gewöhnlichen Welt zeigen, in
welcher er lebt. Worüber er während des Lebens nachdenkt, was er begreifen
möchte an den Dingen seiner Umgebung, aber mit dem gewöhnlichen Verstande
nicht begreifen kann, darüber geben ihm diese Schlaferlebnisse Aufschluß. Der
Mensch denkt während des Alltagslebens über das nach, was ihn umgibt. Er macht
sich Vorstellungen, um den Zusammenhang der Dinge zu begreifen. Er sucht das
durch Begriffe zu verstehen, was seine Sinne wahrnehmen. Auf solche
Vorstellungen und Begriffe beziehen sich die Schlaferlebnisse. Was früher dunkler,
schattenhafter Begriff war, gewinnt etwas Klangvolles, Lebendiges, das man eben
nur mit den Tönen und Worten der Sinneswelt vergleichen kann. Es wird dem
Menschen immer mehr so, wie wenn ihm die Lösung der Rätsel, über die er
nachdenken muß, aus einer höheren Welt in Tönen und Worten zugeraunt würde.
Und er vermag dann dasjenige, was ihm aus einer anderen Welt zukommt, mit dem
gewöhnlichen Leben zu verbinden. Was vorher nur sein Gedanke erreichen konnte,
ist jetzt für ihn Erlebnis, so lebendig und inhaltvoll wie nur irgendein Erlebnis der
Sinneswelt sein kann. Die Dinge und Wesen dieser Sinneswelt sind eben durchaus
nicht bloß das, als was sie der Sinneswahrnehmung erscheinen. Sie sind der
Ausdruck und Ausfluß einer geistigen Welt. Diese vorher verborgene Geisteswelt
tönt jetzt für den Geheimschüler aus seiner ganzen Umgebung heraus.
Es ist leicht einzusehen, daß ein Segen in dieser höheren Wahrnehmungsfähigkeit
für den Menschen nur dann liegen kann, wenn in den seelischen Sinnen, die sich
ihm eröffnet haben, alles in Ordnung ist, wie ja der Mensch auch seine
gewöhnlichen Sinneswerkzeuge zur wahren Beobachtung der Welt nur gebrauchen
kann, wenn sie gesetzmäßig eingerichtet sind. Nun bildet sich der Mensch selbst
diese höheren Sinne durch die Übungen, die ihm die Geheimschulung anweist. – Zu
diesen Übungen gehört die Konzentration, das ist das Richten der Aufmerksamkeit
auf ganz bestimmte mit den Weltgeheimnissen zusammenhängende Vorstellungen
und Begriffe. Und es gehört ferner dazu das Meditieren, das ist das Leben in
solchen Ideen, das vollkommene Versenken in dieselben in vorgeschriebener Art.
Durch Konzentrieren und Meditieren arbeitet der Mensch an seiner Seele. Er
entwickelt dadurch in ihr die seelischen Wahrnehmungsorgane. Während er den
Aufgaben der Konzentration und Meditation obliegt, wächst innerhalb seines Leibes
seine Seele, wie der Kindeskeim im Leibe der Mutter wächst. Und wenn dann
während des Schlafes die geschilderten einzelnen Erlebnisse eintreten, dann rückt
der Moment der Geburt heran für die freigewordene Seele, die dadurch buchstäblich
ein anderes Wesen geworden ist, das der Mensch in sich zur Keimung und Reifung
bringt. – Die Anstrengungen für das Konzentrieren und das Meditieren müssen
deshalb sorgfältige sein, und sie müssen genau eingehalten werden, weil sie ja die
Gesetze für die Keimung und das Reifwerden des gekennzeichneten höheren
Menschen-Seelenwesens sind. Und dieses muß bei seiner Geburt ein in sich
harmonischer, richtig gegliederter Organismus sein. Wird aber in den Vorschriften
etwas verfehlt, so kommt nicht ein solches gesetzmäßiges Lebewesen, sondern
eine Fehlgeburt auf geistigem Gebiet zustande, die nicht lebensfähig ist.
Daß die Geburt dieses höheren Seelenwesens zunächst im tiefen Schlafe erfolgt,
wird begreiflich erscheinen, wenn man bedenkt, daß der zarte, noch wenig
widerstandsfähige Organismus bei einem etwaigen Erscheinen während des
sinnlichen Alltagslebens durch die starken, harten Vorgänge dieses Lebens ja gar
nicht zur Geltung kommen könnte. Seine Tätigkeit käme nicht in Betracht gegenüber
der Tätigkeit des Leibes. Im Schlafe, wenn der Körper ruht, soweit seine Tätigkeit
von der sinnlichen Wahrnehmung abhängt, kann die im Anfang so zarte,
unscheinbare Tätigkeit der höheren Seele zum Vorschein kommen. –Wieder aber
muß beachtet werden, daß der Geheimschüler die Schlaferlebnisse so lange nicht
als vollgültige Erkenntnisse ansehen darf, solange er nicht imstande ist, die
erwachte höhere Seele auch in das Tagesbewußtsein herüberzunehmen. Ist er das
imstande, so vermag er auch zwischen und innerhalb der Tageserlebnisse die
geistige Welt nach ihrem Charakter wahrzunehmen, das heißt, er kann die
Geheimnisse seiner Umgebung seelisch als Töne und Worte erfassen.
Nun muß man sich auf dieser Stufe der Entwicklung klarwerden, daß man es ja
zunächst mit einzelnen mehr oder weniger unzusammenhängenden geistigen
Erlebnissen zu tun hat. Man muß sich daher hüten, sich aus ihnen irgendein
abgeschlossenes oder auch nur zusammenhängendes Erkenntnisgebäude
aufbauen zu wollen. Da müßten sich allerlei phantastische Vorstellungen und Ideen
in die Seelenwelt einmischen; und man könnte sich so sehr leicht eine Welt
zusammenbauen, die mit der wirklichen geistigen gar nichts zu tun hat. Strengste
Selbstkontrolle muß ja von dem Geheimschüler fortwährend geübt werden. Das
richtigste ist, über die einzelnen wirklichen Erlebnisse, die man hat, immer mehr und
mehr zur Klarheit zu kommen und abzuwarten, bis sich neue ergeben in völlig
ungezwungener Art, die sich wie von selbst mit den schon vorhandenen verbinden.
– Es tritt da nämlich bei dem Geheimschüler durch die Kraft der geistigen Welt, in
die er nun einmal gekommen ist, und bei Anwendung der entsprechenden Übungen
eine immer mehr um sich greifende Erweiterung des Bewußtseins im tiefen Schlafe
ein. Immer mehr Erlebnisse treten hervor aus der Bewußtlosigkeit und immer
kleinere Strecken des Schlaflebens werden bewußtlos sein. So schließen sich dann
die einzelnen Schlaferfahrungen eben immer mehr von selbst zusammen, ohne daß
dieser wahre Zusammenschluß durch allerlei Kombinationen und Schlußfolgerungen
gestört würde, die doch nur von dem an die Sinneswelt gewöhnten Verstande
herrühren würden. Je weniger aber von den Denkgewohnheiten dieser sinnlichen
Welt in unberechtigter Weise hineingemischt wird in die höheren Erlebnisse, desto
besser ist es. Verhält man sich so, dann nähert man sich immer mehr und mehr
derjenigen Stufe auf dem Wege zu höherer Erkenntnis, auf welcher Zustände, die
vorher nur unbewußt im Schlafleben vorhanden waren, in vollständig bewußte
umgewandelt werden. Man lebt dann, wenn der Körper ruht, ebenso in einer
Wirklichkeit, wie dies beim Wachen der Fall ist. Es wird überflüssig sein, zu
bemerken, daß während des Schlafes selbst zunächst man es mit einer anderen
Wirklichkeit zu tun hat, als die sinnliche Umgebung ist, in welcher sich der Körper
befindet. Man lernt ja und muß – um fest auf dem Boden der Sinneswelt
stehenzubleiben und nicht Phantast zu werden – lernen, die höheren
Schlaferlebnisse an die sinnliche Umgebung anzuknüpfen. Aber zunächst ist eben
die im Schlaf erlebte Welt eine vollkommen neue Offenbarung. – Man nennt in der
Geheimwissenschaft die wichtige Stufe, die in der Bewußtheit des Schlaflebens
besteht, die Kontinuität (Ununterbrochenheit) des Bewußtseins. [Was hier angedeutet
wird, ist für eine gewisse Stufe der Entwickelung eine Art «Ideal», das am Ende eines langen Weges
liegt. Was der Geheimschüler zunächst kennenlemt, sind die zwei Zustände: Bewußtsein bei einer
seelischen Verfassung, in welcher ihm vorher nur regellose Träume, und in einer solchen, in der nur
bewußtloser, traumloser Schlaf möglich war.]
Bei einem Menschen, der diese Stufe erreicht hat, hört das Erleben und Erfahren in
solchen Zeiten nicht auf, in denen der physische Leib ruht und der Seele keine
Eindrücke durch die Sinneswerkzeuge zugeführt werden.
DIE SPALTUNG DER PERSÖNLICHKEIT WAHREND DER GEISTESSCHULUNG
Während des Schlafes empfängt die menschliche Seele nicht die Mitteilungen von
seiten der physischen Sinneswerkzeuge. Die Wahrnehmungen der gewöhnlichen
Außenwelt fließen ihr in diesem Zustande nicht zu. Sie ist in Wahrheit in gewisser
Beziehung außerhalb des Teiles der menschlichen Wesenheit, des sogenannten
physischen Leibes, welcher im Wachen die Sinneswahrnehmungen und das Denken
vermittelt. Sie ist dann nur in Verbindung mit den feineren Leibern (dem Ätherleib
und dem Astralleib), welche sich der Beobachtung der physischen Sinne entziehen.
Aber die Tätigkeit dieser feineren Leiber hört im Schlafe nicht etwa auf. So wie der
physische Leib mit den Dingen und Wesen der physischen Welt in Verbindung steht,
wie er von ihnen Wirkungen empfängt und auf sie wirkt, so lebt die Seele in einer
höheren Welt. Und dieses Leben dauert während des Schlafes fort. Tatsächlich ist
die Seele während des Schlafes in voller Regsamkeit. Nur kann der Mensch von
dieser seiner eigenen Tätigkeit so lange nichts wissen, als er nicht geistige
Wahmehmungsorgane hat, durch welche er während des Schlafes ebensogut
beobachten kann, was um ihn herum vorgeht und was er selber treibt, wie er das mit
seinen gewöhnlichen Sinnen im Tagesleben für seine physische Umgebung kann.
Die Geheimschulung besteht (wie in den vorhergehenden Kapiteln gezeigt worden
ist) in der Ausbildung solcher geistigen Sinneswerkzeuge.
Verwandelt sich nun durch die Geheimschulung das Schlafleben des Menschen in
dem Sinne, wie es im vorigen Kapitel beschrieben worden ist, so kann er alles, was
in diesem Zustande um ihn herum vorgeht, bewußt verfolgen; er kann sich willkürlich
in seiner Umgebung zurechtfinden, wie das mit seinen Erlebnissen während des
wachen Alltagslebens durch die gewöhnlichen Sinne der Fall ist. Dabei ist allerdings
zu beachten, daß die Wahrnehmung der gewöhnlichen sinnlichen Umgebung schon
einen höheren Grad des Hellsehens voraussetzt. (Es ist darauf schon im vorigen
Kapitel hingedeutet worden.) Im Beginn der Entwicklung nimmt der Geheimschüler
nur Dinge wahr, die einer anderen Welt angehören, ohne deren Zusammenhang mit
den Gegenständen seiner alltäglichen sinnlichen Umgebung bemerken zu können.
Was an so charakteristischen Beispielen des Traum- und Schlaflebens anschaulich
wird, findet fortwährend beim Menschen statt. Die Seele lebt ohne Unterbrechung in
höheren Welten und ist innerhalb der letzteren tätig. Sie schöpft aus diesen höheren
Welten heraus die Anregungen, durch welche sie immerwährend auf den
physischen Leib wirkt. Nur bleibt für den Menschen dieses sein höheres Leben
unbewußt. Der Geheimschüler aber bringt es zum Bewußtsein. Dadurch wird sein
Leben überhaupt ein anderes. Solange die Seele nicht im höheren Sinne sehend ist,
wird sie von übergeordneten Weltwesen geführt. Und wie das Leben eines Blinden,
der durch Operation sehend geworden ist, ein anderes wird, als es vorher war, da er
sich auf seine Führerschaft verlassen mußte, so ändert sich das Leben des
Menschen durch die Geheimschulung. Er wird der Führerschaft entwachsen und
muß fortan seine Leitung selbst übernehmen. Sobald dies eintritt, ist er, wie
begreiflich, Irrtümern unterworfen, von denen das gewöhnliche Bewußtsein nichts
ahnt. Er handelt jetzt aus einer Welt heraus, aus der ihn früher höhere Gewalten,
ihm selbst unbewußt, beeinflußten. Diese höheren Gewalten sind durch die
allgemeine Weltharmonie geordnet. Aus dieser Weltharmonie tritt der
Geheimschüler heraus. Er hat nunmehr selbst Dinge zu tun, die vorher für ihn ohne
sein Zutun vollzogen worden sind.
Weil dies letztere der Fall ist, deshalb wird in den Schriften, die von solchen Dingen
handeln, viel von den Gefahren gesprochen, welche mit dem Aufstieg in die höheren
Welten verbunden sind. Die Schilderungen, die da zuweilen von solchen Gefahren
gemacht werden, sind wohl geeignet, ängstliche Gemüter nur mit Schaudern auf
dieses höhere Leben blicken zu lassen. Doch muß gesagt werden, daß diese
Gefahren nur dann vorhanden sind, wenn die notwendigen Vorsichtsmaßregeln
außer acht gelassen werden. Wenn dagegen wirklich alles beachtet wird, was wahre
Geheimschulung als Ratschläge an die Hand gibt, dann erfolgt der Aufstieg zwar
durch Erlebnisse hindurch, die an Gewalt und Größe alles überragen, was die
kühnste Phantasie des Sinnesmenschen sich ausmalen kann; aber von einer
Beeinträchtigung der Gesundheit oder des Lebens kann nicht die Rede sein. Der
Mensch lernt grausige, das Leben an allen Ecken und Enden bedrohende Gewalten
kennen. Es wird ihm möglich, sich selbst gewisser Kräfte und Wesen zu bedienen,
welche der sinnlichen Wahrnehmung entzogen sind. Und die Versuchung ist groß,
sich dieser Kräfte im Dienste eines eigenen unerlaubten Interesses zu bemächtigen
oder aus mangelnder Erkenntnis der höheren Welten in irrtümlicher Weise solche
Kräfte zu verwenden. Einige von solchen besonders bedeutsamen Erlebnissen (zum
Beispiel die Begegnung mit dem «Hüter der Schwelle») sollen noch in diesen
Aufsätzen geschildert werden. – Aber man muß doch bedenken, daß die lebensfeindlichen
Mächte auch dann vorhanden sind, wenn man sie nicht kennt. Wahr ist
allerdings, daß dann deren Verhältnis zum Menschen von höheren Kräften bestimmt
wird und daß dieses Verhältnis sich auch ändert, wenn der Mensch mit Bewußtsein
in diese ihm vorher verborgene Welt eintritt. Aber es wird dafür auch sein eigenes
Dasein gesteigert, sein Lebenskreis um ein ungeheures Feld bereichert. Eine
wirkliche Gefahr liegt nur dann vor, wenn der Geheimschüler durch Ungeduld oder
Unbescheidenheit sich gegenüber den Erfahrungen der höheren Welt zu früh eine
gewisse Selbständigkeit beimißt, wenn er nicht abwarten kann, bis ihm die
zureichende Einsicht in die übersinnlichen Gesetze wirklich zuteil wird. Auf diesem
Gebiete sind eben Demut und Bescheidenheit noch viel weniger leere Worte als im
gewöhnlichen Leben. Sind diese aber dem Schüler im allerbesten Sinne eigen, so
kann er sicher sein, daß sich sein Aufstieg ins höhere Leben gefahrlos für alles das
vollzieht, was man gewöhnlich Gesundheit und Leben nennt. – Vor allen Dingen darf
keine Disharmonie aufkommen zwischen den höheren Erlebnissen und den
Vorgängen und Anforderungen des alltäglichen Lebens. Des Menschen Aufgabe ist
durchaus auf dieser Erde zu suchen. Und wer den Aufgaben auf dieser Erde sich
entziehen und in eine andere Welt flüchten will, der mag sicher sein, daß er sein Ziel
nicht erreicht. – Aber was die Sinne wahrnehmen, ist nur ein Teil der Welt. Und im
Geistigen liegen die Wesenheiten, welche sich in den Tatsachen der sinnlichen Welt
ausdrücken. Man soll teilhaftig werden des Geistes, damit man seine Offenbarungen
in die Sinneswelt hineintragen kann. Der Mensch gestaltet die Erde um, indem er ihr
einpflanzt, was er von dem Geisterlande her erkundet. Darinnen liegt seine Aufgabe.
Nur weil die sinnliche Erde von der geistigen Welt abhängt, weil man wahrhaftig auf
der Erde nur wirken kann, wenn man Teilhaber an jenen Welten ist, in denen die
schaffenden Kräfte verborgen sind, deshalb soll man zu diesen letzteren aufsteigen
wollen. Tritt man mit dieser Gesinnung an die Geheimschulung heran und weicht
man keinen Augenblick von der dadurch vorgezeichneten Richtung ab, dann hat
man nicht die allergeringsten Gefahren zu befürchten. Niemand sollte sich von den
in Aussicht stehenden Gefahren von der Geheimschulung abhalten lassen; für einen
jeden aber sollte diese Aussicht eine strenge Aufforderung sein, sich durchaus jene
Eigenschaften anzueignen, welche der wahre Geheimschü1er haben soll.
Nach diesen Voraussetzungen, die wohl alles Schreckhafte beseitigen, soll nun hier
an die Schilderung einiger sogenannter «Gefahren» geschritten werden. Große
Veränderungen gehen allerdings mit den obengenannten feineren Leibern beim
Geheimschüler vor sich. Solche Veränderungen hängen mit gewissen
Entwicklungsvorgängen der drei Grundkräfte der Seele, mit Wollen, Fühlen und
Denken zusammen. Diese drei Kräfte stehen vor der Geheimschulung des
Menschen in einer ganz bestimmten, durch höhere Weltgesetze geregelten
Verbindung. Nicht in beliebiger Weise will, fühlt oder denkt der Mensch. Wenn zum
Beispiel eine bestimmte Vorstellung im Bewußtsein auftaucht, so schließt sich an sie
nach natürlichen Gesetzen ein gewisses Gefühl oder es folgt auf sie ein
gesetzmäßig mit ihr zusammenhängender Willensentschluß. Man betritt ein Zimmer,
findet es dumpfig und öffnet die Fenster. Man hört seinen Namen rufen und folgt
dem Rufe. Man wird gefragt und gibt Antwort. Man sieht ein übelriechendes Ding
und bekommt ein Gefühl von Unlust. Das sind einfache Zusammenhänge zwischen
Denken, Fühlen und Wollen. Wenn man aber das menschliche Leben überschaut,
so wird man finden, daß sich alles in diesem Leben auf solche Zusammenhänge
aufbaut. Ja, man bezeichnet das Leben eines Menschen nur dann als ein
«normales», wenn man in demselben eine solche Verbindung von Denken, Fühlen
und Wollen bemerkt, die in den Gesetzen der menschlichen Natur begründet liegt.
Man fände es diesen Gesetzen widersprechend, wenn ein Mensch zum Beispiel
beim Anblick eines übelriechenden Gegenstandes ein Lustgefühl empfände oder
wenn er auf Fragen nicht antwortete. Die Erfolge, die man sich von einer richtigen
Erziehung oder einem angemessenen Unterricht verspricht, beruhen darauf, daß
man voraussetzt, man könne eine der menschlichen Natur entsprechende
Verbindung zwischen Denken, Fühlen und Wollen beim Zögling herstellen. Wenn
man diesem gewisse Vorstellungen beibringt, so tut man es in der Annahme, daß
sie später mit seinen Gefühlen und Willensentschlüssen in gesetzmäßige
Verbindungen eingehen. – Alles das rührt davon her, daß in den feineren
Seelenleibern des Menschen die Mittelpunkte der drei Kräfte, des Denkens, Fühlens
und Wollens, in einer gesetzmäßigen Art miteinander verbunden sind. Und diese
Verbindung in dem feineren Seelenorganismus hat auch ihr Abbild in dem groben
physischen Körper. Auch in diesem stehen die Organe des Wollens in einer
gewissen gesetzmäßigen Verbindung mit denen des Denkens und Fühlens. Ein
bestimmter Gedanke ruft regelmäßig daher ein Gefühl oder eine Willenstätigkeit
hervor. – Bei der höheren Entwicklung des Menschen werden nun die Fäden,
welche die drei Grundkräfte miteinander verbinden, unterbrochen. Zuerst geschieht
diese Unterbrechung nur in dem charakterisierten feineren Seelenorganismus; bei
noch höherem Aufstieg aber erstreckt sich die Trennung auch auf den physischen
Körper. (Es zerfällt bei der höheren geistigen Entwicklung des Menschen tatsächlich
zum Beispiel sein Gehirn in drei voneinander getrennte Glieder. Die Trennung ist
allerdings eine solche, daß sie für die gewöhnliche sinnliche Anschauung nicht
wahrnehmbar und auch durch die schärfsten sinnlichen Instrumente nicht
nachweisbar ist. Aber sie tritt ein, und der Hellseher hat Mittel, sie zu beobachten.
Das Gehirn des höheren Hellsehers zerfällt in drei selbständig wirkende
Wesenheiten: das Denk-, Fühl- und Willensgehirn.)
Die Organe des Denkens, Fühlens und Wollens stehen sodann ganz frei für sich da.
Und ihre Verbindung wird nunmehr durch keine ihnen selbst eingepflanzten Gesetze
hergestellt, sondern muß durch das erwachte höhere Bewußtsein des Menschen
selbst besorgt werden. – Das ist nämlich die Veränderung, welche der
Geheimschüler an sich bemerkt, daß kein Zusammenhang zwischen einer
Vorstellung und einem Gefühl oder einem Gefühl und einem Willensentschluß und
so weiter sich einstellt, wenn er nicht selbst einen solchen schafft. Kein Antrieb führt
ihn von einem Gedanken zu einer Handlung, wenn er diesen Antrieb nicht frei in sich
bewirkt. Er kann nunmehr völlig gefühllos vor einer Tatsache stehen, die ihm vor
seiner Schulung glühende Liebe oder ärgsten Haß eingeflößt hat; er kann untätig
bleiben bei einem Gedanken, der ihn vorher zu einer Handlung wie von selbst
begeistert hat. Und er kann Taten verrichten aus Willensentschlüssen heraus, für
welche bei einem nicht durch die Geheimschulung hindurchgegangenen Menschen
auch nicht die geringste Veranlassung vorliegt. Die große Errungenschaft, welche
dem Geheimschüler zuteil wird, ist, daß er die vollkommene Herrschaft erlangt über
das Zusammenwirken der drei Seelenkräfte; aber dieses Zusammenwirken wird
dafür auch vollständig in seine eigene Verantwortlichkeit gestellt.
Erst durch diese Umwandlung seines Wesens kann der Mensch in bewußte
Verbindung treten mit gewissen übersinnlichen Kräften und Wesenheiten. Denn es
haben seine eigenen Seelenkräfte zu gewissen Grundkräften der Welt
entsprechende Verwandtschaft. Die Kraft zum Beispiel, die im Willen liegt, kann auf
bestimmte Dinge und Wesenheiten der höheren Welt wirken und diese auch
wahrnehmen. Aber sie kann das erst dann, wenn sie frei geworden ist von ihrer
Verbindung mit dem Fühlen und Denken innerhalb der Seele. Sobald diese
Verbindung gelöst ist, tritt die Wirkung des Willens nach außen hervor. Und so ist es
auch mit den Kräften des Denkens und Fühlens. Wenn mir ein Mensch ein
Haßgefühl zusendet, so ist dieses für den Hellseher sichtbar als eine feine
Lichtwolke von bestimmter Färbung. Und ein solcher Hellseher kann dieses
Haßgefühl abwehren, wie der Sinnesmensch einen physischen Schlag abwehrt, der
gegen ihn geführt wird. Der Haß wird in der übersinnlichen Welt eine anschaubare
Erscheinung. Aber nur dadurch kann ihn der Hellseher wahrnehmen, daß er die
Kraft, die in seinem Gefühle liegt, nach außen zu senden vermag, wie der
Sinnesmensch die Empfänglichkeit seines Auges nach außen richtet. Und so wie mit
dem Haß ist es mit weit bedeutungsvolleren Tatsachen der sinnlichen Welt. Der
Mensch kann mit ihnen in bewußten Verkehr treten durch die Freilegung der
Grundkräfte seiner Seele.
Durch die geschilderte Trennung der Kräfte des Denkens, Fühlens und Wollens ist
nun, bei Außerachtlassung der geheimwissenschaftlichen Vorschriften, eine
dreifache Verirrung auf dem Entwicklungsgange des Menschen möglich. Eine
solche kann eintreten, wenn die Verbindungsbahnen zerstört werden, bevor das
höhere Bewußtsein mit seiner Erkenntnis so weit ist, daß es die Zügel, die ein freies
harmonisches Zusammenwirken der getrennten Kräfte herstellen, ordentlich zu
führen vermag. – Denn in der Regel sind nicht alle drei Grundkräfte des Menschen
in einem bestimmten Lebensabschnitt gleich weit in ihrer Entwicklung
vorgeschritten. Bei dem einen Menschen ist das Denken dem Fühlen und Wollen
vorangeschritten, bei einem zweiten hat eine andere Kraft die Oberhand über ihre
Genossen. Solange nun der durch die höheren Weltgesetze hergestellte
Zusammenhang der Kräfte aufrechterhalten bleibt, kann durch das Hervorstechen
der einen oder der anderen keine im höheren Sinne störende Unregelmäßigkeit
eintreten. Beim Willensmenschen zum Beispiel wirken Denken und Gefühl durch
jene Gesetze doch ausgleichend, und sie verhindern, daß der überwiegende Wille in
besondere Ausartungen verfällt. Tritt ein solcher Willensmensch aber in die
Geheimschulung ein, so hört der gesetzmäßige Einfluß von Gefühl und Gedanke auf
den zu ungeheuren Kraftleistungen unausgesetzt drängenden Willen vollständig auf.
Ist dann der Mensch in der vollkommenen Beherrschung des höheren Bewußtseins
nicht so weit, daß er selbst die Harmonie hervorrufen kann, so geht der Wille seine
eigenen zügellosen Wege. Er überwältigt fortwährend seinen Träger. Gefühl und
Denken fallen einer vollkommenen Machtlosigkeit anheim; der Mensch wird durch
die ihn sklavisch beherrschende Willensmacht gepeitscht. Eine Gewaltnatur, die von
einer zügellosen Handlung zur anderen schreitet, ist entstanden. – Ein zweiter
Abweg entsteht, wenn das Gefühl in einer maßlosen Art sich von den
gesetzmäßigen Zügeln befreit. Eine zur Verehrung anderer Menschen neigende
Person kann sich dann in grenzenlose Abhängigkeit bis zum Verluste jedes eigenen
Willens und Gedankens begeben. Statt höherer Erkenntnis ist dann die
erbarmungswürdigste Aushöhlung und Kraftlosigkeit das Los einer solchen
Persönlichkeit. – Oder es kann bei solch überwiegendem Gefühlsleben eine zu
Frömmigkeit und religiöser Erhebung neigende Natur in eine sie ganz hinreißende
Religionsschwelgerei verfallen. – Das dritte Übel bildet sich, wenn das Denken
überwiegt. Dann tritt eine lebensfeindliche, in sich verschlossene Beschaulichkeit
auf. Für solche Menschen scheint dann die Welt nur mehr insoweit Bedeutung zu
haben, als sie ihnen Gegenstände liefert zur Befriedigung ihrer ins Grenzenlose
gesteigerten Weisheitsgier. Sie werden durch keinen Gedanken zu einer Handlung
oder einem Gefühl angeregt. Sie treten überall als teilnahmslose, kalte Naturen auf.
Jede Berührung mit Dingen der alltäglichen Wirklichkeit fliehen sie wie etwas, das
ihnen Ekel erregt oder das wenigstens für sie alle Bedeutung verloren hat.
Das sind die drei Irrpfade, auf welche der Geheimschüler geraten kann: das
Gewaltmenschentum, die Gefühlsschwelgerei, das kalte lieblose Weisheitsstreben.
Für eine äußerliche Betrachtungsweise – auch für die materialistische der
Schulmedizin – unterscheidet sich das Bild eines solchen auf Abwegen befindlichen
Menschen, vor allen Dingen dem Grade nach, nicht viel von demjenigen eines
Irrsinnigen oder wenigstens einer schwer «nervenkranken Person». Ihnen darf
natürlich der Geheimschüler nicht gleichen. Es kommt bei ihm darauf an, daß
Denken, Fühlen, Wollen, die drei Grundkräfte der Seele, eine harmonische
Entwicklung durchgemacht haben, bevor sie aus der ihnen eingepflanzten
Verbindung gelöst und dem erwachten höheren Bewußtsein unterstellt werden
können. – Denn ist einmal der Fehler geschehen, ist eine Grundkraft der
Zügellosigkeit anheimgefallen, so tritt die höhere Seele zunächst als eine Fehlgeburt
zutage. Die ungebändigte Kraft füllt dann die ganze Persönlichkeit des Menschen
aus; und für lange ist nicht daran zu denken, daß alles wieder ins Gleichgewicht
kommt. Was als eine harmlose Charakterveranlagung erscheint, solange der
Mensch ohne Geheimschulung ist, nämlich ob er eine Willens-, Gefühls- oder
Denkernatur ist, das steigert sich beim Geheimschüler so, daß sich das zum Leben
notwendige Allgemeinmenschliche demgegenüber ganz verliert. – Zu einer wirklich
ernsten Gefahr wird das allerdings erst in dem Augenblicke, in welchem der Schüler
die Fähigkeit erlangt, Erlebnisse wie im Schlafbewußtsein so auch im wachen
Zustande vor sich zu haben. Solange es bei der bloßen Erhellung der Schlafpausen
verbleibt, wirkt während des Wachzustandes das von den allgemeinen
Weltgesetzen geregelte Sinnesleben immer wieder ausgleichend auf das gestörte
Gleichgewicht der Seele zurück. Deshalb ist es so notwendig, daß das Wachleben
des Geheimschülers in jeder Richtung ein regelmäßiges, gesundes sei. Je mehr er
den Anforderungen entspricht, welche die äußere Welt an eine gesunde, kräftige
Gestaltung von Leib, Seele und Geist stellt, desto besser ist es für ihn. Schlimm
dagegen kann es für ihn werden, wenn das alltägliche Wachleben aufregend oder
aufreibend auf ihn wirkt, wenn also zu den größeren Veränderungen, die in seinem
Inneren vorgehen, irgendwelche zerstörende oder hemmende Einflüsse des
äußeren Lebens hinzutreten. Er soll alles aufsuchen, was seinen Kräften
entsprechend ist und was ihn in ein ungestörtes, harmonisches Zusammenleben mit
seiner Umgebung hineinbringt. Und er soll alles vermeiden, was dieser Harmonie
Eintrag tut, was Unruhe und Hast in sein Leben bringt. Dabei kommt es weniger
darauf an, diese Unruhe und Hast sich in einem äußerlichen Sinne abzuwälzen, als
vielmehr darauf, zu sorgen, daß die Stimmung, die Absichten und Gedanken und die
Gesundheit des Leibes darunter nicht fortwährenden Schwankungen ausgesetzt
werden. – All das fällt dem Menschen während seiner Geheimschulung nicht so
leicht wie vorher. Denn die höheren Erlebnisse, die nunmehr in sein Leben
hineinspielen, wirken ununterbrochen auf sein ganzes Dasein. Ist innerhalb dieser
höheren Erlebnisse etwas nicht in Ordnung, so lauert die Unregelmäßigkeit
unausgesetzt und kann ihn bei jeder Gelegenheit aus den geordneten Bahnen
herauswerfen. Deshalb darf der Geheimschüler nichts unterlassen, was ihm stets
die Herrschaft über sein ganzes Wesen sichert. Nie sollte ihm Geistesgegenwart
oder ein ruhiges Überblicken aller in Betracht kommenden Situationen des Lebens
mangeln. Aber eine echte Geheimschulung erzeugt im Grunde alle diese
Eigenschaften durch sich selbst. Und man lernt während einer solchen die Gefahren
nur kennen, indem man zugleich in den richtigen Augenblicken die volle Macht
erlangt, sie aus dem Felde zu schlagen.
DER HÜTER DER SCHWELLE
Wichtige Erlebnisse beim Erheben in die höheren Welten sind die Begegnungen mit
dem «Hüter der Schwelle». Es gibt nicht nur einen, sondern im wesentlichen zwei,
einen «kleineren» und einen «größeren» «Hüter der Schwelle». Dem ersteren
begegnet der Mensch dann, wenn sich die Verbindungsfäden zwischen Willen,
Denken und Fühlen innerhalb der feineren Leiber (des Astral- und Ätherleibes) so zu
lösen beginnen, wie das im vorigen Kapitel gekennzeichnet worden ist. Dem
«größeren Hüter der Schwelle» tritt der Mensch gegenüber, wenn sich die Auflösung
der Verbindungen auch auf die physischen Teile des Leibes (namentlich zunächst
das Gehirn) erstreckt.
Der «kleinere Hüter der Schwelle» ist ein selbständiges Wesen. Dieses ist für den
Menschen nicht vorhanden, bevor die entsprechende Entwicklungsstufe von ihm
erreicht ist. Nur einige der wesentlichsten Eigentümlichkeiten desselben können hier
verzeichnet werden.
Es soll zunächst versucht werden, in erzählender Form die Begegnung des
Geheimschülers mit dem Hüter der Schwelle darzustellen. Erst durch diese
Begegnung wird der Schüler gewahr, daß Denken, Fühlen und Wollen bei ihm sich
aus ihrer ihnen eingepflanzten Verbindung gelöst haben.
Ein allerdings schreckliches, gespenstisches Wesen steht vor dem Schüler. Dieser
hat alle Geistesgegenwart und alles Vertrauen in die Sicherheit seines
Erkenntnisweges notwendig, die er sich während seiner bisherigen
Geheimschülerschaft aber hinlänglich aneignen konnte.
Der «Hüter» gibt seine Bedeutung etwa in folgenden Worten kund: «Über dir
walteten bisher Mächte, welche dir unsichtbar waren. Sie bewirkten, daß während
deiner bisherigen Lebensläufe jede deiner guten Taten ihren Lohn und jede deiner
üblen Handlungen ihre schlimmen Folgen hatten. Durch ihren Einfluß baute sich
dein Charakter aus deinen Lebenserfahrungen und aus deinen Gedanken auf. Sie
verursachten dein Schicksal. Sie bestimmten das Maß von Lust und Schmerz, das
dir in einer deiner Verkörperungen zugemessen war, nach deinem Verhalten in
früheren Verkörperungen. Sie herrschten über dir in Form des allumfassenden
Karmagesetzes. Diese Mächte werden nun einen Teil ihrer Zügel von dir loslösen.
Und etwas von der Arbeit, die sie an dir getan haben, mußt du nun selbst tun. Dich
traf bisher mancher schwere Schicksalsschlag. Du wußtest nicht warum? Es war die
Folge einer schädlichen Tat in einem deiner vorhergehenden Lebensläufe. Du
fandest Glück und Freude und nahmest sie hin. Auch sie waren die Wirkung früherer
Taten. Du hast in deinem Charakter manche schöne Seiten, manche häßliche
Flecken. Du hast beides selbst verursacht durch vorhergehende Erlebnisse und
Gedanken. Du hast bisher die letzteren nicht gekannt; nur die Wirkungen waren dir
offenbar. Sie aber, die karmischen Mächte, sahen alle deine vormaligen
Lebenstaten, deine verborgensten Gedanken und Gefühle. Und sie haben danach
bestimmt, wie du jetzt bist und wie du jetzt lebst.
Nun aber sollen dir selbst offenbar werden alle die guten und alle die schlimmen
Seiten deiner vergangenen Lebensläufe. Sie waren bis jetzt in deine eigene
Wesenheit hineinverwoben, sie waren in dir, und du konntest sie nicht sehen, wie du
physisch dein eigenes Gehirn nicht sehen kannst. Jetzt aber lösen sie sich von dir
los, sie treten aus deiner Persönlichkeit heraus. Sie nehmen eine selbständige
Gestalt an, die du sehen kannst, wie du die Steine und Pflanzen der Außenwelt
siehst. Und – ich bin es selbst, die Wesenheit, die sich einen Leib gebildet hat aus
deinen edlen und deinen üblen Verrichtungen. Meine gespenstige Gestalt ist aus
dem Kontobuche deines eigenen Lebens gewoben. Unsichtbar hast du mich bisher
in dir selbst getragen. Aber es war wohltätig für dich, daß es so war. Denn die
Weisheit deines dir verborgenen Geschickes hat deshalb auch bisher an der
Auslöschung der häßlichen Flecken in meiner Gestalt in dir gearbeitet. Jetzt, da ich
aus dir herausgetreten bin, ist auch diese verborgene Weisheit von dir gewichen.
Sie wird sich fernerhin nicht mehr um dich kümmern. Sie wird die Arbeit dann nur in
deine eigenen Hände legen. Ich muß zu einer in sich vollkommenen, herrlichen
Wesenheit werden, wenn ich nicht dem Verderben anheimfallen soll. Und geschähe
das letztere, so würde ich auch dich selbst mit mir hinabziehen in eine dunkle,
verderbte Welt. – Deine eigene Weisheit muß nun, wenn das letztere verhindert
werden soll, so groß sein, daß sie die Aufgabe jener von dir gewichenen
verborgenen Weisheit übernehmen kann. – Ich werde, wenn du meine Schwelle
überschritten hast, keinen Augenblick mehr als dir sichtbare Gestalt von deiner Seite
weichen. Und wenn du fortan Unrichtiges tust oder denkst, so wirst du sogleich
deine Schuld als eine häßliche, dämonische Verzerrung an dieser meiner Gestalt
wahrnehmen. Erst wenn du all dein vergangenes Unrichtiges gutgemacht und dich
so geläutert hast, daß dir weiter Übles ganz unmöglich ist, dann wird sich mein
Wesen in leuchtende Schönheit verwandelt haben. Und dann werde ich mich zum
Heile deiner ferneren Wirksamkeit wieder mit dir zu einem Wesen vereinigen
können.
Meine Schwelle aber ist gezimmert aus einem jeglichen Furchtgefühl, das noch in
dir ist, und aus einer jeglichen Scheu vor der Kraft, die volle Verantwortung für all
dein Tun und Denken selbst zu übernehmen. Solange du noch irgendeine Furcht vor
der selbsteigenen Lenkung deines Geschickes hast, so lange ist in diese Schwelle
nicht alles hineingebaut, was sie erhalten muß. Und solange ihr ein einziger
Baustein noch fehlt, so lange müßtest du wie gebannt an dieser Schwelle
stehenbleiben oder stolpern. Versuche nicht früher diese Schwelle zu überschreiten,
bis du ganz frei von Furcht und bereit zu höchster Verantwortlichkeit dich fühlst.
Bisher trat ich nur aus deiner eigenen Persönlichkeit heraus, wenn der Tod dich von
einem irdischen Lebenslauf abberief. Aber auch da war meine Gestalt dir
verschleiert. Nur die Schicksalsmächte, welche über dir walteten, sahen mich und
konnten, nach meinem Aussehen, in den Zwischenpausen zwischen dem Tode und
einer neuen Geburt, dir Kraft und Fähigkeit ausbilden, damit du in einem neuen
Erdenleben an der Verschönerung meiner Gestalt zum Heile deines Fortkommens
arbeiten konntest. Ich selbst war es auch, dessen Unvollkommenheit die
Schicksalsmächte immer wieder dazu zwang, dich in eine neue Verkörperung auf
die Erde zurückzuführen. Starbest du, so war ich da; und meinetwegen bestimmten
die Lenker des Karma deine Wiedergeburt. Erst wenn du durch immer wieder
erneuerte Leben in dieser Art mich unbewußt ganz zur Vollkommenheit
umgeschaffen gehabt hättest, wärest du nicht den Todesmächten verfallen, sondern
du hättest dich ganz mit mir vereint und wärest in Einheit mit mir in die
Unsterblichkeit hinübergegangen.
So stehe ich heute sichtbar vor dir, wie ich stets unsichtbar neben dir in der
Sterbestunde gestanden habe. Wenn du meine Schwelle überschritten haben wirst,
so betrittst du die Reiche, die du sonst nach dem physischen Tode betreten hast. Du
betrittst sie mit vollem Wissen und wirst fortan, indem du äußerlich sichtbar auf
Erden wandelst, zugleich im Reiche des Todes, das ist aber im Reiche des ewigen
Lebens, wandeln. Ich bin wirklich auch der Todesengel; aber ich, ich bin zugleich
der Bringer eines nie versiegenden höheren Lebens. Beim lebendigen Leibe wirst du
durch mich sterben, um die Wiedergeburt zum unzerstörbaren Dasein zu erleben.
Das Reich, das du nunmehr betrittst, wird dich bekannt machen mit Wesen
übersinnlicher Art. Die Seligkeit wird dein Anteil in diesem Reiche sein. Aber die
erste Bekanntschaft mit dieser Welt muß ich selbst sein, ich, der ich dein eigenes
Geschöpf bin. Früher lebte ich von deinem eigenen Leben; aber jetzt bin itlh durch
dich zu einem eigenen Dasein erwacht und stehe vor dir als sichtbares Richtmaß
deiner künftigen Taten, vielleicht auch als dein immerwährender Vorwurf. Du
konntest mich schaffen; aber du hast damit auch zugleich die Pflicht übernommen,
mich umzuschaffen.»
Was hier, in eine Erzählung gekleidet, angedeutet ist, hat man sich nicht etwa als
etwas Sinnbildliches vorzustellen, sondern als ein im höchsten Grade wirkliches
Erlebnis des Geheimschülers. [Es ist aus obigem klar, daß der geschilderte «Hüter der
Schwelle» eine solche (astrale) Gestalt ist, welche dem erwachenden höheren Schauen des
Geheimschülers sich offenbart. Und zu dieser übersinnlichen Begegnung führt die
Geheimwissenschaft. Es ist eine Verrichtung niederer Magie, den «Hüter der Schwelle» auch sinnlich
sichtbar zu machen. Dabei handelte es sich um die Herstellung einer Wolke feinen Stoffes, eines
Räucherwerkes, das aus einer Reihe von Stoffen in bestimmter Mischung hergestellt wird. Die
entwickelte Kraft des Magiers ist dann imstande, gestaltend auf das Räucherwerk zu wirken und
dessen Substanz mit dem noch unausgeglichenen Karma des Menschen zu beleben. – Wer
genügend vorbereitet für das höhere Schauen ist, braucht dergleichen sinnliche Anschauung nicht
mehr; und wem sein noch unausgeglichenes Karma ohne genügende Vorbereitung als sinnlich
lebendiges Wesen vor Augen träte, der liefe Gefahr, in schlimme Abwege zu geraten. Er sollte nicht
danach streben. In Bulwers «Zanoni» wird romanhaft eine Darstellung dieses «Hüters der Schwelle»
gegeben.]
Der Hüter soll ihn warnen, ja nicht weiter zu gehen, wenn er nicht die Kraft in sich
fühlt, den Forderungen zu entsprechen, die in der obigen Anrede enthalten sind. So
schrecklich die Gestalt dieses Hüters auch ist, sie ist doch nur die Wirkung des
eigenen vergangenen Lebens des Schülers, ist nur sein eigener Charakter, zu
selbständigem Leben außer ihm erweckt. Und diese Erweckung geschieht durch die
Auseinanderlösung von Wille, Denken und Gefühl. – Schon das ist ein Erlebnis von
tief bedeutungsvoller Art, daß man zum ersten Male fühlt, man habe einem geistigen
Wesen selbst den Ursprung gegeben. – Es muß nun die Vorbereitung des
Geheimschülers dahin zielen, daß er ohne eine jegliche Scheu den schrecklichen
Anblick aushält und daß er im Augenblicke der Begegnung seine Kraft wirklich so
gewachsen fühlt, daß er es auf sich nehmen kann, die Verschönung des «Hüters»
mit vollem Wissen auf sich zu laden.
Eine Folge der glücklich überstandenen Begegnung mit dem «Hüter der Schwelle»
ist, daß der nächste physische Tod dann für den Geheimschüler ein ganz anderes
Ereignis ist, als vorher die Tode waren. Er erlebt bewußt das Sterben, indem er den
physischen Körper ablegt, wie man ein Kleid ablegt, das abgenutzt oder vielleicht
auch durch einen plötzlichen Riß unbrauchbar geworden ist. Dieser sein physischer
Tod ist dann sozusagen eine erhebliche Tatsache nur für die anderen, welche mit
ihm leben und die mit ihren Wahrnehmungen noch ganz auf die Sinnenwelt
beschränkt sind. Für sie «stirbt» der Geheimschüler. Für ihn ändert sich nichts von
Bedeutung in seiner ganzen Umgebung. Die ganze übersinnliche Welt, in die er
eingetreten ist, stand vor dem Tode schon in entsprechender Art vor ihm, und
dieselbe Welt wird auch nach dem Tode vor ihm stehen. Nun hängt der «Hüter der
Schwelle» aber noch mit anderem zusammen. Der Mensch gehört einer Familie,
einem Volke, einer Rasse an; sein Wirken in dieser Welt hängt von seiner
Zugehörigkeit zu einer solchen Gesamtheit ab. Auch sein besonderer Charakter
steht damit im Zusammenhange. Und das bewußte Wirken der einzelnen Menschen
ist keineswegs alles, womit man bei einer Familie, einem Stamme, Volke, einer
Rasse zu rechnen hat. Es gibt ein Familien-, Volks- (und so weiter) Schicksal, wie es
einen Familien-, Rassen- (und so weiter) Charakter gibt. Für den Menschen, der auf
seine Sinne beschränkt ist, bleiben diese Dinge allgemeine Begriffe, und der
materialistische Denker in seinem Vorurteil wird verächtlich auf den
Geheimwissenschafter herabsehen, wenn er hört, daß für diesen letzteren der
Familien- oder der Volkscharakter, das Stammes- oder Rassenschicksal ebenso
wirklichen Wesen zukommen, wie der Charakter und das Schicksal des einzelnen
Menschen einer wirklichen Persönlichkeit zukommen. Der Geheimwissenschafter
lernt eben höhere Welten kennen, von denen die einzelnen Persönlichkeiten ebenso
Glieder sind, wie Arme, Beine und Kopf Glieder des Menschen sind. Und in dem
Leben einer Familie, eines Volkes, einer Rasse wirken außer den einzelnen
Menschen auch die ganz wirklichen Familienseelen, Volksseelen, Rassengeister.
Ja, in einem gewissen Sinne sind die einzelnen Menschen nur die ausführenden
Organe dieser Familienseelen, Rassengeister und so weiter. In voller Wahrheit kann
man davon sprechen, daß sich zum Beispiel eine Volksseele des einzelnen zu ihrem
Volke gehörigen Menschen bedient, um gewisse Arbeiten auszuführen. Die
Volksseele steigt nicht bis zur sinnlichen Wirklichkeit herab. Sie wandelt in höheren
Welten. Und um in der physisch-sinnlichen Welt zu wirken, bedient sie sich der
physischen Organe des einzelnen Menschen. Es ist in einem höheren Sinne gerade
so, wie wenn sich ein Bautechniker zur Ausführung der Einzelheiten des Baues der
Arbeiter bedient. – Jeder Mensch erhält im wahrsten Sinne des Wortes seine Arbeit
von der Familien-, Volks- oder Rassenseele zugeteilt. Nun wird der Sinnesmensch
jedoch keineswegs in den höheren Plan seiner Arbeit eingeweiht. Er arbeitet
unbewußt an den Zielen der Volks-, Rassenseelen und so weiter mit. Von dem
Zeitpunkte an, wo der Geheimschüler dem Hüter der Schwelle begegnet, hat er
nicht bloß seine eigenen Aufgaben als Persönlichkeit zu kennen, sondern er muß
wissentlich mitarbeiten an denen seines Volkes, seiner Rasse. Jede Erweiterung
seines Gesichtskreises legt ihm unbedingt auch erweiterte Pflichten auf. Der
wirkliche Vorgang dabei ist der, daß der Geheimschüler seinem feineren
Seelenkörper einen neuen hinzufügt. Er zieht ein Kleid mehr an. Bisher schritt er
durch die Welt mit den Hüllen, welche seine Persönlichkeit einkleiden. Und was er
für seine Gemeinsamkeit, für sein Volk, seine Rasse und so weiter zu tun hatte,
dafür sorgten die höheren Geister, die sich seiner Persönlichkeit bedienten. – Eine
weitere Enthüllung, die ihm nun der «Hüter der Schwelle» macht, ist die, daß
fernerhin diese Geister ihre Hand von ihm abziehen werden. Er muß aus der
Gemeinsamkeit ganz heraustreten. Und er würde sich als Einzelner vollständig in
sich verhärten, er würde dem Verderben entgegengehen, wenn er nun nicht selbst
sich die Kräfte erwürbe, welche den Volks- und Rassengeistern eigen sind. – Zwar
werden viele Menschen sagen: «Oh, ich habe mich ganz frei gemacht von allen
Stammes- und Rassenzusammenhängen; ich will nur "Mensch" und "nichts als
Mensch" sein.» Ihnen muß man aber sagen: Wer hat dich zu dieser Freiheit
gebracht? Hat dich nicht deine Familie so hineingestellt in die Welt, wie du jetzt
darinnen stehst? Hat dich nicht dein Stamm, dein Volk, deine Rasse zu dem
gemacht, was du bist? Sie haben dich erzogen; und wenn du über alle Vorurteile
erhaben, einer der Lichtbringer und Wohltäter deines Stammes oder selbst deiner
Rasse bist, du verdankst das ihrer Erziehung. Ja, auch wenn du von dir sagst, du
seiest «nichts als Mensch»: selbst daß du so geworden bist, verdankst du den
Geistern deiner Gemeinschaften. – Erst der Geheimschüler lernt erkennen, was es
heißt, ganz verlassen sein von Volks-, Stammes-, Rassengeistern. Erst er erfährt an
sich selbst die Bedeutungslosigkeit aller solcher Erziehung für das Leben, das ihm
nun bevorsteht. Denn alles, was an ihm herangezogen ist, löst sich vollständig auf
durch das Zerreißen der Fäden zwischen Wille, Denken und Gefühl. Er blickt auf die
Ergebnisse aller bisherigen Erziehung zurück, wie man auf ein Haus blicken müßte,
das in seinen einzelnen Ziegelsteinen auseinanderbröckelt und das man nun in
neuer Form wieder aufbauen muß. Es ist wieder mehr als ein bloßes Sinnbild, wenn
man sagt: Nachdem der «Hüter der Schwelle» über seine ersten Forderungen sich
ausgesprochen hat, dann erhebt sich von dem Orte aus, an dem er steht, ein
Wirbelwind, der all die geistigen Leuchten zum Verlöschen bringt, die bisher den
Lebensweg erhellt haben. Und eine völlige Finsternis breitet sich vor dem
Geheimschüler aus. Sie wird nur unterbrochen von dem Schein, den der «Hüter der
Schwelle» selbst ausstrahlt. Und aus der Dunkelheit heraus ertönen seine weiteren
Ermahnungen: «Überschreite meine Schwelle nicht, bevor du dir klar bist, daß du
die Finsternis vor dir selbst durchleuchten wirst; tue auch nicht einen einzigen Schritt
vorwärts, wenn es dir nicht zur Gewißheit geworden ist, daß du Brennstoff genug in
deiner eigenen Lampe hast. Die Lampen von Führern, welche du bisher hattest,
werden dir in der Zukunft fehlen.» Nach diesen Worten hat der Schüler sich
umzuwenden und den Blick nach hinten zu wenden. Der «Hüter der Schwelle» zieht
nunmehr einen Vorhang hinweg, der bisher tiefe Lebensgeheimnisse verhüllt hat.
Die Stammes-, Volks- und Rassengeister werden in ihrer vollen Wirksamkeit
offenbar; und der Schüler sieht ebenso genau, wie er bisher geführt worden ist, als
ihm anderseits klar wird, daß er nunmehr diese Führerschaft nicht mehr haben wird.
Dies ist eine zweite Warnung, welche der Mensch an der Schwelle durch ihren Hüter
erlebt.
Unvorbereitet könnte den hier angedeuteten Anblick allerdings niemand ertragen;
aber die höhere Schulung, welche dem Menschen überhaupt möglich macht, bis zur
Schwelle vorzudringen, setzt ihn zugleich in die Lage, im entsprechenden
Augenblicke die notwendige Kraft zu finden. Ja, diese Schulung kann eine so
harmonische sein, daß dem Eintritt in das neue Leben jeder erregende oder
tumultuarische Charakter genommen wird. Dann wird für den Geheimschüler das
Erlebnis an der Schwelle von einem Vorgefühl jener Seligkeit begleitet sein, welche
den Grundton seines neu erwachten Lebens bilden wird. Die Empfindung der neuen
Freiheit wird alle anderen Gefühle überwiegen; und mit dieser Empfindung werden
ihm die neuen Pflichten und die neue Verantwortung wie etwas erscheinen, das der
Mensch auf einer Stufe des Lebens übernehmen muß.
LEBEN UND TOD - DER GROSSE HÜTER DER SCHWELLE
Es ist geschildert worden, wie bedeutsam für den Menschen die Begegnung mit
dem sogenannten kleineren Hüter der «Schwelle» dadurch ist, daß er in diesem ein
übersinnliches Wesen gewahr wird, das er gewissermaßen selbst hervorgebracht
hat. Der Leib dieses Wesens ist zusammengesetzt aus den ihm vorher unsichtbaren
Folgen seiner eigenen Handlungen, Gefühle und Gedanken. Aber diese
unsichtbaren Kräfte sind die Ursachen geworden seines Schicksals und seines
Charakters. Es wird nunmehr dem Menschen klar, wie er in der Vergangenheit
selbst die Grundlagen für seine Gegenwart gelegt hat. Sein Wesen steht dadurch
bis zu einem gewissen Grade offenbar vor ihm. Es sind zum Beispiel bestimmte
Neigungen und Gewohnheiten in ihm. Jetzt kann er sich klarmachen, warum er
diese hat. Gewisse Schicksalsschläge haben ihn getroffen; nun erkennt er, woher
diese kommen. Er wird gewahr, weshalb er das eine liebt, das andere haßt, warum
er durch dies oder jenes glücklich oder unglücklich ist. Das sichtbare Leben wird ihm
durch die unsichtbaren Ursachen verständlich. Auch die wesentlichen
Lebenstatsachen, Krankheit und Gesundheit, Tod und Geburt, entschleiern sich vor
seinen Blicken. Er merkt, daß er vor seiner Geburt die Ursachen gewoben hat, die
ihn notwendig wieder ins Leben hereinführen mußten. Er kennt nunmehr die
Wesenheit in sich, welche in dieser sichtbaren Welt aufgebaut ist auf eine
unvollkommene Art und die auch nur in derselben sichtbaren Welt ihrer
Vollkommenheit zugeführt werden kann. Denn in keiner anderen Welt gibt es eine
Gelegenheit, an dem Ausbau dieser Wesenheit zu arbeiten. Und ferner sieht er ein,
daß der Tod ihn zunächst nicht f;ir immer von dieser Welt trennen kann. Denn er
muß sich sagen: «Ich bin dereinst zum ersten Male in diese Welt gekommen, weil
ich damals ein solches Wesen war, welches das Leben in dieser Welt brauchte, um
sich Eigenschaften zu erwerben, die es sich in keiner anderen Welt hätte erwerben
können. Und ich muß so lange mit dieser Welt verbunden sein, bis ich alles in mir
entwickelt habe, was in ihr gewonnen werden kann. Ich werde dereinst nur dadurch
ein tauglicher Mitarbeiter in einer anderen Welt werden, daß ich mir in der sinnlich
sichtbaren alle die Fähigkeiten dazu erwerbe.» – Es gehört nämlich zu den
wichtigsten Erlebnissen des Eingeweihten, daß er die sinnlich sichtbare Natur in
ihrem wahren Werte besser kennen und schätzen lernt, als er dies vor seiner
Geistesschulung konnte. Diese Erkenntnis wird ihm gerade durch seinen Einblick in
die übersinnliche Welt. Wer einen solchen Einblick nicht getan hat und sich deshalb
vielleicht nur der Ahnung hingibt, daß die übersinnlichen Gebiete die unendlich
wertvolleren sind, der kann die sinnliche Welt unterschätzen. Wer aber diesen
Einblick getan hat, der weiß, daß er ohne die Erlebnisse in der sichtbaren
Wirklichkeit ganz ohnmächtig in der unsichtbaren wäre. Soll er in der letzteren leben,
so muß er Fähigkeiten und Werkzeuge zu diesem Leben haben. Die kann er sich
aber nur in der sichtbaren erwerben. Er wird geistig sehen müssen, wenn die
unsichtbare Welt für ihn bewußt werden soll. Aber diese Sehkraft für eine «höhere»
Welt wird durch die Erlebnisse in der «niederen» allmählich ausgebildet. Man kann
ebensowenig in einer geistigen Welt mit geistigen Augen geboren werden, wenn
man diese nicht in der sinnlichen sich gebildet hat, wie das Kind nicht mit
physischen Augen geboren werden könnte, wenn diese sich nicht im Mutterleibe
gebildet hätten.
Von diesem Gesichtspunkte aus wird man auch einsehen, warum die «Schwelle»
zur übersinnlichen Welt von einem «Hüter» bewacht wird. Es darf nämlich auf
keinen Fall dem Menschen ein wirklicher Einblick in jene Gebiete gestattet werden,
bevor er dazu die notwendigen Fähigkeiten erworben hat. Deshalb wird jedesmal
beim Tode, wenn der Mensch, noch unfähig zur Arbeit in einer anderen Welt, diese
betritt, der Schleier vorgezogen vor ihren Erlebnissen. Er soll sie erst erblicken,
wenn er ganz dazu reif geworden ist.
Betritt der Geheimschüler die übersinnliche Welt, dann erhält das Leben für ihn
einen ganz neuen Sinn, er sieht in der sinnlichen Welt den Keimboden für eine
höhere. Und in einem gewissen Sinne wird ihm diese «höhere» ohne die «niedere»
als eine mangelhafte erscheinen. Zwei Ausblicke eröffnen sich ihm. Der eine in die
Vergangenheit, der andere in die Zukunft. In eine Vergangenheit schaut er, in
welcher diese sinnliche Welt noch nicht war. Denn über das Vorurteil, daß die
übersinnliche Welt sich aus der sinnlichen entwickelt habe, ist er längst hinweg. Er
weiß, daß das Übersinnliche zuerst war und daß sich alles Sinnliche aus diesem
entwickelt habe. Er sieht, daß er selbst, bevor er zum ersten Male in diese sinnliche
Welt gekommen ist, einer übersinnlichen angehört hat. Aber diese einstige
übersinnliche Welt brauchte den Durchgang durch die sinnliche. Ihre
Weiterentwicklung wäre ohne diesen Durchgang nicht möglich gewesen. Erst wenn
sich innerhalb des sinnlichen Reiches Wesen entwickelt haben werden mit
entsprechenden Fähigkeiten, kann die übersinnliche wieder ihren Fortgang nehmen.
Und diese Wesenheiten sind die Menschen. Diese sind somit, so wie sie jetzt leben,
einer unvollkommenen Stufe des geistigen Daseins entsprungen und werden selbst
innerhalb derselben zu derjenigen Vollkommenheit geführt, durch die sie dann
tauglich sein werden zur Weiterarbeit an der höheren Welt. –Und hier knüpft der
Ausblick in die Zukunft an. Er weist auf eine höhere Stufe der übersinnlichen Welt. In
dieser werden die Früchte sein, die in der sinnlichen ausgebildet werden. Die
letztere als solche wird überwunden; ihre Ergebnisse aber einer höheren einverleibt
sein.
Damit ist das Verständnis gegeben für Krankheit und Tod in der sinnlichen Welt. Der
Tod ist nämlich nichts anderes als der Ausdruck dafür, daß die einstige
übersinnliche Welt an einem Punkte angekommen war, von dem aus sie durch sich
selbst nicht weitergehen konnte. Ein allgemeiner Tod wäre notwendig für sie
gewesen, wenn sie nicht einen neuen Lebenseinschlag erhalten hätte. Und so ist
dieses neue Leben zu einem Kampf gegen den allgemeinen Tod geworden. Aus
den Resten einer absterbenden, in sich erstarrenden Welt erblühten die Keime einer
neuen. Deshalb haben wir Sterben und Leben in der Welt. Und langsam gehen die
Dinge ineinander über. Die absterbenden Teile der alten Welt haften noch den
neuen Lebenskeimen an, die ja aus ihnen hervorgegangen sind. Den deutlichsten
Ausdruck findet das eben im Menschen. Er trägt als seine Hülle an sich, was sich
aus jener alten Welt erhalten hat; und innerhalb dieser Hülle bildet sich der Keim
jenes Wesens aus, das zukünftig leben wird. Er ist so ein Doppelwesen, ein
sterbliches und ein unsterbliches. Das Sterbliche ist in seinem End-, das
Unsterbliche in seinem Anfangszustand. Aber erst innerhalb dieser Doppelwelt, die
ihren Ausdruck in dem Sinnlich-Physischen findet, eignet er sich die Fähigkeiten
dazu an, die Welt der Unsterblichkeit zuzuführen. Ja, seine Aufgabe ist, aus dem
Sterblichen selbst die Früchte für das Unsterbliche herauszuholen. Blickt er also auf
sein Wesen, wie er es selbst in der Vergangenheit aufgebaut hat, so muß er sich
sagen: Ich habe in mir die Elemente einer absterbenden Welt. Sie arbeiten in mir,
und nur allmählich kann ich ihre Macht durch die neuauflebenden unsterblichen
brechen. So geht des Menschen Weg vom Tode zum Leben. Könnte er mit yollem
Bewußtsein in der Sterbestunde zu sich sprechen, so müßte er sich sagen: «Das
Sterbende war mein Lehrmeister. Daß ich sterbe, ist eine Wirkung der ganzen
Vergangenheit, mit der ich verwoben bin. Aber das Feld des Sterblichen hat mir die
Keime zum Unsterblichen gereift. Diese trage ich in eine andere Welt mit hinaus.
Wenn es bloß auf das Vergangene ankäme, dann hätte ich überhaupt niemals
geboren werden können. Das Leben des Vergangenen ist mit der Geburt
abgeschlossen. Das Leben im Sinnlichen ist durch den neuen Lebenskeim dem
allgemeinen Tode abgerungen. Die Zeit zwischen Geburt und Tod ist nur der
Ausdruck dafür, wieviel das neue Leben der absterbenden Vergangenheit abringen
konnte. Und die Krankheit ist nichts als die Fortwirkung der absterbenden Teile
dieser Vergangenheit.»
Aus all dem heraus findet die Frage ihre Antwort, warum der Mensch erst allmählich
sich aus Verirrung und Unvollkommenheit zu der Wahrheit und dem Guten
durcharbeitet. Seine Handlungen, Gefühle und Gedanken stehen zunächst unter der
Herrschaft des Vergehenden und Absterbenden. Aus diesem sind seine sinnlichphysischen
Organe herausgebildet. Daher sind diese Organe und alles, was sie
zunächst antreibt, selbst dem Vergehen geweiht. Nicht die Instinkte, Triebe,
Leidenschaften und so weiter und die zu ihnen gehörigen Organe stellen ein
Unvergängliches dar, sondern erst das wird unvergänglich sein, was als das Werk
dieser Organe erscheint. Erst wenn der Mensch aus dem Vergehenden alles
herausgearbeitet hat, was herauszuarbeiten ist, wird er die Grundlage abstreifen
können, aus welcher er herausgewachsen ist und die ihren Ausdruck in der
physisch-sinnlichen Welt findet.
So stellt der erste «Hüter der Schwelle» das Ebenbild des Menschen in seiner
Doppelnatur dar, aus Vergänglichem und Unvergänglichem gemischt. Und klar zeigt
sich an ihm, was noch fehlt bis zur Erreichung der hehren Lichtgestalt, welche
wieder die reine geistige Welt bewohnen kann.
Der Grad der Verstricktheit mit der physisch-sinnlichen Natur wird dem Menschen
durch den «Hüter der Schwelle» anschaulich. Diese Verstricktheit drückt sich
zunächst in dem Vorhandensein der Instinkte, Triebe, Begierden, egoistischen
Wünsche, in allen Formen des Eigennutzes und so weiter aus. Sie kommt dann in
der Angehörigkeit zu einer Rasse, einem Volke und so weiter zum Ausdruck. Denn
Völker und Rassen sind nur die verschiedenen Entwicklungsstufen zur reinen
Menschheit hin. Es steht eine Rasse, ein Volk um so höher, je vollkommener ihre
Angehörigen den reinen, idealen Menschheitstypus zum Ausdrucke bringen, je mehr
sie sich von dem physisch Vergänglichen zu dem übersinnlich Unvergänglichen
durchgearbeitet haben. Die Entwicklung des Menschen durch die
Wiederverkörperungen in immer höher stehenden Volks- und Rassenformen ist
daher ein Befreiungsprozeß. Zuletzt muß der Mensch in seiner harmonischen
Vollkommenheit erscheinen. – In einer ähnlichen Art ist der Durchgang durch immer
reinere sittliche und religiöse Anschauungsformen eine Vervollkommnung. Denn
jede sittliche Stufe enthält noch die Sucht nach dem Vergänglichen neben den
idealistischen Zukunftskeimen.
Nun erscheint in dem geschilderten «Hüter der Schwelle» nur das Ergebnis der
verflossenen Zeit. Und von den Zukunftskeimen ist nur dasjenige darinnen, was in
dieser verflossenen Zeit hineingewoben worden ist. Aber der Mensch muß in die
zukünftige übersinnliche Welt alles mitbringen, was er aus der Sinnenwelt
herausholen kann. Wollte er nur das mitbringen, was in sein Gegenbild bloß aus der
Vergangenheit hinein verwoben ist, so hätte er seine irdische Aufgabe nur teilweise
erfüllt. Deshalb gesellt sich nun zu dem «kleineren Hüter der Schwelle» nach einiger
Zeit der größere. Wieder soll in erzählender Form dargelegt werden, was sich als
Begegnung mit diesem zweiten «Hüter der Schwelle» abspielt.
Nachdem der Mensch erkannt hat, wovon er sich befreien muß, tritt ihm eine
erhabene Lichtgestalt in den Weg. Deren Schönheit zu beschreiben ist schwierig in
den Worten unserer Sprache. – Diese Begegnung findet statt, wenn sich die Organe
des Denkens, Fühlens und Wollens auch für den physischen Leib so weit
voneinander gelöst haben, daß die Regelung ihrer gegenseitigen Beziehungen nicht
mehr durch sie selbst, sondern durch das höhere Bewußtsein geschieht, das sich
nun ganz getrennt hat von den physischen Bedingungen. Die Organe des Denkens,
Fühlens und Wollens sind dann die Werkzeuge in der Gewalt der menschlichen
Seele geworden, die ihre Herrschaft über sie aus übersinnlichen Regionen ausübt. –
Dieser so aus allen sinnlichen Banden befreiten Seele tritt nun der zweite «Hüter der
Schwelle» entgegen und spricht etwa folgendes:
«Du hast dich losgelöst aus der Sinnenwelt. Dein Heimatrecht in der übersinnlichen
Welt ist erworben. Von hier aus kannst du nunmehr wirken. Du brauchst um
deinetwillen deine physische Leiblichkeit in gegenwärtiger Gestalt nicht mehr. Wolltest
du dir bloß die Fähigkeit erwerben, in dieser übersinnlichen Welt zu wohnen, du
brauchtest nicht mehr in die sinnliche zurückzukehren. Aber nun blicke auf mich. Sieh,
wie unermeßlich erhaben ich über all dem stehe, was du heute bereits aus dir gemacht
hast. Du bist zu der gegenwärtigen Stufe deiner Vollendung gekommen durch die
Fähigkeiten, welche du in der Sinnenwelt entwickeln konntest, solange du noch auf sie
angewiesen warst. Nun aber muß für dich eine Zeit beginnen, in welcher deine befreiten
Kräfte weiter an dieser Sinnenwelt arbeiten. Bisher hast du nur dich selbst erlöst, nun
kannst du als ein Befreiter alle deine Genossen in der Sinnenwelt mitbefreien. Als
einzelner hast du bis heute gestrebt; nun gliedere dich ein in das Ganze, damit du nicht
nur dich mitbringst in die übersinnliche Welt, sondern alles andere, was in der
sinnlichen vorhanden ist. Mit meiner Gestalt wirst du dich einst vereinigen können, aber
ich kann kein Seliger sein, solange es noch Unselige gibt! Als einzelner Befreiter
möchtest du immerhin schon heute in das Reich des Übersinnlichen eingehen. Dann
aber würdest du hinabschauen müssen auf die noch unerlösten Wesen der Sinnenwelt.
Und du hättest dein Schicksal von dem ihrigen getrennt. Aber ihr seid alle miteinander
verbunden. Ihr mußtet alle hinabsteigen in die Sinnenwelt, um aus ihr heraufzuholen die
Kräfte für eine höhere. Würdest du dich von ihnen trennen, so mißbrauchtest du die
Kräfte, die du doch nur in Gemeinschaft mit ihnen hast entwickeln können. Wären sie
nicht hinabgestiegen, so hättest es auch du nicht können; ohne sie fehlten dir die Kräfte
zu deinem übersinnlichen Dasein. Du mußt diese Kräfte, die du mit ihnen errungen
hast, auch mit ihnen teilen. Ich wehre dir daher den Einlaß in die höchsten Gebiete der
übersinnlichen Welt, solange du nicht alle deine erworbenen Kräfte zur Erlösung deiner
Mitwelt verwendet hast. Du magst mit dem schon Erlangten dich in den unteren
Gebieten der übersinnlichen Welt aufhalten; vor der Pforte zu den höheren stehe ich
aber und wehre dir
den Eintritt so lange, als du noch Kräfte hast, die unangewendet geblieben sind in der
sinnlichen Welt. Und willst du die deinigen nicht anwenden, so werden andere kommen,
die sie anwenden; dann wird eine hohe übersinnliche Welt alle Früchte der sinnlichen
aufnehmen; dir aber wird der Boden entzogen sein, mit dem du verwachsen warst. Die
geläuterte Welt wird sich über dich hinausentwickeln. Du wirst von ihr ausgeschlossen
sein. So ist dein Pfad der schwarze, jene aber, von welchen du dich gesondert hast,
gehen den weißen Pfad.»
So kündigt sich der «große Hüter» der Schwelle bald an, nachdem die Begegnung mit
dem ersten Wächter erfolgt ist. Der Eingeweihte weiß aber ganz genau, was ihm
bevorsteht, wenn er den Lockungen eines vorzeitigen Aufenthaltes in der
übersinnlichen Welt folgt. Ein unbeschreiblicher Glanz geht von dem zweiten Hüter der
Schwelle aus; die Vereinigung mit ihm steht als ein fernes Ziel vor der schauenden
Seele. Doch ebenso steht da die Gewißheit, daß diese Vereinigung erst möglich wird,
wenn der Eingeweihte alle Kräfte, die ihm aus dieser Welt zugeflossen sind, auch
aufgewendet hat im Dienste der Befreiung und Erlösung dieser Welt. Entschließt er
sich, den Forderungen der höheren Lichtgestalt zu folgen, dann wird er beitragen
können zur Befreiung des Menschengeschlechts. Er bringt seine Gaben dar auf dem
Opferaltar der Menschheit. Zieht er seine eigene vorzeitige Erhöhung in die
übersinnliche Welt vor, dann schreitet die Menschheitsströmung über ihn hinweg. Für
sich selbst kann er nach seiner Befreiung aus der Sinnenwelt keine neuen Kräfte mehr
gewinnen. Stellt er ihr seine Arbeit doch zur Verfügung, so geschieht es mit dem
Verzicht, aus der Stätte seines ferneren Wirkens selbst für sich noch etwas zu holen.
Man kann nur nicht sagen, es sei selbstverständlich, daß der Mensch den weißen Pfad
wählen werde, wenn er so vor die Entscheidung gestellt wird. Das hängt nämlich ganz
davon ab, ob er bei dieser Entscheidung schon so geläutert ist, daß keinerlei
Selbstsucht ihm die Lockungen der Seligkeit begehrenswert erscheinen läßt. Denn
diese Lockungen sind die denkbar größten. Und auf der anderen Seite sind eigentlich
gar keine besonderen Lockungen vorhanden. Hier spricht gar nichts zum Egoismus.
Was der Mensch in den höheren Regionen des Übersinnlichen erhalten wird, ist nichts,
was zu ihm kommt, sondern lediglich etwas, das von ihm ausgeht: die Liebe zu seiner
Mitwelt. Alles, was der Egoismus verlangt, wird nämlich durchaus nicht entbehrt auf
dem schwarzen Pfade. Im Gegenteil: die Früchte dieses Pfades sind gerade die
vollkommenste Befriedigung des Egoismus. Und will jemand nur für sich die Seligkeit,
so wird er ganz gewiß diesen schwarzen Pfad wandeln, denn er ist der für ihn
angemessene. – Es darf daher niemand von den Okkultisten des weißen Pfades
erwarten, daß sie ihm eine Anweisung zur Entwicklung des eigenen egoistischen Ich
geben werden. Für die Seligkeit des einzelnen haben sie nicht das allergeringste
Interesse. Die mag jeder für sich erreichen. Sie zu beschleunigen ist nicht die Aufgabe
der weißen Okkultisten. Diesen liegt lediglich an der Entwicklung und Befreiung aller
Wesen, die Menschen und Genossen des Menschen sind. Daher geben sie nur
Anweisungen, wie man seine Kräfte zur Mitarbeit an diesem Werke ausbilden kann. Sie
stellen daher die selbstlose Hingabe und Opferwilligkeit allen anderen Fähigkeiten
voran. Sie weisen niemand geradezu ab, denn auch der Egoistischste kann sich
läutern. Aber wer nur für sich etwas sucht, wird, solange er das tut, bei den Okkultisten
nichts finden. Selbst wenn diese ihm nicht ihre Hilfe entziehen; er, der Suchende,
entzieht sich den Früchten der Hilfeleistung. Wer daher wirklich den Anweisungen der
guten Geheimlehrer folgt, wird nach dem Übertreten der Schwelle die Forderungen des
großen Hüters verstehen; wer diesen Anweisungen aber nicht folgt, der darf auch gar
nicht hoffen, daß er je zur Schwelle durch sie kommen werde. Ihre Anweisungen führen
zum Guten oder aber zu gar nichts. Denn eine Führung zur egoistischen Seligkeit und
zum bloßen Leben in der übersinnlichen Welt liegt außerhalb der Grenzen ihrer
Aufgabe. Diese ist von vornherein so veranlagt, daß sie den Schüler so lange von der
überirdischen Welt femhält, bis dieser sie mit dem Willen zur hingebenden Mitarbeit
betritt.
Lebenslauf Rudolf Steiner`s
1861 Am 27. Februar wird Rudolf Steiner in Kraljevec (damals Österreich-Ungarn,
heute Kroatien) als Sohn eines Beamten der österreichischen Südbahn geboren.
Seine Eltern stammen aus Niederösterreich. Er verlebt seine Kindheit und Jugend an
verschiedenen Orten Österreichs.
1872 Besuch der Realschule in Wiener-Neustadt bis zum Abitur 1879.
1879 Studium an der Wiener Technischen Hochschule: Mathematik und
Naturwissenschaft, zugleich Literatur, Philosophie und Geschichte.
Grundlegendes Goethe-Studium.
1882 Erste schriftstellerische Tätigkeit.
1882-1897 Herausgabe von Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften
in Kürschners «Deutsche National-Litteratur», fünf Bände. Eine selbständige
Ausgabe der Einleitungen erschien 1925 unter dem Titel „Goethes
Naturwissenschaftliche Schriften“.
1884-1890 Privatlehrer bei einer Wiener Familie.
1886 Berufung zur Mitarbeit bei der Herausgabe der großen Goethe «Sophien-
Ausgabe» „Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung
mit besonderer Rücksicht auf Schiller“
1888 Herausgeber der «Deutschen Wochenschrift», Wien.
Vortrag im Wiener Goethe-Verein: Goethe als Vater einer neuen Ästhetik.
1890-1897 Weimar. Mitarbeit am Goethe- und Schiller-Archiv.
Herausgeber von Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften.
1891 Promotion zum Doktor der Philosophie an der Universität Rostock.
1892 erscheint die erweiterte Dissertation: „Wahrheit und Wissenschaft. Vorspiel
einer Philosophie der Freiheit“.
1894 „Die Philosophie der Freiheit. Grundzüge einer modernen Weltanschauung.
Seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode“.
1895 Friedrich Nietzsche. Ein Kämpfer gegen seine Zeit.
1897 Goethes Weltanschauung.
Übersiedlung nach Berlin. Herausgabe des «Magazin für Literatur» und der
«Dramaturgischen Blätter» zusammen mit O.E. Hartleben.
Wirksamkeit in der «Freien literarischen Gesellschaft», der «Freien dramatischen
Gesellschaft», im «Giordano Bruno-Bund», im Kreis der «Kommenden» u.a.
1899-1904 Lehrtätigkeit an der von W. Liebknecht gegründeten Berliner «Arbeiter-
Bildungsschule».
1900/01 Welt- und Lebensanschauungen im 19. Jahrhundert, 1914 erweitert zu: Die
Rätsel der Philosophie. Beginn der anthroposophischen Vortragstätigkeit auf
Einladung der Theosophischen Gesellschaft in Berlin. Die Mystik im Aufgange des
neuzeitlichen Geisteslebens.
1902-1912 Aufbau der Anthroposophie. Regelmäßige öffentliche Vortragstätigkeit in
Berlin und ausgedehnte Vortragsreisen in ganz Europa. Marie von Sivers (ab 1914
Marie Steiner) wird seine ständige Mitarbeiterin.
1902 Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums.
1903 Begründung und Herausgabe der Zeitschrift «Luzifer», später «Lucifer-
Gnosis».
1904 Theosophie. Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und
Menschenbestimmung.
1904/05 „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ „Aus der Akasha-
Chronik“. „Die Stufen der höheren Erkenntnis.“
1910 Die Geheimwissenschaft im Umriß.
1910-1913 In München werden die Vier Mysteriendramen uraufgeführt.
1911 Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit.
1912 Anthroposophischer Seelenkalender. Wochensprüche. Ein Weg zur
Selbsterkenntnis des Menschen.
1913 Trennung von der Theosophischen und Begründung der Anthroposophischen
Gesellschaft. Die Schwelle der geistigen Welt.
1913-1923 Errichtung des in Holz als Doppelkuppelbau gestalteten ersten
Goetheanum in Dornach/Schweiz.
1914-1923 Dornach und Berlin. In Vorträgen und Kursen in ganz Europa gibt Rudolf
Steiner Anregungen für eine Erneuerung auf vielen Lebensgebieten: Kunst,
Pädagogik, Naturwissenschaften, soziales Leben, Medizin, Theologie.
Weiterbildung der 1912 inaugurierten neuen Bewegungskunst «Eurythmie».
1914 Die Rätsel der Philosophie in ihrer Geschichte als Umriß dargestellt.
1916-1918 Vom Menschenrätsel. Von Seelenrätseln.
Goethes Geistesart in ihrer Offenbarung durch seinen «Faust» und durch das
«Märchen von der Schlange und der Lilie».
1919 Rudolf Steiner vertritt den Gedanken einer «Dreigliederung des sozialen
Organismus» in Aufsätzen und Vorträgen, vor allem im süddeutschen Raum. „Die
Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und
Zukunft. Aufsätze über die Dreigliederung des sozialen Organismus“.
Im Herbst wird in Stuttgart die «Freie Waldorfschule» begründet, die Rudolf Steiner
bis zu seinem Tode leitet.
1920 Beginnend mit dem Ersten anthroposophischen Hochschulkurs
finden im noch nicht vollendeten Goetheanum fortan regelmäßig
künstlerische und Vortragsveranstaltungen statt.
1921 Begründung der Wochenschrift «Das Goetheanum» mit regelmäßigen
Aufsätzen und Beiträgen Rudolf Steiners.
1922 Kosmologie, Religion und Philosophie.
In der Silvesternacht 1922/23 wird der Goetheanumbau durch Brand vernichtet.
Für einen neuen in Beton konzipierten Bau kann Rudolf Steiner in der Folge nur
noch ein erstes Außenmodell schaffen.
1923 Unausgesetzte Vortragstätigkeit, verbunden mit Reisen.
Zu Weihnachten 1923 Neubegründung der «Anthroposophischen Gesellschaft» als
«Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft» unter der Leitung Rudolf Steiners.
1923-1925 Rudolf Steiner schreibt in wöchentlichen Folgen seine unvollendet
gebliebene Selbstbiographie Mein Lebensgang sowie Anthroposophische Leitsätze,
und arbeitet mit Dr. Ita Wegman an dem Buch Grundlegendes für eine Erweiterung
der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen.
1924 Steigerung der Vortragstätigkeit. Daneben zahlreiche Fachkurse. Letzte
Vortragsreisen in Europa. Am 28. September letzte Ansprache zu den Mitgliedern.
Beginn des Krankenlagers.
1925 Am 30. März stirbt Rudolf Steiner in Dornach.